Stein und Flöte

  • und das ist noch nicht alles
  • Märchenroman von
  • Hans Bemmann
  • Hörbuch
  • Sonderausgabe
  • Hörbuch Hamburg Osterwold, März 2020 http://www.osterwold-audio.de
  • ungekürzte Lesung von Oliver Rohrbeck
  • Laufzeit: 2519 Minuten bzw. fast 42 Stunden
  • 4 mp3-CDs im Klappschuber
  • 18,00 € (D), 20,20 € (A)
  • ISBN 978-3-86952-451-1

Persönliches Vorwort zu dieser Rezension:

Dies ist meine 500. Buchbesprechung! Aus diesem Anlaß widme ich mich heute mit dem größten Vergnügen einem meiner Lieblingslieblingsbücher: „Stein und Flöte und das ist noch nicht alles“ von Hans Bemmann, in der ungekürzten Hörfassung, gelesen von Oliver Rohrbeck.

M Ä R C H E N W E I S E S

Hörbuchbesprechung  von Ulrike Sokul ©

„Wenn du erst einmal die Töne greifen kannst, wird die Flöte deine Gedanken selbst zum Klingen bringen. Und sie wird jeden, der sie hört, zu dem verleiten, was du beim Spielen im Sinn hast. Vergiß das nie! Du mußt wissen, daß mit der Weitergabe der Flöte eine Bedingung verknüpft ist: Dem Erben darf nur die Griffweise erklärt werden; was er dann auf der Flöte spielt, muß er selbst bestimmen. Mein Unterricht wird also kurz sein.“  (Seite 202)

„Stein und Flöte“ ist ein tiefsinniger, vielschichtiger und weiser Märchenroman von beträchtlicher Länge. Es ist eine klassische Heldenreise, in der ausführlich und charaktertief der Lebenslauf und die Verwandlungen von Lauscher, dem Enkelsohn des Sanften Flöters, erzählt werden. Lauschers Lebensweg ist verbunden mit den schicksals- wendigen Menschen und auch einigen Tieren, die ihm – sei es zugeneigt oder abgeneigt – begegnen, ihn beeinflussen und die seiner auf die eine oder andere Art bedürfen. So bietet dieser Roman nicht nur spannende Einblicke in Lauschers Charakter und Ent- wicklung, sondern auch in weitere interessante und starke männliche und weibliche Charaktere, die ihm zugesellt sind.

Der Held dieses Märchenromans heißt deshalb „Lauscher“, weil er sehr leise spricht und auf lautes Ansprechen oder gar Schreien mit Verwirrung und Unverständnis reagiert. Sein Vater ist der „Große Brüller“, ein haariges, kompakt-kräftiges, zupackendes und stimmgewaltiges Mannsbild, das in der Stadt Fraglund das lokale Richteramt ausübt. Seine aus einigen Tagesritten Entfernung zugereiste zarte und leise Mutter ist die Tochter des „Sanften Flöters“, dessen Ruf als diplomatischer Vermittler bei Krisen, Kriegen und Konflikten legendär ist.

Dabei spielt der Sanfte Flöter mit seiner silbernen Flöte keineswegs manipulativ, sondern seine – gewissermaßen mit absichtsloser Absicht gespielten – meditativ besänftigenden, einfühlsam mitschwingenden Flötentöne berühren die Herzen der Zuhörer, wecken ihr Mitgefühl, bringen Tränen zum Fließen oder lösen je nachdem auch Lachen und Schmunzeln aus, sie erinnern an das Verbindende zwischen den Menschen, lösen psychische Verhärtungen auf und führen so dazu, daß sich wieder ein Raum öffnet für ein konstruktives Gespräch zwischen verfeindeten oder zerstrittenen Parteien oder für die sachliche oder heitere Aufklärung von Mißverständnissen.

Als der Stadt Fraglund ein Überfall der Beutereiter droht, versammelt der Große Brüller die waffenfähigen Männer, um den Beutereitern in einer Schlucht eine Falle zu stellen. Lauscher, der zu diesem Zeitpunkt siebzehn Jahre alt ist, soll mitkommen und mit- kämpfen, erbittet sich aus, zwar mitzureiten, sich jedoch um die Verwundeten kümmern zu dürfen, da ihm der Umgang mit Waffen nicht liege.

Widerwillig stimmt sein Vater zu. Die örtliche Gemeinschaft kann die Beutereiter erfolg-reich in die Flucht schlagen. Lauscher findet einen tödlich verwundeten, alten Beute- reiter namens Arni, kümmert sich um ihn und gibt ihm zu trinken. Lauscher und der Beutereiter unterhalten sich eine Weile, und kurz bevor Arni stirbt, schenkt er Lauscher zum Dank seinen Talisman, einen Stein, der in den Farben blau-grün-violett schimmert und dessen pulsierendes Farbmuster an ein Auge erinnert.

Dieser Augenstein, den Arni einst selbst von der weisen alten Urla geschenkt bekommen hatte, diente ihm dazu, seinem eigenen unkonventionellen Weg zu folgen, und Lauscher hofft, daß dieser Stein sich auch für ihn als schicksalhafter Wegweiser eignen werde.

Nach der Begegnung mit Arni ist Lauscher von Unruhe erfüllt und bittet seinen Vater um ein Pferd, um seine Großeltern zu besuchen. Der Vater hätte Lauscher gerne zu seinem Nachfolger im Richteramt herangebildet, doch er sieht auch ein, daß Lauschers Wesensart wohl eher zu der des Sanften Flöters hinneigt, und so läßt er ihn ziehen. Der Weg zu den Großeltern ist weit und führt durch tiefe Wälder. Etwa auf der halben Strecke, in der Nähe der Stadt Barleboog, hat Lauscher eine „zauberhafte“ Begegnung, die ihn sowohl wortwörtlich als auch zwischenmenschlich von seinem Wege  ablenkt.

So findet er erst nach dramatischen Umwegen zu seinem Großvater, dem nun nur noch eine kurze Zeit bleibt, Lauscher in der Kunst des Flötenspiels zu unterweisen, bevor er sanft stirbt und Lauscher seine silberne Flöte hinterläßt.

Auf der Flöte findet sich eingraviert folgender Spruch:

„Lausche dem Klang,
folge dem Ton,
doch übst du Zwang,
bringt mein Gesang
dir bösen Lohn.“

Lauscher wird noch sehr, sehr, sehr lange brauchen, bis er mit seinem Flötenspiel diesem Leitspruch gerecht wird. Er bekommt zu früh machtvolle magische Gaben ge- schenkt, für die er noch nicht reif ist. Lauscher ist ungeduldig und selbstgefällig und wähnt sich wiederholt zu schnell und viel zu vordergründig am Ziel, und so geht er auf der Suche nach Bedeutsamkeit und Würde grandios in die Irre, erliegt den Versuchung- en von Eitelkeit, Macht und kurzfristigem persönlichen Vorteil. Er tut schlimmes Unrecht und löst eine Kette von Ereignissen aus, die auch ihn selbst schwer treffen und verletzen und ihn nach und nach zu mehr Selbsterkenntnis, Demut, Geduld und Weisheit führen.

