Ein Zimmer, sechs Frauen und ein Bild

  • Roman
  • von Margaret Forster
  • Originaltitel: »Keeping the World Away«
  • Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek
  • deutsche Erstausgabe Arche Literatur Verlag 2006
  • Fischer Taschenbuch Verlag  August 2008   http://www.fischerverlage.de
  • 528 Seiten
  • Taschenbuch
  • 9,95 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-596-17581-9

KAMMERSPIEL  MIT  HORIZONT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Betrachten Sie zunächst einmal ganz unvoreingenommen das Bild, welches auf dem Buchumschlag wiedergegeben wird. Es ist ein kleinformatiges Ölgemälde „A Corner of  the Artist’s Room in Paris“, das die walisische Malerin Gwen John zwischen 1907 und 1909 gemalt hat. Das Bild spielt eine wesentliche Rolle im Romangeschehen. Es zeigt eine bescheidene Dachkammer mit erdigwarmen Bodenfliesen; unter einem Fenster mit leichter, hell-durchsichtiger Gardine steht ein Tisch aus unbehandeltem Kiefernholz, den ein Sträußlein kurzstieliger, dezent-bunter Blumen ziert; auf einem Korbflechtstuhl ruht ein Kissen, ein Tuch oder eine Stola hängt über einer Lehne, und ein Damensonnen-schirm lehnt sich gleich neben das Tuch an den Flechtstuhl. Das Zimmer ist von warmem Licht und einer unsichtbaren Präsenz erfüllt.

Es ist menschenleer und dennoch strahlt es  eine schwer zu fassende Erwartung aus. Ich frage mich unwillkürlich, ob jemand das Zimmer betreten oder das Zimmer verlassen wird, ob es eine oder mehrere Personen wären und ob sich das Zimmer in Anwesenheit von Menschen nicht in ein anderes Zimmer verwandeln würde.

Natürlich wird jeder das Bild auf eigene Weise wahrnehmen, manche mögen es sogar unscheinbar und langweilig finden. Mir gefällt an diesem Gemälde besonders die subtile Farbgebung und Lichtführung und daß ich mir eine Frau in dieses Bild hineinträumen kann.

Der Roman beginnt mit dem biographischen Hintergrund der Malerin Gwen John und beschreibt ausführlich und fesselnd ihre Studien und ihr Künstlerinnenleben in Paris. Sie stand u.a. Auguste Rodin Modell und war zeitweise seine Geliebte. Gwen Johns Konflikt zwischen abhängiger Liebesbindung und dem Bedürfnis nach Abgeschiedenheit und musischer Konzentration, um dem leidenschaftlichen Streben nach der Vervollkommnung des künstlerischen Selbstausdrucks gerecht zu werden, nimmt viel Raum ein.

Wir lesen von ihrer intensiven Arbeit an obengenanntem Bild, mit dem sie sich aus der schmerzlichen Anhänglichkeit an Rodin und seinen Versuchen, sie umzuformen, freimalt. Gwen John ist erleichtert, als das Bild endlich vollendet ist, und sie schenkt es einer guten Freundin, die aus familiären Gründen wieder nach England zurückkehrt und ihre Kunststudien in Paris aufgibt.

Diese Freundin verpackt das kostbare Geschenk sorgfältig in ihrem besten Reisekoffer. Sie wird das Bild jedoch nie wiedersehen. Denn ausgerechnet dieser Koffer wird mit einem anderen verwechselt, und das Bild strandet in England bei einer blaublütigen Familie. Eine der Töchter des Hauses hat eine künstlerische, unkonventionelle Ader und verliebt sich sogleich in das kleine Bild. Es hat auf seine stille Art einen beträchtlichen Einfluß auf ihre Selbstsicht und ihren weiteren Lebenslauf.

Später wird das Gemälde gestohlen, dann auf einem Trödelmarkt verkauft und als Liebesgabe an eine junge Frau  verschenkt. Es wird wieder verkauft, vererbt und wieder verkauft … So wird das Bild über den Zeitraum eines ganzen Jahrhunderts sechsmal von Frau zu Frau getragen und weitergereicht. Die Betrachtung des Gemäldes nährt und inspiriert bei jeder Frau die Selbstfindung und – sofern eine künstlerische Begabung vorliegt – auch das künstlerische Ausdrucksverlangen. Faszinierend sind auch die zufälligen Querverbindungen zwischen den verschiedenen Bildbesitzerinnen, die für die jeweils Betroffenen oft gar nicht ans Licht kommen.

