Ein Zimmer, sechs Frauen und ein Bild

  • Roman
  • von Margaret Forster
  • Originaltitel: »Keeping the World Away«
  • Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek
  • Fischer Taschenbuch Verlag  August 2008   http://www.fischerverlage.de
  • 528 Seiten
  • Taschenbuch
  • 9,95 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-596-17581-9

KAMMERSPIEL  MIT  HORIZONT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Betrachten Sie zunächst einmal ganz unvoreingenommen das Bild, welches auf dem Buchumschlag wiedergegeben wird. Es ist ein kleinformatiges Ölgemälde „A Corner of  the Artist’s Room in Paris“, das die walisische Malerin Gwen John zwischen 1907 und 1909 gemalt hat. Das Bild spielt eine wesentliche Rolle im Romangeschehen. Es zeigt eine bescheidene Dachkammer mit erdigwarmen Bodenfliesen; unter einem Fenster mit leichter, hell-durchsichtiger Gardine steht ein Tisch aus unbehandeltem Kiefernholz, den ein Sträußlein kurzstieliger, dezent-bunter Blumen ziert; auf einem Korbflechtstuhl ruht ein Kissen, ein Tuch oder eine Stola hängt über einer Lehne, und ein Damensonnen-schirm lehnt sich gleich neben das Tuch an den Flechtstuhl. Das Zimmer ist von warmem Licht und einer unsichtbaren Präsenz erfüllt.

Es ist menschenleer und dennoch strahlt es  eine schwer zu fassende Erwartung aus. Ich frage mich unwillkürlich, ob jemand das Zimmer betreten oder das Zimmer verlassen wird, ob es eine oder mehrere Personen wären und ob sich das Zimmer in Anwesenheit von Menschen nicht in ein anderes Zimmer verwandeln würde.

Natürlich wird jeder das Bild auf eigene Weise wahrnehmen, manche mögen es sogar unscheinbar und langweilig finden. Mir gefällt an diesem Gemälde besonders die subtile Farbgebung und Lichtführung und daß ich mir eine Frau in dieses Bild hineinträumen kann.

Der Roman beginnt mit dem biographischen Hintergrund der Malerin Gwen John und beschreibt ausführlich und fesselnd ihre Studien und ihr Künstlerinnenleben in Paris. Sie stand u.a. Auguste Rodin Modell und war zeitweise seine Geliebte. Gwen Johns Konflikt  zwischen abhängiger Liebesbindung und dem Bedürfnis nach Abgeschiedenheit und musischer Konzentration, um dem leidenschaftlichen Streben nach der Vervollkommnung des künstlerischen Selbstausdrucks gerecht zu werden, nimmt viel Raum ein.

Wir lesen von ihrer intensiven Arbeit an obengenanntem Bild, mit dem sie sich aus der schmerzlichen Anhänglichkeit an Rodin und seinen Versuchen, sie umzuformen, freimalt. Gwen John ist erleichtert, als das Bild endlich vollendet ist, und sie schenkt es einer guten Freundin, die aus familiären Gründen wieder nach England zurückkehrt und ihre Kunststudien in Paris aufgibt.

Diese Freundin verpackt das kostbare Geschenk sorgfältig in ihrem besten Reisekoffer. Sie wird das Bild jedoch nie wiedersehen. Denn ausgerechnet dieser Koffer wird mit einem anderen verwechselt, und das Bild strandet in England bei einer blaublütigen Familie. Eine der Töchter des Hauses hat eine künstlerische, unkonventionelle Ader und verliebt sich sogleich in das kleine Bild. Es hat auf seine stille Art einen beträchtlichen Einfluß auf ihre Selbstsicht und ihren weiteren Lebenslauf.

Später wird das Gemälde gestohlen, dann auf einem Trödelmarkt verkauft und als Liebesgabe an eine junge Frau  verschenkt. Es wird wieder verkauft, vererbt und wieder verkauft … So wird das Bild über den Zeitraum eines ganzen Jahrhunderts sechsmal von Frau zu Frau getragen und weitergereicht. Die Betrachtung des Gemäldes nährt und inspiriert bei jeder Frau die Selbstfindung und – sofern eine künstlerische Begabung vorliegt – auch das künstlerische Ausdrucksverlangen. Faszinierend sind auch die zufälligen Querverbindungen zwischen den verschiedenen Bildbesitzerinnen, die für die jeweils Betroffenen oft gar nicht ans Licht kommen.

