Manchmal rot

  • Roman
  • von Eva Baronsky
  • Aufbau Verlag April 2017  www.aufbau-verlag.de
  • Taschenbuch
  • 353 Seiten
  • 9,99 € (D)
  • ISBN 978-3-7466-3240-7

VORHER – NACHHER
MAL  GANZ  ANDERS

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wer wird man, wenn man nicht mehr weiß, wer man war? Ohne Hindernisparcours aus Gedankenbremsen, Glaubenssätzen und Gewohnheitsbewertungen wäre der Blick auf Welt und Menschen weitgehend ungetrübt von einer persönlichen Vorgeschichte. Es wäre eine großartige Chance, Ungewagtes zu wagen, Unverhofftes zu hoffen und seine Fähigkeiten, Neigungen, Stärken und Schwächen frisch auszumessen, zu erproben und vielleicht sogar eine zuvor unmögliche Möglichkeit zu wählen.

Eine solche Selbstneubestimmung in Verbindung mit den poetischen Besonderheiten synästhetischer Wahrnehmung wird in „Manchmal rot“ anschaulich und faszinierend sowie mit sprachlicher Virtuosität durchgespielt und beiläufig mit der extremen sozialen Spaltung unserer Gesellschaft verknüpft.

Zunächst erscheint es, als wäre Angelina Niemann, die weibliche Hauptfigur des Romans, weit davon entfernt, musische Neigungen zu entwickeln, die über die Betrachtung von Spielfilmen und einen ausgeprägten Sinn für Farben hinausgehen.

Angelina kommt auf dem Weg zu ihrer Putzstelle an einem Wollgeschäft vorbei und verliebt sich auf den ersten Blick in zwei Wollknäuel mit blautürkispetrolem Farbverlauf. Die Wolle ist preisreduziert auf vier Euro, doch nach einem schnellen kopfrechnerischen Kassensturz nimmt sie betrübt Abstand vom Kauf der Wolle. Sie tröstet sich damit, daß sie heute wenigstens in „ihrer“ schönen Lieblingswohnung aufräumt und saubermacht.

Zweimal wöchentlich kümmert sie sich um diese luxuriöse Penthouse-Wohnung mit grandioser Aussicht auf den Main. Den Besitzer der Wohnung hat sie noch nie gesehen, seine Freundin hatte sie eingestellt, und nachdem diese offensichtlich ausgezogen ist, hat sich an dem illegalen Arbeitsverhältnis nichts geändert.

Immer wartet ein Fünfziger an der vereinbarten Stelle auf dem Küchentresen und manchmal eine Notiz mit Sonderwünschen. Diese Notizen bedeuten Streß für Angelina, denn sie kann nicht richtig lesen und muß die Hilfe ihrer Freundin Mandy in Anspruch nehmen, der sie die Nachricht per Handyfoto sendet.

Mandy ruft dann zurück und erklärt ziemlich genervt, was auf dem Zettel steht. Diesem Telefonat kann man deutlich anmerken, daß Angelinas Selbstbewußtsein ausgesprochen bescheiden ist. Sie ist ängstlich, unsicher und menschenscheu und zieht sich zur Entspannung gerne zum Stricken auf ihr Sofa zurück. Von ihrem erputzten Schwarzgeld profitiert ihr Freund Pit, der immer nur dann aufkreuzt, wenn ihm das Spielgeld ausgegangen ist oder er gewisse hormonelle Bedürfnisse an ihr austobt.

Dr. Christian von Söchting ist der Besitzer der gediegenen Wohnung. Er arbeitet als erfolgreicher Anwalt in einer internationalen Wirtschaftskanzlei, hat ein Jahresgehalt von gut 500.000 Euro und steht kurz vor der nächsthöheren Karrierestufe, für die er allerdings seinen Seniorchef und einstigen Mentor bei den Fusionsplänen mit einer amerikanischen Kanzlei austricksen muß.

Er fährt einen Porsche 911, und in seiner Wohnung steht ein echter Steinway-Flügel, den er einst für seine künstlerisch-ambitionierte Exfreundin Charlotte als Geschenk gekauft hatte. Dennoch hat Charlotte ihn wegen eines Kulturprofessors verlassen und ist nach Berlin gezogen. Neuerdings leidet Christian an Flugangst, was sehr anstrengend für ihn ist, da er berufsbedingt mindestens zweimal wöchentlich mit dem Flieger unterwegs ist.
Schwächen, Unsicherheiten und Fehler kann er sich in keiner Form leisten, denn seine Berufswelt ist ein Haifischbecken.

Neben seinem Liebeskummer wegen Charlotte hat Christian auch verzweifelte finanzielle Probleme. Wohin mit der illegalen Provision von 1,5 Millionen Euro in bar, und wie soll er unauffällig das schweizerische Schwarzgeldkonto seines Vaters mit immerhin 30 Millionen Euro nach Deutschland transferieren? Ja, diese Leistungsträger tragen schon schwer an der existenziellen Notwendigkeit, gutes Geld vor bösen Steuern zu beschützen.

Bis auf den indirekten dienstleistungsbezogenen Kontakt gibt es keine lebensweltlichen Berührungspunkte zwischen Angelina und Christian. Doch dies ändert sich wortwörtlich schlagartig, als Angelina beim Auswechseln einer defekten Glühbirne einen Stromschlag bekommt und in Christians Wohnung von der Leiter fällt. Christian findet die bewußtlose Putzfrau und veranlaßt ihre Einlieferung ins Krankenhaus.

Angelina erwacht nach einer längeren Bewußtlosigkeit und weiß nicht mehr, wer sie ist. Doch sie sieht Stimmen, Laute und Musik ganz deutlich in farbigen Mustern und Bildern. Die Klinikneurologin macht einige Tests mit ihr. Angelinas Faktenwissen ist intakt, nur ihr biographisches Gedächtnis funktioniert nicht. Sie müsse Geduld mit sich haben, ihre Lebenserinnerungen kämen sehr wahrscheinlich nach und nach zurück.

Christian besucht Angelina im Krankenhaus und erzählt ihr, daß sie seine Putzfrau sei, und wenn sie wolle, könne sie sich nach ihrer Genesung gerne weiter um seine Wohnung kümmern. Er bringt auch ihre Handtasche mit, die in seiner Wohnung liegengeblieben war. Angelina muß erst die Scheu überwinden, einen Blick in diese ihr fremde Handtasche zu werfen. Das Gefühl, sich sozusagen unbefugt in einem fremden Leben zu bewegen, begleitet sie noch lange.

Sie forscht der Vorher-Angelina nach, läßt sich von ihrer Mutter und von Mandy erzählen, wie und wer sie sei, aber ihr fehlt der emotionale Bezug. Die Nachher-Angelina ist wesentlich willensstärker und zielstrebiger sowie mangels Vergangenheitsbezügen sehr gegenwärtig.

Die nette ältere Dame, die das Bett neben Angelina belegt, benutzt häufig altmodische Wörter, und Angelina schmeckt diese Worte aufmerksam für sich ab und findet Gefallen an Formulierungen wie „unbeugsame Beharrlichkeit“. Mit unbeugsamer Beharrlichkeit bringt sie sich während des vierwöchigen Krankenhausaufenthalts selbst das Lesen und Schreiben bei, Buchstabe für Buchstabe, Silbe für Silbe.

In der zur Klinik gehörenden Kirche findet täglich ein Gottesdienst statt, bei dem Schwester Benedicta Orgel spielt. Diese Gottesdienste werden zusätzlich im Fernsehen übertragen. Als Angelina diese Musik hört, ist sie hingerissen, und es zeigt sich ihre klangfarbensynästhetische Wahrnehmung – sie kann Musik sehen:

„Lange Bänder in Grün und Blau, die kennt sie, hat sie schon mal gehört, aber jetzt wachsen Punkte mit fedrigen Spitzen raus, fliegen zu Blüten zusammen und tanzen herum. Jede Blüte hat acht Töne, das weiß ich, ohne zu zählen, und obwohl alle grün und blau sind, hat jede eine andere Farbe. Als sie die Augen aufmacht, sieht sie im Fernseher die Tasten. Schwarz und weiß, sie braucht gar nicht hinzugucken, um zu wissen, dass es immer abwechselnd Zweier- und Dreierpacks sind, damit kenn ich mich aus, dazwischen weiße, also eigentlich fünf und sieben, macht zwölf, zwei Hände, die darauf spielen, ganz groß im Bild. Sobald ein Ton da ist, weiß sie genau, welche Taste als Nächstes kommt.“ (Seite 115)

Später wird sie von Schwester Benedicta dreimal wöchentlich praktisch und theoretisch musikalisch unterrichtet werden und täglich auf Christians verwaistem Steinway-Flügel Etüden üben …

Christian hat derweil einige komplizierte und knifflige Verträge zu überprüfen, jagt von Mandant zu Mandant, von Sitzung zu Sitzung,  beäugt mißtrauisch seine Kanzleikollegen und fädelt seine rücksichtslose, geheime Vorteilsnahme in die Vorverhandlungen für die angestrebte Kanzleifusion ein. Ein Versteck für die 1,5 Millionen in gebündelten Hunderteuroscheinen hat er auch spontan gefunden – solche Noten würde man doch niemals im Inneren eines Steinway vermuten oder gar suchen.

