Borst vom Forst

  • Text von Yvonne Hergane
  • Illustrationen von Wiebke Rauers
  • Magellan Verlag    Juli 2017   http://www.magellanverlag.de
  • gebunden
  • Fadengeheftet
  • Format: 24,5 x 30,5 cm
  • 32 Seiten
  • 14,00 € (D), 14,40 € (A)
  • ISBN  978-3-7348-2035-9
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

NACH  GEGENTEIL

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Frischling Borst vom Forst ist etwas verträumter als seine drei Geschwister und tanzt gerne aus der Reihe. Dabei findet er eines Tages – immer seiner Nase nach – ein längliches Schneckenhaus. Er legt sein Ohr an dieses unbekannte, „fremdschöne“ Schneckenhaus und hört ein Rauschen. Er beschnuppert es und findet unvertraute Düfte, ja, es „riecht nach Gegenteil“, und schon tagträumt sich Borst mit der Schnecke in luftig-schwebende Himmelshöhen und fühlt sich unwiderstehlich angezogen vom geheimnis-vollen Herkunftsort der Schnecke.

 

Illustration: Wiebke Rauers / Text: Yvonne Hergane © Magellan Verlag 2017 (Anklicken vergrößert die Bildansicht!)

Borst Geschwister machen sich lustig über seine Suche nach dem Gegenteil, und seine Mutter sagt, er solle das einfach vergessen. Nach einer schlaflosen, nachdenklichen Nacht, macht sich Borst alleine auf die Suche. Er fragt Wühlmaus, Regenwurm und Ameisen, ob sie wüßten, woher diese Schnecke käme. Keiner weiß etwas, und alle behaupten, so etwas gäbe es im Forst gar nicht. Doch Borst gibt nicht auf, und schließlich weiß eine Seemöwe die richtige Antwort: Es ist eine Seeschnecke, und die kommt aus dem Meer.

Borst kennt das Meer nicht und nennt es daher Mehr. Er folgt der Wegbeschreibung der Möwe bis zum Bach, der am hinteren Ende des Waldes ins Meer mündet. Doch mit dem Schwimmen im Bach klappt es nicht so ganz, tropfnaß und geknickt tapst Borst zurück nach Hause.

Mama Wildschwein „fragt wenig und kopfschüttelt mehr“, und Borst sorgt sich um die Schnecke, die gewiß gerne nach Hause möchte – das kann er ihr nämlich anriechen.

Illustration: Wiebke Rauers / Text: Yvonne Hergane © Magellan Verlag 2017

Am nächsten Morgen erklärt Borst, daß er die Schnecke unbedingt zum „Mehr“ bringen müsse, da sie Heimweh habe. Zu seiner großen Erleichterung sagt seine Mama diesmal, daß sie ihn begleiten werde.

Gesagt –  getan, nach Bachlauf und Wasserfallüberwindung landen die beiden atemlos am Meeresstrand und staunen. Borst verabschiedet sich von der Schnecke und wirft sie ins Meer zurück.

Am Strand im Sand robbt eine Robbe herum. Sie hat eine Eichel gefunden und fragt Borst, wie sie die Eichel, die so fremdschön duftet, nach Gegenteil bringen könne. Da weiß Borst vom Forst selbstverständlich guten Rat …

Die Autorin, Yvonne Hergane, erzählt die Geschichte von „Borst vom Forst“ mit viel sprachlichem Feinsinn, teilweise gereimt, lautmalerisch, wortschöpferisch und stets in warmherzig-poetischen Wendungen kombiniert mit zärtlichem Humor. Das ist keine Textmassenware, sondern Wortmusik mit Mehrsinn.

Die Illustrationen von Wiebke Rauers sind wunderbare Wortwegbegleiter, die dem Text ein einfühlsames und stimmungsvolles Bühnenbild schaffen und der sprachlichen Feinheit der Geschichte auch durch kleine Details Ausdruck geben. Wer aufmerksam schaut, erkennt beispielsweise, daß Borstens Fell eine etwas andere – rötlichere – Färbung aufweist, als das seiner Geschwister.

„Borst vom Forst“ ist ein ganz außergewöhnliches Bilderbuch. Es ist eine kindgemäße, sensible und sprachspielerische Wegbeschreibung, sich eigenwillig und herzensoffen – abseits vom Gewohnten – unbekannte Horizonte und neue Erfahrungen zu erschließen und sich nicht gleich vom ersten Hindernis von seiner Absicht abbringen zu lassen.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.magellanverlag.de/feine-b%C3%BCcher/bilderbuch/#cc-m-product-11149977098

 

Die Autorin:

»Yvonne Hergane, geboren 1968, studierte Germanistik, Anglistik und Buchwissenschaft in Augsburg und München. Seit Mitte der 90er Jahre arbeitet sie als freie Autorin und literarische Übersetzerin, wobei ihre besondere Liebe dem Bilderbuch gehört – das Spiel mit Worten, Lauten und Reimen ist ihre Art Musik zu machen. Einer mehr war 2012 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Nach mehreren kleinen und großen Sprüngen durch die Geografie lebt Yvonne Hergane derzeit mit ihrer Familie nahe der Nordsee.«

Die Illustratorin:

»Wiebke Rauers, geboren 1986, studierte Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt Illustration in Düsseldorf. Nach ihrem Diplom zog sie nach Berlin und arbeitete dort fünf Jahre als Charakterdesignerin in einem Animationsfilmstudio. 2015 machte sie sich als Illustratorin selbstständig. Seitdem arbeitet sie hauptsächlich an Büchern, Magazinen und Charakterdesigns.«

 

Querverweis:

Hier entlang zu einem weiteren Kinderbuch, das von Wiebke Rauers feinfühlig und witzig illustriert wurde: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/10/13/nur-ein-tag/
„Nur ein Tag“, geschrieben von Martin Baltscheit, ist die Geschichte vom warmherzigen Wildschwein und vom feschen Fuchs, die eine kleine, lebensfrohe Eintagsfliege mit einer Notlüge über die kurze Dauer ihres Daseins hinwegtäuschen, und sie führt an einem einzigen Tag durch ein ganzes Leben.

