Paul Temple und der Fall Gregory

  • von Francis Durbridge
  • Hörspiel
  • mit BASTIAN PASTEWKA & KOMPLIZEN
  • der Hörverlag   November 2014    http://www.hoerverlag.de
  • 2 CDs in Vinyloptik in Faltpappschuber
  • Laufzeit 107 Minuten
  • 14,99 € (D), 14,99 (A), 21,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-1718-7
  • Regie: Leonhard Koppelmann
  • Hörspielbearbeitung: Leonhard Koppelmann und Bastian Pastewka
  • Musik: Hans Jönsson
  • Schlageradaption: Mike Herting
  • Technische Realisation: Hans-Günther Kasper
  • Regieassistenz: Cordula Dickmeiß und Andreas von Westphalen
  • Dramaturgie: Holger Heddendorp
  • Redaktion: Martina Müller-Wallraff
  • Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks Köln mit dem Südwestrundfunk, 2014
  • Die Rollenaufteilung:
  • Bastian Pastewka: Paul Temple
  • Janina Sachau:  Steve Temple
  • Alexis Kara:  Sir Donald Murdo, Edward Day,Peter Davos, Wirt, Charlie, der Diener
  • Inga Busch:  Dr. Kay Wiseman, Madison,Virginia van Cleve, Kellnerin, diverse Sergeants
  • Kai Magnus Sting:  Bill Harcourt, Sir Graham Forbes, Charles Zola, Marcia

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B E I   M O R P H E U S !

Hörspielbesprechung von Ulrike Sokul ©

Diese Neuinszenierung eines verschollenen alten Francis-Durbridge-Kriminalhörspiels aus dem deutschen Radioausstrahlungsjahr 1949 ist ein Muß und ein Genuß für alle Kenner und für alle Neulinge ein verführe- rischer Einstieg in Mythos und Kult der straßenfegenden Paul-Temple-Hörspiele.

Die Radiohörspiel-Straßenfeger von Francis Durbridge aus den 1950er-Jahren habe ich erst Anfang der 2000er-Jahre kennengelernt, als sie nach und nach – beim Hörverlag und DAV-Verlag – als Hörspiel-CDs neu aufgelegt wurden. Ich war sogleich begeisterungs- infiziert, habe diese Hörspiele eines nachdem anderen „verschlungen“ und mich unsterblich in ihren angestaubten Charme verliebt. Die Schauspielstimmkunst der damaligen Hörspielsprecher (René Deltgen, Annemarie Cordes, Kurt Lieck, Lilly Towska, Peter René Körner, Herbert Hennies, Heinz Schimmelpfennig) ist von beeindruckend lebhaft-vorbildlicher Virtuosität.

Und die dramatische Untermalung durch die ORIGINALMUSIK  von Hans Jönsson versetzt einen sogleich vor ein imaginäres wirtschaftswunderliches Radio mit Holz- korpus, dicken elfenbeinfarbenen Tasten, magischem grünen Auge, stoffüberspannten Lautsprechern und seltsam-ungewohnt deutschsprachigen Beschriftungen wie: Bass-Regler, Raumklang, Lautstärke, Höhen-Regler, Klangregister – ganz zu schwärmen von der von innen beleuchteten Wählskala mit den Namen bekannter Radiosender und klangvoller Weltstadtnamen wie Berlin, Budapest, London, Paris, Prag, Rom, Wien und Langenberg 😉

Doch ich schweife ab – zurück zur aktuellen Hörspiel-Rekonstruktion.

Das erste ins Deutsche übersetzte Kriminalhörspiel von Francis Durbridge, „Paul Temple und der Fall Gregory“, wurde 1949 gesendet und verschwand aus den Rundfunkarchiven. Einzig eine Karteikarte mit Löschvermerk blieb erhalten. Leider wurden auch bei der BBC zahlreiche Aufzeichnungs-Bänder gelöscht, und erst als das deutsche Skript wieder- gefunden worden war, konnte eine Rekonstruktion ins magische Auge gefaßt werden.

