Stein und Flöte

  • und das ist noch nicht alles
  • Märchenroman von
  • Hans Bemmann
  • Hörbuch
  • Sonderausgabe
  • Hörbuch Hamburg Osterwold, März 2020 http://www.osterwold-audio.de
  • ungekürzte Lesung von Oliver Rohrbeck
  • Laufzeit: 2519 Minuten bzw. fast 42 Stunden
  • 4 mp3-CDs im Klappschuber
  • 18,00 € (D), 20,20 € (A)
  • ISBN 978-3-86952-451-1

Persönliches Vorwort zu dieser Rezension:

Dies ist meine 500. Buchbesprechung! Aus diesem Anlaß widme ich mich heute mit dem größten Vergnügen einem meiner Lieblingslieblingsbücher: „Stein und Flöte und das ist noch nicht alles“ von Hans Bemmann, in der ungekürzten Hörfassung, gelesen von Oliver Rohrbeck.

M Ä R C H E N W E I S E S

Hörbuchbesprechung  von Ulrike Sokul ©

„Wenn du erst einmal die Töne greifen kannst, wird die Flöte deine Gedanken selbst zum Klingen bringen. Und sie wird jeden, der sie hört, zu dem verleiten, was du beim Spielen im Sinn hast. Vergiß das nie! Du mußt wissen, daß mit der Weitergabe der Flöte eine Bedingung verknüpft ist: Dem Erben darf nur die Griffweise erklärt werden; was er dann auf der Flöte spielt, muß er selbst bestimmen. Mein Unterricht wird also kurz sein.“  (Seite 202)

„Stein und Flöte“ ist ein tiefsinniger, vielschichtiger und weiser Märchenroman von beträchtlicher Länge. Es ist eine klassische Heldenreise, in der ausführlich und charaktertief der Lebenslauf und die Verwandlungen von Lauscher, dem Enkelsohn des Sanften Flöters, erzählt werden. Lauschers Lebensweg ist verbunden mit den schicksals- wendigen Menschen und auch einigen Tieren, die ihm – sei es zugeneigt oder abgeneigt – begegnen, ihn beeinflussen und die seiner auf die eine oder andere Art bedürfen. So bietet dieser Roman nicht nur spannende Einblicke in Lauschers Charakter und Ent- wicklung, sondern auch in weitere interessante und starke männliche und weibliche Charaktere, die ihm zugesellt sind.

Der Held dieses Märchenromans heißt deshalb „Lauscher“, weil er sehr leise spricht und auf lautes Ansprechen oder gar Schreien mit Verwirrung und Unverständnis reagiert. Sein Vater ist der „Große Brüller“, ein haariges, kompakt-kräftiges, zupackendes und stimmgewaltiges Mannsbild, das in der Stadt Fraglund das lokale Richteramt ausübt. Seine aus einigen Tagesritten Entfernung zugereiste zarte und leise Mutter ist die Tochter des „Sanften Flöters“, dessen Ruf als diplomatischer Vermittler bei Krisen, Kriegen und Konflikten legendär ist.

Dabei spielt der Sanfte Flöter mit seiner silbernen Flöte keineswegs manipulativ, sondern seine – gewissermaßen mit absichtsloser Absicht gespielten – meditativ besänftigenden, einfühlsam mitschwingenden Flötentöne berühren die Herzen der Zuhörer, wecken ihr Mitgefühl, bringen Tränen zum Fließen oder lösen je nachdem auch Lachen und Schmunzeln aus, sie erinnern an das Verbindende zwischen den Menschen, lösen psychische Verhärtungen auf und führen so dazu, daß sich wieder ein Raum öffnet für ein konstruktives Gespräch zwischen verfeindeten oder zerstrittenen Parteien oder für die sachliche oder heitere Aufklärung von Mißverständnissen.

Als der Stadt Fraglund ein Überfall der Beutereiter droht, versammelt der Große Brüller die waffenfähigen Männer, um den Beutereitern in einer Schlucht eine Falle zu stellen. Lauscher, der zu diesem Zeitpunkt siebzehn Jahre alt ist, soll mitkommen und mit- kämpfen, erbittet sich aus, zwar mitzureiten, sich jedoch um die Verwundeten kümmern zu dürfen, da ihm der Umgang mit Waffen nicht liege.