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Ein Garten für den Wal

  • von Toon Tellegen
  • Illustrationen von Annemarie van Haeringen
  • Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
  • Gerstenberg Verlag Januar 2016      http://www.gerstenberg-verlag.de
  • 64 Seiten
  • Format: 18,5 x 24 cm
  • gebunden, Fadenheftung
  • 12,95 € (D), 13,40 € (A), 16,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8369-5901-8
  • ab 7 Jahren zum Selberlesen
  • ab 5 Jahren zum Vorlesen
    Ein Garten für den Wal Titelbild

W Ü N S C H E N S W E R T E

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Vorstellung eines erfüllten Wunsches kann manchmal schöner sein als seine tatsächliche Verwirklichung. Diese elementare Lebenslektion wird in „Ein Garten für den Wal“ in Wort und Bild anschaulich vorgeführt.

Eigentlich ist der Wal mitten im Ozean ganz und gar in seinem Element. Er hat endlos Platz, und das Wasser wiegt ihn wohlig in Schlaf, wo immer er sich gerade treiben läßt. Eigentlich fehlt ihm nichts, aber da ist doch noch sien Wunsch nach einem kleinen Garten. Immerhin hat er bereits einen Springbrunnen, der würde fein mit einer Holzbank und bunten Blumen harmonieren.

Wenn der Wal in schlaflosen Nächten hinauf in den Himmel schaut, stellt er  sich gerne vor, daß der Mond mit den Sternen ein Fest im Himmelsgarten feiert, und vielleicht – so träumt der Wal – würde er  auch einmal dorthin eingeladen.

Wal mit Mond

Illustration von Annemarie van Haeringen © Gerstenberg Verlag 2016

Der Wunsch nach einem Garten auf seinem eigenen Walrücken ist schließlich so groß, daß der Wal einen Brief an den Grashüpfer schreibt und alles gartenmögliche Zubehör bestellt. Der Grashüpfer nimmt diese Bestellung sehr ernst und macht sich mit seinem vollgeladenen Boot auf den Weg zum Wal.

Freudig wird er vom Wal begrüßt, und eifrig beginnt der Grashüpfer, den Garten anzulegen. Der Wal stellt derweil schon mal seinen Springbrunnen an und fragt den Grashüpfer, ob er auch Veilchen dabeihabe und einen Sonnenschirm, eine Schaukel, Flieder und Geißblatt undundund … doch der Grashüpfer hat wirklich an alles gedacht, was zu einem einladenden Garten gehört.

Als der Garten fertig gestaltet ist, hat der umsichtige Grashüpfer sogar einen Spiegel dabei, damit der Wal den Garten überhaupt besichtigen kann. Erschöpft ruht sich der Grashüpfer auf der Gartenbank gegenüber vom Walspringbrunnen aus, und der Wal malt sich vorfreudig aus, wer ihn bald alles besuchen käme und seinen Garten bewundere.

Ein Garten für den Wal: Wal im Wasser

Illustration von Annemarie van Haeringen © Gerstenberg Verlag 2016

Zunächst kommen viele Fische vorbeigeschwommen und bestaunen den Garten, und ein Albatros landet auf der Gartenbank und sagt, er habe noch nie einen so schönen Garten gesehen.

In der Nacht fällt dem Wal zwar auf, daß er sich nicht auf den Rücken drehen kann, um die Sterne zu betrachten, aber das nimmt er hin. Der Grashüpfer hatte ihn auch bereits ermahnt, nicht zu laut zu lachen, da sonst der ganze Garten wackle und bebe.

Am nächsten Morgen verabschiedet sich der Grashüpfer, und kurz darauf kommen zwei neue Besucher: Das Nilpferd und das Nashorn. Die beiden verhalten sich leider etwas trampelig, sind aber große Bewunderer der schönen Gartenaussicht. Der nächste Besucher ist das Walroß, welches es sogar schafft, sich im Garten zu verlaufen und dabei einige Blumen zu zertrampeln. Anschließend unterhalten sich der Wal und das Walroß angeregt über das Leben im Meer.

Nach einer Weile wird dem Wal bewußt, daß alle außer ihm seinen Garten genießen können, und kurzentschlossen macht er einen großen Sprung aus dem Wasser in die Luft und tief ins Meer zurück. Der ganze Garten wird von seinem Rücken weggespült, und die Garteneinzelteile treiben auf den Wellen davon. Der Wal schaut ihnen gelassen nach und merkt, daß er keinen Garten braucht. Er hat seinen Springbrunnen und das weite, weite Meer. Er ist glücklich mit all dem, was er schon immer hatte.

Manche Wünsche fallen offensichtlich besser ins Wasser, aber der Wal muß dies über den Umweg der Wunscherfüllung ganz praktisch selbst erfahren, um eine angemessenere Perspektive auf die Lebensbedingungen zu belangenen, die bereits erfüllend sind.

Toon Tellegen erzählt diese Geschichte mit einfachen Worten auf herzliche Weise und mit leisetönender Heiterkeit. Die farbigen Illustrationen von Annemarie van Haeringen geben dem ebenso klugen wie verträumt-poetischen Text sehr stimmig spielerische Gestalt und lebhafte Dynamik.