Der Autorin gelingt mit diesem Roman eine feinsinnige, komplexe Verbindung von Familienroman und Künstlerroman, mit sehr einfühlsamen Psychogrammen, interessanter zeitgeistiger Umrahmung in Kombination mit überaus anschaulichen musischen Wahrnehmungsperspektiven sowie der deutlichen Unterscheidung zwischen echten Künstlern und Möchte- gernkünstlern.

Obwohl wir nur ausschnittsweise Einblick in das Leben der verschiedenen Bildinhaberinnen nehmen können, entsteht von jeder Frau eine aussage- kräftige und glaubwürdige Charakterskizze. Alle Frauen eint, daß sie früher oder später aus dem Rahmen der in sie gesetzten Erwartungen fallen und sich auf die Suche nach dem für sie selbst Wesentlichen machen.

Margaret Forster zeigt uns in sechs Variationen das komplizierte Schwanken zwischen Nähe und Distanz, archetypisch-weiblichen Lebens- fragestellungen und familiären Zwängen,  aber auch unterschiedliche Ab- stufungen von Liebe, Treue und Untreue, den häufigen Konflikt zwischen den Aufdringlichkeiten und Ablenkungsmanövern der Welt und der not- wendigen kreativen Einsamkeit und Zurückgezogenheit, die es braucht, um ein Kunstwerk zu gestalten. Die Ambivalenz zwischen Bindungsbequem- lichkeit und Freiheitsbeflügelung wird von jeder Frau anders gelöst.

Wie schon Virginia Woolf 1929 in ihrem berühmten Essay „Ein Zimmer für sich allein“ ausführte, ist ein eigenes Zimmer – neben einem auskömm- lichen Einkommen – die Basisvoraussetzung für die ungestörte Entfaltung weiblich-musischer Kreativität und Selbstbesinnung. Das Bild von Gwen John bietet sich für diesen Roman hervorragend als Imaginationsfläche an.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.fischerverlage.de/buch/ein_zimmer_sechs_frauen_und_ein_bild/9783596175819

Und hier entlang zum lohnend-informativen Link zur Malerin Gwen John:
http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/gwen-john

Die Autorin:

»Von ihrem ersten Aufsehen erregenden Roman »Ich glaube, ich fahre in die Highlands« bis zu ihrem bislang erfolgreichsten Roman »Die Dienerin« hat die englische Bestseller-Autorin Margaret Forster auch im deutschsprachigen Raum zahllose Leserinnen begeistert. 1938 in Carlisle geboren, studierte sie Geschichte in Oxford und lebt heute als freie Schriftstellerin in London und im Lake District. Im Fischer Taschenbuch Verlag erschienen zuletzt: ›Ich warte darauf, dass etwas geschieht‹ (Bd. 17233) und ›Ein Zimmer, sechs Frauen und ein Bild‹ (Bd. 17581).«

 

Querverweis:

Und hier gibt es noch einen weiteren Künstlerroman zu erlesen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/07/19/konzert-ohne-dichter/
„Konzert ohne Dichter“ von Klaus Modick handelt von den Lebens- und Liebesverhältnissen und Auseinandersetzungen der Worpsweder Künstler und Künstlerinnen sowie von der Freundschaft zwischen dem Maler Heinrich Vogeler und dem Dichter Rainer Maria Rilke.

 

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Geister auf der Metropolitan Line

  • Eine Peter-Grant-Story
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »The Furthest Station«
  • Deutsch von Christine Blum
  • Krimi mit magischen Elementen
  • DTV Verlag   Mai 2018   www.dtv.de
  • 176 Seiten
  • 8,95 € (D), 9,20 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21733-0

GESPENSTISCHES  INTERMEZZO

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dieses neue Peter-Grant-Buch tanzt aus der Reihe und buchstabiert die Freuden und Leiden magischer kriminalistischer Ermittlungsarbeit auf nur 176 Seiten, weshalb die Geschichte diesmal als Kurzroman firmiert und nicht als der zu erwartende 7. Band. „Geister auf der Metropolitan Line“ ist ein amüsant-spannender Leseimbiß, der wie eine harmlose Vorspeise zu einem später zu servierenden dramatischen Hauptgericht wirkt.

