Die Intelligenz der Bienen

  • Wie sie denken, planen, fühlen und was wir daraus lernen können
  • von Randolf Menzel und Matthias Eckoldt
  • Albrecht Knaus Verlag   März 2016  www.knaus-verlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 368 Seiten
  • 24,99 € (D), 25,70 € (A)
  • ISBN 978-3-8135-0665-5

BIENENFLEISSIGE  BIENENKUNDE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Zoologe und Neurobiologe Randolf Menzel hat sein Forscherleben den Bienen gewidmet und zusammen mit dem Schriftsteller und Rundfunkautor Matthias Eckoldt sein gesammeltes Bienenwissen in ein profundes populärwissenschaftliches Buch gepackt. In fünf Jahrzehnten Bienenforschung hat Randolf Menzel die Bienen innig kennengelernt und eine Fülle an neuen Erkenntnissen zu ihren erstaunlichen Fähigkeiten gewonnen.

Während der Lektüre ist man sowohl fasziniert und beeindruckt von den Bienen und ihren komplexen Wahrnehmungs-, Denk-, Kommunikations- und Verhaltensweisen als auch von den ausgeklügelten Experimenten und Mikromeßmethoden, die Randolf Menzel und seine Mitarbeiter für die Erforschung der Bienensinne und des nur etwa sandkornkleinen Bienengehirns entwickelt haben.

Die noch verhältnismäßig allgemein gehaltenen Informationen des ersten Kapitels dienen der einführenden Annäherung an die Biologie der Bienen und der Selbstreflexion der experimentellen Fragestellungen und Forschungsmethoden.

Das zweite Kapitel führt uns in den Aufbau des Bienengehirns ein, Kapitel drei bündelt das aktuelle Wissen über die sieben Sinne der Bienen, Kapitel vier vertieft neurologische Feinheiten über Lernvorgänge und Gedächtnisleistungen der Bienen und beschreibt komplexe neuronale Reaktionsketten, in Kapitel fünf erfahren wir Einzelheiten über die Navigation, Kommunikation und Organisation des Superorganismus des Bienenvolks, und Kapitel sechs befaßt sich mit Bienen und Umweltschutz und warnt eindringlich vor den massiven Gefahren durch Nervengifte in sogenannten Pflanzenschutzmitteln, die in der industriellen Landwirtschaft zum Einsatz kommen.

Aus der Wissensfülle dieses Sachbuches kann ich nur kurze Streiflichter hervorheben:

Viele neue – und zum Teil vorherige Lehrmeinungen umstürzende – Entdeckungen wurden alleine dadurch möglich, daß den beforschten Bienen winzige Nummernschilder appliziert wurden. Erst so konnte man sie als Individuen im Schwarm identifizieren und ihren Lebenslauf, Lernvorgänge sowie ihr facettenreiches Verhalten in einem größeren zeitlichen und sozialen Zusammenhang beobachten und auswerten.

Bienen sehen die Welt anders als wir. Ihre Komplexaugen haben keine Rezeptoren für die Farbe Rot, nehmen jedoch ultraviolettes Licht sowie die Polarisation des Lichts wahr. Dies führt zu einer von uns Menschen abweichenden Farbwahrnehmung – so erscheint beispielsweise die Sonne in Bienenaugen grün, und der für uns einfarbig blaue Himmel weist für Bienen ein kontrastreiches Muster auf, das ihnen bei der räumlichen und zeitlichen Orientierung hilft. Zusätzlich können sie das Erdmagnetfeld wahrnehmen und in ihre räumliche Zuordnung einbeziehen.

Ihr Geruchsvermögen ist äußerst präzise: »Bienen können Substanzen auseinander-halten, die sich chemisch in einem einzigen Kohlenstoffatom unterscheiden!« Und mit Hilfe ihres »topochemischen Sinns« können sie räumlich riechen. Dies dient der schnellen Nektarfindung und den organisatorischen Abläufen sowie der sozialen Duftnotenein-ordnung innerhalb des Bienenstocks.

