Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen

  • Kinderbuch
  • Illustrationen: Marc Boutavant
  • Text: Toon Tellegen
  • Übersetzung aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
  • Carl Hanser Verlag 2015 www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden,  Fadenheftung
  • Format: 19 x 27 cm
  • 80 Seiten
  • durchgehend farbig illustriert
  • 14,90 € (D), 15,40 € (A), 21,90 sFr.
  • ISBN 978-3-446-24677-5
  • ab 6 Jahren zum Selbsterlesen
  • ab 4 Jahren zum Vorlesen
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MUT  ZUR  WUT

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wut hat viele Gesichter und Ausdrucksformen, einige davon werden in den zwölf Geschichten des Bilderbuches „Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen“ anschaulich vorgeführt.

Da können sich Käfer und Regenwurm nicht darüber einigen, wer von ihnen am wütendsten ist, und geraten darüber so richtig feurig-wetteifernd in Rage. Doch nachdem sie sich ausgetobt haben, können sie sich auch wieder miteinander vertragen.

Die Grille nimmt beim Käfer Nachhilfeunterricht im Wütendsein. Sie lernt den intensiv funkelnden Blick, die passende Mimik und Körperhaltung, aber sie kann sich einfach keine bösen Gedanken ausdenken. Schließlich provoziert der Käfer die Grille, indem er sie und ihr Grillenzirpen als häßlich bezeichnet. Da wird die Grille wirklich wütend und verpaßt dem Käfer eine Ohrfeige, die ihn umwirft. Freundlich hilft die Grille dem Käfer wieder auf, denn ihre bösen Gedanken sind schon wieder verflogen, und sie ist nicht nachtragend. Allerdings ist jetzt der Käfer beleidigt …

Der Elefant ist wütend auf sich selbst, weil er bei seinem Konflikt zwischen Gefühl und Verstand eine schmerzliche Erfahrung – wider besseres Wissen – wiederholt …

Der Igel hingegen wundert sich, daß er das Gefühl der Wut noch nie selbst empfunden hat und es nur aus der Beobachtung anderer Tiere kennt …

Der Klippschliefer ist wütend auf die Sonne, die jeden Abend untergeht und nicht wenigstens einmal für den Klippschliefer eine Ausnahme macht. Doch egal wie sehr er tobt und schimpft: Die Sonne macht, was sie will, und kümmert sich nicht um den Wunsch des Klippschliefers. Ja, wahrscheinlich hört sie ihm noch nicht einmal zu, gleichgültig wie böse er auf sie wird …

Das Eichhörnchen läßt sich von den Unverschämtheiten der wütenden Spitzmaus nicht zu einer Wutreaktion verleiten. Trotz der heftigen Wortattacken und Beleidigungen bleibt es  gelassen, was die Spitzmaus zum enttäuschten Rückzug veranlaßt.

Nilpferd und Nashorn begegnen sich auf einem schmalen Weg, und keines von beiden will ausweichen und den anderen vorbeilassen. Nachdem sie drohend klargestellt haben, daß keines von ihnen nachzugeben bereit ist, setzen sie sich erst einmal hin und schweigen. Dann teilen sie ihren Proviant, schließlich tanzen sie sogar miteinander, und am Abend verabschieden sie sich freundlich und versprechen sich gegenseitig gutgelaunt, einander beim nächsten Treffen auf keinen Fall aus dem Wege zu gehen.

Der Krebs kommt mit einem Musterkoffer voller Wut zur Maus ins Maleratelier und bietet seine Ware an. Die Maus entgegnet, daß sie ganz gut von alleine wütend sein könne, wenn sie das wolle, aber sie läßt sich dennoch das ganze Sortiment zeigen: „leichte, hellrote Wut, runzliger grauer Ärger, grünlicher Zorn und schneeweiße Raserei“.

Ganz unten im Koffer zieht etwas Hellblaues die Aufmerksamkeit der Maus auf sich. Das sei Wehmut, sagt der Krebs, und diese sei eigentlich unverkäuflich. Die Wehmut schaut aus wie ein halbdurchsichtiger Schal, und den wickelt sich die Maus um den kleinen Hals, und schon sagt sie seufzend „Ach…“

Die Ameise erklärt der wütenden Kröte, was sie mit ihrer Wut machen könne. Sie könne die Wut wegpusten, begraben, vergessen, aufessen, ins Meer werfen, sie wegsingen, übermalen, mit ihr tanzen, aber sie könne sie auch hegen und pflegen – doch am besten würfe sie die Wut einfach weg. Also wirft die Kröte die Wut weg, und danach unterhalten sich die beiden über die Zufriedenheit, mit der man nämlich „nie etwas tun müsste.

