Einfach anziehend

  • Der Guide für alle, die Wegwerfmode satthaben
  • von Kirsten Brodde und Alf-Tobias Zahn
  • Oekom Verlag  Oktober 2018   www.oekom.de
  • Klappenbroschur
  • 144 Seiten
  • Format: 16,5 x 22,5 cm
  • ISBN 978-3-96238-054-0
  • 15,00 € (D), 15,50 € (A)

KLEIDUNG  FÜRS  LEBEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es gibt nichts Teureres als billig – dieser kluge Rat gilt nicht nur für Lebensmittel, Werk-zeuge, Möbel, Geschirr, Besteck, Schuhe usw. sondern auch für Textilien.

Das hochinformative Buch „Einfach anziehend“ von Kirsten Brodde und Alf-Tobias Zahn liefert nützliche Hinweise, wie man aufdringlicher Fast-Fashion entkommen kann, und überzeugende Argumente, warum man der nur scheinbar billigen Wegwerfmode wider-stehen sollte. Mit fundierter Materialkunde, Orientierung über glaubwürdige Textil- siegel, Hintergrundinformationen zu den mitwelt- und mitmenschschädlichen Neben- wirkungen der konventionellen Textilproduktion, anschaulicher Freude an eigenwilli- gem Kleidungsstil und zahlreichen Hinweisen auf einfallsreiche, kreative, nachhaltige Alternativen zur Massenware werden wir buchstäblich zu dem Stoff geführt, aus dem eine ökologische und fair produzierte sowie individuell-stilvolle Garderobe besteht.

Wußten Sie, daß jeder Deutsche im Jahr durchschnittlich 60 neue Kleidungsstücke kauft?

Wußten Sie, daß bei der Herstellung eines Kleidungsstücks bereits 25 % „Abfall“ übrig bleiben und namhafte Billig-Modemarken, aber auch Edelmarken alljährlich tonnen- weise unverkäufliche Ware verbrennen?

Wußten Sie, daß die Textilindustrie zwar Arbeitgeber für weltweit 75 Millionen Menschen ist, diese aber miserabel und keineswegs existenzsichernd bezahlt? Arbeit- nehmerrechte, Arbeitsschutzmaßnahmen und geregelte Arbeitszeiten kommen ebenfalls nicht vor.

Sie wollen noch mehr wissen? Nachfolgend liste ich nur noch drei Nebenwirkungen der massenhaften Billigmode auf:

Die Textilindustrie ist verantwortlich für 20 % der weltweiten Wasserverschmutzung und für den Einsatz von 1,7 Millionen Tonnen Farbstoffen und vielen weiteren Chemi- kalien. Die Herstellung einer einzigen Jeans beansprucht etwa 7.000 Liter Wasser.

Für den konventionellen Baumwollanbau kommen 16 % der weltweit genutzten Pestizide zum Einsatz.

Über 60 % der Stoffe enthalten Polyester. „Die billige Kunstfaser ist der große Treiber der Fast-Fashion-Industrie – und entpuppt sich als Desaster für die Ozeane. Denn Kleidungsstücke fusseln bei jeder Wäsche: eine einzige Fleecejacke kann bis zu einer Million Fasern pro Waschgang freisetzen, die dann in Flüsse und Meere gelangen.“
(Seite 13)

Und nun zum Hoffnungsschimmer: Es gibt inzwischen eine Menge kleiner Textilher-steller, die ökologisch und fair produzieren und eine große modische Geschmacks- und Designvielfalt aufweisen. Selbstverständlich hat diese Kleidung einen höheren Preis, da sowohl bei der Qualität der verarbeiteten Materialien als auch bei der Bezahlung der Näherinnen nicht gespart wird.

Bei einem konventionellen Kleidungsstück schlägt die Kalkulationsmarge für  die soge-nannte Konfektion, in der der Arbeitslohn enthalten ist, mit lediglich etwa 1,6 Prozent des Verkaufspreises zu Buche. Produziert man mit fairen Löhnen, dann muß diese Marge deutlich höher sein. Dafür bekommt man jedoch ein Textil, das langlebiger ist und meist problemlos recycelt werden kann.

