Brief an D.

  • Geschichte einer Liebe
  • von André Gorz
  • Originaltitel: »Lettre à D. Histoire d’un amour«
  • Übersetzung ins Deutsche von Eva Moldenhauer
  • btb Verlag  März 2009   http://www.btb-verlag.de
  • Taschenbuch
  • 112 Seiten
  • 7,00 € (D), 7,20 € (A), 9,90 sFr.
  • ISBN 978-3-442-73875-5

ALTE  LIEBE  UNVERBLÜHT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mit der Reife vertieft sich die Einsicht. So bemerkt André Gorz angesichts des bevorstehenden 82. Geburtstages seiner Frau Dorine, daß er ihr und ihrer langjährigen liebevollen Begleitung in seinen autobiographischen Schriften keineswegs angemessen gerecht geworden ist. Dies wird nun mit dem „Brief an D.“ korrigiert.

„Ich muss die Geschichte unserer Liebe rekonstruieren, um sie in ihrem ganzen Sinn zu erfassen. Denn sie hat es uns ermöglicht, zu werden, was wir sind, durch einander und für einander.“ (Seite 6/7)

Andächtig erzählt André Gorz von ihrer ersten Begegnung in Lausanne, der nachfolgenden scheuen Annäherung und schwärmt von Dorines Schönheit und Stärke. Beide stammten aus Familien mit entzweiten Eltern. Dorine hatte ihre Eltern schon früh verloren. André Gorz war durch seinen Internatsaufenthalt in der Schweiz mit sechzehn Jahren von seiner österreichischen Familie getrennt worden. Erst nach dem Krieg nahm er wieder distanzierten Kontakt zu ihr auf, fühlte sich seiner Herkunftsfamilie jedoch nicht verbunden.

Dorine war gebürtige Engländerin, und die Sprache ihrer Liebe blieb zeitlebens Englisch, obwohl sie ihr gemeinsames Leben in Frankreich verbrachten. Dorine zeigte Interesse daran, Deutsch zu lernen, doch André Gorz weigerte sich, jemals wieder ein einziges Wort in dieser Sprache auszusprechen.

Das junge Paar verdiente mehr schlecht als recht seinen Lebensunterhalt mit Gelegen-heitsjobs (Übersetzungen, Englischstunden, Sekretariatsdienste), und schließlich ziehen sie von Lausanne nach Paris. André bekam verschiedene journalistische Aufträge und schrieb sein erstes autobiographisches Buch „Der Verräter“. Dorine saß für Maler Modell, arbeitete als Fremdenführerin und als Altpapiersammlerin.

Dorine selbst betonte ihrem Mann gegenüber mehrfach: „Einen Schriftsteller lieben heißt lieben, dass er schreibt.“ (Seite 36) Dankbar würdigt André Gorz, daß seine Frau seinem intensiven, nächtlichen Schreiben stets mit Geduld und Verständnis begegnet sei und ihn auch bei seinen journalistischen Aufgaben sachdienlich und pragmatisch unterstützt habe.  Gleichwohl ging Dorine ihren persönlichen Interessen und Lektüren nach, besuchte Vorlesungen und pflegte den wachsenden Freundeskreis. Zwischen den Zeilen merkt man, daß sie wohl unbeschwerter Kontakte knüpfen konnte als er.

Nach und nach erreichte André Gorz eine zuverlässige journalistische und sozialphilo-sophisch-schriftstellerische berufliche Stellung und ein mehr als auskömmliches Einkommen. Dennoch bleiben die Ansprüche des Paares bescheiden, die Haltung gegenüber Konsum, Moden, Technik und Wettbewerbseifer kritisch und hinterfragend.

Nach einer zwar nicht geheilten, aber überlebten schweren Erkrankung Dorines beschließen die Beiden, aufs Land zu ziehen. „Die Ökologie wurde zu einer Lebensweise und einer täglichen Praxis, ohne dass sie aufhörte, die Forderung nach einer anderen Zivilisation einzuschließen.“ (Seite 85)

Kurze, fast sachlich erzählte Skizzen des gemeinsamen Lebensweges wechseln sich in diesem Buch mit berührenden Liebeserinnerungen und Liebeserklärungen ab.

Wenn sich André in seinen Selbstvorwürfen ergeht, wird der Text angestrengt intellektuell-nacherklärererisch und angesichts seiner sonstigen Eloquenz umständlich tastend. Er braucht lange, bis er vom abstrakten Theoretisieren zum lebendigen Dasein vordringt und dem Herzen Vorrang  vor dem Kopf einräumt.

Sein Rückblick auf mehr als ein halbes Jahrhundert gemeinsamen Lebens ist voller Achtung, Bewunderung und Verehrung für seine Frau.

„Du hast mir Dein ganzes Leben und alles, was Du bist, geschenkt; ich möchte Dir in der Zeit, die uns noch bleibt, alles von mir schenken können.“ (Seite 88)

Die dezent-zurückhaltende, mit sinnlichen Details sparsam umgehende Darstellung erweckt den glaubwürdigen Eindruck einer über all die Jahre lebendig gebliebenen Liebesverbundenheit.

