Die Geschichte vom kleinen Siebenschläfer, der den ganzen Tag lang grummelig war

  • Text von Sabine Bohlmann
  • Illustrationen von Kerstin Schoene
  • Thienemann Verlag Februar 2019 www.thienemann.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 296 mm x 237 mm
  • 32 Seiten
  • 13,00 € (D), 13, 40 € (A)
  • ISBN 978-3-522-45909-9
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

G R A N T E L L A U N E

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der kleine Siebenschläfer bespielt nun schon seinen vierten Bilderbuchband, und diesmal ist er einfach unerklärlich grummelig und verschlossen, ja beinahe schon grantelig.

Unermüdlich bieten seine Freunde Igel, Haselmaus, Eichhörnchen, Maulwurf, Schnirkel-schnecke und Fuchs nacheinander ihre selbsterfahrenen Rezepte gegen schlechte Laune an. Doch nichts wirkt, obwohl der kleine Siebenschläfer immerhin alle Anregungen aus-probiert. Von positivem Denken über Yoga bis hin zur sprichwörtlichen Laus, die ihm über die Leber gelaufen sein könnte, kommen allerhand Erklärungen und Lösungen zur Anwendung. Die Grummeligkeit ist jedoch hartnäckig, und auch ein Biß in eine Zitrone – da sauer angeblich lustig mache – versauert dem kleinen muffeligen Siebenschläfer nur zusätzlich die Laune.

Nach wie vor grummelig, verzieht sich der kleine Siebenschläfer nunmehr unter seine blaue, getüpfelte Schnuffeldecke, bis er nach einer Weile doch seine lieben Freunde vermißt. Gerade als er sich selbstmitleidig in seiner Grummeligkeit bestätigt sehen will, kommen seine Freunde mit einer süßen Lösung zu ihm zurück, die seine Mundwinkel und seine Stimmung schließlich wieder aufwärts heben.

Wie gut, wenn man Freunde hat, die sich von Grummeligkeit nicht abschrecken lassen!

Die sympathischen Tiercharaktere demonstrieren wahrlich guten Willen und echte freundschaftliche Hilfe, um die schlechte Laune des kleinen Siebenschläfers zu vertreiben.

Die Autorin Sabine Bohlmann erzählt die Geschichte vom grummeligen Siebenschläfer in einfachen Worten, mit anschaulichen Dialogen und einem zärtlichen Blick auf kindliche Empfindungen.

Die Illustrationen von Kerstin Schoene setzen die warmherzige Stimmung und schmunz-lerische Dramaturgie des Textes durch die naturalistisch-niedlichen Tierportraits und ihre lebhafte Mimik und Körpersprache harmonisch in Szene.

Kinder finden in dieser Geschichte hilfreiches emotionales Identifikationspotenzial. Und vielleicht regt die Vorlesesituation sogar dazu an, ergänzende eigene Rezepte gegen Grummeligkeit anzusprechen oder zu entwickeln.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.thienemann-esslinger.de/thienemann/buecher/buchdetailseite/der-kleine-siebenschlaefer-die-geschichte-vom-kleinen-siebenschlaefer-der-den-ganzen-tag-lang-grummelig-war-isbn-978-3-522-45909-9/

 

Hier entlang zu den drei Vorgänger-Siebenschläfer-Bänden:

Die Geschichte vom kleinen Siebenschläfer, der nicht einschlafen konnte
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/12/02/die-geschichte-vom-kleinen-siebenschlaefer-der-nicht-einschlafen-konnte/
Die Geschichte vom kleinen Siebenschläfer, der nicht aufwachen wollte
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/09/24/die-geschichte-vom-kleinen-siebenschlaefer-der-nicht-aufwachen-wollte/
Die Geschichte vom kleinen Siebenschläfer, der seine Schnuffeldecke nicht hergeben wollte  https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/05/09/die-geschichte-vom-kleinen-siebenschlaefer-der-seine-schnuffeldecke-nicht-hergeben-wollte/

Die Autorin:

»Geboren wurde Sabine Bohlmann in München, der schönsten Stadt der Welt. Als Kind wollte sie immer Prinzessin werden. Stattdessen wurde sie (nachdem sie keinen Prinzen finden konnte und der Realität ins Auge blicken musste) Schauspielerin, Synchron-sprecherin und Autorin und durfte so zumindest ab und zu mal eine Prinzessin spielen, sprechen oder über eine schreiben.
Geschichten fliegen ihr zu wie Schmetterlinge. Überall und zu allen Tages- und Nachtzeiten (dann eher wie Nachtfalter). Sabine Bohlmann kann sich nirgendwo verstecken, die Geschichten finden sie überall. Und sie ist sehr glücklich, endlich alles aus ihrem Kopf rausschreiben zu dürfen. Auf ein blitzeblankes, weißes – äh – Computerdokument. Und das Erste, was sie tut, wenn ein neues Buch in der Post liegt: Sie steckt ihre Nase ganz tief hinein und genießt diesen wunderbaren Buchduft.« www.sabinebohlmann.com