Widerwillig stimmt sein Vater zu. Die örtliche Gemeinschaft kann die Beutereiter erfolg-reich in die Flucht schlagen. Lauscher findet einen tödlich verwundeten, alten Beute- reiter namens Arni, kümmert sich um ihn und gibt ihm zu trinken. Lauscher und der Beutereiter unterhalten sich eine Weile, und kurz bevor Arni stirbt, schenkt er Lauscher zum Dank seinen Talisman, einen Stein, der in den Farben blau-grün-violett schimmert und dessen pulsierendes Farbmuster an ein Auge erinnert.

Dieser Augenstein, den Arni einst selbst von der weisen alten Urla geschenkt bekommen hatte, diente ihm dazu, seinem eigenen unkonventionellen Weg zu folgen, und Lauscher hofft, daß dieser Stein sich auch für ihn als schicksalhafter Wegweiser eignen werde.

Nach der Begegnung mit Arni ist Lauscher von Unruhe erfüllt und bittet seinen Vater um ein Pferd, um seine Großeltern zu besuchen. Der Vater hätte Lauscher gerne zu seinem Nachfolger im Richteramt herangebildet, doch er sieht auch ein, daß Lauschers Wesensart wohl eher zu der des Sanften Flöters hinneigt, und so läßt er ihn ziehen. Der Weg zu den Großeltern ist weit und führt durch tiefe Wälder. Etwa auf der halben Strecke, in der Nähe der Stadt Barleboog, hat Lauscher eine „zauberhafte“ Begegnung, die ihn sowohl wortwörtlich als auch zwischenmenschlich von seinem Wege  ablenkt.

So findet er erst nach dramatischen Umwegen zu seinem Großvater, dem nun nur noch eine kurze Zeit bleibt, Lauscher in der Kunst des Flötenspiels zu unterweisen, bevor er sanft stirbt und Lauscher seine silberne Flöte hinterläßt.

Auf der Flöte findet sich eingraviert folgender Spruch:

„Lausche dem Klang,
folge dem Ton,
doch übst du Zwang,
bringt mein Gesang
dir bösen Lohn.“

Lauscher wird noch sehr, sehr, sehr lange brauchen, bis er mit seinem Flötenspiel diesem Leitspruch gerecht wird. Er bekommt zu früh machtvolle magische Gaben ge- schenkt, für die er noch nicht reif ist. Lauscher ist ungeduldig und selbstgefällig und wähnt sich wiederholt zu schnell und viel zu vordergründig am Ziel, und so geht er auf der Suche nach Bedeutsamkeit und Würde grandios in die Irre, erliegt den Versuchung- en von Eitelkeit, Macht und kurzfristigem persönlichen Vorteil. Er tut schlimmes Unrecht und löst eine Kette von Ereignissen aus, die auch ihn selbst schwer treffen und verletzen und ihn nach und nach zu mehr Selbsterkenntnis, Demut, Geduld und Weisheit führen.

»Nur wer Angst hat, strebt nach Macht. Dazu ist deine Flöte nicht geschaffen.«

Lauscher erfährt viele Verwandlungen, lernt die Sprache der Tiere und knüpft lebhafte Freundschaften mit ihnen. Zudem braucht Lauscher lange, bis er seinem Namen wirk- lich gerecht wird. Wieder und wieder hört er Geschichten darüber, wie der Sanfte Flöter die Macht seiner Flöte zum Wohle der Menschen und zum Wohle des Ganzen genutzt hat. All diese Geschichten und die Begegnung mit den Menschen, die sie erzählen, vermitteln ihm nach und nach auch ein umfassenderes Verständnis für die tieferen Zusammenhänge und Verstrickungen seines eigenen Lebens und Wirkens und weisen ihn schließlich den Weg zu Liebe, Versöhnung, Frieden, Freiheit, Heilung und Selbstgenügsamkeit.