Angelina kehrt, begleitet von Mandy, in ihre eigene Wohnung zurück und versucht vergeblich ihr Leben wiederzuerkennen. Zum Befremden ihrer Freundin spricht sie nur in der dritten Person Singular von Angelina und erkundigt sich nach den Einzelheiten ihres Lebens. Offenbar war die liebste Freizeitbeschäftigung der Vorher-Angelina das Stricken, doch die Nachher-Angelina findet das langweilig.

Die neue Angelina ist wißbegierig und wird eine eifrige Leserin. Sie entdeckt die Schönheit der Sprache für sich: „… in diesem Buch gibt es massenhaft Sätze, die sie nicht auf Anhieb kapiert. Aber wenn sie die Stelle zwei- oder dreimal gelesen hat, kann’s passieren, dass einer zu leuchten anfängt und sie staunen muss, wie viel Schönheit man aus so ein paar Buchstaben zusammensetzen kann, es ist, als würde vor lauter Schönheit auch in ihr drin was zu leuchten anfangen.“ (Seite 190)

Plötzlich steht Angelinas angeblicher Freund Pit vor der Tür und reklamiert ihre lange Abwesenheit. Mit analytischer Distanz betrachtet sie sein unverschämtes Gebaren und denkt, daß sie Mandys Einschätzung, daß sie Pit getrost vergessen könne, innerlich zustimmt. Sie wird gewissermaßen doppelt wütend auf sich selbst und auf die alte Angelina, die sich eine solche grobmaschige Machobehandlung hat gefallen lassen.

Als sie sich verbal und körperlich deutlich von ihm abgrenzt, wird er gewalttätig, und Schlimmeres wird nur dadurch verhindert, daß sie kein Bier im Kühlschrank für ihn bevorratet hat und er erst mal abzischt, welches zu kaufen – natürlich mit ihrem Geld. Geistesgegenwärtig packt sie eine Tasche mit dem Nötigsten und flüchtet in Christian von Söchtings Wohnung, über deren Schlüssel sie nach wie vor verfügt.

Christian ist zunächst nicht amüsiert beim häuslichen Feierabend, seine Putzfrau vorzufinden. Sie tritt ihm gegenüber selbstbewußter auf, als sie sich fühlt, und sagt frech, daß sie vorübergehend das Gästezimmer beziehen werde. Seinen Hinweis, daß er die Polizei rufen könne, um sie loszuwerden, kontert sie mit einem dezenten Hinweis auf die Banknoten, die sie im Steinway gefunden habe, und auf die ungesicherte Strom-leitung, der sie ihren Stromschlag verdanke; sie habe schließlich nichts zu verbergen …

Ausschlaggebend für Christians Einverständnis mit Angelinas Einzug in seine Wohnung ist jedoch, daß er ihre Verletzlichkeit spürt, und dies weckt zu seiner eigenen Verwunderung Beschützerinstinkte in ihm.

Während Christian beruflich wie gewohnt weitermacht, kümmert sich Angelina um den Haushalt, liest sich durch Christians Bücherschrank, hört seine Musik-CDs und übt eifrig und unermüdlich Klavierspielen. Sie probiert Gewürze und verschiedene Kaffeevarianten aus und findet heraus, was ihrem Geschmack entspricht und was nicht.

Angelina formt und festigt ihr neues Ich. Sie entwickelt einen bemerkenswert klaren Blick auf ihre Mitmenschen, sie durchschaut ihre Masken und inneren Beweggründe. Abends stellt sie Christian viele Fragen zu Wörtern und Themen, die sie in Büchern gefunden und nicht ganz verstanden hat, und Christian beantwortet diese gerne.

Ihr Auffassungsvermögen ist sehr gut und ihre Folgefragen sind durchaus originell und zeugen von einem ausgeprägten Sinn für sprachliche Mehrdeutigkeiten und Zwischentöne. Angelinas Attraktivität wächst in Christians Augen, und er versteht gar nicht mehr, warum er sie früher für unscheinbar hielt …

„Manchmal rot“ ist das komplexe Psychogramm zweier Charaktere, deren soziale, lebensweltliche Distanz extrem ist. Geschickt gibt die Autorin jedem Charakter einen eigenen Sprachausdruck: Angelinas Sprache ist eher umgangssprachlich, direkt und mit einfachem Vokabular. Ihr Denken und Fühlen kreist um zwischenmenschliche Belange, um Resonanz und Sympathie, um ihre sinnliche und synästhetische Wahrnehmung sowie um ihre Selbstentdeckung und ihre Hingabe an die Musik als Ausdruckskraft.

Christians Sprache ist anspruchsvoller, gebildet und durchsetzt mit Wirtschaftsenglisch. Sein Denken und Fühlen ist bestimmt von Ehrgeiz, Konkurrenz, Leistung, Mißtrauen, Status, berechnendem Taktieren und monetären Werten sowie von gelegentlichen Selbstzweifeln und Angst. Er ist mehr im Haben zu Hause und Angelina mehr im Sein.

Sowohl inhaltlich als auch sprachlich ist „Manchmal rot“ von außer gewöhnlicher Einfühlsamkeit und eröffnet dem Leser lebhaft-sinnlich fremde Perspektiven. Romanfiguren mit synästhetischer Wahrnehmung gibt es nicht oft. Da ich selbst Synästhetin bin, fand ich diese spezielle Thematik selbstverständlich besonders ansprechend und gelungen.

Wer aufgrund der Überbrückung der großen sozialen Distanz zwischen Angelina und Christian ein romantisches Ende à la „Pretty Woman“ erwartet, wird mit dem offenen Ende der Geschichte hadern. Wer jedoch gerne miterlesen möchte, wie sich eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen beherzt emanzipiert, zu Selbstbewußtsein kommt und sich durch ihre Klangfarbensynästhesie einen neuen musikalischen Horizont erschließt, der findet in  „Manchmal rot“ eine ebenso berührende wie seltenheitswerte Charakterstudie mit wohldosierten Prisen trefflicher Gesellschaftskritik.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.aufbau-verlag.de/index.php/manchmal-rot-3982.html

 

Querverweis:

Bereits Eva Baronskys erster Roman „Herr Mozart wacht auf“ spielte virtuos und amüsant mit der außergewöhnlichen Perspektive eines zeitgereisten Mozarts, der unversehens in der heutigen Gegenwart erwacht.
Hier entlang zu meiner Rezension von „Herr Mozart wacht auf“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/14/herr-mozart-wacht-auf/

Die Autorin:

»Eva Baronsky, 1968 geboren, lebt im Taunus. Für ihren überraschenden und sehr erfolgreichen Debütroman „Herr Mozart wacht auf“ (2009) erhielt sie den Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises der Stadt Bad Homburg v. d. Höhe. Nach „Magnolienschlaf“ (2011) erschien 2015 ihr dritter Roman „Manchmal rot“

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Der Räuber Hupsika

  • von Paul Biegel
  • Aus dem Niederländischen von
  • Eva Schweikart
  • s/w Illustrationen von Carl Hollander
  • Verlag Urachhaus 2011                                http://www.urachhaus.de
  • gebunden, Halbleinen
  • 128 Seiten
  • 12,90 €
  • ISBN 978-3-8251-7801-7
  • ab 5 Jahren zum Vorlesen
  • ab 8 Jahren zum Selberlesen
    9783825178017_7441.png Räuber Hupsika

EIN  EHRLICHER  RÄUBER

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Als erwachsene Leser kennen wir die Umverteilung des Geldes von unten nach oben zur Genüge; da ist es erholsam und inspirierend, den Helden eines Kinderbuches dabei zu erleben, wie er Geld von oben nach unten verteilt.

Die Geschichte vom Räuber Hupsika hat eine sehr flotte, wendige und heiter-spannende Handlung, die auf entsprechend quirlige Weise erzählt wird. Hupsika ist ein herzhafter, schelmischer Held: empfindsam, mutig, munter, klug und verspielt.

Der Räuber Hupsika überfällt nur die Kutschen reicher Leute, bittet die Herrschaften höflich um ihr Geld und bedankt sich mit einer tadellosen Verbeugung für die Beutel voller Goldgulden und Silberdukaten. Dann reitet er mit seinem treuen Pferd in sein geheimes Haus, bekommt angesichts des Portraits seiner verstorbenen Mutter regelmäßig ein schlechtes Gewissen und verschenkt das Geld an die Armen.

Eines Tages pflückt er sich wieder Geldbeutel aus einer noblen Kutsche. Einer der reichen Herren wagt die Frage, ob Hupsika, da er doch so ein geschickter Räuber sei, vielleicht seine weggelaufene Tochter aus der Gewalt eines Schurken namens Eisengriff befreien könne. Nachdem Hupsika gemeinsam mit dem Vater einige Tränen über die Gefangenschaft von Tochter Josefine vergossen hat, werden sie handelseinig: Hupsika soll Josefine aus Eisengriffs Burg herausstehlen, und zur Belohnung erhält Hupsika tausend Goldgulden.

Frohgemut erzählt Hupsika dem Portrait seiner Mutter, daß er nun einer ehrlichen Arbeit nachgehe, und macht sich auf den Weg. Dank seiner Geschicklichkeit gelingt es Hupsika, die eigentlich uneinnehmbare Burg Eisengriff zu betreten und Josefine zu erblicken. Er verliebt sich augenblicklich und ist durch sein Räuberherzklopfen so sehr ablenkt, daß er von Eisengriffs Kriegsknechten überwältigt wird und unsanft im Kerker landet.