Für den Peter-Grant-Leseneuling genügt vorab die Information, daß es bei der Metro- politan Police von London eine geheime Ermittlungsabteilung für Kriminalfälle mit übersinnlichen Elementen gibt. Police Constable Peter Grant erwies sich vor einiger Zeit als magisch begabt, und dies beförderte ihn umgehend ins Folly, den Wohn- und Studiensitz der Abteilung „Spezielle Analysen“, und unter die distinguierten Fittiche von Detective Chief Inspector Thomas Nightingale, seines Zeichens letzter lebender Zaubermeister von England.

Peter Grant ist noch in der Ausbildung, denn die gewöhnliche kriminalistische Kompe- tenz wird durch praktische und theoretische Magie, Sprachstudien in Latein und Alt- griechisch, Zaubersprüche und sehr übungsintensive, äußerste Präzision erfordernde magische Erkennungs- und Verteidigungstechniken ergänzt. Wer es detaillierter wissen möchte, möge sich bitte zu meiner Besprechung des ersten und zweiten Bandes bemühen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/

Versüßt wird Peter Grants harte Arbeit immerhin durch angenehme Bekanntschaften mit sehr attraktiven personalisierten Londoner Flußgöttinnen, die – wenn es im Interesse ihrer kapriziösen naturgeistigen Belange ist – gelegentlich auch bei den Ermittlungen mitwirken oder ihre Kontakte zu diversen magischen Wesen spielen lassen.

Peter Grant ist an harte Kaliber magischer Gegner gewöhnt, und ein bißchen U-Bahn- Fahren, um den gehäuft eingehenden Meldungen von Geisterbegegnungen in der Metropolitan Line nachzugehen, fällt eher unter Kinderspiel. Zwar wurden einige Fahr- gäste von den Geistern beleidigt, aber es gab keine ernsthaften Angriffe. Seltsamer- weise konnten sich die Zeugen schon kurze Zeit nach dem Vorfall an keine Details mehr erinnern und sagten nur aus, daß der Geist sich einfach in Luft aufgelöst habe.

Während Peter U-Bahn fährt, um selbst einem solchen Geist zu begegnen, analysiert seine vorwitzige Cousine Abigail, die auch bereits eine verdächtige Magiebegabung erkennen läßt und zudem auch noch bessere Fortschritte in Latein macht als er selbst, die Standorte der Geistervorkommnisse, die Streckenführung usw., um ein eventuelles Bewegungsmuster der Geister herauszufinden.

Mit etwas Geduld und guter Fügung entdeckt Peter ein Geisterkind in der U-Bahn und kann es befragen. Das viktorianisch gekleidete Mädchen erklärt ihm bereitwillig, daß es vom Palastmeister des Glaspalastes ausgeschickt worden sei, um mit einem Polizisten zu sprechen und ihm eine Geschichte zu erzählen.

Diese Geschichte ist etwas blumig und märchenhaft, aber Peter schlußfolgert, daß es sich um eine aktuelle, unentdeckte Entführung handelt. Das Geistermädchen betont noch einmal, wie wichtig es sei, die „Prinzessin“ aus dem Kerker zu retten, der genau neben dem Glaspalast liege, und daß schon mehrere Geisterboten ausgeschickt worden seien, die sich aber wohl verirrt und ihren Auftrag nicht erfüllt hätten, – und dann löst sich die kleine Informantin in Luft auf.

Nachforschungen in der Magischen Bibliothek des Folly führen zu George Buckland, Esquire, einem magischen Praktizierenden aus dem 18. Jahrhundert, der Geister in „Rosenglas“ fangen und aufbewahren konnte. Entließ man diese Geister in die Freiheit, zerfielen sie nach kurzer Zeit. Das Pfarrhaus, in dem er einst lebte, gibt es immer noch.

Keine Frage, daß es wirklich eine Entführung gab, und keine Frage, daß ganz normale polizeiliche Ermittlungsarbeit, gewürzt mit ein paar zauberhaften Nachhilfeschubsern, nun zur erfolgreichen Rettung und Aufklärung führen.

