Der Club der Idealisten

  • Über die Kunst, an das Gute zu glauben
  • (auch wenn so ziemlich alles dagegen spricht)
  • von Eva-Maria Altemöller
  • Sanssouci Verlag September 2016   www.sanssouci-verlag.com
  • gebunden mit bordeauxrotem LESEBÄNDCHEN
  • 240 Seiten
  • 18,–  € (D), 18,50 € (A)
  • ISBN 978-3-99056-000-6
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B I B L I O T O P

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Zu welchem Club gehören Sie? Zu den Idealisten, den Realisten, den Materialisten, den Pessimisten oder den Optimisten? Nun, Sie haben die freie Wahl nicht nur bezüglich des Clubs, sondern auch bezüglich Ihrer Lektüre.

Eva-Maria Altemöller, die Autorin des vorliegenden Buches, ist jedenfalls eine unheilbare Idealistin, wie übrigens fast alle Buchhändler, die ich kenne – mich höchstselbst eingeschlossen!

Die Autorin (und selbständige Buchhändlerin) widerspricht dem ethischen und kulturellen Werteverfall, wehrt sich beredt gegen „die Diktatur des Profits“ (Seite 97) und beschwört mit unermüdlicher Begeisterung bedrohte Tugenden wie Aufrichtigkeit, Freundlichkeit, Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, Besinnlichkeit, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Mitgefühl, Respekt und Herzensbildung. Und sie übt gelassen Gesellschaftskritik, beschreibt „das tendenziell etwas unterreflektierte Gedankengut des Neoliberalismus“ (Seite 75) als lieblose, lebensfeindliche, narzißtische Störung und entlarvt den egozentrischen, schnäppchen-jagenden Homo oeconomicus als Mythos der Wirtschaftswissenschaften.

Neuere biologische und neurologische Forschungen haben ergeben, daß es – weder in genetischer noch in psychologischer Hinsicht – der menschlichen Natur entspricht, sich um jeden Preis wirtschaftliche Vorteile, Statussymbole & Co zu verschaffen. Menschen werden vielmehr durch Kooperation, soziale Resonanz und Kommunikation sowie Empathie wesentlich nachhaltiger motiviert und neuronal belohnt. Ein Geschenk zu geben ist ebenso erfreulich, wie eines zu bekommen.

Die Gedanken, Betrachtungen, Infragestellungen und Reflexionen dieses Buches werden von lebensläufigen Anekdoten und glaubhaft überlieferten wahren Geschichten aus dem persönlichen und beruflichen Umfeld der Autorin unterfüttert und lebhaft-amüsant bis anrührend gewürzt. Außerdem verweisen mehr als 250 kleine rote Ziffern an diversen Stichworten im Fließtext auf zusätzliche Anmerkungen und Buchtipps, die auf der Webseite der Autorin abgerufen werden können.

In zweiten Kapitel ihres Idealismusratgebers schwärmt uns Eva-Maria Altemöller vom kleinen „Café Goertz“ in Bregenz vor und macht uns mit ihren sinnlichen Lobgesängen auf die dort mit solidem Konditorenhandwerkskönnen kunstgefertigten Kuchen den Mund wahrlich wässrig. Doch dies dient nur als schmackhafte Kulisse, denn just dieses Café hatte sich der Initiator eines gemeinnützigen Idealistenclubs als Gründungstreffpunkt ausgesucht.

Seiner bescheidenen Kleinanzeige nach rechnete er wohl nur mit einer Handvoll Interessenten, es kamen jedoch so viele, daß die zwanzig Sitzplätze des Cafés bereits eine halbe Stunde vor Beginn der anvisierten Uhrzeit besetzt waren und wenig später auch die Stehplätze. Der Initiator verlegte die Veranstaltung daraufhin gutgelaunt in den nahegelegenen Saal einer anderen Lokalität …

In zwölf Kapiteln umkreist Eva-Maria Altemöller eloquent diverse zwischenmenschliche, charakterspezifische, gesellschaftliche und mediale Zustände sowie Zumutungen und empfiehlt praktizierten Idealismus als wesentlichen Teil zur Lösung globaler und lokaler Probleme. Ihrer Vermutung stimme ich zu, daß jeder Idealist Problemlösungsideen oder zumindest Lösungsansätze in der Gedankenschublade habe und sich meist bloß nicht traue, diese in die breite Öffentlichkeit zu tragen.

