Montedidio

  •  von Erri de Luca
  • Aus dem Italienischen
  • von Annette Kopetzki
  • Graf Verlag 2012                                                 http://www.graf-verlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 224 Seiten
  • 14,99 € (D),  15,50 € (A),  16,90  sFr.
  • ISBN 978-3-86220-031-3
  • Taschenbuchausgabe List Verlag 2014     http://www.list-taschenbuch.de
  • 8,99 € (D),  9,30 € (A),  10,50  sFr.
  • ISBN 978-3-548-61187-7
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MIT  HAND  UND  FUSS  UND  FLÜGELN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ich könnte behaupten, ich habe dieses Buch in einem Atemzug gelesen, denn so kam es mir vor, wie ein langer, sehr tiefer Atemzug aus dem vollen Leben: elementar und einfach, voller Würde und berührender Wahrhaftigkeit.

Der Ich-Erzähler ist ein dreizehnjähriger Junge, der von seinem Vater einen Bumerang aus Akazienholz zum Geburtstag geschenkt bekommen hat und diesen hütet wie einen geheimen Schatz. Er lebt mit seinen Eltern in Neapel, im Stadtteil Montedidio; der Lebensabschnitt, von dem hier berichtet wird, spielt zeitlich Anfang der 60er Jahre.

Der Junge hat nach fünf Jahren Schulzeit eine Lehre bei einem Tischler begonnen und ist stolz darauf am Ende der Woche seinen bescheidenen Lohn nach Hause zu bringen. Sein Lehrherr, Meister Errico, ist freundlich, und er hat in seiner Werkstatt einem jüdischen Flüchtling Zuflucht gewährt, der nun in einer Ecke der Werkstatt sein Schuhmacherhandwerk ausübt.

Der Schuhmacher, Don Rafaniello, flickt die Schuhe der Armen und nimmt kein Geld dafür. Die Armen danken es ihm mit Segenswünschen, und sie streicheln seinen Buckel, weil die Neapolitaner glauben, dies bringe Glück. Don Rafaniello unterhält sich gerne mit dem Jungen und erzählt ihm, in Wirklichkeit seien Flügel in seinem Buckel verborgen, und bald würden sie ausschlüpfen und ihn nach Jerusalem fliegen lassen.

Der Junge arbeitet fleißig und pflegt seine italienischen Sprachkenntnisse, indem er die Erlebnisse jeden Tages mit Bleistift auf eine Restrolle Druckerpapier (ein Geschenk des Druckers aus der Nachbarschaft) schreibt. Seine Eltern sind stolz darauf, daß ihr Sohn außer dem neapolitanischen Dialekt auch das „richtige“ Italienisch beherrscht und Lesen und Schreiben gelernt hat.

Auf der Dachterrasse des Miethauses, in dem der Junge mit seinen Eltern wohnt, übt er jeden Abend den Schwung für den Wurf seines Bumerangs, ohne ihn jedoch fliegen zu lassen. Er will erst seine Kraft wachsen lassen und seine Geschicklichkeit trainieren. Auch die gleichaltrige Nachbarstochter Maria schaut zu, wie der Junge langsam männlichere Gestalt annimmt. Sie vertraut sich seinem Schutz an, und zwischen den beiden keimt eine starke, erste Liebe.

Die Mutter des Jungen erkrankt ernsthaft, und der Vater verbringt jede freie Minute im Krankenhaus, um über ihr Leben zu wachen. Der Junge wird darüber vernachlässigt, aber die beiden Ersatzväter, Meister Errico und Don Rafaniello – der eine mit seiner rauhen Herzlichkeit und der andere mit seiner alltagstauglichen Weisheit und beide mit abgrundtiefer Menschenkenntniss, – bieten einen guten Halt. Neben den Muskeln wächst auch der geistige Horizont des Jungen, und unvermeidlich verliert sich seine kindliche Unschuld. Die zärtliche und respektvolle Verbindung mit Maria und die ersten sinnlichen Erfahrungen, die sie sich gemeinsam ertasten, bedeuten Trost und Reifung.

„Montedidio“ ist eine Geschichte vom Erwachsenwerden, von Abschied und Neubeginn, von ersten Lebensgefahren und -Rettungen, Wundern und Verwundungen. Mit unwillkürlicher Selbstverständlichkeit kommen zudem gute Wünsche, böse Flüche, luftige Geister und ratgebende Engel zu Wort.