»Nur wer Angst hat, strebt nach Macht. Dazu ist deine Flöte nicht geschaffen.«

Lauscher erfährt viele Verwandlungen, lernt die Sprache der Tiere und knüpft lebhafte Freundschaften mit ihnen. Zudem braucht Lauscher lange, bis er seinem Namen wirk- lich gerecht wird. Wieder und wieder hört er Geschichten darüber, wie der Sanfte Flöter die Macht seiner Flöte zum Wohle der Menschen und zum Wohle des Ganzen genutzt hat. All diese Geschichten und die Begegnung mit den Menschen, die sie erzählen, vermitteln ihm nach und nach auch ein umfassenderes Verständnis für die tieferen Zusammenhänge und Verstrickungen seines eigenen Lebens und Wirkens und weisen ihn schließlich den Weg zu Liebe, Versöhnung, Frieden, Freiheit, Heilung und Selbstgenügsamkeit.

»Alle wesentlichen Dinge sind einfach, wenn man sie erst einmal begriffen hat. Schwierig ist nur der Weg, den man bis dahin gehen muß.« (Seite 646)

Parallel zur Entfaltung von Lauschers Bestimmung und seiner individuellen Gaben handelt dieser Roman auch davon, wie sich soziales, gesellschaftliches Leben und seine Traditionen gestalten und verändern, wie innere und äußere Führung sich wechsel- seitig ausbalancieren und zu einer tragfähigen, möglichst gerechten und mündigen Gemeinschaft verbinden können, aber auch, wie die bloß formelhafte Nachahmung eines verehrten Vorbildes konterkarierend zu neuer gesellschaftlicher Unfreiheit, Erstarrung, Ungerechtigkeit und Unfrieden führen kann.

Eine abwechslungsreiche Landschaft aus weiten Wäldern, Gebirgen, Mooren, Grasland und Steppen bildet die Kulisse dieses Romans. Hier erfreut der Autor mit stimmungs-vollen Naturbeschreibungen und poetisch-präzisen botanischen Beobachtungen von Pflanzen, Jahreszeiten und Wetterlagen. Mythologische Pflanzen- und Heilpflanzen- kenntnisse fließen ebenso selbstverständlich mit ein wie feine Bemerkungen zur magischen Wirkung von Musik.

Da „Stein und Flöte“ ein Märchenroman ist, fehlt es auch nicht an sprechenden Tieren. So trifft Lauscher auf musikalisch-wegweisende Amseln, eine ironische Kröte, einen treuen Esel, eine Geborgenheit gebende Ziegenherde, eine weise Schlange, mehrere tapfere Mäuse, ein wendiges Wiesel und auch auf gefährliche Wölfe und einen sehr speziellen mit Vorsicht zu genießenden, grünäugigen Falken.

Lauscher erfährt unterwegs den Schutz, den Ebereschen vor bösen Kräften bieten, er schließt Freundschaft mit eine Nixe, und er bekommt in einer sehr einsamen Phase seines Lebens von einem geheimnisvollen Steinsucher einen Zirbelholzstab mit einge-schnitztem Gesicht geschenkt, der sich, nachdem er endlich dessen Namen herausge-funden hat, als sehr bedächtiger und angenehm duftender Holzgefährte und ebenso kluger wie tiefenentspannter Ratgeber entpuppt.

Der erzählende Vorleser Oliver Rohrbeck gibt einem beachtlich umfänglichen Stimmen-spektrum abwechslungsreich Ausdruck. Er verleiht männlichen, weiblichen, mütter- lichen, väterlichen, kindlichen, jugendlichen, erwachsenen, alten, lauten, leisen, genüg- samen, gierigen, ängstlichen, tapferen, herrischen, dienenden, stolzen, gütigen, zornigen, zärtlichen, schelmischen, menschlichen, tierischen, hölzernen und magischen Wesen überzeugende stimmliche Gestalt und Ausstrahlung.

Das Einzige, was mir bei dieser Hörbuchproduktion fehlt, ist eine musikalische Ein- rahmung des Erzähltextes. Zu Beginn und Ende wesentlicher Teilabschnitte wäre eine kurze Flötenspieleinlage eine schöne akustisch-atmosphärische Abrundung und Bereicherung der Lauscherfahrung. 

Die komplex-verflochtene und sinnlich-lebensvolle Komposition dieses Romans fügt sich aus eigenwilligen, charakterstarken Figuren, vielen Geschichtenverzweigungen, Zeitebenen, Bewußtseinszuständen, philoso- phischen Betrachtungen, poetischer Naturverbundenheit und phantasie- vollen Einzelheiten zu einem faszinierenden Ganzen zusammen. Hans Bemmann verbindet in „Stein und Flöte“ mit großem psychologischen Fingerspitzengefühl östliche und westliche Erzähltraditionen zu einem menschenkenntnisreichen und selbsterkenntniswirksamen Reigen.
 
Romane mit einem solchen Reichtum an archetypischer Seelentiefe, märchenhafter Herzensbildung und gütiger Geistesweite haben Seltenheitswert und lohnen eine wiederholte Lektüre bzw. Auditüre.

 

» „Darin liegt ja gerade das Geheimnis“, sagte Lauscher. „Wäre das Böse nicht in dieser Welt, wäre jedem Menschen die Freiheit genommen, sich aus eigenem Antrieb für das Gute zu entscheiden. Auf solche Weise ist das Böse stets auch der Diener des Guten. Du kannst die Welt nicht auf einen Schlag ändern. Zunächst geht es immer um den einzelnen Menschen.“ « (Seite 786)

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.hoerbuch-hamburg.de/hoerbuecher/bemmann-stein-und-floete-5227/

 

Der Autor:

»Hans Bemmann (1922–2003) studierte Musikwissenschaft und Germanistik. Seine ersten Werke veröffentlichte er in den frühen 1970er-Jahren unter Pseudonym, bis er 1983 mit dem Märchenroman Stein und Flöte eines der Kultbücher der phantastischen Literatur schuf. Das Werk wurde vielfach ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Die späteren Romane, in denen der Autor wiederum Märchen und Mythen mit der Bewusstwerdung des Menschen verknüpfte, sind ebenfalls sehr erfolgreich.«

Der Sprecher:

»Oliver Rohrbeck, geboren 1965 in Berlin, ist Schauspieler und ein gefragter Synchron- und Hörbuchsprecher. Bekannt wurde seine Stimme vor allem durch die legendäre Hörspielreihe »Die drei ???«. Außerdem ist Oliver Rohrbeck die deutsche Stimme von Hollywood-Star Ben Stiller.«