Das ist wirklich einmal ein recht entspannter Fall mit glimpflichem Ausgang. Der Autor erzählt diese Geschichte in lockerem Plauderton und mit lebhaften Dialogen. Wie in den Vorgängerbänden ergeht er sich zudem in selbstironischen Randbemerkungen zu polizeilicher Kundenorientierung und in knackig formulierter Kritik an unansehnlichen architektonischen Verirrungen der Gegenwart.

»Der vorläufige Tiefpunkt ist ein ungeschlachtes Einkaufszentrum aus rotem Backstein schräg gegenüber vom Bahnhof, das sehr geschickt einen kompletten Mangel an Ästhetik mit völliger Nichtbeachtung eines praktischen Daseinszwecks verbindet.«
(Seite 69)

Ben Aaronovitch serviert eine schriftstellerische magische Mischung, in der sich Überraschungs-, Gänsehaut- und Schmunzeleffekte angenehm abwechseln. Lassen Sie sich beGEISTERN … !

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/ben-aaronovitch-geister-auf-der-metropolitan-line-21733/

Hier entlang zur interessanten und informativen DTV-Webseite zur Peter-Grant-Serie:
https://www.dtv.de/special-ben-aaronovitch-urban-fantasy/startseite/c-184

Und hier geht es zu den vorhergehenden magieverdächtigen Fällen von Peter Grant:

Band 1: DIE FLÜSSE VON LONDON
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/
Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/
Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/
Band 4: DER BÖSE ORT
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/
Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/
Band 6: DER GALGEN VON TYBURN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/27/der-galgen-von-tyburn/

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wuchs in einer politisch engagierten, diskussionsfreudigen Familie in Nordlondon auf. Er hat Drehbücher für viele TV-Serien, darunter „Doctor Who“, ge- schrieben und als Buchhändler gearbeitet. Seine Urban-Fantasy-Serie um Peter Grant ist nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Deutschland sensationell erfolgreich und führt regelmäßig die Bestsellerlisten an. Inzwischen widmet sich Ben Aaronovitch ganz dem Schreiben, zur Freude seiner zahlreichen Fans. Er lebt nach wie vor in London.«

 

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Die Geschichte der Bienen

  • von Maja Lunde
  • Roman
  • Originaltitel: »Bienes Historie«
  • Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein
  • btb Verlag März 2017    www.btb-verlag.de
  • gebunden
  • Schutzumschlag
  • 512 Seiten
  • Format: 12,5 x 20,00 cm
  • 20,00 € (D), 20,60 € (A), 26,90 sFr.
  • ISBN 978-3-442-75684-1

B I E N E N E C H O

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Roman „Die Geschichte der Bienen“ hat das Potenzial, vielen Menschen fühlbar zu vermitteln, wie sehr unsere Existenz vom Bienenfleiß unzähliger Bestäuberinsekten abhängt.

Über einen Zeitraum von 150 Jahren erfahren wir von drei Familien, in deren Leben und Überleben Bienen eine schicksalhafte Rolle spielen.

Tao lebt im Jahr 2098 in China und arbeitet als Obstblütenbestäuberin. Es gibt seit dem weltweiten Bienenkollaps von 2045 keine Bienen mehr, und die damit verbundene Nahrungsmittelknappheit hat die Welt drastisch verändert; die Vormachtstellung Amerikas und Europas ist dahin, die Weltbevölkerung hat deutlich abgenommen. China hat sich als anpassungsfähiger an die neuen Umweltbedingungen erwiesen; dennoch herrscht auch in Taos Welt Mangel an Nahrung. Disziplin und durchorganisierte Verteilung ermöglichen das Überleben, Baumwolle ist ein Luxusartikel und das Internet nur noch eine Erinnerung.

Jeden Tag arbeitet Tao zwölf Stunden, einen Ruhetag gibt es nur alle paar Wochen, wenn die Obstplantagenpflichten erfüllt sind und die Arbeiter laut überregionalem Regierungskomitee-Beschluß eine solche Belohnung „verdient“ haben.

