Mozart & Robinson und der gefährliche Schiffbruch

  • Text von Gundi Herget
  • Illustrationen von Nikolai Renger
  • Magellan Verlag   Juli 2017  http://www.magellanverlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 24,5 x 24,5 cm
  • 32 Seiten
  • 13,95 € (D), 14,40 € (A)
  • ISBN 978-3-7348-2036-6
  • Bilderbuch ab 3 Jahren

MÄUSE, AHOI! 

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Nachdem die charakterstarken und possierlichen Mäusehelden Mozart Hausmaus und Robinson Feldmaus im ersten Bilderbuchband eine Käsemondlandung gemeistert haben (siehe dazu meine Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/08/18/mozart-robinson-und-der-zauber-des-kaesemonds/ ), folgt nun ein Seemannsmaus- abenteuer mit Schiffbruch.

Es regnet in Strömen, Mozart Hausmaus sitzt behaglich in seinem trockenen und warmen Stübchen und schmökert in Daniel Defoes Abenteuerroman Robinson Crusoe. Feldmaus Robinson langweilt sich, spaziert kurzentschlossen sowie blattbeschirmt zum Haus und besucht seinen Freund Mozart.

Robinson erkundigt sich, was denn in dem dicken Buch geschrieben stehe, das Mozart gerade lese. Da Robinson nicht lesen kann,  faßt Mozart die Geschichte kurz und bündig zusammen. Natürlich ist Robinson begeistert, daß der Held der Geschichte seinen Namen trägt, und will sofort ein Schiff bauen und Abenteuer erleben.

Mozarts Einwand, daß er mit seiner Lektüre genug Abenteuer hätte, führt zu einem  unentschiedenen Disput darüber, ob Lesen langweilig sei oder spannend. Inzwischen hört der Regen auf, und Mozart läßt sich von Robinson dazu überreden, ein Boot zu konstruieren.

Unter Mozarts theoretischer Anleitung baut Robinson ganz praktisch aus drei Korken, zwei Gummibändern, einem Stofftaschentuch, einem Zahnstocher und einer Schnur ein mäusesegeltüchtiges Boot.

Illustration: Nikolai Renger / Text: Gundi Herget © Magellan Verlag 2017 (Anklicken vergrößert die Bildansicht)

Gemeinsam tragen sie das Boot nach draußen in den Garten, wo der Regen einen wilden Bach in der Wiese hinterlassen hat. Kaum haben die beiden das Boot bestiegen, kommt Wind auf und bringt das Boot in schnelle Fahrt und zur Kollision mit einem Stein.

Das Boot samt Mäusebesatzung strandet auf einer kleinen, erhöhten Wieseninsel, rundherum befinden sich unüberwindliche Wasserflächen, und das Boot ist stark beschädigt. Mozart ist nicht amüsiert, er fühlt sich hilflos und fürchtet, verhungern zu müssen.

Robinson dagegen ist zuversichtlich und erklärt, sie könnten nun endlich Robinson spielen. Er improvisiert tatkräftig eine Grashütte, findet naturkundig einige Erdbeeren und Kleeblüten und baut aus zwei Blättern Hängematten. So kann man es sogar in der Wildnis aushalten, und die beiden Mäuse schlafen satt und entspannt ein.

Illustration: Nikolai Renger / Text: Gundi Herget © Magellan Verlag 2017 (Anklicken vergrößert die Bildansicht)

Nach und nach versickert das Regenwasser, und die Insel hat wieder Landverbindung zum Rest der Wiese. Eine Katze schleicht sich an die Mäuseabenteurer an, und den beiden gelingt in letzter Sekunde die Flucht ins Haus. Dort machen sie es sich auf Mozarts Sofa gemütlich. Mozart liest Robinson ein Abenteuer vor, und „langweilig ist das überhaupt nicht“.

Die Autorin, Gundi Herget, erzählt diese Mäuserobinsonade mit einfühlsamem Humor und spielerischer Spannung. Ein schönes Beispiel für die augenzwin-kernde Beziehungsdynamik zwischen den ungleichen Mäusefreunden ist beispielsweise der Dialog zum Thema Füße abputzen, wenn man von draußen nach drinnen kommt. Mozart kann es kaum gründlich genug sein, und Robinson … doch lesen und schmunzeln Sie selbst, wie dieses Problem entspannt gelöst wird.

Die Illustrationen von Nikolai Renger übersetzen den Text gekonnt in farben- frohe Szenerien mit vielen heiteren Randdetails und Anspielungen auf den Vor- gängerband. Bereichernd kommen noch die lebhaft-knuffelige Körpersprache und die Mimik der kleinen Mäuseabenteurer dazu, so daß man hier wortwört- lich und bildbildlich von einem fröhlichen Wiedersehen sprechen kann.

Auch im zweiten Bilderbuchabenteuer mit Mozart Hausmaus und Robinson Feldmaus findet sich auf den Vorsatzblättern eine anschauliche, kindgemäße Bauanleitung für ein Korkboot – eine erfreulich analoge Zugabe für Kinder, um selber Abenteuerzubehör zu basteln.

