REJOICE

  • Die letzte Entscheidung
  • von Steven Erikson
  • Roman
  • Originaltitel: »Rejoice«
  • Übersetzung aus dem Englischen von Andreas Decker
  • Deutsche Erstausgabe
  • Piper Verlag, November 2019, http://www.piper-science-fiction.de
  • Klappenbroschur
  • 520 Seiten
  • 18,00 € (D), 18,50 € (A)
  • ISBN 978-3-492-70558-5

REJOICE

NACHHILFE  IN  VERNUNFT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Entspannen Sie sich, öffnen Sie Ihren Lesehorizont dem weisen Einfluß interstellarer Zivilisationen, deren ethische und technische Entwicklung der unseren um Lichtjahre voraus ist. Hier wird kein Sternenkriegerszenario entworfen, sondern eine freundlich-lenkende Rettung vor der Zerstörung unseres Planeten und die Gestaltung einer attraktiven Postmangel-Gesellschaft.

Die außerirdischen Spezies, die ein Interesse daran haben, die Biosphäre der Erde zu bewahren und zu regenerieren, entsenden ein Raumschiff mit einer KI, die das gesamte Sonnensystem sensorisch überwacht und auf der Erde eine Flächenpräsenz installiert. Dies bleibt der Menschheit zunächst noch verborgen, bis am hellichten Tage die Science-Fiction-Autorin Samantha Fox von einem Lichtstrahl, der aus einem offensichtlichen Ufo kommt, vom Bürgersteig gepflückt wird.

Samantha wurde von den Außerirdischen als Botschafterin ausgewählt, um der Mensch-heit eine Kooperation mit der außerirdischen Macht schmackhaft zu machen. Während die KI, die den passenden Namen Adam trägt, Samantha über die friedlichen Absichten und ihre besondere Rolle im geplanten gesellschaftlichen Paradigmenwechsel informiert, wird die Flächenpräsenz aktiviert.

Dieses Kraftfeld verhindert nun jede Form der Gewaltausübung, Waffen funktionieren nicht und Schläge, Stiche, Tritte usw. werden sofort aufgehalten, ja, selbst drängelndes Autofahrerdominanzverhalten wird buchstäblich ausgebremst. Außerdem entstehen große Exklusionsräume, die von Menschen nicht mehr betreten werden können, und zwar hauptsächlich dort, wo sich noch weiträumige und weitgehend menschenleere Natur befindet. Weltweit taucht bei technischen Firmen eine Datei auf, die den Bauplan für die Konstruktion einer emissionsfreien, regenerativen, skalierbaren Energiequelle enthält, die sich den natürlichen Elektromagnetismus des Planeten „ausleiht“ – mit dem ausdrück-lichen Vermerk „Patentieren verboten.“

Im weiteren Verlauf der Geschichte erlesen wir das Geschehen aus sehr, sehr vielen verschiedenen Figurenperspektiven, die mit wahlweise anrührenden oder entlarvenden Psychogrammen ausgestattet sind. Soldaten können nicht mehr kämpfen, ein Waffen-händler wird arbeitslos, eine israelische Soldatin weint gemeinsam mit einem jungen Palästinenser, eine mißhandelte Ehefrau muß sich erst daran gewöhnen, daß sie nicht mehr geschlagen wird, amerikanische, kanadische, chinesische und russische Staats- chefs diskutieren mehr oder weniger konstruktiv mit ihren Ministern, Beratern und Wissenschaftlern, Blogger und Verschwörungstheoretiker stellen Vermutungen an, Ingenieure folgen der außerirdischen Bauanleitung und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus …

Milliardäre und Medienkonzernbesitzer reagieren mit der gewohnten egosphärischen Überheblichkeit und bedienen sich der vertrauten Manipulationsmethoden, die jedoch nicht mehr funktionieren, da die Flächenpräsenz die Unterdrückung und Verzerrung von Information und Wissen nicht mehr zuläßt. Die absolute Vergeblichkeit dieser Macht-spielchen im Kontext einer wahrlich rational überlegenen „Aufsichtsinstanz“, die mediale Transparenz garantiert, eröffnet bei der Lektüre die Aussicht auf einen erfri- schend freidenkerischen Horizont und offenen Diskurs, in dem propagandistischer Kampagnenjournalismus nicht mehr funktioniert. 

Die unterschiedlichen menschlichen Erlebnis- und Bewertungsperspektiven wechseln sich erzählerisch ab mit den lebhaften technisch-aufklärenden und gesellschafts- kritischen Gesprächen zwischen Adam und Samantha. Hier verbindet der Autor scharfe Kritik an Konzernkapitalismus, Natur- und Menschenausbeutung, Politik, Partikular- interessen, Geheimhaltungen und menschliche Schwächen mit der Hoffnung auf ein gänzlich neues menschliches Selbstverständnis.

»Kapitalismus gründet sich auf die selektive Umsetzung der Freiheit einiger weniger zulasten aller anderen.« (Seite 223)

»Sobald Konzerne das Recht gewannen, Menschen  gleichgestellt zu werden, war der Normalbürger entrechtet, denn das Gesetz wurde zum offiziellen Kontrollsystem, mit dem Konzerninteressen vor seine Interessen gestellt werden. Konzerne behandeln Bürger als Wirtschaftseinheiten. Damit nehmen sie ihnen ihre essenzielle Menschlich-keit. Es gibt nichts Inhumaneres als ein Konzern und seine Interessen. [… ] Glücklicherweise ist mein Interventionsprotokoll darauf ausgerichtet, die Menschheit wie auch das planetare Biom über die antiquierten, konzernbasierten Wirtschafts- systeme zu erheben. « (Seite 316)

Das Spektrum der menschlichen Reaktionen auf die außerirdische Intervention reicht von Entspannung angesichts des gewaltfreien Zustands bis hin zu Ängsten vor Ver- sklavung, Befürchtungen vor einem finanzwirtschaftlichen Zusammenbruch und schwierigen psychischen Neuorientierungen und Identitätskrisen besonders bei Menschen, die zuvor viel Gewalt und Macht ausgeübt oder erlitten haben.  