Mit äußerster Achtsamkeit – um keine wertvollen Äste abzubrechen – klettert Tao in die Birnbäume und bestäubt  mit einem feinen Federpinsel Blüte um Blüte um Blüte um Blüte um Blüte um Blüte um Blüte mit kostbarem Blütenstaub. Diese Arbeit erfordert großes feinmotorisches Geschick, und Tao gibt sich die größte Mühe, obwohl ihre Talente deutlich mehr im intellektuell-sprachlichen Bereich liegen und nicht im handwerklichen.

Sie freut sich auf den Feierabend, auf ihren Mann Kuan und ihren kleinen, dreijährigen Sohn Wei-Wen. Tao hofft, durch frühkindliche Förderung ihrem Kind eine andere Lebensperspektive eröffnen zu können, und unterrichtet ihn im Rahmen ihrer Möglichkeiten täglich eine Stunde. Verständlicherweise will Wei-Wen aber viel lieber spielen. Wie soll sie ihrem Kind auch begreiflich machen, daß es, wenn es keine herausragende  intellektuelle Begabung zeigt, bereits im Alter von acht Jahren unvermeidlich zum Blütenbestäuber ausgebildet werden wird? Die Sicherung der Ernährungsgrundlagen hat in Taos Welt Vorrang vor höherer Bildung.

An einem ihrer wenigen freien Tage veranstalten Tao und Kuan mit Wei-Wen ein kleines Ausflugs-Picknick, bei dem Wei-Wen einen dramatischen „Unfall“ erleidet, der das Leben und die Zukunft aller verändern wird …

William lebt im Jahr 1852 in England. Er ist eigentlich Naturforscher, jedoch erfordern seine familiären Verpflichtungen eine einträgliche Arbeit, und deshalb führt er ein Geschäft für Samenhandel. Er ist rundherum unglücklich mit seinem Dasein, mit dem Geschnatter zahlreicher Töchter, seinem schwierigen Verhältnis zum einzigen mütterlich-verwöhnten Sohn und dem Verlust seiner wissenschaftlichen Leidenschaft. Gerne würde William seinem Leben eine größere, übergeordnete Bedeutung geben und eine weltbewegende Entdeckung oder Erfindung machen.

Die Lektüre eines Buches über Bienen weckt seinen Forschergeist zu frischem Leben. Er will einen neuartigen Bienenstock entwickeln, der es ermöglicht, Honig zu ernten, ohne den Bienen und ihrer Brut Schaden zuzufügen. Außerdem solle der neue Bienenstock dem Imker besseren Einblick in den Zustand des Bienenvolks verschaffen.

Voller Eifer beobachtet William das Verhalten der Bienen, zeichnet begeistert Baupläne, experimentiert mit verschiedenen Bauweisen und erfindet einen Vorläufer der heute noch üblichen Magazinbeuten mit herausnehmbaren Wabenrahmen. William ist voller Vorfreude, träumt von einem Patent für die „William-Savage-Standardbeute“, von Ruhm und Reichtum. Indes, jeder Verbesserung und Verfeinerung, die ihm einfällt, kommen stets andere Forscher in anderen Ländern mit ihren Patentanmeldungen zuvor.

George lebt im Jahr 2007 in Amerika. Er ist Berufsimker und baut seine Magazinbeuten selbst, nach einem alten Bauplan, den eine Vorfahrin seiner Familie bei der Auswande-rung nach Amerika mitgebracht hat. Seinen imkerischen Erfolg führt er u.a. auf diese liebevoll-selbstgezimmerten Bienenstöcke zurück. Dennoch ist der finanzielle Ertrag der Imkerei bescheiden, und für Investitionen braucht George Bankkredite, die abbezahlt werden müssen.

Sein Sohn Thomas studiert und möchte gerne Journalist werden. George jedoch versteift sich stur darauf, daß sein Sohn die Familientradition der Imkerei fortsetzt. Dies führt zu familiären Spannungen und Differenzen.

