Über den Umgang mit Menschen

  • von Adolph Freiherr Knigge
  • Hörbuch
  • gekürzte Lesung
  • gelesen von Christoph Maria Herbst
  • mit Musik von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 – 1788)
  • Pianist: Christoph Grund
  • Buchvorlage: »Über den Umgang mit Menschen«
  • von Adolph Freiherr Knigge
  • Der Audio Verlag   Februar 2019 www.der-audio-verlag.de
  • 2 CDs in Pappklappschuber
  • Laufzeit: 2 Stunden, 36 Minuten
  • 14,99 € (D), 16,90 € (A), 21,50 sFr.
  • ISBN 978-3-7424-0998-0

PHILANTHROPISCHE  AUFKLÄRUNG

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dem höchst empfehlenswerten Buche „Über den Umgang mit Menschen“ des Freiherrn Knigge, das sich nunmehr schon seit 231 Jahren auf dem Buchmarkte behauptet, wird man nur gerecht, wenn man es von seinem Rufe als noble Benimmfibel befreit. Gewiß spielen Manieren eine gewisse Rolle, indes weisen Knigges Anregungen und Betrachtun-gen weit über oberflächliche, leere Formen und Konventionen hinaus und plädieren für einen allgemein harmonisch-freundlichen, rücksichtsvollen und toleranten zwischen-menschlichen Umgang. Ja, erstaunlich zeitgemäß für uns Gegenwärtige fordert er auch für die Tiere eine mitfühlende Behandlung, die angesichts des Autors zukunftsweisen- der Einfühlsamkeit mit der leidenden, wehrlosen Kreatur und seiner deutlichen Kritik diesbezüglicher menschlicher Grausamkeit überrascht und erfreut.

„Über den Umgang mit Menschen“ enthält trefflich menschenkenntnisreiche Psycho-gramme und Behandlungsempfehlungen verschiedener Wesensarten – so sei mit dem Herrschsüchtigen, Ehrgeizigen und Eitlen anders umzugehen als mit dem Empfindlichen, Eigensinnigen, Dummen oder mißtrauisch-verschlossenen Menschen.
 
Ebenso wie der rechte Umgang mit anderen Menschen sind der „Umgang mit sich selbst“ und eine gute selbstreflektierte Beziehung zur eigenen Person wichtig: „Respektiere Dich selbst, wenn Du willst, daß andere Dich respektieren sollen.“

Des Autors kluge Erörterungen zum „Umgange unter Eheleuten“ geben nicht nur ein-leuchtende und durchaus noch aktuelle Empfehlungen zum gemeinsamen, alltäglichen und verträglichen Miteinander, sondern auch Hinweise zum Verhalten angesichts außerehelicher Versuchungen. So betont Knigge zu Recht, daß eine Ehe mehr Freude, Glück und Erfüllung bereite, wenn sie eine Verbindung gegenseitiger Hochachtung, harmonischer Neigungen und wechselseitiger Seelenbedürfnisse ist.

Seine Betrachtungen und Hinweise führen sodann weiter zum Umgange mit Verliebten, Freunden, Frauenzimmern, Gästen und sogar Feinden. Im Anschluß an die privaten Gefilde widmet sich Knigge schließlich dem Umgange mit verschiedenen sozialen Menschengattungen.

Dabei übt er strengen Tadel an dünkelhaftem Hochmut, lebensweltfremder Arroganz, verwöhnter Selbstgefälligkeit und egozentrischer Geltungssucht von Fürsten, Vorneh- men, Reichen und Hofleuten und zweifelt an ihrer politischen und moralischen Kompe- tenz. Seine Auflistung der Fehler höherer Stände nebst zahlreicher anschaulicher Beispiele ihrer Untugenden ist erstaunlich freimütig und erklärt, daß sich der Freiherr Knigge in den damaligen aristokratischen Kreisen nicht gerade beliebt gemacht hat. 

Für das Verhalten gegenüber Menschen von „niederem Stande“ (z.B. Hausangestellten und Dienern) fordert er Achtung, Höflichkeit, angemessene Würdigung ihrer Leistungen und auch Fürsorge und Schutz im Notfalle und keinesfalls Herablassung und Gleich- gültigkeit.

