Erik und das Opa-Gespenst

  • von Kim Fupz Aakeson
  • illustriert von Eva Eriksson
  • Aus dem Dänischen von Dagmar Brunow
  • Gerstenberg Verlag Juni 2014    www.gerstenberg-verlag.de
  • 48 Seiten, durchgehend farbig
  • Format: 19,5 x 26 cm
  • Fadenheftung
  • 13,95 €
  • ISBN 978-3-8369-5809-7
  • Bilderbuch ab 4 Jahren
    Erik und das Opa-Gespenst

GEISTERGUTENACHTKUSS

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der kleine Erik trauert um seinen allereinzigsten Opa, der plötzlich an einem Herz- infarkt gestorben ist. Die tröstlich gemeinte Erklärung seiner Mutter, daß Opa nun im Himmel und ein Engel sei, stellt ihn nicht zufrieden. Auch die Bemerkung seines Vaters bei der Beerdigung, daß Eriks Opa zu Erde würde, kann sich Erik nicht richtig vorstellen.

In der folgenden Nacht erscheint der Opa in freundlich-vertrauter Gestalt in Eriks Kinderzimmer, und die beiden unterhalten sich darüber, wie es sein könne, daß der Opa nun offensichtlich ein Gespenst geworden sei.

Eriks Opa findet es zwar ganz unterhaltsam, nach Belieben durch Wände ein und aus- gehen zu können, aber das könne ja wohl nicht der Grund für sein Herumgeistern sein. Sie ziehen Eriks Gespensterbuch zu Rate, und dort steht, daß Gespenster etwas Wichtiges im Leben vergessen haben, das sie dann nachträglich erledigen möchten.

Gemeinsam forschen die beiden nach, was das denn bloß sein könne. Bei ihren nächtlichen Exkursionen faßt der Opa bedeutsame Erinnerungen aus seinem Leben in Worte. In der vierten Nacht fordert er Erik auf, von seinen eigenen Erinnerungen zu erzählen. Nach einem lebhaften und schönen Erinnerungsrückblick auf die Erfahrungen, die Erik mit seinem Opa gemacht hat, begreifen beide, daß genau diese vertrauliche Aussprache und der liebevolle Abschied voneinander noch gefehlt haben.

„»Mir fehlt, dass ich dir nicht Auf Wiedersehen gesagt habe. Dabei bist du doch mein Erik.«
Und da mussten beide ein bisschen weinen.
Opa sagte, Erik solle sich benehmen, aber zu gut nun auch wieder nicht, und sie versprachen, aneinander zu denken. Aber es wäre auch in Ordnung, wenn sie es nicht die ganze Zeit täten. Erik sagte, er wolle ein Foto von Opa aufhängen, und Opa pustete Erik ins Ohr, dass es Erik bis in die Zehen kitzelte.
»Vielleicht sehe ich Oma wieder«, sagte Opa. »Dann grüße ich sie von dir.«
»Na klar«, sagte Erik.“

Nach diesem tröstlichen Gespensterintermezzo können sie sich endlich verabschieden, und jeder geht seinen eigenen Weg weiter.

Dieses Bilderbuch von Kim Fupz Aakeson nähert sich unkonventionell den Themen Tod, Abschied und Trauer. Die Empfindungen und Erfahrungen des kleinen Erik werden sehr feinfühlig und ein bißchen schelmisch dargestellt. Am Beispiel der Erinnerungsrückblicke Eriks und seines Opas werden Kinder unaufdringlich dazu angeregt, sich die eigene Herzensschatz-kammer der Erinnerung bewußt zu machen und darüber zu sprechen.

Die Illustrationen von Eva Eriksson mit ihrer humorvollen und warmherzigen zwischenmenschlichen Darstellung vermitteln eine Atmosphäre umfassender, familiärer Geborgenheit und Zärtlichkeit. Dies sind Rahmenbedingungen, die den konstruktiven Umgang mit traurigen Gefühlen wahrlich erleichtern.

