Die Gärten von Dorr

  • von Paul Biegel
  • Aus dem Niederländischen von Hans-Joachim Schädlich
  • Mit farbigen Illustrationen
  • von Charlotte Dematons
  • Verlag Urachhaus März 2014                     http://www.urachhaus.de
  • gebunden, Halbleinen
  • 212 Seiten
  • 15,90 €
  • ISBN 978-3-8251-7806-2
  • ab 5 Jahren zum Vorlesen
  • ab 9 Jahren zum Selberlesen
    9783825178062_10413.png Die Gärten von Dorr

B L U M E N H E R Z

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Zu Beginn betreten wir eine Szene, die sich selbst verhüllt und die erst nach und nach ihre geheimnisvollen Zusammenhänge offenbart.

Ein Mädchen, das silberne Schuhe trägt, läßt sich in einem Schilfboot von einem böswilligen Zwerg über ein schwarzes Gewässer fahren. Sie will in die verlorene Stadt Dorr, und dort will sie die Gärten von Dorr finden. Der Torwächter erklärt ihr, daß in der Stadt schon lange nichts mehr wächst und daß alles Leben und alle Menschen ergraut und mehr oder weniger versteinert seien. Er rät ihr, umzukehren, um nicht ebenso traurig zu enden. Doch das Mädchen hat ein mächtiges Motiv, allen Gefahren zu trotzen, und sie betritt die Stadt Dorr.

Der Spielmann Jarrik ist dem Mädchen auf der Spur und läßt sich wenig später ebenfalls von dem unwirschen Zwerg über das dunkle Wasser fahren. Als Wegezoll verlangt er, daß Jarrik ihm unterwegs eine Geschichte erzählen soll.

So erfahren wir, daß das Mädchen mit den silbernen Schuhen eine Prinzessin ist, deren liebster Spielkamerad und Herzensgefährte der Gärtnerjunge war. Diese Kinderliebe wurde von der bösen Hexe Sirdis, die sich in die königliche Familie eingeschmeichelt hatte, gar nicht gern gesehen, und die Kinder spürten schon, daß ihnen Trennung drohe. Aus einem Wortspiel heraus erfanden sie sich neue Namen: Die Prinzessin heißt seitdem Verlier-mich-nicht, und der Gärtnerjunge heißt Komm-zurück.

Diese Namen werden schließlich bittere Wahrheit, denn Sirdis verwandelt den Jungen in eine Blume. Die Prinzessin wacht über die Blume und birgt das Samenkorn, in dem ein Herz schlägt, und bewahrt es in einem kleinen silbernen Döschen auf. Der Spielmann Jarrik ist ihr einziger Verbündeter, und er rät ihr, das väterliche Schloß zu verlassen und den Blumensamen besser fern von Sirdis Einflußbereich neu einzupflanzen.

Jahr um Jahr wächst die Blume, die ein Junge ist, heran und bildet ein neues Samenherz, Jahr um Jahr kümmert sich die Prinzessin aufopfernd um die Pflanze, in der Hoffnung, daß endlich wieder ein Mensch aus ihr hervorwächst.

Der Spielmann Jarrik findet inzwischen heraus, daß das Samenkorn in die Erde der Gärten von Dorr gepflanzt werden muß, um den Bann zu brechen. Als er dies dem Mädchen mitteilt, ist sie nicht mehr aufzuhalten.

In der Stadt Dorr begegnet die Prinzessin einer alten Frau und dem blinden Zauberer Aljassus, und diese erzählen ihr, wie es zu der schrecklichen Lebenserstarrung gekommen ist, die in der Stadt herrscht. Wo die Gärten von Dorr sind, können sie ihr jedoch auch nicht sagen, weil die Gärten zusammen mit allen jungen Männern der Stadt einfach verschwunden sind. Silberne Soldaten patrouillieren regelmäßig durch die Gassen, und wer ihnen in die Quere kommt, wird für viele Stunden in ein steinernes Standbild verwandelt.

Das Mädchen sucht unermüdlich weiter, liest in alten Stadtchroniken und ist schon ganz entmutigt, da sie kein Fleckchen Erde findet und erst recht keine Gärten. Als sie auf der Flucht vor einem silbernen Soldaten das nächstbeste Haus betritt, befindet sie sich in einem Hotel.

Der Hotelbesitzer ist hocherfreut, endlich wieder einen Gast beherbergen zu können, und gibt dem Mädchen ein Zimmer mit Aussicht auf den Innenhof. Stolz verweist der Hotelier auf das fein geharkte leere Rosenbeet, das einst die blühende Zier des Innenhofes war.

In der Nacht schleicht sich Verlier-mich-nicht in den Hof und pflanzt den Samen von Komm-zurück in die Erde des alten Rosenbeetes. Lebensmüde und verzweifelt nimmt sie Abschied von ihrer Hoffnung und begießt die Erde über dem Samenkorn mit Tränen.

Am nächsten Morgen beginnt die Erstarrung der Stadt zu bröckeln, Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg, Farben leuchten auf, Freude keimt, der Spielmann spielt, und die Stadtbewohner tanzen und singen mit ihm. Aus dem eingepflanzten Blumensamen ist über Nacht eine mannshohe Blume gewachsen, die sich vor den Augen der Prinzessin wieder in ihren geliebten Gärtner verwandelt.