»Alle wesentlichen Dinge sind einfach, wenn man sie erst einmal begriffen hat. Schwierig ist nur der Weg, den man bis dahin gehen muß.« (Seite 646)

Parallel zur Entfaltung von Lauschers Bestimmung und seiner individuellen Gaben handelt dieser Roman auch davon, wie sich soziales, gesellschaftliches Leben und seine Traditionen gestalten und verändern, wie innere und äußere Führung sich wechsel- seitig ausbalancieren und zu einer tragfähigen, möglichst gerechten und mündigen Gemeinschaft verbinden können, aber auch, wie die bloß formelhafte Nachahmung eines verehrten Vorbildes konterkarierend zu neuer gesellschaftlicher Unfreiheit, Erstarrung, Ungerechtigkeit und Unfrieden führen kann.

Eine abwechslungsreiche Landschaft aus weiten Wäldern, Gebirgen, Mooren, Grasland und Steppen bildet die Kulisse dieses Romans. Hier erfreut der Autor mit stimmungs-vollen Naturbeschreibungen und poetisch-präzisen botanischen Beobachtungen von Pflanzen, Jahreszeiten und Wetterlagen. Mythologische Pflanzen- und Heilpflanzen- kenntnisse fließen ebenso selbstverständlich mit ein wie feine Bemerkungen zur magischen Wirkung von Musik.

Da „Stein und Flöte“ ein Märchenroman ist, fehlt es auch nicht an sprechenden Tieren. So trifft Lauscher auf musikalisch-wegweisende Amseln, eine ironische Kröte, einen treuen Esel, eine Geborgenheit gebende Ziegenherde, eine weise Schlange, mehrere tapfere Mäuse, ein wendiges Wiesel und auch auf gefährliche Wölfe und einen sehr speziellen mit Vorsicht zu genießenden, grünäugigen Falken.

Lauscher erfährt unterwegs den Schutz, den Ebereschen vor bösen Kräften bieten, er schließt Freundschaft mit eine Nixe, und er bekommt in einer sehr einsamen Phase seines Lebens von einem geheimnisvollen Steinsucher einen Zirbelholzstab mit einge-schnitztem Gesicht geschenkt, der sich, nachdem er endlich dessen Namen herausge-funden hat, als sehr bedächtiger und angenehm duftender Holzgefährte und ebenso kluger wie tiefenentspannter Ratgeber entpuppt.

Der erzählende Vorleser Oliver Rohrbeck gibt einem beachtlich umfänglichen Stimmen-spektrum abwechslungsreich Ausdruck. Er verleiht männlichen, weiblichen, mütter- lichen, väterlichen, kindlichen, jugendlichen, erwachsenen, alten, lauten, leisen, genüg- samen, gierigen, ängstlichen, tapferen, herrischen, dienenden, stolzen, gütigen, zornigen, zärtlichen, schelmischen, menschlichen, tierischen, hölzernen und magischen Wesen überzeugende stimmliche Gestalt und Ausstrahlung.

Das Einzige, was mir bei dieser Hörbuchproduktion fehlt, ist eine musikalische Ein- rahmung des Erzähltextes. Zu Beginn und Ende wesentlicher Teilabschnitte wäre eine kurze Flötenspieleinlage eine schöne akustisch-atmosphärische Abrundung und Bereicherung der Lauscherfahrung. 

Die komplex-verflochtene und sinnlich-lebensvolle Komposition dieses Romans fügt sich aus eigenwilligen, charakterstarken Figuren, vielen Geschichtenverzweigungen, Zeitebenen, Bewußtseinszuständen, philoso- phischen Betrachtungen, poetischer Naturverbundenheit und phantasie- vollen Einzelheiten zu einem faszinierenden Ganzen zusammen. Hans Bemmann verbindet in „Stein und Flöte“ mit großem psychologischen Fingerspitzengefühl östliche und westliche Erzähltraditionen zu einem menschenkenntnisreichen und selbsterkenntniswirksamen Reigen.
 
Romane mit einem solchen Reichtum an archetypischer Seelentiefe, märchenhafter Herzensbildung und gütiger Geistesweite haben Seltenheitswert und lohnen eine wiederholte Lektüre bzw. Auditüre.