Die in diesem Kinderbuch versammelten Wutepisoden zeigen, daß Wut (oder sogenannte böse Gefühle und Gedanken) zum Empfindungsspektrum des Daseins gehören. Die vorgestellten Wutszenarien sind nicht todernst, sondern lustig, selbstironisch und leise philosophisch. Die Wut ist keine unausweichliche Naturgewalt, sondern sie ist beherrschbar, dosierbar und sogar verwandelbar.

Die  ausdrucksvollen Zeichnungen von Marc Boutavant geben den Figuren und ihren wechselvollen Gefühlen glaubwürdige Gestalt.

Der Autor Toon Tellegen plaudert nicht alles plakativ aus, sondern deutet an, läßt offen und weckt ein psychologisch-poetisch-philosophisches Nachspürecho, das der Reflexion und Akzeptanz eigener Wuterfahrungen dienlich sein kann. Mit diesem Bilderbuch können Kinder lernen, der eigenen und der fremden Wut mitfühlend zu begegnen und sie etwas schelmischer zu betrachten. Die zwölf Wutgeschichten eignen sich auch als Impuls, um mit Kindern über Wut und Wutanfälle zu sprechen, deren Ursachen zu entdecken und konstruktive Umgangsformen mit der Wut zu finden.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/man-wird-doch-wohl-mal-wuetend-werden-duerfen/978-3-446-24677-5/

 

Der Illustrator:

»Marc Boutavant, 1970 im französischen Dijon geboren, lebt und arbeitet in Paris. Er zählt zu den stilprägenden Illustratoren seiner Generation und ist insbesondere für seine farbenfrohen Werke für Kinder bekannt. Die Geschichten um seinen Bären Mouk und den Esel Ariol wurden beide für das Fernsehen verfilmt. Im Hanser Kinderbuch erschien nach Die große Reise des kleinen Mouk (2008) das von ihm illustrierte Kinderbuch „Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen (2015).«

Der Autor:

»Toon Tellegen, am 18.11.1941 in Den Briel, Niederlande geboren, studierte Medizin in Utrecht, arbeitete als Arzt in Kenia und ließ sich als Lyriker in Amsterdam nieder. Heute ist er einer der bekanntesten Schriftsteller der Niederlande. 1997 erhielt er den Theo Thijssenprijs für Literatur, 2004 den Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur, den Goldenen Griffel bekam er 1988 und 1994, den Silbernen Griffel 1990, 1994, 1997 und 1999. Im Hanser Kinderbuch erschienen sind Josefs Vater (1994), Richtig dicke Freunde (1999) sowie Briefe vom Eichhorn an die Ameise (Hanser 2001). 2015 folgte das von Marc Boutavant illustrierte Kinderbuch „Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen“.«

Querverweis:

Hier geht es zu einem weiterem Kinderbuch von Toon Tellegen: Ein Garten für den Wal
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/27/ein-garten-fuer-den-wal/

PS:
Da der konstruktive Umgang mit Gefühlen ein wesentlicher Bestandteil  heilsamer kindlicher Herzensbildung ist, reihe ich meine Rezension von „Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen“ gerne bei  Petra Pawlowskys Projekt KINDER IM AUFWIND ein. Die Künstlerin Petra Pawlowsky hat auf ihrer Webseite „da sein im Netz“ https://pawlo.wordpress.com/ das Projekt KINDER IM AUFWIND initiiert:
»Fragt Ihr Euch auch manchmal, wie unsere Kinder all das verkraften, was an Nachrichten auf sie einstürzt?  Wie sie mit dem anspruchsvollem Leistungsdruck, der Hetze im Alltag, den Medien, den stumpfen Blicken vieler Erwachsener um sie herum zurechtkommen? Wie wir ihnen eine Basis geben können, gelassen, selbstsicher und hoffnungsvoll zu leben und in die Zukunft zu schauen? Eben im Aufwind zu bleiben…«

https://pawlo.wordpress.com/2016/08/18/kinder-im-aufwindchildren-upwind/

Sie lädt weitere Blogger dazu ein, thematisch passende Texte, Bilder, Fotos, Musik, Gemälde, digitale Kunst, Gedichte, Lieder, Zitate usw. per Linkhinweis ergänzend hinzuzufügen. Die bisherigen gesammelten Beitragslinks der anderen aufwindigen Teilnehmer finden sich – thematisch geordnet – hier: https://pawlo.wordpress.com/home-2/fundgrube-fuer-kinder-im-aufwind/