Ein Garten für den Wal: Grashüpfer schaukelt

Illustration von Annemarie van Haeringen © Gerstenberg Verlag 2016

 

Der Autor:

»Toon Tellegen, geboren 1941, arbeitete als Arzt in Kenia und Amsterdam, wo er noch immer lebt. Die Tiergeschichten erzählte er ursprünglich seiner Tochter. Tellegen erhielt alle großen niederländischen Preise: mehrere Goldene und Silberne Griffel, den Woutertje-Pieterse-Preis, die Goldene Eule und den Theo-Thijssen-Preis

Die Illustratorin:

»Annemarie van Haeringen, geboren 1959, wuchs zwischen Hunden, Katzen, Fröschen und Schildkröten auf. Sie studierte Kunst an der Rietveld-Akademie. Für ihre Werke wurde sie dreimal mit dem Goldenen Pinsel, dem wichtigsten niederländischen Preis für Illustration, ausgezeichnet. 2015 wurde sie für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.«

Die Übersetzerin:

»Andrea Kluitmann, geb. 1966, studierte Germanistik in Bochum und Amsterdam. Seit 1993 arbeitet sie als Literatur- und Fachübersetzerin aus dem Niederländischen. Sie lebt seit vielen Jahren sehr gerne in Amsterdam.«

Wie Tim am Strand ein Mädchen fand

  • von Paul Biegel
  • Aus dem Niederländischen von
  • Ita Maria Neuer
  • Mit farbigen Illustrationen von Annemarie van Haeringen
  • Verlag Urachhaus   August 2015   http://www.urachhaus.com
  • gebunden, Halbleinen
  • 158 Seiten
  • 15,90 € (D)
  • ISBN 978-3-8251-7949-6
  • ab 8 Jahren
    Wie Tim am Strand ein Mädchen fand

S T R A N D G U T    AHOI!

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die vielschichtigen Kinderbücher von Paul Biegel sind stets eine verlockende Einladung in einen faszinierenden Geschichten-Abenteuerspielplatz: Sie bieten Spaß, Spannung, Geheimnisse, Gefahren, Rätsel, Kraft- und Mutproben, phantasievolle Möglichkeiten zwischenmenschliche Erfahrungen sowie spielerische Anregungen und Übungen für Körper, Geist und Seele.

So macht auch der zwölfjährige Tim im vorliegenden Buch viele lebenslehrreiche, elementare Erfahrungen, die sein Denkvermögen, seine Eigenwilligkeit und Verwegenheit herausfordern, seine zwischenmenschliche Perspektive schärfen und sein Mitgefühl und sein Gerechtigkeitsempfinden schulen.

Tim entstammt einer echten Seefahrerfamilie. Sein Vater ist Kapitän eines Dreimasters, seine Brüder sind Seemänner und seine Schwestern Seefrauen. Tim mag das Meer, aber er mag nicht auf dem Meer sein – es ist ihm zu schaukelig.

Wie Tim-Dachboden

Alle hier abgebildeten Illustrationen sind von Annemarie van Haeringen ©

Die Familie bewohnt ein Haus, weit oben auf den felsigen Klippen bei Plymouth, und eine lange steinerne Treppe führt von dort aus direkt zum Strand. Alle ziehen Tim mit seiner „Seekrankheit“ auf, nur seine jüngste Schwester findet, daß er doch Leuchtturmbauer werden könne. Denn Tim liebt es, am Meer zu sein und aufs Meer zu schauen, und er sammelt täglich Strandgut auf.

Als er zwölf Jahre alt ist, findet seine Mutter, daß er alt genug sei, sich selbst zu versorgen, und daß sie nunmehr als Wäscherin auf einem Ozeanriesen anheuern könne. Jetzt ist Tim allein und muß sich selber seine Suppe kochen und auch noch das Haus sauberhalten. Doch unverzagt geht er erst einmal Strandgutsammeln und findet diesmal sogar etwas Abenteuerverheißendes: eine klassische, hölzerne Seemannskiste mit verschlossenem Schloß.

Das kann nur ein Piratenschatz sein, frohlockt Tim und schleppt das schwere Ding ins Haus. Da es ihm widerstrebt, das Schloß gewaltsam aufzubrechen, probiert er sämtliche Schlüssel aus, die sich im Haus befinden, und wundersamerweise paßt der kleine Schlüssel zur kleinen Dachbodenkammer exakt hinein, und das Schloß öffnet sich.

Es ist kein Schatz in der Truhe, sondern ein außergewöhnlich langausziehbares Seefahrer-Fernrohr. Als Tim damit aufs Meer schaut, sieht er zu seiner Verwirrung ein Wikingerschiff, was er zunächst nicht versteht. Denn wenn er ohne Fernrohr auf Meer hinausblickt, ist kein Wikingerschiff zu sehen. Im Fernrohr landen die Wikinger am Strand und vergraben etwas im Sand. Ohne Fernrohr ist der Strand ganz leer.

Mehr als zehn Fragezeichen tauchen in Tims Kopf auf, und erst am nächsten Tag schlußfolgert er, daß er ein Vergangenheits-Fernrohr gefunden hat. Das eröffnet ihm abenteuerliche Einsichten und Möglichkeiten …

Wie Tim-BibliothekWie Tim-Meerjunfrau getragen

 

 

 

 

 

 

 

 

Da Tim fein zwischen angebrachtem und unangebrachtem Gehorsam unterscheiden kann, gelingt es ihm, seinen fiesen Onkel Thaddäus (das schwarze Schaf der Familie), der sich einfach im Haus einnisten will, auszutricksen. Außerdem kann er eine echte Meerjungfrau retten und lernt die Licht- und die Schattenseiten dieser Meereswesen und ihres Schwarmverhaltens kennen.

Bei Frau Priscilla, einer anspruchsvollen Gouvernante mit strengem Dutt und goldenem Herzen, lernt er, besser zu denken, sich zu streiten und zu vertragen und Schatzkarten aufmerksam zu lesen. Er rettet ein unechtes Waisenmädchen vor dem Ertrinken und lernt Sein und Schein zu unterscheiden und daß die Beweislage für die Wahrheit vor Gericht eine knifflige Angelegenheit ist.