Der Autorin gelingt mit diesem Roman eine feinsinnige, komplexe Verbindung von Familienroman und Künstlerroman, mit sehr einfühlsamen Psychogrammen, interessanter zeitgeistiger Umrahmung in Kombination mit überaus anschaulichen musischen Wahrnehmungsperspektiven sowie der deutlichen Unterscheidung zwischen echten Künstlern und Möchte- gernkünstlern.

Obwohl wir nur ausschnittsweise Einblick in das Leben der verschiedenen Bildinhaberinnen nehmen können, entsteht von jeder Frau eine aussage- kräftige und glaubwürdige Charakterskizze. Alle Frauen eint, daß sie früher oder später aus dem Rahmen der in sie gesetzten Erwartungen fallen und sich auf die Suche nach dem für sie selbst Wesentlichen machen.

Margaret Forster zeigt uns in sechs Variationen das komplizierte Schwanken zwischen Nähe und Distanz, archetypisch-weiblichen Lebens- fragestellungen und familiären Zwängen,  aber auch unterschiedliche Ab- stufungen von Liebe, Treue und Untreue, den häufigen Konflikt zwischen den Aufdringlichkeiten und Ablenkungsmanövern der Welt und der not- wendigen kreativen Einsamkeit und Zurückgezogenheit, die es braucht, um ein Kunstwerk zu gestalten. Die Ambivalenz zwischen Bindungsbequem- lichkeit und Freiheitsbeflügelung wird von jeder Frau anders gelöst.

Wie schon Virginia Woolf 1929 in ihrem berühmten Essay „Ein Zimmer für sich allein“ ausführte, ist ein eigenes Zimmer – neben einem auskömm- lichen Einkommen – die Basisvoraussetzung für die ungestörte Entfaltung weiblich-musischer Kreativität und Selbstbesinnung. Das Bild von Gwen John bietet sich für diesen Roman hervorragend als Imaginationsfläche an.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.fischerverlage.de/buch/ein_zimmer_sechs_frauen_und_ein_bild/9783596175819

Und hier entlang zum lohnend-informativen Link zur Malerin Gwen John:
http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/gwen-john

Die Autorin:

»Von ihrem ersten Aufsehen erregenden Roman »Ich glaube, ich fahre in die Highlands« bis zu ihrem bislang erfolgreichsten Roman »Die Dienerin« hat die englische Bestseller-Autorin Margaret Forster auch im deutschsprachigen Raum zahllose Leserinnen begeistert. 1938 in Carlisle geboren, studierte sie Geschichte in Oxford und lebt heute als freie Schriftstellerin in London und im Lake District. Im Fischer Taschenbuch Verlag erschienen zuletzt: ›Ich warte darauf, dass etwas geschieht‹ (Bd. 17233) und ›Ein Zimmer, sechs Frauen und ein Bild‹ (Bd. 17581).«

 

Querverweis:

Und hier gibt es noch einen weiteren Künstlerroman zu erlesen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/07/19/konzert-ohne-dichter/
„Konzert ohne Dichter“ von Klaus Modick handelt von den Lebens- und Liebesverhältnissen und Auseinandersetzungen der Worpsweder Künstler und Künstlerinnen sowie von der Freundschaft zwischen dem Maler Heinrich Vogeler und dem Dichter Rainer Maria Rilke.

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

 

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Louis, Lotte und das Licht

  • 3D-Bilderbuch von Joëlle Tourlonias
  • mit zwei 3D-Brillen
  • Baumhaus Verlag   März 2014   www.baumhaus-verlag.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • 32 Seiten
  • 14,99 € (D), 15,50 € (A)
  • ISBN: 978-3-8339-0192-8
  • ab 4 Jahren
    978-3-8339-0192-8-Tourlonias-Louis-Lotte-und-das-Licht-org

F L U G T Ü C H T I G

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Schnallen Sie sich an, setzen Sie Ihre Fliegerbrille bzw. 3D-Brille auf, und erleseleben Sie, wie der tapfere Marienkäfer Louis die Motte Lotte vor der Falle künstlichen Lichts rettet.

„Louis, Lotte und das Licht“ ist ein bemerkenswert ANDERES Bilderbuch, mit eigenwilligem Charme und einer faszinierenden 3D-Inszenierung auf 2D-Papier.

Louis, ein Marienkäfer von großartiger Flugkraft, landet auf einem der vielen Dächer von Paris und betrachtet den Sonnenuntergang und das Aufleuchten der nächtlichen Lichter der Großstadt.