Die Frage, ob echte oder erlesene Abenteuer spannender sind, wird in dieser Geschichte zwar nicht endgültig entschieden, gleichwohl aber ausgewogen ausprobiert. Das wäre eine Frage, der man anläßlich dieser Bilderbuchlektüre mit Kindern im Gespräch nachgehen könnte.

 

Querverweis:

Hier entlang zum ersten Band „Mozart & Robinson und der Zauber des Käsemonds“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/08/18/mozart-robinson-und-der-zauber-des-kaesemonds/
Hier entlang zum dritten Band „Mozart & Robinson und der waghalsige Pfannkuchenplan„:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/02/06/mozart-und-robinson-und-der-waghalsige-pfannkuchenplan/

Die Autorin:

»Gundi Herget beschlich mit  vier Jahren zum ersten Mal das Gefühl, dass Bücher mit ihren vielen Seiten voller schwarzer Striche, Punkte und Kringel das Aufregendste sein könnten, das es gibt. Und so war es dann auch. Mit zehn Jahren wollte sie schon Schriftstellerin werden, hat dann aber erst mal Abitur gemacht, in München und Pisa Literatur studiert, Schlagzeug spielen gelernt, Redakteurin gelernt, die Welt bereist und ein Kind bekommen, was sie an den Vorsatz ihres zehnjährigen Ichs erinnert hat. Sie schreibt seitdem vor allem Kinderbücher.«

Der Illustrator:

»Nikolai Renger wurde in Karlsruhe geboren und studierte Visuelle Kommunikation an der HFG in Pforzheim. Er ist als freiberuflicher Illustrator für verschiedene Verlage und Agenturen tätig und arbeitet seit 2013 im Atelier Remise in Karlsruhe.«

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Die Wichtelreise

  • von Denys Watkins-Pitchford
  • Deutsch von Michael Stehle auf der Grundlage
  • der Übersetzung von Barbara Gehrts
  • Illustrationen von Daniela Drescher
  • Verlag Urachhaus August 2014   http://www.urachhaus.de
  • 175 Seiten
  • Format : 22 x 29 cm
  • 25,00 €
  • ISBN 978-3-8251-7904-5
  • ab 5 Jahren
    Die Wichtelreise

W I C H T E L W I L D N I S

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es ist schön, daß es immer wieder alte Klassiker gibt, die man neu entdecken kann. »Die Wichtelreise« von Denys Watkins-Pitchford ist ein englisches Kinderbuch, das 1942 mit der Carnegie Medal ausgezeichnet wurde. Nun ist dieses Werk in einer Neufassung von Michael Stehle (auf der Grundlage der Übersetzung von Barbara Gehrts) im Verlag Urachhaus neu erschienen.

Die Illustratorin Daniela Drescher hat für diesen Kinderbuchklassiker wieder ihren Zaubermalpinsel geschwungen und dem Text ein durchgehend farbiges Märchengewand maßgeschneidert.

In einem kurzen Vorwort bereitet uns der Autor darauf vor, daß die Wichtel in seiner Geschichte nicht so glanzbildchenhaft-kitschig sind, wie es die Kinder aus anderen Märchenbüchern vielleicht gewohnt sind. Seine „waschechten“ Wichtel sind Naturwesen, uralte Eingeborene der wilden Natur, die sich hauptsächlich von Nüssen, Kräutern, Beeren und Samen ernähren. Sie sind den meisten Tieren freundschaftlich zugewandt (abgesehen vom Angeln und ihrem Fischverzehr) und Menschen gegenüber äußerst scheu.

Denjenigen Lesern, die nicht an das kleine Volk glauben, rät der Verfasser, sich durch einfache, stille Naturbeobachtung einen verborgenen Wahrnehmungsraum zu erschließen.

Auch im weiteren Verlauf der Geschichte spricht Denys Watkins-Pitchford die kindlichen Leser (bzw. Zuhörer) gelegentlich direkt an und gibt Hinweise auf wichtelwichtige Besonderheiten und seine schriftstellerische „Übersetzung“:

»Bevor ich weitererzähle, muss ich noch etwas erklären. Natürlich sprachen die Tiere des Waldes nicht in unserer Sprache mit den Wichteln. Jedes von ihnen hatte seine eigene Sprache, und die Wichtel konnten sie alle verstehen. In unserer Geschichte lasse ich sie aber in unserer Sprache sprechen, denn sonst würdet ihr nur Kraut und Rüben verstehen.«          (Seite 11)

Die drei Wichtel Zirbel, Nießerich und Schlucker erwachen zum Frühlingsbeginn aus dem Winterschlaf, den sie in ihrer behaglichen Wohnhöhle unter den Wurzeln einer großen alten Eiche, die an einer Bachlaufbiegung wächst, verbracht haben. Die Wichtel- wohnung ist warm und gemütlich, und die Speisekammer ist reich gefüllt. Es gibt getrocknete Beeren, Kräuter und Pilze, außerdem Eichenkuchen, gedörrte Fische, Honig und sogar Holunderwein, der in Schneckengehäusen gelagert wird.

