Der Sprung

  • von Simone Lappert
  • Roman
  • Diogenes Verlag, August 2019 www.diogenes.ch
  • in Leinen gebunden
  • 336 Seiten
  • 22,00 € (D), 22,70 € (A), 30,00 sFr.
  • ISBN 978-3-257-07074-3

K O N S T E L L A T I O N E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mit dem Roman „Der Sprung“ hat Simone Lappert eine spannende und vielschichtige Choreographie des Schicksals geschrieben, die von sensibler Beobachtungsgabe für vielsaitige zwischenmenschliche Schattierungen und Lebenswelten zeugt.

Wenn eine junge Frau in Gärtnerlatzhose, die eindeutig kein Dachdecker ist, auf einem Dach steht und dort herumbalanciert, scheint die Vermutung naheliegend, daß es sich um eine suizidgefährdete Person handelt. Dementsprechend fällt das Polizeiaufgebot aus, von der Feuerwehr wird prophylaktisch ein Sprungkissen aufgepumpt, und die ersten schamlosen Schaulustigen versammeln sich entlang der Polizeiabsperrungen vor dem Haus. Einige Gaffer filmen rücksichtlos mit ihren Handykameras drauflos und son- dern blöde, herzlose und sensationsgierige Sprüche ab. Kaum jemand kommt auf die Idee, daß hier vielleicht ein fatales Mißverständnis vorliegt.

Als Leser schauen wir im weiteren Verlauf aus abwechslungsreichen Persönlichkeitsper-spektiven verschiedener Angehöriger, Anwohner und Passanten auf diese Situation. Streiflichternd und gleichwohl mit präziser Charakterzeichnung umkreisen Menschen, die nah, ganz entfernt oder nur indirekt mit der jungen Frau in Beziehung stehen, den Schauplatz.

Da ist Roswitha, die ein kleines Café betreibt. Sie ist berühmt für ihre frischen Schnitt-lauchschnittchen, und mit ihrer großzügigen, herzhaften, lebenserprobten und unkon- ventionellen Wesensart serviert sie so manchem Gast heilsame Impulse zum Nachtisch.

Egon Moosbach, der vegetarische Hutmacher, ist Stammgast bei Roswitha. Er ver- schenkt einen Hut aus seiner letzten Kollektion an den Fahrradkurier Finn und löst damit unverhofft eine Reihe glücklicher Fügungen für sich und andere aus.

Da sind Theres und Werner, die einen kleinen Lebensmittelladen betreiben und durch den Medienrummel und die vielen Gaffer soviel Umsatz machen wie schon lange nicht mehr. Dies führt auch zu einem deutlichen Aufschwung ihrer Lebenszuversicht.

Finn, der Fahrradkurier, ist zunächst nur genervt wegen der Straßenabsperrungen und wegen des Zeitverlusts, den diese für seinen dringenden Botenauftrag bedeuten. Doch dann schaut er wie die anderen Schaulustigen zum Dach hinauf und erkennt, wer dort oben steht – unmittelbar wird er vom unbeteiligten Beobachter zum zutiefst Betroffenen.

Felix, der Polizist, der vom Dachfenster aus vergeblich versucht, die junge Frau über ein therapeutisches Gespräch zum Zurückklettern ins Haus zu bewegen, kämpft mit seinen eigenen inneren Dämonen, die – ausgelöst durch seinen Aufenthalt auf dem staubigen Dachboden – seine Souveränität und seine kommunikative Kompetenz erschüttern.

Astrid, die ehrgeizige ältere Schwester der jungen Frau, erweist sich angesichts der dramatischen öffentlichen „Inszenierung“ als unerhört feige und hilflos.

Maren, die Besitzerin des Hauses, auf dessen Dach das Spektakel stattfindet, ist zur Genüge mit ihrem frisch geschlüpften Freiheitsdrang beschäftigt, und auch die Schülerin Winnie und Edna, die Nachbarin, die als erste die Polizei alarmiert hat, sind mit ihren eigenen Problemen ausgelastet.

Alle diese Menschen reagieren auf das Ereignis, bewerten und kommentieren es mehr oder weniger empathisch aus ihrer eigenen Befindlichkeit heraus.

