Die Frau, die an einem ganz normalen Sommertag plötzlich keine Gedanken mehr im Kopf hatte

  • Erfahrung einer Erleuchtung
  • von Yolande Duran-Serrano
  • und Laurence Vidal
  • Originaltitel: Le Silence Guérit
  • Aus dem Französischen von Jochen Lehner
  • 224 Seiten, Klappenbroschur
  • 14,99 €
  • KNAUR MENSSANA Verlag, März 2014     http://www.mens-sana.de
  • ISBN 978-3-426-65744-7
    Die Frau, die an einem ganz normalen Sommertag

BESPRECHUNG  DES  UNAUSSPRECHLICHEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wie sagt man Erleuchtung weiter?

Beginnen wir mit dem greifbar Faktischen: Yolande Duran-Serrano war keine spirituelle Sucherin, dennoch erfaßte sie im Sommer 2003 eine plötzliche Erleuchtungserfahrung. Auf einmal waren ihre Gedanken einfach weg, und sie fand sich in der Stille wieder, bzw. die Ich-Identifikation löste sich in gedankenloser, stiller Präsenz auf.

Das Buch besteht aus Gesprächen/Interviews, die die Journalistin und Autorin Laurence Vidal mit Yolande Duran-Serrano geführt hat. Die Kapitel mit den präzisen Fragen und den von Stille getränkten Antworten wechseln sich ab mit Verarbeitungsreflexionen und geistigen „Verdauungserfahrungen“ der Autorin, der im Verlauf der tiefen Begegnungen mit Yolande auch „eigene“, belichtende Entwicklungsschritte geschehen.

Doch das EIGENTLICHE findet sich in diesem Buch zwischen den Zeilen, die Sprache ist Bestandteil der polaren Wirklichkeit und kann die Erfahrung von EINSSEIN, von NICHTGETRENNTHEIT, von absoluter PRÄSENZ, von UNSICHTBARER KLARHEIT nur andeuten und umschreiben. Wenn es sich mitteilt, dann hört das Hören – unabhängig von der Persönlichkeit des Lesers oder der Leserin.

Yolande beschreibt den Zustand, in dem sie sich befindet, in einfachen, klaren Worten:

„Wie ich früher nicht aufhören konnte zu denken, selbst wenn ich wollte, so kann ich heute zu denken versuchen, und es geht nicht. So einfach ist das. Alles ist einfach. Alles ist ruhig. Alles ist neu und bleibt ohne Kommentar. Ein Augenblick erscheint und stirbt. Dann wieder einer. Du gehst vollkommen im Augenblick auf.“ (Seite 40/41)

Befreit von mentalen Filtern und psychologischen Bedingungen, erlebt Yolande eine „erfüllte Leere“, ein intensives, lebendiges Empfindungsspektrum, das stets begleitet wird von bedürfnisloser und bedingungsloser Liebe. Ohne PERSÖNLICHKEIT lebt es sich offenbar wesentlich freier, leichter und heiterer.

„So einfach: nicht mehr diese Person zu sein, die fühlt. Da ist Fühlen, sonst nichts.“ (Seite 135)

Das Leben, das sie führt, bzw. das Leben, dem sie sich einfach überläßt, ist nicht abgehoben oder asketisch abgesondert, es ist kontaktfreudig: Es wird gesungen, getanzt, gelacht, meditiert, gesprochen und geschwiegen, Essen und Trinken (und sogar Rauchen) werden genossen. Es gibt Beziehungen, Freundschaften, Einkaufsbummel, Arbeit, Reisen und grenzenloses Vertrauen.

Da ist niemand – da ist Erleuchtetsein, Einsicht, Freude, Gelassenheit, Hingabe, Heilung, Liebe und Wissen, aber kein subjektives Meister-Ego. Yolande hebt immer wieder hervor, daß es nichts zu tun gibt, nichts zu denken, nichts zu erreichen. Sie mischt sich nicht mehr ein, sondern sie kann einfach alles Geschehen geschehen lassen!