 

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böse

  • Bilderbuch
  • Text: Lorenz Pauli
  • Illustration: Kathrin Schärer
  • Atlantis Verlag September 2016  www.atlantis-verlag.ch
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 23,6 cm x 28,5 cm
  • 32 Seiten
  • 14,95 € (D), 15,40 € (A), 24,90 sFr.
  • ISBN 978-3-7152-0720-9
  • ab 4 Jahren
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EINE  GUTE  BÖSE  TAT

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Das ist nun mal ein ganz anderes Bauernhof-Bilderbuchszenario. Hier wird mit einer völlig überraschenden Wendung eine perspektivische Vermessung von Gut und Böse vorgenommen.

Eine kleine hungrige Maus hockt versteckt im Stroh. Ziege, Hund, Taube, Pferd, Katze und Schweine plaudern miteinander und erzählen sich ein wenig selbstgefällig, wie lieb und brav sie sind und welche kleinen Bosheiten sie sich gelegentlich erlauben.

So erschreckt der Hund ab und an gerne den stolzen Hahn, die Ziege vergreift sich verfressen an den Gartenblumen, die Taube läßt gezielt einen Taubendreck auf den Hut des Bauern fallen usw. Alle Tiere finden das amüsant und tolerabel.

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Aus: böse © Atlantis Verlag 2016 Text: Lorenz Pauli / Illustration: Kathrin Schärer

Gerade in dem Augenblick, als die Katze sich gegenüber dem braven Pferd mit dem Erzählen vordrängelt, traut sich die Maus aus dem Strohversteck heraus und nähert sich einigen Körnern, die in der Nähe des Pferdes auf dem Boden liegen. Die Katze schweigt und schleicht sich an die Maus heran, alle Tiere schauen wie gebannt auf die Katze, die schon zum Jagdsprung ansetzt.

„KLACK tritt das Pferd auf die Maus.“ Sogleich äußern sich die Tiere entsetzt über diese böse Gemeinheit. Die Katze zieht sich eingeschüchtert zurück und trollt sich.

Der Hund fragt, warum das Pferd die Maus zertreten habe. Das Pferd antwortet, es habe der Katze eine Lektion erteilen wollen, die aus bloßer Langeweile Mäuse jage, obwohl sie doch ihr Futter vom Bauern bekäme.

Dann hebt das Pferd vorsichtig den Vorderhuf, und die unversehrte Maus, die bequem unter dem Hufeisen Platz gefunden hatte, kommt zum Vorschein und bedankt sich. Ganz leise, damit die Katze nichts davon bemerkt, lachen alle Tiere über diese „liebste Gemeinheit der Welt.“

 

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Aus: böse © Atlantis Verlag 2016 Text: Lorenz Pauli / Illustration: Kathrin Schärer

 

Lorenz Pauli erzählt diese hintersinnige Geschichte in kurzen, konzentrierten Sätzen mit lebhaften Dialogen in direkter Rede und mit spannender, bühnenreifer Dramaturgie. Die Illustrationen von Kathrin Schärer geben den dargestellten Tieren einen bewundernswert vielfältigen mimischen und körpersprachlichen Gefühlsausdruck.

„böse“ ist ein in mehrerer Hinsicht sehenswertes und bedenkenswertes Bilderbuch, das Kindern zeigt, daß Gut und Böse nicht immer einfach und eindeutig zu erkennen sind, sondern aus verschiedenen Perspektiven ganz unterschiedliche Schattierungen und Bewertungen erfahren, die einfühlsames Hinterfragen erfordern.