Und wer sagt denn, daß Kleidung immer neu sein muß? Wie wäre es mit Kleidertausch unter Freunden und Freundinnen, mit Kleidung aus zweiter Hand, mit Selbernähen oder pfiffigen Ausbesserungen und kreativem Upcycling? In Berlin gibt es mit dem Verein „Bis es mir vom Leibe fällt“ ein Atelier für „den kreativen Umgang mit gebrauchten Textilien in einer reparaturbedürftigen Welt“ https://bisesmirvomleibefaellt.com/. Dort findet man interessante Anregungen, um aus alt neu zu machen.

Auch Modehersteller bieten Ausbesserungen an, so wie die deutsche Männermode-Firma Brainshirt, bei der man verschlissene Kragen und Manschetten austauschen lassen kann, um die Lebensdauer der Hemden zu verlängern.

Ja, sogar Leihkleidung ist inzwischen eine Alternative, um Abwechslung in den Klei- dungsstil zu bringen, ohne ein Mehr anzuhäufen. So kann man etwa bei »Kilenda«, »Kindoo« oder »Räubersachen« Kinderkleidung mieten. Erwachsene werden fündig bei »Kleiderei« oder »myonbelle.de«

Die Autoren regen dazu an, zunächst einmal den Inhalt des eigenen Kleiderschranks genau zu inspizieren und zu sortieren. Was nicht gefällt, nicht mehr paßt usw. wird wahlweise verschenkt, getauscht oder gespendet. Kleidungsstücke, die einer Ausbesser-ung bedürfen, werden entweder selbst oder vom Schneider des Vertrauens in Ordnung gebracht. Dies führt zu einem übersichtlichen, ja, bestenfalls sogar minimalistischen Kleiderschrankinhalt, der nur noch die Textilien enthält, die man auch wirklich anzieht und mag und die sich gut miteinander kombinieren lassen. Ergänzend bietet sich zudem eine Klamottenkur an: https://jetztrettenwirdiewelt.de/aktionen/klamottenkur/

Man sollte seinen eigenen Stil finden und kultivieren, um sich von flatterhaften Mode-diktaten zu befreien. Anstatt dem neuesten Trend nachzueifern, lohnt es sich, in Secondhand- und Vintage-Läden hochwertige, preisgünstige oder einfach originelle Kleidung zu finden. Und wenn es denn unbedingt etwas Neues sein soll, dann geht man dank der Informationen aus dem vorliegenden Buch wesentlich bewußter und textil- sachkundiger einkaufen und fällt nicht auf Wegwerfmode herein.

Seien Sie wählerisch in Hinsicht auf Qualität und ethischen Anspruch, und auch wenn Sie biologisch angebaute Naturfasern wählen, behalten Sie gleichwohl folgendes im Sinn: „Das umweltfreundlichste Kleidungsstück ist dasjenige, das ich schon seit zehn Jahren trage.“ (Seite 114)

Die Autoren listen die geläufigsten Textilfasern auf, beginnend mit Naturfasern (Baum-wolle, Leinen, Hanf, Wolle, Seide, Daunen), über Synthetikfasern (Polyester, Polyacryl, Polyamid, Elastan) und Cellulose-Regeneratfasern (Viskose, Modal, »EcoVero«, Lyocell, Bambusfaser) bis hin zu unterschiedlichen Recyclingfasern. Dabei erläutern sie Vor- und Nachteile, Trageeigenschaften, die ökologischen Konsequenzen sowie die mögliche oder unmögliche Wiederverwertbarkeit der jeweiligen Faser. Die Kombination von Natur- fasern mit Kunstfasern ist übrigens problematisch: Nur 1 % Elasthan erschwert die Wiederverwertung eines Stoffes bereits drastisch.

Interessante, vielversprechende neue Fasern werden ebenfalls vorgestellt – wie beispielsweise die aus Milchabfällen hergestellte Milchfaser »Qmilk«, »Orange Fiber«, die aus Schalen und Pressrückständen der Orangensaftproduktion erzeugt wird, und »Piñatex«, ein lederartiges Textilvlies aus gepreßten Ananasblattfasern.

Eine kurze Abschweifung zu Schmuck aus fair gehandelten Edelmetallen und Recycling-Gold und -Silber erweitert den Nachhaltigkeitsaspekt ganzheitlich auch um dekorative Accessoires.

