Der kleine Prinz feiert Weihnachten

  • von Martin Baltscheit
  • mit Zeichnungen des Verfassers
  • Nach einer Geschichte von Antoine de Saint-Exupéry
  • Karl Rauch Verlag  September 2018   www.karl-rauch-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format:17 x 24 cm
  • 96 Seiten
  • 15,00 € (D), 15,50 € (A)
  • ISBN 978-3-7920-0155-4

© 2018 Martin Baltscheit, Karl Rauch Verlag, Düsseldorf

MAN  LIEST  NUR  MIT  DEM  HERZEN  GUT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Kein geringes Wagnis ist es, zu einem Kultbuch wie dem kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry eine Fortsetzung zu schreiben.

Doch ganz ehrlich: Warum sollte es so unwahrscheinlich sein, daß der kleine Prinz noch einmal die Erde besucht und einen Schriftsteller inspiriert? Immerhin bleiben am Schluß des „Kleinen Prinzen“ genug Fragen offen, die einer weiteren Betrachtung und Entwick-lung wert sind.

So reist also der kleine Prinz erneut auf die Erde und landet ausgerechnet zu Weihnacht-en auf dem Hinterhof einer Bäckerei. Er will unbedingt seinen Freund aus der Wüste wiederfinden, der ihm damals das gewünschte Schaf gemalt hat, das die Schößlinge der Affenbrotbäume auf seinem kleinen Planeten auffressen sollte. Dem Maulkorb, den der Freund ebenfalls gemalt hatte, fehlte allerdings ein Riemen, und so geschah es, daß das Schaf eines Nachts die geliebte Rose des kleinen Prinzen auffraß. 

Der Hinterhof gehört zum Futterrevier einer Krähe, die auf Plätzchenreste vom Bäcker hofft. Der kleine Prinz bittet die Krähe, ihm eine Rose zu zeichnen, und die Krähe verspricht Hilfe, wenn der kleine Prinz Plätzchen aus der Bäckerei organisieren könne.

Tatsächlich ist der eifrige und geschäftstüchtige Bäcker von der naiv-zugewandten Aufmerksamkeit des seltsam gekleideten Jungen, der ihn da am frühem Morgen in seiner Backstube aufsucht, gerührt, und er schenkt ihm, da er keine Zeit hat, eine Rose zu malen, eine Tüte feiner Rosenkekse mit Marzipan und Zuckerguß.

Die Krähe ist entzückt und gewissermaßen auch schon gezähmt, und sie hilft dem kleinen Prinzen bereitwillig und lebenserfahren bei der Suche nach seinem Freund. Da der kleine Prinz jedoch nicht den Namen seines Freundes kennt, gestaltet sich die Suche schwierig. Um einige Nachhilfelektionen in die Lebensbedingungen der Neuzeit, Herzensirritationen, Hindernisse, Umwege und christkindliche Mißverständnisse sowie eine enttäuschende Wunschzettellotterie kommt der kleine Prinz nicht herum.

Erst als dem kleinen Prinzen das Buch „Der Kleine Prinz“ in die Hände fällt, erfährt er den Namen seines Freundes und daß ihre gemeinsame Geschichte in einem Buch aufgeschrieben wurde. Nun gibt es kein Halten mehr für die Sehnsucht des kleinen Prinzen. Der behutsame Einwand der Krähe, daß Antoine de Saint-Exupéry im Zweiten Weltkrieg mit seinem Flugzeug abgeschossen worden und im Meer zwischen Korsika und Frankreich versunken sei, entmutigt ihn nur vorübergehend.

Denn der kleine Prinz wäre nicht der kleine Prinz, wenn der Tod keine unüberwindliche Schwelle für ihn bedeutete …

Martin Baltscheit hat den Charakter des kleinen Prinzen einfühlsam und gänzlich unverändert in diese Fortsetzung transportiert. Man erkennt den kleinen Prinzen beim Lesen sofort wieder und fremdelt kein bißchen. Seine kindliche Herzensunmittelbarkeit, seine Beharrlichkeit, seine Naivität, seine Einsamkeit, seine Wehmut und Empörung sowie seine lächelnde Zuversicht und sein sonniges Lachen – alles ist da, um ihn seinen Weg durch die neue Geschichte meistern zu lassen.
  