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://ofv.ch/kinderbuch/detail/b%c3%b6se/102781/

 

Der Autor:

»Lorenz Pauli wurde 1967 geboren. Irgendwann wurde er Kindergärtner. Viele Jahre arbeitete und lachte er mit den Kindern. Dann wurden die Tage zu kurz, und nun lacht er nur noch: Vor seiner Tastatur und beim Erzählen auf der Bühne. 2012 stand Lorenz Pauli auf der IBBY-Honour-List für seinen Text »Oma Emma Mama« (2010, Atlantis). „Pass auf mich auf!“ (Pauli/Zedelius, 2015, Atlantis) war nominiert für den Schweizer Kinder- und Jugendmedienpreis 2015. Pauli lebt mit seiner Familie in Bern. Mehr über ihn, seine Bibliografie und seine Auftritte auf seiner Webseite: http://www.mupf.ch «

Die Illustratorin:

»Kathrin Schärer, geboren 1969 in Basel, studierte Zeichen- und Werklehrerin an der Hochschule für Gestaltung Basel. Sie unterrichtet an einer Sprachheilschule und arbeitet als Illustratorin. Wiederholt hat sie eigene Texte illustriert und in langjähriger Zusammenarbeit und mit großem Erfolg Geschichten von Lorenz Pauli. Für ihr Gesamtwerk war Kathrin Schärer für den Hans-Christian-Andersen-Preis 2012 und für den Astrid Lindgren Award 2014 nominiert. »Johanna im Zug« (2009, Atlantis) wurde 2011 mit dem Schweizer Kinder- und Jugendmedienpreis ausgezeichnet. Webseite: http://kathrinschaerer.ch/ «

Querverweis:

Hier entlang zu einer weiteren Kokreation von Lorenz Pauli und Kathrin Schärer:
Rigo und Rosa https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/06/28/rigo-und-rosa/

Hier entlang zu Katrin Schärers Bilderbuch über den Tod:
Der Tod im Apfelbaum https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/20/der-tod-auf-dem-apfelbaum/

Rigo und Rosa

  • 28 Geschichten aus dem Zoo und dem Leben
  • Bilderbuch
  • Text von Lorenz Pauli
  • Bilder von Kathrin Schärer
  • Atlantis Verlag  Februar 2016   www.atlantis-verlag.ch
  • Format: 17,6 x 26,4 cm
  • gebunden, Fadenheftung
  • durchgehend vierfarbig
  • 16,95 € (D), 17,50 € (A), 26,80 sFr.
  • ISBN 978-3-7152-0710-0
  • ab 5 Jahren
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P H I L O Z O O L O G I S C H

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eines Abends findet der alte und schon etwas müde Zooleopard Rigo eine kleine Maus in seinem Gehege. Kurz ist er geneigt, sie einfach aufzufressen, aber da sie ihn so rührend und vertrauensselig um Schutz vor bösen Tieren bittet, unterhält er sich amüsiert mit ihr. Die Maus heißt Rosa und darf schließlich, eingekuschelt in den Leopardenschwanz, bei Rigo übernachten.Rigo und Rosa Innen 1

Aus: Rigo und Rosa © Atlantis Verlag 2016 Text: Lorenz Pauli / Illustration: Kathrin Schärer

Am nächsten Morgen geht das Kennenlernen und Miteinanderplaudern munter weiter. Rosa ist jung, neu- und wißbegierig und springlebendig. Rigo genießt die täglichen Besuche von Rosa und die abwechslungsreichen Ideen, Phantasien und Fragestellungen, die sie stets mitbringt.

In heiter-schelmischen Dialogen erörtern sie die Themen Angst und Vertrauen, richtige und falsche Geschenke, wie man Feste feiert, die Kugelform der Erde, Schönheit und Wahrheit sowie Freude und Weisheit, und sie beschäftigen sich damit, wie man die Welt verändert, Langweile vertreibt, Schnupfen mit Kräutern heilt u.v.a.m.Rigo und Rosa Innen 2

Aus: Rigo und Rosa © Atlantis Verlag 2016 Text: Lorenz Pauli / Illustration: Kathrin Schärer

 

Während all dieser spielerisch-philosophischen Betrachtungen geht es auch immer wieder um die wechselseitig wachsenden freundschaftlichen Gefühle, und manchmal erfinden sie auch ganz neue Worte, wie z.B. „flatterastisch“ für die Schönheit der Schmetterlinge oder „extratopoflorios“ für eine besonders schöne Pflanzen- und Tautropfenszenerie.