Die rege Beantwortung der FrageDie Welt wäre ein besserer Ort, wenn …“ (Seite 263) kann als neues Gesellschaftsspiel viele phantasievolle Ideen ins Bewußtsein heben und von dort aus ins konkrete, konstruktive Handeln.

Zahlreiche Anregungen, mit dem eigenwilligen Idealistenkompaß dem „Mainstream“ zu trotzen, seine Wettbewerbsmentalität zu boykottieren und quer zu denken, runden dieses kultiviert-aufmüpfige Buch inspirierend ab.

Naheliegenderweise empfiehlt die Autorin den Besuch kleiner, konzernunabhängiger, engagierter Buchhandlungen, in denen Idealisten garantiert gleichgesinnte Menschen und Bücher treffen, die sie vielleicht nicht ausdrücklich gesucht, aber gerne gefunden haben …

„Bücher helfen uns, die Perspektive zu wechseln und mit neuen Ideen frischen Wind in unsere vielleicht schon seit längerem nicht gelüfteten Gedankengebäude zu bringen.“ (Seite 197)

Eva-Maria Altemöller schreibt in einem geistreichen, elegant-ironischen Plauderton. Gelegentlich ist sie dabei charmant-redundant, aber sie hat ja recht: Manche Leitsätze und manch aufklärerisches Gedankengut kann man gar nicht oft genug wiederholen.

Spätestens nach der Lektüre dieses ermutigenden Buches wissen Sie, daß es viel mehr Idealisten und Idealismus gibt, als die Mainstreammedien uns mit ihrer ungesunden Konzentration aufs Beängstigende, Negative und Sensationelle vorzugaukeln bestrebt sind.

„Wir können unser Geld … in den besten Wertpapieren anlegen, die es gibt, in Büchern nämlich, und so (wieder) in Formen von Transzendenz hineinwachsen, die uns der Mainstream eigentlich abgewöhnen wollte.“ (Seite 251/252)

Wertschätzen Sie Ihre Werte und drücken Sie Ihre Ideale im alltäglichen Denken, Sprechen und Handeln vorbildlich aus! Herzensbildung kann ansteckend wirken. Und sammeln Sie idealistische Ideen, Inspirationen, Lösungen, Visionen, Verbündete und Weltrettungspuzzleteilchen … und/oder gründen Sie einen weiteren „Club der Idealisten“.

Passend zum Lesebuch „Der Club der Idealisten“ gibt es zudem ein Notizbuch, damit die Gedankenblitze, Begeisterungsfunken, Erkenntnisbeflügelungen und ermutigenden Zitate nicht vergessen, sondern blau auf weiß aufgeschrieben werden und sich von dort aus nach und nach in die Wirklichkeit erheben.

 

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Notizbuch
Format: 9,5 cm x 15,00 cm
112 Seiten
broschiert mit Lesebändchen
illustriert mit zahlreichen Vignetten
10 € (D), 10,30 € (A)
ISBN 978-3-99056-013-6

 

 

 

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
Leider ist die Webseite des Verlages noch nicht „fertig“ 😦

Hier entlang zum Buch auf der Webseite der Autorin:
https://www.clubderidealisten.de/home/das-buch/
Und hier entlang zum Blog „Club der Idealisten“:
https://www.clubderidealisten.de/2016/10/23/willkommen/

Die Autorin:

»Eva-Maria Altemöller, Autorin, Buchhändlerin und Inhaberin verschiedener, liebevoll ausgestatteter Läden, lebt in Lindau am Bodensee. Sie hat ein seltenes Talent, das sie auch in diesem Buch unter Beweis stellt: nämlich leicht, brillant, klug, witzig und mit Tiefgang schreiben zu können zu können. Ihre Texte haben ein hohes Glücks- und Ermutigungs-Potential und versprechen reichen Erkenntnisgewinn.«
Mehr auf der Webseite der Autorin:  http://www.altemoellersche.de

 

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Abschweifung Nr. 1

B U C H S T A B E N S U P P E

von Ulrike Sokul ©

Buchhändler handeln nicht nur mit dem gedruckten Wort, sondern sie pflegen auch vielseitigen, verständnisvollen Umgang mit der alltäglich gesprochenen Sprache. Und diese ist ein unerschöpflicher Quell für synaptische Querverbindungen der ausgesprochen vergnüglichen Art.