Eisengriff teilt ihm noch höhnisch mit, daß er nun für ein halbes Jahr mit Josefine verreisen werde, und wenn sie zurückkämen, wäre Hupsika wohl schon verhungert. Doch Hupsika gibt nicht so schnell auf. Mit einer lustigen List gelingt ihm die Flucht aus dem Kerker, und er nimmt die Verfolgung von Eisengriffs Kutsche auf.

Er scheut keine Gefahr, er verkleidet sich als Vogelscheuche, spielt wagemutige Glücksspiele und findet beiläufig einen Schatz. Mit beträchtlicher akrobatischer Wendigkeit rettet sich Hupsika aus mancher Bedrängnis, und solange er seine silbernen Sporen an den Stiefeln hat, kann ihn auch keine Fessel lange fesseln.

Das Einzige, was ihn fesselt, ist der Blick in die Augen Josefines, da wird ihm „ganz weich ums Herz, wie schmelzende Schokolade“. (Seite 39) Nach einigen wechselseitigen Verfolgungsrunden kann der Räuber Josefine endlich befreien. Hupsika pfeift auf die Belohnung und bittet erfolgreich um Josefines Hand.

So, erledigt“, sprach der Räuber und klopfte sich die Hose sauber, „jetzt noch schnell heiraten, und dann komme ich endlich wieder mal dazu, in Ruhe ein Buch zu lesen.“ (Seite 137)

Das ist doch mal Leseförderung, wie sie im Buche steht; hier zeigt sich der Autor als ebenso schelmisch wie sein Räuber Hupsika.

Die Schwarz-weiß-Zeichnungen von Carl Hollander setzen die turbulente Handlung lebhaft und fröhlich in Szene.

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006) gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckman und Annie M.G. Schmidt zu den bedeutendsten Vertretern der niederländischen Kinderliteratur. Er verfasste über fünfzig Bücher, sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem begehrten Silbernen und Goldenen Griffel. Der Verlag Urachhaus ehrt den Großmeister der niederländischen Jugendliteratur mit einer achtbändigen Sonderausgabe seiner schönsten und erfolgreichsten Kinderromane. «

Der Illustrator:

»Carl Hollander ( 1934 – 1995) stammte aus Amsterdam. Er war u.a. Dozent an der Amsterdamer Rietveld Academie und illustrierte mehr als hundert Kinderbücher, darunter die Pippi Langstrumpf-Serie von Astrid Lindgren, zahlreiche Bücher von Paul Biegel, Annie M.G. Schmidt und An Rutgers van der Loeff. Er arbeitete gern mit Feder und Tusche, Bleistift, Buntstift und Aquarelltechniken. Durch ihre feinen, liebevoll ausgearbeiteten Details wirken seine lllustrationen besonders lebensnah und frisch. «

 

 

 

 

Der Crash ist die Lösung

  • Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie Ihr Vermögen retten
  • von Matthias Weik und Marc Friedrich
  • Eichborn Verlag Mai 2014                             http://www.eichborn.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 381 Seiten
  • 19,99 €
  • ISBN 978-3-8479-0554-7
    1_5_5_2_7_1_3_978-3-8479-0554-7-Weik-Der-Crash-ist-die-Loesung-org

INVESTIEREN  SIE  IN  GENÜGSAMKEIT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mit dem zweiten Buch von Matthias Weik und Marc Friedrich ging es mir genau wie mit dem ersten: Ich wollte es sofort noch einmal lesen, um die gewonnenen Erkenntnisse zu vertiefen und um ganze Abschnitte auswendig zu lernen. Doch nun erst die Pflicht, also eine Buchbesprechung, und dann nehme ich mit Vergnügen noch einmal ein geistiges Vollbad in ökonomischer Klarheit, Sozialkompetenz und Verantwortungsbewußtsein.

Es gibt viele Bücher, die sich mit der Finanzkrise befassen, es gibt jedoch nur wenige, denen es gelingt, die komplexe Materie so konkret, klar und deutlich darzustellen und dabei auch noch die ganz alltägliche Realität miteinzubeziehen. Hier gibt es keine abgehobenen Theorien, sondern eine scharfsinnige Analyse der globalen ökonomischen Fehlentwicklungen.

Matthias Weik und Marc Friedrich geht es nicht darum, mit ökonomischem Wissen anzugeben und sich als Experten über die Laien zu erheben – im Gegenteil: Sie wollen ihr Wissen und ihre Erkenntnisse mitTEILEN und die Menschen aufklären. Dies gelingt ihnen durch eine ausgesprochen allgemeinverständliche Sprache, anschauliches Zahlenmaterial, gerechte Empörung, ethischen Anspruch und eine spannende, teilweise sogar ironisch-witzige Beschreibung, Erklärung und Kritik unseres Geldzustandes. Darüber hinaus geben sie auch konkrete Anregungen und Denkanstöße zu alternativen, nachhaltigen Wirtschaftsformen.

Die zahlreichen geistreichen Zitate zum Thema Geld und Wirtschaft, die über das ganze Buch trefflich verteilt sind, passen hervorragend und geben dem Text zusätzliche Würze.

Die Autoren beschreiben die nach wie vor ungebremste Profitgier der Banken, besonders der Großbanken, und wie ausgerechnet diese Krisenverursacher nun auch noch an der Krise verdienen. Die Untergrabung der Demokratie durch die Banken-Lobby belegen sie zahlrreichen Beispielen.

„Die Banken weltweit stehen weiter über den Gesetzen. Und es existiert lediglich eine weitere Branche, die absolut nichts davon hält, sich an die Gesetze zu halten: das organisierte Verbrechen. Auch das organisierte Geld fußt derzeit in weiten Teilen auf krimineller Energie und menschenverachtender Profitgier.“
( Seite 59)

Im Kapitel »Deutschland – Exportweltmeister mit Rekordschulden« wird die Lage Deutschlands analysiert. Die Finanzminister unseres angeblich so reichen Landes reden seit 40 Jahren vom Schuldenabbau, aber tatsächlich werden ununterbrochen neue Staatsschulden angehäuft, und wegen des Zinseszinseffekts wird auch Deutschland genau wie alle anderen Länder diese Schulden niemals begleichen können – außer durch direkte und indirekte Enteignung der Bürger, durch Steuern, Abgaben und hohe Inflationsraten und – nach dem unweigerlichen Finanzkollaps – durch eine Währungsreform.

Die „Wirtschaftslokomotive Deutschland“ wird subventioniert durch einen wachsenden Niedriglohnsektor. Während die Arbeitnehmer in Deutschland im Durchschnitt weniger verdienen als vor 22 Jahren, sind im gleichen Zeitraum Unternehmens- und Vermögenseinkommen um fast 50 Prozent gestiegen.

Volkswirtschaftlich gesehen ist das alles andere als nachhaltig. Aus der ökonomischen Gesamtperspektive bedeuten Löhne nämlich Nachfrage“ (Seite 128)

Reich sind in unserem Land also nur sehr wenige Menschen, und diese Spitzenverdiener und Super-Vermögens-Besitzer legen wiederum ihr überflüssiges Geld an, um ihren Renditehunger zu stillen, und so dreht sich das Rad von Zins und Zinseszins zum Schaden der Volkswirtschaft und zum Ausverkauf des Gemeinwohls immer schneller.

In einem weiteren Kapitel machen die Autoren eine kleine Europarundreise und legen Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien, die Niederlande, Griechenland und Zypern unter die Lupe. Danach werden die USA, China und Japan einer kritischen Betrachtung unterzogen.

Ausnahmslos alle Staaten wirtschaften im Übermaß auf Pump, und wir alle nehmen zur Zeit aktiv oder passiv an der „größten Insolvenzverschleppung in der Geschichte der Menschheit“ teil.

Im Kapitel »Enteignung, Zwangsabgaben und Inflation« wird der Leser mit zwei schmerzlichen Wahrheiten konfrontiert:
Erstens: Die Zeit der Rendite ist vorbei.
Zweitens: Wir alle werden Wohlstand verlieren – oder an andere abgeben müssen.“
( Seite 203)

Daß die Niedrigzinsphase der Notenbanken für eine schleichende Enteignung der Sparer sorgt, dürfte sich bereits herumgesprochen haben und auch ohne höhere mathematische Kenntnisse auszurechnen sein. Doch wußten Sie, daß es seit 2013 eine CAC-Klausel (Collective Action Clause; zu Deutsch: Kollektive Handlungsklausel) gibt? „Damit können Besitzer von Staatsanleihen gegen ihren Willen im Notfall rückwirkend enteignet werden.“   (Seite 206)

Wenn Sie meinen, Sie wären davon nicht betroffen, weil Sie gar keine Staatsanleihen besitzen, dann unterliegen Sie einer finanzoptischen Täuschung; denn Lebensversicherungen, Rentenversicherungen, Rentensparverträge und diverse Fonds haben Ihr Geld zu großen Teilen in – dreimal dürfen Sie raten – Staatsanleihen angelegt.