Freiherr Knigges Buch „Über den Umgang mit Menschen“ erschien im Jahre 1788 (ein Jahr vor der Französischen Revolution), und es enthält zutiefst aufklärerische, gesell-schaftskritische, dem Adel angeborene Herrschaftsrechte sehr deutlich absprechende und für eine bürgerlich-republikanische Verfassung plädierende Ansichten.

„Über den Umgang mit Menschen“ ist Knigges berühmtestes Werk; doch die aufklärer-ische Substanz wurde in späteren Auflagen verfälscht oder ausgespart, so daß der Name Knigge inzwischen synonym für alle möglichen (und unmöglichen) Benimm- und Manie- renanleitungen und Stilfibeln eingesetzt wird. Wer sich hingegen das inzwischen wieder unzensierte Werk zu Gemüte führt, wird zweifellos erkennen, daß „Über den Umgang mit Menschen“ in vieler – wenn auch nicht jeder – Hinsicht ein lebensphilosophisches Werk von zeitloser Gültigkeit und Güte ist.

Der Autor übt Nachsicht mit kleinen menschlichen Schwächen, ohne ihnen indes über Gebühr nachzugeben. Er illustriert, daß die Vertretung eigener Interessen nicht unbe-dingt rücksichtslos sein muß und daß Tugenden wie Verschwiegenheit, Wahrhaftigkeit, Würde, Fingerspitzengefühl, freundlicher Humor, natürliche Freude, Großzügigkeit und eine edle Gesinnung für jeden Menschen anzustreben seien. Seine Aufforderung zu echter Herzensbildung, vernünftiger Selbstvervollkommnung, geistiger Aufgeschlossen-heit und höflichem Respekt zielt auf allgemeine Achtsamkeit zum Wohle des Ganzen. „Jedes Gute muß nach seiner Wirkung für die Welt beurteilt werden.“

Freiherr Knigges Werk ist sowohl inhaltlich als auch stilistisch wertvoll und bemerkens-wert. Des Autors Ausdrucksweise ist fein und kultiviert, ohne abgehoben zu sein, dabei ebenso geistreich wie einfühlsam, und seine zwischenmenschlichen Charakterisierun- gen zeugen von großem Menschenkenntnisreichtum. Alleine Knigges kleine Schrift- steller-Typologie, die im Kapitel „Über den Umgang mit Gelehrten und Künstlern“ Platz nimmt, gibt von seiner amüsant-anschaulichen Charakterisierungskunst Zeugnis.

So kreist der Zirkel seiner Gedanken mit solch hohem Geistesschwung und weitem Radius, daß die kleinste Kleinigkeit und größte Größe zwischenmenschlichen Mitein- anders ausgewogen zu Wort kommen.

Es ist ein anregender, ja, geradezu spannender Genuß, dem wohlformulierten, kom-plexen Satzbau zu lauschen. Die lobenswert-vielsaitigen stimmlichen und emotionalen Nuancen, mit denen Christoph Maria Herbst uns Knigges Ausführungen ins Ohr kompli-mentiert, tragen nicht unwesentlich zu diesem Hörvergnügen bei und verleihen den Worten des Autors lebhaften Atem.

Einer kleinen kritischen Anmerkung zur nachlässigen Wahl des Bildhintergrundes der inneren CD-Hülle kann ich mich indes nicht enthalten. Eine elegante Ballszenerie wäre zwar durchaus angemessen, gleichwohl sollte doch diese Szene historisch zum Erster-scheinungsjahr von Knigges Buch passen. Die Illustration, welche hier eingesetzt wurde, „spielt“ ungefähr im Jahre 1920/30. Dies ist, halten zu Gnaden, gute 130 -140 Jahre zeitversetzt.

Hingegen fügen sich die feinen musikalischen Intermezzi (Carl Philipp Emanuel Bach, gespielt vom Pianisten Christoph Grund) harmonisch und der Lebensepoche Knigges gemäß zwischen die Textpassagen. Auch die augenzwinkernde Verkleidung des Sprechers Christoph Maria Herbst als Freiherr Knigge ist für die Titelbildgestaltung des Hörbuches ein sehr gelungener Blickfang.