Im umfangreichen Serviceteil von „Einfach anziehend“ finden sich zahlreiche Hinweise, Adressen und Links auf weiterführende Modeblogs, wissenswerte Dokumentationen, Kampagnen und Organisationen, Buchempfehlungen zum Thema Öko-Textilien und Minimalismus sowie eine deutschlandweite, nach Städtealphabet geordnete Adressenliste mit über 130 Geschäften, die sich auf nachhaltige Mode spezialisiert haben.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.oekom.de/nc/buecher/gesamtprogramm/buch/einfach-anziehend.html

Hier entlang zum Blog zum Buch:
https://www.einfach-anziehend.de/

Die Autoren:

»Kirsten Brodde ist Deutschlands profilierteste Kritikerin der Textilindustrie. Sie leitet die globale Detox-Kampagne von Greenpeace, die sich mit den Umweltschäden der über-hitzten Modebranche beschaäftigt. Ihr Buch „Saubere Sachen“ (2008) ist ein Standartwerk zum Thema Ökomode.«

»Alf-Tobias Zahn ist Blogger und arbeitet als Kommunikationsberater und Projektleiter bei „Studio GOOD Berlin“. Er bloggt und schreibt seit Jahren über Grüne Mode. In seinem Blog GROSS∆RTIG https://www.grossvrtig.de/ stellt er grüne Schätze mit Substanz und Stil vor.«

 

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Die Humusrevolution

  • Wie wir den Boden heilen,
  • das Klima retten und die
  • Ernährungswende schaffen
  • von Ute Scheub und Stefan Schwarzer
  • oekom Verlag Februar 2017   www.oekom.de
  • Klappenbroschur
  • 240 Seiten
  • Format: 14,8 cm x 22,5 cm
  • ISBN 978-3-86581-838-6
  • 19,95 e (D), 20,60 € (A)

DIE RETTUNG DER ERDE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wir leben auf der Erde und wir leben von der Erde. Der faszinierend komplexe Lebens-raum unter unseren Füßen mit seinen unzähligen Mikroorganismen, ökosystemischen Symbiosen und Wurzelpilzgeflechten ist die Grundlage unserer Ernährung. Von der fruchtbaren Humusschicht hängen die Lebenszyklen von Pflanzen, Tieren und Menschen ab. Sie erhöht zudem die Wasserspeicherkapazität der Erde – für jeden Prozentpunkt Zuwachs an Humusgehalt kann der Boden 16 Liter mehr Wasser pro Quadratmeter speichern. Die Humusschicht beträgt zwischen 15 und 20 Zentimetern – die Natur braucht hundert Jahre, um einen Zentimeter Humus aufzubauen.

Die industrielle Landwirtschaft, im folgenden „Agroindustrie“ genannt, zerstört durch Gift, Gülle, Gene, Monokulturen und großmaschinelles Umpflügen die Regenerations- fähigkeit der Erde und den Aufbau der lebenswichtigen Humusschicht. Entwaldung, Flächenversiegelung durch Straßen- und Siedlungsbau und weitgehend menschen- gemachte Bodenerosion tragen zusätzlich dazu bei, daß fruchtbare Erde schwindet.

Der Zusammenhang von Humus mit dem Klima besteht darin, daß Humus hauptsächlich aus Kohlenstoff besteht. Eine starke und intakte Humusschicht ist in der Lage, viel Kohlenstoff zu speichern und diesen Pflanzen zum Wachstum zur Verfügung zu stellen, und diese wiederum transportieren über ihre Wurzeln einen Teil davon langfristig in tieferen Bodenschichten.

»Kohlenstoff spielt für den Erhalt der Bodenfruchtbarkeit und eines gesunden Boden-lebens eine zentrale Rolle. Mit Humusaufbau kann man nicht nur das Klima positiv beeinflussen, sondern auch bessere Ernten erzielen, Hunger und Mangelernährung bekämpfen, unzählige sinnvolle Jobs schaffen. Man kann damit für gesunde Pflanzen, Tiere und Menschen sorgen, die Artenvielfalt mehren, die Wasserhaltefähigkeit der Böden und die Grundwasservorräte erhöhen sowie ganze Landschaften regenerieren.«
(Seite13/14)

Humusaufbau durch regenerative Agrikultur holt CO₂ aus der Atmosphäre und bringt es zurück in den Boden, wo es dringend gebraucht wird. Die Rekarbonisierung der Erde führt auf diesem Wege zur Dekarbonisierung der Luft. Eine globale regenerative Agrikultur in Verbindung mit regenerativer Energieerzeugung könnte bis zum Jahre 2050 »das atmosphärische CO₂-Niveau auf vorindustrielles Niveau drücken«.