„Alles, was wir tun, ist wichtig.
Wenn du willst, dass etwas passiert,
dann musst du es selber tun.
Du musst es tun, als ob es nur auf dich
alleine ankommen würde.
Denn es kommt auf dich an.“  (Seite 115)

In diesen 28 Geschichten gibt Lorenz Pauli großen Gedanken, tiefsinnigen Fragen und lebhaften Gefühlen mit meisterhafter Einfachheit kindgerecht einen warmherzigen, erzählerischen Entwicklungsraum. Die weitgehend naturbelassenen Illustrationen von Kathrin Schärer werden den beschriebenen Charakteren mimisch, gestisch und szenisch ausdrucksvoll gerecht und harmonieren wunderbar mit dem einfühlsam-nachdenklichen, humorvollen Tonfall des Textes.

Hier geht es zum Buch auf der Verlagswebseite, dort gibt es auch Einblick ins Buch: http://ofv.ch/kinderbuch/detail/rigo-und-rosa/101821/

Der Autor:

»Lorenz Pauli, geboren 1967. Nach einer Banklehre machte er die Ausbildung zum Kindergärtner. Seit 1989 arbeitet er in einem Kindergarten in Zollikofen; längst mit reduziertem Pensum, denn oft ist er unterwegs als Erzähler. Mit wenigen Requisiten und mit sympathischer Bühnenpräsenz fasziniert er Kinder und Erwachsene. 2012 bekam Lorenz Pauli Ehrerweisung auch von offizieller Seite – mit einem Platz auf der IBBY-Honour-List für die Qualität seines Textes in »Oma Emma Mama« (2010, Atlantis). Pauli lebt mit seiner Familie in Bern. Hinweise auf seine Veröffentlichungen in Berner Mundart, auf Bücher und Tonträger unter: Webseite:  http://www.mupf.ch  «

Die Illustratorin:

»Kathrin Schärer, 1969 geboren, studierte an der Hochschule für Gestaltung Basel, wo sie auch lebt. Sie hat wiederholt eigene Texte illustriert und in langjähriger Zusammenarbeit und mit Erfolg Geschichten von Lorenz Pauli. Für ihr Gesamtwerk war sie für den Hans-Christian-Andersen-Preis 2012 und den Astrid Lindgren Award 2014 nominiert. Zuletzt wurde „Der Tod auf dem Apfelbaum“ (2015, Atlantis) stark beachtet und mehrfach ausgezeichnet. Infos unter:  www.kathrinschaerer.ch  «

Querverweis:

Hier entlang zu einer weiteren Bilderbuch-Kokreation von Lorenz Pauli und Kathrin Schärer „böse“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/03/02/boese/

Hier geht es zu meiner Besprechung  von Kathrin Schärers Bilderbuch „Der Tod auf dem Apfelbaum“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/20/der-tod-auf-dem-apfelbaum/

 

Wie der Kater und die Maus trotzdem Freunde wurden

  • von Luis Sepúlveda
  • Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
  • Mit farbigen Bildern von Sabine Wilharm
  • gebunden, Fadenheftung
  • 96 Seiten
  • Februar 2014, Fischer KJB Verlag                 http://www.fischerverlage.de
  • 12,99 € (D), 13,40 € (A), sFr.19,50
  • ISBN 978-3-596-85628-2
  • ab 8 Jahren zum Selbsterlesen
  • und ansonsten für jedes Alter
    u1_978-3-596-85628-2.jpg Wie der Kater und die Maus

MAX,   MIX   UND  MEX

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Man könnte sagen, dass Mix der Kater von Max ist; aber auch, dass Max der Mensch von Mix ist. Da das Leben uns jedoch lehrt, dass es nicht recht ist, als Mensch Besitzer eines anderen Menschen oder eines Tieres zu sein, sagen wir also, dass Max und Mix, oder Mix und Max einander mögen.“ (Seite 7)

„Wie der Kater und die Maus trotzdem Freunde wurden“ begeistert schon mit diesen einleitenden Sätzen, und ich kann Ihnen versprechen, daß die Begeisterung bis zum Schluß hält.

Max bekommt als kleiner Junge einen kleinen Kater, den er Mix nennt. Die beiden werden dicke Freunde und wachsen gemeinsam auf. Wechselseitige Fürsorge und Anteilnahme sind die Basis ihres Miteinanders. Naturgemäß ist Kater Mix schon ein alter Kater, als er zusammen mit dem inzwischen zum jungen Studenten herangewachsenen Max in eine Studentenwohnung umzieht.

Während Max eifrig studiert und wissensdurstig Bücher wälzt, erkundet Mix über eine Leiter, die zur Dachluke führt, die Dächer der Umgebung und genießt bei der Rückkehr von seinen Ausflügen die vertraute wohngemeinschaftliche Zweisamkeit mit „seinem“ Menschen.