Er findet eine erschöpfte Motte namens Lotte, die schon ganz flügellahm und knickfühlerig ist, weil sie zwanghaft immer wieder zu einer Wandlaterne fliegt und sich dort gemeinsam mit ihren Artgenossen eine Beule nach der anderen am undurchdringlichen Laternenglas holt.

Eine Weile schaut Louis den Motten dabei zu, wie sie, vom Licht unwiderstehlich angezogen, die Laterne umschwirren, doch er sorgt sich um Lotte, die schon sehr geschwächt und mitgenommen wirkt.

Louis sucht und findet den Lichtschalter. Er fliegt mit Anlauf gegen diesen Schalter, der sich selbstredend kein bißchen hierdurch bewegen läßt. Seine nächste Idee, um das Laternenleuchten zu beenden, besteht darin, Blätter auf die Gläser zu kleben, was vom Wind sehr schnell vereitelt wird. Unglücklich hockt Louis auf dem Boden und gerät so ins Visier einer Katze, vor der er mit letzter Kraft in Richtung des Lichtschalters flieht und mit allerletzter Kraft, äußerst flugakrobatisch, steil, senkrecht nach oben entkommt. Die Katze betätigt dabei unfreiwillig den Lichtschalter, und Louis fällt in Ohnmacht.

Er erwacht in Lottes Armen, umringt von lauter dankbaren Motten. Dies ist der Beginn einer flugtüchtigen und tragfähigen Freundschaft.

Joëlle Tourlonias läßt Louis seine abenteuerliche Geschichte selbst erzählen, und auch die krickelkrakelige Marienkäferhandschrift, nebst kleinen Korrekturspuren, stammt von ihm. Die Bilder mit der effektvollen 3D-Optik durfte Joëlle Tourlonias gestalten, und Louis hat sie in der richtigen Reihenfolge ins Buch geklebt.

Die Darstellung der Motten und des Marienkäfers ist nicht streng naturalistisch, sondern etwas „vermenschlicht“; so wurden aus den Deckflügeln Umhänge (kleine Superman-Anspielung), und Louis trägt eine Fliegermütze nebst Fliegerbrille. Aber diese künstlerischen Freiheiten beflügeln die Phantasie und sind keineswegs störend.

Dem Bilderbuch sind zwei 3D-Brillen beigelegt, so daß Vorleser und Zuhörer beide in den visuellen Genuß dieser Bildräume kommen.

Der 3D-Effekt ist wirklich ganz erstaunlich, und unwillkürlich greift man beim Betrachten der Bilder in den sich optisch öffnenden Raum, um ein Blatt oder eine Motte zu fangen.

 

Die Autorin und Illustratorin:

»Joëlle Tourlonias, geboren 1985 in Hanau, entdeckte mit zwei den Stift, mit sieben den Pinsel und mit 26 dann endlich die Sache mit dem 3D!«

Der Besuch

  • Bilderbuch
  • Text und Bilder von Antje Damm
  • Moritz Verlag  Februar 2015         http://www.moritzverlag.de
  • 36 Seiten
  • Pappband, Fadenheftung
  • Format: 25,6 x 19,4 cm
  • 12,95 € (D), 13,40 € (A), 18,60 sFr.
  • ISBN 978-3-89565-295-0
  • ab 4 Jahren
    Der Besuch

R A U M P F L E G E

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Antje Damm eröffnet mit diesem Bilderbuch – wortwörtlich – ganz neue Gestaltungsräume und inszeniert die Geschichte einer erfreulichen „Wiederbelebung“ mit effektvollen bühnenbildnerischen Illustrationsmethoden und in einfühlsam-einfacher sowie kindgemäßer Sprache.

Dieses feinsinnige und gestalterisch neuartige Bilderbuch führt uns in die zunächst verschlossenen und beinahe leblosen Wohn- und Gewohnheitsräume von Elise. Elise ist eine überängstliche alte Frau, die sich nicht mehr in die Welt hinauswagt und stattdessen ihr einsames Heim pflegt. Die ordentlichen Räume wirken düster und bedrückend, nur durch die Fenster scheint ein wenig freundliches Licht in die ergraute Innenwelt Elises.

