Little Bee

  • von Chris Cleave
  • Deutsch von Susanne Goga-Klinkenberg
  • Neuausgabe April 2014, dtv Verlag                               www.dtv.de
  • 475 Seiten
  • 10,00 €
  • ISBN 978-3-423-21907-5
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KEIN  ZUCKERSCHLECKEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Zur Einstimmung ein Zitat :

„Noch ein paar wenige Atemzüge, dann werde ich traurige Worte zu euch sprechen. Aber ihr müsst damit ebenso umgehen wie mit den Narben. Traurige Worte sind auch eine Form von Schönheit. Eine traurige Geschichte bedeutet, die Erzählerin ist am Leben. Ehe ihr euch verseht, wird ihr etwas Schönes passieren, etwas Wunderbares, und dann wird sie sich umdrehen und lächeln.“
(Little Bee, Seite 23)

Dieses bemerkenswerte Buch geht nicht bloß unter die Haut, es trifft mitten ins Herz!

Stellen Sie sich vor, es klopft an Ihre Türe, und plötzlich ist nicht Ihr abstraktes Mitgefühl angesprochen, das Sie vielleicht bei Nachrichtensendungen empfinden und dann schnell wieder verdrängen, weil das Leid auf der Welt einfach zu groß und überwältigend ist, nein: Da steht leibhaftig ein Flüchtlingskind auf Ihrer Schwelle und hofft auf Ihre konkrete Hilfe. Dies geschieht in diesem Roman der Journalistin Sarah mit Little Bee.

Nkiruka liebte Musik, und jetzt begriff ich, dass sie recht hatte, weil das Leben kurz ist und man zu Nachrichten nicht tanzen kann.“ (Seite 244)

So erinnert sich die 16-jährige Little Bee an ihre ältere Schwester Nkiruka und an die friedliche Zeit in ihrem Dorf in Nigeria, als jede Familie ein Aufziehradio geschenkt bekommen hatte. Später (im Jahr 2005) „kamen die Männer“ und töteten fast alle Dorfbewohner, denn sie waren den Interessen ölfördernder Unternehmen im Weg (Nigeria ist – laut Chris Cleaves Nachwort zum Roman – der achtgrößte Ölexporteur der Welt). Little Bee und ihre Schwester fliehen, und sie werden gnadenlos gejagt, denn Augenzeugen sind nicht erwünscht.

Das Schicksal führt sie in die Nähe eines Hotelstrandes. Ein Journalistenehepaar macht dort gerade Urlaub; beim Strandspaziergang begegnen sie den beiden Mädchen, die sich schutzsuchend an sie wenden. Sarah und ihr Ehemann sehen sich von einem Augenblick auf den anderen mit der grausamen Wirklichkeit des Bürgerkrieges konfrontiert.

Die Jäger der Mädchen lassen sich von zwei weißen Touristen nicht beeindrucken, das angebotene Geld nehmen sie amüsiert an, aber um das Leben der Mädchen zu „erkaufen“, verlangt ihr Anführer ein größeres, blutiges Opfer. Andrew, Sarahs Ehemann, ist nicht bereit dieses Opfer zu bringen, Sarah hingegen doch. Danach bestimmt der Anführer der Verfolger, daß nun nur Little Bees Leben gerettet sei. Dennoch nehmen die Jäger beide Mädchen mit.

Sarah und Andrew kehren nach England zurück. Andrew wird depressiv, und Sarah konzentriert sich auf ihren kleinen Sohn Charlie, auf ihre Arbeit als Chefredakteurin eines Frauenmagazins und auf ihre Affäre mit Lawrence.

Little Bee überlebt und schmuggelt sich auf einem Teetransportschiff nach England. Dort landet sie sofort in einem Abschiebegefängnis. Nach zwei Jahren, die Little Bee damit verbracht hat, ihre englischen Sprachkenntnisse zu verfeinern, trotz ihrer extrem traumatischen Erfahrungen zu überleben und sich nicht das Leben zu nehmen, wird sie dank eines Computertippfehlers zusammen mit drei weiteren Flüchtlingsmädchen illegal aus der Haft entlassen.