Da bestehen Schüler darauf, daß ihr Lehrer ihnen aufgetragen habe, das Buch „Angora“ von Max Frisch als Deutschlektüre zu erwerben oder gar den „Gallenstein“ von Schiller; ja selbst vor Goethes „Blutsverwandtschaften“ schrecken sie keineswegs zurück. Und auch Eichendorffs „Aus dem Leben eines Traudichnichts“ kann sie nicht entmutigen.

Sophokles‘ „Antigene“ erlauben tiefe Einblicke in ganz neue, fächerübergreifende Unterrichtsmethoden. Bertolt Brecht wiederum darf sich rühmen, mit seinem „Dreigroschenopa“ linkstypisch einen bitteren Vorgeschmack auf die Rentenaussichten aller im Buch- und Einzelhandel Berufstätigen auf die Bühne gebracht zu haben – und das lange vor den neoliberalen Arbeitsmarktverformungen.

Die Novellen „Das maskierte O“ und „Die Erdbeeren in Chili“ werden gewiß noch Generationen von Kleistkennern beschäftigen.

Ich bedaure, daß ich mir nur wenige dieser amüsanten Schöpfungen aufgeschrieben habe. Denn seit Anno Smartphone bekommt man oft gleich eine Ablichtung des gewünschten Buches präsentiert, und wieder sind unzählige Stilblüten vom sprachlichen Aussterben bedroht.

Expeditionen in die unendlichen Weiten kreativer Pluralbildungen sind ebenfalls spannend. Da tun sich viele Welten auf: Aus einem Globus werden dann wahlweise Globusse, Globanten oder gar Globuli.

Angesichts der Kundenfrage nach einem „Globus von Deutschland“ muß man sich allerdings ernsthaft fragen, was manche Leute unter Globalisierung verstehen.

Auch bei unaussprechlichen Autorennamen lassen sich kreativ-assoziative Pendants finden. Der polnische Autor „Andrzej Szczypiorski“, dessen Roman „Die schöne Frau Seidenman“ 1988 im Diogenes Verlag erschienen ist, bereitete uns und den Kunden viel Zungenbrechen. Eine Stammkundin, die den Roman von Andrzej Szyzypiorksi häufig kaufte, und die auch stets über die Aussprache dieses Namens stolperte, taufte ihn beim vierten Versuch einfach um und sagte schelmisch: „Ich möchte bitte noch einmal das Buch vom Herrn Seidenmann.“ Dankbar und erleichtert überna(h)men wir diese ausgesprochen raffinierte Lösung und verkauften ganz entspannt noch viele Bücher vom Herrn Seidenmann.

Ein weiteres Phänomen ist die Bedeutungseinebnung von Buchtiteln; die Titel verselbständigen sich durch ihren häufigen Sprachgebrauch so, daß man die wörtliche Bedeutung nicht mehr wahrnimmt.

So gibt es – wieder bei Diogenes  – eine Trilogie von Philipp Djian: Der erste Band heißt „Betty Blue“, der zweite „Erogene Zone“ und der dritte „Verraten und verkauft“. Unvergeßlich wird mir die Szene bleiben, in der ein Kunde den zweiten Band bei meinem Chef nachfragte. Da das verlangte Buch im Verkaufsregal fehlte und ich gerade eine Diogenes-Lieferung auspackte, rief mein Chef ganz unschuldig, aber lauthals durch den ganzen Buchladen: „Haben wir noch eine erogene Zone?“

Worauf meine Antwort so lautete: „Nicht nur eine…“

 

PS:
Für meine geringfügig weniger belesenen Leserinnen und Leser folgen hier die korrekten Buchtitel in der Reihenfolge ihres Textauftrittes:

Andorra     (Max Frisch)

Wallenstein     (Friedrich Schiller)

Die Wahlverwandtschaften     (Johann Wolfgang von Goethe)

Aus dem Leben eines Taugenichts     (Joseph von Eichendorff)

Antigone   (Sophokles)

Dreigroschenoper   (Bertolt Brecht)

Die Marquise von O…. und Das Erdbeben in Chili     (Heinrich von Kleist)

QUERVERWEIS:

Und hier geht es weiter zur Abschweifung Nr. 2: MEIN LIEBER SCHWAN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/06/03/abschweifung-nr-2/