Als Elise einmal zum Lüften ein Fenster geöffnet läßt, passiert etwas Unvorhergesehenes: Ein hellblauer Papierflieger fliegt herein und landet auf Elises gepflegtem Fußboden. Elise verbrennt den Flieger ängstlich im Ofen. In der nächsten Nacht hat sie Papierfliegeralbträume, und am nächsten Morgen wagte es doch wahrlich jemand, an ihre Tür zu klopfen, obwohl dort ausdrücklich ein Hinweisschild mit der Aufschrift „Bitte nicht stören“ hängt.

Da ausdauernd weitergeklopft wird, öffnet Elise schließlich doch ihre Haustür, und erstaunt findet sie dort einen kleinen Jungen vor, der unbefangen nach seinem Flieger fragt und mal dringend auf die Toilette muß. Unsicher läßt Elise das Kind eintreten, beantwortet jedoch freundlich die Fragen, die der Junge ihr stellt, und sie lächelt sogar ein bißchen. Ja, sie bekommt sichtlich bessere Laune, und ein rosiger Hauch zeigt sich auf ihren Wangen und ihrer Küchenschürze.

Als der Junge neugierig und bewundernd vor Elises Bücherregal steht und darum bittet, daß sie ihm doch etwas vorlesen möge, kann sie sich tatsächlich darauf einlassen – sie liest ihm ein ganzes Märchenbuch vor, spielt mit ihm verstecken, und als er hungrig wird, schmiert sie ihm gerne ein Butterbrot.

Zum Abschied fragt der Junge nach Elises Namen und sagt ihr auch seinen Namen. Er heißt Emil. Am Abend faltet Elise frohgemut einen neuen Papierflieger für Emil, denn die Farbe, die das Kind in Elises ergrautes Leben gebracht hat, ist immer noch lebendig…

Antje Damm hat für dieses Bilderbuch Modellräume und Möbel aus Karton gebaut. Die gezeichneten und ausgeschnittenen menschlichen Figuren werden darein und dazu arrangiert. Die verschiedenen Handlungsszenen werden unterschiedlich mit – oder fast ohne – Farben ausgestattet, nach Bedarf ausgeleuchtet und schließlich photographiert.

Dies ermöglicht faszinierende Licht- und Schatteneffekte und eine optische Dreidimensionalität, die wunderbar anschaulich ist und zusätzlich große spielerische Attraktivität entfaltet.

Es ist herzerwärmend dabei zuzusehen, wie die graue Düsternis nach und nach, Farbtupfer um Farbtupfer weicht und wie immer mehr Licht auf die Bilderbuchseiten strömt und schließlich Farben- und Lebensfreude unübersehbar in Elises Haus und Herz einziehen.

Unter nachfolgendem Link können Sie sich einen lohnenden Blick ins Bilderbuch genehmigen:

http://www.book2look.de/book/aklYjCd9ht

 

Die Autorin und Illustratorin:

»Antje Damm, geboren 1965 in Wiesbaden, studierte Architektur in Darmstadt und Florenz und lebt als Autorin von Kinderbüchern mit ihrem Mann und ihren vier Töchtern in der Nähe von Gießen.
Dank ihrer Töchter begann sie sich vermehrt für Bilderbücher zu interessieren und einige zu veröffentlichen

Für ihr Bilderbuch DER BESUCH wurde Antje Damm mit dem Leipziger Lesekompass 2015 ausgezeichnet.
http://www.leipziger-buchmesse.de/lesekompass/

 

 

Was Pflanzen wissen

  • Wie sie sehen, riechen und sich erinnern
  • von Daniel Chamovitz
  • Aus dem Englischen von Christa Broermann
  • Hanser Verlag 2013            http://www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 206 Seiten, mit Illustrationen
  • 17,90 € (D), 18,40 € (A)
  • ISBN 978-3-446-43501-8
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SINN  UND  SINNLICHKEIT  IM  PFLANZENREICH

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Als Trägerin des grünen Daumens und Liebhaberin fast aller Pflanzen (außer Begonien) habe ich das Buch „Was Pflanzen wissen“ mit wachsender Neugier verschlungen.

Daniel Chamovitz ist Biologe und Direktor des „Manna Center for Plant Biosciences“ an der Universität von Tel Aviv. Der Autor verknüpft in jedem Kapitel geschickt historische Forschung mit moderner Forschung, und er stellt stets die menschliche Körperlichkeit der pflanzlichen Körperlichkeit gegenüber. Dieser Vergleich macht die sehr komplexen Darstellungen anschaulich und faszinierend.

