Ramas Flucht

  • Bilderbuch
  • Bilder von Nizar Ali Badr
  • Text von Margriet Ruurs
  • Arabischer Text von Falah Raheem
  • Originaltitel »Stepping Stones. A Refugee Family’s Journey«
  • Aus dem Englischen von Ulli und Herbert Günter
  • Deutsch-arabische Ausgabe
  • Gerstenberg Verlag  Januar 2017    http://www.gerstenberg-verlag.de
  • Format: 18,5 x 24 cm
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 48 Seiten
  • ISBN 978-3-8369-5973-5
  • 12,95 € (D), 13,40 € (A), 16,90 sFr.
  • ab 4 Jahren

DIE  STIMMEN  DER  STEINE

Bilderbuchbesprechung  von Ulrike Sokul ©

„Ramas Flucht“ ist ein Bilderbuch, das Steine sprechen läßt, den Horizont weitet, das Herz öffnet.

Der syrische Bildhauer Nizar Ali Badr hat für die Geschichte von Ramas Flucht Steincollagen gelegt, deren tiefe, elementare  Ausdruckskraft überrascht und beein-druckt. Seine Bildkompositionen aus einfachen Kieselsteinen sind erstaunlich beredt.
Die menschlichen Figuren strahlen durch ihre steinerne Körpersprache sehr differenziert bewegte und bewegende Gefühle aus, und an manchen Stellen bringt Nizar Ali Badr sogar Steine zum Blühen.

Rama erzählt vom glücklichen Lebensalltag ihrer Familie, der Vater arbeitet auf dem Feld, der Großvater geht fischen und erzählt abends unter dem häuslichen Orangenbaum von den Ahnen, die Mutter näht und kocht, die Kinder spielen fröhlich miteinander, man kauft auf dem Markt ein, und man trinkt gelegentlich Tee mit den Nachbarn und plaudert.

Illustration von Nizar Ali Badr © „Ramas Flucht“ Gerstenberg Verlag 2017

Dann kommt der Krieg, Bomben fallen, Lebensmittel werden knapp, die ersten Nachbarn verlassen das Dorf, die Abschiede und Verluste häufen sich, die Angst wächst, und schließlich flieht auch Ramas Familie vor Gewalt und Unfreiheit.

Illustration von Nizar Ali Badr © „Ramas Flucht“ Gerstenberg Verlag 2017

Illustration von Nizar Ali Badr © „Ramas Flucht“ Gerstenberg Verlag 2017

Die Mühsalen, Gefahren und Schmerzen der Flucht zu Land und zu Meer werden beschrieben, aber auch die Hoffnung auf ein anderes Leben an einem Ort, an dem Frieden herrscht. Ramas Familie findet ein neues Zuhause und Menschen, die ihnen helfen …

Illustration von Nizar Ali Badr © „Ramas Flucht“ Gerstenberg Verlag 2017

Die Autorin Margriet Ruurs hat für Ramas Geschichte einen feinen, leise-eindringlichen, poetischen und zugleich präzisen Tonfall gefunden, der wunderbar mit der empfindsamen Kraft der Steinbilder harmoniert. Der Text erscheint zudem zweisprachig auf Deutsch und Arabisch.

Dieses außergewöhnliche Bilderbuch wird dem Anspruch gerecht, den es mit dem vorangestellten Zitat von Albert Einstein erhebt:

„Frieden kann nicht durch Gewalt erhalten werden.
Er kann nur durch Verständnis erreicht werden.“

„Ramas Flucht“ eignet sich hervorragend, um Kindern das Thema Flucht begreifbar und verständlich zu machen. Die Stein-Collagen sind anrührend und ergreifend, aber nicht abschreckend wie beispielsweise Nachrichtenfotos. Außerdem ist diese Art der Bildgestaltung auch eine kreative Anregung für den Kunstunterricht und/oder für therapeutische Ausdrucksformen – insbesondere für Kinder, die selbst Fluchterfahrungen hinter sich haben.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.gerstenberg-verlag.de/index.php?id=detailansicht&url_ISBN=9783836959735&highlight=ramas+flucht

 

PS:
Die außergewöhnliche Zusammenarbeit zwischen Nizar Ali Badr und Margriet Ruurs ist ein schönes Beispiel für die Überwindung von Grenzen. Margriet Ruurs entdeckte die kunstvollen Steinbilder Nizar Ali Badrs im Internet und wollte eine Geschichte dazu schreiben. Sie bemühte sich geduldig um Kontakt. Nach einigen Umwegen und vermittels eines englischsprachigen Freundes des syrischen Künstlers konnte dieses Buchprojekt schließlich verwirklicht werden.