 

» „Darin liegt ja gerade das Geheimnis“, sagte Lauscher. „Wäre das Böse nicht in dieser Welt, wäre jedem Menschen die Freiheit genommen, sich aus eigenem Antrieb für das Gute zu entscheiden. Auf solche Weise ist das Böse stets auch der Diener des Guten. Du kannst die Welt nicht auf einen Schlag ändern. Zunächst geht es immer um den einzelnen Menschen.“ « (Seite 786)

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.hoerbuch-hamburg.de/hoerbuecher/bemmann-stein-und-floete-5227/

 

Der Autor:

»Hans Bemmann (1922–2003) studierte Musikwissenschaft und Germanistik. Seine ersten Werke veröffentlichte er in den frühen 1970er-Jahren unter Pseudonym, bis er 1983 mit dem Märchenroman Stein und Flöte eines der Kultbücher der phantastischen Literatur schuf. Das Werk wurde vielfach ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Die späteren Romane, in denen der Autor wiederum Märchen und Mythen mit der Bewusstwerdung des Menschen verknüpfte, sind ebenfalls sehr erfolgreich.«

Der Sprecher:

»Oliver Rohrbeck, geboren 1965 in Berlin, ist Schauspieler und ein gefragter Synchron- und Hörbuchsprecher. Bekannt wurde seine Stimme vor allem durch die legendäre Hörspielreihe »Die drei ???«. Außerdem ist Oliver Rohrbeck die deutsche Stimme von Hollywood-Star Ben Stiller.«

Musikalische Zugabe:

Da ich das Fehlen einer musikalischen Einrahmung dieses Hörbuches beklagt habe, will ich nachfolgend eine Flötenmusik von Jacob van Eyck, gespielt von François Lazarevitch, darbieten, die recht gut zu diesem Roman paßt.  🎶 🎶  🎶 

Mit herzlichtem Dank an meinen Musikagenten 😉 Maestro Random Randomsen https://randomrandomsen.wordpress.com/ für die umfangreiche Recherche zu den passenden Flötentönen.  🎶 🎶 🎶

 

Persönliches Nachwort zur Buchausgabe:

„Stein und Flöte“ ist ein SEHR umfangreiches Werk, das ich vor mehr als 25 Jahren gelesen habe. Dieser Märchenroman von Hans Bemmann ist 1983 in der Edition Weitbrecht als gebundenes Buch erschienen, mit 818 Seiten, bedruckt  in der Schriftype Garamond neun Punkt – also eine ameisenspurenkleine Minischrift. Wäre dieser Roman eine aktuelle Neuerscheinung würde man ihn wohl mindestens in drei Bänden publizieren und vermarkten. 1983 waren die Verlage noch nicht so papierverschwenderisch und marketingstrategisch wie heute, wo bedeutend kleinere und kurzatmigere Werke durch entsprechende Schrifttypen- vergrößerung mindestens auf Trilogie-Format aufgeplustert werden.

 

Zur Zeit gibt es diesen Leseleckerbissen nur noch
im Taschenbuchformat
im Piper Verlag zu 16,00 € (D), 16,50 € (A):
https://www.piper.de/buecher/stein-und-floete-isbn-978-3-492-28230-7

 

 

 

 

Es ist wahrlich mehr als wünschenswert, diesen wertvollen Roman in drei gebundenen Bänden, vielleicht noch mit einem feinen Leinenschuber und mit Illustrationen von Friedrich Hechelmann, ganz neu aufzulegen. Hechelmann wäre meiner Ansicht nach der ideale illustratorische „Übersetzer“ für dieses märchenhafte Werk. Also liebe mitlesende Verlage: Ran an eine standesgemäße Buchgestaltung für diese zeitlose Lesekostbarkeit!

 

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

Pinnegars Garten

  • von Reginald Arkell
  • Roman
  • Originaltitel: »Old Herbaceous« (1950)
  • Aus dem Englischen von Elsemarie Maletzke
  • Mit einem Nachwort von Penelope Hobhouse
  • Unionsverlag 1. Auflage  Juli 2010     http://www.unionsverlag.com
  • in Leinen gebunden mit grünem LESEBÄNDCHEN
  • 224 Seiten
  • ISBN 978-3-293-00423-8
  • 14.95 € (D), 15,40 € (A), 21.90 sFr.
  • Taschenbuchausgabe
  • broschiert
  • 224 Seiten
  • Unionsverlag Januar 2013
  • ISBN 978-3-293-20595-6
  • 9,95 € (D), 10,30 € (A), 14,90 sFr.

DEN GARTEN LESEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die wahren Wunder geschehen im Garten, aber nicht von alleine, sondern dank der liebevollen Hingabe und klugen Erfahrung des Gärtners.