 

Der Autor:

»Kim Fupz Aakeson wurde 1958 in Dänemark geboren. Sein vielfältiges Werk (Kinder- und Jugendbücher, Comics, Kurzgeschichten, Romane und Drehbücher) erhielt internationale Anerkennung und zahlreiche Auszeichnungen

Die Illustratorin:

»Eva Eriksson, geboren 1949, ist eine der bekanntesten und beliebtesten Illustratorinnen Schwedens. Ihre Bücher erhielten zahlreiche Preise; für ihr Lebenswerk wurde sie mit dem Else-Beskow-Preis und dem Astrid-Lindgren-Preis ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet in der Nähe von Stockholm

Querverweis:

Hier folgen ergänzende Links zu weiteren Kinderbüchern zu den Themen: Abschied, Tod und Trauer:

Ente, Tod und Tulpe
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/06/13/ente-tod-und-tulpe/
Kleiner Fuchs Großer Himmel
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/23/kleiner-fuchs-grosser-himmel/
Nur ein Tag
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/10/13/nur-ein-tag/
Oma trinkt im Himmel Tee
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/26/oma-trinkt-im-himmel-tee/
Opa Meume und ich 
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/20/opa-meume-und-ich/
Der Tod auf dem Apfelbaum
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/20/der-tod-auf-dem-apfelbaum/
Überall & Nirgends / Gedichte über Tod und Trauer
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/07/03/ueberall-nirgends/
Wie lange dauert Traurigsein?
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/12/03/wie-lange-dauert-traurigsein/

 

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Wie lange dauert Traurigsein?

  • Für alle, die jemanden verloren haben
  • von Maria Farm
  • aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
  • Einband von Anna Harvard
  • Illustrationen von Bianca Schaalburg
  • Oetinger Verlag, März 2014                     http://www.oetinger.de
  • 144 Seiten, gebunden
  • 12.95 €
  • ISBN 978-3-7891-8557-1
  • Ab 9 Jahren
    9783789185571.jpg Wie lange dauert Traurigsein

LICHTSTREIFEN  IN  DER  DUNKELHEIT 

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es ist schon für Erwachsene eine Herausforderung, konstruktiv mit den schmerzlichen Gefühlen umzugehen, die mit den Themen Tod, Verlust und Trauer verbunden sind. Umso wichtiger ist es, daß Kinder, die vom Tode eines nahen Angehörigen betroffen sind, eine gute Unterstützung und Begleitung zur Trauerverarbeitung bekommen.

Auch ein Ratgeberbuch kann ein solcher hilfreicher Wegweiser sein. Die Autorin von „Wie lange dauert Traurigsein?“ ist Psychologin, und der Umgang und das Arbeiten mit Menschen in Krisensituationen ist ihr Beruf. Ihr Buch ist für Kinder und Jugendliche ab 9 Jahren geschrieben, aber es ist auch gut für Erwachsene geeignet, die – beruflich oder persönlich – in irgendeiner Weise trauernden Kindern beistehen und helfen möchten.

Gefühle müssen zur Sprache gebracht werden, und dieses Buch geht mit gutem Beispiel voran:
Es wird nichts beschönigt, aber auch nichts dramatisiert. Mit ausdrücklicher Sensibilität und spürbarem Mitgefühl beschreibt die Autorin Gefühle von Angst, Betäubtheit, Verwirrung, Schuld, Wut, Verletzlichkeit, Sinnlosigkeit und Traurigkeit sowie Möglichkeiten, mit diesen schmerzlichen Gefühlen umzugehen. Sie spricht zudem auch unterschiedliche Todesarten (Unfall, Krankheit, Gewaltverbrechen und Selbstmord) an.

Sie wendet sich auch an Kinder, die einen gewalttätigen oder vernachlässigenden familiären Hintergrund haben und denen verantwortungsvolle Bezugspersonen fehlen. In solchen Fällen empfiehlt sie diesen Kindern und Jugendlichen, außerfamiliäre Hilfe in Anspruch zu nehmen. (Auf den Seiten 123/24 werden Internetseiten und Telefonnummern von Beratungsstellen angegeben.)

Die vier Phasen der Trauer (Schock, Reaktionsphase, Verarbeitung, Neuorientierung) werden sehr verständlich erläutert, aber auch der Unterschied zwischen Trauer und Depression wird anschaulich dargelegt. Auch die Möglichkeit, in der Trauer steckenzubleiben, wird thematisiert und die Notwendigkeit, sich in diesem Falle mit professioneller therapeutischer Begleitung an die Trauerverarbeitung zu machen.

Wiederholt wird darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, die traurigen und schmerzlichen Gefühle und Gedanken sowie die schönen Erinnerungen an die verstorbene Person zum Ausdruck zu bringen. Dies kann auf unterschiedliche Weise geschehen, z.B. durch Aufschreiben oder Malen und durch die Gestaltung eines persönlichen Ortes der Erinnerung, der mit einigen besonderen Erinnerungsgegenständen und vielleicht einer Kerze geschmückt wird.