PPS:
Auf Karins Sternschnuppen-Blog finden sich drei kurze, sehenswerte YouTube-Filme über die Arbeiten von Nizar Ali Badr:
https://11sternschnuppe11.wordpress.com/2017/07/25/pictures-of-the-east/

PPPS:
Gerne reihe ich auch diese Bilderbuchbesprechung in Petra Pawlowskys Fundgrube für das Projekt KINDER IM AUFWIND ein:
https://pawlo.wordpress.com/home-2/fundgrube-fuer-kinder-im-aufwind/

Der Illustrator:

»Nizar Ali Badr, geboren 1964 in Latakia, Syrien, lebt auch heute noch in der syrischen Hafenstadt. Er ist Künstler und Bildhauer. Badr sammelt Steine in der näheren Umgebung, aus denen er im Atelier auf dem Dach seines Hauses eindrucksvolle Kunstwerke schafft.«

Die Autorin:

»Margriet Ruurs, geboren 1952 in den Niederlanden, lebt schon lange in Kanada. Sie schreibt Gedichte, Bilder-, Sach- und Schulbücher. Heute wohnt sie auf Saltspring Island, einer kleinen Insel im Pazifik, wo sie ein Bed & Breakfast für Buchliebhaber betreibt.«

 

 

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Der beste Freund, den man sich denken kann

K I N D E R L I E B

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Der beste Freund, den man sich denken kann“   –  nämlich ein imaginärer Kindheitsfreund  – vermittelt in diesem Buch einen lebhaften, humorvoll-nachdenklichen Eindruck vom Leben und Umgang mit dem Asperger-Syndrom.

Budo ist der imaginäre Freund des neunjährigen Max. Max hat das Asperger-Syndrom und keine Freunde, da Sozialkontakte für ihn ein fast unüberwindliches Problem bzw. – genauer ausgedrückt  –  ein schwer zu lösendes Rätsel sind. Was für die meisten Menschen eine selbstverständliche und einfache Angelegenheit ist, erscheint für Max kompliziert, beängstigend und verwirrend undurchschaubar.

Budo liefert uns folgende Erklärung: „Max mag Menschen nun mal nicht so gern wie andere Kinder es tun. Er mag Menschen schon, aber es ist eine andere Art von mögen. Er mag sie von Weitem.“  (Seite 16)

Max ist gerne alleine und spielt gerne alleine, aber seinen imaginären Freund hat er sich maßgeschneidert zu seinen Bedürfnissen ausgedacht und ihn mit großer Sorgfalt gestaltet. Deshalb sieht Budo aus wie ein richtiger Junge und nicht wie ein Stofftier, eine Märchengestalt oder ein nur flüchtig hingekritzeltes Strichmännlein.

Budo ist schon sechs Jahre alt, was für einen imaginären Freund ein hohes Alter ist; viele imaginäre „Kollegen“ Budos überleben nur einige Wochen oder Monate, also genauso lange, wie das jeweilige Kind an seinen imaginären Freund glaubt und sich mit ihm beschäftigt. Budo ist dankbar dafür, daß Max ihn sich so präzise ausgedacht hat und daß er ihn mit Bewegungsfreiheit und der Fähigkeit, auch geschlossene Türen und Fenster zu durchqueren, ausgestattet hat.

Das tragende Element von Maxens und Budos Beziehung ist, daß Budo kein Bedürfnis hegt, Max zu verändern, und ihn einfach so sein läßt, wie er ist. Das ist etwas, was die meisten anderen Menschen, einschließlich Maxens Eltern, nicht oder nur zum Teil können.

„Ich verbringe fast den ganzen Tag mit ihm und sehe, wie anders er ist verglichen mit den Kindern in seiner Klasse. Max lebt auf der Innenseite, und die anderen Kinder leben auf der Außenseite. Das macht ihn so anders. Max hat keine Außenseite. Max besteht komplett aus Innenseite.“ (Seite 28)

Das erklärt, warum es für  Max so wichtig und beruhigend ist, für die äußerlichen Angelegenheiten möglichst feste Regeln und unveränderliche alltägliche Abläufe zu haben. Max zieht nie mehr als sieben Kleidungsstücke gleichzeitig an, es muß immer die gleiche Zahncremesorte sein, und die Entscheidung, welche Socken er anziehen soll, oder eine Wahl zwischen zwei Eissorten zu treffen, ist schon eine Herausforderung für ihn.