Als meditativer Gegenpol erscheint der naturkundige, sympathische, weise Obdachlose Henry, der aus seinem Bauchladen für zwei Euro kleine Zettel mit klugen selbstverfaß- ten Fragen, die das Leben verändern können, an willige Passanten verkauft. Nachfol- gend eine Kostprobe:

„Wenn Sie einen Tag aus Ihrem bisherigen Leben wiederholen könnten, für welchen würden Sie sich entscheiden und warum?“  (Seite 234)

Die Komposition dieses außergewöhnlichen Romans ist detailliert durch- dacht, komplex verknüpft und empfindsam durchfühlt. Wie sich die Wege der Figuren kreuzen, manchmal verbinden, manchmal trennen, manchmal nur beiläufig streifen, wie ihre Erinnerungen, Gedanken, Selbstwahr- nehmungen, Gespräche und Handlungen sich freiwillig oder unfreiwillig, absichtlich oder unabsichtlich mitwirkend ins Geschehen fügen – das ist sehr beeindruckend.

Dabei verleiht die Autorin mit bewundernswerter sprachlicher Unge- zwungenheit und anschmiegsamer Formulierungskunst jeder Figur einen unverwechselbaren charakteristischen Tonfall und einen greifbar-sinn- lichen atmenden Körper. So kommen unterschiedliche soziale Milieus, Altersstufen und psychologische Klippen ebenso zu Wort wie scharfsinnige – durch das jeweilige Persönlichkeitsprisma gebündelte – zeitgeist- und gesellschaftskritische Bemerkungen.

Die schönen und die schrecklichen Augenblicke, die lauten und die leisen Stimmen, die Reibungen zwischen Innenwelt und Außenwelt, die lösbaren und die unlösbaren Verstrickungen, die aufkeimenden und welkenden Hoffnungen, die Selbsterkenntniswendepunkte und neuen Lebensweichen- stellungen der verschiedenen Figuren bilden ein faszinierend changierendes literarisches Episodenmosaik.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.diogenes.ch/leser/titel/simone-lappert/der-sprung-9783257070743.html

Und hier entlang zu einem aussagekräftigen Interview mit der Autorin:
https://www.diogenes.ch/leser/blog/2019/08/simone-lappert-der-sprung-interview.html

Eine weitere begeisterte Buchbesprechung gibt es bei „Feiner reiner Buchstoff“ von Bri:
https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2019/08/29/von-aussen-sieht-manches-anders-aus/

Die Autorin:

»Simone Lappert, geboren 1985 in Aarau in der Schweiz, studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Mit ihrem Debütroman ›Wurfschatten‹ stand sie auf der Shortlist des ›aspekte‹-Preises. Sie ist Präsidentin des Internationalen Lyrikfestivals Basel und Schweizer Kuratorin für das Lyrikprojekt ›Babelsprech.International‹. 2019 erschien der Roman ›Der Sprung‹, der für den Schweizer Buchpreis nominiert ist. Sie lebt und arbeitet in Basel und Zürich.«  https://www.simonelappert.com/

 

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Der Literatur Kalender 2019

  • Anfang & Aufbruch
  • Wochenkalender
  • Herausgegeben von Elisabeth Raabe
  • graphische Gestaltung von Max Bartholl
  • edition momente  Juni 2018     www.edition-momente.com
  • 60 Blätter
  • 57 Fotos
  • Format: 31,5 x 24 cm
  • Spiralbindung
  • 22,– €, 33,50 sFr.
  • ISBN 978-3-0360-2019-8

© 2018 edition momente GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

UNTERWEGS  IN  ZEIT  UND  RAUM

Kalenderbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der von Elisabeth Raabe herausgegebene „Literatur Kalender“ erscheint schon seit 35 Jahren. Seit diesem Jahr heißt er jedoch nicht mehr „Arche Literatur Kalender“, sondern einfach „Der Literatur Kalender“, und er erscheint von nun an im Verlag edition momente.

Glauben Sie mir: Von den verlegerischen Komplikationen, die dabei im Hintergrund eine Rolle gespielt haben, wollen Sie gar nichts wissen. Die Hauptsache ist, daß „Der Literatur Kalender“ in bewährter und geschätzter Qualität auftritt und nach wie vor jeder Bibliothek den letzten Schliff gibt.