In den Erklärungen der Krähe über die Gepflogenheiten der Menschenwelt bringt der Autor zeitgemäße gesellschaftskritische Facetten unter, und auch der kleine Prinz ist befremdet, daß alles mit Geld bemessen und bezahlt wird: »Alles kostet hier auf diesem Planeten. Kekse, Geschichten, Freundschaft – die Freiheit oft ein ganzes Leben. Wenn sie immer nur für alles bezahlen, werden sie eines Tages dafür bezahlen – mit ihrer Menschlichkeit!« (Seite69)

Bemerkenswert ist auch die Verwunderung des kleinen Prinzen über die große Anzahl der Leser seines Buches und die Masse der Buchnebenprodukte zum „Kleinen Prinzen“; ihm wird ganz schwindelig angesichts der unzähligen Tassen, Teller, Spieluhren, Stifte, Spardosen, Nachtlichter, Püppchen, Schneekugeln, Postkarten und Vitaminbonbons, die mit ihm illustriert sind. Das ist einerseits ein gelungener metafiktiver Seitenhieb auf die Markenvermarktungsmaschinerie und andererseits ein Beispiel für des Prinzen unheilbare Naivität in Hinsicht auf die Größenordnungen und Menschen- sowie Warenmengenverhältnisse der modernen Welt.

Selbstverständlich unterscheidet sich Martin Baltscheits Schreibstil von dem Antoine de Saint-Exupérys, gleichwohl aber trifft er weitgehend den dichterischen Ton und den seelischen Klang, die der schriftstellerische Vorgänger vorgegeben hat. Auch die Illustrationen von Martin Baltscheit schmiegen sich harmonisch an ihr Vorbild an.

»Ich bin ein Dichter, kleiner Prinz. Dichter erfinden das Lachen und Weinen in Büchern. Du bist die Idee meines Verstandes, der viel im Verstand anderer Menschen gelesen hat. Denn das ist Lesen, wir denken mit fremden Gehirnen und leben in anderen Leben. So bauen wir uns jeden Tag eine neue Wahrheit.« (Seite 91)

Wer Antoine de Saint-Exupérys kleinen Prinzen liebt, wird sich mit Martin Baltscheits Fortsetzung guten Lesegewissens zumindest anfreunden können.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://karl-rauch-verlag.de/buecher/baltscheit-weihnachten-mit-dem-kleinen-prinzen/

© 2018 Martin Baltscheit, Karl Rauch Verlag, Düsseldorf

Der Autor & Illustrator:

»Martin Baltscheit zählt zu den großen Talenten zeitgenössischer Kinder-und Jugend- literatur. Für die Geschichte des kleinen Prinzen, der an Weihnachten auf die Erde zurückkehrt, hat er die Illustrationen selbst angefertigt und auch das Buch gestaltet. Für ein halbes Jahr lebte der Prinz in seinem Atelier und hat ihm die Geschichte diktiert und die Ausfertigung der Bilder streng überwacht. Ob es eine weitere Geschichte geben wird, steht noch in den Sternen.«  http://www.baltscheit.de

»Antoine de Saint-Exupéry war schon zu seinen Lebzeiten ein anerkannter und erfolgreicher Autor und wurde ein Kultautor der Nachkriegsjahrzehnte, obwohl er selbst sich eher als einen nur nebenher schriftstellernden Berufspiloten sah. Seine märchenhafte Erzählung ›Der kleine Prinz‹ gehört mit über 140 Millionen verkauften Exemplaren zu den erfolgreichsten Büchern der Welt.«

 

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Enno Anders

  • Löwenzahn im Asphalt
  • von Astrid Frank
  • Illustrationen von Regina Kehn
  • Verlag Urachhaus  März 2017    http://www.urachhaus.com
  • gebunden, Fadenheftung
  • 160 Seiten
  • 14,90 € (D)
  • ISBN 978-3-8251-5122-5
  • ab 9 Jahren

ANDERS  ANDERS  ALS  ANDERE

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der elfjährige Enno Anders ist ein phantasievoller Tagträumer; nicht oberflächlich, sondern gedankentief. Allerdings ist er manchmal so sehr in seine Gedankengänge vertieft, daß er eine einfache Aufgabe, wie beispielsweise den Frühstückstisch zu decken, nicht im konventionell-ordentlichen Sinne erledigt oder eine an ihn gestellte Frage nicht hört oder sie im assoziativen Zusammenhang mit der Geschichte beantwortet, die er sich gerade ausdenkt.