Tapfer sucht sie die einzige Adresse auf, die sie in England kennt, und steht schließlich vor Sarahs Haustür. Nach dem Schock des unerwarteten Wiedersehens und anfänglichem Zögern ist Sarah jedoch wild entschlossen, Little Bees Leben ein weiteres Mal zu retten. Sie krempelt ihr eigenes Leben radikal um, plant ein Buch über die menschenrechtliche Situation in Nigeria und hofft, daß es ihr gelingt, Little Bees illegalen Status zu legalisieren.

Die Geschichte von Little Bee und Sarah ist fiktiv, aber sie erscheint überaus lebensecht, schonungslos unbequem, schmerzhaft realistisch und nachhaltig aufwühlend. Ein Einzelschicksal ist anschaulicher und weckt mehr Anteilnahme als eine Menschenmasse, in der Individualität unsichtbar wird.

Die zweistimmige Erzählkonstruktion ermöglicht differenzierte, eindringliche und kontrastreiche Perspektiven: Little Bee und Sarah berichten immer abwechselnd aus ihrem Leben, aus ihren Welten und von ihren Begegnungen miteinander.

Little Bee ist trotz ihrer grausamen Lebenserfahrung und Verletzlichkeit voller Mitgefühl, sie hat Humor und ist für ihr zartes Alter von 16 Jahren ausgesprochen „frühweise“. Sie stellt sich oft vor, wie kompliziert und mißverständlich es wäre, die – für uns ganz alltäglichen -Lebensbedingungen und Seltsamkeiten der Ersten Welt den Mädchen aus ihrem Dorf zu erklären. So dient in England z.B. Holz als dekorativer Bodenbelag und nicht als Brennmaterial, und Frauen stellen stolz ihre nackten Brüste in Zeitschriften aus, aber auf der Straße verhüllen sie sich schamhaft.

Sarahs Probleme sind – verglichen mit denen Little Bees – luxuriös: Ihre Ehe kriselt, sie zweifelt am Sinn ihrer journalistischen Arbeit, sie sorgt sich um ihren kleinen Sohn. Natürlich haben diese zwischenmenschlichen Themen einen lebenswichtigen Stellenwert, aber sie spielen sich in einem demokratischen und sozialen Bezugsrahmen ab, in dem es selbstverständlich ist, über ein grundsätzliches Lebensrecht und ein gewisses Maß an Selbstbestimmung zu verfügen.

Von solch einer zivilgesellschaftlichen Freiheit und Sicherheit kann Little Bee nur träumen. Sollte sie in ihr Heimatland zurückgeschickt werden, sind ihr nur Tod oder Gefängnis sicher.

Ich spürte, dass mein Herz leicht davonflog wie ein Schmetterling, und dachte, ja, das ist es, etwas in mir hat überlebt, etwas, das nicht mehr weglaufen muss, weil es mehr wert ist als alles Geld der Welt, und seine Währung, sein wahres Zuhause, ist das Leben. Nicht nur das Leben in diesem oder jenem Land, sondern das geheime, unwiderstehliche Herz des Lebens.“ (Seite 466)

Das kurze Leben und das große Herz von Little Bee wird man nach dieser Lektüre lange nicht vergessen.

 

Der Autor:

»Chris Cleave schreibt für den englischen „Guardian“ und lebt mit seiner Familie in London. Er hat u.a. als Barmann, Hochseematrose und Journalist gearbeitet, Meeresnavigation unterrichtet und eine Internetfirma aufgezogen. Sein Roman „Little Bee“, erschienen in 23 Ländern, wurde ein internationaler Bestseller und für zahlreiche Preise nominiert.«

http://www.chriscleave.com

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Der Bücherschnapp

  • Jeder braucht eine Gutenachtgeschichte
  • Bilderbuch von Helen Docherty (Text) und
  • Thomas Docherty (Illustration)
  • Deutsch von Dorothee Haentjes-Holländer
  • Ellermann Verlag, Januar 2014     http://www.ellermann.de
  • gebunden, Format 25 x 27,5 cm
  • 32 Seiten
  • 12,95 €
  • ISBN 978-3-7707-4500-5
  • ab 4 Jahren

BÜCHERGEBORGENHEIT  FÜR  ALLE

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der nächtliche Wald in diesem Bilderbuch wird erleuchtet von behaglichen Einblicken in vorbildliche Vorleseinterieurs: Hasen, Kaninchen, Dachse, Igel, Eulen, Mäuse und Eichhörnchen lesen ihren Kindern Gutenachtgeschichten vor, und in jeder Baum- oder Erdhöhle befindet sich ein gut- und buntbestücktes Bücherregal.