Da Budo Maxens Schöpfung ist, begreift er ihn auch von innen heraus, und die beiden kommen gut miteinander aus, sie spielen und sprechen miteinander, und wenn Max schläft, nimmt Budo als unsichtbarer Beobachter Anteil an den Gesprächen von Maxens Eltern oder schaut mit ihnen fern.

Wenn die ganze Familie schläft, erforscht Max auch die nähere Umgebung und andere „Menschwesen“ und erweitert auf diese Weise seinen Wirklichkeitshorizont.

Budos Unsichtbarkeit erlaubt ihm Einsichten, die gelegentlich lustig sind: z.B. wer, wann, wie und wo heimlich oder auch unheimlich in der Nase bohrt. Aber er erfährt auch einiges, was ihn zu tieferen Fragen und Gedankenspielen über existenzielle Themen anregt.

Außerdem hat er schon viele imaginäre Freunde verblassen und verschwinden sehen, wenn die dazugehörigen Kinder nicht mehr an ihren ausgedachten Begleiter glauben, selbständiger werden oder ihn nach und nach einfach vergessen.

Das zwischenmenschliche Gefühlsspektrum ist Budo nicht fremd, und er verfügt über großes Einfühlungsvermögen, nicht nur für Max und andere Kinder, sondern auch in Bezug auf Erwachsene, deren häufige Gefühlstarnungen er glasklar durchschaut.

Budo versteht mehr von der Welt als Max und erklärt ihm die Mehrdeutigkeiten von Wörtern und umgangssprachlichen Redewendungen, denn Max versteht alles nur wortwörtlich, was eine Quelle für viele Mißverständnisse und Irritationen ist.

Budo begleitet Max auch zur Schule, und wir schauen aus Budos Perspektive auf pädagogische Licht- und Schattengestalten. Er hat ein feines Gespür für echte und unechte Verhaltensweisen, und er bemerkt mit gesundem Mißtrauen eine Hilfslehrerin, die sich bei Max  anzubiedern versucht.

Als Max schließlich genau von dieser Lehrerin entführt wird, ist Budo der einzige Zeuge. Verzweifelt beobachtet er die Ermittlungen der Polizei, aber er ist ja nur für Max und für imaginäre Daseinsformen sichtbar und hörbar, also kann er nicht einfach sein Wissen weitergeben und das Problem den Erwachsenen überlassen. Er muß sich selbst etwas einfallen lassen, und er kann nur mittelbar handeln, da er keinen physischen Einfluß auf die materielle Welt hat. Budo findet das Versteck der Entführerin, und er besucht Max, aber um Max zu befreien, müßte er den Mechanismus einer Geheimtür auslösen können, doch das ist für Budo unmöglich.

Für dieses Problem findet Budo zwar, mit Unterstützung weiterer imaginärer Freunde, eine kreative Lösung, aber um den schreckstarren Max zur Flucht zu bewegen, muß er ihm androhen, ihn in Zukunft ganz allein zu lassen und ihn nie mehr zu besuchen. Er geht sogar so weit, Max darüber aufzuklären, daß er nur ein ausgedachter Freund sei, obwohl Budo damit seine eigene Existenzgrundlage gefährdet. Das ist hart, aber es hilft!

Während der dramatischen Flucht entwickelt Max plötzlich eine ungewohnt selbständige Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit, und er schafft den Weg zurück zu seinem Elternhaus. Glücklich schaut Budo der familiären Wiedervereinigung zu, und er sieht Max zum ersten Mal im Leben richtig lächeln.

Budo hat Max letztlich dabei geholfen, sich selbst zu helfen, und das ist ein großer Fortschritt für Max und sein weiteres Leben.

„Der beste Freund, den man sich denken kann“ ist eine außergewöhnliche, interessante und spannende Freundschaftsgeschichte, aus der eine große Liebe zu Kindern und zum Leben spricht.

 

Der Autor:

»Matthew Dicks hat am Trinity Colllege in Hartford, Connecticut, studiert und arbeitet als Grundschullehrer. Aus Deutsch erschienen Der gute Dieb (2009) und 99 Sommersprossen (2010). Er lebt mit seiner Frau, zwei Kindern, einem Hund und einer Katze in Newington, Connecticut.«
http://www.matthewdicks.com

Hier ist der Link zu meiner Besprechung von „Der Gute Dieb“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/25/der-gute-dieb/