Für die Neulinge folgt nun eine Nachhilfegedenkminute bezüglich des Paul-Temple-Kriminalschnittmusters:

Paul Temple ist ein smarter Kriminalschriftsteller und Privatdetektiv, der im London der 50er-Jahre von Sir Graham Forbes, dem Chef von Scotland Yard, gerne und häufig zur Mitarbeit an der Lösung kniffliger Kriminalfälle gebeten wird. Mit weiblich-intuitiver Unterstützung seiner Ehefrau Steve (wenn sie sich nicht gerade bei allfälligen Hutkäufen entspannt) heftet sich Paul an die Fersen des mysteriösen Verbrechens (wahlweise sowie auch kombiniert: Mord, Diebstahl, Entführung, Erpressung …) und muß aus verdächtig vielen Verdächtigen raffiniert schlußfolgernd den wahren Täter entlarven – gerne bei einem als einladende Cocktailparty getarnten Showdown.

Während der Ermittlung geraten Paul und Steve stets auch ins Visier der Täter, und sie müssen lebensgefährliche Anschläge überleben. Doch solche Widrigkeiten und andere dramatische Überraschungen dienen als willkommene Klippenhänger, um die Zuhörer ans Radio zu fesseln.

Zur weiteren Standardausrüstung gehören das eheliche Frühstücksfutterneid-Geplänkel zwischen Steve und Paul, die vergeblichen Versuche, den Okay-Jargon des jungen Haus- dieners Charlie in ein kultiviertes „Sehr wohl, Sir“ umzubilden, männliche Frotzeleien über Steves „weibliche Eingebungen“, außerdem zwielichtige Nachtclubs, falsche Fährten (sogar unschuldige Parfümspuren) und Steves Refrain: „Also, was ich nicht verstehe, ist…“ sowie Pauls beliebter Ausruf: „Bei Morpheus!“ Häufig konsumierte Getränke sind Kaffee, Whisky-Soda und Dry-Martinis.

In „Paul Temple und der Fall Gregory“ taucht eine vermißte Frau als Leiche wieder auf, dekoriert mit einem Zettel, der die kryptische Botschaft trägt: „Mit den besten Empfehlungen von Mister Gregory.“  Wer ist Mister Gregory und wieviele Leichen und Entführungen später wird es dauern, bis Paul Temple Mister Gregory endlich entlarvt? Das erfahren Sie selbstverständlich nicht in dieser Besprechung…

Die rekonstruierte Paul-Temple-Version wartet mit einem geschickt choreographierten Drehbuch im Drehbuch auf, das sowohl mit der Hommage an die Kriminalrezeptur Francis Durbridges als auch mit den metafiktiven Kommentaren und der inszenierten Gruppendynamik der gegenwärtigen Darsteller einen ganz eigenen Reiz entfaltet.

Abgesehen davon, daß drei der beteiligten Schauspieler (Alexis Kara, Inga Busch, Kai Magnus Sting) bravourös und vielschichtig mehrere Rollen ausfüllen, spielen sie sich gewissermaßen selbst, eben als Schauspieler, die miteinander ein Hörspiel erarbeiten und dabei das Drehbuch, ihre Rollen und ihr eigenes Spielvermögen kommentieren, kritisieren und ironisieren.

Beiläufig werden in den Unterbrechungen der eigentlichen Hörspielhandlung sehr interessante Zusatzinformationen und Erläuterungen zur Radiohistorie der Paul-Temple-Hörspiele hineininszeniert, indem die Schauspieler das Schnittmuster der Paul-Temple-Krimis analysieren, die einstigen Produktionsbedingungen mit den heutigen Genre-Gegebenheiten vergleichen und sich über Rollenklischees wundern sowie den weiteren Verlauf der Handlung in Frage stellen und schließlich so in ihre Rollen hineinwachsen, daß sie manchmal den Rollennamen mit dem Schauspielernamen verwechseln und umgekehrt.

Die beiden Schlager (Arrangements von Mike Herting), die das Ensemble in den Nachtclubszenen selber singt, sind ganz und gar altmodisch-köstlich und beschwingt und eine kongeniale Zugabe zu der ansonsten verwendeten DRAMATISCHEN Originalmusik des Komponisten Hans Jönsson.

Diese „moderne“ Reinszenierung von „Paul Temple und der Fall Gregory“ bietet zugleich eine amüsant-informative Spurensuche, ehrwürdigende radiohistorische Reflektionen, humorige Rand- bemerkungen und vergnüglich-spannende Unterhaltung, garniert mit schönen Nostalgieeffekten und vielen erhörenswerten Details.

