100 Sachen, die Geschichte machten

  • Von der Bronzeaxt bis zum Roboter
  • von Dr. Patrick Henßler
  • Verlag arsEdition, September 2019 www.arsedition.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 264 x 198 mm
  • 240 Seiten mit zahlreichen Abbildungen
  • 20,00 € (D), 20,60 € (A)
  • ISBN 978-3-8458-3192-3
  • Kindersachbuch ab 10 Jahren

GESCHICHTE  ZUM  ANFASSEN

Buchbesprechung  von Ulrike Sokul ©

Unzählige Entwicklungsschritte führen von den ersten menschlichen Handabdrücken steinzeitlicher Höhlenbewohner bis zur Rechnertastatur, auf der ich jetzt diese Buch- besprechung tippe, die später auf digitalem Wege durch die Netzwelt reisen wird. „100 Sachen, die Geschichte machten“ bietet in hundert Kapiteln einen streiflichternden Überblick über die kulturhistorische Entwicklung der Menschheit von der Vor- und Frühgeschichte über die Antike, das Mittelalter und die Frühe Neuzeit bis hin zur Moderne.

Jedes Kapitel beginnt mit einem der jeweiligen Zeitspanne entstammenden Gegenstand und führt von diesem Gegenstand weiter zu den Lebensbedingungen und kulturge-schichtlichen Gegebenheiten sowie zu historisch-prägenden Persönlichkeiten, gesell-schaftlichen Veränderungen, naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Fortschritten der betreffenden Epoche.

Dr. Patrick Henßler © Verlag arsEdition 2019

So führt der Faustkeil durch die Steinzeit, die ersten Tongefäße zur Vorratshaltung mar-kieren den Beginn von Ackerbau und Viehzucht, und Lehmziegel zeugen von den ersten Stadtgründungen im geographischen Gebiet des sogenannten „fruchtbaren Halb- monds“. Die Erfindung des Rades wird am Beispiel des ägyptischen Streitwagens er- läutert, die Schrifttafel illustriert den Übergang von der Bilder- zur Keilschrift und führt schließlich zur Entstehung des ersten phönizischen Alphabets. Die Bronzeaxt steht exemplarisch für die Erfindung der Metallverarbeitung (Legierung) und den Wechsel von Steinwerkzeugen und –Waffen zu Bronzewaffen und –Werkzeugen.

Zum Ausklang der einzelnen Epochen faßt eine illustrierte Doppelseite mit einer infor- mativen Zeitstrahlübersicht die wichtigsten Etappen noch einmal kurz und bündig zusammen.

Zwischen den Einzelkapiteln der verschiedenen Epochen wird gelegentlich ergänzend auf einer Doppelseite die Veränderung einzelner Gegenstände oder Kulturtechniken chronologisch dargestellt. Beispielsweise finden wir eine Übersicht „Mit der Zahnbürste durch die Zeit“ eine andere, die sich mit „Musik im Wandel der Zeit“ befaßt.

Dr. Patrick Henßler © Verlag arsEdition 2019

Die beschriebenen Gegenstände weisen manchmal auf gesellschaftliche Mißstände und entsprechende Umbrüche hin. So „beleuchtet“ die Bergwerkslampe die Kinderarbeit zur Zeit der Frühindustrialisierung, und der Plastikstrohhalm steht exemplarisch für die gefährliche Plastikflut der Gegenwart.

Gleichwohl werden auch positive demokratische, zivilisatorische und freiheitliche Errungenschaften thematisiert. So etwa die Unterzeichnung des deutschen Grund- gesetzes am 23. Mai 1949. Stichwortgeber für dieses Ereignis unserer Geschichte ist der hochwertige Füller, mit dem die Mitglieder des Parlamentarischen Rates den Gesetzestext unterschrieben.

Dr. Patrick Henßler © Verlag arsEdition 2019

Dieses Sachbuch macht Geschichte einerseits anschaulich durch die An- knüpfung an konkrete Gegenstände, die mit sehr ansprechender bildlicher Begleitung in Szene gesetzt werden, andererseits durch die sehr klaren, komprimierten, kindgemäßen Erklärungen zur buchstäblich fortschritt- lichen Bedeutung und Wirkung dieser Gegenstände auf die Lebensumstände der Menschen und die wandelbaren gesellschaftlichen Herrschaftsformen, Strukturen und Regeln. 