Der böse Ort

  • Band 4 der Peter-Grant-Reihe
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »Broken Homes«
  • Deutsch von Christine Blum
  • Deutsche Erstausgabe  DTV Verlag  Mai 2014                     http://www.dtv.de
  • 398 Seiten
  • 9,95 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21507-7
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DAS   GEWISSE   MAGISCHE   ETWAS   Nr. 4

Buchbesprechung von Ulrike Sokul©

Nach einer Lesegeduldsübung von zehn (!) Monaten ist nun endlich der vierte Band der übersinnlichen Krimi-Serie mit dem sympathisch-verführerischen Police Constable und Zauberlehrling Peter Grant, seiner tapferen, zauberbegabten Kollegin Lesley May und dem elegant-unerschütterlichen Meistermagier und Detective Chief Inspektor Thomas Nightingale erschienen.

In meiner Besprechung des ersten Bandes
( siehe https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/ )
findet sich eine ausführliche Darstellung der magischen Besonderheiten und Bedingungen, unter denen sich die Ermittlungen abspielen.

Hier mache ich es kurz: Die Metropolitan Police von London verfügt über eine magische Abteilung, die geheimer als geheim operiert und die trotz ihrer belächelten Außenseiterstellung wichtige kriminalistische Arbeit leistet.

Diese Abteilung hat einen eigenen, speziell magiegeschützten Arbeits, Schulungs- und Wohnsitz, das „Folly“, und sie wird vom letzten inoffiziellen Meistermagier und offiziellen Detective Chief Inspektor Thomas Nightingale geleitet. Peter Grant und seine Kollegin Lesley May sind Police Constables und Magier in der Ausbildung.

Diese magische Ausbildung beansprucht viel Zeit und viel, viel Disziplin und noch mehr Übung, Übung, Übung. Doch als Ausgleich für das Pauken von Latein (Zaubersprüche funktionieren hier nur auf Lateinisch), diverse Studien in theoretischer Magie und endlose – nicht ganz ungefährliche – praktische Übungen pflegt man vertraulichen Umgang mit den Flußgöttinnen und -Göttern Londons, mit Halb- und Ganztagsfeen, mit Geisterzeugen, Vampiren und allerlei Wesen der magischen Demi-monde.

Neben einem spannenden, teils amüsanten und teils schaurigen Panoptikum magischer Charaktere und der dementsprechend ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden fühlt der Autor der Stadt London nicht nur kriminalmagisch auf den Zahn, sondern auch architektonisch. Zauberlehrling Peter Grant ist sehr an Architektur interessiert und spart nicht mit bissig-sozialkritischen und ästhetischen Kommentaren zu diversen Auswüchsen moderner Architektur und Stadtverplanung.

Im vierten Fall entpuppt sich gar ein berühmt-berüchtigtes Hochhaus, ein sogenannter Sozialwohnblock, als experimentelles magisches Machwerk in Sichtbetonverkleidung.

Aus dem Haus eines berühmten deutschen Exilarchitekten namens Erik Stromberg wird ein Buch mit dem Titel „Über die Prinzipien, welche der Ausübung der Magie zugrunde liegen“ gestohlen, und wenig später wird das seltene Werk bei einem Antiquariatsbuchhändler auf der Charing Cross Road zur Werteinschätzung vorgelegt. Der erfahrene Buchhändler schöpft sofort Verdacht, daß dieses Buchangebot nicht legal ist, und der Anbieter verläßt fluchtartig das Geschäft, nachdem er entdeckt hat, daß die Buchhandlung über eine Überwachungskamera verfügt.

Dank diverser Kameraaufzeichnungen (Geschäfte, Lokale, Straßenverkehrsüberwachung) kann PC Grant die Wegstrecke der verdächtigen Person verfolgen, bis zum geparkten Auto nebst Autonummer und der sich daraus ergebenden Identität und Adresse.

Diese Adresse sucht der Ermittler auf, und er findet schon an der Eingangstür den magischen Fingerabdruck eines altbekannten Gegenspielers: Der gefährliche „gesichtslose“ Magier, dessen Spur Peter und seine Kollegen bereits seit dem vorletzten Fall („Schwarzer Mond Über Soho“) verfolgen, ist ihm zuvor gekommen. Peter findet nur noch eine Leiche, deren Aussagekraft sich auf ihre außergewöhnliche Todesart beschränkt. So hat wenigstens der Kryptopathologe Dr. Walid wieder interessantes Forschungsfutter auf dem Seziertisch.