Das erste Kapitel beginnt mit einer kleinen Geschichte des Ackerbaus von der Steinzeit bis heute und setzt sich fort in einer ausführlichen Beschreibung der in ökologischer und sozialer Hinsicht dramatisch-lebensfeindlichen Entwicklung der Landwirtschaft unter dem massiven Einfluß der Chemiekonzerne seit Mitte der 50er Jahre. Kunstdünger und Pestizide haben ihren wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Ursprung in der Entwicklung von Kriegswaffen. »Aus Verfahren zur Sprengstoffherstellung wurde Stickstoffdünger, aus Kampfgasen Pestizide und aus Panzern Traktoren. Wo der Krieg gegen Menschen aufhörte, begann der Krieg gegen die Natur und umgekehrt.«
(Seite 26)

Die ökosozialen Schäden dieser „Chemo-Therapie“ (»Deutschland ist das am meisten überdüngte Land der EU«) werden anschaulich dargestellt – vom Artenschwund bis zur Massentierhaltung mit seiner Stickstoffüberlastung durch die anfallenden Güllemengen und die damit verbundene Nitratbelastung des Trinkwassers, über die Verschwendung von Erdöl für die Produktion von Stickstoffdünger (»… laut Fraunhofer-Institut werden weltweit etwa 100 Millionen Tonnen Stickstoffdünger hergestellt was rund 200 Millionen Tonnen Erdöl erfordert und 1.000 Millionen Tonnen CO₂ produziert«), die Klimaschäd-lichkeit von Methan, Lachgas und weiterer Stickoxide, die als Neben- oder Abbau- produkt bei der Herstellung sowie dem Abbau von Kunstdünger entstehen, bis hin zu Bodenerosion und Kohlenstoffverlusten durch tiefes Pflügen, Bodenverdichtung und unterirdischem Sauerstoffmangel durch die Druckbelastung schwerer Landmaschinen sowie einer EU-Agrarpolitik, die Kleinbauern benachteiligt und und und – die Aufzählung ist noch lange nicht zu Ende, sprengt jedoch den Rahmen einer Buchbesprechung.

Konzentrieren wir uns auf die gefährlichste Nebenwirkung der Agroindustrie – die  Zerstörung des Bodenlebens und den damit verbundenen dramatischen Schwund der Humusschicht. Dem Kapitel des Schreckens der globalen Bodendegradation folgen fünf Kapitel mit hoffnungsvollen, erprobten Lösungen aus aller Welt und ein Kapitel mit der heiter-inspirierenden Vision einer geglückten Agrarwende hin zu regenerativer Agrikultur und der damit verbundenen Rettung der Erde.

Die Autoren reisen nach Zürich und besuchen Hans Herren, den preisgekrönten Insekten-forscher und Gründer der Stiftung Biovision www.biovision.ch, der das „Push and Pull“-Prinzip entdeckte und in Kenia zur Anwendung brachte: »Über 100.000 kleinbäuerliche Familien können nun ihre Maisernte verdoppeln und verdreifachen, indem sie Desmodium in ihren Maisfeldern anbauen. Das Bohnengewächs verdrängt durch kräftige Wurzeln das Striga-Unkraut und wehrt den maisfressenden Stängel- bohrer durch seinen Geruch ab (Push) Das Insekt flüchtet auf das Elefantengras, das rund ums Feld gepflanzt wird, seine Larven bleiben dort kleben (Pull). Die nahrhaften Pflanzen werden ans Vieh verfüttert, das wiederum mehr Milch gibt.« (Seite 72)

In Mittelamerika praktizieren Kleinbauern und Gärtner schon seit jeher sogenannte „Milpas“: »Pflanzengemeinschaften, bei denen Mais, Bohnen und Kürbis in einem Beet wachsen und voneinander profitieren: Bohnen nutzen den Mais zum Ranken; Mais profitiert vom Stickstoff der Bohnen; Kürbisse bedecken und schützen den Boden.« (Seite 64)