All das wird in einer zutiefst achtsamen, ungekünstelten Sprache erzählt: feinfühlig, lebensreif, sinnlich, wortwörtlich mit Hand und Fuß und zugleich poetisch und andächtig.

Der Autor instrumentiert den Verlauf der Geschichte mit den Besonderheiten des neapolitanischen Dialektes im Vergleich zum Italienischen; viele Ausdrücke, Sprüche und Weisheiten werden im Original und anschließend in der Übersetzung wiedergegeben. So beginnt das Buch mit: » ‘A iurnata è ‘nu muorzo, ein Tag ist schnell gegessen…«

Auf dem Buchumschlag wird aus einer italienischen Rezension aus La Repubblica zitiert, die das Buch mit einer „Kantate von Bach oder einer Parabel aus der Bibel“ vergleicht. Ich dachte bei der Lektüre oft an das Gemälde von Michelangelo Caravaggio: „Amor als Sieger“, das die attraktive und herausfordernde Mischung aus Irdischem und Himmlischem illustriert, die auch den Roman von Erri De Luca auszeichnet.

Nun noch ein Zitat als Leseleckerbissen:

„Ich erkenne das Alter der Leute immer, nur bei Rafaniello nicht. Im Gesicht ist er hundert Jahre alt, an den Händen vierzig, an den Haaren zwanzig, ganz rot und buschig sind sie. Wie alt er in seinen Worten ist, weiß ich nicht, er spricht wenig, mit einer sehr leisen Stimme. Er singt in einer fremden Sprache, wenn ich seine Ecke ausfege, zeigt er mir ein Lächeln, und die Falten und Sommersprossen bewegen sich, es sieht aus wie das Meer, wenn es darauf regnet.“ (Seite 20)

 

Der Autor:

»Erri de Luca, geboren 1950 in Neapel, begann erst mit vierzig zu schreiben. Als Autodidakt lernte er Hebräisch, um Teile der Bibel neu zu übersetzen. Mit seinen über dreißig Büchern gehört er in Italien zu den erfolgreichsten Autoren.«

Erri de Luca wurde 2010 mit dem Petrarca-Preis ausgezeichnet.

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Das Handbuch für Prinzessinnen

UNTER  UNS  PRINZESSINNEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dieses Mädchenbuch ist nicht so rosa, wie es aussieht!

Die vier Freundinnen, die sich im  „Club der zartgrauen Prinzessinnen“ zusammenfinden, leben in bescheidenen Verhältnissen; aber mit Hilfe  eines geheimnisvollen  „Handbuches für Prinzessinnen“  machen sie gemeinsam, kreativ und mit würdevoller Tapferkeit das Beste aus ihren wenig bilderbuchmäßigen Lebensumständen. Es gibt keine Tennis- und Reitstunden oder gar Personal für die Prinzessinnen, und die magere Garderobe wird mit selbstgeschneiderten Sachen aus grauem Stoff ergänzt.

Anni, die Erzählerin der Geschichte, hat eine liebevolle Mutter, die im Rollstuhl sitzt; vom Vater gibt es nur einen Stapel alter Briefe. Missy lebt bei ihrem Vater, der einen Antiquariatsbuchladen führt; hier fehlt schmerzlich die Mutter, die in der kindlichen Fantasie zur englischen Landadeligen hochstilisiert wird. Im Gegensatz zum reduzierten Familienanhang ihrer Freundinnen verfügt Elina über eine fürsorgliche, russische Großfamilie, die das letzte Exemplar einer ausgestorbenen Rosensorte namens „Frostmond“  besitzt. Doch die Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung durch den Verkauf der Rose ist sehr getrübt, da die Pflanze bedenklich kränkelt. Theresa ist wegen Liebeskummer von zu Hause ausgerissen und lebt vorübergehend bei ihrer Tante.

Bei dem „Handbuch für Prinzessinnen“ handelt es sich um acht, vergilbte, handbeschriebene Seiten, welche die Mädchen in einer Bücherkiste im Laden von Missys Vater gefunden haben: “Belle von W.:  Handbuch für Prinzessinnen, Shanghai 1942 bis Bremerhaven 1946 ,  Auflage 1 Stück, weltweit.“

Die teilweise strengen, selbstdisziplinierenden, aber auch lustigen und romantischen Regeln und Empfehlungen aus dem Handbuch verhelfen den Freundinnen zu einer reifen inneren Haltung und zu eleganten Umgangsformen (von seltenen Ausrutschern abgesehen).