Wir können aus der Geschichte vergangener Wirtschaftkrisen lernen, daß Geldanlagen in Papierwerten immer zu massiven Wertverlusten geführt haben. Man bedenke: Wenn der Staat pleite geht, bürgt jeder einzelne Bürger unfreiwillig für die Staatsschulden. Dies kann zu Sondersteuern, Gebührenerhöhungen und enteignenden Zwangsmaßnahmen führen, wie es z.B. in Griechenland und Zypern bereits praktiziert wird – ganz zu schweigen von der deutlich wachsenden Inflationsgefahr.

Im siebten Kapitel widmen sich die Autoren dem Schutz des Vermögens. Das mag für manche (mich eingeschlossen) ein Luxusproblem sein, trotzdem ist es interessant und lehrreich.

Als erstes empfehlen sie, keine Schulden zu machen, um seine Freiheit nicht an ein Bankinstitut zu verlieren. Der „Kleine Exkurs über Credo und Kredit“ (Seite 234) erhellt sehr anschaulich das im Dispokredit-Zeitalter übliche Mißverständnis von Kredit und Investition.

Zweitens empfehlen die Autoren ganz klar: Schichten Sie um, weg von Papierwerten, hin zu Sachwerten! (Seite 235) Sehr überzeugend demontieren sie sodann Kapitallebensversicherungen, private Rentenversicherungen und Bausparverträge. Darüber hinaus raten sie auch zu einer Bargeldreserve (für ein bis drei Monate) in kleinen Scheinen, verteilt auf mehrere Verstecke, aber nicht im Bankschließfach, denn das wird im Falle eines Crash, wegen vorübergehender Bankenschließungen einige Zeit unzugänglich sein.

Der Sachwert Immobilie ist nur sinnvoll bei einem schuldenfreien, selbstgenutzten und in ordentlichem Bauzustand befindlichen Haus in einer guten Wohnlage.

Von Aktien wird dringend abgeraten, da dieser Markt mit billigem Notenbankgeld künstlich aufgebläht wird und daher extrem überbewertet ist. Der Aktienmarktabsturz wird gewaltig werden.

Empfehlenswert sind Edelmetalle (Gold und Silber), natürlich in physischer Form und nicht virtuell. Auch hier sollte man neben Barren kleine Münzen bevorraten, denn zur Not kann man mit solchen Münzen einkaufen gehen, wenn Geld nur noch den Wert von Konfetti hat.

Sehr sympathisch finde ich die Anregung, Wald, Acker und Wiesen zu erwerben und bevorzugt an regionale, kleine, mittlere und ökologisch wirtschaftende Landwirte fair zu verpachten.

Ebenfalls interessant sind „Direkte Beteiligungen und Naturalanlagen“, dabei leiht man z.B. einem Imker, einem Weinbauern, einem Handwerksbetrieb etc. einen Geldbetrag für eine notwendige Investition, vereinbart eine Verzinsung über der Inflationsrate oder wahlweise einen Ausgleich in Form von Naturalien. Der Kreditnehmer hat eine deutlich niedrigere Zinsbelastung, als wenn er Schulden bei der Bank aufnimmt, der Kreditgeber erhält einen deutlich höheren Zinsertrag, als wenn er sein Geld der Bank überläßt, und die Bank – ätsch! – geht einfach leer aus.

Kurz wird auch die noch relativ neue, spannende Investmentform der Schwarmfinanzierung, das sogenannte »Crowdfunding«, gestreift.

Zu einer Investition in schottischen Whiskey raten die Autoren nur, wenn man von dieser Materie etwas versteht. Immerhin ist dieses Getränk unverderblich, und Alkohol kann in Krisenzeiten durchaus eine Ersatzwährung sein.

Im letzten Kapitel wird noch einmal stringent zusammengefaßt, woran die Weltwirtschaft krankt. Ich liste hier nur einige Stichworte auf: Papier- und Schuldgeldsystem ohne jegliche Deckung, Giralgeldschöpfung aus dem »Nichts«, Zins und Zinseszins, exponentielles Wachstum, weltweite Deregulierung der Märkte usw… Diese Themen wurden bereits eingehend im ersten Buch der beiden Autoren erläutert. ( siehe meine Besprechung:   https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/09/25/der-groste-raubzug-der-geschichte/ )

Gewinne zu privatisieren, Verluste aber zu sozialisieren, das ist kein Kapitalismus, das ist Feudalismus pur. Denn da wurde der Zehnte unter allen Umständen eingetrieben, egal wie die Ernte ausgefallen war.“ (Seite 302)

Und dann verordnen die Autoren eine durchdachte Strategie für ein nachhaltiges Wirtschafts- und Finanzsystem, die ich am liebsten komplett zitieren würde, aber das sprengte den Rahmen einer Rezension; so beschränke ich mich auf zwei Punkte:

Wir sind überzeugt, dass wir neben den drei klassischen Gewalten Legislative, Exekutive und Judikative eine echte – keine sprichwörtliche wie die Medien – vierte Gewalt brauchen: eine öffentlich-rechtliche, strikt unabhängige, transparente, direkt oder indirekt gewählte »Monetative«.  (Seite 307)

„ Die zweite Maßnahme, die keinen Aufschub duldet, ist eine drastische Schrumpfkur für Banken… Daher muss gesetzlich geregelt werden, dass Banken nur noch eine Bilanzsumme haben dürfen, die es möglich und gesamtwirtschaftlich unriskant macht, sie pleitegehen zu lassen, wenn sie sich verspekuliert haben.“ (Seite 308)

Alternativen zum bisherigen Finanzsystem kommen zudem in zwei hochinteressanten Gastbeiträgen zu Wort: »Vollgeld« von Prof. Dr. Mark Joób und »Regionalwährungen« von Christian Gelleri.
Beide Geldkonzepte zielen auf das Wohl der Allgemeinheit, ein demokratisch gelenktes Geldsystem und die Förderung realer, regionaler Wirtschaftskreisläufe – im Gegensatz zur momentan noch üblichen ausbeuterischen und ungerechten Finanzfeudalherrschaft mit sinnloser Renditespekulation.

Matthias Weik und Marc Friedrich beenden ihr überaus aufschlußreiches Buch mit dem Hinweis, daß die Krise und der unvermeidliche Zusammenbruch dieses Finanz- und Euro-Währungsexperimentes eine historische Chance bieten sowohl für eine Reform des Wirtschaftssystems als auch für einen grundsätzlichen moralischen Wandel der Gesellschaft.

Wenn das jetzige Geld- und Finanzsystem kollabiert, wird es durch ein neues abgelöst, und man wird sich wie in den letzten Tausenden von Jahren wieder auf bewährte Werte zurückbesinnen. Auf der monetären Seite werden dies Sachwerte und ein gedecktes Geldsystem sein. Gesellschaftlich und moralisch werden wir uns besinnen auf ein neues Miteinander, auf Demut, Respekt, Zusammenhalt und: Genügsamkeit!“ (Seite 340)

Die Autoren appellieren an die Mündigkeit, Selbstverantwortung und den realistischen Handlungsspielraum jedes Einzelnen. Eine Steuerung des persönlichen Konsumverhaltens in Richtung Ethik, Nachhaltigkeit, Qualität und Regionalität steht jedem frei, und Sie können Ihre Konten bei einer kleinen Genossenschaftsbank oder einer Ökobank einrichten, statt mit Ihrem Geld die Großbanken zu füttern.

Den Wandel dürfen wir nicht von der Politik erwarten. … Der Wandel muss von uns selbst ausgehen.“ (Seite 340)

Die 19,99 € für dieses Buch sind übrigens eine wirklich lohnende Investition in Ihren Realitätssinn und Ihre ökonomische Mündigkeit, und es dürfte Sie gründlich gegen ethisch fragwürdige, unseriöse, antisoziale und nicht nachhaltige Finanzprodukte immunisieren.

Das Vorgängerbuch von Matthias Weik und Marc Friedrich „Der größte Raubzug der Geschichte“ lohnt sich ebenfalls sehr (siehe:  https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/09/25/der-groste-raubzug-der-geschichte/  )
, und es ist eine gute Ergänzung und Bereicherung Ihres Wissensportfolios.

Über die Autoren:

»Matthias Weik befasst sich seit über zehn Jahren eingehend mit der globalen Wirtschaft und ihren Finanzmärkten. Arbeits- und Studienaufenthalte in Südamerika, Asien und Australien ermöglichten ihm tiefe Einblicke in das Wirtschaftsleben fremder Nationen. In Deutschland war er für einen großen Automobilkonzern tätig. Gemeinsam mit Marc Friedrich hält Matthias Weik seit mehreren Jahren Seminare und Fachvorträge bei Unternehmen, an Universitäten, Fach- und Volkshochschulen.«

 

»Marc Friedrich studierte INTERNATIONALE BETRIEBSWIRTSCHAFTSLEHRE und beschäftigt sich intensiv mit der Wirtschaft und den Finanzmärkten. Während eines Aufenthalts in Argentinien erlebte er 2001 einen Staatsbankrott und dessen verheerende Folgen selbst mit. Mit Stationen in Großbritannien, der Schweiz und den USA sammelte er zahlreiche und wertvolle Arbeitserfahrungen

Sie haben Fragen, Anregungen oder Kritik:

http://www.Friedrich-Weik.de

Der größte Raubzug der Geschichte

  • Warum die Fleißigen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden
  • von Matthias Weik und Marc Friedrich
  • Überarbeitete und aktualisierte Taschenbuchausgabe
  • bei Bastei Lübbe April 2014                     http://www.luebbe.de
  • 383 Seiten
  • 9,99 €
  • ISBN 978-3-404-60804-1
    1_6_0_5_3_9_4_978-3-404-60804-1-Weik-Der-groesste-Raubzug-der-Geschichte-org

KAPITALVERBRECHEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Das ist Aufklärung im besten Sinne: sachlich, engagiert, leicht zugänglich und sogar humorvoll formuliert, zudem spannend und wirklich wissenswert, nicht bloß flüchtig informativ, sondern ganzheitlich betrachtet und wirklichkeitsnah.

