Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr

  • Ein somnambules Märchen aus Zamonien
  • von Hildegunst von Mythenmetz
  • Aus dem Zamonischen übertragen von Walter Moers
  • und illustriert von Lydia Rode
  • Roman
  • Knaus Verlag August 2017        www.knaus-verlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • mit hellviolettem Kopfschnitt und LESEBÄNDCHEN
  • Format: 17,0 x 24,0 cm
  • 344 Seiten
  • 24,99 € (D), 25,70 € (A), 33,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8135-0785-0

TRAUMWANDLERISCHE  TRAUMTRUNKENHEIT

Buchbesprechung  von Ulrike Sokul ©

 

 

»Wenn die Minuten durch die Jahre rufen
Erhebt sich der ewige Träumer
Über seine irdische Last
Und reist mitten hinein
Ins dunkle Herz der Nacht«

Anonym

 

„Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ fabuliert eine kuriose Exkursion in eine schlaflose Nacht mit hellwachen Träumen – abenteuerlustig, humorvoll, spannend, phantasiegesättigt, gedankenbunt, wortverspielt und sprachverliebt und sogar ein bißchen romantisch und wehmütig.

Prinzessin Dylia, die unter chronischer, periodischer Schlaflosigkeit leidet, bezeichnet sich selbstironisch als Prinzessin Insomnia. Sie stellt sich tapfer ihrer Krankheit nebst deren unangenehmen Begleiterscheinungen und kultiviert eine ebenso selbstreflexive wie phantasievolle philosophische Perspektive. Langeweile ist ein Fremdwort für ihren regen Geist, sie ist empfindsam, kapriziös, neugierig, musikalisch, sprachbegabt, synästhetisch, tagträumerisch, wißbegierig, aber auch Weltmeisterin im Verdrängen unangenehmer Erfahrungen und Gedanken.

Ihre Strategien, sich von der Schlaflosigkeit abzulenken, sind höchst kreativ. So denkt sie sich beispielsweise neue Traumfarben von A bis Z aus,  sie nimmt ausgiebige Mondlichtbäder, die ihr Mondlichtekstasen bescheren, und sie entspannt sich durch ridikülisierendes Anagrammieren – so wird aus Blutdruck Drutbluck und aus Zuckerspiegel Spuckerziegel …

Jeden Morgen wählt Dylia aus dem Zamonischen Wörterbuch dreizehn neue Lieblings-wörter aus, die sogenannten Pfauenwörter, und sie macht es sich zur Aufgabe, diese schillernden Vokabeln im Verlaufe des Tages sinnvoll unterzubringen. Versuchen Sie einmal nach achtzehn schlaflosen Nächten Worte wie „Amygdala, Hoyotojokomeshi, Linguamundivagant, Mamihlapinatapaai, Niemalsweh, Quoggonophobie, Pisanzapra“ usw. sinnvoll in einen Tagesablauf zu integrieren – das schafft nur Prinzessin Dylia.

Eines Nachts wird ihre kreative Nichtschlafroutine durch einen überraschenden Besucher unterbrochen: Havarius Opal, ein versierter Nachtmahr, stellt sich unverblümt-selbstgefällig vor und erklärt ihr nonchalant, daß er gekommen sei, um sie in den Wahnsinn zu treiben.

Dylia vermutet zunächst einen Scherz des Hofnarren oder einen neuen Therapieversuch des Hofalchemisten, aber der kleinwüchsige Gnom mit der vielfarbig-changierenden Mosaikschuppenhaut ist echt und auch kein Traum, wie er ihr greifbar-handgreiflich versichert.

Gönnerhaft bietet er Prinzessin Dylia jedoch an, zuvor mit ihr eine Reise nach Amygdala, ins dunkle Herz der Nacht, zu unternehmen. Das ist eine Versuchung, der die entdecker-freudige Dylia nicht widerstehen kann, und so reisen die beiden nach Innen, in Dylias Gehirn.

Der Weg führt von der Großhirnrinde in der Höhe des Scheitellappens über den Cortex cerebri zum Thalamus, von dort geht es von der Stria terminalis über den Nucleus accumbens bis nach Amygdala. Das klingt jetzt etwas neurologisch, aber keine Angst, es wird wirklich abenteuerlustig, und diversen Ängsten werden wir auch unvermeidlich begegnen.