Das diesmalige Jahresthema „Anfang und Aufbruch“ wird im neuen Kalender in Variationen von erwartungsfreudig bis betrübt durchbuchstabiert. Schriftsteller und Schriftstellerinnen äußern sich in Briefen, Betrachtungen, Notizen, Gedichten und Erinnerungen zu ihren Aufbrüchen, Neuanfängen, Hoffnungen, Zweifeln und überraschenden Lebensweichenstellungen.

© 2018 edition momente GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

Woche für Woche blättert uns dieser kultivierte Kalender ausgesucht ausdrucksvolle Autorenfotos und die thematisch dazugehörigen schriftlichen Zeugnisse auf. Die harmonische Kombination von Bild und Zitat ist von anregender Anschaulichkeit, welche von der klaren, farblich und typographisch dezenten Gestaltung durch den Graphiker Max Bartholl stilsicher untermalt wird.

Die Facetten des Themas „Anfang & Aufbruch“ sind reichhaltig:
Anfängerglück, Begeisterung, Dankbarkeit, Entschlossenheit, Ermutigung, Ernüchterung, Fremdheit, Hoffnung, Sehnsucht, Tapferkeit, Tiefsinn, Überschwang, Ungewißheit, Vorfreude, Wehmut, Reflexion und Tatendrang … 

© 2018 edition momente GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

So besingt etwa Henry David Thoreau in aufgeweckten Worten die frische Morgenluft, George Elliot überrascht mit ihrer skandalösen Herzensgewißheit, Else Lasker-Schüler leidet tapfer an ihrer heimatlosen Ausgesetztheit, Siegfried Kracauer traumwandelt beim ersten Anblick von NY zwischen cineastischen Sehgewohnheiten und echtem Erleben, Karl Kraus ist unendlich liebesentflammt, Marguerite Duras beschwört ein ersehntes Liebeswiedersehen, Anna Seghers äußert ausdrückliches Gefallen an Klima und Landschaft ihres Fluchtortes Mexiko, Hilde Domin baut im Exil ein ländliches Haus aus Poesie, Édouard Glissant ruft zur ökologischen Wende für Martinique auf, Annemarie Schwarzenbach definiert das Reisen und bestimmt den Abschiedsschmerz von liebgewonnenen Orten als unvermeidlichen Reisebegleiter, und Hermann Hesses Gedicht „Stufen“ verkörpert schließlich buchstäblich das vorangestellte Jahresmotto.

Jedes Kalenderblatt wird zudem über sorgfältige Text- und Bildlegenden um Hintergrundinformationen und Querverweise zu Leben und Werk der betroffenen Autoren ergänzt, und in den am Kalenderende angehängten biographischen Blättern finden sich in namensalphabetischer Reihenfolge kurzkonzentrierte Lebensläufe der zitierten Autoren.

„Der Literatur Kalender“ ist und bleibt ein ausgesucht feiner, wöchentlicher literarischer Jahresbegleiter, der ebenso die Lesebekanntschaft mit berühmten wie auch vergessenen Autoren auffrischt oder anregt und dem geneigten Leser und Betrachter einen vielseitigen Blick auf das Lebewesen „Schriftsteller“ verschafft.

© 2018 edition momente GmbH, Raabe + Vitali, Zürich-Hamburg

Hier entlang zum Kalender, nebst vorköstlicher Blättermöglichkeit auf der Verlagswebseite: https://www.edition-momente.com/kalender/der-literatur-kalender-2019.html

Hier sei auch darauf hingewiesen, daß der Verlag  edition momente außer dem hier besprochenen Literatur Kalender noch vier weitere beachtenswerte Kalender publiziert:

Der Jazz Kalender 2019
Mit Texten von Roger Willemsen
https://www.edition-momente.com/kalender/der-jazz-kalender-2019.html

Der Kinder Kalender 2019   (Rezension folgt)
Herausgegeben von der Internationalen Jugendbibliothek, München
https://www.edition-momente.com/kalender/der-kinder-kalender-2019.html

Der literarische Küchenkalender 2019
Herausgegeben von Sybil Gräfin Schönfeldt
https://www.edition-momente.com/kalender/der-literarische-kuechenkalender-2019.html 