Bienen vermitteln über den Schwänzeltanz nicht nur die Fluganweisung zu Nektarquellen, sondern auch die Lage von Wasser- und Harzstellen sowie von potenziellen neuen Niststellen. Die Bienen, die beim Schwänzeltanz in der zweiten Reihe stehen, können die getanzte Information über elektrostatische Felder, die von den Tänzerinnen ausgehen, ablesen.

Im Bienengehirn befindet sich eine Struktur, die wegen ihrer Form Pilzkörper genannt wird. Der Pilzkörper könnte – vergleichbar mit dem präfrontalen Kortex des menschlichen Hirns – »eine reflektierende Funktion im Bienenhirn« repräsentieren.

Bienen verfügen über Instinkt und Intelligenz, sie sind lernfähig, sie planen und treffen Entscheidungen, sie erkennen Muster und Regeln, und sie brauchen Schlaf, um Gelerntes im Gedächtnis zu verankern. Sie können eine kognitive Karte ihrer Umgebung erstellen und merken sich Landmarken. Dabei kombinieren sie egozentrische und allozentrische Navigationsaspekte. Bienen zeigen beim Schlafen Schwänzeltanzbewegungen, was zumindest die Vermutung nahe legt, daß sie träumen und ihren Tagesablauf neuronal rekapitulieren.

Apropos Pflanzenschutzmittel bzw. Pestizide: Neonicotinoide sind Gift fürs Gehirn! Neonicotinoide sind langlebig und haben chronische Wirkungen. Leider kommen sie immer noch in Pflanzenschutzmitteln zum Einsatz und bereits wenige Nanogramm führen bei Bienen zu »massiven Schäden der Gedächtnisbildung und des Gedächtnisabrufs … und zur Einstellung des Schwänzeltanzes«. (Seite 325) Randolf Menzel hat dies beispielsweise in Lernexperimenten mit dem Neonicotinoid Thiacloprid nachgewiesen – bereits 64 Nanogramm (64 Millardstel Gramm!) führen zu den oben genannten neurologischen Schäden.

Menzel kritisiert die Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (Julius-Kühn-Institut, Braunschweig), die das Sprühmittel »Calypso« (von Bayer CropScience), welches Thiacloprid enthält, als »nicht bienengefährlich« eingestuft hat, und fordert staatliche Prüfstellen mit juristischer Autorität, die von finanziellen Zuwendungen aus der Wirtschaft unabhängig sind.

Funktionierte unsere Gesellschaft wie ein Bienenstaat, dann wäre eine Entscheidung für partikuläre finanzielle Interessen auf Kosten der allgemeinen und natürlichen Lebensgrundlage unmöglich. »Der Superorganismus ist nicht über hierarchische Befehlsketten strukturiert, sondern organisiert sich durch permanente Rückkoppelung von Informationen selbst.« (Seite 293)

»Die Intelligenz der Bienen« ist eine in naturwissenschaftlicher Hinsicht anspruchsvolle Lektüre, bei der ich gelegentlich nur an die Schwelle des durchdringenden Verstehens kam – meine lückenhafte naturwissen- schaftliche Schulbildung ließ grüßen – gleichwohl habe ich viel und gerne über Bienen dazugelernt.

Zahlreiche anatomische Zeichnungen, Fotos sowie Graphiken und Dia- gramme zu Versuchsanordnungen illustrieren und bereichern den gehaltvollen Text. Die wissenschaftliche Stoffülle ist umfänglich und detailreich und verknüpft Wissen aus Anatomie, Biologie, Biochemie, Elektrophysiologie, Neurologie, Psychophysik und Verhaltensforschung zu einer hochkomplexen Darstellung der neurobiologischen Gegebenheiten der Bienen.