»Das mag jetzt für viele Menschen eine Überraschung sein, […] aber die Annahme, dass eine außerirdische Zivilisation daran interessiert sein könnte, die künstliche Hierarchie zu bestätigen, die Ihre Spezies sich selbst auferlegt hat, ist unweigerlich das Erste, das einer Neujustierung bedarf.« (Seite 33)

Auch wenn die außerirdische Intervention ihre Absicht zunächst durch die erziehe- rischen und beschützenden Eingriffe der Flächenpräsenz durchsetzt, so soll die Menschheit sich dennoch bewußt entscheiden, ob sie diesen neuen Weg freiwillig beschreiten will. Wenn die Menschen den notwendigen lebensstilistischen Para-digmenwechsel begrüßen und gegenüber den großzügigen außerirdischen Unter- stützungs- und Wissensangeboten aufgeschlossen sind, werden sie selbstbestimmte Mitgestalter einer anderen Welt als die bisherige.

»Je eher Ihre Spezies ihr kollektives Selbstverständnis findet, umso besser wird es offensichtlich sein.« (Seite 403)

Dieser faszinierende Roman ist komplex und eignet sich besser als Langstreckenlektüre, damit sozusagen die geistige Flächenpräsenz des Lesers nicht allzu oft unterbrochen wird. Der vielschichtige Aufbau der Szenarien und Figurenperspektiven nebst einge- fügter fiktiver Zeitungsartikel, Mail-Korrespondenzen, Blogbeiträge und Interviews bietet eine Multiperspektive, die Lesekonzentration beansprucht.

Neben der Thematisierung einer lebenswerten oder tödlichen Zukunft der Erde und der Menschheit kommen viele biologische, historische, soziologische, psychologische, spirituelle und religiöse Aspekte des Menschseins zur Sprache.

Steven Eriksons weiträumig durchdachter Science-Fiction-Roman spielt mit visionären technischen Möglichkeiten von pazifistischer KI, medizinischen Nanosuiten bis hin zu Terraforming. Dabei ist er ebenso gesellschaftskritisch wie unterhaltsam sowie auf philosophisch-reflektierende Art spannend.

Einige köstliche Prisen Humor finden sich u.a. hinsichtlich einer gewissen Genreselbst-ironie. So erfährt Samantha von Adam, daß sie wegen ihrer mehr humanistisch als technisch orientierten Science-Fiction-Romane als besonders geeignete Person für die Anfangsphasen eines Erstkontaktes betrachtet wird und deshalb für diese Mission aus-gewählt wurde. Beiläufig läßt Adam sie dann noch wissen, daß sie intergalaktisch gesehen mehrere Milliarden außerirdischer Leser hat. Wenn das kein Hoffnungs- schimmer für die Menschheit ist …

»Die menschliche Fantasie ist eine äußerst wertvolle Währung.« (Seite 179)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.piper.de/buecher/rejoice-isbn-978-3-492-70558-5

Eine ergänzende Buchbesprechung von Thursdaynext, die mich zu diesem Roman geführt hat, findet sich auf dem Bücherblog „Feiner reiner Buchstoff“: https://feinerreinerbuchstoff.blog/2019/11/12/rejoice-ideas-for-future-not-only-for-fridays/

Der Autor:

»Steven Erikson ist Archäologe und Anthropologe. Mit seiner international gefeierten Reihe um „Das Spiel der Götter“ etablierte er sich als eine der wichtigsten Stimmen der phantastischen Literatur. Der Autor lebt in Kanada.«

 

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Ein weißer Schwan in Tabernacle Street

  • Band 8 der übersinnlichen Peter-Grant-Reihe
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »False Value«
  • Deutsche Übersetzung von Christine Blum
  • Deutsche Erstausgabe
  • DTV Verlag, Oktober 2020 www.dtv.de
  • 423 Seiten
  • Format: 13,5 x 21 cm
  • Klappenbroschur
  • 15,00 € (D), 15,5o € (A)
  • ISBN 978-3-423-26278-1


DAS  GEWISSE  MAGISCHE  ETWAS  NR. 8

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Diesmal spannen die Ermittlungen Peter Grants einen weiten Bogen von den Anfängen elektronischer Datenverarbeitung mit Ada Lovelace und Charles Babbage bis hin zur Entstehung der ebenso gefürchteten wie erhofften KI–Singularität und der Frage, ob eine Maschine bzw. ein Computerprogramm wirklich denken und zu Bewußtsein kommen kann.

Für diejenigen, die hier zum ersten Male von Police Constable Peter Grant lesen, erlaube ich mir einen freundlichen Hinweis auf meine ausführliche Besprechung des ersten Bandes, wo die komplexen Details der mehr oder weniger geheimen kriminalistischen Spezialeinheit der Metropolitan Police von London, die sich mit magieverdächtigen  Verbrechen befaßt, anschaulich erklärt werden: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/
Inzwischen – also seit dem vorletzten Band – ist Peter übrigens die Karriereleiter zum Police Detective aufgestiegen und hat seine magischen Fähigkeiten sowohl theoretisch als auch praktisch deutlich verbessert.

Standort der Spezialabteilung ist das altehrwürdige Folly, wo auch die magischen Studien und praktischen Übungen unter Leitung des eleganten Detective Chief Inspectors und Meistermagiers Thomas Nightingale stattfinden.

Peter Grant wohnt allerdings nicht mehr im Folly, sondern in einem Haus mit Garten am Ufer des Flusses Beverley Brook. Denn seine Lebensgefährtin und zukünftige Mutter seiner Kinder ist die leibhaftige Flußgöttin des Beverley Brooks und trägt auch exakt diesen Namen. Kurz und kosend darf man sie Bev nennen, und während ihrer aktuellen Schwangerschaft schreibt sie an ihrer Dissertation zum Thema „Positive ökologische Aspekte der Gewässerrenaturierung“.