Von Charles und Perrine Hervé-Gruyer www.fermedubec.com , die ihre Mikrofarm Bec Hellouin biointensiv mit Permakultur, Marktbeeten und kleinteiligen Mischkulturen erfolgreich und fruchtbar in Handarbeit beackern, über die Chinesin Yin Yuzhen, die gemeinsam mit ihrem Mann seit 40 Jahren mehr als 300.000 Bäume in der Ordos-Wüste gepflanzt hat, so daß der Regen zurückkam und auf kleinen Flächen im Schatten der Bäume wieder Gemüse gedeiht, bis zur Permakulturlandschaft der Ökodorfgemein- schaft Schloß Tempelhof und dem Holistischen Weidemanagement von Allan Savory (Simbabwe) oder Joel Salatin (USA) mit seiner Rinderfarm Polyface, auf deren Weide-wiesen mindestens 40 verschiedene Pflanzenarten wachsen und gedeihen – weltweit gibt es viele regenerative Anbaumethoden, die mit der Natur kooperieren, und eigenwillige, naturverbundene Pioniere, die gesunde Lebensmittel produzieren und gleichzeitig den Boden mit Humus anreichern und die Vielfaltisierung fördern.

Grafik aus: Eckhard Jedicke, 1993 „Im Boden steckt Leben: Allein die obersten 30 Zentimeter enthalten Milliarden Organismen – die meisten davon sind für uns unsichtbar.“

Die Palette menschenmöglichen, lebensdienlichen Handelns ist groß: Biointensivkulturen, Bodenbedeckung, Beisaaten, Gründüngung, Holistisches Weidemanagement, Kreislaufwirtschaft, Permakultur, pfluglose Bodenbearbeitung, Mischkulturen, Zwischensaaten, Terra Petra, Urbanes Gärtnern, Waldgärten, Regenwasserableitung in den Boden statt in die Kanalisation, Symbiotische Landwirtschaft, Wasserrückhaltelandschaften, Wassersammelsysteme, Wüstenbegrünung, Reaktivierung der Allmenden …

Ein Kapitel widmet sich ganz der regenerativen Bodenpflege. Nach einer amüsant-informativen „Modenschau der Bodenlebewesen“ – Biodiversität beginnt bereits im Boden – erlesen wir die elementare Bedeutung einer guten Durchwurzelung, da diese nicht nur eine bessere Pflanzenernährung, sondern auch Schutz vor Bodenverdichtung und Erosion bedeutet und der Humusbildung dient. Zur Durchwurzelung gehören die Mykorrhizapilze, die unterirdisch Nährstoffe zu den Wurzeln transportieren und über ihr ausgedehntes Pilzfädengeflecht (in 20 g humusreichem Boden befinden sich ein Kilometer Pilzfäden) die Bodenpartikel miteinander verbinden.

 

Foto: Hans-Peter Schmidt © Mykorrhiza-Wurzeln

Vorgestellt werden zudem zahlreiche Initiativen, die sich für eine Agrarwende einsetzen. Sie propagieren und praktizieren an lokale Bedingungen angepaßte, teilweise uralte Anbau- und Bodenbelebungsmethoden und fördern, forschen, erproben und ergänzen sie mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und praktischen Erfahrungen. Außerdem leisten sie Aufklärungsarbeit und stellen politische Forderungen für eine Agrarwende und die „Humusrevolution“. Nachfolgend nur eine kleine Auswahl als Kostprobe:

Biovision (Stiftung von Hans Herrenwww.biovision.ch
Humusaufbauinitiative 4pour1000     www.4p1000.org
Permakultur-Institut   www.permakultur-institut.de
Regeneration international   www.regenerationinternational.org
Save Our Soils (EU-weite Bodenkampagne)   www.saveoursoils.com/de
Via campesina (globales Bündnis kleinbäuerlicher Betriebe)   www.viacapesina.org
Wir haben es satt    www.wir-haben-es-satt.de
Zukunftsstiftung Landwirtschaft    www.zukunftstiftung-landwirtschaft.de

Eine abschließende übersichtliche, stichwortartige Auflistung grundlegender Handlungs- und Forderungsempfehlungen vom Lokalen bis zum Globalen sowie viele nützliche Linkhinweise laden jeden dazu ein, seine persönliche Mitwirkungsmacht bewußt wahrzunehmen und entsprechend zu handeln. Jedes Kapitel enthält eine Doppelseite mit anregend-anschaulichen Praxistipps für den Garten, und damit schließt sich ebenfalls der Kreis vom lokalen Handlungsspielraum bis zum globalen Einfluß.