 

Hörpröbchen gefällig? https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Bastian-Pastewka-und-Komplizen-in-Paul-Temple-und-der-Fall-Gregory/Francis-Durbridge/e468881.rhd

 

Die Darsteller:

BASTIAN PASTEWKA als „Initiator, Co-Bearbeiter und Seele des Projekts“ – wie so schön im CD-Beiheftchen geschrieben steht – spricht und spielt einen clever-frischen und souverän-snobistischen Paul Temple und – in seiner Rolle als Schauspielerschauspieler – einen romantisch-schwärmerischen Francis-Durbridge-Jünger.

JANINA SACHAU als Paul Temples Ehefrau Steve Temple hört sich wirklich zum Verwechseln ähnlich anschmiegsam-charmant-intuitiv wie einst Annemarie Cordes an. Allein die Betonung (mit diesem eingebauten Fragezeichen), mit der sie den Vornamen ihres Gatten ausruft, – ganz großes Kino!

Und sie sprichseufzt einen meiner Lieblingssätze: „Meine Füße weinen schon.“

INGA BUSCH meistert in diesem Hörspiel nonchalant ganz unterschiedliche Frauentypen von damenhaft-intellektuell über betäubungsmitttelgeschwächt bis verrucht-verführerisch sowie auch diverse männliche Nebenrollen und Türklinken.

ALEXIS KARA und KAI MAGNUS STING offenbaren ein bewundernswürdig-abwechslungsreiches Stimmenregister; die Bandbreite reicht vom norwegischen Akzent bis zum herrlich rollenden R über diverse männliche Temperamente und Altersstufen bis zu einem kurzen Ausflug in weibliche Stimmgefilde.

 

DIE VERPACKUNG:

Die beiden in Vinyloptik gekleideten CDs erscheinen in einem Faltpappschuber mit informativem Beiheftchen, beides im graphischen Stil der 1950er-Jahre gestaltet. So rundet die zeitgemäß-altmodische Verpackung dieses stimmige neue, alte Paul-Temple-Hörspiel vortrefflich ab. Und gerne wiederhole ich nun noch einmal mein anfängliches Lob:

Ein Muß und ein Genuß für alle Kenner und für Neulinge ein verführerischer Einstieg in Mythos und Kult der straßenfegenden Paul-Temple-Hörspiele.

 

Der Autor:

»FRANCIS DURBRIDGE, geboren 1912 in Hull/England, studierte Altenglisch an der Universität Birmingham. Er arbeitete kurz als Börsenmakler, bevor er sich ganz seiner Leidenschaft, dem Schreiben, widmete. Seine Schriftsteller-Laufbahn begann er mit Bühnenstücken und Kurzgeschichten. Von 1938 an war Francis Durbridge dreißig Jahre lang als Hörspielautor für BBC tätig. Mit seinen spektakulären Fortsetzungskrimis, ob als Hörspiel oder Fernsehproduktion, schrieb er Geschichte.«

Initiator, Co-Bearbeiter und Seele des Projektes:

»BASTIAN PASTEWKA, geboren 1972 in Bochum, beendete sein Studium der Pädagogik, Germanistik und Soziologie frühzeitig und trat ab 1992 mit verschiedenen Bühnen-programmen auf. Bekannt wurde er als Ensemblemitglied der Sat-1-Wochenshow, seit 2005 überzeugt er als er selbst in seiner vielfach preisgekrönten Serie Pastewka. Auch auf der Kinoleinwand (u.a. in den Edgar-Wallace-Parodien Der WiXXer und Neues vom WiXXer), am Theater, im Hörspiel und als Synchronsprecher (z.B. Madagascar, Megamind) feierte er große Erfolge. Als einer der beliebtesten Komiker Deutschlands erhielt er bereits zahlreiche Auszeichnungen, darunter mehrfach den Deutschen Comedypreis, den Deutschen Fernsehpreis, den Grimme-Preis und die Goldene Kamera.«

Bearbeitung und Regie:

»LEONHARD KOPPELMANN, geboren 1970 in Aachen, führte 1996 zum ersten Mal bei einem eigenen Hörspiel Regie. Seitdem arbeitet er als freier Hörspielautor und als Theater- und Hörspielregisseur. So sind inzwischen unter seiner Regie über 200 Hörspiele entstanden, z.B. Maria, ihm schmeckt’s nicht sowie Drachensaat von Jan Weiler, Die Reise zum Mittelpunkt der Erde von Jules Verne, Baudolino von Umberto Eco, und – hochgelobt – Wassermusik von T.C.Boyle und Doktor Faustus von Thomas Mann, die alle im Hörverlag erschienen sind. In seinen Inszenierungen stehen vor allem die Schauspieler im Mittelpunkt, mit ihnen arbeitet er intensiv die Individuellen Qualitäten der verschiedenen Autoren aus. So entstehen äußerst vielfältige und höchst verschiedenartige Produktionen unter seiner Regie.«