Flußgöttinnen und –Götter mäandern durch alle Bände der Peter-Grant-Serie. Sie sind einerseits übernatürliche Wesen mit sehr viel elementarer Macht, erscheinen gleich- wohl ganz irdisch-körperlich in attraktiver menschlicher Gestalt, und sie sind zumindest den naturverbundeneren Menschen durchaus zugeneigt. Allerdings sind sie manchmal etwas launisch und gewissen Opfergaben und feierlichen Huldigungen nicht abgeneigt.

Diesmal ist Peter mit einer verdeckten Ermittlung bei „Serious Cybernetics Corporation“ kurz: SCC, beschäftigt. SCC gehört dem Milliardär und Silicon-Valley-Abkömmling Terrence Skinner. Peter wird in der Sicherheitsabteilung eingesetzt und bekommt die Aufgabe, eine „Ratte“ unter der Belegschaft zu finden.

Die SCC bezeichnet ihre Angestellten offiziell als „Mäuse“ und simuliert eine unkonven-tionelle, kreativ-verspielte, wenig hierarchische und transparente Unternehmens- struktur. Terrence Skinner flaniert – scharfäugig, scharfsinnig und scharfschützig begleitet von seiner Leibwache – alltäglich durch die Abteilungen und plaudert mit seinen „Mäusen“.

Auf jeder Etage des großzügigen Bürokomplexes gibt es abwechslungsreiche, kostenlose Essensautomaten, die Peter systematisch durchkostet. Amüsante Pychogramme seiner zum Teil sehr klassischen IT-Nerd-Kollegen, die Spitznamen wie „Update“ tragen, und
ein bißchen Nachhilfe hinsichtlich der frühen Anfänge von Computerprogrammen führen uns anschaulich in die digitale Moderne und ihre ambitionierten Zukunftsziele ein.

Als es während der Arbeit zu einem bewaffneten Angriff auf Terrence Skinner kommt, kann Peter Grant das Schlimmste verhindern und zugleich feststellen, daß der Angreifer unter Magieeinfluß zu seiner Tat manipuliert wurde. Peter verlangt, unter dem Vorwand besser für Skinners Sicherheit sorgen zu können, Zugang zur Geheimabteilung des Unternehmens.

Skinner lädt Peter daraufhin ein, mit dem geheimen IT-Projekt zu plaudern. Das Geheimnis heißt „Deep Thought“ und ist eine funktionierende AGI (Artificial General Intelligence), die im Gespräch mit Peter den sogenannten Turing-Test besteht. Diese Generelle Künstliche Intelligenz will Terrence Skinner selbstverständlich noch weiter entwickeln und verfeinern.

Peter hat den berechtigten Verdacht, daß dies nicht alleine mit technischen Mitteln, sondern auch mit magischen Werkzeugen geschehen soll, und das könnte noch gefähr-licher werden als die KI-Singularität. Dies führt Peter zu Recherchezwecken über Ada Lovelace, Charles Babbage und Mary Somerville in die London Library und zufällig zu zwei amerikanischen Magieagenten, die bereits die gleiche Spur verfolgen.

Nach einem spontanen, sportlichen Magieduell beschließen die Amerikaner, die dem Geheimbund der „Librarians“ angehören, mit Peter zusammenzuarbeiten und ihre bisherigen Informationen mit ihm zu teilen. Angeblich gebe es eine verschollene magisch-mechanische Maschine, die sogenannte „Mary-Maschine“ (aus der Weiterent-wicklung von Charles Babbages unvollendeter „Differenz-Maschine“), und diese – so vermuten die Librarians – wolle sich Terrence Skinner zur Vervollkommnung der KI zu Nutze machen.

Alle sind sich einige, daß dies unbedingt verhindert werden muß, wobei die Librarians die Maschine auf jeden Fall zerstören wollen und Peter Grant sie lieber unter magischem Verschluß im Folly aufbewahren möchte. Nach der Ausschaltung einer kniffligen Dämonenfalle und dramatischen Verfolgungsjagden durch angriffslustige Drohnen und aufschlußreichen Streitgesprächen mit mißgünstigen Geistern in Rosen- gläsern sowie weiteren magischen Kampfkunstdarbietungen wird das KI-Vorhaben von Terrence Skinner explosiv beendet, und Peter kann sich wieder ungestört dem zauberzärtlichen Salben von Flußgöttin Beverly Brooks Bäuchlein widmen.

In diesem Roman führt Ben Aaronovitch die geldmächtige IT-Moderne, nebst ihrer Arbeitsphilosophie und ihres Menschenbildes, und die aus den vorhergehen Bänden vertrauten magischen Ermittlungsmethoden zusammen. Der bürobühnenbildnerische Anteil an der Handlung ist allerdings reichlich überproportioniert und geht auf Kosten der magischen Spezialeffekte.

Die Figurenzeichnungen sind sehr gelungen, die Dialoge knackig und schlagfertig und die Dramaturgie filmreif. Dennoch kommen die liebgewonnen Charaktere aus den vorhergehenden Bänden entschieden zu kurz.

Seltsam ist auch der deutsche Wortlaut des Titels, bei dem sich nicht der geringste Anknüpfpunkt zur Romanhandlung findet. Und warum der DTV-Verlag das Format des Buches (von 12,2 x 19 cm zu 13,5 zu 21 cm) vergrößert hat, wissen wahrscheinlich nicht einmal die Druckteufelchen – das wird für treue Peter-Grant-Leser die Reihenharmonie im Bücherregal empfindlich stören. Aber dafür kostet diese vergrößerte Klappen- broschur auch nur 4,05 € mehr als die ersten sieben Bände.

