Die Geisterverschwörung

E N T G E I S T E R U N G

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Sie kennen Prometheus Schröder, den berühmten Geisterjäger und sein Buch »Die Wahrheit über Geister« nicht? Nun – dies ist nicht verwunderlich, denn es liegt in der Natur dieses geheimnisvollen Berufes, daß die Berühmtheit nur im Verborgenen blüht. Doch jedes Kapitel des im folgenden besprochenen Buches „Die Geisterverschwörung“ wird von einem nützlichen Zitat aus diesem Werk eingeleitet. Sie müssen also nicht gänzlich unwissend sterben.

Falls Sie der Ansicht sind, daß einem manche Menschen auf den Geist gehen können, dann haben Sie noch nicht erlebt, wie einem Geister auf den Geist gehen können. Davon kann das Mädchen Mara ein langes Lied singen.

Dabei war es einst ihr Wunsch gewesen, endlich einmal ein richtiges Gespenst zu sehen. Zwei Jahre zuvor hatte Mara in den Sommerferien bei ihrer Oma gewohnt und sich mit Kathi, einem Mädchen aus der Nachbarschaft, angefreundet. Die beiden Mädchen ver- brachten in einträchtigem Spiel eine schöne Zeit miteinander, bis Mara unbedingt darauf bestand, ein leerstehendes altes Haus, in dem es angeblich spuken solle, aufzusuchen.

Mara machte eine alberne Bemerkung über blutrünstige Geister und verlorene Seelen und erregte damit Kathis Zorn. Denn Kathi war tatsächlich selbst ein Geist, zwar keineswegs blutrünstig oder bösartig, aber doch verletzlich, was menschliche Über- heblichkeit gegenüber Spukgestalten betraf. So endete die Freundschaft zwischen Mara und Kathi damit, daß sich Kathi in ihrer durchscheinenden Geistergestalt zeigte und Mara als Abschiedsgeschenk die Gabe verlieh, Geister zu sehen.

Seitdem hat sie viele Geister kennengelernt und wäre ihre Gabe gerne wieder los. Gleichwohl ist Mara inzwischen mit zwei Kindergeistern, Emilia und Adrian, gut be- freundet. Die beiden wohnen sogar bei ihr. Adrian ist ein bißchen altklug, aber er hilft Mara in der Schule, indem er ihr in Mathe vorsagt, und Emilia, deren Kleiderfarbe je nach Stimmung wechselt, stammt aus dem 18. Jahrhundert und bemüht sich, Mara damenhaftes Benehmen beizubringen.

Manchmal sind die Geister ganz hilfreich und unterhaltsam für Mara. Da es jedoch ziemlich viele Geister gibt, macht Mara oft die Erfahrung, wie erschreckend lästig Geister sein können. Denn wenn sie bemerken, daß sie bemerkt werden, zeigen sie sich recht anhänglich, scheren sich nicht um abgeschlossene Türen und wollen mit Mara z.B. Schachspielen.

Als es in Maras Schule, im Musikraum zu Spukphänomenen kommt, ruft der neue Musiklehrer eine Geisterjägerin. Klar, daß Mara diese Frau heimlich bei ihrer Arbeit beobachtet. Mit Hilfe einer sogenannten Seelenkerze und freundlich-verständnisvollem Zureden lotst die Geisterjägerin den Geist eines musikbegeisterten Jungen ins Jenseits.

Doch Mara ist nicht die einzige heimliche Zeugin dieser „Entgeisterung“. Lucas, ein sehr technikaffiner Klassenkamerad, hat sich hinter dem Kontrabaß versteckt, denn er be- lauscht schon geraume Zeit die Gespräche zwischen Adrian, Emilia und Mara, vermutet jedoch eine ausgeklügelte, ultramoderne Kommunikationstechnik dahinter. An Geister glaubt er nicht – noch nicht… Mara wimmelt seine neugierigen Fragen ab und zieht ihn damit auf, daß er „zuviel Zeit mit künstlicher Intelligenz“ verbringe.