 

PS
Wer Lust auf die elf erhalten gebliebenen Originalhörspiele hat, kann sich „in diesem Internet, von dem man jetzt so viel liest“ weiterführend informieren und sich auch Hörkostproben genehmigen unter:  www.hoerverlag.de

Francis Durbridge:

PAUL TEMPLE und der Fall Alex
PAUL TEMPLE und der Fall Genf
PAUL TEMPLE und der Fall Curzon
PAUL TEMPLE und der Fall Lawrence
PAUL TEMPLE und der Fall Gilbert

www.der-audio-verlag.de

Francis Durbridge:

PAUL TEMPLE und der Fall Conrad
PAUL TEMPLE und der Fall Jonathan
PAUL TEMPLE und der Fall Vandyke
PAUL TEMPLE und der Fall Madison
PAUL TEMPLE und der Fall Spencer
PAUL TEMPLE und der Fall Margo

 

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Die Schatzinsel

  • von Robert Louis Stevenson
  • Hörspiel
  • Hörspielbearbeitung: Heinz-Dieter Sommer
  • Regie: Leonhard Koppelmann
  • Musik: Henrik Albrecht
  • Produktion: Hessischer Rundfunk 2014
  • erschienen im Hörverlag, Oktober 2014   http://www.hoerverlag.de
  • 4 CDs
  • Laufzeit ca. 3 Stunden und 59 Minuten
  • 19,95 €
  • ISBN 978-3-8445-1591-6
  • Buchvorlage HANSER Verlag: Übersetzung & Herausgabe von Andreas Nohl
  • Die Rollen und ihre Sprecher:
  • Jim Hawkins: Maximilian von der Groeben       Long John Silver: Udo Wachtveitl
  • Dr. David Livesey: Sylvester Groth                  Squire John Trelawney: Gerd Wameling
  • Käptn Billy Bones: Thomas Fritsch                       Kapitän Smollett: Ulrich Pleitgen
  • Israel Hands: Wolf-Dietrich Sprenger                    Stevenson: Ulrich Noethen
  • Ben  Gunn: Matthias Habich                                       Papagei: Dirk Leonhard
    u.v.a.
    Die Schatzinsel von Robert Louis Stevenson

D O N N E R K I E L

Hörspielbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ach, die alten Vertrauten meiner kindlichen Abenteuerlust und Phantasie, hier sind sie endlich wieder: Jim Hawkins, Long John Silver, Dr. David Livesey, Squire John Trelawney, Ben Gunn u.v.a.m.

Unzählige Male habe ich als Kind der Schatzinsel gelauscht und nachgeträumt. Damals gab es die EURPOA-Schallplatten, die in ihrer Kinderserie Märchen und klassische Abenteuergeschichten als Hörspiele inszenierten – oft mit dem unübertroffenen Hans Paetsch als tragende Rolle oder Hintergrunderzähler und stets mit dramatischer Musik, gespielt vom EUROPA-Studioorchester.

Ich finde es überaus erfreulich, daß immer wieder „erwachsene“ Versionen alter Klassiker als Hörspiel produziert werden. So läßt man sich – auf der Erinnerungsgrundlage der kindlichen Begeisterung, ergänzt um den erwachsenen Erfahrungshorizont – wunderbar behaglich mit Abenteuern verwöhnen.

Die vorliegende Hörspielinszenierung hat meine Erwartung wahrlich noch übertroffen. Die Rollenbesetzungsliste ließ mich bereits frohlocken, doch die „ganzheitliche Darreichungsform“ dieses Hörspiels hat mir ganz und gar und prächtig gefallen.

Die plakative Aussage auf der Rückseite der CD-Hülle: »SO haben Sie die SCHATZINSEL noch NIE gehört!« kann ich nur unterschreiben. Denn es kommt nicht nur die Romanhandlung zu Wort, sondern auch die Entstehungsgeschichte der Schatzinsel.