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/ben-aaronovitch-ein-weisser-schwan-in-tabernacle-street-26278/

Hier entlang zur interessanten und informativen DTV-Webseite zur Peter-Grant-Serie:
https://www.dtv.de/special-ben-aaronovitch-urban-fantasy/startseite/c-184

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wuchs in einer politisch engagierten, diskussionsfreudigen Familie in Nordlondon auf. Er hat Drehbücher für viele TV-Serien, darunter „Doctor Who“, geschrie-ben und als Buchhändler gearbeitet. Inzwischen widmet er sich ganz dem Schreiben. Er lebt nach wie vor in London.«

Die Übersetzerin:

»Christine Blum, geboren 1974 in Freiburg im Breisgau, studierte Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaften, Russische Literatur, Musikwissenschaft und kurze Zeit auch Medizin. Seit 2002 übersetzt sie aus dem Englischen und Russischen. Für dtv überträgt sie u. a. Ben Aaronovitch ins Deutsche.«

PS
Nebenbei bemerkt, offenbart mir mein professioneller Blick in die Glaskugel der digitalen DTV-Verlagsvorschau, daß schon am 18. März 2021 ein neuer Band mit Geschichten aus dem magischen Radius des smarten Peter Grants erscheinen wird:
DER GEIST IN DER BRITISH LIBRARY UND ANDERE GESCHICHTEN AUS DEM FOLLY https://www.dtv.de/buch/ben-aaronovitch-der-geist-in-der-british-library-und-andere-geschichten-aus-dem-folly-21958/

Hier entlang zu den Vorgängerbänden:

Band 1: DIE FLÜSSE VON LONDON
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/
Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/
Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/
Band 4: DER BÖSE ORT
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/
Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/
Band 6: DER GALGEN VON TYBORN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/27/der-galgen-von-tyburn/
Band 7: DIE GLOCKE VON WHITECHAPEL
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/06/10/die-glocke-von-whitechapel/

Hier entlang zu einer kurzen Peter-Grant-Geschichte, etwas außerhalb der Reihe:
GEISTER AUF DER METROPOLITAN LINE/Eine Peter-Grant-Stoy
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/06/28/geister-auf-der-metropolitan-line/
Hier entlang zu Ben Aaronovitchs Schreibausflug in deutsche Gefilde:
DER OKTOBERMANN/Eine Tobi-Winter-Story
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/11/18/der-oktobermann/
DER GEIST IN DER BRITISH LIBRARY  und andere Geschichten aus dem Folly
(KRIMI-KURZGESCHICHTEN) Originaltitel: Tales from the Folly   Der Geist in der British Library

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Zwischen zwei Sternen

  • von Becky Chambers
  • Roman
  • Originaltitel: »A Closed and Common Orbit«
  • Übersetzung aus dem Amerikanischen von Karin Will
  • Wayfarer-Universum Band 2
  • Fischer TOR Verlag   Februar 2018  www.tor-online.de
  • Taschenbuch
  • 464 Seiten
  • 9,99 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-596-03569-4

INTERGALAKTISCH

Buchbesprechung  von Ulrike Sokul ©

Wie ich in der Besprechung des ersten Bandes aus dem Wayfarer-Universum schon an- gekündigt hatte, gewährt uns der zweite Band einen ausführlichen Blick in das Leben der Technikerin Pepper. Doch zuvor bedarf es eines kurzen Rückblicks zum Ausgang des ersten Bandes.

Die Wayfarer ist ein Tunneler-Schiff und bohrt im Auftrag der GU (Galaktische Union) an bestimmten Koordinaten stabilisierte Wurmlöcher ins All. Bei der letzten Bohrung wurde die Wayfarer von einem Raumschiff der kriegerischen Toremi mit einer Strahlen- dosis beschossen, wodurch es zu einem katastrophalen Kaskadenversagen kam, in dessen Folge die empfindungsfähige KI des Raumschiffs kollabierte. Das Wurmloch konnte nicht stabilisiert werden, und es gelang den vereinten Kräften der Crew nur knapp, das beschädigte Schiff aus der Gefahrenzone zu manövrieren.

In all den Jahren der Zusammenarbeit ist die KI der Besatzung ans Herz gewachsen, sie wird von allen liebevoll mit dem Spitznamen „Lovey“ angesprochen, und der Comptech Jenks ist sogar in die KI verliebt. Jenks hatte vor dem letzten Bohrauftrag seine alte Freundin Pepper gebeten, ein Bodykit für Lovey zu beschaffen, um sie eines Tages vom Schiff in einen mobilen Körper zu transferieren.

Der Neustart der KI-Systeme birgt die Gefahr, daß die alte „Lovey“ mit ihrer im Aus-tausch mit der Crew geformten Persönlichkeit gelöscht wird und nur das jungfräuliche Startprogramm einer Schiffs-KI übrig bleibt. Genau dies geschieht, doch da Jenks die vage Hoffnung hegt, daß die alte Lovey in der neuen Lovey datenspeichermäßig wieder-erwacht, bittet er Pepper, die neue Lovey  im Bodykit mitzunehmen und sich um sie zu kümmern. Das ist zwar illegal, denn die Gesetze der GU verbieten sogenannte „Mime-tische KI-Gehäuse“, aber Pepper kümmert das wenig, und sie reist mit der KI auf den neutralen Planeten Port Coriol, wo sie einen Schrott- und Reparaturladen betreibt.

Die KI sucht sich den neuen Namen Sidra aus und kämpft sich durch den reduzierten Wahrnehmungshorizont eines „menschlichen“ Körpers. Als multitaskingfähige Schiffs-KI wurde sie darauf programmiert, stets alles über diverse Kameras rundum im Überblick zu behalten, jede Bewegung und jede Veränderung zu registrieren und auszuwerten, was angesichts der räumlichen Unbegrenztheit und der unendlichen Detailfülle eines mulitispeziär besiedelten Planeten und des organisch-eingeschränkten Blickwinkels einer menschlichen Körperkonstruktion eine kognitive Herausforderung darstellt.