So anschaulich und begreiflich, wie mir in diesem Buch Zahlen und Diagramme präsentiert wurden, da habe sogar ich das kleine Einmaleins mit den vielen Nullen des Geldes begriffen.

Im ersten Kapitel lernen wir den elementaren Unterschied zwischen „gedecktem Geld“ und „ungedecktem Geld“. Bei gedecktem Geld bestehen die Münzen aus werthaltigem Edelmetall, und für jede Papiergeldnote muß bei der Zentralbank ein realer Sachwert (z.B. Gold oder Silber) hinterlegt sein. Dieser „Goldstandard“ beschränkt die Herausgabe von Papiergeld durch die Zentralbank auf die wirklich vorhandenen Vermögenswerte, und eine inflationäre Geldvermehrung – wie sie gegenwärtig praktiziert wird – ist gar nicht möglich und auch nicht erlaubt. Im System des gedeckten Geldes kann man also – gesetzlich garantiert – einen Geldschein gegen den entsprechenden Gold oder Silberwert einlösen.

Ungedecktes Geld (auch FIAT-Geld genannt) ist Geld, das per Staatsbeschluß aus dem Nichts (ungedeckt) in unbegrenzter Menge erschaffen bzw. durch die Notenpresse gedruckt wird. In diesem – unserem heutigen – Geldsystem haben die Münzen einen unerheblichen Materialwert, und weder für die Münzen noch für die Banknoten existiert ein hinterlegter realer Wert, und dementsprechend besteht auch keinerlei Rechtsanspruch auf Einlösung des FIAT-Geldes in z.B. Gold oder Silber. Das ungedeckte Geldsystem funktioniert auf der Basis von Vertrauen.

Der Austausch von Waren und Dienstleistungen durch Vermittlung von Papiergeld geht so lange gut, wie von allen Marktteilnehmern an die Glaubwürdigkeit des Geldwertes geglaubt wird. (Daß der Kapitalismus eine Religion ist, hat der Kabarettist Volker Pispers ja auch schon sehr pointiert formuliert.)

Im ungedeckten Geldsystem haben Geschäftsbanken zwei Möglichkeiten, sich Geld zu beschaffen. Sie nehmen einen Kredit bei der Zentralbank auf und müssen dafür z. Z. sehr niedrige Zinsen zahlen, die – sofern die Zentralbank Gewinn erwirtschaftet – dem Staatshaushalt und damit dem Gemeinwohl dienen. Die zugeteilte Geldmenge richtet sich nach dem Liquiditätsbedarf und der Gesamtmenge der von den Geschäftsbanken bei der Zentralbank hinterlegten Mindestreserven an Eigenkapital.

Die zweite Möglichkeit der Geldvermehrung aus dem Nichts geschieht durch Kreditvergabe an die Geschäftsbankkunden. Entgegen der naiven und wahrscheinlich immer noch allgemein verbreiteten Auffassung verleihen die Banken nicht die Spareinlagen ihrer Kunden an Kreditnehmer, sondern das der Bank gegebene Geld dient lediglich dem gesetzlich vorgeschriebenen einprozentigen Mindestreservesatz (seit Januar 2012, zuvor waren es noch „astronomische“ zwei Prozent) bei der EZB.

So werden aus 100 Euro, die z.B. auf Ihrem Girokonto „ruhen“ 10 000 Euro Buchgeld, das die Bank mit gefräßigen Zinsen als Kredit verleiht. Dieses gerierte Buchgeld für die Kreditvergabe und auch Ihr hoffentlich positiver Kontostand sind jedoch nichts weiter als ein Zahlungsversprechen.

Buchgeld ist jedoch – im Gegensatz zum Bargeld – kein gesetzliches Zahlungsmittel und unterliegt keiner gesetzlichen Annahmepflicht, wird jedoch im Wirtschaftsleben allgemein akzeptiert.“
(Seite 31)

Jetzt erkennen wir auch, welch Eigennutz und Tarnvorrichtung hinter der Vorliebe der Banken für den bargeldlosen Zahlungsverkehr steckt. Es gibt schlicht und einfach gar nicht so viel Bargeld, wie es Buchgeld gibt. Die Autoren vergleichen das multipel multiplizierte Buchgeld mit einem ungedeckten Scheck, der, wenn er von einer Privatperson ausgestellt wird, als Betrug geahndet würde. Wenn indes Banken das gleiche machen, ist es ein Geschäftsmodell zur Geldschöpfung aus dem Nichts. Dieses Geld wiederum verleihen die Banken mit unbescheidenen Zinsen an Unternehmen, an unseren Staat und an uns.

Doch das reichte der Finanzindustrie noch lange nicht; die Geldsucht gewisser Interessengruppen bahnte sich international ihren Einfluß auf die Gesetzgebung, setzte die Deregulierung der Finanzmärkte durch und entzog sie einer demokratischen Kontrolle.

Als historische Stichworte nenne ich hier nur die Abschaffung der Börsenumsatzsteuer im Jahre 1990 unter der Regierung Kohl und die Aufhebung der Trennung zwischen Geschäfts- und Investmentbanken (Glass-Steagall Act) im Jahre 1999 unter dem damaligen US-Präsidenten Clinton.

Nun wird das Buch von Matthias Weik und Marc Friedrich richtig spannend, ihre scharfsinnige Beschreibung der Finanzkrise liest sich wie ein Krimi. Um den Rahmen meiner Buchbesprechung nicht zu überdehnen, kann ich hier nur Stichworte auflisten: abstrus-spekulative Finanzprodukte, Derivate- und Verbriefungsmarkt, CDO-Geschäfte, Leerverkäufe, Bilanzregeln mit der Lizenz zum Schummeln, die Fehlfunktionen des Euro, die Verflechtungen deutscher Banken mit amerikanischen Subprime Immobilienkrediten, kreditunwürdige Kredite, das obszöne Boni-System, die Interessenskonflikte der Rating-Agenturen, hochdotiertes Bäumchen-wechsel-dich-Personal zwischen Banken, Beratungsfirmen und Politik, eine skrupellose Finanzlobby, die sich erfolgreich in die Gesetzgebung einmischt, Bad-Banks, Banken-Rettungsschirme auf Kosten des Steuerzahlers usw.

Die Autoren finden klare, zusammenfassende Worte: „…das Motto der Finanzindustrie: Verluste werden sozialisiert, Gewinne werden nach wie vor privatisiert.“ ( Seite 98)

Wurden die Banken nach Rettung vor dem Finanzkollaps durch Staatsgarantien, Steuergelder und die damit zwangsläufig verknüpfte massiv erhöhte Staatsverschuldung nun demütig, bescheiden, risikoscheu, nachhaltig-haushälterisch und kaufmännisch-klug?

Diese Frage wird von den Autoren mit einem klaren Nein beantwortet – im Gegenteil: Die Banken verteilen das „Spielgeld“ des Staates kaum noch für den Investitionsbedarf des Mittelstandes, sondern sie spekulieren weiterhin mit absolut anti-sozialen (z.B. Nahrungsmittelspekulation) und unnachhaltigen Finanzprodukten, und sie wehren sich gegen die Einführung einer klitzekleinen Finanztransaktionssteuer von 0,01 bis 0,05 Prozent. Man bedenke: Jeder andere Händler und Dienstleister in unserem Wirtschaftssystem ist gesetzlich verpflichtet zwischen sieben und 19 Prozent Umsatzsteuer an das Finanzamt zu zahlen.

Bei der gegenwärtig florierenden Konjunktur in Deutschland handelt es sich um einen sogenannten „Crack-up-Boom“ und nicht um ein neues Wirtschaftswunder. Das bedeutet: Wir haben einen Aufschwung auf Pump, der nur dank künstlicher Finanzspritzen und Markteingriffe ermöglicht wird. Dies ist ein verantwortungsloses Spiel auf Zeit, welches nur das Mindesthaltbarkeitsdatum der Re-GIER-ung des Kapitalismus ausdehnt.

Wir erinnern uns: Die letzte Krise entstand durch niedrige Zinsen und zu viel billiges Geld.
Es wird also die Krise mit den gleichen Mitteln bekämpft, mit welchen sie ausgelöst und befeuert wurde: historisch niedrige Zinsen und eine nie zuvor da gewesene Liquiditätsschwemme. So langsam hat auch der Letzte verstanden, dass dies zu Inflation führt.“
(Seite 183)

Nach einer aufschlußreichen Besichtigung der Staatsverschuldung Deutschlands und der drohenden Immoblilienblase Chinas, geht die Besichtigungstour weiter zu Ländern, denen der Staatsbankrott droht: USA, Argentinien, Portugal, Italien, Spanien, Irland, Griechenland und Großbritannien.