In lockerer episodischer Folge, mit skurrilem Humor, pädagogischem Augenzwinkern, tiefsinnigen Schattierungen und ironischer Märchenhaftigkeit erzählt Paul Biegel von den Bewährungsproben seines kleinen, gutherzigen Helden. Die farbigen Illustrationen von Annemarie van Haeringen begleiten den Text mit ausdruckvoll heiteren und dramatischen Szenerien.

Wie Tim-Offene Arme

Alle hier abgebildeten Illustrationen sind von Annemarie van Haeringen ©

 

Querverweis:

Dieses Buch von Paul Biegel ergänzt sich seemannsgarnlich mit einem anderen Werk aus seiner Feder: „Das Große Buch vom kleinen KapitänHier ist der Link dazu: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/11/19/das-grose-buch-vom-kleinen-kapitan/

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006) gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckman und Annie M.G. Schmidt zu den bedeutendsten Vertretern der niederländischen Kinderliteratur. Er verfasste über fünfzig Bücher, sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem begehrten Silbernen und Goldenen Griffel.«

Die Illustratorin:

»Annemarie van Haeringen, Jahrgang 1959, wuchs zwischen Katzen, Hunden, einem Pony und zahllosen anderen tieren auf. Daher, so glaubt sie, rührt ihre Vorliebe für Tiergeschichten. Für ihr Werk wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und sie gehört zu den bedeutendsten Kinderbuchillustratorinnen der Niederlande. Mit Coco und das kleine Schwarze ist sie für den Deutschen Jugendliteraturpries 2015 nominiert.
Annemarie van Haeringen lebt und arbeitet in Amsterdam.«
http://www.annemarievanhaeringen.nl

 

 

Eine Muschel für Romy

  • von Tanya Stewner
  • Bilder von Martina Hoffmann
  • durchgehend farbig illustriert
  • Fischer KJB, Februar 2014   http://www.fischerverlage.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • 68 Seiten
  • 12,99 € (D), 13,40 € (A)
  • ISBN 978-3-596-85626-8
  • ab 8 Jahren
    Eine Muschel für Romy

H E R Z E N S B I L D U N G

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eine kleine Geschichte mit großer Lebensweisheit – kindgemäß und unaufdringlich erzählt und möglicherweise sogar selbst erlebt.

Romy und Nika, die seit drei Tagen beste Freundinnen sind, lassen auf den Schafswiesen hinter dem Deich Romys roten Drachen fliegen. Doch Romy hält den Drachen an solch kurzer Leine, daß er gar nicht richtig hochsteigen kann. Nika möchte dem Drachen mehr Leine lassen, doch Romy befürchtet, daß sie dann die Kontrolle über ihn verliert und er sich vielleicht sogar losreißt und wegfliegt. Darüber geraten die beiden Freundinnen in Streit, und schließlich empört sich Romy darüber, daß Nika wütend wird, obwohl sie doch beste Freundinnen sind. Daraufhin kündigt ihr Nika die Freundschaft und wendet sich ab.

Am nächsten Tag sitzt Romy alleine und traurig am Strand und fragt sich verzweifelt, ob sie überhaupt jemand mag. Sie beobachtet eine Frau, die singend Muschelschalen sammelt und diese wieder ins Meer zurückwirft. Freundlich geht die Frau auf Romy zu, stellt sich als Mara vor, und als sie empathisch bemerkt, daß Romy traurig ausschaue, erzählt Romy davon, wie enttäuscht sie von Nika sei, die doch versprochen habe, für immer ihre beste Freundin zu sein.

Mara zeigt Romy eine schöne Muschelschale, die sie vorhin am Strand gefunden hat, und Romy fragt, ob sie die Muschel haben dürfe. Sie bekommt die Muschel unter der Bedingung, daß sie die Muschel später wieder ins Meer zurückwirft. Romy findet das zwar seltsam, stimmt jedoch zu, da sie unbedingt die Muschel haben möchte, und Mara verabschiedet sich mit einem Augenzwinkern.

Romy beschließt, sich nie mehr von dieser schillernden Muschel zu trennen, sie will sie an einem Band um den Hals tragen, damit sie sie nicht verliert. Doch bei dem Versuch, mit der Schere ein Loch in die Schale zu bohren, um sie auf ein Band aufzufädeln, zerbricht die Muschel in viele kleine Scherben.

In der Schule verteilt Romy Einladungskarten zu ihrem baldigen Geburtstag, und Nika sagt ihr genervt vor allen anderen Kindern, daß sie nicht zu ihrer Feier komme. Romy ist ganz niedergeschlagen.

Zufällig trifft sie Mara wieder und gesteht ihr, was sie mit der Muschel gemacht hat. Mara schenkt ihr wieder eine Muschel, die noch viel schöner ist als die erste, und wieder knüpft sie die Bedingung daran, daß Romy sie insMeer zurückwerfen solle. Als Romy fragt, warum sie die Muschel denn nicht behalten solle, bekommt sie folgende Erklärung von Mara: „Die Dinge, die man besonders liebhat, darf man nicht festhalten. Man muss sie loslassen, damit sie frei sein können.“ Das ist eine harte Nuß für Romy, aber sie denkt ernsthaft darüber nach und wirft die Muschel später ins Meer.

Einen Tag nach der Loslaßübung spricht Romy Nika an und sagt, daß es ihr leid täte, sie immer so bedrängt zu haben, und ob sie nicht einfach mal wieder den Drachen fliegen lassen sollten, und zwar ganz hoch. Erleichtert stimmt Nika zu, sie laufen zum Deich und lassen den Drachen steigen. Romy läßt die Leine so locker wie noch nie, und der Drache steigt höher als je zuvor, er reißt sich los und fliegt davon.