Was dieses bemerkenswerte Buch zusätzlich auszeichnet, ist eine Grundhaltung des Staunens und des achtungsvollen Respekts gegenüber Bienen, wie sie beispielsweise im folgenden Zitat zum Ausdruck kommt:

»So wird noch einmal besonders deutlich, dass jeder Organismus in einer anderen Wirklichkeit lebt und andere Bilder von der Welt konstruiert. Dass wir unsere menschlichen Wirklichkeitskonstruktionen für verbindlich halten und nur allzu gern mit der Welt selbst verwechseln, scheint aus dieser Perspektive ziemlich eitel.« (Seite 38)

„Die Intelligenz der Bienen“ ist ein ebenso anspruchsvolles wie faszinierendes Sachbuch und bietet hochkonzentrierten Wissensnektar für Bienenschwärmer.

 

Hier gibt es eine 3D-Darstellung des Bienengehirns:
http://www.neurobiologie.fu-berlin.de/beebrain/

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Intelligenz-der-Bienen/Randolf-Menzel/Knaus/e473541.rhd

 

Querverweise:

Zum Thema Bienen und Mitweltschutz empfehle ich zusätzlich dringend das Büchlein von
Ute Scheub: »Ackergifte? Nein danke! Für eine enkeltaugliche Landwirtschaft«: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/12/ackergifte-nein-danke/

Wer es auch einmal belletristisch mit den Bienen versuchen möchte, möge an Laline Paulls Roman »Die Bienen« naschen. Dieser Roman ist ein speziesübergreifender erzählerischer Annäherungsversuch an die komplexe Lebensform eines Bienenschwarms, übersetzt in menschliche Gefühlskategorien. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/05/16/die-bienen/

Und für kindliche Bienenschwärmer kann ich noch das wunderbar illustrierte und bienenkundige großformatige Sachbilderbuch »Bienen« von Piotr Socha empfehlen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/10/02/bienen/

 

Die Autoren:

»Randolf Menzel, 1940 in Marienbad geboren, beschäftigt sich seit fünf Jahrzehnten mit Bienen. Der Zoologe und Neurobiologe ist eine Autorität der tierischen Intelligenz-forschung, über 30 Jahre lang leitete er das Neurobiologische Institut der Freien Universität Berlin. Es kann auf eine Fülle spektakulärer Erfolge verweisen, dort gelang unter anderem erstmals die elektrophysiologische Ableitung von Sehneuronen im Bienengehirn und die weltweit erste Anwendung eines bildgebenden Verfahrens am lernenden Gehirn. Außerdem konnte der Leibniz-Preisträger die wohl im Tierreich einmalige Navigationsweise der Bienen aufklären. „Die Intelligenz der Bienen“ ist seine erste populäre Veröffentlichung.«

»Matthias Eckoldt, 1964 in Berlin geboren, studierte Philosophie, Germanistik und Medientheorie. Er veröffentlichte Romane, Fachbücher und Essays, zuletzt Die Intelligenz der Bienen (zusammen mit dem Neurowissenschaftler Randolf Menzel) sowie den Gesprächsband Kann das Gehirn das Gehirn verstehen? über die Hirnforschung und die Grenzen unserer Erkenntnis. Des Weiteren verfasste Eckoldt mehr als fünfhundert Radiosendungen zu kulturphilosophischen und naturwissenschaftlichen Themen. Für seine Arbeit wurde er unter anderem mit dem idw-Preis für Wissenschaftsjournalismus ausgezeichnet. Zurzeit lehrt Eckoldt als Schreibdozent an der FU Berlin.«

 

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Ich und die Menschen, Hörbuch

  • von Matt Haig
  • Übersetzung aus dem Englischen von Sophie Zeitz
  • HÖRBUCH
  • Vollständige Lesung, ca. 8 Stunden, 29 Minuten
  • 1mp3-CD
  • 9,99 € (D),  11,20 € (A), 15,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-1403-2
  • Sprecher: Christoph Maria Herbst
  • Regie: Oliver Versch
  • Produktion: Der Hörverlag 2013                                      http://www.hoerverlag.de
  • Buchvorlage: dtv premium April 2014
    Ich und die Menschen von Matt Haig