„100 Sachen, die Geschichte machten“ ist sehr geeignet, Kindern stufen- weises und zusammenhängendes Wissen über die Vergangenheit zu vermitteln, ihren historischen Horizont zu weiten und die beachtlichen Entwicklungsschritte der Menschheit zu würdigen. Im Gegensatz zum heute üblichen kurzatmigen Geschichtsunterricht haucht dieses Buch Kindern einen deutlich längeren historischen Atem ein.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.arsedition.de/produkte/detail/produkt/100-sachen-die-geschichte-machten-9031/

 

Querverweis:

Als Ergänzung zu „100 Sachen die Geschichte machten“ empfiehlt sich das illustrierte Kindersachbuch Opa Mammut/Eine Familien-Weltgeschichte für Kinder“ von Dieter Böge und Bernd Mölck-Tassel, in dem die Entwicklungsgeschichte der Menschheit als Familiengeschichte in 52 Generationen-Kapiteln nacherzählt wird: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/04/18/opa-mammut/

 

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Denkt endlich an die Enkel!

  • Eine letzte Warnung, bevor alles zu spät ist
  • von Wolf Schneider
  • Rowohlt Verlag 2019, Juli 2019 http://www.rowohlt.de
  • gebunden
  • Format: 11 x 17 cm
  • 80 Seiten
  • 8,00 € (D), 8,30 € (A)
  • ISBN 978-3-498-00153-7

K  L  A  R  T  E  X  T

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wolf Schneider, dessen Anleitungen zum klaren, kultiviert-stilvollen, präzisen und acht-samen Umgang mit der deutschen Sprache ich überaus schätze und immer wieder gerne zu Rate ziehe, hat nun ein kurzes, pointiert formuliertes Buch verfaßt, welches er seinen vierzehn Enkeln und Urenkeln widmet: Es geht hier um nichts Geringeres als die dramatisch schwindenden Zukunftsaussichten der Menschheit.

»Wer wider besseres Wissen glaubt, die Katastrophe wird sich schon gedulden, bis wir sie kostenlos verhindert haben, der hat die Zukunft unserer Enkel schon verspielt!«
(Seite 19)

Der energieverschwenderische, naturausbeuterische, gierige Lebensstil der Menschheit kostet buchstäblich die Welt. Die reichen Industrienationen sind mit ihrer Anbetung des Wirtschaftswachstums, der Vergötterung des Automobils und der mehr als überflüssi- gen Warenproduktion die größten Zerstörer. Die Bevölkerung der ärmeren Weltregio- nen strebt verständlicherweise ebenfalls nach dem Wohlstand, der für uns normal ist. (Wobei auch bei uns der Zugang zu Wohlstand, ja, selbst zu einem nur auskömmlichen Dasein – dank jahrzehntelanger neoliberaler Arbeitsmarktverzerrungen und der Mini- mierung solidarischer, gemeinwohlorientierter Rahmenbedingungen zu Gunsten privatwirtschaftlicher Profite – drastisch reduziert wurde;  indes, die soziale Frage wird in Schneiders Buch nicht thematisiert.)

Wolf Schneider bezeichnet das Auto zutreffend als „unsere Heilige Kuh auf vier Rädern“, er kritisiert die maßlosen PS-Steigerungen und schwergewichtigen Blechaufplusterun- gen und fällt nicht auf die angebliche Rettung durch das E-Mobil herein. Denn der Ener- giebedarf für E-Mobilität ist sehr groß, alleine die Herstellung der Batterien verbraucht Strom, ganz zu schweigen vom Bedarf an Kupfer, Kobalt, Lithium, Mangan, Nickel und Seltenen Erden, vom giftigen Schrott, den jede verbrauchte Batterie hinterläßt sowie von den zahllosen Kabeln, die für die dazugehörige Infrastruktur gebraucht werden.

Deutlich weniger Autos wären zielführender und ein besseres Eisenbahn-Schienennetz ebenfalls. Stattdessen haben wir „47 Millionen Autos für 82 Millionen Bundesbürger – gut ein halbes Auto pro Kopf!“ (Seite 15) und eine Mineralölsteuerbefreiung für Flug- zeuge.