Jedoch wird die buchstäbliche Harmonie im Kaninchental empfindlich gestört, als ein geheimnisvoller Dieb nach und nach immer mehr Bücher stiehlt. Schon keimen Angst und Mißtrauen im waldigen Tal.

Elisa Braun, ein Hasenkind, beschließt, den Dieb zu fangen. Sie stapelt ein Bücher- türmchen als Köder in ihrem Zimmer auf und legt sich herzklopfend auf die Lauer. Plötzlich hört sie Flügelschlagen und ein riesiger Schatten fällt durchs Fenster in ihre Wohnhöhle. Tapfer öffnet sie das Fenster und befiehlt dem Dieb, seine Beute herzugeben.

Eine überraschend piepsige Stimme antwortet und bittet um Verzeihung. Das Stimmchen gehört zu einem kleinen, geflügelten Tierchen mit großen Augen. Elisa hat Mitgefühl mit dem Bücherschnapp, und als dieser erklärt, er habe die Bücher nur gestohlen, weil er niemanden habe, der ihm etwas vorlese, kann sie ihn sogar verstehen.

Er sah so richtig traurig aus,
Elisa war beklommen.
Mit Eltern, die ihm vorlesen,
wär’s nicht so weit gekommen!“

Sie hilft dem Bücherschnapp, alle Bücher heimlich wieder zurückzugeben, erklärt am nächsten Morgen allen Tiernachbarn, daß der Bücherschnapp eigentlich ganz lieb sei und seinen Fehler einsehe. Natürlich kümmert sie sich auch darum, daß die Vorlese- sehnsucht des kleinen Wesens erfüllt wird. Auf dem letzten Bild sehen wir den Bücherschnapp andächtig lauschend in der gemütlichen Vorleserunde bei Elisas Hasenfamilie sitzen.

In dieser Geschichte spielen die liebevoll-lebhaften Bilder eindeutig die Hauptrolle, und der sparsame, lustig gereimte Text unterstreicht die ohnehin aussagekräftigen Illustrationen. Die Reime sind zwar manchmal etwas holperig und stolperig, aber das beeinträchtigt nicht das lauschige Vergnügen geteilter Lese- und Vorleseerfahrung. Eben dieses Vorleseglück wird im „Bücherschnapp“ mit unwiderstehlicher Anziehungskraft in Szene gesetzt.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.ellermann.de/nc/schnellsuche/titelsuche/details/titel/1045005/18207/32076/Autor/Helen/Docherty/Der_B%FCcherschnapp.html

Die Autorin:

»Helen Docherty hat die meiste Zeit ihrer Kindheit damit verbracht, zu lesen oder ihre eigenen Bücher zu machen. Später studierte sie Spanisch und Französisch und verbrachte einige Jahre in Frankreich, Spanien, Kuba und Mexiko

Der Illustrator:

»Thomas Docherty hat in der Schule gar nicht gerne gelesen und geschrieben. Aber gezeichnet hat er schon immer gerne. Heute hat er selbst zwei Töchter und sorgt dafür, dass immer genügend Zeichenpapier im Haus ist

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

Eine Nachtlegende

  • von Paul Biegel
  • Mit Illustrationen von Charlotte Dematons
  • Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer
  • Verlag Urachhaus   August 2013                              http://www.urachhaus.de
  • ISBN 978-3-8251-7805-5
  • 183 Seiten, gebunden, Halbleinen
  • 15,90 €
  • ab 8 Jahren
    9783825178055_Eine Nachtlegende

NACHTSCHATTENGEWÄCHSE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mein lieber kleiner Kobold, dies hier ist eine gehaltvolle Geschichte, die weder Tod noch Leben scheut!

Es fängt ganz gemütlich an: Auf dem Dachboden einer alten Villa hat sich der gutmütige Hauskobold in einem ausrangierten Puppenhaus eingerichtet. Des Nachts macht er seinen Rundgang durch das Haus und achtet darauf, daß alles seine Ordnung hat, daß alle Kerzen gelöscht sind und alle Türen verschlossen, und  er zupft sogar die Falten aus dem Teppich, damit die einzige verbliebene menschliche Bewohnerin der Villa – eine alte Dame – nicht stolpert und stürzt.