„Lasst Euch vollkommen auf das ein, was der Augenblick euch gerade bietet. Euer individuelles Bewusstsein ist universelles Bewusstsein, legt also euer Herz und euren Geist hinein. Denkt an nichts anderes. Wenn das natürlich geschieht, ohne Anstrengung, ist es der höchste Zustand überhaupt. Es ist »diese Sache«, das Absolute, die höchste Wirklichkeit – und sie sucht euch. Sie wird euch in dem Augenblick finden, den sie als den richtigen bestimmt. In diesem Zustand jenseits aller Zustände, in diesem ewig und spontan schlagenden großen Herz wird euch offenbar werden, wer ihr wirklich seid.“ (Seite 141)

Erwachen, das ist das Offenbarwerden der Einheit von allem. Darin zeigt sich etwas: Bevor du dieses gewordene Bewusstsein bist, gleich ob individuell oder universal, bist du etwas, das gleichsam flussaufwärts liegt. Wir alle sind »diese Sache «, dieses Absolute, nur wird das von diesem Bewusstsein verdeckt.
»Diese Sache« ist also da, diese Kraft ist da. Sie wird dich finden. Sie wird Besitz von dir ergreifen und dich die wahre Wirklichkeit sehen lassen. Sie ist es, die dich lehrt.
Euer wahres Wesen entdecken: Da ist nichts als ihr, und wenn ihr das einmal wisst, nichts als Liebe.“
(Seite 142)


In diesem „Erleuchtungsbuch“ finden sich Passagen von berührender Anziehungskraft und atmender Weite. Es ist eine Einladung in eine Wirklichkeit, die zugleich wirklicher und unwirklicher erscheint als das „normale“ Alltagsbewußtsein, und es ist eine erinnernde Ermutigung dazu, EINFACH das SEIN sein zu lassen.

Dem Text dieses Buches ist eine Widmung vorangestellt. Mit diesem ganz offen bleibenden Satz, dessen Echo mich sanft erschüttert hat, möchte ich diese Besprechung des Unaussprechlichen gerne ausschwingen lassen:


Dem Leben, das für uns sorgt

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.droemer-knaur.de/buch/7955676/die-frau-die-an-einem-ganz-normalen-sommertag-ploetzlich-keine-gedanken-mehr-im-kopf-hatte

PS:
»Yolande Duran-Serrano wurde 1963 in Frankreich geboren. Nach ihrer spontanen Erleuchtungserfahrung ging sie zu Ärzten und Psychotherapeuten, weil sie sich das Geschehen, das sich in ihr abspielte, überhaupt nicht erklären konnte. Doch es hält bis heute mit steigender Intensität an. Inzwischen ist Yolande eine spirituelle Lehrerin ohne Anbindung an irgendeine spezielle Tradition.« http://www.yolande.info

 

 

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Montedidio

  •  von Erri de Luca
  • Aus dem Italienischen
  • von Annette Kopetzki
  • Graf Verlag 2012                                                 http://www.graf-verlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 224 Seiten
  • 14,99 € (D),  15,50 € (A),  16,90  sFr.
  • ISBN 978-3-86220-031-3
  • Taschenbuchausgabe List Verlag 2014     http://www.list-taschenbuch.de
  • 8,99 € (D),  9,30 € (A),  10,50  sFr.
  • ISBN 978-3-548-61187-7
    MONTEDIDIOcsm_9783548611877_cover_d14b42011b

MIT  HAND  UND  FUSS  UND  FLÜGELN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ich könnte behaupten, ich habe dieses Buch in einem Atemzug gelesen, denn so kam es mir vor, wie ein langer, sehr tiefer Atemzug aus dem vollen Leben: elementar und einfach, voller Würde und berührender Wahrhaftigkeit.

Der Ich-Erzähler ist ein dreizehnjähriger Junge, der von seinem Vater einen Bumerang aus Akazienholz zum Geburtstag geschenkt bekommen hat und diesen hütet wie einen geheimen Schatz. Er lebt mit seinen Eltern in Neapel, im Stadtteil Montedidio; der Lebensabschnitt, von dem hier berichtet wird, spielt zeitlich Anfang der 60er Jahre.

Der Junge hat nach fünf Jahren Schulzeit eine Lehre bei einem Tischler begonnen und ist stolz darauf am Ende der Woche seinen bescheidenen Lohn nach Hause zu bringen. Sein Lehrherr, Meister Errico, ist freundlich, und er hat in seiner Werkstatt einem jüdischen Flüchtling Zuflucht gewährt, der nun in einer Ecke der Werkstatt sein Schuhmacherhandwerk ausübt.

Der Schuhmacher, Don Rafaniello, flickt die Schuhe der Armen und nimmt kein Geld dafür. Die Armen danken es ihm mit Segenswünschen, und sie streicheln seinen Buckel, weil die Neapolitaner glauben, dies bringe Glück. Don Rafaniello unterhält sich gerne mit dem Jungen und erzählt ihm, in Wirklichkeit seien Flügel in seinem Buckel verborgen, und bald würden sie ausschlüpfen und ihn nach Jerusalem fliegen lassen.