Der Wellengang der Gefühle, das Hin und Her von Kummer und Trost, die Erschöpfung und die dunklen Gedanken, die aufkommen können, all dies sollte man sich von der Seele reden. Das Gespräch mit vertrauten Erwachsenen, mit den eigenen Freunden, aber auch ein Selbstgespräch können beruhigen, trösten und helfen. Natürlich muß auch die Sprache der Tränen fließen, wann immer einem danach zumute ist.

Es fehlt auch nicht an ganz pragmatischen Anregungen, gut für sich selbst zu sorgen, z.B. durch Bewegung an der frischen Luft oder die Ausübung einer Sportart. Auch hier wird ganz einfach erklärt, daß man dem Körper dadurch hilft, Stress abzubauen sowie durch die Ausschüttung körpereigener „Glückspillen“ die eigene Gefühlstimmung positiv beeinflußen kann.

Die Autorin beschreibt den Ausnahmezustand der Trauer in einer sehr warmherzigen Sprache mit kindgemäßer Wortwahl, und es gelingt ihr, auf berührende Weise Trost und Verständnis zu vermitteln sowie eine Vielzahl von konstruktiven Anregungen und Hilfen.

Den Weg der Trauerverarbeitung muß ein betroffenes Kind zwar trotzdem selber gehen. Aber mit dem glaubwürdigen, „buchförmigen“ Versprechen eines lebenserfahrenen Erwachsenen, daß das Leben wieder heller werden wird, sieht der Weg nicht mehr ganz so düster aus. Und vielleicht reift dann langsam eine Erkenntnis, wie die eines Jungen, der bei der Autorin in Behandlung war und der sehr um seine Mutter trauerte:

»Eines Tages strahlte er übers ganze Gesicht: „Du, ich bin jetzt dahintergekommen!“ „Was denn?“ fragte ich. „Also“, antwortete er, „alle wissen ja, dass gute Gefühle vorbeigehen, oder? Ich weiß, wenn ich jetzt im Moment froh bin, heißt das nicht, dass ich immer froh sein werde. Und darum kann man genauso über anstrengende Gefühle denken: Genau wie die frohen Gefühle werden auch sie natürlich vorübergehen!« (Seite 81)

Die farblich zurückhaltenden Illustrationen (von Bianca Schaalburg) – in schwarz, weiß, grau und rosa – bereichern den einfühlsamen Text um schlichte, aber sehr sprechende Bilder.

Eine weitere sinnvolle Ergänzung sind die textfreien letzten 14 Buchseiten, die dem Kind ganz unmittelbar Raum für eigene Notizen lassen.

 

Die Autorin:

»Maria Farm ist Psychologin, und der Umgang und das Arbeiten mit Menschen in Krisen ist ihr unmittelbar vertraut. „Wie lange dauert Traurigsein?“ ist ihr drittes Buch und basiert auf Erfahrungen aus ihrer Praxis.«

 

Die Illustratorin:

»Bianca Schaalburg, geboren 1968 in Berlin, studierte dort auch Grafik und Visuelle Kommunikation. Schon während des Studiums konnte sie regelmäßig Cartoons und Comics veröffentlichen und erste Kinderbücher illustrieren. Seit 2006 hat sie einen Platz an der Sonne im Atelier petit 4 in Berlin. Dort arbeitet sie mit viel Spaß an ihren Kinder- und Jugendbüchern und an Aufträgen für Zeitschriften und Agenturen. «

Querverweis:

Hier folgen ergänzende Links zu weiteren Kinderbüchern zu den Themen: Abschied, Tod und Trauer:

 

Ente, Tod und Tulpe
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/06/13/ente-tod-und-tulpe/
Erik und das Opa-Gespenst
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/12/05/erik-und-das-opa-gespenst/ ‎
Kleiner Fuchs Großer Himmel
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/23/kleiner-fuchs-grosser-himmel/
Nur ein Tag
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/10/13/nur-ein-tag/
Oma trinkt im Himmel Tee
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/26/oma-trinkt-im-himmel-tee/
Opa Meume und ich 
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/20/opa-meume-und-ich/
Der Tod auf dem Apfelbaum
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/20/der-tod-auf-dem-apfelbaum/
Überall & Nirgends / Gedichte über Tod und Trauer
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/07/03/ueberall-nirgends/