Die Illustratorin:

»Kerstin Schoene, geboren 1981 in Haan, studierte Kommunikationsdesign an der Bergischen Universität Wuppertal. Schwerpunkt ihres Studiums war Illustration bei Wolf Erlbruch. Seit ihrem erfolgreichen Abschluss arbeitet sie freiberuflich als Illustratorin und Grafikdesignerin. Sie zeichnet für verschiedene Verlage, schreibt und illustriert eigene Kinderbücher. Sie lebt, unter Beobachtung eines Fellknäuels, in Haan.«  www.kerstinschoene.de

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

 

Werbeanzeigen

Rotkäppchen muss weinen

  • von Beate Teresa Hanika
  • Fischer Schatzinsel  November 2010       http://www.fischerverlage.de
  • Taschenbuch
  • 222 Seiten
  •  6,95 €
  • ISBN 978-3-596-80858-8
  • ab 12 Jahren
    u1_978-3-596-80858-8.342996.jpg Rotkäppchen

DAS  SCHWEIGEN  ENTHÜLLEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Rotkäppchen muss weinen“ ist ein überaus lesenswertes und äußerst wissenswertes Buch, das mehrfach in jeder Stadt- und Schulbibliothek vorrätig sein sollte!!!

Die Geschichte beginnt kurz vor Malvinas vierzehntem  Geburtstag.

Sie besucht ihren Opa, der seit kurzem verwitwet ist, und erschrickt, als sie bemerkt, daß sie allein mit ihm in der Wohnung ist. Der Großvater nennt sie seine Lieblingsenkelin und macht ihr Komplimente, die etwas verstörend Zweideutiges haben, und er küßt sie auf den Mund. Dann klingelt es, und ihr Vater und ihre große Schwester holen sie ab. Auf der Fahrt nach Hause beschwert sich Malvina darüber, daß der Opa sie geküßt hat, aber niemand nimmt ihren Hilferuf zur Kenntnis.

Auch ihr großer Bruder, der am Wochenende zu Besuch kommt, begreift nicht, warum sich seine kleine Schwester so über Opas Küsse aufregt, und verlangt, genau wie der Rest der Familie, daß sie doch ihren einsamen alten Opa, besonders nach Omas Tod, weiterhin regelmäßig besuchen soll.

Malvina erstickt fast an ihrer unsagbaren Not, und zugleich spaltet sie den bereits erlittenen Mißbrauch von sich ab und löscht ihre schlimmen Erinnerungen, weil niemand sie verstehen will.

Nicht sehen, nicht hören, nicht wissen wollen: Das ist der familiäre und zugleich durchaus gutbürgerliche familiäre Hintergrund von Malvina, die seit ihrem siebten Lebensjahr von ihrem Großvater mißbraucht wird.

Langsam entfaltet die Autorin das schreckliche Ausmaß des kindlichen Ausgeliefertseins, und die sensible und subtile Erzählweise führt zu einer überwältigenden Nähe zum Erleben des Kindes.

Als  Gegenpol zur familiären Ignoranz hat Malvina jedoch eine wirklich beste Freundin, Lizzy, mit der sie viele schöne und lustige Erfahrungen macht, z.B. erobern sie sich eine leerstehende, baufällige Villa als Geheimtreffpunkt und zanken sich mädchenbandenmäßig mit einigen gleichaltrigen Jungs.

Zwischen Malvina und Klatsche, einem der Jungs, die einst ihre Villa belagert hatten, entwickelt sich eine ganz zarte Annäherung und Verliebtheit.

Außerdem gibt es noch Frau Bitschek, die Nachbarin von Malvinas Opa, eine sogenannte einfache Frau, die vom Opa verachtet wird, die aber sehr herzlich und feinfühlig auf Malvine eingeht und die aufgrund eigener Erfahrung mit Kindesmißbrauch Malvina ihre Hilfe und Unterstützung anbietet und ihr eindringlich vermittelt, daß sie über das, was ihr geschieht, reden muß, um es beenden zu können.