In den Gehirnwindungen wimmelt es von unglaublichen Lebens- und Gedankenformen: seifenblasenzarthäutige Geistgeister und Zwielichtzwerge, Ideenschmetterlinge, Zweifelspfützen, Gehirnschnecken, bürokratische Egozetten und systematische Thalamiten, Gedankenblitze, Gedankenfalten, Gedankenfäden, Gedankensplitter, Grillos, Ideennebel, rationale und irrationale Geome, Irrschatten und nicht zu vergessen die vielgestaltigen, verfressenen Zergesser und der Subconsciounelle Sumpf, in den abzustürzen weniger empfehlenswert ist.

Gedankenendlosschleifen und kognitive Teufelskreise sind noch das Harmloseste, was einem im eigenen Gehirn passieren kann – da ist beispielsweise der hypnotische Zwangsoptimismus viel bedrohlicher.

Auch den hirnjuristischen Verwaltungsapparat sollte man nicht unterschätzen. Havarius Opal und Prinzessin Dylia müssen einiges an amtsbürokratischer Willkür-Logik ertragen, als sie im Großraumbüro des Thalamus eine Durchreisegenehmigung zur Amygdala nebst Eigenrisikobescheinigung beantragen und von einer gnadenlos-sachlichen Egozette einer Befragung unterzogen werden. So etwas Nervenaufreibendes haben Sie noch nie zuvor erlesen …

Walter Moers beginnt dieses Märchen zunächst gemächlich mit der ausführlichen, detailreichen Ausmalung von Prinzessin Dylias Charakter und ihren Lebensumständen. Mit dem Erscheinen des täuschend-trügerischen, seltsam-sympathischen, launisch-unberechenbaren Nachtmahrs Havarius Opal bekommt Dylias beschauliches Leben aufregenden Gegenwind. Havarius Opal ist ein ambivalenter Mentor, ein unterhaltsamer Reisebegleiter, ein irritierend-irisierender Schelm und Meister traumhafter Täuschungsmanöver. Er funktioniert gewissermaßen „spiegelverkehrt und gegen den Uhrzeigersinn …“ (Seite 212)

Der Autor verbindet die neckische Beziehungsdynamik des ungleichen Paares, ihre gehirngeographischen Erkundungen und traumphilo- sophischen Diskussionen, die erlesenen Gedankenspiele und die phantasievollen Requisiten zu einer raffinierten epischen Dramaturgie, die uns ein traumsinniges Lesevergnügen bereitet.

Der ausgeprägte Sinn für geistreich-sprachspielerischen Humor, der alle Werke Walter Moers‘ aus- und kennzeichnet, kommt besonders in der Figur Prinzessin Dylias zu Wort. Diesmal wortschöpft Moers wahrlich aus dem vollen und erfindet solch köstliche Pfauenwörter, daß ich es kaum erwarten kann, wenigstens ein paar davon in den Duden einwandern zu sehen. Er ist einfach unübertrefflich „linguamundivagant“ …

Die zahlreichen Bilder, die den Text stimmungsvoll schmücken, stammen diesmal nicht vom Autor selbst, sondern von Lydia Rode. Ihre bunten Aquarellzeichnungen illustrieren das märchenhaft-neurologisch-zamonische Panoptikum ganz vortrefflich und bereichern die Geschichte um lebhaften Formenreichtum und feminine Farbenfreude.

In einer Nachbemerkung berichtet Walter Moers, wie Lydia Rode, die von der Krankheit Chronisches Fatiguesyndrom (CFS) betroffen ist, brieflich in Kontakt zu ihm aufnahm und ihn wissen ließ, wie sehr ihr seine Zamonienromane beim Ertragen ihrer Schlaf- losigkeitsphasen geholfen hätten. Aus der gemeinsamen Korrespondenz entstand die Idee zu einer zamonischen Erzählung, die Lydia Rode gerne illustrieren wollte. Dieser Inspirationskeim wuchs sich dann zu vorliegendem traumiversellen Roman aus.