Musikalische Zugabe:

Da ich das Fehlen einer musikalischen Einrahmung dieses Hörbuches beklagt habe, will ich nachfolgend eine Flötenmusik von Jacob van Eyck, gespielt von François Lazarevitch, darbieten, die recht gut zu diesem Roman paßt.  🎶 🎶  🎶 

Mit herzlichtem Dank an meinen Musikagenten 😉 Maestro Random Randomsen https://randomrandomsen.wordpress.com/ für die umfangreiche Recherche zu den passenden Flötentönen.  🎶 🎶 🎶

 

Persönliches Nachwort zur Buchausgabe:

„Stein und Flöte“ ist ein SEHR umfangreiches Werk, das ich vor mehr als 25 Jahren gelesen habe. Dieser Märchenroman von Hans Bemmann ist 1983 in der Edition Weitbrecht als gebundenes Buch erschienen, mit 818 Seiten, bedruckt  in der Schriftype Garamond neun Punkt – also eine ameisenspurenkleine Minischrift. Wäre dieser Roman eine aktuelle Neuerscheinung würde man ihn wohl mindestens in drei Bänden publizieren und vermarkten. 1983 waren die Verlage noch nicht so papierverschwenderisch und marketingstrategisch wie heute, wo bedeutend kleinere und kurzatmigere Werke durch entsprechende Schrifttypen- vergrößerung mindestens auf Trilogie-Format aufgeplustert werden.

 

Zur Zeit gibt es diesen Leseleckerbissen nur noch
im Taschenbuchformat
im Piper Verlag zu 16,00 € (D), 16,50 € (A):
https://www.piper.de/buecher/stein-und-floete-isbn-978-3-492-28230-7

 

 

 

 

Es ist wahrlich mehr als wünschenswert, diesen wertvollen Roman in drei gebundenen Bänden, vielleicht noch mit einem feinen Leinenschuber und mit Illustrationen von Friedrich Hechelmann, ganz neu aufzulegen. Hechelmann wäre meiner Ansicht nach der ideale illustratorische „Übersetzer“ für dieses märchenhafte Werk. Also liebe mitlesende Verlage: Ran an eine standesgemäße Buchgestaltung für diese zeitlose Lesekostbarkeit!

 

 

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Das schräge Haus

  • Roman
  • von Susanne Bohne
  • Rowohlt Verlag, Dezember  2019 http://www.rowohlt.de
  • Taschenbuch mit dickem Pappeinband
  • 352 Seiten
  • 15,00 € (D), 15,50 € (A)
  • ISBN 978-3-499-00051-5

STÖPSKEN, GLÜHWÜRMCHEN  &  HERZPUCKERN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ella hat eine wunderbare Großmutter, deren Warmherzigkeit und unakademisches psychologisches Fingerspitzengefühl sie seit ihrer Kindheit erhellend und haltgebend begleiten. Sie nennt ihre Großmutter nicht Oma, sondern Mina, und Mina wiederum nennt Ella meist nicht Ella, sondern Stöpsken. Stöpsken oder Stöppken ist ein ruhr- deutscher Kosename für ein kleines Kind.

Das Verhältnis zwischen Ella und ihrer Mutter ist distanziert, da sich die Mutter deutlich mehr für Ellas kleinen Bruder interessiert. Ella nimmt trotz ihres zarten Alters von acht Jahren deutlich wahr, daß sie und ihre Mutter „an getrennten Flussufern“ stehen.

Wir lernen Ella und Mina im Sommer 1986 im Schrebergarten beim Auslesen von Stachelbeeren kennen. Mina hat eine besondere Fähigkeit, in Menschen hineinzusehen und das, was sie dort als Gefühlsgemengelage erkennt, beschreibt sie stets im Bild eines Hauses mit vielen architektonischen und innenarchitektonischen Details, Farben, Formen, Lichtverhältnissen und landschaftlichen Aussichtsperspektiven. So spiegelt die Großmutter etwa Ellas Wesen als ein kleines, blaues windschiefes Haus mit mimosen- blütenblättrigen Fensterläden, die sich sehr schnell von alleine schließen, mit zwei Eingängen – einer schmiedeeisernen Tür mit großem Riegel und einem versteckten, kleinen unverschlossenen Holztörchen …

Ella hofft, daß sie eines Tages auch in der Lage sein werde, die inneren Häuser der Menschen zu sehen, um besser zu verstehen, wie es in ihnen aussieht, und um etwas Hilfreiches für sie tun zu können.

Zum Schrebergartenkosmos gehören der ehemalige Bergmann Manfred, der Minas Rasen kleingartenvorschriftmäßig ziseliert und ansonsten freundlich-depressiv im Liegestuhl ruht und sich sonnt, und die betagte, gleichwohl ganz flotte Ilse, die so schnell spricht, daß alle Wörter ohne Punkt und Komma zu beeindruckenden Ein- wortsätzen verschmelzen, etwa so „DeinFöttchenhatgleichKirmesdatkannichdir- abbasagenwennichdicherwischedukleinerHosenscheißer!“ (Seite 29)

An diesem Sommertag 1986 findet das alljährliche Kleingartensommerfest statt. Mina brutzelt Frikadellen fürs Buffet, und Ella stromert mit ihrer besten Freundin Yvonne durch die Gartensiedlung. Yvonne ist im Gegensatz zu Ellas zurückhaltender Wesensart sehr direkt und extrovertiert und spricht furchtlos aus, was sie denkt und fühlt. Auf Ellas Frage, wie sie das mache, antwortet Yvonne, sie müsse bloß tief einatmen und dann die Worte ausatmen. Aber Ellas Worte bleiben oft auf halbem Wege stecken, weil sie das Echo fürchtet, das ihre Worte auslösen könnten. Außerdem neigt Ella dazu, in emotional belastenden oder aufregenden Situationen in einem „Zeitpudding“ zu erstarren, aus dem sie sich nicht leicht wieder befreien kann. 

Ella findet im Verlauf des Sommerfestabends einen plötzlich verstorbenen Schrebergar-tennachbarn. Dieses Erlebnis löst ein zwar unangebrachtes, aber hartnäckiges Schuldge-fühl in ihr aus, nimmt ihr die kindliche Unbeschwertheit und vertieft die „Schräglage“ ihrer Lebenseinstellung.

Sechsundzwanzig Jahre später hat Ella eine psychotherapeutische Praxis. Mit viel Zunei-gung beschreibt sie ihre Patienten und deren unterschiedliche Verschrobenheiten; sie freut sich, wenn sie ihnen zu einem heilsamen Erkenntnisschritt und besserer Selbstfür-sorge verhelfen kann. Sowohl in ihrer beruflichen Praxis als auch in ihrer persönlichen Suche nach dem passenden Liebespartner findet sie immer wieder lebhafte Bestätigung für Minas alte Weisheit: „Wenn die Menschen nur noch mit sich selbst beschäftigt sind, dann vertrocknen sie. Innerlich.“ (Seite 117) Genau diesen Vertrocknungsprozeß möchte sie bei ihren Patienten aufhalten, ja, möglichst sogar in Richtung reanimierender Bewässerung umkehren.