Zirbel, der älteste, weiseste, kleinste – aber auch sturköpfigste der Wichtel, hat seinen langen, weißen Bart zur besseren Tarnung mit Walnußsaft schwarzbraun gefärbt, und er ist nicht so gut zu Fuß, da er ein Holzbein hat.

Schlucker dagegen trägt seinen langen Bart naturbelassen silbergrau, und er ist ein sehr kontaktfreudiger Wichtel, der durch seine freundlich-kommunikative Art die Verbun- denheit mit den Nachbarn – allerlei Vögel und Kleinsäugetiere – pflegt.

Nießerich ist der jüngste Wichtel, und er hat noch gar keinen Bart.

Alle drei Wichtel haben natürlich spitze Ohren und schrumpelapfelige Gesichter.

Schon bald erfahren wir, daß es noch einen vierten Wichtel namens Wolkennase gab, der sich zwei Jahre zuvor entschloß, die Quelle des Bachlaufes zu finden, und der leider von dieser Reise nicht zurückkehrte.

Entgegen ihrer sonst eher häuslichen Gepflogenheiten und ihrem überschaubaren Bewegungsradius entschließen sich Schlucker und Nießerich, ihren vermißten Wichtel- bruder zu suchen. Sie bauen ein kleines Boot, mit dem sie – per Ruderkraft gegen den Strom schwimmend – bachaufwärts der Spur von Wolkennase folgen wollen.

Zirbel ist davon nicht begeistert, und er findet diese Idee viel zu waghalsig und den Weg schlicht unüberwindlich weit. Trotzig bleibt er, trotz mehrfacher Bitten von Schlucker und Nießerich, lieber im vertrauten Terrain und rückt nur widerwillig Vorräte aus der Vorratskammer als Reiseproviant heraus.

Schlucker und Nießerich sind jedoch nicht aufzuhalten und machen sich mit ihrem Boot auf den Weg. Es dauert nicht lange, und sie erleiden jämmerlich Schiffbruch, und sie müssen zu Fuß weitergehen.

In der Zwischenzeit fühlt sich Zirbel so einsam und verlassen, daß er – Dank der Unterstützung eines freundlichen Fischotters – seinen Brüdern folgt.

So finden die drei Wichtel wieder zusammen; und auf ihrer Suche nach Wolkennase begegnen ihnen große Gefahren, denen sie sich tapfer und wildniserprobt stellen; nur einmal brauchen sie die übernatürliche Hilfe des Gottes Pan, der sie gegen einen grausamen menschlichen Jäger verteidigt.

Der Sommer verblüht, die Blätter fallen, und sie haben Wolkennase nicht ausfindig machen können. Es ist zweifelhaft, ob es ihnen gelingt, vor dem Wintereinbruch zurück nach Hause zu gelangen. Doch ein glücklicher Zufall schenkt ihnen in höchster Not das abgetriebene Spielzeugboot eines kleinen Jungen.

Nachdem der kluge Zirbel die Aufziehmechanik des Kinderspielzeugs begriffen hat, reisen sie mit diesem Schiff schnell und bequem zurück. Zeitgleich mit den ersten Schneeflocken landen sie am Bachufer vor ihrer Wohneiche, und dort wartet eine überaus erfreuliche Überraschung auf sie.

Daniela Drescher hat die wilde Schönheit der Naturbeschreibungen, die dramatische Spannung der abenteuerlichen Szenen und die entspannte, häusliche Geborgenheit der Wichtelwurzelwohnung in wunderbare, stimmungsvolle Illustrationen übertragen. Die Wichtel erscheinen in herzhaft-humorig-erdiger Gestalt, Tiere und Pflanzen werden sehr fein und detailgetreu wiedergegeben, und die Landschaftskulisse ist geheimnisvoll, poetisch und still verzaubert.

Dank der vielen ganz- und auch doppelseitigen Bilder kann man tief in eine kleine, leise Lebenswelt einsteigen, die nur einen empfindsamen inneren Schritt von unserer großen, lauten Welt entfernt ist.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.urachhaus.de/Lesen-was-die-Welt-erzaehlt/Kinderbuch/Die-Wichtelreise.html

Wichtelnest

Illustration von Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2014


Der Autor:

»Denys Watkins-Pitchford wurde 1905 bei Northampton geboren. Nach dem Kunststudium in Paris und London unterrichtete er als Kunstlehrer. 1942 wurde Die Wichtelreise ( englischer Originaltitel: The Little Grey Men) mit der Carnegie Medal ausgezeichnet. Watkins-Pitchford, dessen Werk sich durch intensive Kenntnis und Verbundenheit mit der Natur auszeichnet, starb am 8. September 1990.«

Die Illustratorin:

»Daniela Drescher, geboren 1966 in München, ist durch ihre Illustrationen mittlerweile weltweit bekannt. Neben eigenen Geschichten hat sie mehrere Klassiker der Weltliteratur illustriert. Daniela Drescher lebt in Blaubeuren am Blautopf, ist verheiratet und Mutter von vier Kindern.« http://www.danieladrescher.de

 

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