Mehr kann man nicht verlangen!

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Brief-an-D./Andre-Gorz/btb-Taschenbuch/e273123.rhd

PS
Der eigentliche Text mißt nur 88 Seiten, die sich daran anschließenden Seiten enthalten ein erläuterndes Personenverzeichnis und einige – hilfreiche – Worterklärungen, die der historisch-philosophischen Einordnung dienen.

Der Autor:

»André Gorz (1923–2007), geboren in Wien, verbrachte die Kriegsjahre in der Schweiz und ließ sich nach Kriegsende in Paris nieder. Er arbeite mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir an der Zeitschrift „Les Temps modernes“, war Redaktor bei „L’Express“, später bei der Wochenzeitung „Le Nouvel Observateur“, die er 1964 zusammen mit Jean Daniel gegründet hatte.
In seinen Buchpublikationen profiliert sich Gorz als Theoretiker der Arbeiterselbstverwaltung und der politischen Ökologie. 1958 erschien die Autobiografie »Der Verräter« (dt. 1980), zu der Sartre das Vorwort schrieb. Dort erscheint bereits seine Frau Dorine unter dem Namen Kay. Das vorliegende Buch ist gewissermaßen die Fortsetzung (und was Kay/Dorine betrifft auch Korrektur) dieser Autobiographie fünfzig Jahre danach. Und jetzt ist es auch Gorz‘ Vermächtnis. Gorz hat die Entstehung der deutschen Ausgabe noch bis in die Details begleitet, er hat die Übersetzung in dieser Form autorisiert und das Personenverzeichnis redigiert; er und seine Frau fanden das Büchlein, als sie es in Händen hielten, »wunderschön«.
André Gorz und seine schwerkranke Frau Dorine nahmen sich am 24. September 2007 gemeinsam in ihrem Haus in Vosnon in Frankreich das Leben.«

Für mehr Informationen über die sozialkritischen Schriften André Gorz‘ und seinen Lebensweg lohnt ein Blick auf folgenden Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Andr%C3%A9_Gorz

Die Übersetzerin:

»Eva Moldenhauer, 1934 in Frankfurt/Main geboren, ist seit 1964 als Übersetzerin tätig. Sie übersetzte u.a. Claude Simon, Jorge Semprun, Agota Kristof, Jean Paul Sartre und Lévi-Strauss. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. 1982 mit dem „Helmut-M.-Braem-Preis“ und 1991 mit dem „Celan-Preis“. 2005 wurde sie für ihre Neu-Übersetzung von Claude Simons „Das Gras“ für den „Preis der Leipziger Buchmesse“ nominiert.«

Querverweis:

Hier entlang zu den Liebesbriefen, die Dylan Thomas einst an die Frauen seines Lebens schrieb: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/08/02/die-liebesbriefe-dylan-thomas

 

 

 

 

 

Ein Buchladen zum Verlieben

  • von Katarina Bivald
  • Originaltitel: »Läsarna i Broken Wheel rekommenderar«
  • Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
  • btb Verlag, August 2014                                      http://www.btb-verlag.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 445 Seiten
  • 19,99 €
  • ISBN 978-3-442-75456-4
  • Taschenbuchausgabe  Juni 2016
  • € 9,99E (D), 10,30 € (A), 13,90 sFr.
  • ISBN 978-3-442-71392-9

    Ein Buchladen zum Verlieben von Katarina Bivald

LESEERFAHRUNG  ODER  LEBENSERFAHRUNG ?

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Roman „Ein Buchladen zum Verlieben“ ist eine Liebeserklärung an Menschen (und ihre Schwächen) und eine Liebeserklärung an Bücher (und ihre Stärken). Das Buch handelt davon, wie Leseerfahrung zu Lebenserfahrung und Lebenserfahrung zu Leseerfahrung führen kann.

Es ist eine unterhaltsame Lektüre, die uns eine sympathisch unglamouröse, amerikanische Kleinstadtmilieustudie und ganz besondere alltägliche Menschen aufblättert.

Nun folgen die Zutaten für dieses Romanrezept:

Man nehme eine arbeitslose, mauerblumige Buchhändlerin (Sara) aus Schweden, die sich mehr mit Büchern als mit Menschen verbunden fühlt, die jedoch eine vertrauensvolle Brieffreundschaft mit einer belesenen, weise-abgeklärten alten Dame (Amy) aus einer angestaubten Kleinstadt (Broken Wheel) in Iowa (USA) pflegt. Amy lädt Sara sehr herzlich zu einer dreimonatigen Auszeit zu sich nach Hause ein, und Sara kommt gerade noch rechtzeitig in Broken Wheel an, um an Amys Begräbnis teilzunehmen.