Dabei fehlt es Ella auch keineswegs an Selbstironie: „Sie hatten verlernt, das zu betrach-ten, was sie hatten, und weinten bloß darüber, was sie nicht hatten. So wie ich. Ich saß ja auch in diesem Kreuzfahrtschiff der Wehklagenden und ließ mich übers Tränenmeer schippern.“ (Seite 166)

Doch dat Stöpsken Ella lernt schließlich, trotzt aller Verletzlichkeit, innerer Schräglagen und unvermeidlicher Abschiedswehen, sich dem unberechenbaren Verlieren und Finden des Lebens hinzugeben, sich selbst mehr zu vertrauen und ihr Herz befreit zu öffnen. Oder wie die lebensweise Mina raten würde: „Geh raus, lüfte und hör auf zu warten.“  (Seite 201)

Die Autorin Susanne Bohne hat ihren Roman „Das schräge Haus“ in einem warmherzigen, vielsaitig-zwischenmenschlichen Tonfall geschrieben. Es gibt berührende Szenen inniger Nähe, aber auch ausgesprochen situations- komische Dialoge. Ihre Kleingartenmilieustudie ist köstlich und voller nostalgischer Details (Frisuren, Schlagerhits), die Figurenzeichnung ist äußerst lebendig und ebenso anrührend wie amüsant, und die vorbildliche Herzensbildung von Oma Mina wirkt geradezu beglückend. Dieser Roman enthält sehr anschauliche Sprachbilder für emotionale Gestimmtheiten, Verhaltensmuster und Charakterzüge und begleitet mit großherzigem Schmunzeln und gütigem Blick menschliche Stärken und Schwächen. Minas liebevolles Herzpuckern durchströmt unüberhörbar den ganzen Text!

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.rowohlt.de/taschenbuch/susanne-bohne-das-schraege-haus.html

 

Die Autorin:

»Susanne Bohne, selbst ein Ruhrpott-Kind, studierte Germanistik und arbeitete als Designerin, bevor sie – inspiriert von ihrer Tochter – anfing, Kinderbücher zu schreiben und zu illustrieren. Sie findet, dass Humor eine gute Überlebensstrategie ist und dass die kleinen Dinge des Lebens oft größer sind, als sie scheinen. Davon erzählt auch ihr Roman „Das schräge Haus“.«
Hier entlang zu Susanne Bohnes Webseite: https://halloliebewolke.com/
und hier entlang zu einem Radio-Bericht zu Buch und Autorin : https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-westblick-serien/audio-susanne-bohne-das-schraege-haus-100.html

Querverweis:

Die sehr intensive Großmutter-Enkel-Beziehung und die schrägen Charaktere erinnern leiseleicht an Mariana Lekys Roman „Was man von hier aus sehen kann“, siehe meine Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/12/22/was-man-von-hier-aus-sehen-kann/

 

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Über den Umgang mit Menschen

  • von Adolph Freiherr Knigge
  • Hörbuch
  • gekürzte Lesung
  • gelesen von Christoph Maria Herbst
  • mit Musik von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 – 1788)
  • Pianist: Christoph Grund
  • Buchvorlage: »Über den Umgang mit Menschen«
  • von Adolph Freiherr Knigge
  • Der Audio Verlag   Februar 2019 www.der-audio-verlag.de
  • 2 CDs in Pappklappschuber
  • Laufzeit: 2 Stunden, 36 Minuten
  • 14,99 € (D), 16,90 € (A), 21,50 sFr.
  • ISBN 978-3-7424-0998-0

PHILANTHROPISCHE  AUFKLÄRUNG

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dem höchst empfehlenswerten Buche „Über den Umgang mit Menschen“ des Freiherrn Knigge, das sich nunmehr schon seit 231 Jahren auf dem Buchmarkte behauptet, wird man nur gerecht, wenn man es von seinem Rufe als noble Benimmfibel befreit. Gewiß spielen Manieren eine gewisse Rolle, indes weisen Knigges Anregungen und Betrachtun-gen weit über oberflächliche, leere Formen und Konventionen hinaus und plädieren für einen allgemein harmonisch-freundlichen, rücksichtsvollen und toleranten zwischen-menschlichen Umgang. Ja, erstaunlich zeitgemäß für uns Gegenwärtige fordert er auch für die Tiere eine mitfühlende Behandlung, die angesichts des Autors zukunftsweisen- der Einfühlsamkeit mit der leidenden, wehrlosen Kreatur und seiner deutlichen Kritik diesbezüglicher menschlicher Grausamkeit überrascht und erfreut.

„Über den Umgang mit Menschen“ enthält trefflich menschenkenntnisreiche Psycho-gramme und Behandlungsempfehlungen verschiedener Wesensarten – so sei mit dem Herrschsüchtigen, Ehrgeizigen und Eitlen anders umzugehen als mit dem Empfindlichen, Eigensinnigen, Dummen oder mißtrauisch-verschlossenen Menschen.
 
Ebenso wie der rechte Umgang mit anderen Menschen sind der „Umgang mit sich selbst“ und eine gute selbstreflektierte Beziehung zur eigenen Person wichtig: „Respektiere Dich selbst, wenn Du willst, daß andere Dich respektieren sollen.“

Des Autors kluge Erörterungen zum „Umgange unter Eheleuten“ geben nicht nur ein-leuchtende und durchaus noch aktuelle Empfehlungen zum gemeinsamen, alltäglichen und verträglichen Miteinander, sondern auch Hinweise zum Verhalten angesichts außerehelicher Versuchungen. So betont Knigge zu Recht, daß eine Ehe mehr Freude, Glück und Erfüllung bereite, wenn sie eine Verbindung gegenseitiger Hochachtung, harmonischer Neigungen und wechselseitiger Seelenbedürfnisse ist.

Seine Betrachtungen und Hinweise führen sodann weiter zum Umgange mit Verliebten, Freunden, Frauenzimmern, Gästen und sogar Feinden. Im Anschluß an die privaten Gefilde widmet sich Knigge schließlich dem Umgange mit verschiedenen sozialen Menschengattungen.

Dabei übt er strengen Tadel an dünkelhaftem Hochmut, lebensweltfremder Arroganz, verwöhnter Selbstgefälligkeit und egozentrischer Geltungssucht von Fürsten, Vorneh- men, Reichen und Hofleuten und zweifelt an ihrer politischen und moralischen Kompe- tenz. Seine Auflistung der Fehler höherer Stände nebst zahlreicher anschaulicher Beispiele ihrer Untugenden ist erstaunlich freimütig und erklärt, daß sich der Freiherr Knigge in den damaligen aristokratischen Kreisen nicht gerade beliebt gemacht hat. 