Wir erfahren, daß Pflanzen auf genetischer Ebene komplexer sind als viele Tiere, doch sie verfügen weder über ein Gehirn noch über ein zentrales Nervensystem. Dennoch haben Pflanzen die Fähigkeit der Eigenwahrnehmung (Propriozeption), und sie können sehen, riechen, fühlen und sich erinnern.

Daß sich Pflanzen dem Licht zuwenden (Phototropismus), hat wohl jeder schon – auch ohne Forschungs- und Laborbedingungen – beobachten können. Die Wissenschaft bestätigt in der Tat, daß Pflanzen sehen können, nicht in Bildern, wie wir Menschen sehen, sondern sie erkennen Licht und Farben (darunter Farben wie ultraviolettes Licht, die wir nicht sehen können), werten sie aus und lenken ihr Wachstum entsprechend.

Für eine Pflanze ist Licht zugleich ein Signal sowie lebenswichtige Nahrung (Photosynthese); mit Hilfe ihrer Photorezeptoren kann sie ihr Wachstum präzise an die Lichtverhältnisse anpassen. Menschen sehen mit Hilfe ihrer Photorezeptoren vom Gehirn erstellte Bilder, die interpretiert werden und auf die reagiert wird.

Pflanzen und Menschen haben auch einen gemeinsamen Rezeptor für blaues Licht: Cryptochrom. Die innere Uhr bzw. der circadiane 24-Stunden-Rhythmus, der für unsere Körpervorgänge bestimmend ist, wird durch die Wahrnehmung blauen Tageslichtes reguliert und gegebenenfalls korrigiert. So erkennen auch Pflanzen Tag-Nacht-Zyklen und wechselnde Jahreszeiten.

Pflanzen duften nicht nur, sie können auch selber riechen. Ich kannte den Haushaltstipp, zwecks Reifungsnachhilfe einen Apfel neben unreife Bananen zu legen. Der Autor beschreibt die familiär überlieferte Empfehlung, eine reife Banane mit einer unreifen Avocado in eine Papiertüte zu stecken, um die Avocado schneller weich, also reif zu bekommen.

Der „Zaubertrick“ dabei heißt Ethylen, ein Reifungsgas, das von reifenden Früchten in die Umgebung abgegeben wird und dadurch die Reifung ihrer unmittelbaren Nachbarn anregt, aber auch über größere Distanzen wirkt. Blütendüfte umwerben bestäubende Insekten, und Fruchtdüfte locken tierische und menschliche „Freßfreunde“ an, die durch den Verzehr und Weitertransport die Samen in den Früchten in einem größeren Radius verteilen.

Inzwischen haben Forscher herausgefunden, daß Pflanzen bei Raupenfraß an ihren Blättern Pheremone an die Luft abgeben und somit ihre Nachbarblätter und auch Nachbarpflanzen dazu anregen, den Phenol- und Tanningehalt in den Blättern zu erhöhen, was den gefräßigen Raupen den Geschmack verdirbt und das Raupenwachstum hemmt.

Am Beispiel des Teufelszwirns (Cuscuta pentagona), einer parasitären Pflanze, die Tomatenpflanzen anzapft, konnte nachgewiesen werden, daß der Teufelszwirn stets in Richtung der bevorzugten Wirtspflanze wächst, selbst wenn nur ein „Tomatenduftwasser“ angeboten wurde. Der Teufelszwirn erriecht nicht nur seine unwiderstehliche Lieblingsspeise, er wendet sich z.B. auch von Weizenpflanzen ab, die eine chemische Substanz enthalten, die er nicht „mag“.

Alle Pflanzen können bei Bedarf durch die Bildung von Salicylsäure ihr Immunsystem stärken und sich gegen bakterielle und virale Infektionen wehren. Infizierte Blätter senden ein Gas namens Methylsalicylat aus, das die befallene Pflanze zur Bildung von Saliclysäure animiert. Nachdem der wasserlösliche Botschafter Salicylsäure über die pflanzeninternen Leitbündel die ganze Pflanze über einen bakteriellen Angriff informiert hat, reagieren die gesunden Pflanzenteile darauf, indem sie um den infizierten Bereich eine Blockade aus abgestorbenen Zellen (ein lokal begrenzter Zellenselbstmord zur Selbstverteidigung des Pflanzenganzen) bilden, die eine Ausbreitung der Infektion verhindert.

Menschen nutzen übrigens bereits seit der Antike die Salicylsäure aus Weidenrinden zur Fiebersenkung und Schmerzlinderung.