Romy bleibt locker und bewundert lächelnd die einmalige Augenblicksschönheit des freifliegenden Drachen und Nika schließt sich Romys Sichtweise an. Beiläufig sagt Nika anschließend: „Ich komme übrigens zu deinem Geburtstag.“ Und Romy fühlt sich plötzlich, als könne sie fliegen …

Tanya Stewner beschreibt sehr einfühlsam, verständnisvoll und punktgenau die kindliche Unsicherheit und Zuneigungsbedürftigkeit sowie die keimende und wachsende Selbsterkenntnis der kleinen Romy. Romys Verhalten ist zunächst von ihren Verlustängsten bestimmt. Sie fordert Garantien und Versprechen ein, die den freien Fluß zwischenmenschlichen Miteinanders beschweren und blockieren und exakt das Gegenteil des Ersehnten bewirken. Die freundlich-geheimnisvolle Mara schenkt ihr liebevolle Aufmerksamkeit, heilsame Anregungen, eine reifere Perspektive und fördert so achtsam ihre Herzensbildung.

Die farbigen, ganz- und doppelseitigen Illustrationen von Martina Hoffmann begleiten den Text harmonisch und stimmungsvoll.

 

PS:
Ich würde der kleinen Romy folgenden Spruch ins Poesiealbum schreiben:

»Wer eine Freude an sich fesseln möchte,
stutzt dem Leben die Flügel;
aber wer die Freude küßt,
wie sie ihm zufliegt,
lebt wie im Sonnenaufgang der Unendlichkeit.«

– William Blake-

 

Die Autorin:

»Tanya Stewner wurde 1974 im Bergischen Land geboren. Sie begann bereits mit zehn Jahren, Geschichten zu schreiben, und widmet sich inzwischen ganz der Schriftstellerei. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter Mailena in Wuppertal. Bei FISCHER sind von ihr bereits die Kinderbuchreihe über die Tier-Dolmetscherin Liliane Susewind und die Trilogie über die Elfe Hummelbi erschienen.«
Weitere Informationen auf der Webseite der Autorin: http://tanyastewner.de/

Die Illustratorin:

»Martina Hoffmann, geboren 1979, ist freischaffende Illustratorin. Ihre Bilderwelten zieren Magazine, Plakate, Plattenhüllen und Kinderbücher. Seit 2005 erscheinen alljährlich ihre beliebten Kalender für Mädchen und Jungen im Eigenverlag. Martina Hoffmann lebt und arbeitet in Berlin.«
Weitere Informationen auf ihrer Webseite: http://www.stiftundpapier.de/

Der Glühwürmchensommer

  • von Gilles Paris
  • Übersetzt von Carina von Enzenberg
  • Roman
  • Bloomsbury Berlin Verlag   März2015        http://www.berlinverlag.de
  • 224 Seiten
  • Gebunden, mit Schutzumschlag und LESEBÄNDCHEN
  • 16,99 € (D), 17,50 € (A), 22,90 sFr.
  • ISBN: 978-3-8270-1229-6
    Glühwürmchensommer

ELTERN  WAREN  AUCH  MAL  KINDER

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Der Glühwürmchensommer“ ist ein sonniges Buch, in dem es zwar durchaus um Leben und Tod geht, aber auf eine so nonchalante Art, daß es berührt, aber nicht bedrückt. Es handelt zudem von der Liebe und ihren Spielarten und von unaufdringlich-übersinnlichen Wahrnehmungen, zu denen empfindsame Kinder leichter Zugang finden als Erwachsene.

Der neunjährige Victor Beauregard ist der Ich-Erzähler des „Glühwürmchensommers“. Seine Familienverhältnisse sind recht unkonventionell: Seine Eltern leben getrennt, wollen aber verheiratet bleiben, sein Vater arbeitet als Fotograf für Reiseführer und reist dementsprechend viel, seine Mutter hat eine Buchhandlung und liest dementsprechend viel.

Seine hübsche vierzehnjährige Schwester verliebt sich öfter als ihr guttut, und seine sogenannte zweite Mama ist die argentinische Malerin Pilar, die sich nach der ersten Buchempfehlung sofort in Victors Mama verliebt hat und seitdem zur Familie gehört.

Victors Vater scheint ziemlich negligeant zu sein, er öffnet seine Post nicht, versäumt Rechnungstermine und weigert sich, das Urlaubsdomizil, das er von seiner verstorbenen Schwester Félicité geerbt hat, jemals wieder zu betreten, da dieser Ort für ihn mit einem Kindheitstrauma belastet ist. Die Mutter behauptet, der Vater weigere sich, erwachsen werden.

Dennoch ist er ein liebevoller, großherziger Vater und offenbar auch nicht eifersüchtig auf Pilar, die er einfach akzeptiert, da sie seiner Ansicht und auch Victors Ansicht nach eine wohltuende Zugabe zum „normalen“ Familienleben ist, auf Mama Nr. 1 aufpaßt und den Alltag mit einer Prise Magie bereichert: z.B. legt sie Tarotkarten und schmuggelt den Kindern kleine Feengeschenke unters Kopfkissen.

Victor sehnt sich sehr nach seinem Vater und nach seiner ganz alltäglichen Anwesenheit. Es ist sein größter Wunsch, daß sie wieder alle zusammenleben, und es wäre auch wunderbar, wenn sein Vater mit an die Côte d‘Azur käme.

Weder die Mutter noch der Vater haben jemals Victors Fragen nach dem belastenden Ereignis aus der Vergangenheit des Vaters beantwortet. Er wird mit der Bemerkung abgespeist, seine Tante Félicité sei kein guter Mensch gewesen und er sei noch zu klein für weitere Informationen.

Doch die Geister der Vergangenheit lassen sich nicht totschweigen, und sie werden noch großen – erlösenden – Einfluß auf den Verlauf dieses Sommerurlaubs haben.