Als jedoch Georges Bienenvölker über Nacht vom CCD („Colony Collapse Disorder“) befallen werden und fast alle Bienen verloren sind, kommt sein Sohn auf den Hof zurück und hilft seinem Vater zu retten, was noch zu retten ist. Im Jahr 2037 wird Thomas Savage ein visionäres Buch schreiben, das sein ganzes praktisches Wissen über Bienen bündelt. Ein Buch, das Tao ein halbes Jahrhundert später lesen wird …

Maja Lunde verbindet gekonnt die Erzählung zwischenmenschlicher Beziehungen und Entwicklungen mit der Vermittlung von Wissen über Bienen. Da alle Personen um das Thema Bienen kreisen, fließen bienenbezügliche Beobachtungen, Informationen und Reflexionen selbstverständlich in die Gespräche und Gedanken der Figuren ein.

Heute ist allgemein bekannt, daß unser aller Ernährung von der unermeßlichen Bestäubungsleistung der Honig- und Wildbienen sowie diverser weiterer Bestäuberinsekten abhängt. Es gibt viele gute und wissenswerte Sachbücher und Dokumentarfilme zu diesem Thema. Damit aber dieses Wissen vom Kopf ins Herz gelangt, ist ein Roman vielleicht besser oder massentauglicher geeignet, da dieses Wissen auf eine personalisierte Weise emotional dargestellt wird.

Spannung und Abwechslung entstehen in Maja Lundes Roman durch die regelmäßig zwischen den drei Zeitebenen abwechselnden Kapitel und deren subtilen Zusammen-hänge, die sich erst nach und nach offenbaren.

Die Beschreibung  von Taos Lebensbedingungen berührt ganz unmittelbar, sie ist die Figur mit der man beim Lesen am stärksten bangt und hofft.

Den lebensgefährlichen Einflußreichtum gewisser monopolistischer Chemie- und Saatgutkonzerne auf Gesetzgebung und landwirtschaftliche Gestaltung demokratischer Staaten sowie das damit verknüpfte Verharmlosungsmarketing bezüglich bienen-gefährdender Substanzen, hätte die Autorin nach meiner Einschätzung ruhig etwas deutlicher darstellen können. Sowohl bei Taos historischen Bienenrecherchen wie bei Georges gegenwartsnahem Erzählstrang wäre in dieser Hinsicht noch informativer Spielraum gewesen.

Möge die Tatsache, daß es „Die Geschichte der Bienen“ auf Platz eins der Bestsellerliste geschafft hat, davon zeugen, daß das Bewußtsein für die essentielle Bedeutung der Bienen in der Bevölkerung gewachsen ist.

Der aufwühlende, eindringliche und bittere Vorgeschmack auf eine Welt ohne Bienen, deren Bestäubungsleistung nur begrenzt und unzureichend durch menschliche Handarbeit ausgeglichen werden kann, dürfte Warnung genug sein, um hoffentlich noch die Weichen für eine Zukunft mit Bienen zu stellen.

Wenn alle Leser von „Die Geschichte der Bienen“ wortwörtlich vor der eigenen Haustür den Schritt vom Lesen zum Pflanzen nektarreicher Blumen und Kräuter beschritten, würde tatsächlich HOFFNUNG gesät.

Jede Biene und jede Blüte zählt …

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Geschichte-der-Bienen/Maja-Lunde/btb-Hardcover/e492023.rhd

 

Die Autorin:

»Maja Lunde wurde 1975 in Oslo geboren, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie lebt. Sie ist eine bekannte Drehbuch- sowie Kinder- und Jugendbuchautorin. Die Geschichte der Bienen ist ihr erster Roman für Erwachsene, der zunächst national und schließlich auch international für Furore sorgte. Er stand monatelang auf der norwegischen Bestsellerliste und wurde mit dem Norwegischen Buchhändlerpreis ausgezeichnet.«

 

Querverweise:

Bienenperspektivisch ergänzend empfiehlt sich der Roman „Die Bienen“ von Laline Paul.
Dieser Roman ist ein speziesübergreifender erzählerischer Annäherungsversuch an die komplexe Lebensform eines Bienenschwarms, übersetzt in menschliche Gefühlskategorien. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/05/16/die-bienen/

Zum Thema Bienen und Mitweltschutz empfehle ich zusätzlich dringend das aufklärerische Büchlein von Ute Scheub: »Ackergifte? Nein danke! Für eine enkeltaugliche Landwirtschaft«. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/12/ackergifte-nein-danke/