Zum Ausklang möge nun der Autor das letzte Wort haben:

„Sei lieber das kleinste Lämpchen,
das einen dunklen Winkel mit eigenem Lichte erleuchtet,
als ein großer Mond einer fremden Sonne oder gar Trabant eines Planeten!“

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:

Knigge – Über den Umgang mit Menschen

Der Autor:

Adolph Freiherr Knigge kam am 16. Oktober 1752 auf dem väterlichen Gut Bredenbeck bei Hannover zur Welt und verließ dieselbige am 6. Mai 1796 in Bremen im Alter von nur 43 Jahren. Falls Sie sich fragen, wo denn das blaublütige „von“ geblieben sei, so kann ich Ihnen versichern, daß der Herr Knigge seinen Adelstitel höchstselbst abgelegt hatte.
Der „freie Herr Knigge“, wie er sich selbst zu nennen pflegte, war ein erfolgreicher und bekannter Schriftsteller von Theaterstücken und Romanen sowie von pädagogischen, politischen und satirischen Texten. Darüber hinaus übersetzte er die »Bekenntnisse« von Rousseau ins Deutsche.

Der Sprecher:

»Christoph Maria Herbst, 1966 in Wuppertal geboren, arbeitete als Bankkaufmann, bevor er sich der Schauspielerei widmete.
Doch schon während seiner Bankausbildung engagierte sich Christoph Maria Herbst in der Theaterszene in Wuppertal. Bekannt wurde er später vor allem durch seine Rollen in Filmen wie Michael Herbigs »(T)Raumschiff Surprise – Periode 1«, in der Edgar-Wallace-Parodie »Der WiXXer« und der Fortsetzung »Neues vom WiXXer«. Sein komödiantisches Talent stellte er weiterhin in der Rolle des »Stromberg« in der gleichnamigen Fernseh-serie unter Beweis. Für diese ist er mehrfach ausgezeichnet worden, u. a. mit dem Adolf-Grimme-Preis und dem Deutschen Comedypreis.
Für DAV hat Christoph Maria Herbst schon mehrere Hörbücher gelesen, u. a. den packenden Thriller »Still« von Zoran Drvenkar, das Hörbuch »Kängt ein Guru« sowie die lustigen Lesungen der Sprüche der Website SMSvonGesternNacht.de.«

 

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Wie man die Zeit anhält

  • Roman
  • von Matt Haig
  • Originaltitel: »How To Stop Time«
  • Deutsch von Sophie Zeitz
  • DTV Verlag April 2018   www.dtv.de
  • gebunden mit LESEBÄNDCHEN
  • 384 Seiten
  • 20,00 € (D), 20,60 € (A), 26,90 sFr.
  • ISBN 978-3-423-28167-6

Z E I T L U P E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Matt Haig hat eine Talent für faszinierende Außenseiterfiguren. Es sind keine unkonven-tionellen Individualisten oder snobistischen Einzelgänger, sondern Menschen, die auf eine Weise anders sind, daß sie vorsorglich ihr wahres Wesen verbergen; nicht, weil sie etwa eine Gefahr für die Menschheit wären, sondern weil die „normalen“ Menschen zur Gefahr für sie werden könnten, träte ihr wahres Sosein ins Licht der Öffentlichkeit.

In seinem Roman „Ich und die Menschen“ war es ein Außerirdischer, der die Erde besucht, unerkannt seiner interplanetaren Mission folgt und sich von seiner ursprüng-lichen Absicht durch die unerwartete Erfahrung von Liebe und Poesie ablenken läßt (siehe meine Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/01/ich-und-die-menschen/).

Diesmal ist der Romanheld ein sterblicher Mensch, der allerdings mit einer besonderen Veranlagung zur Welt kommt: Tom Hazard altert wesentlich langsamer – ungefähr im Verhältnis 1:15 im Vergleich zur Normalterungszeit. Diese Eigenschaft zeigt sich erst ab der Pubertät, und dann fällt unvermeidlich auf, daß dieser Mensch körperlich außergewöhnlich lange unverändert jung bleibt.

Als neuer Geschichtslehrer an der Oakfield Schule in London vermittelt Tom Hazard seinen Schülern den Lehrstoff so lebhaft, als wäre er dabei gewesen, und wenn man wie er ein Alter von 439 Jahren erreicht hat, kann man bei so manchen historischen Bedingungen, Charakteren, Ereignissen und Stadtkulissen – ob ganz alltäglich oder spektakulär – aus persönlicher Lebenserfahrung mitreden.