Sehnlichst wünschen sich die Mädchen, einer vollständigen Ausgabe des „Handbuches  für Prinzessinnen“  habhaft zu werden; bis dahin ergänzen sie die sorgfältig  in einem Ordner abgehefteten Seiten um selbsterarbeitete, blaublütige Spielregeln. Diese Orientierungshilfe erleichtert den Freundinnen den Umgang mit der Plage der „Poloponys“, fünf hochnäsigen Mädchen aus reichen Elternhäusern, die sich stets harmonisch pastellbunt kleiden und im schulischen Klassenkampf ihre modische und soziale Scheinüberlegenheit gerne und mit Vorliebe an den „grauen Prinzessinnen“ auslassen.

Eines Wintertages beschließen die Prinzessinnen, ihre tägliche Teestunde mit selbstgebackenen „Höflingsbissen“  zu versüßen. Das dafür erforderliche Rosenwasser könnte für die Mädchen unbezahlbar sein, doch sie wollen einen Rat aus ihrem Handbuch ausprobieren, der nichts anderes ist, als eine elegant verpackte Bitte um Zahlungsaufschub. So kommt es beim freundlichen Apotheker aus der Nachbarschaft zu einer schicksalhaften Begegnung: eine ältere Dame, die vor den Mädchen bedient wird und Lavendelseife erwirbt, spricht, anstatt zu bezahlen, exakt den Text aus dem Handbuch:

Oh, so teuer mein Lieber? Ich bin es leider nicht gewohnt, so viel Bargeld mit mir herumzutragen. Ich war lange in einem Mädchenpensionat in der Schweiz, müssen Sie wissen. Dort galt es als gewöhnlich, mit Geld in der Tasche herumzulaufen… Wie dem auch sei … Meine Zofe wird  das Geld in den kommenden Tagen bringen!“

Die eifrigen Nachforschungen der Freundinnen führen – nach einigen Turbulenzen und Mißverständnissen – zu einer Einladung zum Tee bei der prinzessinnenverdächtigen Dame, die sich als einstige Verfasserin des Handbuches und als wirklich echte Prinzessin entpuppt. Die Freundinnen kommen in den Genuß des vollständigen  „Handbuches für Prinzessinnen“, und die Dame weiß auch wie „Frostmond“  behandelt werden muß, um – natürlich blaublütig – zu blühen. Nach und nach wenden sich alle Umstände und Beziehungen zum Besseren.

Die zärtliche Ironie, mit der Hilke Rosenboom ihre Figuren beschreibt, die dem Erzähltext eingefügten Passagen aus dem „Handbuch für Prinzessinnen“, die stets den passenden Kommentar oder die dringend benötigte Ermutigung zu  den laufenden Geschehnissen liefern, und die witzigen Ilustrationen von Franziska Harvey gestalten ein sehr originelles und unkonventionelles Mädchenbuch.

Besonders erwähnenswert ist eine im Buch aufgelistete Sammlung von Wortbausteinen für edle neunsilbige Flüche, die junge Leserinnen spielerisch anregt, ihren Wortschatz zu bereichern und mit eigenen neuen Wortkombinationen  zu ergänzen.

Die für alle Beteiligten glücklichen Fügungen und überraschenden Familienzusammenführungen am Ende der Geschichte, mögen vielleicht etwas märchenhaft sein, aber wünschenswert sind und bleiben sie auf jeden Fall.

Wem das nicht paßt, den verfluche ich „beim neureichen, lügenden Wangenkuss“ oder
„beim staubweichen, schnarchenden Himmelbett“ oder „beim prinzlichen, fusselnden  Pantoffel“. Für edle neunsilbige Gegenflüche kombinieren Sie sich bitte mit den Wortbausteinen auf den Seiten 58/59 selber etwas zurecht.

 

Die Autorin:

»Hil­ke Ro­sen­boom, wurde 1957 auf Juist geboren. Sie studierte in Kiel Linguistik und besuchte die Journalistenschule in Hamburg. 15 Jahre lang arbeitete sie als Reporterin beim »Stern«. Seit 1995 veröffentlichte sie als freie Publizistin viele Romane für Erwachsene und Kurzgeschichten für Kinder. Sie war verheiratet und lebte mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Hamburg und Ostfriesland. Hilke Rosenboom starb im August 2008.«

 

Die Illustratorin:

»Franziska Harvey, wurde 1968 in Frankfurt am Main geboren. Sie studierte Illustration und Kalligrafie und arbeitet heute als freiberufliche Illustratorin für verschiedene Verlage und Agenturen«.