Da unterschiedliche Nachforschungen alle auf „Skygarden Tower“ (einen Wohnblock mit Hochhausturm, der ausgerechnet von dem Architekten Stromberg entworfen wurde) hinweisen, mieten sich Peter und seine Kollegin Lesley dort ein und ermitteln verdeckt vor Ort, während Meister Thomas Nightingale in Rufbereitschaft aus dem Hintergrund mithilft.

Die menschliche Nachbarschaft erweist sich als magieunverdächtig. Im unvermutet schönen und baumreichen Garten, der zu der Wohnanlage gehört, lernt Peter lediglich eine verspielte Dryade (Baumnymphe) kennen, die eindeutig keine bösen Absichten verfolgt.

Als unsere Magiespezialisten endlich herausgefunden haben, was der „Gesichtslose“ mit dem Hochhaus vorhat, ist es fast zu spät, und wir können uns – beim Zauberstab – nicht über mangelnde Dramatik beklagen.

Am Schluß des vierten Falles bleiben viele Fragen offen, und so mancher Handlungsfaden ist längst noch nicht zu Ende abgespult; gewiß werden sie im fünften Band wieder aufgegriffen. Auf diese Weise gelingt es dem Autoren fürwahr, die Neugier auf die Fortsetzung stets lebendig zu halten.

Die Ergänzung der alltäglichen Wirklichkeit durch eine magische Wirklichkeit macht den faszinierenden Reiz dieser Krimi-Serie aus. So wie die menschlichen Ermittler magische Züge tragen, so tragen die unterschiedlichen magischen Charaktere menschliche Züge, und das läßt die übernatürlichen Wesen irgendwie fast normal erscheinen. Doch auch wenn Oberon hier Calvin-Klein-Boxershorts trägt, sollte man ihn keinesfalls unterschätzen.

Die Verbindung von archetypischen, magischen und übersinnlichen Wesen mit modernen Accessoires ist charmant und paßt zu den kontrastierenden Charakteren der menschlichen Ermittler. Daß sich solche Gegensätze zu einer mitreißenden Dramaturgie fügen und der Spielraum für unterhaltsame Dialoge und einige Prisen Genreselbstironie weidlich genutzt wird, ist das Verdienst des Autoren, der gekonnt und raffiniert eine magische Mischung serviert, in der sich Überraschungs-, Gänsehaut- und Schmunzeleffekte angenehm abwechseln.

Die Titelbildgestaltung von Lisa Höfner verdient ausdrückliches Lob, sie ist absolut stimmig und wirkt gleichzeitig nostalgisch und modern. Magisches Markenzeichen ist stets ein Ausschnitt aus einem Stadtplan oder einem historischen Luftbildgemälde Londons und einige stichwortartige, graphische Zugaben, die Bezug zur Handlung haben.

Erfreulich haptisch ist der Prägedruck des Titels und im vierten Falle die typographische Ausschmückung des Buchstabens O mit kleinen Teufelshörnchen. Solche liebevollen Details beeindrucken mich.

Das Warten auf den fünften Band wird wiederum eine Geduldsübung, denn die englische Originalausgabe (Foxglove Summer, ORION Publishing Group, ISBN 978-0-575-13251-1, ca. 17,60 € ) erscheint erst im Juli 2014; und bis die deutsche Übersetzung (voraussichtlich im September 2015)  unter dem Titel Fingerhut-Sommer bei DTV erscheint, hat Peter Grant viel Zeit, seine magischen Fähigkeiten zu erweitern und zu verfeinern, was er – angesichts des verräterischen Endes des vierten Falles – auch bitter nötig hat.

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u.a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie DOCTOR WHO verfasst), arbeitet er als Buchhändler.«

Der DTV-Verlag hat den Peter-Grant-Krimis eine spezielle Webseite eingerichtet:
http://www.dtv.de/special/ben_aaronovitch_urban-fantasy/1592/

Hier folgen die Links zu meinen Besprechungen der ersten drei Peter-Grant-Krimis:

Band 1 : DIE FLÜSSE VON LONDON
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/

Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/

Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/

Und hier geht es auch schon zu den Folgebänden:

Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/

Band 6: DER GALGEN VON TYBURN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/27/der-galgen-von-tyburn/

Thursday Next, Band 1 – 5

  • von Jasper Fforde
  • Der Fall Jane Eyre,  375 Seiten                     9,95 €     978-3-423-21293-9
  • In einem anderen Buch,  416 Seiten        8,95 €       978-3-423-21294-6
  • Im Brunnen der Manuskripte,  405 Seiten,  8,95 €   978-3-423-21295-3
  • Es ist was faul,  429 Seiten,                              9,95 €      978-3-423-21296-o
  • Irgendwo ganz anders, 408 Seiten            9,95 €      978-3-423-21297-7
  • Übersetzung ins Deutsche:
  • Band 1 von Lorenz Stern
  • Band 2 – 5 von Joachim Stern
  • DTV Verlag                                                                    http://www.dtv.de
    der_fall_jane_eyre-9783423212939.jpg Der Fall Jane Eyre

DIE  NEXTE  BITTE !