Die Kommunikation zwischen Max und Mix ist eine rührende Kombination aus körpersprachlichen Gesten und sensibler gegenseitiger Einfühlung.

Doch Mix wird müder und träger, und eines Tages läuft er vor eine herumstehende Bücherkiste. Besorgt bringt Max den Kater zum Tierarzt, und dieser diagnostiziert, daß der Kater erblindet sei.

Max hält daraufhin strikt die für den Kater gewohnte Anordnung der Möbel bei, denn mit seinem Gedächtnis und seinem intakten Geruchssinn kann sich Mix immer noch gut in der Wohnung bewegen und orientieren. Außerdem verfeinert sich sein Gehörsinn, und er lauscht mit Vergnügen den Geigenübungen einer benachbarten Musikstudentin und den Stimmen und Gesprächen anderer Hausbewohner.

So erfährt Mix auch, daß den Nachbarskindern die mexikanischen Mäuse entlaufen sind, doch das beschäftigt ihn nicht sonderlich. Gemütlich liegt er unter der Heizung und betrachtet seine Erinnerungen. Doch in die Erinnerungsbilder trippeln ganz leise Pfötchenschritte, und als die Schritte nahe genug herangekommen sind, greift Mix mit flinker Tatze zu und fängt eine Maus.

Diese Maus ist vorwitzig und behauptet, sie sei eine eklige Nacktschnecke und überhaupt nicht bekömmlich. Amüsiert und nachsichtig entgegnet der Kater, er habe noch nie eine Schnecke „mit Ohren, Schnurrbart und Schwanz“ erlebt. Kleinlaut gesteht die Maus daraufhin, daß sie eine der Gefangenschaft entlaufene mexikanische Maus sei und sich bloß ein paar Müslikrümel einverleiben wolle.

Der gutmütige Kater läßt die Maus frei, gibt ihr den Namen Mex, und die beiden freunden sich an. Mix schickt Mex auf die Fensterbank und läßt sich ausführlich beschreiben, was auf der Straße passiert, und dafür schubst Mix sogar eine Schachtel köstliche Haferflocken aus dem Speisekammerregal auf den Boden.

Max entdeckt die Haferflockenbescherung, und Mix zeigt Max das Schlafnest von Mex (im Bücherregal hinter einem dicken Roman von Jules Verne). Einfühlsam schlußfolgert Max, daß er nun ein zweites Haustier zu versorgen habe, und stellt neben das Schälchen mit Katzenfutter für Mix ein kleineres Futterschälchen mit Haferflocken für Mex hin.

Einmal schlagen Mix und Mex sogar sehr raffiniert und supermäuschenmutig einen Einbrecher in die Flucht. Schließlich wagt sich Mix – navigiert von Mex – wieder über die Leiter aufs Dach. Jeden Tag erfahren die ungleichen Freunde die Ermutigung und freudige Lebendigkeit wahrer Freundschaft.

In der Zeit, die Kater und Maus zusammen verbrachten – egal, wie kurz oder lang sie war, denn das Leben bemisst sich nach der Intensität, mit der es gelebt wird – sah Mix mit den Augen seines kleinen Freundes, und Mex wurde stark durch die Kraft, die von seinem großen Freund ausging.
Und beide waren glücklich, da sie wussten, dass wahre Freunde das Beste teilen, was sie besitzen
.“
(Seite 93)

Der weise-witzige, ja geradezu zärtlich-charmante Erzählton von Luis Sepúlveda wird von der Illustratorin Sabine Wilharm in stimmige heiter-augenzwinkernde, lebhafte Bilder übersetzt.

Wie der Kater und die Maus trotzdem Freunde wurden“ ist eine warmherzige Geschichte für große und kleine Leser sowie Vorleser, Betrachter und Zuhörer. Es ist ein altersloses Loblied auf den Wert wahrer Freundschaft und Verbundenheit – und dank der harmonisch begleitenden Illustrationen eine Bereicherung für Herz und  Auge.