Wer anspruchsvolle Sachbuchlektüre braucht, findet bei Randolf Menzels und Matthias Eckholdts Buch „Die Intelligenz der Bienen“ ebenso faszinierenden wie hochkonzentrierten Wissensnektar.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/05/24/die-intelligenz-der-bienen/

Und für alle, die nicht nur lesen, sondern auch konkret und konsequent bienenförderlich handeln möchten, empfehle ich von ganzem Herzen die überaus praktikablen botanischen Anregungen, die Almuth auf ihrer bienenfleißigen Webseite „Natur auf dem Balkon“ anschaulich (feine Fotos) und liebevoll (informativ-schwärmerische Texte) vorlebt.
https://naturaufdembalkon.wordpress.com/

Little Bee

  • von Chris Cleave
  • Deutsch von Susanne Goga-Klinkenberg
  • Neuausgabe April 2014, dtv Verlag                               www.dtv.de
  • 475 Seiten
  • 10,00 €
  • ISBN 978-3-423-21907-5
    little_bee-9783423219075

KEIN  ZUCKERSCHLECKEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Zur Einstimmung ein Zitat :

„Noch ein paar wenige Atemzüge, dann werde ich traurige Worte zu euch sprechen. Aber ihr müsst damit ebenso umgehen wie mit den Narben. Traurige Worte sind auch eine Form von Schönheit. Eine traurige Geschichte bedeutet, die Erzählerin ist am Leben. Ehe ihr euch verseht, wird ihr etwas Schönes passieren, etwas Wunderbares, und dann wird sie sich umdrehen und lächeln.“
(Little Bee, Seite 23)

Dieses bemerkenswerte Buch geht nicht bloß unter die Haut, es trifft mitten ins Herz!

Stellen Sie sich vor, es klopft an Ihre Türe, und plötzlich ist nicht Ihr abstraktes Mitgefühl angesprochen, das Sie vielleicht bei Nachrichtensendungen empfinden und dann schnell wieder verdrängen, weil das Leid auf der Welt einfach zu groß und überwältigend ist, nein: Da steht leibhaftig ein Flüchtlingskind auf Ihrer Schwelle und hofft auf Ihre konkrete Hilfe. Dies geschieht in diesem Roman der Journalistin Sarah mit Little Bee.

Nkiruka liebte Musik, und jetzt begriff ich, dass sie recht hatte, weil das Leben kurz ist und man zu Nachrichten nicht tanzen kann.“ (Seite 244)

So erinnert sich die 16-jährige Little Bee an ihre ältere Schwester Nkiruka und an die friedliche Zeit in ihrem Dorf in Nigeria, als jede Familie ein Aufziehradio geschenkt bekommen hatte. Später (im Jahr 2005) „kamen die Männer“ und töteten fast alle Dorfbewohner, denn sie waren den Interessen ölfördernder Unternehmen im Weg (Nigeria ist – laut Chris Cleaves Nachwort zum Roman – der achtgrößte Ölexporteur der Welt). Little Bee und ihre Schwester fliehen, und sie werden gnadenlos gejagt, denn Augenzeugen sind nicht erwünscht.

Das Schicksal führt sie in die Nähe eines Hotelstrandes. Ein Journalistenehepaar macht dort gerade Urlaub; beim Strandspaziergang begegnen sie den beiden Mädchen, die sich schutzsuchend an sie wenden. Sarah und ihr Ehemann sehen sich von einem Augenblick auf den anderen mit der grausamen Wirklichkeit des Bürgerkrieges konfrontiert.

Die Jäger der Mädchen lassen sich von zwei weißen Touristen nicht beeindrucken, das angebotene Geld nehmen sie amüsiert an, aber um das Leben der Mädchen zu „erkaufen“, verlangt ihr Anführer ein größeres, blutiges Opfer. Andrew, Sarahs Ehemann, ist nicht bereit dieses Opfer zu bringen, Sarah hingegen doch. Danach bestimmt der Anführer der Verfolger, daß nun nur Little Bees Leben gerettet sei. Dennoch nehmen die Jäger beide Mädchen mit.

Sarah und Andrew kehren nach England zurück. Andrew wird depressiv, und Sarah konzentriert sich auf ihren kleinen Sohn Charlie, auf ihre Arbeit als Chefredakteurin eines Frauenmagazins und auf ihre Affäre mit Lawrence.