„Die Humusrevolution“ bietet ein weltenweites, wissenswertvolles Füllhorn einfacher, ganzheitlicher, nachhaltiger Lösungen für die Regeneration der Erde und der Wasserkreisläufe. Die beeindruckend große Vielfalt der konstruktiven und komplexen Landbelebungsmöglichkeiten, die in diesem Buch vorgestellt werden, sind erfreulich und sehr ermutigend – so wird Hoffnung genährt.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.oekom.de/nc/buecher/gesamtprogramm/buch/die-humusrevolution.html

Und zum Manifest „Regeneration ist möglich“:
https://www.oekom.de/fileadmin/user_upload/Manifest_Die_Humusrevolution.pdf

 

Grafik: Conservation Research Institute „Wiesenpflanzen haben unterscheidlich lange Wurzeln, hier ein Beispiel aus den USA. Im Gegensatz zu den metertiefen Wurzeln der natürlichen Wiesenvegetation sind die des ausgesäten Futtergrases (Poa pratensis) gerade mal wenige Zentimeter kurz (im Bild ganz links).“

Die Autoren:

»Ute Scheub ist promovierte Politikwissenschaftlerin und Publizistin, sie lebt mit ihrer Familie in Berlin. Die mehrfach mit Preisen ausgezeichnete taz-Mitbegründerin hat bisher 17 Bücher vor allem zu friedens-, frauen- und umweltpolitischen Themen veröffentlicht, darunter „Terra Petra – die schwarze Revolution aus dem Regenwald“ https://www.oekom.de/nc/buecher/gesamtprogramm/buch/terra-preta-die-schwarze-revolution-aus-dem-regenwald-erweiterte-neuauflage-1.html und „Glücksökonomie“  https://www.oekom.de/nc/buecher/gesamtprogramm/buch/gluecksoekonomie.html «

»Stefan Schwarzer ist Physischer Geograf und Permakultur-Designer. Er arbeitet seit 2000 für das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) in Genf, wo er sich mit  globalen Umweltthemen beschäftigt. Die Verbindung globaler Ziele mit lokalen Handlungen, vor allem in Form von einer aufbauenden Landwirtschaft in Anlehnung an die Permakultur, ist eines seiner Hauptanliegen. Er lebt seit Ende 2012 in der Lebensgemeinschaft Schloss Tempelhof.«

Querverweis:

Ergänzende und vertiefende Informationen bezüglich der Lebensfeindlichkeit der Agroindustrie finden sich in Ute Scheubs Buch »Ackergifte – Nein Danke! Für eine enkeltaugliche Landwirtschaft«:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/12/ackergifte-nein-danke/
Ergänzend zum lebhaften Bodenleben fügt sich das Buch von Amy Stewart ein:
»Der Regenwurm ist immer der Gärtner«:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/05/23/der-regenwurm-ist-immer-der-gaertner/

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

Der Regenwurm ist immer der Gärtner

  • von Amy Stewart
  • Aus dem Amerikanischen von Eva Leipprand
  • Originaltitel: »The Earth moved. ©2004
  • On the remarkable Achievements of Earthworms«
  • Deutsche Ausgabe: oekom Verlag  August 2015        http://www.oekom.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 248 Seiten
  • 19,95 € (D)
  • ISBN 978-3-86581-731-0
    Der Regenwurm ist immer der Gärtner

W U R M W U N D E R

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Amy Stewart hat schon mehrere unterhaltsam-naturerkundliche Sachbücher geschrieben, nach „Gemeine Gewächse“ und „Gemeines Getier“ (siehe meine Besprechungen:  https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/04/07/gemeine-gewaechse/   und https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/04/11/gemeines-getier/ ) widmet sie sich im vorliegenden Buch den Regenwürmern und Kompostwürmern.

Darf ich vorstellen? Lumbricus terrestris, der Gemeine Regenwurm, und Eisensia fetida, der Kompostwurm. Diese beiden Würmer gehören zur Klasse der Oligochaeta, und sie spielen ihre stille und gleichwohl zutiefst weltbewegende Rolle schon sehr lange auf Erden bzw. in der Erde. Der Regenwurm lebt unterirdisch und kommt nur an die Oberfläche, um abgestorbene Pflanzenteile zu „ernten“, während der Kompostwurm oberirdisch in der Streuschicht aus verrottenden organischen Abfällen zu Hause ist. 