 

Der Autor:

»Luis Sepúvelda, geboren 1949 in Nordchile, ging nach politischem Engagement in der Studenten- und Gewerkschaftsbewegung ins Exil nach Ecuador, gründete Theatergruppen in Peru, Ecuador und Kolumbien, arbeitete als Journalist. Er lebt heute in Spanien. Luis Sepúlveda schreibt Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Hörspiele und Essays. Sein Werk wurde mit mehreren literarischen Preisen ausgezeichnet.«

Die Illustratorin:

»Sabine Wilharm, geboren 1954, studierte Illustration an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg und arbeitet als freie Illustratorin vorwiegend für Kinderbuchverlage.
Für Fischer hat sie u.a. auch Luis Sepúlvedas Kinderroman „Wie Kater Zorbas der kleinen Möwe das Fliegen beibrachte“ illustriert.«

Der Übersetzer:

»Willi Zurbrüggen, geboren 1949 in Borghorst, Westfalen, absolvierte eine Sparkassenlehre und arbeitete bei einer Investmentbank in Frankfurt am Main. Er bereiste den Maghreb und den Vorderen Orient, bevor er zwei Jahre in Mexiko und Mittelamerika lebte .Seit 1980 ist er freier Literaturüber-setzer aus dem Spanischen. Für seine Übersetzungen wurde er mehrfach ausgezeichnet.«

Pünkelchens Abenteuer

  • von Dick Laan
  • Deutsch von Frank Berger
  • unter Verwendung der Nacherzählung von Lise Gast
  • Illustrationen von Hans Deininger
  • Umschlagillustration von Daniela Drescher
  • Verlag Urachhaus 2006                                          http://www.urachhaus.com
  •  gebunden, 137 Seiten
  • 12,90 €
  • ISBN 978-3-8251-7540-5
  • zum Vorlesen ab 5 Jahren
  • zum Selberlesen ab 8 Jahren
    9783825175405_3589.png Pünkelchens Abenteuer

H E R Z E R F R I S C H E N D

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Meine einhundertste Buchbesprechung möchte ich mit meinem geliebten Pünkelchen feiern!

Es ist spannend, nach vier Jahrzehnten Leseabstand ein einst hochgeschätztes Kinderbuch wieder zu lesen: Würde es mir noch immer gefallen? Oder hielte es dem erwachsenen, leseerfahreneren Blick nicht mehr stand?

Damals gab es – neben der ganz großen Stadtbibliothek in Stadtmitte – noch in jedem Stadtteil meiner Heimatstadt Solingen eine Zweigstelle der Stadtbücherei. Wir wohnten in Gräfrath, einem Altstadtviertel: Meine Mutter ging mit mir über Kopfsteinpflaster, am Brunnen auf dem historischen Marktplatz vorbei zu einem Gründerzeithaus, das – verglichen mit den Fachwerk- und Schieferhäusern – fast modern wirkte. Ich höre noch das zarte Windspieltürglöckchen, das erklang, sobald man die Türe öffnete und die Schwelle zu zweieinhalb Bücherräumchen überschritt.

Die Auswahl eines Kinderbuches fiel mir angesichts der bunten Fülle schwer; ich war noch eine langsame, ungeduldige kleine Leseanfängerin, aber – Dank der unermüdlichen Vorleseleistung meiner Eltern – schon eine große, erfahrene Geschichten- und Märchenkennerin.

Eine sehr freundliche, ältere Bibliothekarin empfahl mir den ersten Band der Pünkelchen-Reihe und traf damit genau meinen Geschmack. So kam es, daß ich einige Wochen lang in Pünkelchen-Büchern schwelgte, solange die Buchreihe reichte. Pünkelchens Abenteuer fühlten sich für mich als Kind einfach richtig an… Fast scheue ich mich, diese Buchtüre nun wieder aufzuschlagen – werde ich als Erwachsene noch hindurchpassen?

Diese Lesezeitreise hat sich ausgesprochen gelohnt, die Wiederlesensfreude begann schon auf der ersten Seite und hörte gar nicht mehr auf. Was für herzerfrischende, liebevolle, sanft-spannende Geschichten und noch dazu en passant ein Lehrbuch für Empathie und Kooperation! Mir ging wahrlich das Herz auf beim Lesen, und ich schmunzelte ununterbrochen vor mich hin.

Pünkelchen ist ein Wichtel, kleiner als eine Kinderhand und schon so alt, daß er selbst nicht mehr weiß, wie alt er eigentlich ist. Er trägt blaue Hosen, ein rotgepünkeltes Hemdchen und auf dem Kopf ein blaues Filzhütchen.