Der Staat bekommt Geld durch Steuereinnahmen und Abgaben seiner Staatsbürger (also von jedem von uns). Und der Staat kann sich durch den Verkauf von Staatsanleihen Geld beschaffen. Wer kauft die meisten Staatsanleihen? Banken und Versicherungsgesellschaften.

„Somit »verleiht« eine staatliche Institution (Bundesbank als Miteigentümerin der EZB) mit der Stellung einer obersten Bundesbehörde einem privaten Unternehmen (Bank) zu einem niedrigen Zinssatz Geld, damit diese das Geld zu einem wesentlich höheren Zinssatz zurück an den Staat, Unternehmen und seine Bürger verleiht. Nicht nur das, in Zeiten finanzieller Unsicherheit haben Banken keinerlei Interesse, das Geld an irgendjemand anderen als den Staat zu verleihen. Denn hierfür bürgen schließlich alle Bürger mit ihrem Hab und Gut.“ (Seite 275)

Für den Kauf von Staatsanleihen müssen Banken übrigens noch nicht einmal die einprozentige Eigenkapitaleinlage bei der EZB hinterlegen.

Kleiner Exkurs zu den Steuerungeheuerlichkeiten in unserem „reichen“ Lande:
1996 wurde die Vermögenssteuer abgeschafft, und In den letzten 20 Jahren ist der Steuersatz für sehr Reiche (Jahreseinkommen über 1,5 Millionen Euro) von 42,1 auf 33,7 Prozent gesunken. Der Steuersatz von Superreichen (Jahreseinkommen über 174 Millionen Euro) ist von 43,6 Prozent auf sage und schreibe 23,7 Prozent gesunken.“ (Seite 284)

Einkommen aus Arbeit wird im Vergleich zu leistungslosem Einkommen aus Kapitalerträgen rücksichtslos besteuert.

Der einzige Lichtblick:In Deutschland gibt es sogar eine Millionärsinitiative, die sich für eine Vermögensabgabe einsetzt, da sie der Ansicht ist, daß der Staat die Reichen zu sehr schont.

Vorteile ziehen aus unserem Finanzsystem also nur diejenigen, deren Zinseinnahmen die Zinszahlungen übertreffen. Je mehr das Vermögen bei den Profiteuren des Systems wächst, desto größer werden logischerweise bei der Verlierermehrheit die Zinslasten.
Der kontinuierliche Vermögenszuwachs der wenigen Reichen und Superreichen ist ausschließlich möglich dadurch, dass laufend den unteren und mittleren Schichten direkt oder indirekt Vermögen entzogen wird.“
(Seite 288f.)

Und zu Recht fragen die Autoren weiter und regen zum Nachdenken darüber an: „…wieso steigen Steuern und Abgaben kontinuierlich und warum werden Staatsausgaben, welche dem Gemeinwohl dienen, gekürzt – Zinszahlungen jedoch nicht?“

Unser Finanzsystem basiert auf dem Zinseszins, dies führt anfänglich langsam und später immer rasanter zu exponentiellem Wachstum. Der erworbene Zinsertrag wird stets neu mitkapitalisiert und zusätzlich verzinst. Ein schädlicher Nebeneffekt ist der Zwang zu stetem Wirtschaftswachstum, da das Geld ja Rendite abwerfen und sich vermehren soll. Die Begrenztheit natürlicher Rohstoffe wird dabei gerne ignoriert, schließlich zählen nur erfolgreiche Quartalszahlen und nicht die Nachhaltigkeit oder gar Enkeltauglichkeit der Finanzspekulationen.

Je mehr Schulden der Staat und auch die privaten Konsumenten machen, umso mehr werden wir alle direkt oder indirekt zu Sklaven des Zinseszinses. Eine maßlose Finanzoligarchie und ihre Profiteure enteignet uns, betreibt den Ausverkauf des Gemeinwohls und verwandelt unsere Demokratie schleichend in eine Finanzfeudalherrschaft.

Die Autoren listen im abschließenden Kapitel des vorliegenden Buches klar und plausibel auf welche Kapitalanlagen angesichts von Krisenzeiten noch sinnvoll sind und welche nicht. Sachwerte sind Trumpf: Gold und Silber bleiben werthaltig, wenn Buchgeld und Bargeld nur noch digitale Recheneinheiten und Konfetti sind.

Eine selbstgenutzte, schuldenfreie Immobile in guter Lage schützt vor Mietpreis-steigerungen, aber nicht vor möglichen Zwangsabgaben oder Grundsteuererhöhungen.

Auch Aktien, Aktienfonds, Bankguthaben, Sparbücher, Sparpläne, Kapitallebensversicherungen, Riester-Rente, Staatsanleihen und Immobilienfonds können Sie ungetrost abhaken.

Noch haben Sie die Gelegenheit, Ihre Papierwerte in Realgüter umzuwandeln und somit Ihr Erspartes in Sicherheit zu bringen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die größte Blase aller Zeiten – die Staatsanleihenblase – platzen wird. Kurz davor wird ein unvorstellbarer »Run« auf Realgüter stattfinden, und folglich werden die Preise explodieren.“
(Seite 328)

Nota bene: Geldscheine können sich in Scheingeld verwandeln!

 

Über die Autoren:

»Matthias Weik befasst sich seit über zehn Jahren eingehend mit der globalen Wirtschaft und ihren Finanzmärkten. Arbeits- und Studienaufenthalte in Südamerika, Asien und Australien ermöglichten ihm tiefe Einblicke in das Wirtschaftsleben fremder Nationen. In Deutschland war er für einen großen Automobilkonzern tätig. Gemeinsam mit Marc Friedrich hält Matthias Weik seit mehreren Jahren Seminare und Fachvorträge bei Unternehmen, an Universitäten, Fach- und Volkshochschulen.«

»Marc Friedrich studierte INTERNATIONALE BETRIEBSWIRTSCHAFTSLEHRE und beschäftigt sich intensiv mit der Wirtschaft und den Finanzmärkten. Während eines Aufenthalts in Argentinien erlebte er 2001 einen Staatsbankrott und dessen verheerende Folgen selbst mit. Mit Stationen in Großbritannien, der Schweiz und den USA sammelte er zahlreiche und wertvolle Arbeitserfahrungen

Sie haben Fragen, Anregungen oder Kritik:

http://www.Friedrich-Weik.de

Es gibt noch mehr im Leben als Autos bauen

  • von Peter Daniell Porsche
  • Hanser Verlag, August 2012                        www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 232 Seiten
  • 19,90 €
  • ISBN 978-3-446-42918-5
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AUTO   BIO   GRAPHIE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Um es gleich klarzustellen: Ich interessiere mich nicht die Bohne für Autos, ich kann gerademal eine Ente von einem Jaguar unterscheiden, und ich habe auch keinen Führerschein. Auch Autorennen oder Wettbewerbssportarten – egal ob rein körperlich oder unter Beteiligung von Fahrzeugen – erregen nicht das geringste Interesse bei mir.

Ich bin also die denkbar unwahrscheinlichste, aber auch unbestechlichste Rezensentin für ein „AUTObiographisches“ Buch.

In meiner Heimatstadt Solingen will es der berühmte Zufall, daß ein modernes, architektonisch-aerodynamisch abgerundetes Porsche-Zentrum direkt neben dem Sozial-Kaufhaus steht. Das Sozial-Kaufhaus wird von verschiedenen sozialen Trägern unterstützt und bietet zu wirklich kleinen Preisen gebrauchte Kleidung, Hausrat, Möbel, Bücher, CDs und Spielsachen an. Ökonomisch Bedürftige bekommen zusätzlich noch 20 Prozent Preisnachlaß. Jeder kann dort Sachspenden abgeben – eine sinnvolle Entsorgung z.B. unerwünschter Geschenke und sonstiger Überflüssigkeiten, die einem Anderen gewiß noch von Nutzen sein können.

Beide Kaufhäuser teilen sich eine Auffahrt und einen gemeinsamen Parkplatz, so daß der Sozialkontrast eine räumliche Nähe erreicht, die Seltenheitswert hat. Diese Überschneidung gesellschaftlicher Parallelwelten führt zum Thema des Buches: „Es gibt noch mehr im Leben als Autos bauen“.

Peter Daniell Porsche ist ein Urenkel aus der Familie Porsche und zu einem Achtel Anteilseigner an der Firma Porsche, und überraschenderweise ist er nicht Betriebswirt, Ingenieur, Rennfahrer oder gar Liegestuhlmillionär, sondern Musiktherapeut und Waldorfpädagoge. Damit hat er zunächst einmal gründlich einige meiner Vorurteile zerstreut und mich zur Lektüre seines Buches angeregt.

Es ist ein autobiographisches Buch, dabei sympathisch authentisch sowie dezent persönlich und keinesfalls peinlich enthüllerisch. Peter Daniell Porsche stellt eher seinen eigenwilligen Standpunkt zu bestimmten familiären, gesellschaftlichen und autotechnischen Themen dar und beschreibt, wie er seine Wertekoordinaten entwickelt hat.

Da sich sein Vater, über gesellschaftsschichtliche Unterschiede hinweg, in eine Angestellte aus dem eigenen Unternehmen verliebt und sie auch geheiratet hatte, war Daniell Porsche von Anfang an in bzw. zwischen zwei Welten zu Hause, was gleichermaßen emotionale Herausforderung und bereichernde Vielfalt für ihn bedeutete.