LIEBE   ODER   LOGIK,   DAS   IST   HIER   DIE   FRAGE

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Aus Sicht einer außerirdischen Spezies, die als einzige Religion die Mathematik kennt, Gewalt und Gier längst hinter sich gelassen, und Dank überlegener Biotechnologie (Transzellulare Heilung) Unsterblichkeit erlangt hat, sind wir gegenwärtigen Menschen ziemlich unterentwickelt, und unsere Zivilisation erscheint vergleichsweise düster und lebensgefährlich. Das ist auch der Grund, warum der Friede im All bedroht ist, wenn die psychisch so unreife menschliche Gattung weitere mathematische Entdeckungen und in deren Folge technische Fortschritte macht.

Die universellen „Moderatoren“ des Planeten „Vonnandoria“ schicken einen „Geheimagenten“ auf die Erde, um den menschlichen Fortschritt aufzuhalten. Denn ein Mensch, ein Mathematikprofessor namens Andrew Martin, hat eines der größten mathematischen Probleme gelöst: Er hat den Beweis der „ Riemannschen Vermutung“ erbracht.

Dieser mathematische Fortschritt wäre der Schlüssel zu neuen Technologien, die der Menschheit u.a. interstellare Reisen ermöglichen könnten, und das sollte aus Sicht der außerirdischen „Moderatoren“ unbedingt verhindert werden. Die Menschen sind eine so arrogante, aggressive und gierige Spezies, das man nicht tatenlos zusehen kann, wenn sie sich zu noch weitreichenderer Lebensgefährlichkeit entwickeln.

Zunächst ist der außerirdische Besucher eine ganze Weile damit beschäftigt, sich unauffällig in der angenommenen Gestalt des „ausgeschalteten“ Professors Martins, an die für ihn sehr fremden irdischen Bedingungen anzupassen, an die Funktionen des menschlichen Körpers, den Sprachkontext, die rätselhaften Bekleidungscodes und menschlichen Verhaltensweisen anzupassen. Das vollzieht sich nicht ohne amüsante und schmerzliche Mißverständnisse und logische Fehlinterpretationen, weil Menschen selten logisch agieren.

Der Vonnadorianer hat den Auftrag, die Information spurlos zu vernichten und auch eventuelle menschliche Mitwisser unauffällig durch „natürliche“ Todesursachen zu eleminieren. Die erste Nachrichtensendung, die er sich im Fernsehen anschaut, bestätigt seine schlimmsten Vorurteile und Negativeinschätzungen bezüglich der rettungslosen Egozentrik und Geldbesessenheit der menschlichen Wesensart, und er ist vollkommen überzeugt von der Rechtmäßigkeit seiner Mission.

Doch seine Gewissheiten geraten nach und nach ins Wanken. Durch die unvermeidliche zwischenmenschliche Nähe und das Vertrautwerden mit „seiner“ Familie und seinem Hund (Hunde bezeichnet er als „behaarte Hausgötter“), erfährt er die fürsorgliche und liebevolle Seite menschlicher Beziehungen. Er findet Beispiele für Menschen, die nicht nach Geld und Ruhm gieren, er verliebt sich in die Lyrik von Emily Dickinson, er hört unerwartet schöne Musik und entdeckt genießbare Lebensmittel: Erdnußbutter und Tee.

Die Komplexität, Widersprüchlichkeit und absolute Verletzlichkeit der menschlichen Daseinsform löst unerwartet starke Empathie, Faszination und Rührung in ihm aus.

Die Moderatoren, mit denen er in techno-telepathischer Verbindung steht, drängen auf die Erfüllung der Mission und sein Vorschlag, die Menschen näher zu erforschen und mehr über ihre Spezies zu erfahren, wird von ihnen rundweg abgelehnt.