Der Musik Kalender 2019
https://www.edition-momente.com/kalender/der-musik-kalender-2019.html
Eine wortwörtlich klangvolle, wortvirtuose und vielsaitige Rezension des Musik Kalenders findet sich auf der Webseite „meines“ geschätzten Maestros RANDOM RANDOMSEN: https://randomrandomsen.wordpress.com/2018/11/07/taktvoll-durch-den-all-tag/

 

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Drei mal wir

  • Roman
  • Laura Barnett
  • Aus dem Englischen von Judith Schwaab
  • Originaltitel: »The Versions Of Us«
  • Kindler Verlag, März 2016   http://www.rowohlt.de/verlage/kindler
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 496 Seiten mit farbigen Vignetten
  • LESEBÄNDCHEN
  • 19,95 € (D), 20,60 € (A)
  • ISBN 978-3-463-40659-6
    Drei mal wir

LEBENSWEICHENSTELLUNGEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Roman „Drei mal wir“ erzählt die Liebesgeschichte von Eva und Jim, ausgehend von ihrer ersten schicksalhaften Begegnung. Doch das, was sich aus dieser ersten Begegnung an Lebens- und Liebesabzweigungen entwickelt, erzählt die Autorin in drei unterschiedlichen Variationen.

Ein Junge (Jim Taylor) und ein Mädchen (Eva Edelstein) kommen im selben Jahr (1938) auf die Welt; zwanzig Jahre später studieren beide in Cambridge und laufen sich zufällig über den Weg. Beide haben starke musische Neigungen, Eva studiert Anglistik und möchte Schriftstellerin werden, und Jim studiert Jura, obwohl sein Herz für Kunst und Malerei schlägt.

In der ersten Variante ist Eva eilig mit dem Fahrrad unterwegs zu einem Tutorium. Ein kleiner Hund, der auf dem Weg herumstromert, bringt sie dazu, auszuweichen, sie fährt über einen rostigen Nagel und hat einen platten Reifen. Sie schaut sich die Bescherung an und flucht. Ein junger Mann (Jim) tritt hinzu und bietet ihr seine Hilfe an. Die beiden kommen recht flüssig und humorvoll ins Gespräch, und Eva nimmt sein Angebot an, den Reifen zu flicken. Deutlich spürt sie, daß diese Entscheidung ihr Leben dauerhaft verändern wird.

In der zweiten Version fährt Eva denselben Weg mit dem Fahrrad, macht wegen des zerstreuten Hundes eine Vollbremsung und wird gleichwohl dafür vom Hundehalter unfreundlich angeblafft. Wieder erscheint Jim und fragt, ob mit ihr alles in Ordnung sei. Sie bedankt sich distanziert bei ihm und ihre Blicke kreuzen sich flüchtig. Sie bemerkt seine ungewöhnlich dunkelblauen Augen; irgendwie kommt er ihr bekannt vor, und sie spürt kurz den Impuls, ein Gespräch mit ihm zu beginnen. Doch sie folgt diesem flüchtigen Impuls nicht und radelt zu ihrem Tutorium.

In der dritten Version kreuzt wieder der verspielte Hund Evas Weg. Sie klingelt und ruft, aber der Hund läuft ihr direkt vor den Vorderreifen. Eva weicht aus, fährt gegen einen Stein und stürzt mit dem Fahrrad ins Gras am Wegesrand. Jim eilt ihr zu Hilfe, sie kommen ins Gespräch und fachsimpeln über den Roman „Mrs Dalloway“ von Virginia Woolf, den Jim zufällig in der Hand hält. Spontan beschließen sie, in ein Pub zu gehen und sich länger miteinander zu unterhalten.

Die drei Versionen werden nun fortlaufend erzählerisch weitergesponnen und in  chronologischer Ordnung hintereinander gereiht. Der Leser weiß stets, welche Version „gespielt“ wird, da alle Kapitel und jede Seite mit einer Zwischentitel-Überschrift in einer bestimmten Farbe (erste Version: Rot, zweite Version: Blau und dritte Version: Grün) versehen ist. Außerdem tragen die floralen Ziervignetten, welche die unteren Seitenränder schmücken, die der jeweiligen Version zugeordnete Farbe. Das hilft bei der Orientierung, und es sieht sehr dekorativ aus.