Neben einer virtuos-atmosphärischen musikalischen Untermalung und Begleitung wurden auch einige Lieder hinzugefügt und eingesungen, die stilistisch wunderbar mit der Schatzinselstimmung und der schillernden Figur des Long John Silver harmonieren. Überhaupt geben die hier und da wiederholt einfließenden Lieder oder auch nur Lied- und Melodiefetzen der ganzen Geschichte zusätzlichen, sehr attraktiven Schwung.

Die überaus geschickt in den Handlungsverlauf eingeschobenen Ausflüge in die Entstehungsgeschichte der Schatzinsel erweitern die Abenteuergeschichte um den zwischenmenschlich-literarischen Hintergrund Robert Louis Stevensons.

Ich fand es hochinteressant, zu erfahren, daß Stevenson die Inspiration zur Schatzinsel durch eine Schatzkarte bekam, die sein kleiner Stiefsohn gezeichnet hatte. Zunächst spielerisch begann er, Figuren in diese Karte hineinzudichten und dem Stiefsohn dazu eine Seeräubergeschichte zu erzählen. Schließlich – wie es oft bei phantasievollen Schriftstellern der Fall ist – verselbständigten sich die ausgedachten Charaktere und schrieben sich beinahe von selbst.

Auch ein metafiktives Gespräch zwischen den literarischen Charakteren Long John Silver und Kapitän Smollett über die unterschiedliche Attraktivität von Schurken und Helden hat viel selbstironischen Reiz. Ich fand es spaßig, wie die beiden Figuren beim Geräusch des Tintenfaßaufschraubens eifrig wieder an ihre Buchposition eilen.

Ausnahmslos alle beteiligten Sprechspieler verstimmlichen ihre jeweilige Rolle lebhaft und mit überzeugender InsPIRATion und, wie mir scheint, auch mit viel Spielgenuß. Es ist bewundernswert, wie es ihnen gelingt, nur durch das Medium der Stimme soviel Lebensstoff zu vermitteln.

Als Zugabe folgt im Anschluß an das Hörspiel noch ein – von Hans Sarkowicz moderiertes – Gespräch mit dem Hörspiel-Autor Heinz-Dieter Sommer, dem Regisseur Leonhard Koppelmann und dem Komponisten Henrik Albrecht. Dieser Werkstattbericht gewährt einen spannend-reflektierenden Einblick in die Produktions- und Gestaltungsbedingungen eines solchen Hörkunstwerkes.

Die 4 CDs nebst Textheftchen mit Hintergrundinformationen sind in einer Papphülle untergebracht, und eine Schatzkarte bekommen wir natürlich auch noch dazu.

Nun fällt mir gerade auf, daß ich bei meiner Besprechung die inhaltliche Kenntnis der Schatzinselgeschichte einfach vorausgesetzt habe. Doch um dem Klassiker die gebührende Ehre zu geben, folgt nun eine sehr geraffte Zusammenfassung:

Der junge Held ist der siebzehnjährige Jim Hawkins, und er ist auch der Erzähler des ganzen Abenteuers. Dieses Abenteuer beginnt mit dem Einzug eines geheimnisvollen Seemannes unbestimmbarer Herkunft in die Matrosenschänke von Jim Hawkins Vater. Der neue Gast ist bärbeißig und ebenso jähzornig wie rumsüchtig, er will mit Käptn angeredet werden, und er singt oft das berüchtigte Lied von den „Fünfzehn Mann auf des Totenmannes Kiste –jo-ho-ho-jo, und `ne Buddel voll Rum!“ Außerdem fürchtet er sich sehr vor einem einbeinigen Seemann und zahlt Jim monatlich einen Silbergroschen dafür, daß er ihm sofort meldet, wenn ein solcher Seemann im Umkreis des Wirtshauses auftauchen sollte.

Eines Tages kreuzt ein weiterer seltsamer Seemann auf, der sich „Schwarzer Hund“ nennt, und der sogenannte Käptn bekommt nach einem handgreiflichen Streit mit dem neuen Gast einen Schlaganfall. Zufällig ist Dr. David Livesey gerade auf dem Weg zum Wirtshaus, um nach Jims schwerkrankem Vater zu sehen. Widerwillig rettet Dr. Livesey dem Käptn das Leben, indem er ihn zu Ader läßt.