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ach, Sie meinen, Sie wüßten Bescheid über Lesen, Schreiben und Bücher, weil Sie Leser sind? Oder gar Schriftsteller, Verleger oder Deutschlehrer? Oder vielleicht Buchhändler? Tja, das dachte ich (Buchhändlerin) auch, bis ich Thursday Next kennenlernte  –  oder eher lesenlernte  -, das hat meinen Lesehorizont wahrlich um einige Dimensionen erweitert.

Thursday Next, die weibliche Hauptfigur in diesen wortwörtlich hinterlisterarischen Kriminalromanen, arbeitet als „LiteraturAgentin“, und in dieser Rolle sucht sie nicht nach verheißungsvollen neuen Schriftstellertalenten, sondern sie und ihre Kollegen beschützen die vorhandene Literatur vor unbefugten, verbrecherischen Eingriffen wie Raubdrucken, gefälschten Manuskripten und sonstigen Manipulationen, die gegen die literarische Ordnung verstoßen. Für außergewöhnliche Komplikationen sorgt dabei zusätzlich der Umstand, daß die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit durchlässiger sind, als bisher vermutet.

Die Geschichte beginnt 1985 in England, in der Stadt Swindon. Die historischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen weisen allerdings einige dichterische Freiheiten und Modifikationen auf: In Wales herrscht Kommunismus, in England herrscht Demokratie. Es gibt genetische Rückzüchtungen ausgestorbener Arten, z. B. Dodos und Mammuts und ausgesprochen sympathische Neandertaler. Käse wird extrem hoch besteuert und bevorzugt von Wales nach England geschmuggelt.

Die herkömmliche Polizei wird vom „SpecialOperations-Network“  unterstützt, das sich wiederum in über dreißig Abteilungen  aufgliedert. Dies wiederum ist der Garant für bürokratische Irrungen und Wirrungen. Thursday Next arbeitet für „SpecOps-27 (LiteraturAgenten)“,  einer ihrer Lieblingskollegen arbeitet für „SpecOps-17 (Vampir- und Werwolfentsorgung)“ und trägt den –  für literarisch Eingeweihte – vielsagenden Namen Spike Stoker.

Eine große Rolle spielt außerdem „SpecOps-12“, die „ChronoGarde“, deren Aufgabe es ist, den korrekten Ablauf der „StandardEreignisLinie“ zu überwachen, Zeitfalten auszubügeln und dann und wann Apokalypsen zu vermeiden. Die zeitreisebefähigten Agenten kommen also negativen oder unerwünschten Ereignissen nachträglich zuvor. Thursdays Vater ist „ZeitreiseAgent“ und hält die „ChronoGarde“  und das Ministerium für Zeitstabilität für einen „chronupten“  Haufen und versucht ihre historischen Fehleingriffe zu korrigieren. Als Zeitflüchtiger ist er ziemlich unendlich unterwegs und kommt doch immer wieder kurzfristig bei Thursday und ihrer Mutter zu Besuch vorbei.

Dann ist da noch Onkel Mycroft, der geniale Erfinder des Legosteinfilters für Staubsauger und des „ ProsaPortals“ eine Erfindung, die es ermöglicht, buchstäblich in ein Buch einzusteigen. Und es gibt die  „Goliath Corporation“, einen skrupellosen, profitgierigen Großkonzern, der systematisch die Demokratie untergräbt und um jeden Preis seine Macht auf die fiktionale Welt ausdehnen will.

Gleich im ersten Band wird Jane Eyre aus ihrem Buch heraus entführt, und der Erpresser droht mit der Ermordung dieser beliebten literarischen Figur, wenn seine Forderungen nicht erfüllt werden.