Pepper steht Sidra hilfreich zur Seite, und sie findet auch nach und nach technische Lösungen für Sidras Anpassungsschwierigkeiten. Besonders gefährlich und kniffelig ist ein internes Protokoll, daß es Sidra unmöglich macht, zu lügen oder direkte Handlungs- aufforderungen zu übergehen.

Als Sidra fragt, warum Pepper das Risiko eingehe, eine KI bei sich zu Hause aufzuneh-men, antwortet Pepper, daß sie etwas gutzumachen habe, denn sie sei von einer KI großgezogen worden.

In Rückblenden erfahren wir nun von Peppers Lebenslauf. Pepper wurde auf dem Plane-ten Aganon geboren bzw. gezüchtet. Auf Aganon befindet sich die letzte Kolonie der Bewegung „Bessere Menschheit“, die wegen ihrer extremen klassengesellschaftlichen Orientierung aus der GU ausgeschlossen wurde. Die Verbesserer manipulieren die Gene entsprechend der gesellschaftlichen Rolle und der Arbeit, die ein Mensch später ausfüllen soll. Menschen, die für niedere Arbeiten als Arbeitssklaven gezüchtet werden, bekommen nur zwei Genmanipulationen: Sie haben keine Körperbehaarung und sie sind unfruchtbar.

Damals hieß Pepper Jane 23, sie war eine von vielen Janes einer Generation, die in einer riesigen Fabrik Schrott säubern und wiederverwertbare Teile aussortieren. Erzogen und bewacht werden die Janes von maschinellen Müttern ohne Gesicht, sie lernen nur die Sachverhalte und Wörter, die für ihre Arbeitsaufgaben gebraucht werden. Jedes Jahr bekommen sie etwas anspruchsvollere Schrottaufgaben und ziehen in einen anderen Teil der Fabrik um.

Jede Jane hat eine dauerhafte Schlafpartnerin, da die „Mütter“ der Ansicht sind, daß diese Form der Nestwärme und zwischenmenschlichen Nähe für die Janes gesundheits-förderlich sei. Jane 23 teilt sich mit Jane 64 das Bett, und die beiden verstehen sich gut und haben einander wirklich gern.

Jane 23 findet Gefallen an ihrer Arbeit, sie ist aufgeweckt und tüftelt sich gerne durch schwierige Schrotteile, wofür sie von den Müttern gelobt wird. Als Jane zehn Jahre alt ist, kommt es zu einer Explosion, bei der einige Janes sterben und viele verletzt werden. Jane 23 erblickt durch die aufgerissene Fabrikwand zum ersten Mal den blauen Himmel und die unendliche Schrotthaldenlandschaft außerhalb der Fabrik. Dies macht einen solch nachhaltigen Eindruck auf sie, daß sie nach einigen Tagen heimlich nächtens gemeinsam mit Jane 64 in die Fabrikhalle zurückgeht, um Jane 64 den blauen Himmel zu zeigen.

Diesmal ist der Himmel zwar nicht blau, sondern schwarz, aber dafür voller silbrig funkelnder Lichter und Monde, was Jane 23 nicht minder fasziniert, und sie traut sich einige Meter nach draußen, während Jane 64 noch zögert. Jane 23 geht noch etwas weiter, bis eine Mutter auftaucht, Jane 64 festhält und Jane 23 befiehlt, sofort zurück-zukommen. Jane 23 schwankt kurz zwischen ihrer Anhänglichkeit an Jane 64 und ihrem Freiheitsdrang, und als Jane 64 ihr zuruft „Lauf!“, da läuft sie und läuft und läuft, und sie wird nicht verfolgt.

Nach einer Weile wird Jane 23 jedoch von wilden Hunden gejagt und ist fast am Ende ihrer Kräfte, nur reiner Überlebenswille hält ihre Beine in Bewegung. Plötzlich hört sie eine Stimme, die ihr zuruft, sie solle zu ihr laufen, sie könne sie beschützen. Jane sieht ein altes Shuttle aufleuchten und eine geöffnete Tür. Sie erreicht das Shuttle, die Tür schließt sich hinter ihr und die Hunde bleiben draußen.

Das Shuttle verfügt über Solarzellen, und deshalb hat es ausreichend Energie, um die schiffseigene KI sowie einige Bord-Funktionen aktiv zu halten. Die KI hat den Namen Eule und kümmert sich fortan um Janes Schutz und Bildung. Es gibt noch brauchbare Vorräte, Medikamente, Kleidung, Werkzeuge, ein Wasserfiltersystem usw.

Eules einfühlsame Erziehung eröffnet Jane neue Horizonte, sie erfährt von anderen Planeten, Spezies und Gesellschaftsformen, sie lernt lesen und schreiben, und ihr Wort-schatz erweitert sich beträchtlich. Denn in der Fabrik gab es nur gutes und schlechtes Benehmen, falsch und richtig sowie mechanisch-technisch-physikalische Adjektive, jedoch keine differenzierten Gefühlsausdrücke. Wieviel Welterschließung und Selbster-kenntnis in Worten liegt, wird bei Janes Wortschatzwachstum sehr anschaulich und anrührend deutlich.

Jane bringt technisches Grundwissen mit und unerschöpfliche Wißbegier, und sie beginnt kleinere Reparaturen am Shuttle vorzunehmen. Die unendliche Schrotthalde hat den Vorteil, daß genügend Ersatzteile und brauchbare Materialien zur Verfügung stehen, und den Nachteil, daß dort außer einem eßbaren Pilz keine Nahrungsmittel wachsen. Außerdem muß Jane aus einiger Entfernung Wasser herbeiholen, was wegen der wilden Hunde gefährlich ist. Mit Eules Hilfe baut sich Jane eine Waffe und kann sich erfolgreich gegen die Hundeangriffe verteidigen.