 

 

Elizabeth wird vermisst

  • von Emma Healey
  • Aus dem Englischen von Rainer Schumacher
  • Bastei Lübbe Verlag März 2014                             http://www.luebbe.de
  • 348 Seiten, kartoniert
  • 14,99 €
  • ISBN 978-3-7857-6110-6
  • Die Taschenbuchausgabe erscheint am 08.10.2015  ebenfalls bei
  • Bastei Lübbe
  • 10,99 €
  • ISBN: 978-3-404-17273-3

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D U R C H E I N A N D E R G E R A T E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Emma Healey, hat im Alter von 28 Jahren ein einfühlsames und spannendes Buch geschrieben, in dem eine 82-jährige Frau, die an Alzheimer erkrankt ist, die Hauptrolle spielt.

Maud, als Ich-Erzählerin, berichtet von ihrem gegenwärtigen Alltag: Morgens kommt kurz eine Pflegekraft, die u.a. einen Mittagsimbiß für sie vorbereitet, danach ist sie sich selbst überlassen und freut sich auf den täglichen Besuch ihrer Tochter. Doch die Zeit ist lang, und Maud vertreibt sich die Langeweile, indem sie einkaufen geht, obwohl ihre Tochter immer mit ihr schimpft, wenn sie stapelweise Dosenpfirsiche kauft und hortet.

Die Innenperspektive auf das Alzheimer-Geschehen eröffnet uns einen ebenso schmerzlichen wie würdigenden Einblick in ein Schicksal des Vergessens. Zudem verknüpft die Autorin die Geschichte von Mauds Vergessen versiert mit einer kriminalistischen Parallelgeschichte aus Mauds Vergangenheit.

Mit Notizzettelchen und Weckerstellen bemüht sich Maud, ihre Gedächtnislücken zu überbrücken, aber das funktioniert nur sehr bedingt. Sie ärgert sich über ihre Schwierigkeiten, den Dingen die richtigen Namen zuzuordnen oder konzentriert über einen Sachverhalt nachzudenken und ständig den Faden zu verlieren. Anfänglich bemerkt sie ihre Aussetzer noch und gerät in ängstliche Verlegenheit und zusätzliche Verwirrung.

Aber eines ist ganz sicher: Maud vermißt ihre beste Freundin Elizabeth. Anscheinend will ihr keiner verraten, was mit Elizabeth geschehen ist.

So lückenhaft und durcheinandergeraten die jüngere Vergangenheit und die Gegenwart für Maud ist, so lückenlos und präzise sind im Ausgleich dazu die Erinnerungen an ihre Jugendzeit. Nach und nach erfahren wir, daß ihre ältere Schwester, Sukey, 1946 spurlos verschwunden ist, und dieser schmerzliche Verlust beschäftigt sie noch immer.

Die Autorin läßt Maud chronologisch und faktisch plausibel die Umstände von Sukeys Verschwinden erzählen. Diese biographischen Erinnerungsrückblenden wechseln sich mit den Berichten über die Ereignisse der Gegenwart ab. Da wir als Leser alles nur durch Mauds Wahrnehmungs- und Erinnerungsfilter „sehen“, wächst sowohl die Spannung bezüglich der alten Geschichte über die verlorene Schwester als auch bezüglich der neuen Geschichte über die „verschwundene“ Freundin Elizabeth.

Maud sucht im Rahmen ihrer eingeschränkten Möglichkeiten nach Elizabeth und hat dabei stets das nagende Gefühl, daß sie etwas vergessen hat. Sie verzettelt sich – wortwörtlich – immer mehr und mißtraut sich selbst und allen anderen. Die Gegenwart und der Realitätskonsens entgleiten ihr Stück für Stück und Wort für Wort.

Die Abstufungen des Vergessens – vom vagen Gefühl, etwas vergessen zu haben und sich noch an das Vergessen zu erinnern, bis zum Vergessen des Vergessens – werden sehr plastisch und berührend dargestellt.

Die Linearität von Mauds Lebensgeschichte löst sich – anfangs schleichend, später beschleunigt – auf, ihr Zeitgefühl verschwimmt, ihre Erinnerungen verblassen und überlagern sich und werden von ihr teilweise neu kombiniert, Erinnerungsbruchstücke überkreuzen sich mit Anforderungen der Gegenwart. Mauds Wahrnehmungsdeutungen und Äußerungen werden für ihre Umwelt und ihre Angehörigen immer unverständlicher. Dennoch sind ihre Tochter und ihre Enkelin rührend und geduldig um sie besorgt.