Selbstverständlich weiß niemand außer ihm und der geheimen Albatros-Gesellschaft, daß Tom schon so alt ist, denn er sieht aus wie Anfang vierzig. Zwar hat Tom im Laufe seines Lebens bisher nur sehr, sehr selten Menschen getroffen, die so sind wie er, gleichwohl gibt es weltweit einige hundert mit dieser Veranlagung. Hendrich, der siebenhundertjährige Leiter dieser Geheimgesellschaft, organisiert und finanziert (er hatte dereinst sehr erfolgreich mit Tulpen spekuliert) den langsam alternden Artgenossen alle acht Jahre eine neue Identität, damit ihre Besonderheit kein Aufsehen erregt.

Tom Hazard wurde 1581 geboren, und man kann sich leicht vorstellen, welch große Gefahr eine solche Eigenschaft zu jener Zeit bedeutet hat. Die abergläubische Vermu- tung von Hexerei und Teufelsbund kostete seiner Mutter grausam das Leben, und Tom floh entsetzt aus dem engstirnigen Dorf. Er nahm nur seine Laute mit, und nach Tagen des Hungerns, der Schuldgefühle und Verzweiflung traf er auf einem Marktplatz die junge Obstverkäuferin Rose. Sie gewährte ihm Obdach in ihrem kleinen Haus, das sie zusammen mit ihrer Schwester bewohnte.

Vorsichtig schöpfte der frisch in Rose verliebte Tom Hoffnung auf ein normales Leben. Mit seinem Lautenspiel verdiente er in London ein wenig Geld. Kurz darauf lernte er Shakespeare kennen und spielte im Musikensemble des Globe-Theaters mit, was ihm ein sehr auskömmliches Einkommen bescherte.

Tom und Rose heirateten und bekamen eine Tochter. Doch die Tuscheleien der Nachbarn über den ewig-jungen Tom und auch das Wiederauftauchen des einstigen Hexenjägers, der den Tod von Toms Mutter verantwortet hatte, führten dazu, daß Tom die traurige Entscheidung traf, seine Familie zu verlassen, um ihr Leben zu schützen.

Er sah Rose erst an ihrem Sterbebett wieder, und sie erzählte ihm, daß seine Tochter Marion seine seltsame Alterslosigkeit geerbt habe und daß sie eines Tages einfach verschwunden sei. Rose nahm ihm das Versprechen ab, Marion wiederzufinden.

Im Laufe der Jahrhunderte lernte Tom viele Sprachen, zahlreiche Musikinstrumente, und er übte viele Berufe aus, er war Dolmetscher, Matrose, Schmied, Pianist … in gewissen Abständen änderte er seinen Wohnort, seinen Namen, Städte, Länder, Kontinente. Er fuhr mit Captain Cook zur See, traf F. Scott und Zelda Fitzgerald in einer Bar in Paris …  Oft hielt ihn nur die Hoffnung am Leben, irgendwann seine geliebte Tochter aufzuspüren, und der Trost schöner Musik.

Erst im 19. Jahrhundert kam er in Kontakt mit der geheimen Albatros-Gesellschaft, denn er hatte den Fehler begangen, sich einem Arzt anzuvertrauen. Dieser hatte einen Bericht über Toms außergewöhnliche Veranlagung – die „Anagerie“ – geschrieben, und die Albatros-Gesellschaft machte den Arzt umgehend und wortwörtlich mundtot und nahm Tom in ihren Schutzkreis auf.

Der Preis dieser Schutzgewährung ist der Verzicht auf Liebe und nähere zwischen-menschliche Bindungen sowie gewisse Gefälligkeiten gegenüber der Albatros-Gesellschaft – sei es die Entdeckung und Rekrutierung weiterer „Albas“ oder die Eliminierung von unerwünschten Mitwissern. Hendrich spricht von normalen Menschen stets geringschätzig als „Eintagsfliegen“, und er sieht keinen Unterschied zwischen der Bedrohung durch mittelalterlichen Aberglauben und moderne, medizinische Forschungslabore.

Gönnerhaft bietet Hendrich Tom alle acht Jahre ein neues Leben seiner Wahl an, und er ist mißtrauisch, weil sich Tom diesmal für ein schlichtes Lehrerdasein an einem Ort voller schmerzlicher Erinnerungen entschieden hat. Tom empfindet den angeblichen Schutz, den die Mitgliedschaft in der Albatros-Gemeinschaft bietet, zunehmend als Gefängnis, und er zweifelt heimlich an Hendrichs Regeln.