Jeden Samstagabend bekommt der Kobold Besuch von den Kellerbewohnern Kröte und Ratte. Der Kobold ist ein guter Gastgeber und serviert echten Tee, und sie spielen Karten miteinander. Kröte und Ratte sind recht unhöfliche Gäste und streiten unentwegt über alles und nichts. Eigentlich mag der Kobold sie gar nicht mehr empfangen, aber er kann einfach nicht Nein sagen.

In einer dunklen, stürmischen Novembernacht weht es so heftig, daß der Wind sogar die Kerzenflamme im Puppenhaus ausbläst; zugleich klopft es an die Tür des Kobolds, und ein ihm unbekanntes Stimmchen bittet um Einlaß.

Der unbekannte Gast ist eine sanft schimmernde, tropfnasse, windzerzauste Fee, die um ein Nachtquartier bittet. Der Kobold hegt zwar Mißtrauen gegenüber Feen und ihre angeblichen Zauberkräfte, aber er hat auch spontanes Mitgefühl für dieses so verletzlich wirkende kleine Wesen. Also beherbergt er sie, entzündet die Kerze neu, damit sich die Fee aufwärmen und trockenen kann, und richtet ihr das Sofa als Schlafplatz ein. Dankbar nimmt die Fee seine Gastfreundschaft an.

In dieser  Nacht findet der Kobold keinen Schlaf, da sein Gedankenkarussell, beladen mit widersprüchlichen Empfindungen und Gedanken, kreist und kreist. Seine Angst rät ihm dazu, die  Fee gleich am nächsten Tag fortzuschicken, seine Neugier hingegen würde gerne mehr über die Fee erfahren, und sein Herz ist – auch wenn er es sich noch nicht eingesteht – schon längst berührt.

Doch am nächsten Tag ist die Fee verschwunden, und der Kobold ist zunächst erleichtert, dann aber vermißt er sie, und es gelingt partout nicht, nicht an die Fee zu denken.

Am Abend ist die Fee plötzlich wieder da, und der Kobold erhält seine erste Lektion in Feenkunde: Feen schlafen tagsüber und sind im Schlafzustand unsichtbar! Dem Kobold ist das unheimlich und faszinierend zugleich, und schon führen die aufgeworfenen Fragen und Antworten dazu, daß die Fee beginnt, ihre Geschichte zu erzählen.

Nacht für Nacht unterbricht die Fee ihre Erzählung natürlich stets an einer dramatischen Stelle, und der Kobold verschiebt immer wieder seinen Vorsatz zur Verabschiedung der Fee.

Die Fee hat  einen sehr langen, abenteuerlichen und gefährlichen Weg hinter sich, auf dem ihr gute und böse Wesen begegnet sind, Heilung und Verletzung, Krieg und Frieden. Sie verfügt auch gar nicht über Zauberkräfte – wenn man von der bezaubernden Wirkung ihrer freundlich-lieblichen, zugewandten Wesensart absieht – tatsächlich hat sie erst ein einziges Mal und nur in der selbstlosen Absicht, ein Menschenkind vor dem Tode zu bewahren, einen hilfreichen Zauber bewirkt. Auch ihre eigenen zerrupften Flügel kann sie nicht wieder flugtüchtig machen, so daß sie ganz irdisch zu Fuß gehen muß.

Kröte und Ratte bleibt der neue Gast des Kobolds nicht verborgen, und sie bemühen sich, gegen die Fee zu intrigieren. Jedoch werden sie schließlich lebhaft eines Besseren belehrt, als die Fee ihnen allen das Leben rettet.

Paul Biegel hat mit der „Nachtlegende“ eine  Geschichte geschrieben, die märchenhafte und mythische Elemente enthält und besonders in den Charakterdarstellungen und der Beziehungsentwicklung der Charaktere schmunzlerisch emotionale Untiefen auslotet.

Die Illustrationen von Charlotte Dematons – meist in geheimnisvoll-blauschattigen Farbtönen gestaltet – geben die Atmosphäre des Textes sehr gut und eindringlich wieder.

Besonders hervorheben möchte ich, daß es sich hier um eine Erzählung handelt, die das Leben bejaht, ohne den Tod zu verneinen. Das kommt in Kinderbüchern selten in einer solch anschaulichen Tiefsinnigkeit vor.