Der Außerirdische wird schließlich entgegen aller Wahrscheinlichkeit und Logik von der Liebe überwältigt und entscheidet sich für ein Leben auf der Erde, abgekoppelt vom vonnadorianischen Kollektiv. Er verzichtet auf seine Unsterblichkeit und läßt sich ganz und gar auf das Leben unter „zweibeinigen Lebensformen von mittelmäßiger Intelligenz“ ein.

Matt Haigs Roman „Ich und die Menschen“ hat Herz und Verstand, er ist anregend, klug, lebendig, mitfühlend, weise und lustig. Die Perspektive des äußerst vernunftbetonten und logisch wahrnehmenden Außerirdischen ermöglicht eine sehr pointierte und scharfsinnige Betrachtungsweise unserer gegenwärtigen Zivilisation. Seine gesellschaftskritischen Anmerkungen und Infragestellungen sind wahrlich angemessen und witzig.

Der Schauspieler Christoph Maria Herbst spricht und spielt den Außerirdischen mit stimmlicher Vielschichtigkeit. Die Entwicklung von abwertender Überheblichkeit zu teilnahmsvoller Betroffenheit wird von ihm sehr präzise dargestellt. Am Anfang noch mit etwas tonloser, fast sprachfremdelnder Distanz und sachlich-kühlem Duktus, erwärmt sich die außerirdische Stimmlage langsam mit erwachender Emotionalität, Begeisterung und Lebhaftigkeit.

Aber auch alle anderen Rollen (sogar die weiblichen) gelingen Christoph Maria Herbst ausgesprochen gut und überzeugend.

PS:
Der Außerirdische in dieser Geschichte bemerkt bezüglich des „numerischen Begriffsvermögens der Menschen“ charmant: „- Ihre Nerven waren der Mathematik einfach nicht gewachsen.“
Das trifft auf mich persönlich ganz gewiß zu,
trotzdem erkläre ich in groben Zügen für alle unmathematischen Leser, worum es sich bei der Riemannschen Vermutung handelt.

Es geht um die ORDNUNG der PRIMZAHLEN:
Der deutsche Mathematiker Bernhard Riemann konnte 1859 beweisen, daß es – für die ersten circa hundertausend Primzahlen – ein Muster für die scheinbar willkürliche Verteilung der Primzahlen gibt. Was der Menschheit bzw. der Mathematik nach wie vor fehlt, ist ein Beweis, der für alle Primzahlen gültig ist.

Alles klar? Ist doch gar nicht so schwer, es sei denn, Sie wissen auch nicht, was eine Primzahl ist. Aber so pessimistisch will ich jetzt nicht sein – was sollen denn die Außerirdischen von uns denken?

Im Hörbuch werden die Primzahlen und die Riemannsche Vermutung im Abschnitt Nr. 25 anschaulich erläutert.

Querverweis:

Wer eine ausführliche Inhaltsangabe und einige Zitate lesen möchte, kann ergänzend meine BUCHbesprechung zu „Ich und die Menschen“ aufrufen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/01/ich-und-die-menschen/

Der Sprecher:

»Christoph Maria Herbst, 1966 in Wuppertal geboren, absolvierte eine Ausbildung als Bankkaufmann, bevor er sich für die Schauspielerei entschied. Es folgten Theaterengagements und Fernsehauftritte, u.a. bei Anke Engelkes Ladykracher, wofür er seinen ersten Deutschen Comedypreis als bester Nebendarsteller erhielt. Für seine Titelrolle in Stromberg wurde er u.a. mit dem Adolf-Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Christoph Maria Herbst las für den Hörverlag bereits Josh Bazells Schneller als der Tod sowie Einmal durch die Hölle und zurück

Der Autor:

»Matt Haig wurde 1975 in Sheffield geboren und lebte für einige Zeit abwechselnd in London und auf Ibiza. Er arbeitete als freier Journalist für diverse Tages- und Wochenzeitungen, unter anderem für den Guardian, die Sunday Times und den Independent. 2004 erschien in England sein erstes Buch, Für immer, euer Prince, das dort zu einem Bestseller avancierte. Inzwischen hat Matt Haig mehrere Romane sowie Kinderbücher veröffentlicht. Der Autor lebt in York.«