So fährt nun die gesamte Familie – ohne den Vater – auch in diesem Sommer wieder nach Roquebrune-Cap-Martin bei Nizza in die vornehme Résidence, in der sich das geerbte Vier-Zimmer-Appartement befindet.

Victor hat dort einen guten Freund, Gaspard. Außerdem freundet er sich endlich mit Justine an, für die er schon seit dem vergangenen Sommer schwärmt. Die drei Kinder gehen gemeinsam schwimmen und erkunden die Umgebung.

In der Résidence residiert schon seit Jahrzehnten eine Baronin, und auch mit dieser freundet sich Victor an, denn er ist ein warmherziger, höflicher und durchaus schon charmanter Charakter, der offenbar auch bei älteren Damen Sympathie weckt. Von der Baronin erfährt er, daß die ungewöhnlich große Anzahl Glühwürmchen, die in diesem Sommer die Nächte beleuchten, eine besondere, wunscherfüllende Magie mitbrächten, der er Vertrauen schenken solle.

Es zeigt sich, daß die Baronin Tante Félicité kannte; und ihre Beschreibung von Félicités Wesensart schließt für Viktor einen Teil der Wissenslücken über die Kindheit seines Vaters und dessen Verhältnis zur eigenen Schwester.

Bei einem Spaziergang lernt Victor dann noch die Zwillinge Tom und Nathan kennen, die zwar sehr wasserscheu sind, indes aber über einen geheimnisvollen Schlüsselbund verfügen, mit dem sie sich Zugang zu den schönen Gärten und zeitweise unbewohnten Villen vor Ort verschaffen können. Freundlich laden sie Victor zu diesen heimlichen Besichtigungstouren ein und haben auch nichts dagegen, daß Gaston und Justine mitkommen.

Begeistert, entdeckungsfreudig und achtungsvoll dringen die Kinder in verwunschene Gärten und sehr schöne Villen ein und genießen den Reiz des Verbotenen. Tom und Nathan wissen zu jedem Gebäude interessante Hintergrundgeschichten zu erzählen, was die Faszination erhöht.

Indes ist es die Absicht der Zwillinge, Victor die Wahrheit über das tragische Ereignis aus der Kindheit des Vaters zu vermitteln und Victors Vater auf Umwegen dazu zu bringen, sich seinen Ängsten zu stellen.

Dies gelingt ausgesprochen spektakulär und hat viele positive Nebenwirkungen …

„Der Glühwürmchensommer“ ist ein Buch mit viel Sonne, Wind und Meer und bunten Schmetterlingen zwischen den Zeilen. In einem ruhigen, unaufgeregten Tonfall legt Victor Zeugnis ab von einem Sommer voller neuer Lebensweichenstellungen und läßt uns teilhaben an seiner kindlichen Perspektive voller Lebensneugier, Poesie, Feingefühl und Liebesspürsinn.

Außer Zwergen kann jeder groß werden, körperlich jedenfalls. Das ist das, was man mit den Augen sehen kann. Aber innerlich groß werden, das ist schon komplizierter.“
(Seite 27)

„Aber ich möchte mit meiner Traurigkeit allein sein und warten, bis ein weißer Schmetterling sie mit seinem Flügelschlag verscheucht.“
(Seite 57)

„Schöne Worte sind wichtig, wenn man jemanden liebt, aber sich berühren und miteinander eins werden ist wie ein Schlüssel, der alle Türen aufschließt.“
(Seite 68)

Das Titelbild und das sonnengelbe LESEBÄNDCHEN korrespondieren harmonisch mit dem Buchinhalt: Licht, Luft, Meeresglühen, kindliche Unbeschwertheit, kindlicher Mut, frischer Lebensschwung und sonnige Herzenswärme.

Der Autor:

»Gilles Paris wurde 1959 in Suresnes geboren und verdingte sich nach seinem Abitur als Kellner, Medikamententester und Bürohilfe. Er war im Ministerium für Jugend und in verschiedenen Buchverlagen tätig, gründete eine Agentur für Öffentlichkeitsarbeit und schrieb für mehrere Zeitungen als freier Journalist. „Der Glühwürmchensommer“ ist sein vierter Roman.«

 

QUERVERWEIS:

„Der Glühwürmchensommer“ ergänzt sich gut mit dem Roman „TEO“ von Lorenza Gentile, den ich im Mai 2015 besprochen habe : https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/05/20/teo/

In beiden Geschichten geht es um die kindliche Perspektive auf erwachsene Lebensbedingungen, um die kindliche Sorge um den familiären Zusammenhalt und das kindliche Bedürfnis, die eigenen Eltern in Liebe vereint zu sehen.
TEO ist etwas philosophischer und schwerer im Vergleich zum etwas „leichtsinnigen“
GLÜHWÜRMCHENSOMMER.

Der Herr der Wolken

  • von Andreas Hartmann
  • Rowohlt rotfuchs  Oktober 2008
  • 317 Seiten
  • gebunden
  • 12,95 €
  • 978-3-499-21460-8
  • ab 10 Jahren
  • Leider, leider vergriffen, aber antiquarisch suchen lohnt sich unbedingt!
    412DQz4PawL._SL500_AA300_.jpg Der Herr der Wolken

Eine Abenteuergeschichte, die ohne Blutvergießen auskommt!

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Tolig, ein Bauernjunge aus dem Land Matar, ruht sich auf einer Lichtung im Wald aus und träumt davon, mit einem Schiff übers Meer zu fahren, fremde Länder zu bereisen und Abenteuer zu erleben. Dieser Traum wird schneller und ganz  anders wahr, als er es sich ersehnt hat.

Plötzlich ergreift ihn ein riesiger rotgefiederter Vogel und trägt ihn weit übers Meer, über Gebirgsketten und Täler bis in sein Nest in der Krone eines hohen Baumes. Dort läßt er den Jungen fallen und fliegt weiter.