In Jasper Ffordes Buchmultiversum ist die sogenannte wirkliche Welt schon reichlich schräg, aber die Buchwelt übertrifft sich hier gewissermaßen selbst. Wie dramatisch es hinter den Kulissen der gedruckten Buchstaben, Worte und Sätze zugeht, das weiß Jasper Fforde mit funkelndem Einfallsreichtum und Liebe zum kleinsten literarischen Detail spannend und sehr amüsant zu erzählen. Der bürokratische Verwaltungsapparat der Buchwelt ist mindestens so papierkramreich wie in der Außenwelt, ganz zu schweigen von den logistischen und technischen „BackStory“- Herausforderungen. Also ohne mobiles „Fußnotofon“ geht schon mal gar nichts; und haben Sie gewußt, daß das ISBN-System den „JurisfiktionAgenten“ zur Ortung von Büchern  dient?

Thursday Next pendelt für ihre Detektivarbeit zwischen der Buchwelt und der Außenwelt, rettet Jane Eyre und auch ihr eigenes Leben und findet beiläufig noch Zeit, ihre große Liebe zu heiraten.

in_einem_anderen_buch-9783423212946.jpgThursday Next 2Nachdem Thursday Next im ersten Band als Buchspringerin und Retterin von Jane Eyre berühmt wurde, wird sie im zweiten Band als erste „Außenländerin“ von „Jurisfiktion“ um Mitarbeit gebeten. „Jurisfiktion“ ist  der  Sicherheitsdienst der Buchwelt, und dieser hat stets Bedarf an mutigen Agenten, welche die Buchwelt sowohl vor inneren wie äußeren Störungen und Angriffen schützen. Miss Havisham, die sitzengelassene Braut aus Charles Dickens Roman „Große Erwartungen“  ist Thursdays strenge Ausbilderin, die allerdings auch gerne kleine unerlaubte Ausflüge in die wirkliche Welt unternimmt und dort grundsätzlich viel zu schnell Auto fährt.

Offenbar erfüllen die fiktionalen Charaktere nicht immer ihre literarische Pflicht. Es gibt „Seitenläufer“, literarische Figuren, die ihre Rolle satt haben und sich bestenfalls  einfach nur in einem anderen Buch verstecken und sich schlimmstenfalls in den Handlungsverlauf des Besuchsbuches einmischen. Da hilft manchmal nur noch das Ausradieren mißliebiger Charaktere durch Radiergummimunition. „Grammasiten“ und  „Adjektivorenmüssen bekämpft werden. Arbeit und Abenteuer bieten sich seitenweise an…

im_brunnen_der_manuskripte-9783423212953.jpg Thursday Next 3Im dritten Band zieht sich Thursday zwecks Mutterschaftsurlaub von ihren Feinden in das noch unveröffentlichte Manuskript eines Krimis zurück. Dort kommt sie einer Verschwörung auf die Spur, die in Verbindung mit der geplanten Einführung eines neuen Textverarbeitungsprogramms die schöpferische Freiheit und kreative Sprachvielfalt des gesamten literarischen Lebens auslöschen will. Haarscharf kann Thursday diese technologische Entseelung der Buchwelt verhindern.

Außerdem verpaßt sie zwei „Figuren-Rohlingen“ den letzten charakterlichen und sprachlichen Feinschliff und ein Happy End. In Zusammenhang mit der Bekämpfung des „Mispeling Vyrus“ vergnügt uns Jasper Fforde zudem mit einem ganz herrlichen Seitenhieb auf die deutsche Rechtschreibreform.

es_ist_was_faul-9783423212960.jpg Thursday Next 4

Im vierten Band entschließt sich Thursday, mit ihrem Sohn Friday wieder in die Außenwelt zurückzukehren. Außerdem darf sie, auf Anordnung des „GattungsRates“, Hamlet mitnehmen, dem zu therapeutischen Zwecken ein Ausflug in die wirkliche Welt genehmigt wurde. Nicht nur, daß er mit seiner Außenwahrnehmung als Zauderer hadert, zusätzlich hat er zu verkraften, daß nicht ihm, sondern Heathcliff zum 77. Male der „BuchWeltPreis“ für den besten „Schwierigen Romantischen Liebhaber“ verliehen wurde. Außerdem wird ein „Fiktionär“, der sich unbefugt auf dem politischen Parkett der wirklichen Welt tummelt, in einem bemerkenswert raffinierten, literarischen Duell unschädlich gemacht.