Mit dem siebten Zamonien-Roman beschert uns Maestro Moers von Mythenmetz also nicht die Fortsetzung von „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“, sondern ein originäres zamonisches Märchen: eine regenbogenbunte Traumreise mit neuen eigenwilligen, unvergeßlichen Charakteren und mit einer Gebrauchsanweisung für Nachtmahre, die Sie sich nicht hätten träumen lassen.

Ich bin absolut begeistgeistert!

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Prinzessin-Insomnia-&-der-alptraumfarbene-Nachtmahr/Walter-Moers/Knaus/e529505.rhd

 

Der Autor:

»Walter Moers ist der Schöpfer vieler erfolgreicher Welten und Charaktere. Von ihm stammen unter anderem die Comicwelten um „Das kleine Arschloch“ und dem „Alten Sack“, „Adolf, die Nazisau“ und die Figur des Käpt`n Blaubär. Seit fast 20 Jahren schreibt er fantastische Romane, die auf dem Kontinent Zamonien spielen. Dazu gehören unter anderem die internationalen Bestseller „Die 13 ½ Leben des Käpt`n Blaubär“, „Die Stadt der Träumenden Bücher“ und zuletzt „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“. „Prinzessin Insomnia“ ist der siebte Zamonienroman.«
http://www.zamonien.de/

Die Illustratorin:

»Lydia Rode lebt, malt und zeichnet in Berlin. Ihre Aquarelle für „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ sind ihre ersten veröffentlichten Illustrationen.«

 

Zum dazugehörigen Hörbuch:

„Prinzessin Insomnia  & der alptraumfarbene Nachtmahr“ gibt es auch kongenial vertont in vollständiger szenischer Vorlesung von Andreas Fröhlich.

 

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr
von Walter Moers
Gelesen von Andreas Fröhlich
Produktion: der Hörverlag  August 2017 www.hoerverlag.de
1mp3-Cd
Laufzeit: ca. 11 Stunden, 23 Minuten
Pappschuber
Begleitheft mit Romantextschnipseln
und Zeichnungen von Lydia Rode
ISBN: 978-3-8445-2809-1
24,99 € (D), 28,10 € (A), 35,50 sFr.

 

Andreas Fröhlich erweist sich erneut als virtuoser Vorleser der moeresken Vielstimmigkeit und verleiht den Charakteren munter und nuancenreich mit einfühlsamer Dramaturgie akustische und emotionale Gestalt. Er spricht fließend Anagrammisch, Bürokratisch, Drehsilbisch, Nachtmarisch und Prinzessisch sowie Traumtrunkisch.

Summa summarum: Eine Hörgelegenheit, die Sie nicht verträumen sollten!

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Prinzessin-Insomnia-&-der-alptraumfarbene-Nachtmahr/Walter-Moers/der-Hoerverlag/e530083.rhd

Der Sprecher:

»Andreas Fröhlich, geboren 1965, wurde im Alter von sieben Jahren im Kinderchor des SFB entdeckt. Mittlerweile ist er als „Hörspieler“ Interpret unzähliger Hörbücher und erhielt 2010 nach drei Nominierungen den Deutschen Hörbuchpreis als bester Interpret für den Titel „Doppler“, der in seiner eigenen Hörbuchreihe „Edition Handverlesen“ erschien. Für den Hörverlag übernahm er unter anderem Rollen in den Hörspielen von Alexandre Dumas „Die drei Musketiere“, den „Wallander“-Hörspielen, der „Otherland“-Saga, sowie „Das Geheimnis der Großen Schwerter“ von Tad Williams. Darüber hinaus liest er den Bestseller „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ von Walter Moers. Andreas Fröhlich zählt zu den bekanntesten Synchronsprechern Deutschlands und leiht u.a. John Cusack und Edward Norton seine Stimme. Zudem ist er als Dialogbuchautor und Dialogregisseur tätig und u.a. für die deutsche Synchronfassung der „Herr der Ringe“-Trilogie verantwortlich, in der er auch die Rolle des Gollum übernahm.«

Hier gibt es noch ein amüsantes Interview mit Andreas Fröhlich zur Hörbucharbeit an „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“:
https://www.randomhouse.de/Interview-mit-Hoerbuch-Sprecher-Andreas-Froehlich-Hoerverlag/Das-Interview/aid76953_14612.rhd

Querverweis:

Hier entlang zum ersten Zamonienroman: Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/12/25/die-13½-leben-des-kaptn-blaubar/
und zum zweiten: Ensel & Krete
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/02/05/ensel-und-krete/
sowie zum dritten: RUMO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/05/28/rumo/

 

 

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Digitale Demenz

  • Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen
  • von Manfred Spitzer
  • Droemer Verlag 2012                                http://www.droemer.de
  • 367 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
  • 19,99 €
  • 978-3-426-27603-7
    Spitzer, Digitale Demenz

BITTE  SCHALTEN  SIE  IHR  GEHIRN  EIN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul©

Möchten Sie gerne Ihr Gehirn besser kennenlernen, geistig auf der Höhe bleiben oder sogar eine neue Stufe erklimmen und mit geschärftem Bewußtsein die falschen Versprechungen der digitalen Revolution durchschauen?

Dann lesen Sie dieses Buch!

Die einzigen weiteren Zutaten, die Sie zur intellektuellen Verarbeitung des in diesem Buch angebotenen Wissens brauchen, sind Ihre Lesekompetenz, ungeteilte Aufmerksamkeit, Denkfähigkeit und Selbstkontrolle. Kurz gesagt:  Sie brauchen ein lernfähiges Gehirn; einen Bildschirm oder einen Computer brauchen Sie für dieses Wissenswachstum nicht!

Ich setzte hier einen erwachsenen Leser voraus, der in seiner Kindheit und Jugend noch nicht den „Segnungen“ der digitalen „Lernverhinderungsmaschinen“ ausgesetzt war und der eine komplexe Hirnstruktur aufbauen konnte und sich dementsprechend auf einer geistigen Höhe befindet, die sein Kind oder Enkelkind vielleicht schon gar nicht mehr erreicht.

Bereits im Jahre 2007 wählten südkoreanische Ärzte den Begriff  „digitale Demenz“, um die bei jungen Erwachsenen zunehmenden Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörungen sowie Sozialkompetenzdefizite zu beschreiben.

Manfred Spitzer stellt in seinem Buch viele wissenschaftliche medizinische Studien und Experimente vor, die das Lernverhinderungspotential digitaler Medien beweisen.
Der übermäßige und viel zu früh (Baby-TV ab 9 Monaten!) einsetzende „Genuß“ von Bildschirmmedien und digitalen Medien minimiert die Gehirnbildung, wirkt sich nachweislich negativ auf den Spracherwerb und die Lesekompetenz aus, führt über Bewegungsmangel, Streß und Schlafstörungen sogar zum Absterben von Nervenzellen, hat ein hohes Suchtpotential (Online-Computerspiele), läßt die sozialen Gehirnregionen verkümmern und verbequemt zu geistiger und emotionaler Oberflächlichkeit.

„Digitale Medien führen dazu, dass wir unser Gehirn weniger nutzen, wodurch seine Leistungsfähigkeit mit der Zeit abnimmt. Bei jungen Menschen behindern sie zudem die Gehirnbildung; die geistige Leistungsfähigkeit bleibt also von vornherein unter dem möglichen Niveau. Dies betrifft keineswegs nur unser Denken, sondern auch unseren Willen, unsere Emotionen und vor allem unser Sozialverhalten.“ (Seite 322)

Die Erkenntnisse der Neurobiologie zeigen, daß Lerninhalte besser und tiefer im Gedächtnis verankert werden, wenn sie in einem zwischenmenschlichen Kontext vermittelt und erarbeitet worden sind. Beim Lernen wird nicht einfach eine  Information von der Außenwelt ins Gehirn „umgefüllt“, sondern die sensomotorischen Begleiterscheinungen der Informationswahrnehmung und  -Verarbeitung sowie die konzentrierte Aufmerksamkeit führen zur Vertiefung, zur langfristigen und komplexen synaptischen Gedächtnisspur.

Auch soziales Denken und Empathie lernt ein Kind durch reale Kontakte und Erfahrungen; je mehr wirkliche zwischenmenschliche Begegnungen und „greifbare“ Freundschaften ein Kind erlebt, umso stärker werden seine sozialen „Muskeln“ bzw. die neuronale Verknüpfungsdichte in der für diesen Bereich zuständigen Gehirnstruktur.