Die Autorin hatte sich einen Wurmkomposter zugelegt, um ihre Küchenabfälle nachhaltig zu entsorgen und dabei Komposterde für ihren Garten zu gewinnen. Bei der Betrachtung ihrer fleißig-gefräßigen Helferlein erwachte ihr Interesse an den terrestrischen Würmern.
So folgte  der handfesten Gartenpraxis die theoretische Erforschung des Wissens über Erdwürmer.

Bereits Charles Darwin hatte ausgiebig und mit akribisch-hingebungsvollen Versuchsanordnungen Regenwürmer erforscht und ihre immense Bedeutung für die Fruchtbarkeit des Ackerbodens erkannt. Sein letztes Buch „Die Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Würmer, mit Beobachtungen zu ihren Gewohnheiten“ erschien im Jahre 1881. Darwin schlußfolgerte korrekt, daß die Regenwürmer über eine kollektive Stärke verfügen, und er schätzte, daß ein halber Hektar Land mehr als 50 000 Würmer beherbergen könne. Inzwischen wissen wir, daß diese Zahl bei einer Million liegen kann.

Regenwürmer haben keine Augen und keine Lungen, sie haben Lichtrezeptoren in ihrer Haut, und sie atmen auch durch ihre Haut. Deshalb kommen sie bei starkem Regen, wenn sich ihre unterirdischen Gänge mit Wasser füllen, an die Erdoberfläche, um nicht zu ersticken. Nachts ziehen sich Regenwürmer pflanzliche Abfälle (z.B. Blätter, Halme, Tannennadeln) in ihre Röhren und verspeisen sie. Während sie sich durch den Erdboden graben, fressen sie auch Ton- und Sandpartikel und winzige vermodernde organische Substanzen. Das Endprodukt ihrer Verdauung ist der fruchtbare und feinstkörnige Wurmhumus, den man oberirdisch am Ausgang ihrer Wurmgänge als kleine spaghettiähnlich geringelte Erdhäufchen finden kann.

Wie ein Miniaturpflug bearbeiten die Regenwürmer den Boden und belüften ihn. „Sie modifizieren die Zusammensetzung der Erde, sie erhöhen ihre Fähigkeit, Wasser zu absorbieren und zu halten, und sie bewirken einen Zuwachs an Nährstoffen und Mikroorganismen.“ (Seite 24)

„Der Boden – und mit ihm der Regenwurm, der in ihm wohnt – ist selbst eine Feldfrucht, die man wie einen Rettich oder eine Tulpe kultivieren kann: indem man sorgfältig auf seine besonderen Bedürfnisse und Gewohnheiten achtet. Ich kam allmählich zu der Überzeugung, Regenwürmer könnten von allen Feldfrüchten, die ich anbaue, sogar die wichtigsten sein.“ (Seite 167)

Regenwürmer haben ein außergewöhnliches Regenerationsvermögen, und sie können verlorene Muskel- und Darmsegmente neu bilden. Die Experimente, die Wissenschaftler  dazu  angestellt haben, finde ich allerdings sehr unerfreulich.

Es gibt Riesenregenwürmer, die im amerikanischen Präriegrasland heimisch sind. Sie werden sechzig Zentimeter lang und duften nach Lilien. Doch Verstädterung und landwirtschaftliche Nutzung vertreiben diese an ungestörte Böden angepaßten, empfindlichen Würmer, und es sind schon lange keine mehr gesichtet worden.

Amy Stewarts Recherchen führten sie auch nach Australien zum weltweit einzigen Wurmmuseum und zum Gippsland-Regenwurm, der einen Meter lang werden kann und der gurgelnde Geräusche von sich gibt, wenn er sich gestört fühlt und in tieferen Röhrengängen Schutz sucht.

Regenwürmer werden heutzutage außerdem als Bioindikatoren in schadstoffbelasteten Böden eingesetzt. Die Messung der Schadstoffkonzentration im Regenwurmgewebe erlaubt Rückschlüsse auf die kumulative und kombinatorische Wirkung von Giftstoffen. Es wird auch daran geforscht, inwieweit man Würmer zum Abbau von Giften (z.B. PCB) nutzen kann.