Wem das abwechselnde Versionenlesen zu kompliziert scheint, kann auch getrost erst die eine und dann die andere Version hintereinander lesen. Man muß dann halt ein wenig blättern, bleibt aber bei einem einzigen Handlungsverlauf.

Laura Barnett ist mit diesem außergewöhnlichen Roman ein beeindruck- endes, schicksalsspielerisches Prosakunststück gelungen. Es ist ganz erstaunlich und von raffinierter Erzählkomposition, wie die Autorin in den drei Versionen mit kleinen Detailveränderungen nachhaltige Änderungen der  Lebensweichenstellungen auslöst, diese mit einigen gleichbleibenden Konstanten ausbalanciert und dabei jeder Variante eine glaubwürdige Entwicklung und Liebesdurchdringung ermöglicht.

Eine Konstante ist die unmittelbare Anziehungskraft zwischen Eva und Jim, aber die Bereitschaft, konsequent dieser Kraft zu folgen, ist mal stärker, mal schwächer ausge- prägt. Menschen können zusammenkommen und sich trotzdem verpassen; es gibt direkte Wege, Irrwege und Umwege …

In einer Version wird Jim ein erfolgreicher Künstler, in einer anderen nur Kunstlehrer, mal wird Eva eine sehr bekannte Schriftstellerin, mal nur Lektorin, und der geplante Roman schafft es nicht aus der Schublade heraus.

Vor wechselnden Schauplätzen (Cornwall, London, Los Angeles, NY, Rom, Paris, Sussex) erlesen wir Hochzeiten, die Geburt von Kindern, Geburtstagsfeiern, Trauerfeiern, Um- züge, Reisen, Entfremdungen und Aussöhnungen, künstlerische Entfaltung und künst- lerische Stagnation, die Befreiung aus Lebenslügen, Abschiede und Neuanfänge, familiäre und berufliche Freuden und Leiden, Anfang und Ende.

In allen Versionen finden wir eine große Gefühlspalette: Liebe und Freundschaft, Ver- bundenheit und Einsamkeit, Treue und Untreue, Lüge und Wahrhaftigkeit, Glück und Schmerz, Sehnsucht und Sucht, Trauer und Trost, Angst und Mut, Verzweiflung und Hoffnung, Muttergefühle, Vatergefühle, Kindergefühle.

Unwillkürlich löst dieser Roman Erinnerungen und Fragen zu den eigenen Lebensver- zweigungen, Entscheidungen und Schicksalsschwellen aus, und man lauscht den eigenen Echos des „Was wäre gewesen oder geworden, wenn …“ aufmerksam nach.

Die Autorin stellt ihrem Roman – gleichsam einleitend – ein Zitat von Anne Tyler (aus Im Kriege und in der Liebe) voran:

„Manchmal phantasierte er, dass er in der Stunde seines Todes, wie in einem Amateur- film, all die Wege gezeigt bekäme, die er nicht eingeschlagen hatte, und wohin sie ihn geführt hätten.“

Das ist nichts, was sich im wirklichen Leben jemals ganz zu Ende denken ließe, aber im Rahmen eines Romans kann dieses Was-wäre-wenn- Gedankenspiel sehr gut inszeniert werden, und genau dies gelingt Laura Barnett mit „Drei mal wir“ sehr berührend, filigran-verflochten, lebensnah, wohldurchdacht und mitfühlend.


Die gebundene Ausgabe ist inzwischen vergriffen.
Die TASCHENBUCHAUSGABE zu 9,99 € gibt es seit August 2017.
Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:

https://www.rowohlt.de/taschenbuch/laura-barnett-drei-mal-wir.html

 

Das gleichnamige Hörbuch (2 mp3 CDs zu 19,95 € ) ist im Argon Verlag erschienen, unge- kürzte Lesung  (13 Stunden, 44 Minuten) von Richard Barenberg, Philipp Schepman und Uve Teschner. Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Argon-Verlagswebseite: https://www.argon-verlag.de/2016/03/barnett-drei-mal-wir/

Die Autorin:

»Laura Barnett wurde 1982 in London geboren, wo sie zusammen mit ihrem Ehemann lebt. Sie hat Spanisch, Italienisch und Journalismus in Cambridge und London studiert. Bisher hat sie einige Kurzgeschichten veröffentlicht, die mehrfach ausgezeichnet wurden. „Drei mal wir“ ist ihr erster Roman. Er stand in England viele Wochen unter den Top Ten der Bestsellerliste, wurde von der Presse gefeiert und in zweiundzwanzig Länder verkauft.«

 

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Der Glühwürmchensommer

  • von Gilles Paris
  • Übersetzt von Carina von Enzenberg
  • Roman
  • Bloomsbury Berlin Verlag   März2015        http://www.berlinverlag.de
  • 224 Seiten
  • Gebunden, mit Schutzumschlag und LESEBÄNDCHEN
  • 16,99 € (D), 17,50 € (A), 22,90 sFr.
  • ISBN: 978-3-8270-1229-6
    Glühwürmchensommer

ELTERN  WAREN  AUCH  MAL  KINDER

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Der Glühwürmchensommer“ ist ein sonniges Buch, in dem es zwar durchaus um Leben und Tod geht, aber auf eine so nonchalante Art, daß es berührt, aber nicht bedrückt. Es handelt zudem von der Liebe und ihren Spielarten und von unaufdringlich-übersinnlichen Wahrnehmungen, zu denen empfindsame Kinder leichter Zugang finden als Erwachsene.

Der neunjährige Victor Beauregard ist der Ich-Erzähler des „Glühwürmchensommers“. Seine Familienverhältnisse sind recht unkonventionell: Seine Eltern leben getrennt, wollen aber verheiratet bleiben, sein Vater arbeitet als Fotograf für Reiseführer und reist dementsprechend viel, seine Mutter hat eine Buchhandlung und liest dementsprechend viel.

Seine hübsche vierzehnjährige Schwester verliebt sich öfter als ihr guttut, und seine sogenannte zweite Mama ist die argentinische Malerin Pilar, die sich nach der ersten Buchempfehlung sofort in Victors Mama verliebt hat und seitdem zur Familie gehört.

Victors Vater scheint ziemlich negligeant zu sein, er öffnet seine Post nicht, versäumt Rechnungstermine und weigert sich, das Urlaubsdomizil, das er von seiner verstorbenen Schwester Félicité geerbt hat, jemals wieder zu betreten, da dieser Ort für ihn mit einem Kindheitstrauma belastet ist. Die Mutter behauptet, der Vater weigere sich, erwachsen werden.

Dennoch ist er ein liebevoller, großherziger Vater und offenbar auch nicht eifersüchtig auf Pilar, die er einfach akzeptiert, da sie seiner Ansicht und auch Victors Ansicht nach eine wohltuende Zugabe zum „normalen“ Familienleben ist, auf Mama Nr. 1 aufpaßt und den Alltag mit einer Prise Magie bereichert: z.B. legt sie Tarotkarten und schmuggelt den Kindern kleine Feengeschenke unters Kopfkissen.

Victor sehnt sich sehr nach seinem Vater und nach seiner ganz alltäglichen Anwesenheit. Es ist sein größter Wunsch, daß sie wieder alle zusammenleben, und es wäre auch wunderbar, wenn sein Vater mit an die Côte d‘Azur käme.

Weder die Mutter noch der Vater haben jemals Victors Fragen nach dem belastenden Ereignis aus der Vergangenheit des Vaters beantwortet. Er wird mit der Bemerkung abgespeist, seine Tante Félicité sei kein guter Mensch gewesen und er sei noch zu klein für weitere Informationen.

Doch die Geister der Vergangenheit lassen sich nicht totschweigen, und sie werden noch großen – erlösenden – Einfluß auf den Verlauf dieses Sommerurlaubs haben.

So fährt nun die gesamte Familie – ohne den Vater – auch in diesem Sommer wieder nach Roquebrune-Cap-Martin bei Nizza in die vornehme Résidence, in der sich das geerbte Vier-Zimmer-Appartement befindet.

Victor hat dort einen guten Freund, Gaspard. Außerdem freundet er sich endlich mit Justine an, für die er schon seit dem vergangenen Sommer schwärmt. Die drei Kinder gehen gemeinsam schwimmen und erkunden die Umgebung.