Für erfolgreiches und nachhaltiges Lernen ist außerdem eine ausreichende Menge an Schlaf wichtig, weil im Schlaf Kurzzeitgedächtnisinhalte ins Langzeitgedächtnis transportiert werden.

Körperliche Bewegung ist ebenso unerläßlich, weil sich dadurch das Wachstum von Nervenzellen vermehrt.

Dies sind nur einige „lernenswichtige“  Aspekte.

Und nun lassen Sie sich bitte durch den Kopf gehen, daß der durchschnittliche Medienkonsum  von Neuntkläßlern in Deutschland  im Jahre 2009 täglich bereits mehr als sieben Stunden betrug!

Liebe  Leser, Eltern, Erzieher, Lehrer und Mitmenschen, Sie können sich ausrechnen, wie wenig Zeit da noch für das Leben und Lernen in und an der Wirklichkeit bleibt, ganz zu schweigen von den Nebenwirkungen: Internetsucht, Schlaf- und Bewegungsmangel, Übergewicht, Depression, Vereinsamung, dem Verlust der Konzentrationsfähigkeit durch Multitasking und der wortwörtlichen digitalen Oberflächlichkeit gesurfter Informationsflüchtigkeit sowie vom Aggressions- und Gefühlsabstumpfungslerneffekt kriegerischer Computerspiele.

Trotzdem lobpreisen sogenannte Medienpädagogen die „Medienkompetenz“ als das Bildungswerkzeug an sich. Diese Behauptung und dieses neue Bildungsexperiment stehen im Dienste kommerzieller Interessen und nicht im Interesse des Kindeswohles oder gar der Demokratisierung des Zuganges zu Wissen.

Das leider weit verbreitete Mantra, daß man Kinder so früh wie nur möglich mit digitalen Medien vertraut machen soll, ist nichts weiter als eine Vermarktungsstrategie großer Elektronikkonzerne und Medienunternehmen, die sich ihre zukünftigen Konsumenten schon von ganz klein auf heranzüchten/herandigitalisieren wollen.

Überspitzt könnte ich hier schreiben: Eine Gehirnwäsche-Werbestrategie, die zum Ziel hat, das Gehirn immer mehr auszuschalten, damit man immer mehr darauf angewiesen ist, den Computer einzuschalten – nach dem Motto: Ich google, also weiß ich. Na, dann – gute Nacht, gesunder Menschenverstand!

Je mehr Denkleistung wir in technische Geräte auslagern, wir also denken lassen, anstatt selbst zu denken, umso mehr schrumpft unser geistiges Vermögen.

Besonders bedenklich und empörend ist in diesem Zusammenhang, daß auch öffentliche Institutionen im Chor der Mediengläubigen mitsingen, wie z.B. die Enquete-Kommission »Internet und digitale Gesellschaft« des Deutschen Bundestages.

Medienkompetenz? Die Anwenderkenntnisse für die Benutzung eines Rechners zu erlernen ist wahrlich kein schulfachfüllender Stoff. Ein technisches Gerät bedienen zu können ist nicht gleichbedeutend mit der Erhöhung und Verbesserung meines Wissens, geschweige denn meiner Lern-und Konzentrationsfähigkeit. Genau das wird jedoch unerklärlicherweise  –  und im Widerspruch zu neurobiologischen Erkenntnissen über Lernvorgänge  –  der Anwesenheit von mobilen Computern in Kindergärten und Schulen unterstellt.

Wenn ich weiß, wie ich einen Elektroherd ein- und ausschalte und die Temperatur reguliere, verhilft mir das keineswegs  automatisch  zu Kochkenntnissen. Medienpädagogen tun jedoch gerne so, als verströme sich die künstliche Intelligenz ganz mühelos und ohne den lästigen Umweg über geistige Anstrengung  ins Kinderköpfchen.