Enno ist nun zum zweiten Mal in der vierten Klasse, weil seine schlechten Noten eine Klassenwiederholung geboten. Seine sehr feinen Wahrnehmungsantennen machen Enno das Leben oft schwer. In der Schule irritiert ihn das laute Knacken der Heizungs- systeme und das Geschniefe seines Sitznachbarn, und es gelingt ihm nicht immer, diese für ihn sehr intensiven Reize auszufiltern und dem Unterricht konzentriert zu folgen.

Er mag keine gewalttätigen Filme und kann während der Pausen bei den angesagten Filmen, die seine Klassenkameraden gesehen haben, nicht mitreden. Auch wettbe- werbsbetonte Spiele, in denen es Verlierer und Gewinner gibt, erfüllen ihn nicht mit Freude.

Durch sein untrügliches Gespür für Wahrhaftigkeit und hat er schon so manche Täuschung – beispielsweise seiner egozentrischen Tante – entlarvt. Doch wenn er einen solchen Verdacht äußert, glaubt ihm zunächst niemand, und wenn sich dann seine Wahrnehmung offensichtlich für alle bestätigt, schaut ihn seine Familie an, als wäre er ein unheimlicher Außerirdischer mit Röntgenblick. Dabei ist es Enno unheimlich, daß die anderen nicht mitbekommen, wenn jemand lügt.

Sein bester Freund ist – ausgerechnet – der hochbegabte Nachbarsjunge Olsen, der mit seinen elf Jahren schon in die siebte Klasse geht und nebenbei noch Vorlesungen in Mathematik und Physik besucht, damit sein Superhirn besser ausgelastet ist. Beide Jungs haben gemeinsam, daß sie Außenseiter sind und wesentlich komplexer über die Dinge nachdenken. Bei Olsen fühlt sich Enno verstanden und angenommen, einfach so wie er eben ist. Olsens Mutter ist stolz auf ihren Sohn, und Enno hat den Eindruck, daß sie Olsen gerade wegen seiner Besonderheit umso mehr liebt.

Seine eigene Mutter, das spürt Enno ganz deutlich, hätte ihn gerne anders, also normaler und funktioneller, und sie sorgt sich, was aus ihrem Sohn einmal werden solle. Seine große Schwester Elena geht erfolgreich aufs Gymnasium, und Ennos Mutter wünscht sich, daß Enno dieses Bildungsziel ebenfalls erreicht. Um jedoch eine schulische Empfehlung für das Gymnasium zu bekommen, braucht Enno bessere Noten, u.a. wenigstens ein „befriedigend“ im Fach Deutsch.

Manchmal denkt Enno, daß er ein Außeririscher sei, denn so richtig zu Hause fühlt er sich in der menschlichen Gesellschaft nicht. Egal wieviel Mühe er sich gibt, die Menschenwelt mit ihren unzähligen groben Reizen, der schmerzhaften Lautstärke und den leistungsorientierten Regeln strengt ihn an, und er sehnt sich nach leiseren, langsameren, friedlicheren Gefilden.

Als kreatives Ventil dient ihm eine Geschichte, an der er schon eine Weile heimlich schreibt. In diesem fiktiven Freiraum ist Enno tatsächlich ein Außerirdischer, der das seltsame Leben der Erdmännchen und Erdweibchen erforscht und reflektiert. Die Lesekostproben, die – farblich abgesetzt – ins Buch integriert sind, offenbaren Ausdrucksstärke, Humor und Fantasie sowie einen beträchtlichen Nachholbedarf bei Rechtschreibung und Zeichensetzung.

Nachdem er seine Geschichte fertig geschrieben hat, druckt er sie für seinen Freund Olsen aus. Olsen ist begeistert und regt Enno an, den Text  bei einem Schreibwettbe- werb einzureichen, aber Enno traut sich nicht – wegen seiner schlechten Deutschnote …

Enno lebt in ständigem Konflikt zwischen seinem kindlichen Bedürfnis, von seiner Familie eine positive Resonanz auf sein Sosein zu bekommen, und dem Gefühl, sich für positive Bestätigung verstellen zu müssen. Der Konflikt spitzt sich angesichts der drohenden Empfehlungsschreiben für die weiterführende Schulart zu.