Mir fällt dazu nur ein vergleichbares und leider vergriffenes Kinderbuch ein: „Die wundersame Reise der kleinen Sofie“ von Els Pelgrom (illustriert von The Tjong Khing). Es kann kein Zufall sein, daß beide Bücher mit dem  » Goldenen Griffel «   –  dem bedeutendsten niederländischen Jugendliteraturpreis  –  ausgezeichnet worden sind.

 

Der Autor:

Paul Biegel (1925 – 2006) – der niederländische Michael Ende – gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckmann und Annie M.G. Schmidt zu den ganz Großen der niederländischen Kinderliteratur. Er verfaßte über 50 Bücher, sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem  » Silbernen «  und  » Goldenen Griffel «.

Die Illustratorin:

»Charlotte Dematons, geboren 1957, studierte Kunst in Amsterdam. Sie hat bereits viele Kinderbücher illustriert und erhielt unter anderem für die Märchen der Brüder Grimm 2006 den »Silbernen Pinsel«, eine der höchsten Auszeichnungen für Kinderbuchillustration in den
Niederlanden. Sie lebt in Haarlem.«

Opa Meume und ich

  • von Maggie Schneider
  • mit Bildern von Jacky Gleich
  • Tulipan Verlag  2008                                http://www.tulipan-verlag.de
  •  66 Seiten,  12,90  €
  • 978-3-939944-16-4
  • zum Vorlesen ab 5 Jahren
  • zum Selberlesen ab 8/9 Jahren
  • Juli 2011 als Taschenbuch bei dtv
  • 978-3-423-71464-8, 6,95 €

Layout 1

DAS  UNSICHTBARE  INNENDRIN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Rührend und sehr herzlich, ja  – seelenvoll!

Emma ist ein Schlüsselkind und geht zweimal pro Woche zu Opa und Oma Meume in den dritten Stock.  Opa und Oma Meume sind nicht die Großeltern von Emma, sondern Nachbarn. Bei diesem liebevollen, seit vierundsechzig Jahren verheirateten Paar bekommt Emma altmodische Gerichte wie Königsberger Klopse  oder Himmel und Erde zum Mittagessen und Hilfe bei den Hausaufgaben. Opa Meume liest sehr gekonnt vor, und Oma Meume geht bei jedem Wetter mit Emma in den Park. Jeden Sonntag tanzen Oma und Opa Meume einen Walzer miteinander, und manchmal schaut Emma diesem schönen Beziehungsritual zu.

Doch dann stirbt Oma Meume und Opa Meume zieht sich ganz in seine Trauer zurück. Die neunjährige Emma läßt sich jedoch nicht so leicht abwimmeln und findet immer wieder einen Vorwand, um den einsamen Witwer aus der Reserve zu locken: mal hat sie sich ausgesperrt und muß dringend aufs Klo, mal braucht sie ein Heftpflaster und die Mathehausaufgaben werden auch nicht leichter, und zu Weihnachten wünscht sich Emma, daß Opa Meume  mit ihr und ihren Eltern feiert. Nach dem Weihnachtsbesuch organisieren Emmas Eltern einen Pflegedienst und Essen auf Rädern für Opa Meume.

Die Kombination aus äußerer Pflege durch die Altenpflegerin und innerer Pflege durch Emmas Zugewandtheit führt zu einer deutlichen Verbesserung. Sie schauen sich alte Fotos an und Opa Meume teilt die dazugehörigen Erinnerungen mit Emma, und schließlich reden die beiden auch offen über den Verlust vom Oma Meume und über ihre Gefühle, Gedanken und Fragen zum Thema Tod und Einsamkeit.

 „Ich glaube, wenn ein Mensch stirbt, bleibt das übrig, was man nicht sehen kann, das Innendrin.“

Für die Sommerferien organisiert Emma sogar eine Opa-Kind-Betreuungsvertretung. Als sie aus dem Urlaub zurückkommt, liegt Opa Meume im Krankenhaus, und Emma kann ihn noch zweimal besuchen, bevor auch  er stirbt.