Eule ermutigt Jane, das Shuttle zu reparieren, damit sie den Planeten verlassen und den Einflußbereich der GU erreichen können. Es dauert neun Jahre, bis Jane das Shuttle soweit in Stand gesetzt hat, daß man damit fliegen kann. Treibstoff organisiert sie von einem in größerer Entfernung befindlichen Frachtdrohnenlandeplatz, wo der Schrott abgeladen wird. Dort findet sie in Laurian, einem Wachmann, einen unerwarteten Ver-bündeten. Laurian war eigentlich für eine Führungskraftrolle gezüchtet worden, wegen seines Stotterns wurde er dann jedoch aussortiert und zum Wachdienst versetzt.

Jane, Laurian und Eule gelingt die Flucht, und sie werden von der GU aufgenommen. Das Shuttle, inklusive der integrierten KI, wird allerdings beschlagnahmt, da es gegen diverse Raumflugsicherheitsvorschriften verstößt – Bürokratie ist wahrlich universell.

Auf dem Planeten Port Coriol beginnen Jane und Laurian miteinander ein neues Leben. Jane nennt sich fortan wegen ihrer Begeisterung für Gewürze Pepper und Laurian nennt sich Blue. Pepper arbeitet weiter als Schrott- und Reparatur-Technikerin, und Blue wird Maler.

Niemals gibt Pepper die Suche nach dem Verbleib des alten Shuttles auf, weil die Ki-Eule für sie gleichsam ein Familienmitglied ist. Eines Tages erhält sie die Information, daß ihr altes Shuttle in einem „Museum für interstellare Migration“ gestrandet sei …

Die Rückblenden in Janes/Peppers Kindheit und Jugend wechseln sich ab mit den Erfah-rungen Sidras auf Port Coriol. Das ergibt interessante Perspektivwechsel. Jane wird von der KI-Eule in Hinsicht auf das Leben mit Menschen und anderen Spezies geschult, u.a. durch das Erlernen der Sprache Klip, der gemeinsamen Sprache aller GU-Mitglieder, und durch kosmopolitischen Biologie- und Geschichtsunterricht.

Umgekehrt bemüht sich Pepper, die KI-Sidra mit dem wirklichen Leben und echten zwischenmenschlichen Interaktionen vertraut zu machen. Theoretisches Wissen ist kein Problem für Sidra, sie kann sich benötigtes neues Sachwissen oder Sprachkenntnisse einfach herunterladen und integrieren, aber unmittelbare Kontakte mit Menschen und anderen Spezies und körperliche Gefühlsreaktionen und echte Sinneserfahrungen sind anfangs eine große – teilweise aber auch angenehme – Herausforderung für Sidra.

Auch der zweite Wayfarer-Band wartet mit detailverliebt-einfallsreicher, zukunfts- musikalischer Technik und komplexer, intergalaktischer Gesellschaftsordnung sowie vielfältigen, teilweise buchstäblich kunterbunten Spezies auf. Faszinierend-unkonven- tionelle, interspeziäre, dreigeschlechtliche Variationen familiären Zusammenlebens spielen eine inspirierende Nebenrolle. Spannung und Humor kommen dabei auch diesmal nicht zu kurz.

Durch die beiden sehr ausgereiften Hauptfiguren Jane/Pepper und Sidra werden mit lebhafter Anschaulichkeit ethische, philosophische und sozialkritische Betrachtungen rund um Genmanipulation, künstliche und organische Intelligenz, Freiheit und Unfrei- heit, Bildung und Bindung sowie Lebenssinn und Bestimmung inszeniert.

„Bei den Sternen“: Davon will ich noch viel mehr lesen. Band drei der Wayfarer-Serie ist schon in greifbarer Sichtweite …

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite: https://www.fischerverlage.de/buch/becky_chambers_zwischen_zwei_sternen/9783596035694

Hier entlang zu einer weiteren begeisterten Rezension auf dem Buch-Blog „Feiner reiner Buchstoff“: https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2018/02/12/flowerpower-goes-scifi-die-zweite/

Hier entlang zum ersten Band „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/05/01/der-lange-weg-zu-einem-kleinen-zornigen-planeten/
Hier entlang zum dritten Band „Unter uns die Nacht“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/05/12/unter-uns-die-nacht/

 

Die Autorin:

»Becky Chambers ist als Tochter einer Astrobiologin und eines Luft- und Raumfahrttechnikers in Kalifornien aufgewachsen. Die Zeit zum Schreiben ihres ersten Romans hat sie sich durch eine Kickstarter-Kampagne finanziert. Das Buch wurde prompt zu einem Überraschungserfolg.«

 

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Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten

  • von Becky Chambers
  • Roman
  • Originaltitel: »The Long Way to a Small Angry Planet«
  • Übersetzung aus dem Amerikanischen von Karin Will
  • Wayfarer-Universum Band 1
  • Fischer TOR Verlag  Oktober 2016  www.tor-online.de
  • Taschenbuch
  • 544 Seiten
  • 9,90 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-596-03568-7

INTERGALAKTISCH

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Bei den Sternen – das ist exorbitant lesenswert! Dieser Science-Fiction-Roman gewährt uns eine Horizonte öffnende und ebenso amüsant-abenteuerliche wie feinsinnig-vielschichtige Lesereise, die einen nachhaltig-bedenkenswerten Eindruck hinterläßt.

Gewiß geschieht es immer wieder, daß uns Romanfiguren ans Herz wachsen, doch Becky Chambers schafft es, daß uns sogar gänzlich fremde Spezies vertraut werden und man sie keineswegs weniger schätzen lernt als Vertreter der eigenen Art. Ich will jedoch sogleich vorwegnehmen, daß die Menschheit in der Galaktischen Union (im weiteren Verlauf abgekürzt GU genannt) nicht den besten ethischen Ruf genießt, aber das ist eine Einschätzung, zu der wir selbst ebenfalls nicht allzu selten neigen.