Er belauscht ein Gespräch zwischen seiner Mutter und seinem Vater. Während sein Vater der Ansicht ist, Enno müsse nicht aufs Gymnasium gehen, die Realschule täte es auch und von dort aus könne er später immer noch aufs Gymnasium wechseln, bringt seine Mutter, aufgeregt durch ein Schreiben der Klassenlehrerin, die Frage nach ADS, Entwicklungsdefiziten und sogar einer Förderschule ins Gespräch.

Auf Anregung von Olsens Mutter geht Ennos Mutter mit ihm zu Doktor Müller, dem Psychologen, der Olsens Hochbegabung festgestellt hatte. Enno ist mißtrauisch, aber der Psychologe ist sympathisch und wohlwollend. Nach einigen Tests und einfühlsamen Befragungen erklärt Doktor Müller, daß Enno über eine durchschnittliche Intelligenz mit besonderer Stärke im sprachlichen Sektor verfüge. Außerdem habe er keinerlei Entwicklungsstörungen, sondern nur eine spezielle Eigenschaft, die ihn von der Mehrzahl seiner Altersgenossen unterscheide: Er ist hochsensibel!

Ennos Mutter begreift nun, wie sehr ihre Zweifel an ihrem Sohn ihn zusätzlich belastet haben, da Hochsensible sehr genau spüren, was andere Menschen über sie denken. Die Weichen für besseres wechselseitiges Verständnis sind nun gestellt. Während Ennos Mutter die Neuigkeit für sich verarbeitet, geht Enno rüber zu Olsen, und sie recherchieren und besprechen ausführlich das Thema „Hochsensibilität“.

» „Also, du meinst, die meisten Leute sind wie Löwenzahn. Sie kommen sogar mit nicht so guten Lebensbedingungen zurecht, weil sie sich daran anpassen können. Und dann gibt es Leute, so wie mich zum Beispiel, die sind wie Orchideen. Wenn um sie herum alles total super ist, dann geht es ihnen gut und sie bringen manchmal sogar mehr zustande als die Löwenzahnmenschen.“
Olsen nickt und grinst begeistert: „Genau“, sagt er. „Aber wenn man eine Orchidee nicht gut pflegt…“ « (Seite 149)

Diese Innenansichten eines hochsensiblen Jungen bieten einen aufschlußreichen Einblick in Lebenserfahrung, Daseinsbedingungen und die besonderen zwischenmenschlichen Herausforderungen eines hochsensiblen Kindes. Die Mißverständnisse und pädagogischen Fehldeutungen, mit denen hochsensible Kinder häufig konfrontiert sind, werden deutlich thematisiert und konstruktiv korrigiert.

Ganz besonders gelungen ist die Darstellung der hohen Empathie des hochsensiblen Kindes sowie seine Schwierigkeit, die eigenen Gefühle und die des Gegenübers auseinanderzuhalten. So spürt Enno sehr wohl, daß seine Mutter ihn liebt, aber ebenso, daß sie von ihm enttäuscht wäre, wenn er beispielsweise nicht aufs Gymnasium käme. Diese Gefühlsmelange aus eigener Traurigkeit und der Traurigkeit über die Traurigkeit des anderen wird sehr anschaulich und anrührend in Szene gesetzt.

Normalsensiblen Kindern, Eltern und Betreuern kann diese Lektüre eine Ahnung von der Wahrnehmungsintensität, Denkkomplexität und Empathie- begabung hochsensibler Menschen vermitteln.

Dieses Kinderbuch bietet für hochsensible Kinder breite Identifikations- möglichkeiten und es stärkt auf einfühlsame, humorvolle und kindgerechte Weise Selbstverständnis und Selbstwertschätzung für das individuelle Anderssein sowie Vertrauen in das intuitive, hochsensible Wahrnehmungs- spektrum und die damit verbundene feinsinnig-empfindsame zwischenmenschliche Kompetenz.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.urachhaus.de/buecher/9783825151225/enno-anders

Die Autorin:

»Astrid Frank, geboren 1966, verdiente ihr erstes eigenes Geld noch zu Schulzeiten als Tellerwäscherin in einer Krankenhausküche. Später studierte sie Biologie, Germanistik und Pädagogik und arbeitete bereits während des Studiums als Lektorin und Übersetzerin für mehrere deutsche Verlage und schreibt seit 1999 Geschichten für Kinder und Jugendliche. Sie lebt mit ihrer Familie in Köln. Im Verlag Urachhaus ist bereits ihr Jugendbuch Unsichtbare Wunden erschienen.«   http://www.astridfrank.de