Seine Mutter interessiert sich sehr für Anthroposophie, und bewirtschaftete ihren Garten selbst und baute biodynamisch Gemüse an. Das waren für ihn erste Lern- und Erfahrungsschritte in Nachhaltigkeit und Mitweltverantwortung. Die Eltern ließen ihr einziges Kind sehr naturverbunden aufwachsen, und sie unterstützten seine technische Entdeckungs- und Erfindungslust.

Peter Daniell Porsche porträtiert seine Eltern, die beiderseitigen Großeltern und deren Beziehungen untereinander sowie auch den jeweiligen Umgang mit Geld sehr mitmenschlich und anschaulich. Darüber hinaus streift er auch verschiedene Aspekte der Firmengeschichte.

„Während ich heranwuchs, gab es zwei Pole, die ich vereinen musste, das Soziale und das Wirtschaftliche, um es grob auf einen Nenner zu bringen.“ (Seite 160)

Die Lehren Rudolf Steiners bleiben ein roter Faden im Leben von Daniell Porsche. Er unterrichtet an der Paracelsus-Schule in Salzburg und unterstützt diese „Bildungsstätte für seelenpflege-bedürftige Kinder und Jugendliche“ großzügig aus seinen Porsche-Dividenden. Obwohl die Firma Porsche Bestandteil des Aktienmarktes ist, übt er zurückhaltende Kritik am modernen Finanz- und Aktienmarkt und beklagt den Mangel an Firmentreue bei den Aktienhaltern. Er verfaßt keine umfassende antikapitalistische Systemkritik, aber es ist ihm ein wichtiges Anliegen, die Wirtschaft sozial zu verpflichten.

„Zwar bin ich ein Porsche und gehöre damit einer Industriedynastie an, aber ich versuche zu zeigen, dass man Geld erwirtschaften und sozial ausgeben kann.“ (Seite 207)

Daniell Porsche macht sich auch Gedanken zur Nachhaltigkeit von Automobilen, zu alternativen Antriebstechnologien, zu technischen, akustischen und optischen Autoraffinessen, die autoaffine Leser gewiß ansprechen. Er ist autobegeistert, aber nicht auto-autistisch. Während der Lektüre gewinnt man den Eindruck, daß „der Herr Porsche“ ein familiärer und zuverlässiger Mensch ist, vielseitig interessiert sowie ernsthaft und freudig engagiert in und für die Sozialprojekte, die er betreut und finanziell begleitet.

Mitglied eines weltberühmten und sehr reichen Familienclans zu sein hat nicht nur Sonnenseiten; eine Schattenseite und zwischenmenschliche Hürde ist z.B. die verständliche Ungewißheit, ob die Öffentlichkeitwirksamkeit der eigenen Person und der finanzielle Spielraum oder die persönlichen, individuellen Qualitäten ausschlaggebend für eine Kontaktaufnahme sind – ganz zu schweigen von der unfreiwilligen öffentlichen Projektionsfläche, die man allen menschenmöglichen Vorurteilen bietet.

Würde man mich nicht in die Kategorie »Porsche« pressen, sondern könnte man mich als Musiktherapeut, als Eigentümer einer sozialen Einrichtung, als Streitschlichter, als Naturkost-ladenunterstützer etc. sehen, würde ich den Reichtum, der mir von Geburt an mitgegeben wurde, auch als etwas Schönes ansehen können. Dieser Reichtum wäre dann nicht mehr etwas, das mich ständig einholt, mich in die Ecke treibt, mir permanent ein schlechtes Gewissen auf die Brust oder Stirn schreibt, mich schlichtweg belastet. Ganz im Gegenteil. Dann wäre Reichtum etwas, von und mit dem ich gut leben könnte und von dem ich auch viele andere Menschen gut leben lassen könnte. Mit dem ich noch viele soziale Dinge initiieren kann, sozusagen als Zündkerze und Starter, die in späterer Folge Selbstläufer werden und auf eigenen Beinen stehen können. … Und die dann in der Welt etwas bewirken können.“ (Seite 223)

Die persönlichen Einnahmen aus dem Verkauf des Buches fließen zur Gänze an die Paracelsus-Schule. Das ist sehr stimmig, erfreulich und glaubwürdig, und genauso empfinde ich auch sein
Buch. Peter Daniell Porsches Definition von Luxus gefällt mir ebenfalls, aber ich werde sie hier nicht zitieren – schließlich sollen Sie ja das Buch lesen.

 

Der Autor:

»Peter Daniell Porsche wurde 1973 in Stuttgart geboren. Er ist Musiktherapeut und Waldorfpädagoge. Seit 2003 ist er mit der Paracelsus-Schule Salzburg eng verbunden, die seit 2005 Teil des Kulturzentrums St.Jakob am Thun ist.
Er ist Förderer zahlreicher sozialer, pädagogischer und künstlerischer Projekte. Der leidenschaftliche Ballonfahrer lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern am Gaisberg, wo er ein Grundstück mit Pferden, Ponys, Eseln, Hunden, Hühnern, einer Ziege, Schafen und zwei Katzen teilt

Extra Garn

  • Bilderbuch
  • von Mac Barnett
  • Illustrationen von Jon Klassen
  • Aus dem Englischen von Susanne Lin
  • Verlag Freies Geistesleben 2013                    http://www.geistesleben.com
  • 40 Seiten, gebunden
  • Format: 26 x 22 cm
  • 15,90 €
  • ISBN 978-3-7725-2688-6
  • ab 4 Jahren
    9783772526886_10024.png EXTRA GARN

DEN  FADEN  FINDEN

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Extra Garn“ ist eine schöne, vertrauenserweckende Geschichte über geschenktes Glück und das Glück des Schenkens.

Eines Wintertags findet das Mädchen Annabelle eine kleine Truhe, angefüllt mit kunterbuntem Wollgarn. Sie strickt sich einen Pullover, und weil noch Wolle übrig ist, strickt sie auch  einen Pullover für ihren Hund.

Danach ist immer noch Garn vorhanden und so strickt Annabelle nach und nach für alle menschlichen und tierischen Bewohner ihrer Heimatstadt regenbogenbunte Pullover. Die Wolle scheint kein Ende nehmen zu wollen, und so bestrickt das Mädchen nach den Lebewesen auch die unbelebten Dinge, und die zuvor so triste Stadt wird merklich farbenfroher.

Die Kunde von Annabelles unerschöpflicher Wollgarntruhe erreicht schließlich auch einen modebewußten Erzherzog, der mit seinem Segelschiff anreist. Er will Annabelle die Truhe  für sehr, sehr viel Geld abkaufen, aber Annabelle weigert sich, ihren bunten Schatz zu verkaufen.

Der Erzherzog bezahlt drei Räuber, damit sie für ihn die Wolltruhe stehlen, und dann segelt er mit ihr übers Meer davon zu seiner Burg. Doch als er die Truhe öffnet, ist sie vollkommen leer. Erbost und wütend wirft er die Truhe aus dem Fenster und schickt noch einen bösen Fluch für Annabelle hinterher.

Die kleine Truhe findet auf dem Wasserwege wieder zu Annabelle zurück, aber der böse Fluch erreicht sie nicht. Denn Annabelle lebt bunt und munter weiter…

Der Autor Mac Barnett erzählt seine Geschichte mit großer Gelassenheit in einer prägnanten, einfachen und gleichwohl ausdruckvollen Sprache.

Die Illustrationen von Jon Klassen sind sehr klar und inszenieren durch die kontrastierende Farbgebung (graubraun-schwarzweiße Kulissen gegenüber kunterbunten Strickmaschen) deutlich das wechselnde emotionale Klima im Verlauf der Handlung.

 

Der Autor:

»Mac Barnett wurde 1982 in einem  kalifornischen Bauerndorf geboren und lebt heute als Autor in Berkeley. Bekannt wurde er neben seinen fantasievollen Kinderbüchern durch seine Kriminalromane rund um die Brixton Brothers.  www.macbarnett.com«

 

Der Illustrator:

»Jon Klassen wurde 1981 im kanadischen Winnipeg geboren. Nach seinem Studium am Sheridan College in Oakville, Kanada, ging er nach Amerika und arbeitete zunächst für verschiedene Film- und Videoproduktionsfirmen. Heute lebt er als erfolgreicher Autor und Illustrator in Los Angeles. Mit seinem Buch „Wo ist mein Hut“ wurde er jüngst für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.
http://www.burstofbeaden.com «

Alle meine Wünsche

  • von Grégoire Delacourt
  • Übersetzung aus dem Französischen
  • von Claudia Steinitz
  • Hoffmann und Campe, September 2012        http://www.hoffmann-und-campe.de
  • 978-3-455-40384-8
  • 126 Seiten
  •  15,99 €
    40384_1_delacourt_bb_web1

H E R Z V E R S A G E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Meine ehrlich empfundene und wärmste Empfehlung zu diesem Buch: Bloß nicht lesen, sondern als Untersetzer benutzen!

Eine unerträglich liebeskümmerliche Geschichte! Das dem Text vorangestellte, Qualen beschwörende  ∗Zitat∗ hätte mir Warnung genug sein sollen, die Finger von diesem Buch zu lassen, aber ich habe mich von dem wunderschönen Titelbild  und den enthusiastischen Lobesausrufezeichen auf dem hinteren Buchdeckel veranlaßt gefühlt, trotz meiner Vorahnung weiterzulesen.