Ich und die Menschen

  • von Matt Haig
  • Originaltitel: »The Humans«
  • Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
  • Deutsche Erstausgabe, dtv premium  April 2014  http://www.dtv.de
  • 352 Seiten
  • zweiundsiebzigtausendneunhundertfünfzig Wörter
  • Klappenbroschur
  • 14,90 €
  • ISBN 978-3-423-26014-5
  • Taschenbuchausgabe  August 2015       DTV Verlag
  •  9,95 € (D),  10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21604-3
    ich_und_die_menschen-9783423260145

LIEBE  ODER  LOGIK,  DAS  IST  HIER  DIE  FRAGE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eine außerirdische Perspektive auf die Erde und die menschliche Zivilisation hat ihren ganz eigenen Reiz. Sie verschafft uns den besonderen Blick auf das Alltägliche.

Der Ich-Erzähler in „Ich und die Menschen“ ist ein Vonnadorianer, und er kommt von sehr, sehr weit her; um Zahlen sprechen zu lassen: der Planet Vonnadoria befindet sich in 8 653 178 431 Lichtjahren Entfernung zum Planeten Erde, und auf Vonnandoria ist Mathematik die einzige Religion. Selbstverständlich ist der Erzähler auch logisch-intellektuell sowie bio-technologisch um Lichtjahre weiter entwickelt als unsereiner.

Der Gast aus dem All hat eine Mission zu erfüllen: Um des universellen Friedens willen soll der menschliche Fortschritt aufgehalten werden. Ein Mensch, ein Mathematikprofessor namens Andrew Martin, hat eines der größten mathematischen Probleme gelöst: Er hat den Beweis der „Riemannschen Vermutung“ erbracht.

Dieser mathematische Fortschritt wäre der Schlüssel zu neuen Technologien, die der Menschheit u.a. interstellare Reisen ermöglichen könnten, und das soll aus Sicht der außerirdischen „Moderatoren“ unbedingt verhindert werden, da die menschliche Spezies ohnehin schon über zu viele technische Mittel verfügt – bei gleichzeitiger psychosozialer und logischer Unterbelichtung. Die Menschen sind eine so arrogante, aggressive und gierige Spezies, daß man nicht tatenlos zusehen kann, wenn sie sich zu noch weitreichenderer Lebensgefährlichkeit entwickelt.

Nun – zunächst ist der Besucher eine ganze Weile damit beschäftigt, sich unauffällig in der angenommenen Gestalt des „ausgeschalteten“ Professors Martin an die für ihn sehr fremden irdischen Bedingungen anzupassen,an die Funktionen des menschlichen Körpers, die rätselhaften Bekleidungscodes, den Sprachkontext und die widersprüchlichen menschlichen Verhaltensweisen. Das vollzieht sich nicht ohne amüsante und schmerzliche Mißverständnisse und logische Fehlinterpretationen, weil Menschen selten logisch agieren.

Die erste Nachrichtensendung, die er sich im Fernsehen anschaut, bestätigt seine schlimmsten Befürchtungen und negativen Vorurteile bezüglich der rettungslosen Egozentrik und Geldbesessenheit der menschlichen Wesensart. Irritiert nimmt er zur Kenntnis, daß die Nachrichten nur auf Menschen bezogen sind und daß die anderen drei Millionen Arten, die den Planeten bevölkern, buchstäblich ignoriert werden. Die Nachrichten berichten über Politik, Geld und Krieg, aber nicht über neue mathematische Erkenntnisse, geschweige denn über Ereignisse, die außerhalb des irdischen Sonnensystems stattfinden. Der Interessenshorizont der meisten Menschen geht offenbar nicht weit über den eigenen Vorgarten hinaus.