PS:
Diese Buchbesprechung widme ich gerne und aus hochsensibler Selbster- fahrung und Überzeugung Petra Pawlowskys Fundgrube KINDER IM AUFWIND: https://pawlo.wordpress.com/home-2/fundgrube-fuer-kinder-im-aufwind/

Querverweis auf ergänzende Bücher:

Für Sachbuchstoff zum Thema Hochsensibilität linsen Sie bitte unter die nachfolgenden Links: Eliane Reichhardt: Hochsensibel
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/06/20/hochsensibel/
Sylvia Harke: Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/06/23/hochsensibel-ist-mehr-als-zartbesaitet/

Querverweis auf weiterführende Webseiten zur Hochsensibilität:

Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität,
IFHS e.V. in Deutschland, Österreich und der Schweiz:
http://www.hochsensibel.org/
www.zartbesaitet.net
www.ifhs.ch
(Berufs-)verband pro Sensitivität und Empathie im Beruf,
VSEB e.V.:  www.vseb.org
Hilfe für hochsensible Kinder und Jugendliche: www.hochsensiblehilfe.de

Wer gerne wissen möchte, ob er hochsensibel ist, kann den nachfolgenden kleinen Test absolvieren. HSP-Test-Fragebogen: http://www.zartbesaitet.net/survey/site.php?a=su_onepage&su_id=1

 

Der beste Freund, den man sich denken kann

K I N D E R L I E B

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Der beste Freund, den man sich denken kann“   –  nämlich ein imaginärer Kindheitsfreund  – vermittelt in diesem Buch einen lebhaften, humorvoll-nachdenklichen Eindruck vom Leben und Umgang mit dem Asperger-Syndrom.

Budo ist der imaginäre Freund des neunjährigen Max. Max hat das Asperger-Syndrom und keine Freunde, da Sozialkontakte für ihn ein fast unüberwindliches Problem bzw. – genauer ausgedrückt  –  ein schwer zu lösendes Rätsel sind. Was für die meisten Menschen eine selbstverständliche und einfache Angelegenheit ist, erscheint für Max kompliziert, beängstigend und verwirrend undurchschaubar.

Budo liefert uns folgende Erklärung: „Max mag Menschen nun mal nicht so gern wie andere Kinder es tun. Er mag Menschen schon, aber es ist eine andere Art von mögen. Er mag sie von Weitem.“  (Seite 16)

Max ist gerne alleine und spielt gerne alleine, aber seinen imaginären Freund hat er sich maßgeschneidert zu seinen Bedürfnissen ausgedacht und ihn mit großer Sorgfalt gestaltet. Deshalb sieht Budo aus wie ein richtiger Junge und nicht wie ein Stofftier, eine Märchengestalt oder ein nur flüchtig hingekritzeltes Strichmännlein.

Budo ist schon sechs Jahre alt, was für einen imaginären Freund ein hohes Alter ist; viele imaginäre „Kollegen“ Budos überleben nur einige Wochen oder Monate, also genauso lange, wie das jeweilige Kind an seinen imaginären Freund glaubt und sich mit ihm beschäftigt. Budo ist dankbar dafür, daß Max ihn sich so präzise ausgedacht hat und daß er ihn mit Bewegungsfreiheit und der Fähigkeit, auch geschlossene Türen und Fenster zu durchqueren, ausgestattet hat.

Das tragende Element von Maxens und Budos Beziehung ist, daß Budo kein Bedürfnis hegt, Max zu verändern, und ihn einfach so sein läßt, wie er ist. Das ist etwas, was die meisten anderen Menschen, einschließlich Maxens Eltern, nicht oder nur zum Teil können.

„Ich verbringe fast den ganzen Tag mit ihm und sehe, wie anders er ist verglichen mit den Kindern in seiner Klasse. Max lebt auf der Innenseite, und die anderen Kinder leben auf der Außenseite. Das macht ihn so anders. Max hat keine Außenseite. Max besteht komplett aus Innenseite.“ (Seite 28)

Das erklärt, warum es für  Max so wichtig und beruhigend ist, für die äußerlichen Angelegenheiten möglichst feste Regeln und unveränderliche alltägliche Abläufe zu haben. Max zieht nie mehr als sieben Kleidungsstücke gleichzeitig an, es muß immer die gleiche Zahncremesorte sein, und die Entscheidung, welche Socken er anziehen soll, oder eine Wahl zwischen zwei Eissorten zu treffen, ist schon eine Herausforderung für ihn.