Über einen Hörsinn verfügen – laut gegenwärtigem Wissenschaftsstand – Pflanzen nicht. Es lassen sich sogar Taubheitsgene in Pflanzen finden. Vermutlich ist die Hörfähigkeit für eine im Erdboden fest verwurzelte Lebensform, die nur über sehr langsame Bewegungsabläufe verfügt, nicht überlebenswichtig.

Der Autor nutzt diese Gelegenheit, sich ein wenig lustig zu machen über die Versuche, Pflanzen einen bestimmten, angeblich wachstumsförderlichen Musikgeschmack zu unterstellen. Er meint, daß diese Experimente mehr etwas über den Musikgeschmack der menschlichen Wissenschaftler aussagen, als über WIRKliche akustische Resonanzen.

Bei der Propriozeption geht es sowohl bei Pflanzen wie bei Menschen um die Eigenwahrnehmung. Dank dieses inneren Sinns wissen wir, wo sich unsere verschiedenen Körperteile im Verhältnis zueinander befinden, ohne dass wir hinschauen müssen“. „Propriozeption umfasst nicht nur unseren Gleichgewichtssinn, sondern auch die koordinierte Bewegung- “ (Seite 117)

Mit Hilfe von Otolithen (Ohrsteine), die auf die Schwerkraft reagieren, wissen wir, wie unsere räumliche Position gelagert ist. Wir Menschen haben Gravirezeptoren im Innenohr, und Pflanzen haben Gravirezeptoren verteilt in Wurzeln und Stängeln, die Statolithen heißen.

Die Entwicklung der Raumfahrt ermöglichte Experimente zur Bedeutung der Schwerkraft für die räumliche Orientierung von Pflanzen. In Schwerelosigkeit zeigten Pflanzen keine gravitropische Krümmung, sie konnten also nicht mehr spüren, wo oben oder unten ist.

Auch die Circumnutation (der „Spiraltanz“, den Pflanzen vollziehen – in je nach Art unterschiedlich großem Radius und unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Bewegungsmustern) steht in Zusammenhang mit der durch das Pflanzenwachstum bedingten Verlagerung der Gravirezeptoren und bringt die Pflanze ins Gleichgewicht.

Daniel Chamovitz geht in einem weiteren Kapitel auf den Tastsinn ein und beschreibt spannende Forschungsergebnisse zur Berührungssensibilität von Venusfliegenfallen und Mimosen.

Im letzten Kapitel holt er aus der aktuellen Forschungsvorratskammer Erkenntnisse über das Erinnerungsvermögen von Pflanzen. Ich lasse jetzt einmal die epigenetischen und biochemischen Ausführlichkeiten weg und beschränke mich darauf, daß wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte, daß Pflanzen – ähnlich dem menschlichen Immungedächtnis – ein „prozedurales Gedächtnis, also ein Gedächtnis dafür, wie man etwas macht(Seite 164), haben.

Bemerkenswert fand ich allerdings, daß Pflanzen typisch menschliche Glutamatrezeptoren besitzen, obwohl sie kein Gehirn haben.

Die Lektüre von „Was Pflanzen wissen“ bereichert den Leser mit interessanten Informationen über das Innenleben von Pflanzen und ihre Wahrnehmungsbesonderheiten.

Sehr sympathisch finde ich den betonten Hinweis des Autors, daß wir völlig auf Pflanzen angewiesen sind: Sie schenken uns nicht nur Nahrungs- Genuß- und Heilmittel, sondern liefern auch den materiellen Grundstoff für unzählige alltägliche Dinge.

Ein Rundgang durch meine Wohnung und ein Blick auf die Kleidung, die ich trage genügt und ich finde Buchen (Bücherregale), Eichen (antikes Küchenbufett und Eßtisch), Nußbäume (Stühle), Leinöl (Linoleumbodenbelag), Bambus (diverse Obstkörbe), Kork (Untersetzer), Zirbelkiefer (Schneidbrett), Baumwolle, Leinen, Kautschuk und Papier.

Und unsichtbar und unentbehrlich: Sauerstoff. Was, wenn die gesamte Pflanzenwelt in einen kleinen Photosynthesestreik treten würde?

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/was-pflanzen-wissen/978-3-446-43501-8/

PS:
In diversen Fußnoten weist der Autor – jeweils passend zum beschriebenen Thema – auf Webseiten hin, die Zeitraffer-Filme von Pflanzen zeigen. Das sind sehr sehenswerte und beeindruckende Ergänzungen zum Text.