Der vonnadorianische Agent hat den Auftrag herauszufinden, wer, außer dem Professor, vom Beweis der Riemannschen Vermutung Kenntnis hat, und die betreffenden Personen zu töten. Dazu stehen ihm gewisse „Gaben“ (bio-technische Implantate) zur Verfügung, mit denen er eine natürliche Todesursache initiieren kann. Es fällt ihm leicht, die Dateien auf Professor Martins Rechner unwiderruflich zu löschen, denn „auf der Erde waren die Computer noch auf der präsensointelligenten Stufe ihrer Evolution; sie standen einfach herum und ließen den Benutzer auf sie zugreifen und sich nehmen, was er wollte, ohne den leisesten Protest.“
(Seite 79)

Schließlich soll verhindert werden, daß die Menschen noch mehr Erfindungen machen, die sie anschließend nicht mehr in den Griff bekamen (die Atombombe, das Internet, das Semikolon)…“ (Seite 100)

Doch nachdem er den ersten menschlichen Mitwisser (einen Mathematikerkollegen) durch einen Herzinfarkt getötet hat und Zeuge des emotionalen Aufruhrs geworden ist, den dieser Verlust bei der Witwe verursacht, fängt er langsam an, die außerirdische Distanz zu verlieren. Die Aussicht, noch weitere Menschen in die Nichtexistenz zu befördern, gefällt ihm immer weniger.

Durch die unvermeidliche zwischenmenschliche Nähe und das Vertrautwerden mit seiner „Familie“ und seinem Hund (Hunde bezeichnet er als „behaarte Hausgötter“), erfährt er nach und nach die fürsorgliche und liebevolle Seite menschlicher Beziehungen. Er findet Beispiele für Menschen, die nicht nach Geld und Ruhm gieren, er verliebt sich in die Lyrik von Emily Dickinson, er hört unerwartet schöne Musik, und er entdeckt genießbare Lebensmittel: Erdnußbutter und Tee.

Seine Gewissheiten geraten ins Wanken. Er zweifelt an der Rechtmäßigkeit seines Auftrages und versucht, die Moderatoren, mit denen er in techno-telepathischer Verbindung steht, davon zu überzeugen, daß die Vernichtung der Informationen ausreiche und keine weiteren Menschen für den Frieden im All geopfert werden müssen. Die Moderatoren drängen auf die Erfüllung der Mission und lehnen seinen Vorschlag ab, die Menschen näher zu erforschen und mehr über ihre Spezies zu lernen.

Wenn man zu einer Lebensform gehört, die unsterblich ist, ewigen Tag, ewigen Frieden, kein Wetter, keinen Schmerz und nur heilbare Krankheiten kennt, kann man schon Rührung und Faszination und sogar Bewunderung empfinden angesichts der absoluten Verletzlichkeit, Endlichkeit, Komplexität und Widersprüchlichkeit der menschlichen Daseinsform- besonders wenn man angefangen hat, Bindungsgefühle und Empathie für bestimmte Menschen zu entwickeln.

Der Außerirdische wird entgegen aller Wahrscheinlichkeit und Logik von der Liebe überwältigt und entscheidet sich für ein Leben auf der Erde, abgekoppelt vom vonnadorianischen Kollektiv. Er verzichtet auf seine Unsterblichkeit und läßt sich ganz und gar auf das Leben unter „zweibeinigen Lebensformen von mittelmäßiger Intelligenz“ ein.

Das führt zwangsläufig zu dramatischen Komplikationen, doch am Ende ist der Gast auf Erden endlich hier zu Hause.

Matt Haigs Roman hat Herz und Verstand, er ist anregend, klug, lebendig, mitfühlend, weise und lustig. Die Perspektive des sehr vernunftbetonten und logisch wahrnehmenden und denkenden Außerirdischen ermöglicht eine sehr pointierte und scharfsinnige Betrachtungsweise unserer gegenwärtigen Zivilisation. Seine gesellschaftskritischen Anmerkungen und Infragestellungen sind wahrlich angemessen und witzig.