Für das Verhalten gegenüber Menschen von „niederem Stande“ (z.B. Hausangestellten und Dienern) fordert er Achtung, Höflichkeit, angemessene Würdigung ihrer Leistungen und auch Fürsorge und Schutz im Notfalle und keinesfalls Herablassung und Gleich- gültigkeit.

Freiherr Knigges Buch „Über den Umgang mit Menschen“ erschien im Jahre 1788 (ein Jahr vor der Französischen Revolution), und es enthält zutiefst aufklärerische, gesell-schaftskritische, dem Adel angeborene Herrschaftsrechte sehr deutlich absprechende und für eine bürgerlich-republikanische Verfassung plädierende Ansichten.

„Über den Umgang mit Menschen“ ist Knigges berühmtestes Werk; doch die aufklärer-ische Substanz wurde in späteren Auflagen verfälscht oder ausgespart, so daß der Name Knigge inzwischen synonym für alle möglichen (und unmöglichen) Benimm- und Manie- renanleitungen und Stilfibeln eingesetzt wird. Wer sich hingegen das inzwischen wieder unzensierte Werk zu Gemüte führt, wird zweifellos erkennen, daß „Über den Umgang mit Menschen“ in vieler – wenn auch nicht jeder – Hinsicht ein lebensphilosophisches Werk von zeitloser Gültigkeit und Güte ist.

Der Autor übt Nachsicht mit kleinen menschlichen Schwächen, ohne ihnen indes über Gebühr nachzugeben. Er illustriert, daß die Vertretung eigener Interessen nicht unbe-dingt rücksichtslos sein muß und daß Tugenden wie Verschwiegenheit, Wahrhaftigkeit, Würde, Fingerspitzengefühl, freundlicher Humor, natürliche Freude, Großzügigkeit und eine edle Gesinnung für jeden Menschen anzustreben seien. Seine Aufforderung zu echter Herzensbildung, vernünftiger Selbstvervollkommnung, geistiger Aufgeschlossen-heit und höflichem Respekt zielt auf allgemeine Achtsamkeit zum Wohle des Ganzen. „Jedes Gute muß nach seiner Wirkung für die Welt beurteilt werden.“

Freiherr Knigges Werk ist sowohl inhaltlich als auch stilistisch wertvoll und bemerkens-wert. Des Autors Ausdrucksweise ist fein und kultiviert, ohne abgehoben zu sein, dabei ebenso geistreich wie einfühlsam, und seine zwischenmenschlichen Charakterisierun- gen zeugen von großem Menschenkenntnisreichtum. Alleine Knigges kleine Schrift- steller-Typologie, die im Kapitel „Über den Umgang mit Gelehrten und Künstlern“ Platz nimmt, gibt von seiner amüsant-anschaulichen Charakterisierungskunst Zeugnis.

So kreist der Zirkel seiner Gedanken mit solch hohem Geistesschwung und weitem Radius, daß die kleinste Kleinigkeit und größte Größe zwischenmenschlichen Mitein- anders ausgewogen zu Wort kommen.

Es ist ein anregender, ja, geradezu spannender Genuß, dem wohlformulierten, kom-plexen Satzbau zu lauschen. Die lobenswert-vielsaitigen stimmlichen und emotionalen Nuancen, mit denen Christoph Maria Herbst uns Knigges Ausführungen ins Ohr kompli-mentiert, tragen nicht unwesentlich zu diesem Hörvergnügen bei und verleihen den Worten des Autors lebhaften Atem.

Einer kleinen kritischen Anmerkung zur nachlässigen Wahl des Bildhintergrundes der inneren CD-Hülle kann ich mich indes nicht enthalten. Eine elegante Ballszenerie wäre zwar durchaus angemessen, gleichwohl sollte doch diese Szene historisch zum Erster-scheinungsjahr von Knigges Buch passen. Die Illustration, welche hier eingesetzt wurde, „spielt“ ungefähr im Jahre 1920/30. Dies ist, halten zu Gnaden, gute 130 -140 Jahre zeitversetzt.

Hingegen fügen sich die feinen musikalischen Intermezzi (Carl Philipp Emanuel Bach, gespielt vom Pianisten Christoph Grund) harmonisch und der Lebensepoche Knigges gemäß zwischen die Textpassagen. Auch die augenzwinkernde Verkleidung des Sprechers Christoph Maria Herbst als Freiherr Knigge ist für die Titelbildgestaltung des Hörbuches ein sehr gelungener Blickfang.

Zum Ausklang möge nun der Autor das letzte Wort haben:

„Sei lieber das kleinste Lämpchen,
das einen dunklen Winkel mit eigenem Lichte erleuchtet,
als ein großer Mond einer fremden Sonne oder gar Trabant eines Planeten!“

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:

Knigge – Über den Umgang mit Menschen

Der Autor:

Adolph Freiherr Knigge kam am 16. Oktober 1752 auf dem väterlichen Gut Bredenbeck bei Hannover zur Welt und verließ dieselbige am 6. Mai 1796 in Bremen im Alter von nur 43 Jahren. Falls Sie sich fragen, wo denn das blaublütige „von“ geblieben sei, so kann ich Ihnen versichern, daß der Herr Knigge seinen Adelstitel höchstselbst abgelegt hatte.
Der „freie Herr Knigge“, wie er sich selbst zu nennen pflegte, war ein erfolgreicher und bekannter Schriftsteller von Theaterstücken und Romanen sowie von pädagogischen, politischen und satirischen Texten. Darüber hinaus übersetzte er die »Bekenntnisse« von Rousseau ins Deutsche.

Der Sprecher:

»Christoph Maria Herbst, 1966 in Wuppertal geboren, arbeitete als Bankkaufmann, bevor er sich der Schauspielerei widmete.
Doch schon während seiner Bankausbildung engagierte sich Christoph Maria Herbst in der Theaterszene in Wuppertal. Bekannt wurde er später vor allem durch seine Rollen in Filmen wie Michael Herbigs »(T)Raumschiff Surprise – Periode 1«, in der Edgar-Wallace-Parodie »Der WiXXer« und der Fortsetzung »Neues vom WiXXer«. Sein komödiantisches Talent stellte er weiterhin in der Rolle des »Stromberg« in der gleichnamigen Fernseh-serie unter Beweis. Für diese ist er mehrfach ausgezeichnet worden, u. a. mit dem Adolf-Grimme-Preis und dem Deutschen Comedypreis.
Für DAV hat Christoph Maria Herbst schon mehrere Hörbücher gelesen, u. a. den packenden Thriller »Still« von Zoran Drvenkar, das Hörbuch »Kängt ein Guru« sowie die lustigen Lesungen der Sprüche der Website SMSvonGesternNacht.de.«

 

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Vögel ganz nah

  • Fotos von Roine Magnusson
  • Text von Mats Ottosson und Åsa Ottosson
  • Originaltitel: »Nära Fåglar«
  • aus dem Schwedischen von Claudia Huber
  • SIEVEKING Verlag 2018    http://www.sieveking-verlag.de
  • gebunden in Schweizer Bindung
  • Fadenheftung
  • Format: 22 x 23,5 cm
  • 272 Seiten
  • 74 Abbildungen
  • 35,00 € (D), 36,00 € (A)
  • ISBN 978-3-944874-85-2

VO G E L P E R S P E K T I V E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

So federwesensnah sind Sie Vögeln bisher wohl kaum nahegekommen wie in diesem außergewöhnlich-naturschönen Bildband.