Schneider greift mit ebenso interessanter wie informativer historischer Herleitung das Thema Überbevölkerung auf. Dabei läßt er meines Erachtens keinen Zweifel daran, daß Europa ein Recht hat, Migrationsströme im Enkelinteresse zu begrenzen. Seine Warnung vor einer „Invasion“ des „alternde(n) Erdteil(s)“ Europa ist sehr deutlich (Seite 66).  Er be-schreibt streiflichternd Flächenverbrauch, bereits vorhandene und vermehrt drohende Wasserknappheit, Vermüllung und Vergiftung von Erde, Luft und Wasser, Artensterben, Flächenversiegelung durch Massentourismus, die skandalöse Stromverschwendung für Sommerskihallen, Schneekanonen in Wintersportorten, Lichtreklamen und Sportveran-staltungen. Die Aufzählung menschlicher Unvernunft wird darüber hinaus noch  ergänzt um Hinweise auf tonnenweise Lebensmittelverschwendung, Mikroplastik in der Nah- rungskette, den Zusammenhang zwischen maßloser Fleischproduktion und Welthunger und die wachsende Gefahr von Ressourcenkriegen.

Sind wir überhaupt noch zu retten? Wolf Schneider läßt diese Frage offen. Er sieht nur eine kleine Chance: SOFORTIGES Handeln.

Dieses Manifest ist deutlich und drastisch, der Autor verwendet anschauliches Zahlen-material und klare, kurze unmißverständliche Ansagen, seine Kritik an unserem zer- störerischen, enkeluntauglichen Lebensstil ist berechtigt und durchaus angebracht.  

Wolf Schneider erstellt eine schonungslose Diagnose, nur ein Rezept zur Heilung bleibt er uns schuldig, vielleicht weil ihm die Unvernunft des Menschen therapieresistent erscheint oder weil sein negatives Menschenbild diese Hoffnung nicht erlaubt. Kritik ist notwendig, aber hoffnungslose Kritik wird die Welt erst recht nicht retten. 

Warum nicht einfach das Naheliegende tun und gerade dieses Buch auf wesentlich ressourcenschonendere Weise produzieren? Statt bloß auf einem FSC-Papier-Mix hätte das vorliegende Buch auf wiederverwertetem Papier gedruckt werden können, wie es vorbildlicherweise der Oekom-Verlag (https://www.oekom.de/) schon seit dreißig Jahren praktiziert. Ist hier etwa die Kluft zwischen Theorie und Praxis auch beim Autor und beim Verlag noch viel zu groß?

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der  Verlagswebseite:
https://www.rowohlt.de/hardcover/wolf-schneider-denkt-endlich-an-die-enkel.html

Eine ergänzende hörenswerte Audiobesprechung findet sich bei Andruck-Deutschland-funk: https://www.podcast.de/episode/413939638/Wolf+Schneider+-+%22Denkt+endlich+an+die+Enkel%22/

Der Autor:

»Wolf Schneider, geboren 1925, hat vier Kinder, zehn Enkel und vier Urenkel. Er ist Autor von 28 Sachbüchern, darunter drei Bestsellern und einer großen Kulturgeschichte der Menschheit „Der Mensch – eine Karriere“ – laut Neuer Zürcher Zeitung »ein grandioses, mit gewaltigem Wissen und immensem Sachverstand geschriebenes historisches Panorama«.
Schneider war Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Washington, Verlagsleiter des Stern, Chefredakteur der Welt, Moderator der NDR-Talkshow und 16 Jahre lang Leiter von Deutschlands renommiertester Journalistenschule. Er ist Honorarprofessor der Universität Salzburg, Träger des Medienpreises für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache und des Henri-Nannen-Preises für sein publizistisches Lebenswerk.
Sein großes Thema „Wie geht es mit der Menschheit weiter?“ bewegt ihn seit 61 Jahren:
1958 erschien in der Süddeutschen Zeitung, anläßlich der dritten Menschheitsmilliarde, seine erste Warnung vor der drohenden Überfüllung der Erde – und 1966 sein Leitartikel „Tod dem Verbrennungsmotor“.«

PS:
Für Leser mit ökologisch-nachhaltiger Handlungsbereitschaft, ausgeprägtem Mitwelt-gefühl und konsequenter Selbstverantwortung gibt es jede Menge Bücher, Zeitschriften (z.B. »OYA – enkeltauglich leben«  https://oya-online.de/about/was.html ),  Informations- portale und Organisationen mit aufklärenden und wegweisenden Informationen. Alleine auf meiner Webseite finden sich unter der Kategorie
„Natur &
Ökologie“ https://leselebenszeichen.wordpress.com/category/natur-okologie/
und „Nachhaltigkeit“ https://leselebenszeichen.wordpress.com/category/nachhaltigkeit/
sowie „Bienen & Co“ https://leselebenszeichen.wordpress.com/category/bienen-co/
mehr als 50 Bücher, die naturliebhaberisches, konsumkritisches und kleinwelten- retterisches Wissen und entsprechende praktische Handlungsimpulse vermitteln.