*
»Alle Qualen sind erlaubt,
Alle Qualen sollen sein,
Man muss nur gehen,
Man muss nur lieben «

Le Futur intérieur,
Franςoise Leroy

*

Sprachlicher Feinsinn ist dem Büchlein zwar nicht abzusprechen, aber inhaltlich ist es doch ziemlich dürftig und ausgesprochen pseudotiefsinnig. So dürfte sich etwa schon ausreichend herumgesprochen haben, daß Geld nicht glücklich macht, sondern erst einmal nur reich.

Jocelyne ist 47 Jahre alt und Inhaberin eines nur mäßig florierenden Kurzwarenladens, aber sie mag ihre Arbeit und schreibt seit kurzem ein Blog über ihre alltäglichen Handarbeiten, über Stoffe, Spitzenbänder, Knöpfe  –  kurz, über die kleinen Freuden des Selbermachens und die Schönheit kleiner Dinge. Ihr Ehemann arbeitet als Facharbeiter bei Häagen-Dazs, die erwachsenen Kinder, ein Sohn und eine Tochter, führen ihr eigenes Leben in fernen Städten, und ihr Kontakt zu den Eltern ist minimal. Ein drittes Kind ist eine Totgeburt gewesen.

Schon auf den ersten Seiten können wir Joycelynes fadenscheiniges Selbstwertgefühl besichtigen, sie listet ihre angeblichen Schönheitsmängel auf. Bereits auf Seite 20 erzählt sie davon, wie sie nach dem ersten, nicht sehr romantischen Kuß ihres zukünftigen Ehemannes ihre Liebesträume aus ihrem Herzen entlassen hat. Bereits zu diesem Zeitpunkt verrät sie ihr eigenes Herz und belügt sich selbst.

Ihr Mann ist zuverlässig und treu, aber kaum in der Lage, Gefühle zu formulieren, obwohl er durchaus welche hat. Sein destruktiver Umgang mit dem Schmerz über das totgeborene dritte Kind, seine grobe Schuldzuweisung an Joycelyne, sie sei zu dick und hätte das Ungeborene mit ihrem Fett erstickt, illustrieren einen erschreckenden Mangel an Empathie und menschlicher Reife. Doch Joycelynes Opferbereitschaft ist trotz der auch sexuellen Grobheiten ihres Mannes nicht zu erschüttern. Man rauft sich wieder zusammen, es gibt kleine gemeinsame Freuden, aber eine gemeinsame Sprache finden die beiden nicht.

Jocelyne ist mit den Zwillingen vom benachbarten Frisörsalon befreundet; diese spielen seit Jahrzehnten Lotto und überreden Jocelyne,  ihr Glück doch auch einmal zu wagen. Sie erwirbt ein Eurolottolos und gewinnt 18 Millionen Euro. Es gelingt ihr zwar, den Gewinn zu verheimlichen sie ist jedoch mit dem Geldsegen völlig überfordert und versucht, sich über ihre Wünsche klarzuwerden und die Konsequenzen des plötzlichen Reichtums zu überdenken.

Sie befürchtet, nicht mehr um ihrer selbst willen geliebt zu werden, und sie befürchtet, ihren Ehemann an das Geld und die damit verbundenen Möglichkeiten zu verlieren. Jocelyne kennt die Träume ihres Mannes: Flachbildschirm, Porsche Cayenne und was das Klischee sonst noch so hergibt.

Nicht daß die Wunschlisten, die sie probehalber selber verfasst, sonderlich origineller wären, sie sind nur bescheidener und beziehungsbezogener. Joycelyne versteckt den Gewinnscheck unter der Einlegesohle eines alten Schuhs und zieht ernsthaft in Erwägung, ihn nicht einzulösen, ja ihn sogar zu verbrennen. Sie bleibt im wahrsten Sinne des Wortes in ihren alten Schuhen stecken: die Angst der kleinen Leute vor dem großen Geld. Eigentlich ist sie doch ganz zufrieden mit ihrem Leben, ihr Blog kommt sehr gut an, ein Zeitungsartikel über ihr Blog bringt ihr viele neue Kundinnen, und von dem Geld, das sie mit der Werbeschaltung verdient, kann sie sich sogar eine Angestellte leisten.

Joycelyne kommt zu der Erkenntnis, daß vertrauensvolle zwischenmenschliche Beziehungen mehr wert sind als Geld. Auch der Ehemann zeigt sich neuerdings von ungewohnt zärtlicher und aufmerksamer Seite. Doch Jocelynes durchaus berechtigte  Zweifel an der Liebesbeständigkeit ihres Mannes, ihre Anspruchslosigkeit, die Verheimlichung des Gewinnes und die fehlende kommunikative Vertrauensbasis führen schließlich zwangsläufig zum Verrat.

Zufällig findet ihr Mann den Gewinnscheck, und eine Weile  hofft er darauf, von ihr eingeweiht zu werden. Als dies nicht geschieht, ist er davon überzeugt, daß seine Frau den Scheck eher vernichten als einlösen werde, und das will er nicht zulassen. Er nimmt den Gewinnscheck und verschwindet nach Belgien, verpulvert 3 Millionen Euro, vergeht vor luxuriöser Einsamkeit und ermißt nach und nach, wie kostbar die Liebe seiner Ehefrau  für ihn war.

Jocelyne leidet, magert ab und erreicht wieder Kleidergröße 38. Sie findet einen attraktiven Liebhaber, sie belebt den Kontakt zu ihrer Tochter, aber es gelingt ihr nicht, ihre lebenslange Opferhaltung zu überwinden und zu neuer Herzensgröße zu wachsen. Jocelyne bleibt gefangen in den gewohnten Leidensschleifen, sie ist unfähig, ihre Mitwirkung an ihrer Lebenserfahrung wahrzunehmen. Sie hat sich von Anfang an selbst verraten, da ist der Verrat des Ehemannes nur folgerichtig und die Konsequenz  ihrer selbstverleugnenden Duldsamkeit. Auch noch eine Belohnung für Bescheidenheit und Selbstverleugnung zu erwarten ist einfach dumm.

Nach 18 Monaten kommt ein Brief von Jocelynes Ehemann: ein Liebesbrief, eine Bitte um Vergebung und ein Scheck mit den verbliebenen immerhin noch 15  Millionen Euro. Aber es ist zu spät, Jocelynes Herz ist jetzt tiefgefroren.

So endet die Opferheldin Jocelyne mit ihrem kultivierten Liebhaber in einer Villa mit Meerblick, verteilt ein bißchen Geld und hört abends ihre  Lieblingsarie aus Mozarts „Hochzeit des Figaro“ : „Dove sono i bei momenti di dolcezza e di piacer…“  Welch eine Leidensveredelung!

Jocelyne hat ihr Herz verschlossen und das Lächeln verlernt; ihre letzten beiden Sätze lauten:  „Ich werde geliebt. Aber ich liebe nicht mehr.“

Da haben wir also wieder eine Millionärin mit verarmtem Herzen. Kann man denn nur einmal im Leben lieben? Was soll die überflüssige Herzensenge? Sich quälen zu lassen und sich selbst zu quälen ist nicht tiefsinnig, sondern anstrengend! Und die Größe der Liebe an der Größe der Leidensbereitschaft zu messen ist ein Zeichen für akute Co-Abhängigkeit. Wieso gibt es keinen Therapeuten in diesem Buch?

Was mich stört, ja ärgert, ist die Bewußtlosigkeit der Personen in dieser Geschichte: die unzureichende Selbstreflexion, die mangelhafte Selbstliebe und der fehlende Weitblick über die eigene Person hinaus auf ein größeres Ganzes. Als gäbe es keine Welt zu retten, kreisen die Figuren nur um sich selbst: weder die maßlose Bescheidenheit der Frau noch die klischeehafte Luxusauslebung des Mannes sind interessant.

Mir hätte es gefallen, von jemandem zu lesen, der den nicht unbeträchtlichen gesellschaftlichen Einflußfaktor Geld auch für gemeinwohlige Zwecke einsetzt, sich für etwas engagiert, z. B. Baugrundstücke aufkauft, um darauf Wälder zu pflanzen, jemand, der 100 Patenschaften für öffentliche Bücherschränke übernimmt oder jemand, der jedes Jahr täglich 1000 Euro spendet oder jemand, der Landwirten, die auf Bioanbau umstellen möchten, mit einer kräftigen Geldschenkung katalysatorisch unter die Arme greift oder jemand, der eine Stiftung für Permakultur gründet oder sonst etwas Kreatives, ökologisch, kulturell oder sozial Sinnvolles mit dem Geldsegen anfängt.

PS:
Auf Seite 84 steht übrigens geschrieben:  „Wir hatten Hochs und Tiefs wie alle Paare,…“  Falls dies kein Flüchtigkeitsfehler beim Übersetzen war, frage ich mich schon, was diese meteorologische Paarpsychologie mir sagen soll.

 

Der Autor:

»Grégoire Delacourt wurde 1960 im nordfranzösischen Valenciennes geboren. Sein Roman „Alle meine Wünsche“ ist in Deutschland und Frankreich ein gefeierter Bestseller und erschien in sechzehn Ländern. Im Frühjahr 2014 erschien im Verlag Hofmann und Campe sein neuer Roman  „ Im ersten Augenblick“.«