Während Tom nach und nach seinen Unterrichtsstil verfeinert und bei einigen Schülern tatsächlich Begeisterung für Geschichte wecken kann, wird er von vielen Erinnerungen geplagt, und er spürt seine Herzensverluste und seine Einsamkeit stärker als je zuvor. Die Beschreibungen väterlicher Hoffnung, Liebe, Sorge und Kindessehnsucht gehören zu den berührendsten Passagen dieses Romans. Ein Lichtblick in seinem neuen Dasein ist seine Kollegin, die Französischlehrerin Camille, in die er sich nach mehr als 400 Jahren Einsamkeit unaufhaltsam verliebt …

Matt Haig erzählt das Schicksal Tom Hazards mit geschickten Szenenwechseln von Zeiten, Orten und Ereignissen. Betrachtungen zum aktuellen Zeitgeist wechseln sich ab mit anschaulichen historischen Rückblicken und – angesichts der „Gezeiten des Mitgefühls“ (Seite 339) – berechtigtem Zweifeln am Fortschritt von Zivilisation und Mitmenschlichkeit. In diesem Roman kombiniert Matt Haig spannende Unterhaltung mit zeitloser Gesellschaftskritik und Betrachtungen zur elementaren Bedeutung von Liebe und Verbundenheit für eine bejahende Haltung zum Leben.

Gleichwohl erreicht er hiermit bei weitem nicht das Maß an Tiefsinn und Weisheit, daß ihm mit seinem Roman „Ich und die Menschen“ gelungen ist. Auch wenn es anbetracht von Toms traumatischen Erfahrungen verständlich ist, hätten ihm weniger Erinnerungskopfschmerzen und mehr Lebensreife besser gestanden. Neben den in den Erzählverlauf eingestreuten, feinen Zitaten von Michel de Montaigne erscheinen seine eigenen lebensphilosophischen Erkenntnisformulierungen schwach und bisweilen binsenweisheitlich.

Toms Biographie ist ein Balanceakt zwischen Lebens- und Todessehnsucht, das lange Leben führt zu Wiederholungsermüdungen – zu häufig erlebte neue Moden können auch langweilen, vielschichtige Erinnerungsüberlagerungen und wehmütige Echos gewesener Gefühle und Bindungen überschatten die Erfahrung der Gegenwart. Es kostet ihn viel Überwindung und dramatische Komplikationen, seine eingeübte zwischenmenschliche Reserviertheit aufzugeben und sich konsequent gegen Angst und Schmerzvermeidung für Liebe, Verletzlichkeit und Vertrauen zu entscheiden.

 

„Es mag seltsam klingen, sich wegen einer Geste zu verlieben, aber manchmal sieht man in einem einzigen Moment den ganzen Menschen. So wie man in einem Sandkorn das Universum erblicken kann. Ob es Liebe auf den ersten Blick gibt oder nicht, Liebe in einem Augenblick gibt es bestimmt.“

(Seite 282)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der DTV-Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/matt-haig-wie-man-die-zeit-anhaelt-28167/

Parallel zum Buch ist das Hörbuch beim Hörverlag erschienen.

Matt Haig
Wie man die Zeit anhält
Roman
Originaltitel: »How To Stop Time«
Deutsch von Sophie Zeitz
Hörbuch
1 mp3-CD, Laufzeit: 571 Minuten
ungekürzte Lesung von
Christoph Maria Herbst
€ 20,00  € (D), 22,50 € (A), 27,90 sFr.
ISBN: 978-3-8445-2896-1

 

Christoph Maria Herbst vorleseverkörpert virtuos alle Romanfiguren mit charakterstarkem, gefühlvollem Nuancenreichtum und in der Rolle von Camille mit sehr charmantem französischem Akzent.

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Wie-man-die-Zeit-anhaelt/Matt-Haig/der-Hoerverlag/e537252.rhd

Querverweis:

Hier entlang zu Matt Haigs nachdenklich-amüsantem Roman „Ich und die Menschen“, in dem uns die außerirdische Perspektive auf die Erde und die menschliche Zivilisation einen ganz besonderen Blick auf das Alltägliche verschafft: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/01/ich-und-die-menschen/

Und zu seinem autobiographischen Buch zum Thema Depression  „Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/06/14/ziemlich-gute-gruende-am-leben-zu-bleiben/

Der Autor:

»Matt Haig wurde 1975 in Sheffield geboren und hat bereits eine Reihe von Romanen und Kinderbüchern veröffentlicht, die mit verschiedenen literarischen Preisen ausgezeichnet und in über 30 Sprachen übersetzt wurden. In Deutschland bekannt wurde er mit dem Bestseller „Ich und die Menschen“.«