 

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Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten

  • von Becky Chambers
  • Roman
  • Originaltitel: »The Long Way to a Small Angry Planet«
  • Übersetzung aus dem Amerikanischen von Karin Will
  • Wayfarer-Universum Band 1
  • Fischer TOR Verlag  Oktober 2016  www.tor-online.de
  • Taschenbuch
  • 544 Seiten
  • 9,90 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-596-03568-7

INTERGALAKTISCH

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Bei den Sternen – das ist exorbitant lesenswert! Dieser Science-Fiction-Roman gewährt uns eine Horizonte öffnende und ebenso amüsant-abenteuerliche wie feinsinnig-vielschichtige Lesereise, die einen nachhaltig-bedenkenswerten Eindruck hinterläßt.

Gewiß geschieht es immer wieder, daß uns Romanfiguren ans Herz wachsen, doch Becky Chambers schafft es, daß uns sogar gänzlich fremde Spezies vertraut werden und man sie keineswegs weniger schätzen lernt als Vertreter der eigenen Art. Ich will jedoch sogleich vorwegnehmen, daß die Menschheit in der Galaktischen Union (im weiteren Verlauf abgekürzt GU genannt) nicht den besten ethischen Ruf genießt, aber das ist eine Einschätzung, zu der wir selbst ebenfalls nicht allzu selten neigen.

Rosemary Harper hat triftige Gründe, ihren Heimatplaneten Mars zu verlassen und ihr bisheriges, privilegiertes Leben zu vergessen. Sie tritt eine Stelle als Verwaltungskraft auf einem Tunnelerschiff an. Tunnelerschiffe bohren an bestimmten Koordinaten stabile Wurmlöcher ins All und verbessern durch diese Interspace-Passagen exorbitant die Reisegeschwindigkeit für alle Mitglieder der GU.

Ashby Santoso, der Kapitän des Raumschiffs Wayfarer, freut sich, daß ihm in der Person Rosemary Harpers nun endlich jemand den lästigen Verwaltungskram abnimmt. Sein Algaeist, Artis Corbin, bemängelt zwar die Einstellung einer jungen Frau, die noch keine Erfahrung mit Langstreckenflügen hat, aber Ashby verteidigt diplomatisch seine Perso- nalauswahl. Ein Algaeist ist – nebenbei bemerkt – zuständig für die Wartung der Algen- tanks und der darin befindlichen Algen, die den Treibstoff für das Raumschiff produ- zieren. Da dies eine lebenswichtige Aufgabe ist, erträgt die gesamte Besatzung, mehr oder weniger gelassen, die mißmutigen Launen des Algaeisten.

Die weiteren Besatzungsmitglieder der Wayfarer sind wesentlich umgänglicher und nehmen Rosemary mit offenen Armen, Tentakeln und Krallenhänden auf: Da sind Kizzy Shao, die chaotische Mechtech und der kleinwüchsige Jenks, der Comptech, dann die attraktive Pilotin Sissix, die zur echsenähnlichen Spezies der Aandrisks gehört, sodann der sechsbeinige, raupenförmige, sehr lebensweise und kräuterkundige Dr. Koch, der zur aussterbenden Spezies der Grum gehört und dessen Aufgaben an Bord der Wayfarer medizinischer und kulinarischer Natur sind. Außerdem gibt es den Navigator, Ohan, der ein Sianat ist und dank der Symbiose mit einem Neurovirus, dem sogenannten Flüste- rer, den multidimensionalen Raum wahrnehmen kann. Und nicht zu vergessen Lovelace: die empfindungsfähige KI des Raumschiffs, die von allen liebevoll mit dem  Spitznamen Lovey angesprochen wird.

Der Comptech Jenks ist in Lovey verliebt. Diese Liebe wird von Lovey erwidert, und die beiden planen heimlich, ein Bodykit (einen synthetischen menschlichen Körper) zu organisieren und die KI nach Abschluß des  letzten Wayfarer-Auftrages dort hinein zu transferieren. Nach den geltenden Gesetzen der GU haben empfindungsfähige KIs keine Bürgerrechte. Es ist verboten, sie außerhalb der für sie vorgesehenen Funktionen zu installieren – ganz zu schweigen davon, die in einem mobilen Bodykit unterzubringen, was es fast unmöglich machen würde, sie von biologischen Lebewesen zu unter- scheiden.