Alleine schon das Titelbild mit der anmutig-vorwitzigen, flügelballerinaartigen Blau- meise ist hinreißend, und die weiteren Vögel, die ihr im Buch folgen, sind mindestens ebenso faszinierend und bewundernswert – von Seite zu Seite blättert man von Erstaunen zu Entzücken zu Begeisterung. Solch lebendige Nahaufnahmen gelingen nur mit Fingerspitzengefühl und Respekt vor den Geschöpfen der Natur.

Der Fotograf, Roine Magnusson, hat für diese Vogelfotos mit schwedischen Vogelbering-ungsstationen zusammengearbeitet. Die eingefangenen Vögel werden nach der Bering-ung und Fütterung in eine Freilaßbox gesetzt; doch dort verhalten sie sich zu lebhaft – jedenfalls für die Art Fotos, die der Fotograf im Sinn hatte.

(Distelfink) Fotografie © Roine Magnusson Aus: Vögel ganz nah, Sieveking Verlag 2018

Um die Vögel so behutsam wie möglich und doch so nah wie erwünscht aufzunehmen, baute er Lichtzelte in verschiedenen Größen aus weichem, weißen Stoff. Das impro-visierte Fotostudio wurde weitmöglichst abgedunkelt, da sich Vögel erfahrungsgemäß in Dunkelheit schneller beruhigen. Dadurch verhielt sich das Fotomodell meist unaufge- regt, posierte entspannt und natürlich und wurde nach wenigen Minuten wieder in die Freiheit entlassen. War ein Vogel gelegentlich doch nervös oder verblieb in bewegungs- loser Schreckstarre, verzichtete der Fotograf auf die Aufnahme.

(Rotkehlchen) Fotografie © Roine Magnusson Aus: Vögel ganz nah, Sieveking Verlag 2018

So entstanden natürliche Studioaufnahmen von über dreißig bekannten, europäischen Vogelarten wie Amsel, Bachstelze, Buchfink, Fasan, Gartenrotschwanz, Kohl- und Blaumeise, Mehlschwalbe, Rotkelchen, Stieglitz, Sperber, Sperlingskauz, Sturmmöwe, Trauerschnäpper, Wintergoldhähnchen und Zaunkönig.

(Blaukehlchen) Fotografie © Roine Magnusson Aus: Vögel ganz nah, Sieveking Verlag 2018

Der Hintergrund der charakterstarken Vogelportraits ist wahlweise weiß oder schwarz. Da es keine ablenkende Kulisse gibt, treten die Feinheiten der Farben und Formen sowie der Gefiedermuster und der Körpersprache und, ja, sogar das spürbar Wesensmäßige des jeweiligen Vogels deutlich hervor. Mehr als einmal konnte ich der Versuchung, das Foto zu streicheln, nicht widerstehen.

(Sperlingskauz) Fotografie © Roine Magnusson Aus: Vögel ganz nah, Sieveking Verlag 2018

Die begleitenden Texte von Mats und Åsa Ottosson vermitteln in komprimiert-erzähle-rischer Weise ornithologische und ökologische Information zu den porträtierten Vögeln. Die Autoren ergänzen sie um anrührende und amüsante persönliche Vogelerlebnisse und poetische Zitate von vogelzugeneigten Naturforschern, Amateuren und Dichtern. Im Einleitungstext spüren sie der Faszination nach, die Vögel auf uns Menschen ausüben, und geben streiflichternd bewundernswerte Einblicke in den aktuellen Forschungsstand zu Vogelstimmen, Vogelflug und Vogelzug.

Die naturverbundene Achtung vor den Vögeln und ihrer Lebenskunst ist dabei der rote Faden, der alle Texte harmonisch mit den Fotos verbindet.

„Für Vögel empfänglich zu sein ist viel einfacher und viel mehr. Das ist kein Hobby, sondern eine liebevolle Offenheit gegenüber einem größeren Wir, zu dem wir als Menschen gehören dürfen.“ (Seite 41)

Neben dem für Vogelliebhaber unwiderstehlichen bildlichen und wissens- wertvollen Inhaltsreichtum besticht dieser Bildband auch durch seine sorgfältige Gestaltung. Die verwendete Schweizer Bindung, bei der der Buchblock nur auf der rechten Seite mit dem Einband verbunden wird, ermöglicht ein gefälliges, weites Aufschlagen und Aufblättern der Seiten, die flach liegen bleiben und sich nicht störend aufwölben. Das schmeichel-griffige Papier, die satte, lesefreundliche Typografie und die porentief klare Reproduktion der exzellenten Fotografien sind ein bibliophiler Genuß.

 

Hier entlang zum Buch und zur Betrachtungs- und Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://sieveking-verlag.de/produkt/voegel-ganz-nah/
Dort findet sich außerdem eine achtminütige, unbedingt sehenswerte YT-Filmdokumentation (Schwedisch mit deutschen Untertiteln) über den Fotografen Roine Magnusson, in der er die spezielle fotografische Technik sowie seine fotografische Haltung sehr aufschlußreich und sympathisch erklärt und vorführt.

Ergänzend gibt es außerdem einen immerwährenden Monatskalender
„Vögel – wiederkehrende Freunde“ mit Fotografien von Roine Magnusson
Format: 24 x 30 cm
Spiralbindung zum Aufhängen
SIEVEKING Verlag 2018
19,90 €  (D)   20,50 €  (A)
ISBN 978-3-944874-95-1

Hier entlang zum Kalender auf der Verlagswebseite:
https://sieveking-verlag.de/produkt/voegel-immerwaehrender-kalender/

 

Der Fotograf:

»Roine Magnusson ist ein Fotograf, der auf unkonventionelle Weise versucht, sich dem Bild zu nähern. Er porträtierte in den Büchern Lor – en kärleks-historia (Pandabuch des Jahres 2012) und Till träden Kühe und Bäume als die Persönlichkeiten, die sie sind. Während der Arbeit an Den underbara resan (Pandabuch des Jahres 2007) flog er auf Nils Holgerssons Spuren in Ultraleichtflugzeugen.«

Die Autoren:

»Mats und Åsa Ottosson sind freie Journalisten, Autoren und Dozenten mit einem starken Empfinden für die schwedische Natur. Sie haben rund zwanzig Bücher geschrieben, mehrere zusammen mit Roine Magnusson. Mats Ottosson schreibt jedes Jahr Texte für das populäre Fågeldagbok des Verlags Bonnier Fakta. Er ist auch Programmleiter für die Rundfunksendung „Naturmorgon“ von Sveriges Radio.«

Querverweis:

Als vogelliebhaberische Lektürezugabe kann ich zudem das von Florian Frick illustrierte Sachbuch „Federnlesen. Vom Glück Vögel zu beobachten“ von Johanna Romberg empfehlen. „Federnlesen“ ist eine persönliche Naturkunde, die ihre Leser für Vogelbe- obachtung begeistern und zum Vogelschutz animieren möchte. Die Kombination aus konzentrierten klaren Informationen und subjektiver Naturerfahrung  vermittelt mit Gefühl und Verstand sowohl nützliches Wissen als auch konstruktive Anregungen zur persönlichen Mitwirkung beim Vogelschutz sowie zur Praxis der Vogelbeobachtung.  https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/05/02/federnlesen/

Und das Buch „Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er? Handwörterbuch der Vogellaute“ von Peter Krauss bietet sich zur naturverbundenen, vogelgesangsspezifisch-wortschatz-erweiternden Abrundung an: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/10/02/singt-der-vogel-ruft-er-oder-schlaegt-er/

 

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

 

 

Ein Gentleman in Moskau

  • Roman
  • von Amor Towles
  • Originaltitel: »A Gentleman in Moscow«
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel
  • List Verlag  September 2017 www.list-verlag.de
  • gebunden
  • mit Schutzumschlag
  • 560 Seiten
  • LESEBÄNDCHEN
  • 22,00 € (D), 22,70 € (A)
  • ISBN 978-3-471-35146-8

BROT  UND  SALZ

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Graf Alexander Iljitsch Rostov steht im Jahre 1922 in Moskau vor dem Notstandskomitee – angeklagt wegen des  „Verbrechens als Aristokrat geboren zu sein“. Da er in seiner Jugend einmal ein Gedicht verfaßt hat, das einen gewissen vorrevolutionären Geschmack aufweist, wird er nicht erschossen, sondern zu lebenslangem Hausarrest im Hotel Metropol, seinem derzeitigen Wohnsitz, verurteilt.

Begleitet von zwei Soldaten verläßt Rostov den Kreml, überquert den Roten Platz und bewegt sich zum Theaterplatz, an dem sich das Hotel Metropol mit Aussicht auf das Bolschoi-Theater befindet. Auf dem Weg in die Suite, die er schon seit vier Jahren bewohnt, grüßt er freundlich zugewandt die bei seinem Anblick verdutzt bis ungläubig blickenden Hotelangestellten.

Bei der Ankunft in seiner Suite wird er vom dort wartenden Hauptmann darüber informiert, daß er von nun an in einer der Dachkammern des Hotels zu wohnen habe und daß er jetzt seine persönlichen Gegenstände, soweit sie Platz dort fänden, auswählen solle, der Rest ginge ins Volkseigentum über. Besonnen sucht der Graf aus, was ihm aus praktischen und nostalgischen Gründen relevant erscheint, und richtet sich in den neun Quadratmetern seines neuen Heims ein.

Bevor er sich zum Schlafen niederlegt, bestimmt er die Tonhöhe der Bettfedern seines neuen Bettes – Gis – und erinnert sich an seine jugendlichen Reisewünsche und seine damalige Begeisterung für schmale Kojen und ihre sparsame, zweckmäßige Ausstattung – eine Betrachtungsweise, die ihn heiter stimmt und beispielhaft für des Grafen grundsätzliche Zuversicht und Lebenszugewandtheit steht.

Erst am nächsten Morgen, als er gewohnheitsmäßig seinen genüßlich-müßiggänge- rischen Tagesablauf plant, wird ihm so recht bewußt, daß sein eingeschränkter Bewegungsradius eine neue Tagesplanung erforderlich macht. Zunächst jedoch genießt er sein übliches Frühstück – eine Kanne Kaffee, zwei Haferkekse und ein wenig Obst nach der Saison – und nimmt dabei erfreut zur Kenntnis, daß der Hotelbursche, der sein Frühstück gebracht hat, sich sehr beeilt haben muß, da der Kaffee, trotz der um drei Treppenetagen verlängerten Wegstrecke, wohltemperiert ist.

Der Graf erinnert sich an den Rat seines Onkels, der besagt, „dass ein Mensch Herr seiner Umstände sein muss, wenn er nicht von ihnen beherrscht werden will…“ (Seite 43), und reflektiert über literarische Charaktere, die in Gefangenschaft geraten sind. Beim Vergleich mit Edmond Dantes, der von Rachegedanken motiviert wurde, bemerkt Rostov, daß Rache nicht sein Metier ist – da ist ihm Robinson Crusoe näher, der sich, um sein Überleben auf einer Insel zu sichern, einfach gründlich und vorausschauend um die praktischen Dinge des Lebens kümmert.

Nachdenklich betrachtet er sein vollgestelltes Kämmerchen und beschließt, seinen Besitz noch etwas weiter zu reduzieren, und verstaut überflüssige Dinge in einer der anderen leerstehenden Kammern des Dachbodens. Dann kümmert er sich um einige organisatorische Belange und bestellt per Brief feine Leinenbettwäsche, seine Lieblingsseife und ein Millefeuille. Diskret sei noch erwähnt, daß der Graf, dank der in den Beinen seines Schreibtisches verborgenen Geheimfächer, über einen gewissen Goldmünzenvorrat verfügt, der einige Jahrzehnte auskömmlichen Lebensstils erlaubt.

Um die Zeit bis zum Mittagessen zu füllen, beginnt er Montaignes Essais zu lesen, eine Lektüre, von der ihn bisher stets andere Zerstreuungen abgelenkt hatten. Doch in seiner neuen Situation sind Zerstreuungen deutlich dünner gesät.

Sein Alltag bestand vor dem Hausarrest aus „Dinieren und Debattieren. Lesen und Reflektieren. Teestunden und Plaudereien“; und all dies kann er mit Hausarrest ebenfalls tun, aber Spaziergänge im fliederduftenden Alexandergarten sowie Galerie-, Konzert- und Theaterbesuche sind nun unerreichbar. Gelegentlich bekommt er Besuch von einem vertrauten Jugendfreund mit schriftstellerischen Ambitionen, der ihn über die neuen Leitlinien und Stildispute der russischen Literatur aufklärt.