„Geistiges Training – Lernen – vollzieht sich wie beim Muskel automatisch bei geistiger und körperlicher Anstrengung. Geistig strengen wir uns an, wenn wir uns aktiv mit der Welt auseinandersetzen.
Beim Lernen verändern sich die Synapsen, also die Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Die Leistungsfähigkeit des Gehirns wird gesteigert. Hinzu kommt, dass im Hippocampus, der für die Speicherung neuer Sachverhalte zuständig ist, neue Nervenzellen nachwachsen, die nur dann am Leben bleiben, wenn sie richtig gefordert werden. Lernen nutzt nicht nur die vorhandene neuronale Hardware, sondern benutzt auch neu nachgewachsene und hält sie am Leben. Damit ist eines klar: Wie leistungsfähig wir geistig sind, hängt davon ab, wie viel wir geistig leisten.“
(Seite 60/61)

Vor der Medienkompetenz sollten Sprachkompetenz, Lesekompetenz, Denkkompetenz und Sozialkompetenz auf dem Stundenplan stehen. Wenn diese geistigen Fähigkeiten ausgebildet sind, kann ein Kind z.B. sinnvoll im Internet recherchieren, Wesentliches von Unwesentlichem trennen und wissenswerte Zusammenhänge  erkennen und herstellen, einfach weil es schon über eine Allgemeinbildungsgrundlage verfügt. Wenn im Anschluß daran der Medienkompetenzunterricht ein Aufklärungsunterricht wäre, der die Schüler dazu anregt und anleitet, die medialen Möglichkeiten kritisch zu hinterfragen und verantwortungsbewußter mit den digitalen Angeboten umzugehen, dann wäre dies begrüßenswert.

Sprach-Lese-Denk- und Sozialkompetenz verbessern Bildungschancen, doch genau diese Geistesgaben werden durch zu frühe und zu intensive Mediennutzung geradezu verhindert. Trotzdem wetteifern Schulen und Kindergärten darum, wer mehr Computer zur Verfügung hat. Keiner will den vermeintlichen Fortschritt verpassen, den digitale Medien ins Gehirn der Nutzer transportieren sollen. Der Umsatz mit mobilen Rechnern macht ganz gewiß große Fortschritte auch durch den flächendeckenden Einsatz in Kinder- und Klassenzimmern. Doch kognitive Fortschritte für die Kinder sollte man sich davon nicht versprechen!

Medienpädagogen, Medienexperten, E-Learning-Vertreter und Gewaltspiele-Verharmloser brauchen ganz dringend Nachhilfeunterricht in Neurobiologie und nicht noch mehr und noch jüngere kindliche Versuchskaninchen, die marktwirtschaftlichen Interessen preisgegeben werden.

Manfred Spitzer ist ein Autor, dem Kinder wirklich am Herzen liegen, und er begegnet dem digitalen Marktgeschrei mit fundiertem Expertenwissen über die neurologischen Gegebenheiten des kindlichen und des erwachsenen Gehirns. Wir bekommen reichlich wissenschaftliches „Beweismaterial“ für den schädlichen Einfluß übermäßigen und vor allem zu früh einsetzenden digitalen Medienkonsums.

„Digitale Demenz“ ist ein wertvolles Buch, nicht nur wegen seines informativen und aufklärenden geistigen Gehalts, sondern auch wegen seines Engagements für ethische und pädagogische Werte.

Beschützen Sie Ihr Kind vor der massiven digitalen Verdummung, und erlauben Sie  die Nutzung von Computer, Internet und TV nur in kontrollierten und altersgemäßen Dosierungen.

Bitte schalten Sie Ihr Gehirn ein, und lassen Sie sich nicht  für dumm verkaufen! Lesen Sie dieses Buch, lernen Sie aus diesem Buch und schwimmen Sie gegen den digitalen Strom!

Und denken Sie immer daran: Die beste Verlinkung ist die „ Synapsenverlinkung“ in Ihrem eigenen Gehirn, da haben Sie Ihr Wissen, Ihr Können und Ihre Erfahrungen wortwörtlich verkörpert und stets zur steckdosenfreien Verfügung.

 

Der Autor:

Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer studierte Medizin, Psychologie und Philosophie und habilitierte sich anschließend für das Fach Psychiatrie. Er leitet die Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm und das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen.

Auf Bayern Alpha moderiert er wöchentlich die Sendereihe Geist & Gehirn.

Ergänzend zu „Digitale Demenz“ bietet sich noch ein weiteres Buch von Manfred Spitzer an:

Vorsicht Bildschirm!
Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft
6. Auflage 2009 bei DTV Taschenbuch         http://www.dtv.de
303 Seiten, 9,90 €
978-3-423-34327-5