Die Besatzung pflegt einen familiären Umgangston miteinander, und alle erfüllen ebenso ihre Pflichten, wie sie sich der Entspannung und dem kommunikativen Aus- tausch widmen. Es gibt eine universelle Sprache „Klip“, die von allen Spezies der GU beherrscht wird. Doch auch Begriffe oder Handgesten aus der einen oder anderen inter- galaktischen Fremdsprache dienen der Verständigung, wenn sie von besonderer kommunikativer Angemessenheit sind.

Das Tunnelbohren ist eine ganz gewöhnliche Arbeit im Kontext der GU, auch wenn sie besonders vom Navigator und Piloten minutiöse Präzision erfordert. Für Rosemary ist das noch Neuland, und ihre Kollegen geben sich große Mühe, alle astrophysikalischen Phänomene und technischen Vorgänge anschaulich zu erklären, die damit in Zusam- menhang stehen, so daß wir als Mitleser auch einen kleinen Schimmer davon erhaschen.

Kapitän Ashby bekommt von der GU einen außergewöhnlichen Auftrag für eine Tunnel-bohrung bei Hedra Ka. Der Auftrag ist vielversprechend und lukrativ: sechsunddreißig Millionen Credits, zuzüglich Spesen! Das Gebiet, in das sie reisen müssen, gehört allerdings dem kriegerischen Volk der Toremi, mit dem die GU neuerdings in Verhand- lungen getreten ist, da die Toremi über große Mengen von Ambi, einem begehrten Treibstoff-Rohstoff, verfügen.

Kurz bevor sich die Wayfarer auf den langen Weg nach Hedra Ka macht, besucht die Besatzung den neutralen Planeten Port Coriol, der sich durch seine multispeziäre Vielfalt, zahllose unkonventionell-kreative Technikfreaks und Künstler und eine dementsprechende Warenvielfalt auszeichnet, wozu auch illegale Technologie und diverse Rauschmittel gehören.

Der Comptech Jenks nutzt die Gelegenheit, seine alte Freundin Pepper zu besuchen, die einen Schrott-Reparaturladen führt und auf Port Coriol sehr gut vernetzt ist. Er bittet Pepper, sich nach einem Bodykit für Lovey umzusehen. Nachdem Pepper Jenks eindring-lich ins Gewissen geredet hat, welch große Verantwortung er damit übernimmt, eine KI in einem mobilen Körper und die damit verbundenen Wahrnehmungseinschränkungen unterzubringen, willigt sie ein, ihre Beziehungen spielen zu lassen.

Die illegale Seite dieser Angelegenheit ist für Pepper nebensächlich, denn angesichts ihrer dramatischen Vergangenheit ist ein illegales Bodykit eine Sache, die man – bei aller gebotenen Vorsicht – spielerisch angehen kann. Peppers lebensläufiger Hintergrund wird im zweiten Band der Wayfarer-Reihe („Zwischen zwei Sternen“) noch ausführlich thematisiert werden.

Auf dem langen Weg nach Hedra Ka gibt es spannende Zwischenstopps und Erholungs-pausen auf anderen Planeten. Sissix kann sogar in Begleitung der Crew für einige Tage ihre Familie besuchen und Rosemary ein tieferes Verständnis für die gänzlich anderen Familienstrukturen und die berührungsintensive Kommunikationsweise der Aandrisks vermitteln.

Bei einem weiteren Zwischenstopp auf dem Mond Zirp, auf dem neben alten Bekannten von Kizzy auch angriffslustige Ketlinge, eine Art Riesengrashüpfer, leben, besorgt Kizzy einige maschinelle Ersatzteile und Schutzschilde und versucht vergeblich, Kapitän Ashby davon zu überzeugen auch ein paar Waffen zur Verteidigung der Wayfarer anzuschaffen.

Bei der Tunnelbohrung im Gebiet der Toremi wird es schließlich äußerst gefährlich …

Der Reiz dieses SF-Romans liegt in der differenzierten Figurengestaltung. Die verschie-denen Spezies werden nicht nur mit ihren körperlichen Merkmalen, sondern einfühlsam und phantasievoll mit ihrem kulturellen und historischen Hintergrund sowie mit ihren sprachlichen Feinheiten dargestellt. Beispielsweise kommunizieren die feingliedrigen, silbrig, schuppenhäutigen Äluoner untereinander über das Farbschimmern auf ihren Wangen, für die Kommunikation mit anderen Spezies benutzen sie jedoch eine implantierte Sprachbox.