In der Résidence residiert schon seit Jahrzehnten eine Baronin, und auch mit dieser freundet sich Victor an, denn er ist ein warmherziger, höflicher und durchaus schon charmanter Charakter, der offenbar auch bei älteren Damen Sympathie weckt. Von der Baronin erfährt er, daß die ungewöhnlich große Anzahl Glühwürmchen, die in diesem Sommer die Nächte beleuchten, eine besondere, wunscherfüllende Magie mitbrächten, der er Vertrauen schenken solle.

Es zeigt sich, daß die Baronin Tante Félicité kannte; und ihre Beschreibung von Félicités Wesensart schließt für Viktor einen Teil der Wissenslücken über die Kindheit seines Vaters und dessen Verhältnis zur eigenen Schwester.

Bei einem Spaziergang lernt Victor dann noch die Zwillinge Tom und Nathan kennen, die zwar sehr wasserscheu sind, indes aber über einen geheimnisvollen Schlüsselbund verfügen, mit dem sie sich Zugang zu den schönen Gärten und zeitweise unbewohnten Villen vor Ort verschaffen können. Freundlich laden sie Victor zu diesen heimlichen Besichtigungstouren ein und haben auch nichts dagegen, daß Gaston und Justine mitkommen.

Begeistert, entdeckungsfreudig und achtungsvoll dringen die Kinder in verwunschene Gärten und sehr schöne Villen ein und genießen den Reiz des Verbotenen. Tom und Nathan wissen zu jedem Gebäude interessante Hintergrundgeschichten zu erzählen, was die Faszination erhöht.

Indes ist es die Absicht der Zwillinge, Victor die Wahrheit über das tragische Ereignis aus der Kindheit des Vaters zu vermitteln und Victors Vater auf Umwegen dazu zu bringen, sich seinen Ängsten zu stellen.

Dies gelingt ausgesprochen spektakulär und hat viele positive Nebenwirkungen …

„Der Glühwürmchensommer“ ist ein Buch mit viel Sonne, Wind und Meer und bunten Schmetterlingen zwischen den Zeilen. In einem ruhigen, unaufgeregten Tonfall legt Victor Zeugnis ab von einem Sommer voller neuer Lebensweichenstellungen und läßt uns teilhaben an seiner kindlichen Perspektive voller Lebensneugier, Poesie, Feingefühl und Liebesspürsinn.

Außer Zwergen kann jeder groß werden, körperlich jedenfalls. Das ist das, was man mit den Augen sehen kann. Aber innerlich groß werden, das ist schon komplizierter.“
(Seite 27)

„Aber ich möchte mit meiner Traurigkeit allein sein und warten, bis ein weißer Schmetterling sie mit seinem Flügelschlag verscheucht.“
(Seite 57)

„Schöne Worte sind wichtig, wenn man jemanden liebt, aber sich berühren und miteinander eins werden ist wie ein Schlüssel, der alle Türen aufschließt.“
(Seite 68)

Das Titelbild und das sonnengelbe LESEBÄNDCHEN korrespondieren harmonisch mit dem Buchinhalt: Licht, Luft, Meeresglühen, kindliche Unbeschwertheit, kindlicher Mut, frischer Lebensschwung und sonnige Herzenswärme.

Der Autor:

»Gilles Paris wurde 1959 in Suresnes geboren und verdingte sich nach seinem Abitur als Kellner, Medikamententester und Bürohilfe. Er war im Ministerium für Jugend und in verschiedenen Buchverlagen tätig, gründete eine Agentur für Öffentlichkeitsarbeit und schrieb für mehrere Zeitungen als freier Journalist. „Der Glühwürmchensommer“ ist sein vierter Roman.«

 

QUERVERWEIS:

„Der Glühwürmchensommer“ ergänzt sich gut mit dem Roman „TEO“ von Lorenza Gentile, den ich im Mai 2015 besprochen habe : https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/05/20/teo/

In beiden Geschichten geht es um die kindliche Perspektive auf erwachsene Lebensbedingungen, um die kindliche Sorge um den familiären Zusammenhalt und das kindliche Bedürfnis, die eigenen Eltern in Liebe vereint zu sehen.
TEO ist etwas philosophischer und schwerer im Vergleich zum etwas „leichtsinnigen“
GLÜHWÜRMCHENSOMMER.