Der Junge arbeitet fleißig und pflegt seine italienischen Sprachkenntnisse, indem er die Erlebnisse jeden Tages mit Bleistift auf eine Restrolle Druckerpapier (ein Geschenk des Druckers aus der Nachbarschaft) schreibt. Seine Eltern sind stolz darauf, daß ihr Sohn außer dem neapolitanischen Dialekt auch das „richtige“ Italienisch beherrscht und Lesen und Schreiben gelernt hat.

Auf der Dachterrasse des Miethauses, in dem der Junge mit seinen Eltern wohnt, übt er jeden Abend den Schwung für den Wurf seines Bumerangs, ohne ihn jedoch fliegen zu lassen. Er will erst seine Kraft wachsen lassen und seine Geschicklichkeit trainieren. Auch die gleichaltrige Nachbarstochter Maria schaut zu, wie der Junge langsam männlichere Gestalt annimmt. Sie vertraut sich seinem Schutz an, und zwischen den beiden keimt eine starke, erste Liebe.

Die Mutter des Jungen erkrankt ernsthaft, und der Vater verbringt jede freie Minute im Krankenhaus, um über ihr Leben zu wachen. Der Junge wird darüber vernachlässigt, aber die beiden Ersatzväter, Meister Errico und Don Rafaniello – der eine mit seiner rauhen Herzlichkeit und der andere mit seiner alltagstauglichen Weisheit und beide mit abgrundtiefer Menschenkenntniss, – bieten einen guten Halt. Neben den Muskeln wächst auch der geistige Horizont des Jungen, und unvermeidlich verliert sich seine kindliche Unschuld. Die zärtliche und respektvolle Verbindung mit Maria und die ersten sinnlichen Erfahrungen, die sie sich gemeinsam ertasten, bedeuten Trost und Reifung.

„Montedidio“ ist eine Geschichte vom Erwachsenwerden, von Abschied und Neubeginn, von ersten Lebensgefahren und -Rettungen, Wundern und Verwundungen. Mit unwillkürlicher Selbstverständlichkeit kommen zudem gute Wünsche, böse Flüche, luftige Geister und ratgebende Engel zu Wort.

All das wird in einer zutiefst achtsamen, ungekünstelten Sprache erzählt: feinfühlig, lebensreif, sinnlich, wortwörtlich mit Hand und Fuß und zugleich poetisch und andächtig.

Der Autor instrumentiert den Verlauf der Geschichte mit den Besonderheiten des neapolitanischen Dialektes im Vergleich zum Italienischen; viele Ausdrücke, Sprüche und Weisheiten werden im Original und anschließend in der Übersetzung wiedergegeben. So beginnt das Buch mit: » ‘A iurnata è ‘nu muorzo, ein Tag ist schnell gegessen…«

Auf dem Buchumschlag wird aus einer italienischen Rezension aus La Repubblica zitiert, die das Buch mit einer „Kantate von Bach oder einer Parabel aus der Bibel“ vergleicht. Ich dachte bei der Lektüre oft an das Gemälde von Michelangelo Caravaggio: „Amor als Sieger“, das die attraktive und herausfordernde Mischung aus Irdischem und Himmlischem illustriert, die auch den Roman von Erri De Luca auszeichnet.

Nun noch ein Zitat als Leseleckerbissen:

„Ich erkenne das Alter der Leute immer, nur bei Rafaniello nicht. Im Gesicht ist er hundert Jahre alt, an den Händen vierzig, an den Haaren zwanzig, ganz rot und buschig sind sie. Wie alt er in seinen Worten ist, weiß ich nicht, er spricht wenig, mit einer sehr leisen Stimme. Er singt in einer fremden Sprache, wenn ich seine Ecke ausfege, zeigt er mir ein Lächeln, und die Falten und Sommersprossen bewegen sich, es sieht aus wie das Meer, wenn es darauf regnet.“ (Seite 20)

 

Der Autor:

»Erri de Luca, geboren 1950 in Neapel, begann erst mit vierzig zu schreiben. Als Autodidakt lernte er Hebräisch, um Teile der Bibel neu zu übersetzen. Mit seinen über dreißig Büchern gehört er in Italien zu den erfolgreichsten Autoren.«

Erri de Luca wurde 2010 mit dem Petrarca-Preis ausgezeichnet.