irgendwo_ganz_anders-9783423212977.jpg Thursday Next 5Der fünfte Band spielt 14 Jahre später: Thursdays bisherige Abenteuer sind inzwischen in Romanform erschienen, sie arbeitet zum Schein im Teppichhandel, in Wirklichkeit ist sie nach wie vor Doppelagentin und nebenberufliche Käseschmugglerin. Der „AllgemeineLeseIndex“  stürzt in bildungsferne Abgründe, es drohen gar „Reality-Book-Shows“. In der Buchwelt ist man darüber nicht amüsiert; unterbeschäftigte und gelangweilte Romanfiguren könnten rebellieren und „Mindestleserzahlen verlangen“.

Der Mord an Sherlock Holmes sollte dringend aufgeklärt werden, und Thursday muß sich schließlich sogar mit ihrer eigenen fiktiven Figur herumschlagen. Erst kurz vor Buchschluß erkennt sie, daß in der Buchwelt ein „Serienkiller“ unterwegs ist, und Jasper Fforde beendet das letzte Kapitel  mit …  und läßt uns Leser in schrecklicher Ungewißheit auf diesen Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen sitzen. Das ist nur schwer auszuhalten!

Der 6. Band erscheint erst im Juli 2013! Tja – wäre ich jetzt eine „Buchspringerin“ wie Thursday Next dann könnte ich mir im „Brunnen der Manuskripte“ eine Leseprobe des noch ungedruckten Buches genehmigen …

Doch zurück zu den fünf Bänden, die uns schwarz auf weiß vorliegen: Jasper Fforde verfügt über eine geistreiche und humorvolle Kombinationsgabe; von Band zu Band steigert er sich mit einfallsreichen Ideen, komplex konstruiert bis ins kleinste erlesene Detail. Die historischen und literarischen Arrangements, die er gestaltet, sind abenteuerlustig, wunderbar wortspielerisch und vielschichtig.

Die Wiederbegegnung mit bekannten literarischen Figuren, Themen und Schauplätzen, die von Jasper Fforde gekonnt in den Handlungsverlauf seiner Thursday Next Geschichte eingewoben werden, bietet anregenden Spielraum für fantasievolle und heiter-ironische Neuinterpretationen und kuriose Assoziationen. Neben vielen englischen Klassikern finden z.B. auch Eichendorff, Kafka und Konrad Duden Erwähnung.

Garniert wird das Ganze noch mit dem Thema Zeitreisen und den sich daraus ergebenden Paradoxien und Schlußfolgerungsvariablen.

Falls Sie jetzt meinen, ich hätte hier schon zu viel erzählt, muß ich energisch widersprechen. Diese Buchbesprechung ist nur eine flüchtige Skizze, ein Hauch von dem, was Ihnen die über 2000 Seiten der ersten fünf Thursday Next Bücher an kurzweiligem, kultivierten Lese- und Schmunzelgenuß bieten können.

PS:
Klassikerkenntnisse sind von Vorteil und erhöhen das Vergnügen an den zahllosen gewitzten Anspielungen und Bezügen.

Die neue graphische Titelbildgestaltung der Thursday Next Reihe mit je einem schwarzen Scherenschnitt eines englischen Klassikers vor leuchtend farbigem Hintergrund und mit farbenfrohen Prägedruckbuchstaben ist auffällig anders und wird somit dem Inhalt der Bücher durchaus gerecht.

PPS:
Wie die Zeit vergeht … 😉
Meine Rezension zum sechsten und letzten Band der Thursday-Next-Serie
(WO IST THURSDAY NEXT) finden Sie unter diesem Link:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/07/03/wo-ist-thursday-next/

 

DER AUTOR:

»Jasper Fforde ist Waliser(daher das markante doppelte F!) und wurde 1961 geboren. Seine Romane schrieb er 14 Jahre lang neben seiner Arbeit als Kameramann bei verschiedenen Filmproduktionen. Er ist einer der intelligentesten, witzigsten und hintergründigsten Autoren der Fantasy. Nach 76 Ablehnungen erschien im Jahre 2001 der erste Band der Abenteuer von Thursday Next. Inzwischen hat die Reihe weltweit Kultstatus erlangt, und Jasper Fforde wurde aufgrund seiner literarischen Verdienste zum zeitweiligen Ehren-Bürgermeister von Swindon ernannt.«

Weitere Informationen:  http://www.jasperfforde.com