Der Autorin ist es sehr gut gelungen intensive Nähe zu Mauds Erleben zu vermitteln. Wie es Emma Healey schafft, Mauds Hilfslosigkeit, Orientierungslosigkeit, Verletzlichkeit und Verlorenheit für uns zu übersetzen, nachlesbar und mitfühlbar zu machen, das ist außergewöhnlich anrührend und lehrreich und eine sehr reife schriftstellerische Leistung.

 

Die Autorin:

»Emma Healey wuchs in London auf. Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Buchbinderin. Doch als ihr die Buchherstellung nicht mehr ausreichte, legte sie 2011 noch einen Master in Kreativem Scheiben an der University of East Anglia ab.
ELIZABETH WIRD VERMISST ist ihr erster Roman.«

Opa Meume und ich

  • von Maggie Schneider
  • mit Bildern von Jacky Gleich
  • Tulipan Verlag  2008                                http://www.tulipan-verlag.de
  •  66 Seiten,  12,90  €
  • 978-3-939944-16-4
  • zum Vorlesen ab 5 Jahren
  • zum Selberlesen ab 8/9 Jahren
  • Juli 2011 als Taschenbuch bei dtv
  • 978-3-423-71464-8, 6,95 €

Layout 1

DAS  UNSICHTBARE  INNENDRIN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Rührend und sehr herzlich, ja  – seelenvoll!

Emma ist ein Schlüsselkind und geht zweimal pro Woche zu Opa und Oma Meume in den dritten Stock.  Opa und Oma Meume sind nicht die Großeltern von Emma, sondern Nachbarn. Bei diesem liebevollen, seit vierundsechzig Jahren verheirateten Paar bekommt Emma altmodische Gerichte wie Königsberger Klopse  oder Himmel und Erde zum Mittagessen und Hilfe bei den Hausaufgaben. Opa Meume liest sehr gekonnt vor, und Oma Meume geht bei jedem Wetter mit Emma in den Park. Jeden Sonntag tanzen Oma und Opa Meume einen Walzer miteinander, und manchmal schaut Emma diesem schönen Beziehungsritual zu.

Doch dann stirbt Oma Meume und Opa Meume zieht sich ganz in seine Trauer zurück. Die neunjährige Emma läßt sich jedoch nicht so leicht abwimmeln und findet immer wieder einen Vorwand, um den einsamen Witwer aus der Reserve zu locken: mal hat sie sich ausgesperrt und muß dringend aufs Klo, mal braucht sie ein Heftpflaster und die Mathehausaufgaben werden auch nicht leichter, und zu Weihnachten wünscht sich Emma, daß Opa Meume  mit ihr und ihren Eltern feiert. Nach dem Weihnachtsbesuch organisieren Emmas Eltern einen Pflegedienst und Essen auf Rädern für Opa Meume.

Die Kombination aus äußerer Pflege durch die Altenpflegerin und innerer Pflege durch Emmas Zugewandtheit führt zu einer deutlichen Verbesserung. Sie schauen sich alte Fotos an und Opa Meume teilt die dazugehörigen Erinnerungen mit Emma, und schließlich reden die beiden auch offen über den Verlust vom Oma Meume und über ihre Gefühle, Gedanken und Fragen zum Thema Tod und Einsamkeit.

 „Ich glaube, wenn ein Mensch stirbt, bleibt das übrig, was man nicht sehen kann, das Innendrin.“

Für die Sommerferien organisiert Emma sogar eine Opa-Kind-Betreuungsvertretung. Als sie aus dem Urlaub zurückkommt, liegt Opa Meume im Krankenhaus, und Emma kann ihn noch zweimal besuchen, bevor auch  er stirbt.