Little Bee überlebt und schmuggelt sich auf einem Teetransportschiff nach England. Dort landet sie sofort in einem Abschiebegefängnis. Nach zwei Jahren, die Little Bee damit verbracht hat, ihre englischen Sprachkenntnisse zu verfeinern, trotz ihrer extrem traumatischen Erfahrungen zu überleben und sich nicht das Leben zu nehmen, wird sie dank eines Computertippfehlers zusammen mit drei weiteren Flüchtlingsmädchen illegal aus der Haft entlassen.

Tapfer sucht sie die einzige Adresse auf, die sie in England kennt, und steht schließlich vor Sarahs Haustür. Nach dem Schock des unerwarteten Wiedersehens und anfänglichem Zögern ist Sarah jedoch wild entschlossen, Little Bees Leben ein weiteres Mal zu retten. Sie krempelt ihr eigenes Leben radikal um, plant ein Buch über die menschenrechtliche Situation in Nigeria und hofft, daß es ihr gelingt, Little Bees illegalen Status zu legalisieren.

Die Geschichte von Little Bee und Sarah ist fiktiv, aber sie erscheint überaus lebensecht, schonungslos unbequem, schmerzhaft realistisch und nachhaltig aufwühlend. Ein Einzelschicksal ist anschaulicher und weckt mehr Anteilnahme als eine Menschenmasse, in der Individualität unsichtbar wird.

Die zweistimmige Erzählkonstruktion ermöglicht differenzierte, eindringliche und kontrastreiche Perspektiven: Little Bee und Sarah berichten immer abwechselnd aus ihrem Leben, aus ihren Welten und von ihren Begegnungen miteinander.

Little Bee ist trotz ihrer grausamen Lebenserfahrung und Verletzlichkeit voller Mitgefühl, sie hat Humor und ist für ihr zartes Alter von 16 Jahren ausgesprochen „frühweise“. Sie stellt sich oft vor, wie kompliziert und mißverständlich es wäre, die – für uns ganz alltäglichen -Lebensbedingungen und Seltsamkeiten der Ersten Welt den Mädchen aus ihrem Dorf zu erklären. So dient in England z.B. Holz als dekorativer Bodenbelag und nicht als Brennmaterial, und Frauen stellen stolz ihre nackten Brüste in Zeitschriften aus, aber auf der Straße verhüllen sie sich schamhaft.

Sarahs Probleme sind – verglichen mit denen Little Bees – luxuriös: Ihre Ehe kriselt, sie zweifelt am Sinn ihrer journalistischen Arbeit, sie sorgt sich um ihren kleinen Sohn. Natürlich haben diese zwischenmenschlichen Themen einen lebenswichtigen Stellenwert, aber sie spielen sich in einem demokratischen und sozialen Bezugsrahmen ab, in dem es selbstverständlich ist, über ein grundsätzliches Lebensrecht und ein gewisses Maß an Selbstbestimmung zu verfügen.

Von solch einer zivilgesellschaftlichen Freiheit und Sicherheit kann Little Bee nur träumen. Sollte sie in ihr Heimatland zurückgeschickt werden, sind ihr nur Tod oder Gefängnis sicher.

Ich spürte, dass mein Herz leicht davonflog wie ein Schmetterling, und dachte, ja, das ist es, etwas in mir hat überlebt, etwas, das nicht mehr weglaufen muss, weil es mehr wert ist als alles Geld der Welt, und seine Währung, sein wahres Zuhause, ist das Leben. Nicht nur das Leben in diesem oder jenem Land, sondern das geheime, unwiderstehliche Herz des Lebens.“ (Seite 466)

Das kurze Leben und das große Herz von Little Bee wird man nach dieser Lektüre lange nicht vergessen.

 

Der Autor:

»Chris Cleave schreibt für den englischen „Guardian“ und lebt mit seiner Familie in London. Er hat u.a. als Barmann, Hochseematrose und Journalist gearbeitet, Meeresnavigation unterrichtet und eine Internetfirma aufgezogen. Sein Roman „Little Bee“, erschienen in 23 Ländern, wurde ein internationaler Bestseller und für zahlreiche Preise nominiert.«

http://www.chriscleave.com