Nach sechs Jahrzehnten treuen, unermüdlichen Dienstes am Garten des Herrenhauses läßt uns der Obergärtner Herbert Pinnegar an seinen schweifenden Erinnerungen teilhaben. Pinnegar, der von den jungen Gärtnern heimlich „Old Herbaceous“ genannt wird, ist Gärtner aus Berufung, auch wenn die Umstände seiner Geburt zunächst nicht rosig zu nennen waren.

Er wurde als Findelkind, eingewickelt in einen alten Unterrock, auf einer Türschwelle abgelegt und von der Frau des Kuhhirten mitfühlend aufgenommen, obwohl sie selbst schon sechs eigene Kinder zu versorgen hatte.

Eine energische, altjüngferliche Lehrerin nährte sein Interesse für Pflanzen, fütterte ihn mit botanischen Kenntnissen über Wiesenblumen und unternahm kleine Exkursionen mit dem hinkenden und schüchternen Kind von zweifelhafter Herkunft.

Beim alljährlichen Wiesenblumenwettbewerb für Schulkinder unter zwölf Jahren bekam Herbert von der jungen Lady Charlotte Charteris, die demnächst ins Herrenhaus einziehen würde, den ersten Preis und ein warmherziges Lob überreicht. Langfristig führte diese Begegnung für Herbert zu einer Anstellung als Gärtnergehilfe für den großen Garten des Herrenhauses …

Die Arbeit ist körperlich anstrengend; wir befinden uns im viktorianischen Zeitalter, und technische Gartengeräte, die einem die Arbeit erleichtern, gibt es noch nicht. Handarbeit, Ausdauer, Fingerspitzengefühl, Geduld und Gehorsam gegenüber dem vorgesetzten Obergärtner sind gefragt. Herbert Pinnegar ist fleißig und verständig und wächst mit dem Garten.

Unaufdringlich wird er wird von der jungen Lady gefördert, und er lernt willig die lateinischen Namen der Pflanzen. Schließlich wird er Obergärtner und bestimmt dank seiner umfänglichen Erfahrung über die Gestaltung des großen Gartens. Pinnegar und seine Arbeitgeberin schätzen sich gegenseitig hoch, können aber auch bezüglich gärtnerischer Ideen genüßlich miteinander streiten. Es ist allerdings keine Frage, daß sich der eigenwillige Gärtner immer störrisch durchsetzt.

Der Garten durchwächst mit den Jahren, ebenso wie die Menschen, glückliche und unglückliche Zeiten, Gartenstile und Moden ändern sich, zwei Weltkriege verändern die Gesellschaft und die sozialen Umgangsformen, der Zweite Weltkrieg zwingt gar zum Gemüseanbau, und Pinnegar kann nur einen kleinen Teil des Gartens für Blumen erhalten. Nichts bleibt, wie es ist …

Nun, in hohem Alter, schaut Pinnegar mit besonnener Wehmut zurück und würdigt die Schönheit der Pflanzen, das Farbenwunder der Blüten, die Köstlichkeit von Früchten und das gute Einvernehmen mit Lady Charteris. Es ist ein nostalgischer Rückblick in ein dörfliches, ja, man darf sogar sagen, provinzielles, kleines Paradies, in dem das dumme Menscheln der Menschheit etwas Beiläufiges hat, das man nicht allzu ernst nehmen sollte.

Sprachlich ist dieser Roman in einem charmant-augenzwinkernden Stil geschrieben: Lebhafte Dialoge, gewürzt mit feiner Ironie und trockenen Kommentaren zu menschlicher Oberflächlichkeit, wechseln sich ab mit liebevoll-bewundernden Beschreibungen von Pflanzen und Gartenszenerien sowie würdevoll-authentischen, herrlich-altmodischen Charakteren.