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

Ich und die Menschen, Hörbuch

  • von Matt Haig
  • Übersetzung aus dem Englischen von Sophie Zeitz
  • HÖRBUCH
  • Vollständige Lesung, ca. 8 Stunden, 29 Minuten
  • 1mp3-CD
  • 9,99 € (D),  11,20 € (A), 15,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-1403-2
  • Sprecher: Christoph Maria Herbst
  • Regie: Oliver Versch
  • Produktion: Der Hörverlag 2013                                      http://www.hoerverlag.de
  • Buchvorlage: dtv premium April 2014
    Ich und die Menschen von Matt Haig

LIEBE   ODER   LOGIK,   DAS   IST   HIER   DIE   FRAGE

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Aus Sicht einer außerirdischen Spezies, die als einzige Religion die Mathematik kennt, Gewalt und Gier längst hinter sich gelassen, und Dank überlegener Biotechnologie (Transzellulare Heilung) Unsterblichkeit erlangt hat, sind wir gegenwärtigen Menschen ziemlich unterentwickelt, und unsere Zivilisation erscheint vergleichsweise düster und lebensgefährlich. Das ist auch der Grund, warum der Friede im All bedroht ist, wenn die psychisch so unreife menschliche Gattung weitere mathematische Entdeckungen und in deren Folge technische Fortschritte macht.

Die universellen „Moderatoren“ des Planeten „Vonnandoria“ schicken einen „Geheimagenten“ auf die Erde, um den menschlichen Fortschritt aufzuhalten. Denn ein Mensch, ein Mathematikprofessor namens Andrew Martin, hat eines der größten mathematischen Probleme gelöst: Er hat den Beweis der „ Riemannschen Vermutung“ erbracht.

Dieser mathematische Fortschritt wäre der Schlüssel zu neuen Technologien, die der Menschheit u.a. interstellare Reisen ermöglichen könnten, und das sollte aus Sicht der außerirdischen „Moderatoren“ unbedingt verhindert werden. Die Menschen sind eine so arrogante, aggressive und gierige Spezies, das man nicht tatenlos zusehen kann, wenn sie sich zu noch weitreichenderer Lebensgefährlichkeit entwickeln.

Zunächst ist der außerirdische Besucher eine ganze Weile damit beschäftigt, sich unauffällig in der angenommenen Gestalt des „ausgeschalteten“ Professors Martins, an die für ihn sehr fremden irdischen Bedingungen anzupassen, an die Funktionen des menschlichen Körpers, den Sprachkontext, die rätselhaften Bekleidungscodes und menschlichen Verhaltensweisen anzupassen. Das vollzieht sich nicht ohne amüsante und schmerzliche Mißverständnisse und logische Fehlinterpretationen, weil Menschen selten logisch agieren.

Der Vonnadorianer hat den Auftrag, die Information spurlos zu vernichten und auch eventuelle menschliche Mitwisser unauffällig durch „natürliche“ Todesursachen zu eleminieren. Die erste Nachrichtensendung, die er sich im Fernsehen anschaut, bestätigt seine schlimmsten Vorurteile und Negativeinschätzungen bezüglich der rettungslosen Egozentrik und Geldbesessenheit der menschlichen Wesensart, und er ist vollkommen überzeugt von der Rechtmäßigkeit seiner Mission.

Doch seine Gewissheiten geraten nach und nach ins Wanken. Durch die unvermeidliche zwischenmenschliche Nähe und das Vertrautwerden mit „seiner“ Familie und seinem Hund (Hunde bezeichnet er als „behaarte Hausgötter“), erfährt er die fürsorgliche und liebevolle Seite menschlicher Beziehungen. Er findet Beispiele für Menschen, die nicht nach Geld und Ruhm gieren, er verliebt sich in die Lyrik von Emily Dickinson, er hört unerwartet schöne Musik und entdeckt genießbare Lebensmittel: Erdnußbutter und Tee.

Die Komplexität, Widersprüchlichkeit und absolute Verletzlichkeit der menschlichen Daseinsform löst unerwartet starke Empathie, Faszination und Rührung in ihm aus.