Adrian und Emilia betrachten die Geisterjägerin mit Skepsis, aber Mara fischt die Visitenkarte, die der Musiklehrer diskret im Papierkorb verschwinden läßt, neugierig wieder heraus. Frau de Santis steht auf der Karte und die Adresse des alten Spukhauses.

Tapfer besucht Mara Frau de Santis, vertraut sich ihr an und hofft darauf, daß sie einen Weg kennt, wie Mara ihre Geistersehbegabung loswerden könne. Die Geisterjägerin wiederum ist begeistert von Maras Gabe, da sie selbst nur Geister hören, aber nicht sehen kann, und bietet ihr, da die Sommerferien gerade beginnen, einen Ferienjob als Hüterin des Spukhauses an.

Während Frau de Santis Geister ins Jenseits befördert, soll Mara die Geister im Spukhaus beobachten und ein verborgenes magisches Schriftstück finden. Das Mädchen macht seltsame Entdeckungen in diesem Haus; an manchen Stellen duftet es nach Vanille, Insekten buchstabieren Botschaften und Dinge werden wortwörtlich wie von Geister- hand verrückt.

Außerdem wird sie gleich zweifach beschattet: Von einem unheimlichen Geisterschatten und von Lucas, der ihr nachspioniert. Als Mara Lucas schließlich zur Rede stellt, bietet er unerwartet und großzügig seine Hilfe an. Zwar ist er noch ausgesprochen geisterskep- tisch und sucht nach rationalen Erklärungen für die geisterhaften Vorgänge, aber seine Hackerkünste und seine klugen Schlußfolgerungen fördern wichtige und durchaus rettende Informationen ans Licht.

Mara und Lucas sowie Adrian und Emilia kommen einer für Menschen und Geister gefährlichen Verschwörung auf die Spur, deren Initiatoren sich bemerkenswert gut getarnt haben. Auch bei Geistern menschelt es noch gehörig, und irdische Machtgelüste und kriminelle Energie sind manchmal nicht ganz totzukriegen.

Um die komplexen geisterhaften Verstrickungen aufzuklären, bedarf es ebenso Lucas‘ logischer Vorgehensweise wie Maras intuitivem Gespür. Und es wird lebensgefährlich-spannend, düster und dramatisch, bis die guten Geister sich durchsetzen…

„Die Geisterverschwörung“ von Susanne Mittag ist keine Horror-Schrecktüre – sonst hätte ich sie nicht gelesen und schon mal gar nicht besprochen -, sondern eine unter- haltsam-spannende, kurzweilige Lektüre. Die Autorin hat eine außergewöhnliche Geistergeschichte geschrieben, mit buchstäblich feingeistigem Grusel, überraschenden Wendungen, amüsanten Dialogen und sympathisch-schrägen Charakteren sowie einem durchgehend selbstironisch-gefühlvollen Tonfall.

Die graphisch-illustrative Gestaltung des Titelbildes mit Schwarz-weiß-Zeichnungen der Hauptfiguren und des Spukhauses – umwunden von einem sich schlängelndem, matt-kupferfarbenen Spruchband für Titel, Autor- und Verlagsnamen – ist sehr stimmig.

Weitere Zutaten wie die tiefschwarzen Vorsatzblätter, schwarze Tintenkleckse auf jeder Seite und die typographische Anmutung von handbeschriebenen Pergamentblättern bei den eingefügten Zitaten aus dem geheimnisvollen Buch von Prometheus Schröder runden die sorgfältige Buchgestaltung fein ab.