Die Autorin berichtet von einer Abwasserkläranlage in Florida, in der Kompostwürmer innerhalb von sechs Tagen bakterienbelasteten Klärschlamm zu einem Biofeststoff der Qualitätsklasse A umwandeln, der bedenkenlos für landwirtschaftliche Nutzungen geeignet ist. Die komplexen Möglichkeiten, Würmer (und Mikroorganismen) in die Entgiftung und „Wiederbelebung“ menschlicher Abfälle einzubeziehen, werden verstärkt  entdeckt, ausprobiert und weiterentwickelt. Man könnte auch sagen, daß die Menschen inzwischen beginnen, „Würmer zu domestizieren“. (Seite 199)

Amy Stewart hat mit Begeisterung und Leidenschaft ein informatives Plädoyer für den Regenwurm geschrieben. Wenn sie von ihren eigenen Beobachtungen und handzarten Wurmerfahrungen erzählt, Darwin bewundernd zitiert und uns neueres Wurmwissen wohlportioniert „vorkaut“,  bringt sie uns nicht nur den Regenwurm näher, sondern sie eröffnet auch eine Perspektive, die in die Erde hineinschaut und uns demütiger werden läßt, angesichts des zwar meist unsichtbaren, aber doch sehr, sehr wirkungsvollen, lebensdienlichen Wirkens, das dort geschieht.

Tun wir also das Naheliegende und tragen unser Scherflein bei, z.B. indem wir genügend organisches Material in unserem Garten liegenlassen, um die Regenwürmer und Kompostwürmer zu füttern, die dann den Boden füttern, der dann die Pflanzen füttert, die wiederum uns füttern … Ist doch ganz einfach und hat sich bei den Regenwürmern schon seit Jahrmillionen bewährt.

Hier geht es zum Buch auf der Verlagswebseite des oekom Verlages:
http://www.oekom.de/nc/buecher/gesamtprogramm/buch/der-regenwurm-ist-immer-der-gaertner.html#0

Die Autorin:

»Amy Stewart ist Autorin mehrerer preisgekrönter Bücher über die Tücken und Freuden der Natur. Sie schreibt für die New York Times und ist Redakteurin für das Magazin Fine Gardening. Amy Stewart lebt in Eureka, Kalifornien, wo sie zusammen mit ihrem Mann ein Antiquariat betreibt und eine Horde Hühner hält.«

Querverweise:

Eine sinnvolle Ergänzung zum Wissen über Regenwürmer und ihren wertvollen Dienst für die Fruchtbarkeit des Erdbodens ist das Buch: Ackergifte? Nein danke! Für eine enkeltaugliche Landwirtschaft“ von Ute Scheub:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/12/ackergifte-nein-danke/

Für kindliche Regenwurmfreunde empfiehlt sich außerdem Antje Damms Leseanfängerbuch: Regenwurmtage:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/05/10/regenwurmtage/

Hier geht es zu den anderen beiden Büchern von Amy Stewart, die ich bereits besprochen habe:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/04/07/gemeine-gewaechse/
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/04/11/gemeines-getier/

PS:

Und hier gibt es ein ganz junges Wurmunternehmen (WormUp), das ich gerade auf UTOPIA entdeckt habe:

https://utopia.de/kompostieren-wuermer-haushalt-19132/?utm_source=Utopia+Newsletter&utm_campaign=f6f8c5f670-Newsletter_Mo_16KW21&utm_medium=email&utm_term=0_b26f88423e-f6f8c5f670-261731369

Wissenswert, sehenswert, nachhaltig und habenswert:   http://www.wormup.ch/#crowdfunding

»Nie mehr organische Abfälle in deinem Kehrrichtsack. Der WORMUP-Komposter ganz aus natürlichen Materialien zum recyceln bei dir Zuhause.
Der WORMUP Komposter ist aus Ton, rund und besteht aus drei separaten Kompostier-Etagen, einem Boden- und einem Deckelelement. Er ist 35cm hoch, und hat einen Durchmessers von ø 40cm. In diesem System zersetzen die Regenwürmer bis zu 1,5kg organische Abfälle pro Woche. «
Vertiefende Infos unter :  https://wemakeit.com/projects/the-fine-art-of-composting

Wurmkomposter 1

Wurmkomposter 2

 

Wurmkomposter Innenansicht

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