Er lebt im Wald; doch als der Baum, in dem er sein Wohnstübchen hat, gefällt wird, zieht er zwangsläufig in die Stadt um. Dort landet er unsanft auf der Straße und im Regen. Eine freundliche Maus, die „Knabbelchen“ heißt, findet das kleine, weinende Männchen, und als sie erfährt, daß es sein Zuhause verloren hat, lädt sie es zu sich nach Hause ein. So zieht Pünkelchen in ein Mäusenest, daß sich versteckt hinter einer Wand befindet.

Mit großer Neugier und echter Anteilnahme beobachtet Pünkelchen heimlich das Familienleben der Hausbewohner (Vater, Mutter und drei Kinder).

Er freundet sich mit dem Hauskater „Schnurrebart“ an, mit der Hausspinne „Silberfädchen“, der Stubenfliege „Brummerchen“, der Biene „Honigschnütchen“ und der Wespe „Steckelbein“. Mit der Krähe „Wippsteert“ gibt es schon mal Wertedifferenzen, aber wenn es wirklich ernst wird, kann auch Wippsteert hilfsbereit sein.

Als Pünkelchen einmal an einer Erkältung leidet, holt Wippsteert ihm einige weiche, wärmende Federn für sein Bettchen, Silberfädchen webt ihm ein Halstüchlein, Honigschnütchen spendet etwas Honig, und die Mäuse leisten ihm Gesellschaft – da wird so ein Pünkelchen doch liebend gerne wieder gesund und munter.

Pünkelchen besteht allerlei Abenteuerchen, die alle glimpflich ausgehen: z.B. versinkt er beim Naschen in einer Dampfnudel, oder er rast mit einem roten Spielzeugauto durch die Stube und findet die Bremse nicht, oder er macht einen unfreiwilligen Ausflug mit einem gasgefüllten Luftballon.

Neben seiner Abenteuertätigkeit verrichtet er kleine hilfreiche Heinzelmännchendienste für die Familie, bei der er heimlicher Mitbewohner ist: Er repariert zerbrochenes Spielzeug, bringt ein von Wippsteert geklautes Silberkettchen zurück, zieht die stehengebliebene Wanduhr wieder auf und schlichtet mit einfühlsamer, kommunikativer Kompetenz den Streit zwischen den kleinen Töchtern und einer Puppe.

Die 28 Kapitel von „Pünkelchens Abenteuern“ sind stets nur vier bis fünf Seiten lang und eignen sich daher gut fürs portionierte Vorlesen und gleichwohl auch fürs ununterbrochene Selberlesen, soweit der kindliche Leseatem reicht. Jede einzelne Geschichte bietet lebhafte Situationskomik, und der Tonfall des Autors ist dabei von wundervoller Gefühlsechtheit.

Die schlichten, anschaulichen Schwarzweiß-Illustrationen von Hans Deininger geben insbesondere Pünkelchens Charakter pfiffig und niedlich wieder.

Pünkelchens Augenzwinkerzwinkern

Illustration von Hans Deininger ©

Daß die Pünkelchen-Geschichten schon etwas älter sind, merkt man spätestens an den – aus heutiger Sicht – bescheidenen Geschenken, welche die Kinder zum Geburtstag bekommen, oder bei der Beschreibung des Koffergrammophons und bei der ziemlich klassisch geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung zwischen berufstätigem Vater und häuslicher Mutter.

Doch darüber hinaus haben die Pünkelchen-Bücher einen zeitlosen Geist tiefer Mitmenschlichkeit und Mitgeschöpflichkeit, eine lebenszugewandte Heiterkeit und einen zärtlichen Zauber, der (mich) auch heute noch berührt.

 

Der Autor:

»Dick Laan (1894 – 1973) sollte eigentlich die Lakritzfabrik seines Vaters übernehmen, wurde dann aber einer der niederländischen Pioniere des Stumm- und Dokumentarfilms. Die Pünkelchen-Geschichten entstanden zwischen 1939 und 1972, wurden in alle Weltsprachen übersetzt und natürlich auch verfilmt.«

Im Verlag Urachhaus sind noch drei weitere Pünkelchen-Bücher erschienen:

Pünkelchen und seine Freunde (2007)
159 Seiten, gebunden 12,90 €, ISBN 978-3-8251-7563-4
Pünkelchen im Zoo (2008)
143 Seiten, gebunden 12,90 €, ISBN 978-3-8251-7604-4
Pünkelchen in Afrika (2010)
140 Seiten, gebunden 12,90 €, ISBN 978-3-8251-7688-4