Schon erweitern sich die Personenzutaten um zwei Hände voll sehr ausgeprägt-eigenwilliger Charaktere: Amys Neffe, ein sehr attraktiver Junggeselle mit lächelnden Augen (Tom), ein arbeitsloser, geschiedener, trockener Alkoholiker, der den Kontakt zu seiner Tochter (Sophy) schmerzlich vermißt (George), eine burschikose Diner-Inhaberin und Schnapsbrennerin (Grace-Madeleine), eine arbeitslose Lehrerin und moralimprägnierte Kirchenälteste (Caroline), ein schwules Pärchen, das eine – die einzige – Kneipe am Ort betreibt (Andy und Carl), eine hyperaktive Hausfrau, die den Broken-Wheeler-Nachrichtenbrief schreibt und herausgibt (Jen), und noch einige andere Einwohner.

Sara wird stellvertretend für die allseits beliebte Amy von Amys Freundes- und Nachbarschaftskreis dazu eingeladen, trotz des Todesfalles eine Weile zu bleiben und im Hause ihrer verstorbenen Gastgeberin zu wohnen. Jen plant schon eifrig, Sara mit Tom zu verkuppeln und so eine neue, interessante Einwohnerin für Broken Wheel zu generieren.

Zögerlich läßt sich Sara auf dieses Abenteuer ein und lernt die Menschen, die sie aus Amys brieflichen Beschreibungen kennt, nun im wirklichen Leben kennen und nach und nach wirklich schätzen. Fast jedes Kapitel wird durch einen Brief Amys ergänzt, so daß die zwischenmenschlichen Vorgeschichten der relevanten Charaktere nacherzählt werden.

Da Sara die ihr entgegengebrachte allgemeine Großzügigkeit gerne erwidern möchte, kommt sie auf die Idee, in einem der vielen leerstehenden Ladenlokale der einzelhändlerisch fast ausgestorbenen Haupt- und Geschäftsstraße mit dem Büchernachlaß von Amy eine Buchhandlung zu eröffnen.

Nach reichlich kopfschüttelnder, gemeinderätlicher Zustimmung zu diesem Kultivierungsprojekt hilft George gerne freiwillig bei den Putz- und Renovierungsarbeiten, und nach einer Spendensammlung von Caroline finden sich auch einige brauchbare Bücherregale, Lesesessel und eine Leselampe.

Saras improvisierte Buchhandlung, ihre feste Absicht, für jeden Bewohner von Broken Wheel genau das richtige Buch zu finden, und ihre unkonventionelle Freundlichkeit wirken als sozialer Katalysator. Die Buchhandlung zahlt sich betriebswirtschaftlich nicht aus, aber sie ist eine zwischenmenschliche Bereicherung für die – durch Wirtschaftskrise, fehlende Arbeitsplätze und dementsprechend schrumpfende Einwohnerzahlen – verarmte, zukunftsmüde Kleinstadt.

Während Sara sich bemüht, die Menschen zum Lesen zu verführen, und sich originelle und aussagekräftigere Oberbegriffe – als bisher buchhändlerisch üblich – für die Regalbeschriftung ausdenkt , erwärmen sich immer mehr Menschen für die Aussicht, Sara längerfristig an Broken Wheel zu binden. Doch die romantische Annäherung zwischen Sara und Tom kommt trotz gegenseitiger Sympathie nicht in Gang, weil sich beide gegen die allzu offensichtlichen Verkuppelungsabsichten ihrer Mitmenschen wehren.

Das führt zu beiderseitigen Mißverständnissen und Trotzhaltungen, die der Liebesentwicklung eine Weile massiv im Wege stehen, und zu absurden gegenseitigen Versicherungen, man wolle nichts als Freundschaft voneinander.

Doch wenn eine Frau einen öffentlichen Heiratsantrag von einer ganzen Stadt bekommt, kann sie da noch Nein sagen?

Dieses Buch hat eine sehr warmherzige Temperatur, mit vielen Prisen Humor, netten, kleinen literarischen sowie filmischen Anspielungen und lebendigen, abwechslungsreichen Charakteren. Zum guten Schluß gibt es nicht nur eine echte Liebesheirat, sondern auch für die Nebenfiguren viele, viele bunte Liebesperlen.

Das Titelbild auf dem Schutzumschlag ist lobenswert gelungen und sehr stimmig. Hier paßt die Verpackung ausdrücklich zum Inhalt.

Mein Lieblingssatz:

„Es war einwandfrei der beste Sex gewesen, den sie jemals nicht gehabt hatte.“    (Seite 270)

 

Die Autorin:

»Katarina Biwald arbeitete 10 Jahre lang in einem Buchladen. Sie lebt in der Nähe von Stockholm, gemeinsam mit ihrer Schwester und so vielen Bücherregalen, wie nur eben in ihre Wohnung hineinpassen. Sie weiß bis heute nicht genau, was sie bevorzugt: Menschen oder Bücher.«

Die Taschenbuchausgabe hat ein anderes Titelbild – da schau her:

Ein Buchladen zum Verlieben von Katarina Bivald

Ein Buchladen zum Verlieben von Katarina Bivald