Ich habe bloß ein LESEBÄNDCHEN vermißt – oder ein irgendwie geisterhaftes, halbtransparentes, bespinnwebtes LESEZEICHEN.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:

Die Geisterverschwörung – Mara deckt auf – (E-Book)

Die Autorin:

»Susanne Mittag wurde 1967 geboren. Da sie mehrmals umzog, brauchte sie etwas, das sie immer bei sich tragen konnte, und so kam Susanne Mittag zu ihren Träumen und Geschichten. Sie lebt als freie Schriftstellerin mit ihrem Mann und ihrem Sohn in der Nähe von Esslingen.«
www.susannemittag.de

 

Querverweis:

Wer sich von „Die Geisterverschwörung“ angesprochen fühlt, dürfte sich auch für ein ähnlich geartetes Buch von Neil Gaiman interessieren. Deshalb folgt hier der Wink mit dem Link zu meiner Besprechung des „Graveyard Buches“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/20/das-graveyard-buch/

 

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Ein Pinguin will hoch hinaus

  • Liliane Susewind Band 9
  • von Tanya Stewner
  • Mit Zeichnungen von Eva Schöffmann-Davidov
  • Verlag Fischer Schatzinsel 2013                                   http://www.fischerverlage.de
  • gebunden, 295 Seiten
  • 12 €
  • 978-3-596-85535-3
  • ab 8 Jahren
    Ein Pinguin will hoch hinaus_978-3-596-85535-3

T I E R V E R S T Ä N D N I S

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mit Tieren ganz selbstverständlich sprechen zu können, das ist ein Wunsch, den gewiß viele Kinder teilen.

Bei Liliane Susewind ist dieser Wunsch kein Wunsch, sondern eine unerklärliche Gabe, die ihr eine besondere Sensibilität gegenüber Tieren und der Natur verleiht. Tanya Stewner hat mit Liliane Susewind eine glaubwürdig-sympathische kleine Heldin erschaffen, die sich mit Herz und Verstand für das Wohl der unterschiedlichsten Tiere einsetzt.

In jedem Band spielt eine andere Tierart die Hauptrolle. So fing die Serie im Jahr 2007 mit Elefanten an und setzte sich über Tiger und Löwen, Delphine, Schimpansen, Pferde, Pandas, Wölfe und Rehe fort, und im neuesten und neunten Band sind Pinguine dran.

Liliane, kurz Lilli genannt, lebt in einer unkonventionellen Familie: Ihre Mutter ist Fernseh-moderatorin und die Hauptverdienerin, der Vater ist Heilpraktiker und kümmert sich zusammen mit der handwerklich sehr geschickten Oma um den Haushalt. Natürlich hat Lilli ein Haustier, nämlich Bonsai, einen kleinen weißen Hund, und einen tierischen Dauergast aus dem Nachbarhaus, die kapriziöse Katzendame Frau von Schmidt. Lilianes bester Freund, Jesahja, wohnt auch im Nachbarhaus und wird von der Katze gern „mein Hausmännchen“ genannt.

Lillis erste Gabe besteht darin, daß sie mit allen Tieren sprechen kann, was nicht nur für Menschen verwunderlich ist, sondern auch für Tiere, wobei die Tiere sich einfach freuen, endlich einmal verstanden und mit ihren Anliegen und Bedürfnissen ernstgenommen zu werden.

Dank Lillis Übersetzungen findet ein interessanter und oft amüsanter Perspektivwechsel statt, der menschliche und tierische Betrachtungsweisen kontrastierend und augenzwinkernd in Szene setzt.

Und Lillis zweite Gabe macht sich bemerkbar, wenn Lilli sich freut und lacht: Dann werden welke Pflanzen wieder frisch, Knospen fangen an zu blühen und Früchte reifen so schnell, daß man dabei zusehen kann.

Lange Zeit war es Lilli und ihrer Familie und einem kleinen Kreis von vertrauenswürdigen Eingeweihten gelungen, Lillis besondere Gaben geheimzuhalten. Aber im neuen Band ist das Geheimnis inzwischen öffentlich bekannt, und Lilli muß sich an alltägliche Paparazzi-Ausweichmanöver gewöhnen.