„Pinnegars Garten“ bietet einen bittersüßen, gärtnerisch anregenden Lesespaziergang, der ebenso in einem Atemzug wie in kleinen Portionen wohlbekömmlich ist.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.unionsverlag.com/info/title.asp?title_id=2571

Der Autor:

»Reginald Arkell, geboren 1882 in Gloucestershire, veröffentlichte neben Pinnegars Garten Romane und mehrere Bände mit Gartenlyrik. Bekannt wurde er außerdem als Autor erfolgreicher Musicals und Theaterstücke. Die Theaterfassung von Pinnegars Garten wurde an Weihnachten 1979 vor der Royal Family in Windsor Castle aufgeführt. Reginald Arkell starb 1959 in Cricklade.«

Die Übersetzerin:

»Elsemarie Maletzke, geboren 1947 in Oberhessen, hat als Deutschlehrerin in Irland gearbeitet, später u. a. für die Titanic geschrieben und einige Reiseführer über Irland sowie Biografien berühmter Frauen herausgegeben. Sie lebt in Frankfurt am Main.«

Brief an D.

  • Geschichte einer Liebe
  • von André Gorz
  • Originaltitel: »Lettre à D. Histoire d’un amour«
  • Übersetzung ins Deutsche von Eva Moldenhauer
  • btb Verlag  März 2009   http://www.btb-verlag.de
  • Taschenbuch
  • 112 Seiten
  • 7,00 € (D), 7,20 € (A), 9,90 sFr.
  • ISBN 978-3-442-73875-5

ALTE  LIEBE  UNVERBLÜHT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mit der Reife vertieft sich die Einsicht. So bemerkt André Gorz angesichts des bevorstehenden 82. Geburtstages seiner Frau Dorine, daß er ihr und ihrer langjährigen liebevollen Begleitung in seinen autobiographischen Schriften keineswegs angemessen gerecht geworden ist. Dies wird nun mit dem „Brief an D.“ korrigiert.

„Ich muss die Geschichte unserer Liebe rekonstruieren, um sie in ihrem ganzen Sinn zu erfassen. Denn sie hat es uns ermöglicht, zu werden, was wir sind, durch einander und für einander.“ (Seite 6/7)

Andächtig erzählt André Gorz von ihrer ersten Begegnung in Lausanne, der nachfolgenden scheuen Annäherung und schwärmt von Dorines Schönheit und Stärke. Beide stammten aus Familien mit entzweiten Eltern. Dorine hatte ihre Eltern schon früh verloren. André Gorz war durch seinen Internatsaufenthalt in der Schweiz mit sechzehn Jahren von seiner österreichischen Familie getrennt worden. Erst nach dem Krieg nahm er wieder distanzierten Kontakt zu ihr auf, fühlte sich seiner Herkunftsfamilie jedoch nicht verbunden.

Dorine war gebürtige Engländerin, und die Sprache ihrer Liebe blieb zeitlebens Englisch, obwohl sie ihr gemeinsames Leben in Frankreich verbrachten. Dorine zeigte Interesse daran, Deutsch zu lernen, doch André Gorz weigerte sich, jemals wieder ein einziges Wort in dieser Sprache auszusprechen.

Das junge Paar verdiente mehr schlecht als recht seinen Lebensunterhalt mit Gelegen-heitsjobs (Übersetzungen, Englischstunden, Sekretariatsdienste), und schließlich ziehen sie von Lausanne nach Paris. André bekam verschiedene journalistische Aufträge und schrieb sein erstes autobiographisches Buch „Der Verräter“. Dorine saß für Maler Modell, arbeitete als Fremdenführerin und als Altpapiersammlerin.

Dorine selbst betonte ihrem Mann gegenüber mehrfach: „Einen Schriftsteller lieben heißt lieben, dass er schreibt.“ (Seite 36) Dankbar würdigt André Gorz, daß seine Frau seinem intensiven, nächtlichen Schreiben stets mit Geduld und Verständnis begegnet sei und ihn auch bei seinen journalistischen Aufgaben sachdienlich und pragmatisch unterstützt habe.  Gleichwohl ging Dorine ihren persönlichen Interessen und Lektüren nach, besuchte Vorlesungen und pflegte den wachsenden Freundeskreis. Zwischen den Zeilen merkt man, daß sie wohl unbeschwerter Kontakte knüpfen konnte als er.

Nach und nach erreichte André Gorz eine zuverlässige journalistische und sozialphilo-sophisch-schriftstellerische berufliche Stellung und ein mehr als auskömmliches Einkommen. Dennoch bleiben die Ansprüche des Paares bescheiden, die Haltung gegenüber Konsum, Moden, Technik und Wettbewerbseifer kritisch und hinterfragend.