Rosemary Harper hat triftige Gründe, ihren Heimatplaneten Mars zu verlassen und ihr bisheriges, privilegiertes Leben zu vergessen. Sie tritt eine Stelle als Verwaltungskraft auf einem Tunnelerschiff an. Tunnelerschiffe bohren an bestimmten Koordinaten stabile Wurmlöcher ins All und verbessern durch diese Interspace-Passagen exorbitant die Reisegeschwindigkeit für alle Mitglieder der GU.

Ashby Santoso, der Kapitän des Raumschiffs Wayfarer, freut sich, daß ihm in der Person Rosemary Harpers nun endlich jemand den lästigen Verwaltungskram abnimmt. Sein Algaeist, Artis Corbin, bemängelt zwar die Einstellung einer jungen Frau, die noch keine Erfahrung mit Langstreckenflügen hat, aber Ashby verteidigt diplomatisch seine Perso- nalauswahl. Ein Algaeist ist – nebenbei bemerkt – zuständig für die Wartung der Algen- tanks und der darin befindlichen Algen, die den Treibstoff für das Raumschiff produ- zieren. Da dies eine lebenswichtige Aufgabe ist, erträgt die gesamte Besatzung, mehr oder weniger gelassen, die mißmutigen Launen des Algaeisten.

Die weiteren Besatzungsmitglieder der Wayfarer sind wesentlich umgänglicher und nehmen Rosemary mit offenen Armen, Tentakeln und Krallenhänden auf: Da sind Kizzy Shao, die chaotische Mechtech und der kleinwüchsige Jenks, der Comptech, dann die attraktive Pilotin Sissix, die zur echsenähnlichen Spezies der Aandrisks gehört, sodann der sechsbeinige, raupenförmige, sehr lebensweise und kräuterkundige Dr. Koch, der zur aussterbenden Spezies der Grum gehört und dessen Aufgaben an Bord der Wayfarer medizinischer und kulinarischer Natur sind. Außerdem gibt es den Navigator, Ohan, der ein Sianat ist und dank der Symbiose mit einem Neurovirus, dem sogenannten Flüste- rer, den multidimensionalen Raum wahrnehmen kann. Und nicht zu vergessen Lovelace: die empfindungsfähige KI des Raumschiffs, die von allen liebevoll mit dem  Spitznamen Lovey angesprochen wird.

Der Comptech Jenks ist in Lovey verliebt. Diese Liebe wird von Lovey erwidert, und die beiden planen heimlich, ein Bodykit (einen synthetischen menschlichen Körper) zu organisieren und die KI nach Abschluß des  letzten Wayfarer-Auftrages dort hinein zu transferieren. Nach den geltenden Gesetzen der GU haben empfindungsfähige KIs keine Bürgerrechte. Es ist verboten, sie außerhalb der für sie vorgesehenen Funktionen zu installieren – ganz zu schweigen davon, sie in einem mobilen Bodykit unterzubringen, was es fast unmöglich machen würde, sie von biologischen Lebewesen zu unter- scheiden.

Die Besatzung pflegt einen familiären Umgangston miteinander, und alle erfüllen ebenso ihre Pflichten, wie sie sich der Entspannung und dem kommunikativen Aus- tausch widmen. Es gibt eine universelle Sprache „Klip“, die von allen Spezies der GU beherrscht wird. Doch auch Begriffe oder Handgesten aus der einen oder anderen inter- galaktischen Fremdsprache dienen der Verständigung, wenn sie von besonderer kommunikativer Angemessenheit sind.

Das Tunnelbohren ist eine ganz gewöhnliche Arbeit im Kontext der GU, auch wenn sie besonders vom Navigator und Piloten minutiöse Präzision erfordert. Für Rosemary ist das noch Neuland, und ihre Kollegen geben sich große Mühe, alle astrophysikalischen Phänomene und technischen Vorgänge anschaulich zu erklären, die damit in Zusam- menhang stehen, so daß wir als Mitleser auch einen kleinen Schimmer davon erhaschen.

Kapitän Ashby bekommt von der GU einen außergewöhnlichen Auftrag für eine Tunnel-bohrung bei Hedra Ka. Der Auftrag ist vielversprechend und lukrativ: sechsunddreißig Millionen Credits, zuzüglich Spesen! Das Gebiet, in das sie reisen müssen, gehört allerdings dem kriegerischen Volk der Toremi, mit dem die GU neuerdings in Verhand- lungen getreten ist, da die Toremi über große Mengen von Ambi, einem begehrten Treibstoff-Rohstoff, verfügen.

Kurz bevor sich die Wayfarer auf den langen Weg nach Hedra Ka macht, besucht die Besatzung den neutralen Planeten Port Coriol, der sich durch seine multispeziäre Vielfalt, zahllose unkonventionell-kreative Technikfreaks und Künstler und eine dementsprechende Warenvielfalt auszeichnet, wozu auch illegale Technologie und diverse Rauschmittel gehören.

Der Comptech Jenks nutzt die Gelegenheit, seine alte Freundin Pepper zu besuchen, die einen Schrott-Reparaturladen führt und auf Port Coriol sehr gut vernetzt ist. Er bittet Pepper, sich nach einem Bodykit für Lovey umzusehen. Nachdem Pepper Jenks eindring-lich ins Gewissen geredet hat, welch große Verantwortung er damit übernimmt, eine KI in einem mobilen Körper und die damit verbundenen Wahrnehmungseinschränkungen unterzubringen, willigt sie ein, ihre Beziehungen spielen zu lassen.

Die illegale Seite dieser Angelegenheit ist für Pepper nebensächlich, denn angesichts ihrer dramatischen Vergangenheit ist ein illegales Bodykit eine Sache, die man – bei aller gebotenen Vorsicht – spielerisch angehen kann. Peppers lebensläufiger Hintergrund wird im zweiten Band der Wayfarer-Reihe („Zwischen zwei Sternen“) noch ausführlich thematisiert werden.