Meine Eltern wollten mich zu Opa Meumes Beerdigung mitnehmen, aber dieses Mal wollte ich nicht. Die letzte Ehre erwies ich Opa Meume im Park. Ich stellte mir sein unsichtbares Innendrin auf der Parkbank vor, und dann hielt ich eine kleine Rede: „Lieber Opa Meume, es ist komisch, ich habe manchmal das Gefühl, dass du da bist und dann wieder nicht. Ich weiß nicht genau, wie man jemandem die letzte Ehre erweist…“ , an dieser Stelle verbeugte ich mich vor der Bank, „aber ich denke, irgendwie so ähnlich. Ich hoffe du kannst mich hören. Und ich hoffe, du bist jetzt wieder bei Oma Meume, und es war nicht alles nur ausgedacht, was du mir erzählt hast. Vielen Dank für alles.“ Und dann verbeugte ich mich noch einmal.“

Auch ich verbeuge mich hiermit vor Maggie Schneiders außergewöhnlich feinfühligem Kinderbuch, das keine Berührungsängste mit seinem Thema hat. Es macht aus der Begegnung mit unserer Sterblichkeit eine Anleitung zum Mitgefühl. In der Geschichte lebt Emma ihren eigenen Eltern soviel mehr an Liebe und Fürsorge für den alten Nachbarn vor, daß sie nur mühsam hinterherhinken können. Die Empathiebegabung Emmas zeigt sich in vielen kleinen Gesten, z.B. schafft sie gefühlsneutrale Weihnachtsdekoration für Opa Meume herbei, nachdem sie erkennt, daß der vertraute Weihnachtsschmuck ihn traurig macht.

Gerade weil den schmerzlichen Empfindungen Raum und Ausdruck gegeben wird, entsteht auch wieder Raum für Schmunzelsituationen, die nicht nur Opa Meume erheitern, sondern auch uns Leser.

Die schrägen Illustrationen von Jacky Gleich begleiten und bereichern den Text ausgezeichnet. Mein Lieblingsbild ist der doppelte Walzertanz von Oma und Opa Meume, der den Zeitsprung vom jungen zum alten Ehepaar lebhaft in Szene setzt.

Kurz: Ich bin des Lobes voll!

 

Die Autorin:

»Maggie Schneider ist der Künstlername von Verlegerin Mascha Schwarz. Sie wurde 1965 geboren, studierte Fotografie an der Fotoakademie in München und arbeitete danach als freie Fotografin, Regisseurin und Autorin für Film- und Fernsehproduktionen. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in München. »Opa Meume und ich« ist ihr erster Roman.«

Die Illustratorin:

»Jacky Gleich wuchs in der DDR auf und studierte Animation an der Filmhochschule in Babelsberg und in Dresden. Seit 1995 illustrierte sie rund 50 Bücher und erhielt dafür viele Auszeichnungen, darunter den Deutschen Jugendliteraturpreis, den Gustav Heinemann Friedenspreis und das Ehrendiplom Schönste Bücher der Welt. Sie lebt mit ihrer großen Familie in Mecklenburg.«

 

Dieses Buch ist 2016  in einer Neuauflage erschienen, illustriert von Eleanor Sommer.

Die Illustratorin:

»Eleanor Sommer, geboren 1974 in Hamburg, studierte Illustration an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg. Sie ist Mitglied der Illustratorengruppe »Die Krickelkrakels« und arbeitet als freie Illustratorin für Verlage und Zeitschriften in Sichtweite des Hamburger Hafens, wo sie auch mit ihrer Familie lebt.«  Mehr auf www.eleanorsommer.de
OpaMeume und ich_NEU_72

 

Tulipan Verlag  
Format 19 x 13 cm
gebunden
10,00 €
ISBN 978-3-86429281-1

 

Hier geht es zum Titel auf der Verlagswebseite:
http://www.tulipan-verlag.de/Buecher/Opa-Meume-und-ich.html?listtype=search&searchparam=opa%20meume

Querverweis:

Hier folgen ergänzende Links zu weiteren Kinderbüchern zu den Themen: Abschied, Tod und Trauer:

Ente, Tod und Tulpe
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/06/13/ente-tod-und-tulpe/
Erik und das Opa-Gespenst

https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/12/05/erik-und-das-opa-gespenst/
Kleiner Fuchs Großer Himmel
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/23/kleiner-fuchs-grosser-himmel/
Nur ein Tag
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/10/13/nur-ein-tag/
Oma trinkt im Himmel Tee
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/26/oma-trinkt-im-himmel-tee/
Der Tod auf dem Apfelbaum
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/20/der-tod-auf-dem-apfelbaum/
Überall & Nirgends / Gedichte über Tod und Trauer
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/07/03/ueberall-nirgends/

Wie lange dauert Traurigsein?
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/12/03/wie-lange-dauert-traurigsein/