Nach einer zwar nicht geheilten, aber überlebten schweren Erkrankung Dorines beschließen die Beiden, aufs Land zu ziehen. „Die Ökologie wurde zu einer Lebensweise und einer täglichen Praxis, ohne dass sie aufhörte, die Forderung nach einer anderen Zivilisation einzuschließen.“ (Seite 85)

Kurze, fast sachlich erzählte Skizzen des gemeinsamen Lebensweges wechseln sich in diesem Buch mit berührenden Liebeserinnerungen und Liebeserklärungen ab.

Wenn sich André in seinen Selbstvorwürfen ergeht, wird der Text angestrengt intellektuell-nacherklärererisch und angesichts seiner sonstigen Eloquenz umständlich tastend. Er braucht lange, bis er vom abstrakten Theoretisieren zum lebendigen Dasein vordringt und dem Herzen Vorrang  vor dem Kopf einräumt.

Sein Rückblick auf mehr als ein halbes Jahrhundert gemeinsamen Lebens ist voller Achtung, Bewunderung und Verehrung für seine Frau.

„Du hast mir Dein ganzes Leben und alles, was Du bist, geschenkt; ich möchte Dir in der Zeit, die uns noch bleibt, alles von mir schenken können.“ (Seite 88)

Die dezent-zurückhaltende, mit sinnlichen Details sparsam umgehende Darstellung erweckt den glaubwürdigen Eindruck einer über all die Jahre lebendig gebliebenen Liebesverbundenheit.

Mehr kann man nicht verlangen!

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Brief-an-D./Andre-Gorz/btb-Taschenbuch/e273123.rhd

PS:
Der eigentliche Text mißt nur 88 Seiten, die sich daran anschließenden Seiten enthalten ein erläuterndes Personenverzeichnis und einige – hilfreiche – Worterklärungen, die der historisch-philosophischen Einordnung dienen.

Der Autor:

»André Gorz (1923–2007), geboren in Wien, verbrachte die Kriegsjahre in der Schweiz und ließ sich nach Kriegsende in Paris nieder. Er arbeite mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir an der Zeitschrift „Les Temps modernes“, war Redaktor bei „L’Express“, später bei der Wochenzeitung „Le Nouvel Observateur“, die er 1964 zusammen mit Jean Daniel gegründet hatte.
In seinen Buchpublikationen profiliert sich Gorz als Theoretiker der Arbeiterselbstverwaltung und der politischen Ökologie. 1958 erschien die Autobiografie »Der Verräter« (dt. 1980), zu der Sartre das Vorwort schrieb. Dort erscheint bereits seine Frau Dorine unter dem Namen Kay. Das vorliegende Buch ist gewissermaßen die Fortsetzung (und was Kay/Dorine betrifft auch Korrektur) dieser Autobiographie fünfzig Jahre danach. Und jetzt ist es auch Gorz‘ Vermächtnis. Gorz hat die Entstehung der deutschen Ausgabe noch bis in die Details begleitet, er hat die Übersetzung in dieser Form autorisiert und das Personenverzeichnis redigiert; er und seine Frau fanden das Büchlein, als sie es in Händen hielten, »wunderschön«.
André Gorz und seine schwerkranke Frau Dorine nahmen sich am 24. September 2007 gemeinsam in ihrem Haus in Vosnon in Frankreich das Leben.«

Für mehr Informationen über die sozialkritischen Schriften André Gorz‘ und seinen Lebensweg lohnt ein Blick auf folgenden Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Andr%C3%A9_Gorz

Die Übersetzerin:

»Eva Moldenhauer, 1934 in Frankfurt/Main geboren, ist seit 1964 als Übersetzerin tätig. Sie übersetzte u.a. Claude Simon, Jorge Semprun, Agota Kristof, Jean Paul Sartre und Lévi-Strauss. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. 1982 mit dem „Helmut-M.-Braem-Preis“ und 1991 mit dem „Celan-Preis“. 2005 wurde sie für ihre Neu-Übersetzung von Claude Simons „Das Gras“ für den „Preis der Leipziger Buchmesse“ nominiert.«

Querverweis:

Hier entlang zu den Liebesbriefen, die Dylan Thomas einst an die Frauen seines Lebens schrieb: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/08/02/die-liebesbriefe-dylan-thomas