Kleine Rückblenden auf die individuellen, biographischen Herkunftsgeschichten und die dramaturgischen Entwicklungen und unterschiedlichen Geisteshaltungen, die sich da- raus ergeben, runden die lebhaften Charakterisierungen anschaulich ab. Die Perspek- tive anderer Spezies auf die Menschheit gibt neckischen Anmerkungen zur fehlenden Reife der Menschheit viel Raum. So wird etwa die Stellungnahme eines Quelin-Abge- ordneten erwähnt, in der von der Aufnahme dieser pubertären und unbedeutenden Spezies in die GU dringend abgeraten wird, da sie nicht aus sich selbst heraus zu einer globalen Einheit gefunden habe und deshalb viel zu labil sei, um Teil der GU zu werden.

Ebensoviel Raum nimmt jedoch auch die wechselseitige Anziehungskraft und aufge-schlossene Neugier zwischen den Spezies ein, und es gibt durchaus Liebesbeziehungen zwischen verschiedenen Spezies.

Futuristische Technik spielt selbstverständlich ebenfalls eifrig mit. So schreibt man mangels Papier, das ein Luxusartikel ist, mit dem Scribus, einer Art Tablet-Computer mit Pixelstift und einem Pixelbildschirm, der durch eine Handbewegung ein- und ausge- schaltet wird. Imunobots, die in der Blutbahn patrouillieren und je nach Bedarf modifiziert oder ausgetauscht werden, sind ebenso selbstverständlich wie ein kleines Unterarmimplantat, das alle relevanten Persönlichkeitsdaten, die ID, die Bankverbin- dungen und ein medizinisches Interface für die Imunobotskommunikation enthält.

Bei den Dentalbots, die man sich zum delegierten Zähneputzen in den Mund wirft,  sollte man jedoch darauf achten, diese nicht zu verschlucken. Dies wäre zwar nicht lebensbedrohlich, könnte aber Bauchschmerzen verursachen, da sie einfach weiterputzen, egal wo sie sich gerade befinden.

Die digitale GU-Standardwährung sind sogenannte Credits, und es gibt eine GU-Standard-Zeit, die in Tagzehnten strukturiert ist. Raumschiffe und Raumstationen verfügen über ein Artigrav-Netz, das bei Bedarf die Schwerkraft ausschaltet usw.…

Becky Chambers gelingt mit dem ersten Band der Wayfarer-Reihe eine attraktive Balance aus zukunftsmusikalischer Raumfahrt- und Alltagstechnik und komplexem, zwischenspeziärem Miteinander. Der ebenso tiefsinnige wie unterhaltsam-verspielte, philosophisch-sozialkritische und phantasievoll-visionäre Facettenreichtum dieses SF-Romans fasziniert von der ersten bis zur letzten Seite.

Ich kann es kaum abwarten, Ihnen auch den zweiten Band leseschmackhaft zu machen.

Nachfolgend noch ein Zitat-Kostprobe:

»Gelehrte, die sich mit intelligentem Leben beschäftigen, haben festgestellt, dass alle jungen Zivilisationen ähnliche Entwicklungsstadien durchlaufen, ehe sie bereit sind, ihre Entstehungsplaneten zu  verlassen. Das vielleicht wichtigste Stadium ist das »intra-speziäre Chaos«. In dieser Phase der unbeholfenen Pubertät entscheidet sich, ob eine Spezies zu einer globalen Einheit findet oder in verfeindetet Fraktionen zerfällt, die zum Aussterben verurteilt sind – sei es durch Krieg oder durch ökologische Katastrophen, die so groß sind, dass man sie nur gemeinsam meistern kann.« (Seite 414)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.fischerverlage.de/buch/becky_chambers_der_lange_weg_zu_einem_kleinen_zornigen_planeten/9783596035687

 

Hier entlang zu einer weiteren begeisterten Rezension auf dem Bücher-Blog „Feiner reiner Buchstoff“: https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2017/02/12/spacegirls/

Hier entlang zum zweiten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/05/07/zwischen-zwei-sternen/
Hier entlang zum dritten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/05/12/unter-uns-die-nacht/

Die Autorin:

»Becky Chambers ist als Tochter einer Astrobiologin und eines Luft- und Raumfahrt-technikers in Kalifornien aufgewachsen. Die Zeit zum Schreiben ihres ersten Romans hat sie sich durch eine Kickstarter-Kampagne finanziert. Das Buch wurde prompt zu einem Überraschungserfolg.«

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