Meine Eltern wollten mich zu Opa Meumes Beerdigung mitnehmen, aber dieses Mal wollte ich nicht. Die letzte Ehre erwies ich Opa Meume im Park. Ich stellte mir sein unsichtbares Innendrin auf der Parkbank vor, und dann hielt ich eine kleine Rede: „Lieber Opa Meume, es ist komisch, ich habe manchmal das Gefühl, dass du da bist und dann wieder nicht. Ich weiß nicht genau, wie man jemandem die letzte Ehre erweist…“ , an dieser Stelle verbeugte ich mich vor der Bank, „aber ich denke, irgendwie so ähnlich. Ich hoffe du kannst mich hören. Und ich hoffe, du bist jetzt wieder bei Oma Meume, und es war nicht alles nur ausgedacht, was du mir erzählt hast. Vielen Dank für alles.“ Und dann verbeugte ich mich noch einmal.“

Auch ich verbeuge mich hiermit vor Maggie Schneiders außergewöhnlich feinfühligem Kinderbuch, das keine Berührungsängste mit seinem Thema hat. Es macht aus der Begegnung mit unserer Sterblichkeit eine Anleitung zum Mitgefühl. In der Geschichte lebt Emma ihren eigenen Eltern soviel mehr an Liebe und Fürsorge für den alten Nachbarn vor, daß sie nur mühsam hinterherhinken können. Die Empathiebegabung Emmas zeigt sich in vielen kleinen Gesten, z.B. schafft sie gefühlsneutrale Weihnachtsdekoration für Opa Meume herbei, nachdem sie erkennt, daß der vertraute Weihnachtsschmuck ihn traurig macht.

Gerade weil den schmerzlichen Empfindungen Raum und Ausdruck gegeben wird, entsteht auch wieder Raum für Schmunzelsituationen, die nicht nur Opa Meume erheitern, sondern auch uns Leser.

Die schrägen Illustrationen von Jacky Gleich begleiten und bereichern den Text ausgezeichnet. Mein Lieblingsbild ist der doppelte Walzertanz von Oma und Opa Meume, der den Zeitsprung vom jungen zum alten Ehepaar lebhaft in Szene setzt.

Kurz: Ich bin des Lobes voll!

 

Die Autorin:

»Maggie Schneider ist der Künstlername von Verlegerin Mascha Schwarz. Sie wurde 1965 geboren, studierte Fotografie an der Fotoakademie in München und arbeitete danach als freie Fotografin, Regisseurin und Autorin für Film- und Fernsehproduktionen. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in München. »Opa Meume und ich« ist ihr erster Roman.«

Die Illustratorin:

»Jacky Gleich wuchs in der DDR auf und studierte Animation an der Filmhochschule in Babelsberg und in Dresden. Seit 1995 illustrierte sie rund 50 Bücher und erhielt dafür viele Auszeichnungen, darunter den Deutschen Jugendliteraturpreis, den Gustav Heinemann Friedenspreis und das Ehrendiplom Schönste Bücher der Welt. Sie lebt mit ihrer großen Familie in Mecklenburg.«

 

Dieses Buch ist 2016  in einer Neuauflage erschienen, illustriert von Eleanor Sommer.

Die Illustratorin:

»Eleanor Sommer, geboren 1974 in Hamburg, studierte Illustration an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg. Sie ist Mitglied der Illustratorengruppe »Die Krickelkrakels« und arbeitet als freie Illustratorin für Verlage und Zeitschriften in Sichtweite des Hamburger Hafens, wo sie auch mit ihrer Familie lebt.«  Mehr auf www.eleanorsommer.de
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Tulipan Verlag  
Format 19 x 13 cm
gebunden
10,00 €
ISBN 978-3-86429281-1

 

Hier geht es zum Titel auf der Verlagswebseite:
http://www.tulipan-verlag.de/Buecher/Opa-Meume-und-ich.html?listtype=search&searchparam=opa%20meume

Querverweis:

Hier folgen ergänzende Links zu weiteren Kinderbüchern zu den Themen: Abschied, Tod und Trauer:

Ente, Tod und Tulpe
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/06/13/ente-tod-und-tulpe/
Erik und das Opa-Gespenst

https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/12/05/erik-und-das-opa-gespenst/
Kleiner Fuchs Großer Himmel
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/23/kleiner-fuchs-grosser-himmel/
Nur ein Tag
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/10/13/nur-ein-tag/
Oma trinkt im Himmel Tee
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/26/oma-trinkt-im-himmel-tee/
Der Tod auf dem Apfelbaum
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/20/der-tod-auf-dem-apfelbaum/
Überall & Nirgends / Gedichte über Tod und Trauer
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/07/03/ueberall-nirgends/

Wie lange dauert Traurigsein?
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/12/03/wie-lange-dauert-traurigsein/