Drei Zitate zur Einstimmung:

„Zeitschriften sind sehr beliebt, obwohl sich kein Mensch nach dem Lesen besser fühlt. Im Gegenteil, ihr Hauptzweck ist, den Lesern Gefühle von Minderwertigkeit einzuflößen, die sie dazu bewegen, etwas zu kaufen. Haben sie das getan, fühlen sie sich trotzdem nicht weniger minderwertig und kaufen sich noch eine Zeitschrift, um zu erfahren, was sie als Nächstes kaufen sollen. Es ist eine ewige Spirale des Unglücklichseins, die man Kapitalismus nennt.“ (Seite 28)

Egal wie lange ich auf diesem Planeten bleiben würde, dachte ich, an den Anblick von Autos würde ich mich nie gewöhnen, die durch die Schwerkraft und minderwertige Technik an den Boden gebunden waren und dort nicht mal vom Fleck kamen, weil es so viele von ihnen gab.“ (Seite 129)

„Im Grunde waren soziale Netzwerke die Nachrichtenshow, auf die die Menschen gewartet hatten. Die Nachrichtenshow, in der es nur um sie ging. (Seite 221)

Und die Romantiker dürften den Fortschritten und Reflexionen, die der Außerirdische zum Thema „Liebe“ macht, gewiß zustimmen – auch wenn die nachfolgende Liebesdefinition von etwas geometrischer Poesie ist – mir gefällt sie einfach!

Zwei Spiegel, im perfekten Winkel einander gegenüber aufgehängt, die sich selbst im anderen sahen, die Sicht so tief wie die Unendlichkeit.“ (Seite 251)

PS:
Der Außerirdische in dieser Geschichte bemerkt bezüglich des numerischen Begriffsvermögens der Menschen charmant: „- Ihre Nerven waren der Mathematik einfach nicht gewachsen.“
Das trifft auf mich persönlich ganz gewiß zu, trotzdem erkläre ich in groben Zügen für alle unmathematischen Leser, worum es sich bei der „Riemannschen Vermutung“ handelt.

Es geht um die ORDNUNG der PRIMZAHLEN:
Der deutsche Mathematiker Bernhard Riemann konnte 1859 beweisen, daß es – für die ersten circa hundertausend Primzahlen – ein Muster für die scheinbar willkürliche Verteilung der Primzahlen gibt. Was der Menschheit bzw. der Mathematik nach wie vor fehlt, ist ein Beweis, der für alle Primzahlen gültig ist.

Alles klar? Ist doch gar nicht so schwer, es sei denn, Sie wissen auch nicht, was eine Primzahl ist. Aber so pessimistisch will ich jetzt nicht sein – was sollen denn die Außerirdischen von uns denken?

Im Buch werden die Primzahlen und die Riemannsche Vermutung auf den Seiten 82 bis 84 anschaulich erklärt.

Querverweis:

Und das HÖRBUCH – gelesen von Christoph Maria Herbst – habe ich nachfolgend besprochen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/07/09/ich-und-die-menschen-horbuch/


Der Autor:

»Matt Haig, wurde 1975 in Sheffield geboren. Er hat bereits einige Romane und Kinderbücher veröffentlicht, die mit verschiedenen literarischen Preisen ausgezeichnet und in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Er lebt in York und London.
Matt Haig wurde mit seinen Roman ›Ich und die Menschen‹ für den Edgar Award, Kategorie »Best Novel« nominiert.
Der Edgar Allan Poe Award (kurz Edgar genannt) ist der weltweit populärste und gleichzeitig bedeutendste Preis für kriminalliterarische Werke in den USA.«

 

PPS:
Die Lektüre dieses Romans und die darin zitierten Emily-Dickinson-Gedichte haben mich übrigens dazu angeregt, endlich meine Lesewissenslücke bezüglich Emily Dickinson zu schließen…
Und nun – 600 Gedichte belesener als zuvor  –  folgt der Link zu meiner Rezension einer umfangreichen, zweisprachigen GEDICHTAUSWAHL von Emily Dickinson (übersetzt von Gunhild Kübler) :
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/02/18/emily-dickinson-gedichte/