Als der Käptn wieder zu Bewußtsein gekommen ist, vertraut er Jim an, daß er der Steuermann des verstorbenen Kapitäns Flint war und eine Schatzkarte von ihm „geerbt“ habe, hinter der nun der Rest von Flints alter Mannschaft her sei.

Einige Zeit später bekommt der Käptn erneut verdächtigen Besuch und regt sich danach so sehr auf, daß er an einem zweiten Schlaganfall stirbt. Jim durchsucht die Seemannskiste und nimmt einige Papiere sowie die Schatzkarte an sich. Anschließend berät er sich mit dem örtlichen Gutsherrn Squire John Trelawney und Dr. David Livesey. Bei näherer Inspektion der Karte und der beiliegenden Dokumente, die eine genaue Buchführung der beträchtlichen Piratenbeute enthalten, stellt sich heraus , daß sie wahrlich die Schatzkarte vor sich haben, die den Standort der vergrabenen Schätze des blutrünstigen Piratenkapitäns Flint bezeichnet.

Squire Trelawney ist die Aussicht auf diesen Schatz so viel wert, daß er ein Schiff ausrüsten läßt, einen Käpitän engagiert und mit Hilfe einer Zufallsbekanntschaft, dem einbeinigen Schiffskoch Long John Silver, eine Schiffsbesatzung organisiert.

Jim Hawkins ist zunächst mißtrauisch, da er an den einbeinigen Seemann denken muß, den der verstorbene Vorbesitzer der Schatzkarte so gefürchtet hatte. Doch John Silver erweist sich als so gepflegter, kultivierter und leutseliger Mann, daß sich Jims Bedenken sofort verflüchtigen. Außerdem kümmert er sich fast väterlich um Jim, erklärt ihm geduldig seemännische Fachbegriffe und gewinnt so sein jugendliches Vertrauen.

Schließlich sticht das Schiff „Hispaniola“ in See. An Bord befinden sich Jim Hawkins als Schiffsjunge, Squire Trelawney, Dr. Livesey, Kapitän Smollett und der angebliche Schiffskoch Long John Silver sowie zahlreiche Matrosen, die sich nach der Ankunft auf der Schatzinsel fast alle als alte Piraten aus der ehemaligen Mannschaft von Kapitän Flint entpuppen.

Nach ambivalenten Bündnissen, waghalsigen Ränkespielen, gefährlichen Schiffsmanövern, diversen kämpferischen Auseinandersetzungen und nicht wenigen Toten gewinnen die „guten“ Helden das Rennen um den Schatz und die sichere Heimkehr in den heimatlichen Hafen. Nur Long John Silver stiehlt sich raffiniert in die Freiheit, und irgendwie schafft es dieser charismatische Hasardeur, daß man ihm diese Freiheit gönnt.

Ja, ich weiß, ich habe den Papagei nicht erwähnt, die tolle Szene im Apfelfaß und die Begegnung mit Ben Gunn und, und, und…
Aber – ZUM DONNERKIEL – Sie können ja das Hörspiel hören oder das Buch lesen. Also AHOI, segeln Sie in die nächste örtliche Buchhandlung und erbeuten Ihre Schatzinsel. Es lohnt sich!

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Die-Schatzinsel/Robert-Louis-Stevenson/der-Hoerverlag/e465662.rhd

 

Sollten Sie zufällig in der kleinen Großstadt SOLINGEN wohnen, haben Sie sogar die einmalige Gelegenheit, dieses Hörspielkunstwerk in der Buchhandlung „Die Schatzinsel“ zu erwerben.
Ich finde, besser geht’s nicht:

 Die Schatzinsel
Buch & Meer
Forststr. 1
42697 Solingen
Tel: 0212 – 38 32 95 10
Fax: 0212 – 38 32 95 11
http://www.schatzinsel-solingen.de

 

»Robert Louis Stevenson kam am 13. November 1850 in Edinburgh zur Welt. Er studierte erst Maschinenbau, dann Jura, erkrankte an Tuberkulose und verließ seine Heimat, weil ihm das Klima nicht bekam. Stevenson reiste um die Welt, liebte die Südsee und arbeitete als Schriftsteller. Er schrieb Essays, Gedichte, Reisebücher und Romane.
„Die Schatzinsel“ erschien 1883. Die letzten Jahre lebte Robert Louis Stevenson auf Samoa. Dort starb er mit nur 44 Jahren Ende 1894