Tolig ahnt, daß er als Vogelfutter enden wird, wenn er nicht schnell das Weite sucht. Intuitiv nimmt er, vor seinem Abstieg von Nest und Baum, eine der dort herumliegenden roten Federn mit. Erschöpft schläft er auf dem Waldboden ein und erwacht am nächsten Morgen durch die Geräuschkulisse, die fünf tollpatschige Soldaten auf ihrem Weg durch den Wald veranstalten.

Tolig versteckt sich zunächst und lauscht den Worten der Soldaten, die ängstlich darum streiten, wer von ihnen in das gefürchtete Riesenvogelnest klettern soll, um für die Königin eine rote Feder zu holen. In der Hoffnung, daß die Soldaten ihm den Weg nach Hause zeigen können, kommt Tolig aus seinem Versteck hervor.

Nach einem kleinen Verhör sind die Soldaten hoch erfreut zu erfahren, daß dieser kleine Junge bereits eine der begehrten roten Federn besitzt. Er verhandelt mit den Soldaten, die beschließen, ihn mit in die Hauptstadt zur Königin zu nehmen. Auf dem Weg in die Stadt  erfährt Tolig, daß das fremde Land, in dem er ausgesetzt wurde, Bilan heißt und daß ein Held für einen geheimnisvollen Auftrag der Königin  gesucht wird.

Nach einigen lustigen bürokratischen Umständlichkeiten wird Tolig freundlich von der Königin Bilans  empfangen. Eigentlich möchte der Junge nur ganz schnell wieder nach Hause, doch da er so tapfer und unverletzt dem roten Vogel entkommen ist , bittet die Königin Tolig, einen lebenswichtigen königlichen Auftrag auszuführen.

Seit geraumer Zeit hat das Volk der Bilaner den Wissenschaften gegenüber der Magie den Vorzug gegeben, und die meisten Magier leben einsam, unerkannt und ungeehrt im Lande und betreiben heimlich ihre magischen Studien.

Rigul, einer dieser Magier, ist so machtsüchtig und eitel, daß er sich für die mangelnde Wertschätzung der Magie im Allgemeinen und seiner Magierpersönlichkeit im Besondernen böse rächt. Er hat die Mündung des Wolkensees geöffnet, die einst von Magiern mit einem großen  Felsbrocken verschlossen worden war. Und nun drohen ewiger Regen und die Überflutung des ganzen Landes.

Tolig soll einen guten Magier finden, der dem bösen Magier gewachsen ist und den Wolkensee wieder verschließt. Von einem neutralen Vermittler, wie Tolig, der aus einem fernen Land gekommen ist, erhofft sich die Königin eine günstigere Aufnahme für ihre königliche Bitte.

Tolig findet den Magier Moguwol, der sich als mürrisch, aber hilfsbereit erweist. Das ungleiche Paar macht sich auf den weiten Weg zum Wolkensee. Begleitet werden sie von  zwei magischen Weggefährten Moguwols, die er sich als junger Magier angezaubert hat:  ein plauderhaftes Teekesselchen und ein nicht minder gesprächiger Wanderstab. Teekesselchen und Wanderstab kommentieren gerne, ausgiebig und ungefragt die laufenden Ereignisse, wissen immer alles besser und sind unfreiwillig komisch.

Unterwegs erklärt und demonstriert der Magier dem Jungen die streng uneigennützigen und friedlichen Magiergesetze, an die sich die guten Magier zum Wohle aller Lebewesen halten.

Tolig und Moguwol wandern durch Wälder und Wüsten, erleben freundliche und feindliche Begegnungen, sie wecken eine schlafende Riesin, die ihnen nun hilft, den Felsen vor die Mündung des Wolkensees zu schieben, und sie besiegen mit den magischen Kräften Moguwols  und mit dem menschlichen Mut Toligs den bösen Magier Rigul.

Zum Dank für die Rettung Bilans verspricht die Königin, in Zukunft den Fähigkeiten der Magier wieder die gesellschaftliche Bedeutung und Achtung zukommen zu lassen, die sie in früheren Zeiten genossen hatten. Und sie erfüllt auch Toligs  Wunsch, wieder nach Hause zurückkehren zu dürfen.

Beim Abschied sind sich Moguwol und Tolig darüber einig, daß ihre gemeinsame Reise und die daraus erwachsene Freundschaft sie sehr reich gemacht haben. Außerdem haben sie einen ehrenvollen Eintrag im Buch der Zeit bekommen, wo nur die Dinge aufgeschrieben werden, die den Lauf  der Welt beeinflußt haben.

Und damit Teekesselchen und Wanderstab hier auch mal zu Wort kommen, serviere ich zum Abschluß ein typisches Gespräch dieser beiden Schlauberger:

„Wie mir Abschiede immer zu Herzen gehen“,  schluchzte das Kesselchen.
„Mir tut es in der Seele weh, den Burschen gehen zu lassen“, weinte  der Stab.  „So einen mutigen und klugen Gefährten findet unser Meister nie wieder.“
„Dabei wolltest du ihn erst gar nicht mitnehmen“, fauchte das Kesselchen.
„Was?“, schnappte der Stab zurück.  „Wäre ich nicht gewesen, hätte unser Meister vielleicht auf dich gehört und Tolig gleich wieder nach Hause geschickt.“

 

Der Autor:

»Andreas Hartmann wurde 1973 in Berlin geboren. Nachdem sich das Ingenieurswesen für ihn rasch als Irrweg entpuppte, studierte er Erziehungswissenschaften. Er arbeitete in verschiedenen Bereichen – nur nicht in der Sozialarbeit. Auf verschlungenen Pfaden verschlug es ihn schließlich zum Schreiben und Übersetzen. Das tut er heute noch. Er lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Berlin. In seiner freien Zeit übt er sich ernsthaft in Taiji und Ninjutsu.«
Der Autor, Andreas Hartmann, gewann übrigens im Jahre 2007 mit „Der Herr der Wolken“ den ersten rotfuchs-Fantasy-Schreibwettbewerb und im Jahre 2009 den „Goldenen Bücherpiraten“.
Zusätzliche Informationen finden sich auf seiner Homepage:   http://www.klippenschreiber.de
PS:
Auch dieses Kinderbuch ist ein Beispiel für ein leises und wertvolles Buch, das sich leider auf dem marktschreierischen Buchmarkt nicht lange gehalten hat. Ich kann meine wärmste Empfehlung dennoch nur wiederholen und auf die Möglichkeit, den Titel auf antiquarischem Wege zu finden, hinweisen.

Ich „adoptiere“ ja gerne Titel, die in der Buchmarktmasse untergegangen sind (siehe : https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/14/hurz-burz-und-seine-freunde/  meine Besprechung von „Hurz Burz und seine Freunde“), die – wundersamerweise  – die bisher am  am häufigsten aufgerufene Rezension auf meinen Leselebenszeichen ist.

 

Die Brandungswelle

  • von Claudie Gallay
  • aus dem Französischen von Claudia Steinitz
  • btb Verlag 2011                                                       http://www.btb-verlag.de
  • Taschenbuch
  • 557 Seiten
  •  10,99 (D), 11,30 € (A), 15,50 sFr.
  • ISBN 978-3-442-74313-1
    Die Brandungswelle von Claudie Gallay

Ein leises Buch mit Tiefsinn

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Die Brandungswelle“ wird von einem Ich erzählt, dessen Namen wir bis zum Schluß nicht erfahren, doch das fällt mir erst jetzt beim Schreiben dieser Buchbesprechung auf. Auch der verstorbene Liebste der Erzählerin, an den sie manchmal unmittelbar das Wort richtet, bleibt für uns Leser ein namenloses Du.

Die Erzählerin ist Biologiedozentin, hat sich nach dem Tod ihres Mannes von der Universität beurlauben lassen und sichtet nun im Auftrag eines ornitologischen Zentrums Vögel an der nordwestlichen Küste der Normandie. In dem kleinen Hafenort La Hague wohnt sie im ersten Stockwerk eines Hauses, das gefährlich nah am Meer steht. Im Stockwerk darunter wohnt der Bildhauer Raphaël zusammen mit seiner jüngeren Schwester Morgane. Diese drei Zugereisten leben familiär-freundschaftlich beieinander.

Jeder ist auf seine Weise in La Hague gestrandet und vorläufig geblieben. Jeder respektiert den verletzlichen Gefühlsraum und das Schweigen des anderen, überbrückt aber auch die individuelle Einsamkeit durch eine Form des Mitgefühls, die mehr in körperlichen Gesten als in tiefschürfenden Worten  zum Ausdruck kommt.

Lambert,  ein neuer Gast in La Hague, erweckt die vorsichtige Neugier der Erzählerin und sorgt bei den Einheimischen für Unruhe. Er bezieht das alte Ferienhaus seiner Eltern, und wir erfahren, daß er als Kind bei einem tragischen Bootsunfall seine Eltern und seinen kleinen Bruder verloren hat. Angeblich war das Leuchtturmlicht ausgeschaltet worden und das Boot seiner Eltern dadurch an den Küstenfelsen zerschellt. Nach und nach zeigen sich die Verstrickungen einiger Dorfbewohner mit diesem Unglück, alte Geheimnisse werden gelüftet, aber die Zuordnung von Schuld und Unschuld, Gut und Böse erweist sich als sehr komplex und ambivalent.

Während Lambert seine Nachforschungen vorantreibt und auch die Erzählerin ihren Anteil am Entwirren der Schicksalsfäden hat, kommen sich diese beiden verlustgeprüften Menschen sehr behutsam und langsam näher.

Die Sprache, in der diese Geschichte vom Verlieren und Finden gestaltet ist, verdient besondere Beachtung; sie ist von ganz außergewöhnlicher Textur. Wie der Bildhauer Raphaël mit seinen Figuren unausgesprochenen Gefühlen sichtbare Gestalt gibt, so meißelt die Autorin ihre Geschichte aus der Sprache heraus: schnörkellos, karg, rauh, elementar, durchatmet von einer beeindruckenden Demut. Sie erschafft damit eine naturbelassene Gefühlslandschaft von starker und unmittelbarer Präsenz.
Eine Kostprobe davon gibt das folgende Zitat, dem ich hiermit auch gerne das Schlußwort überlasse:

 „Wir machten ganz dicht an der Steilküste Halt, fast am Rand, zwei verlorene Seelen im Angesicht des Meeres, des Ursprungs der Welt. Das Meer wich zurück, kam wieder, Bäume wuchsen, Kinder wurden geboren und starben.

Andere Kinder traten an ihre Stelle. Und das Meer blieb dabei immer gleich. Eine Bewegung, die keiner Worte bedurfte. Die wirkte. Seit Monaten verschmolz ich mit dieser Landschaft, langsam wie ein Tier im Winterschlaf. Ich schlief. Ich aß. Ich lief. Ich weinte.Vielleicht war meine Anwesenheit hier deswegen möglich. Weil sie akzeptabel war. Wegen meiner Stille.“

 

Die Autorin:

»CLAUDIE GALLAY, 1961 im Département Isère geboren, ist eine der populärsten Schriftstellerinnen Frankreichs. Ihr internationaler Durchbruch war der Bestseller »Die Brandungswelle«, der monatelang auf der französischen Bestsellerliste stand, mehrfach ausgezeichnet wurde und in weiteren elf Ländern erschien.«