Da Budo Maxens Schöpfung ist, begreift er ihn auch von innen heraus, und die beiden kommen gut miteinander aus, sie spielen und sprechen miteinander, und wenn Max schläft, nimmt Budo als unsichtbarer Beobachter Anteil an den Gesprächen von Maxens Eltern oder schaut mit ihnen fern.

Wenn die ganze Familie schläft, erforscht Max auch die nähere Umgebung und andere „Menschwesen“ und erweitert auf diese Weise seinen Wirklichkeitshorizont.

Budos Unsichtbarkeit erlaubt ihm Einsichten, die gelegentlich lustig sind: z.B. wer, wann, wie und wo heimlich oder auch unheimlich in der Nase bohrt. Aber er erfährt auch einiges, was ihn zu tieferen Fragen und Gedankenspielen über existenzielle Themen anregt.

Außerdem hat er schon viele imaginäre Freunde verblassen und verschwinden sehen, wenn die dazugehörigen Kinder nicht mehr an ihren ausgedachten Begleiter glauben, selbständiger werden oder ihn nach und nach einfach vergessen.

Das zwischenmenschliche Gefühlsspektrum ist Budo nicht fremd, und er verfügt über großes Einfühlungsvermögen, nicht nur für Max und andere Kinder, sondern auch in Bezug auf Erwachsene, deren häufige Gefühlstarnungen er glasklar durchschaut.

Budo versteht mehr von der Welt als Max und erklärt ihm die Mehrdeutigkeiten von Wörtern und umgangssprachlichen Redewendungen, denn Max versteht alles nur wortwörtlich, was eine Quelle für viele Mißverständnisse und Irritationen ist.

Budo begleitet Max auch zur Schule, und wir schauen aus Budos Perspektive auf pädagogische Licht- und Schattengestalten. Er hat ein feines Gespür für echte und unechte Verhaltensweisen, und er bemerkt mit gesundem Mißtrauen eine Hilfslehrerin, die sich bei Max  anzubiedern versucht.

Als Max schließlich genau von dieser Lehrerin entführt wird, ist Budo der einzige Zeuge. Verzweifelt beobachtet er die Ermittlungen der Polizei, aber er ist ja nur für Max und für imaginäre Daseinsformen sichtbar und hörbar, also kann er nicht einfach sein Wissen weitergeben und das Problem den Erwachsenen überlassen. Er muß sich selbst etwas einfallen lassen, und er kann nur mittelbar handeln, da er keinen physischen Einfluß auf die materielle Welt hat. Budo findet das Versteck der Entführerin, und er besucht Max, aber um Max zu befreien, müßte er den Mechanismus einer Geheimtür auslösen können, doch das ist für Budo unmöglich.

Für dieses Problem findet Budo zwar, mit Unterstützung weiterer imaginärer Freunde, eine kreative Lösung, aber um den schreckstarren Max zur Flucht zu bewegen, muß er ihm androhen, ihn in Zukunft ganz allein zu lassen und ihn nie mehr zu besuchen. Er geht sogar so weit, Max darüber aufzuklären, daß er nur ein ausgedachter Freund sei, obwohl Budo damit seine eigene Existenzgrundlage gefährdet. Das ist hart, aber es hilft!

Während der dramatischen Flucht entwickelt Max plötzlich eine ungewohnt selbständige Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit, und er schafft den Weg zurück zu seinem Elternhaus. Glücklich schaut Budo der familiären Wiedervereinigung zu, und er sieht Max zum ersten Mal im Leben richtig lächeln.

Budo hat Max letztlich dabei geholfen, sich selbst zu helfen, und das ist ein großer Fortschritt für Max und sein weiteres Leben.

„Der beste Freund, den man sich denken kann“ ist eine außergewöhnliche, interessante und spannende Freundschaftsgeschichte, aus der eine große Liebe zu Kindern und zum Leben spricht.

 

Der Autor:

»Matthew Dicks hat am Trinity Colllege in Hartford, Connecticut, studiert und arbeitet als Grundschullehrer. Aus Deutsch erschienen Der gute Dieb (2009) und 99 Sommersprossen (2010). Er lebt mit seiner Frau, zwei Kindern, einem Hund und einer Katze in Newington, Connecticut.«
http://www.matthewdicks.com

Hier ist der Link zu meiner Besprechung von „Der Gute Dieb“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/25/der-gute-dieb/