Auf dem langen Weg nach Hedra Ka gibt es spannende Zwischenstopps und Erholungs-pausen auf anderen Planeten. Sissix kann sogar in Begleitung der Crew für einige Tage ihre Familie besuchen und Rosemary ein tieferes Verständnis für die gänzlich anderen Familienstrukturen und die berührungsintensive Kommunikationsweise der Aandrisks vermitteln.

Bei einem weiteren Zwischenstopp auf dem Mond Zirp, auf dem neben alten Bekannten von Kizzy auch angriffslustige Ketlinge, eine Art Riesengrashüpfer, leben, besorgt Kizzy einige maschinelle Ersatzteile und Schutzschilde und versucht vergeblich, Kapitän Ashby davon zu überzeugen auch ein paar Waffen zur Verteidigung der Wayfarer anzuschaffen.

Bei der Tunnelbohrung im Gebiet der Toremi wird es schließlich äußerst gefährlich …

Der Reiz dieses SF-Romans liegt in der differenzierten Figurengestaltung. Die verschie-denen Spezies werden nicht nur mit ihren körperlichen Merkmalen, sondern einfühlsam und phantasievoll mit ihrem kulturellen und historischen Hintergrund sowie mit ihren sprachlichen Feinheiten dargestellt. Beispielsweise kommunizieren die feingliedrigen, silbrig, schuppenhäutigen Äluoner untereinander über das Farbschimmern auf ihren Wangen, für die Kommunikation mit anderen Spezies benutzen sie jedoch eine implantierte Sprachbox.

Kleine Rückblenden auf die individuellen, biographischen Herkunftsgeschichten und die dramaturgischen Entwicklungen und unterschiedlichen Geisteshaltungen, die sich da- raus ergeben, runden die lebhaften Charakterisierungen anschaulich ab. Die Perspek- tive anderer Spezies auf die Menschheit gibt neckischen Anmerkungen zur fehlenden Reife der Menschheit viel Raum. So wird etwa die Stellungnahme eines Quelin-Abge- ordneten erwähnt, in der von der Aufnahme dieser pubertären und unbedeutenden Spezies in die GU dringend abgeraten wird, da sie nicht aus sich selbst heraus zu einer globalen Einheit gefunden habe und deshalb viel zu labil sei, um Teil der GU zu werden.

Ebensoviel Raum nimmt jedoch auch die wechselseitige Anziehungskraft und aufge-schlossene Neugier zwischen den Spezies ein, und es gibt durchaus Liebesbeziehungen zwischen verschiedenen Spezies.

Futuristische Technik spielt selbstverständlich ebenfalls eifrig mit. So schreibt man mangels Papier, das ein Luxusartikel ist, mit dem Scribus, einer Art Tablet-Computer mit Pixelstift und einem Pixelbildschirm, der durch eine Handbewegung ein- und ausge- schaltet wird. Imunobots, die in der Blutbahn patrouillieren und je nach Bedarf modifiziert oder ausgetauscht werden, sind ebenso selbstverständlich wie ein kleines Unterarmimplantat, das alle relevanten Persönlichkeitsdaten, die ID, die Bankverbin- dungen und ein medizinisches Interface für die Imunobotskommunikation enthält.

Bei den Dentalbots, die man sich zum delegierten Zähneputzen in den Mund wirft,  sollte man jedoch darauf achten, diese nicht zu verschlucken. Dies wäre zwar nicht lebensbedrohlich, könnte aber Bauchschmerzen verursachen, da sie einfach weiterputzen, egal wo sie sich gerade befinden.

Die digitale GU-Standardwährung sind sogenannte Credits, und es gibt eine GU-Standard-Zeit, die in Tagzehnten strukturiert ist. Raumschiffe und Raumstationen verfügen über ein Artigrav-Netz, das bei Bedarf die Schwerkraft ausschaltet usw.…

Becky Chambers gelingt mit dem ersten Band der Wayfarer-Reihe eine attraktive Balance aus zukunftsmusikalischer Raumfahrt- und Alltagstechnik und komplexem, zwischenspeziärem Miteinander. Der ebenso tiefsinnige wie unterhaltsam-verspielte, philosophisch-sozialkritische und phantasievoll-visionäre Facettenreichtum dieses SF-Romans fasziniert von der ersten bis zur letzten Seite.

Ich kann es kaum abwarten, Ihnen auch den zweiten Band leseschmackhaft zu machen.

Nachfolgend noch ein Zitat-Kostprobe:

»Gelehrte, die sich mit intelligentem Leben beschäftigen, haben festgestellt, dass alle jungen Zivilisationen ähnliche Entwicklungsstadien durchlaufen, ehe sie bereit sind, ihre Entstehungsplaneten zu  verlassen. Das vielleicht wichtigste Stadium ist das »intra-speziäre Chaos«. In dieser Phase der unbeholfenen Pubertät entscheidet sich, ob eine Spezies zu einer globalen Einheit findet oder in verfeindetet Fraktionen zerfällt, die zum Aussterben verurteilt sind – sei es durch Krieg oder durch ökologische Katastrophen, die so groß sind, dass man sie nur gemeinsam meistern kann.« (Seite 414)

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.fischerverlage.de/buch/becky_chambers_der_lange_weg_zu_einem_kleinen_zornigen_planeten/9783596035687

Hier entlang zu einer weiteren begeisterten Rezension auf dem Bücher-Blog „Feiner reiner Buchstoff“: https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2017/02/12/spacegirls/

Hier entlang zum zweiten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/05/07/zwischen-zwei-sternen/
Hier entlang zum dritten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/05/12/unter-uns-die-nacht/

Die Autorin:

»Becky Chambers ist als Tochter einer Astrobiologin und eines Luft- und Raumfahrt-technikers in Kalifornien aufgewachsen. Die Zeit zum Schreiben ihres ersten Romans hat sie sich durch eine Kickstarter-Kampagne finanziert. Das Buch wurde prompt zu einem Überraschungserfolg.«

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