Eine willkommene Abwechslung ist die Freundschaft mit der neunjährigen Nina, „Tochter eines verwitweten Bürokraten“, die sich eines Mittags einfach an Graf Rostovs Tisch setzt, von seinem Mittagessen zu naschen verlangt und ihm Fragen zu seiner blau-blütigen Herkunft, über Prinzessinnen und Duelle, gute Manieren sowie Respekt und Dankbarkeit stellt. Er beantwortet ihre Fragen fachkundig und – obwohl erst dreißig Jahre alt – in weiser Ausgewogenheit und naheliegender Anschaulichkeit.

Im Gegenzug führt ihn Nina hinter die Kulissen des Hotels. Sie besitzt einen General-schlüssel – der viele, viele Jahre später noch ein lebensrettendes Werkzeug für Rostov sein wird –, und gemeinsam erkunden sie Kellergeschosse, Heizungsräume, Abstell-kammern, Türen hinter Türen und versteckte Galerien, von denen aus man so manche Funktionärsdiskussionen unbemerkt belauschen kann.  In Abwesenheit von Gästen erkunden sie außerdem alle Zimmer und Suiten des Hotels, um die besten Fenster-aussichten zu bestimmen.

Jahre verstreichen, Graf Rostov arbeitet inzwischen als Oberkellner im hoteleigenen Restaurant. Seine kultivierte, verfeinerte Lebensart, sein sensibler Geschmackssinn, seine Weinkenntnisse, seine gastgeberische Nonchalance und sein zwischenmensch- liches Fingerspitzengefühl prädestinieren ihn gewissermaßen für diese Arbeit. So gelingen ihm stets ebenso harmonische wie anregende Tischplatzierungen der Restaurantgäste sowie ausgewogen feinschmeckerische Menüempfehlungen.

Seine Kollegen werden im Laufe der vielen Jahre zu Freunden, ja, zu Verbündeten. Für den Grafen ergibt sich zudem eine erfreulich tragfähige, heimliche Liebschaft mit einer berühmten Schauspielerin, die regelmäßig im Hotel zu Gast ist.

Eines Tages kehrt Nina ins Hotel zurück und bittet Rostov, ihre fünfjährige Tochter Sofia für einige Wochen zu hüten. Der Graf willigt selbstverständlich ein, und aus ein paar Wochen werden viele Jahre. Es verdankt sich nur einem schicksalsironischen, büro-kratisch-geheimdienstlichen Mißverständnis, daß Graf Rostov Sofias Ziehvater bleiben darf und Sofia nicht in einem staatlichen Waisenhaus notlandet.

Sofia wächst in des Grafen Obhut auf und zeigt musikalisches Talent. Durch das Kind fühlt sich Graf Rostov gleichsam wiederbelebt und aus seinen Gewohnheiten gerissen. Er hat nun eine unverhoffte Lebensaufgabe, an der er zunehmend Gefallen und Freude findet. Außerdem beflügelt ihn die Verantwortung für Sofia zu kühnen Fluchtplänen …

„Ein Gentleman in Moskau“ ist ein leises, unaufdringlich-eindringliches Buch, dessen Faszination in erster Linie vom äußerlich und innerlich attraktiven Hauptcharakter ausströmt. Graf Rostov verkörpert den klassischen, hochgewachsenen, edlen, höflichen Aristokraten. Er ist charmant, kultiviert, gebildet, polyglott, stilvoll, tapfer, weltläufig, ein Gastgeber, Genießer, Feinschmecker und Weinkenner.

Besonders sympathisch sind seine echte Zugewandtheit und Hilfsbereit- schaft sowie sein wahrhaftiges Wohlwollen, die er klassenunabhängig jedem Menschen und sogar der einäugigen Hotelkatze und der Taube am Fensterchen seiner Dachkammer entgegenbringt.

Wir bekommen lebhaften Einblick in seine familiären Erinnerungen und seine Ansichten zu den wechselvollen Launen des Zeitgeists; zwar empfindet er Wehmut über Verlorenes, gleichwohl bleibt er offenen Herzens und erschließt sich im Mikrokosmos des Hotels persönliche Freiräume.

Ob die relativ große Nachsicht der bolschewistischen Amtsträger Graf Rostov gegenüber der historischen Situation entspricht, wage ich füglich zu bezweifeln. Da verdankt sich einiges der dichterischen Freiheit sowie der dramaturgischen Gefälligkeit eines Unterhaltungsromans.

Der Autor erzählt diese Lebensgeschichte über den Zeitraum von 1922 bis 1954 mit eleganter Eloquenz. Die Risiken und Nebenwirkungen revolutionärer gesellschaftlicher Umbauten werden in feiner ironischer Distanz formuliert.

Beispielhaft dafür ist die Szene über die ernüchternde Gleichmacherei des hoteleigenen Weinkellers. Eines Tages gibt es auf Anordnung des Kommissars für Lebensmittel nur noch Weiß- oder Rotwein, und zehn Tage lang müssen mühsam alle Etiketten von den Weinflaschen abgepult werden, um dieses „Denkmal für die Privilegien der Aristokratie“ (Seite 182) zu zerstören.

Sehr ansprechend sind zudem die unzähligen lebenserfahrenen Reflexionen und zwischenmenschlichen Betrachtungen.

»Was kann uns schließlich der erste Eindruck über einen Menschen sagen, den wir eine Minute lang in einer Hotellobby gesehen haben? Ja, was vermag uns ein erster Eindruck überhaupt zu vermitteln? Nicht mehr, als ein einzelner Akkord uns über Beethoven sagen kann oder ein Pinselstrich über Botticelli. Von Natur aus sind Menschen so launisch, so komplex, so herrlich widersprüchlich, dass sie nicht nur unsere ganze Aufmerksamkeit verdienen, sondern auch unsere wiederholte Betrachtung – und unsere feste Entschlossenheit, ein Werturteil zurückzuhalten, bis wir den Menschen in den verschiedensten Umständen und zu allen Tageszeiten erlebt haben. (Seite 155)

Dieser Roman bietet wohlformulierte, stilvolle Unterhaltung, dezente Spannung, nostalgisches, kulinarisch-luxuriöses Grandhotel-Flair in Verbindung mit historischem Hintergrundrauschen sowie einen feinsinnigen, würdevollen Hauptcharakter, dessen blaublütigem Charme und großzügigem Entgegenkommen man kaum widerstehen kann.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/ein-gentleman-in-moskau-9783471351468.html

Der Autor:

»Amor Towles hat in Yale und Stanford studiert. Er ist in der Finanzbranche tätig und gehört dem Vorstand der Library of America und der Yale Art Gallery an. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Manhattan.«
Auf der Webseite des Autors gibt es eine kurze, nette, scherenschnittige Romananimation zu sehen http://www.amortowles.com/  http://www.amortowles.com/

Die Übersetzerin:

»Susanne Höbel, seit über fünfundzwanzig Jahren Literaturübersetzerin, übertrug Autoren wie Nadine Gordimer, John Updike, William Faulkner, Thomas Wolfe und Graham Swift ins Deutsche. Sie lebt in Südengland.«

 

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