Malvina kann erst nach und nach die ganze Erinnerung an die Mißbrauchserfahrungen zulassen, sie vergleicht ihre lückenhafte Erinnerung mit einem Fotoalbum „… gestern habe ich zum allerersten Mal umgeblättert, und ich werde weiterblättern, ich habe das komische  Gefühl, dass es leicht sein wird, die richtigen Seiten zu finden  und die blinden Flecken mit  Farbe zu füllen. Es macht mich unruhig und kribbelig, aufgeregt, weil ich weiß, dass etwas in mir drin schläft, lange Zeit schon, und jetzt ist es bereit aufzuwachen, es dreht sich unwillig herum, gähnt und streckt sich, aber irgendwann wird es die Augen öffnen, und durch diese Augen werde ich sehen. Ich bin sehr nahe dran. Sehr, sehr nahe. Meine Hände kribbeln und mein Nacken, und in meiner Brust ist ein taubes Gefühl, als wäre mein Herz ausgezogen.“

Der Autorin gelingt es,  die schrecklichen Erfahrungen des Mädchens    h a u t n a h   zu vermitteln. Die Manipulationsmacht des Täters, die schamlose Ausnutzung kindlicher Zugehörigkeitsbedürfnisse und die Verschiebung des Schuldgefühls vom Täter auf das Opfer werden anschaulich, aber ohne Voyeurismus dargestellt. Die Schweigemauer innerhalb der Familie, an der jeder Versuch sich „freizusprechen“ abprallt, zerreißt einem beim Lesen das Herz.

Die unerträgliche Situation spitzt sich dramatisch zu, als Malvinas  Eltern überlegen, den Opa zu sich ins Haus zu nehmen, damit er nicht so einsam ist und weil man so auch Geld sparen könnte. Da wird Malvina klar, das es kein Entkommen geben wird, wenn sie jetzt nicht handelt.

Sie bittet ihren Freund Klatsche um Hilfe und läuft von zu Hause weg und übernachtet mit dem Jungen in der alten Villa. Die behutsame Zärtlichkeit des Jungen und der erste schöne Kuß, den sie von ihm bekommt, stärken ihre Entschlossenheit. Ihr wird auch bewußt, wie sehr ihr schreckliches Geheimnis die positiven Beziehungen zu den Menschen, die ihr kein Leid zufügen, belastet und einschränkt.

„Plötzlich hatte ich das Gefühl, ich habe etwas zu verlieren, es ist nicht mehr egal, was mit mir passiert.“

 Sie nimmt die angebotene Hilfe von Frau Bitschek an und erzählt Lizzy und Lizzys Mutter, was ihr angetan wurde.

Als ich anfing, war meine Stimme kalt, blaugefroren, und ich konnte mir selbst aus weiter Ferne zuhören. Die Bitschek hat meine Hand genommen, jedes Mal, wenn ich nicht mehr weiterreden konnte, hat sie meine klammen Finger gedrückt, das war so ähnlich, wie wenn man seinem Pferd vor dem Sprung die Sporen gibt. Jede Hürde hab ich genommen. Ich hab nichts ausgelassen, das war schwierig, weil ich spüren konnte, was meine Worte in Lizzy anrichteten. Aber ich musste reden, die Wahrheit sagen, meine Wahrheit, wie mein Leben wirklich aussah.“

So entkommt Malvina endlich dem familiären Teufelskreis.

„Ich bin Malvina, die Hüterin des Rechts, die mutige Malvina, die sich traut zu springen, immer, auch wenn man den Boden nicht sehen kann… Manche Geschichten haben kein Happy End. Kein großes, wie im Film. Dafür gibt es dazwischen kleine Dinge, viele kleine Dinge, die gut ausgehen.“

Vervollständigt wird die Geschichte durch die im Buchanhang aufgeführten Adressen und Telefonnummern von Beratungsstellen, die von sexuellem Mißbrauch Betroffene beraten und unterstützen. Betroffenen Kindern kann es eine erste Hilfe sein, und selbst nicht betroffene Kinder und Jugendliche werden mit Sicherheit eine Sensibilisierung ihrer Wahrnehmung erfahren.

Die Autorin:

»Beate Teresa Hanika, geboren 1976 in Regensburg, ist Fotografin. Ab 1997 arbeitete sie mehrere Jahre als Model in verschiedenen europäischen Städten. Bereits seit ihrem zehnten Lebensjahr schreibt sie Geschichten und Gedichte. Sie lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Ort in der Nähe von Regensburg. Ihr erster Roman ›Rotkäppchen muss weinen‹ wurde u.a. mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis 2007 und dem Bayerischen Kunstförderpreis 2009 ausgezeichnet und für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2010 nominiert.«