Endlich ist die ganze Stadt vom bösen Zauber erlöst, und alle Verlorenen finden glücklich wieder zueinander.

Soweit meine stark gekürzte und vereinfachende Zusammenfassung der „Gärten von Dorr“. Paul Biegel hat diese Geschichte kunstvoll aus vielen ineinander verschachtelten Geschichten zusammengefügt und das schwermütige Thema der Liebestrennung mit Hilfe der heiteren, wortspielerischen Lieder und Verse des Spielmanns Jarrik aufgelockert. Der Autor läßt neben den Sympathieträgern richtig finstere Charaktere in Erscheinung treten. Trotz der märchenhaften Erzählweise ist dieses Buch in keinster Weise süßlich, sondern es gibt Licht und Schatten Raum und läßt – durchaus lebensweise – manches in der Schwebe des Angedeuteten.

Wer sucht, der findet. Aber nicht immer das, was er sucht.“ (Seite 67)

Die Illustrationen von Charlotte Dematons geben die Vielschichtigkeit dieser Geschichte feinsinnig wieder. Das Farbspektrum von ganz düster-schattig bis leuchtend-licht-bunt und die feinen Figurenzeichnungen werden der geheimnisvollen und unergründlichen Atmosphäre ausdrucksvoll gerecht.

 

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006) gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckman und Annie M.G. Schmidt zu den bedeutendsten Vertretern der niederländischen Kinderliteratur. Er verfasste über fünfzig Bücher, sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem begehrten Silbernen und Goldenen Griffel. Der Verlag Urachhaus ehrt den Großmeister der niederländischen Jugendliteratur mit einer achtbändigen Sonderausgabe seiner schönsten und erfolgreichsten Kinderromane. «

Die Illustratorin:

»Charlotte Dematons, geboren 1957, studierte Kunst in Amsterdam. Sie hat bereits viele Kinderbücher illustriert und erhielt unter anderem für die Märchen der Brüder Grimm 2006 den »Silbernen Pinsel«, eine der höchsten Auszeichnungen für Kinderbuchillustration in den
Niederlanden. Sie lebt in Haarlem

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Der letzte Tiger

  • Bilderbuch
  • Text und Illustration von Rebecca Elliott
  • Ins Deutsche übertragen von Annette Moser
  • KERLE Verlag,  Februar 2013                                  http://www.kerle.de
  • 32 Seiten, gebunden
  • Format 21,5  x  26 cm
  • 12,99 € (D), 19,50 sFr.
  • ISBN 978-3-451-71158-9
  • ab 4 Jahren
    978-3-451-71158-9_PF01_U_V4_CS5_5.indd

IM  GARTEN  DES  HERZENS

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Rettung oder Erhaltung der Welt ist ganz gewiß ein Thema für Kinder, werden sie doch wahrscheinlich noch viel länger mit der Welt auskommen müssen als wir Erwachsene.

Rebecca Elliott erzählt mit wenigen, aber wesentlichen Worten und mit stimmungsvollen Bildern ein zeitgemäßes Märchen:

Ein kleiner Junge namens Luka lebt in einer städtischen, leblosen, ergrauten Welt, in der die Menschen die Natur vergessen haben und in der Pflanzen und Tiere fast nicht mehr vorkommen. Eines Nachts verfängt sich die Pfote des letzten Tigers in einer Blechbüchse. Luka hört es scheppern, und er entdeckt den Tiger. Er hilft ihm, sich von dem Schrott zu befreien, und der Tiger läuft fort. Luka verfolgt ihn bis zu einer verborgenen Höhle. Dort schenkt derTiger dem Jungen eine wunderschöne Blume zum Dank.

Die beiden freunden sich an und spielen ausgelassen miteinander. Die Doppelseite in der Mitte des Bilderbuches mit den ausdrucksvoll verspielten und warmherzigen Freundschaftsszenen finde ich ganz besonders gut gelungen.

Doch das Geheimnis der beiden ungleichen Freunde bleibt nicht lange geheim; der Tiger wird gefangen und in einem Käfig der Schaulust der Menschen preisgegeben.

Luka  sucht in seiner Verzweiflung die Tigerhöhle auf und findet am anderen Ende der Höhle einen Garten mit Pflanzen, Tieren und den vielfältigen Farben des Lebens.

Es gelingt Luka, die Menschen mit dem Versprechen auf „Etwas ganz Besonderes“ dazu zu bewegen, den Tiger freizulassen.

Gemeinsam führen sie die Menschen in das vergessene Paradies. Die Menschen bekommen Sehnsucht nach der natürlichen Schönheit der Welt und wollen sie wieder „zum Leben erwecken“.

So beginnen sie mit Hilfe des Tigers, die Welt in eine – ich bezeichne es einmal ganz überparteilich – grüne Richtung zu verändern.

„Der letzte Tiger “  ist ein liebevoll gestaltetes Bilderbuch, das ich nur jedem empfehlen kann, der möchte, daß konstruktive, naturverbundene geistige Samen in Kinderherzen gelegt werden.

 

 

Die Autorin:

»Rebecca Elliott, geb. 1979, hat ursprünglich Philosophie studiert. Nach einem langweiligen Bürojob erfüllte sie sich 2002 ihren Kindheitstraum und wurde zunächst als Illustratorin, später auch als Autorin tätig. Seither hat sie viele schöne Bücher veröffentlicht. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Suffolk/England.«