Die Moderatoren, mit denen er in techno-telepathischer Verbindung steht, drängen auf die Erfüllung der Mission und sein Vorschlag, die Menschen näher zu erforschen und mehr über ihre Spezies zu erfahren, wird von ihnen rundweg abgelehnt.

Der Außerirdische wird schließlich entgegen aller Wahrscheinlichkeit und Logik von der Liebe überwältigt und entscheidet sich für ein Leben auf der Erde, abgekoppelt vom vonnadorianischen Kollektiv. Er verzichtet auf seine Unsterblichkeit und läßt sich ganz und gar auf das Leben unter „zweibeinigen Lebensformen von mittelmäßiger Intelligenz“ ein.

Matt Haigs Roman „Ich und die Menschen“ hat Herz und Verstand, er ist anregend, klug, lebendig, mitfühlend, weise und lustig. Die Perspektive des äußerst vernunftbetonten und logisch wahrnehmenden Außerirdischen ermöglicht eine sehr pointierte und scharfsinnige Betrachtungsweise unserer gegenwärtigen Zivilisation. Seine gesellschaftskritischen Anmerkungen und Infragestellungen sind wahrlich angemessen und witzig.

Der Schauspieler Christoph Maria Herbst spricht und spielt den Außerirdischen mit stimmlicher Vielschichtigkeit. Die Entwicklung von abwertender Überheblichkeit zu teilnahmsvoller Betroffenheit wird von ihm sehr präzise dargestellt. Am Anfang noch mit etwas tonloser, fast sprachfremdelnder Distanz und sachlich-kühlem Duktus, erwärmt sich die außerirdische Stimmlage langsam mit erwachender Emotionalität, Begeisterung und Lebhaftigkeit.

Aber auch alle anderen Rollen (sogar die weiblichen) gelingen Christoph Maria Herbst ausgesprochen gut und überzeugend.

PS:
Der Außerirdische in dieser Geschichte bemerkt bezüglich des „numerischen Begriffsvermögens der Menschen“ charmant: „- Ihre Nerven waren der Mathematik einfach nicht gewachsen.“
Das trifft auf mich persönlich ganz gewiß zu,
trotzdem erkläre ich in groben Zügen für alle unmathematischen Leser, worum es sich bei der Riemannschen Vermutung handelt.

Es geht um die ORDNUNG der PRIMZAHLEN:
Der deutsche Mathematiker Bernhard Riemann konnte 1859 beweisen, daß es – für die ersten circa hundertausend Primzahlen – ein Muster für die scheinbar willkürliche Verteilung der Primzahlen gibt. Was der Menschheit bzw. der Mathematik nach wie vor fehlt, ist ein Beweis, der für alle Primzahlen gültig ist.

Alles klar? Ist doch gar nicht so schwer, es sei denn, Sie wissen auch nicht, was eine Primzahl ist. Aber so pessimistisch will ich jetzt nicht sein – was sollen denn die Außerirdischen von uns denken?

Im Hörbuch werden die Primzahlen und die Riemannsche Vermutung im Abschnitt Nr. 25 anschaulich erläutert.

Querverweis:

Wer eine ausführliche Inhaltsangabe und einige Zitate lesen möchte, kann ergänzend meine BUCHbesprechung zu „Ich und die Menschen“ aufrufen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/01/ich-und-die-menschen/

Der Sprecher:

»Christoph Maria Herbst, 1966 in Wuppertal geboren, absolvierte eine Ausbildung als Bankkaufmann, bevor er sich für die Schauspielerei entschied. Es folgten Theaterengagements und Fernsehauftritte, u.a. bei Anke Engelkes Ladykracher, wofür er seinen ersten Deutschen Comedypreis als bester Nebendarsteller erhielt. Für seine Titelrolle in Stromberg wurde er u.a. mit dem Adolf-Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Christoph Maria Herbst las für den Hörverlag bereits Josh Bazells Schneller als der Tod sowie Einmal durch die Hölle und zurück

Der Autor:

»Matt Haig wurde 1975 in Sheffield geboren und lebte für einige Zeit abwechselnd in London und auf Ibiza. Er arbeitete als freier Journalist für diverse Tages- und Wochenzeitungen, unter anderem für den Guardian, die Sunday Times und den Independent. 2004 erschien in England sein erstes Buch, Für immer, euer Prince, das dort zu einem Bestseller avancierte. Inzwischen hat Matt Haig mehrere Romane sowie Kinderbücher veröffentlicht. Der Autor lebt in York.«