Der örtliche Zoo, für den sie schon seit dem ersten Tierabenteuer gerne als Tierdolmetscherin zur Verfügung gestanden hat, erwartet eine Lieferung von Pinguinen, die als Problemkinder von diversen anderen Zoos abgegeben werden. Die Zoodirektorin erhofft sich von Lillis Vermittlung eine bessere Eingewöhnung und soziale Neuorientierung der Tiere.

Die Autorin verleiht jedem der Pinguine eine individuelle Persönlichkeit, die sich auch in der jeweiligen Ausdrucks- und Verhaltensweise spiegelt. Ein Pinguin ist traurig, weil er nicht fliegen kann wie ein Vogel, ein anderer beklagt sich über das fehlende Wetter im Zoo, und ein männliches Pinguinpaar wünscht sich unbedingt ein Pinguinkind. Dazu kommt noch eine Gruppe von fünf Pinguindamen (echt kölsche Mädels) mit lieblichen Prinzessinnennamen und einer Neigung zu lautstark-herzhafter, verbaler Schlagfertigkeit.

Das sind viele Themen auf einmal, doch Lilli und Jesahja geben sich wahrlich alle erdenkliche und praktische Mühe, angemessene Lösungen zu finden. Erschwerend kommt das lästige Paparazziproblem hinzu. Die rücksichtlosen Methoden der Medien, irgendwie an sensationelles Bild- oder Tonmaterial zu Lillis Tiergesprächen und ihrem Privatleben zu kommen (Was liegt im Einkaufwagen von Lillis Vater? Ist sie Vegetarierin?), führen zu menschlicher Bestechlichkeit und enttäuschenden Vertrauensbrüchen.

Die lichten und schattigen Seiten zwischenmenschlicher Beziehungen kommen also bei aller Tierliebe und allem Tierverständnis keineswegs zu kurz, und sie werden ebenso nuanciert dargestellt wie die Beziehungen zwischen den Tieren untereinander.

Lillis und Jesahjas Auseinandersetzung mit den menschlichen und tierischen Herausforderungen werden einfühlsam und mit einer guten Mischung aus Spannung und Humor erzählt. Zum guten Schluß gibt es sogar eine buchstäblich beflügelnde, himmelhochjauchzende Erfahrung für alle Beteiligten.

Dankbar sagt einer der Pinguine anschließend zu Lilli: „Du bist die beste Menschin der Welt!“

Der Meinung bin ich auch, und ich kann alle neun Liliane-Susewind-Bände nur wärmsten empfehlen:

Band 1: Liliane Susewind – MIT ELEFANTEN SPRICHT MAN NICHT (2007)
Band 2: Liliane Susewind – TIGER KÜSSEN KEINE LÖWEN   (2008)
Band 3: Liliane Susewind – DELPHINE IN SEENOT (2008)
Band 4: Liliane Susewind – SCHIMPANSEN MACHT MAN NICHT ZUM AFFEN   (2009)
Band 5: Liliane Susewind – SO SPRINGT MAN NICHT MIT PFERDEN UM (2009)
Band 6: Liliane Susewind – EIN PANDA IST KEIN KÄNGURU   (2010)
Band 7: Liliane Susewind – RÜCKT DEM WOLF NICHT AUF DEN PELZ (2011)
Band 8: Liliane Susewind – EIN KLEINES REH ALLEIN IM SCHNEE   (2012)
Band 9: Liliane Susewind – EIN PINGUIN WILL HOCH HINAUS   (2013)

Band 10: Liliane Susewind –  MIT FREUNDEN IST MAN NIE ALLEIN  erscheint im Mai 2014

Es gibt auch eine Webseite zu Liliane Susewind:   http://www.liliane-susewind.de

 

Die Autorin:

»Tanya Stewner wurde 1974 im Bergischen Land geboren und begann bereits mit zehn Jahren, Geschichten zu schreiben. Sie studierte Literaturübersetzen, Englisch und Literaturwissenschaften in Düsseldorf, Wuppertal und London und widmet sich inzwischen ganz der Schriftstellerei. Die Autorin lebt und arbeitet in Wuppertal.«