Gemeines Getier

  • Das A-Z der Insekten,
  • die stechen, beißen, infizieren
  • und uns den letzten Nerv rauben
  • von Amy Stewart
  • Aus dem Englischen von Claudia Feldmann
  • Radierungen und Zeichnungen von Briony Morrow-Cribbs
  • Berlin Verlag  März 2013    www.berlinverlag.de
  • Taschenbuch
  • 288 Seiten
  • 11,99 € (D), 12,40 € (A)
  • ISBN 978-3-8333-0878-9
    Gemeines Getier

VON  ZWEIBEINERN  UND  TAUSENDFÜSSLERN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Gemeines Getier“ ist der Nachfolgeband zu Amy Stewards Buch „Gemeine Gewächse“ (siehe meine Besprechung vom 7. 4. 2016:  https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/04/07/gemeine-gewaechse/ ). Nach der Flora wirft die naturverbundene Autorin nun also einen Blick in die Dunkelkammer der insektischen (und arachnidischen) Fauna.

Während man angriffslustigen Pflanzen weitgehend aus dem Weg gehen kann, ist ein Ausweichen vor Insekten und kleinen Krabbelviechern schon deutlich schwieriger. Ungefragt und ungebeten spazieren sie ins Haus, verkriechen sich in Ritzen, Matratzen, Kleidern, Lebensmitteln, Holzbalken und Büchern und gehen uns schlimmstenfalls unter die Haut.

Ein paar nüchterne Zahlen zur Einstimmung: Es gibt über eine Million verschiedene Insektenarten (und das sind nur die bereits bestimmten), und es leben geschätzte „10 Quintillionen Insekten auf diesem Planeten. Das bedeutet, auf jeden von uns kommen 200 Millionen von ihnen.“ (Seite 13)

Sollten Sie diese Zahlenverhältnisse schon überwältigen, lesen Sie das Buch besser nicht. Auch entomophobischen (insektenängstlichen) Menschen bleibe dieses Wissen besser verschlossen.

Amy Stewart weist in ihrem Vorwort ausdrücklich darauf hin, wieviel Gutes und Lebensnotwendiges wir Insekten zu verdanken haben. Mit ihrem Buch beabsichtigt sie nicht, künstliche Ängste zu schüren, sondern sie wünscht sich, daß der Leser  „mit gesundem Menschenverstand und unvoreingenommener Neugier“ (Seite 11) zwischen Insektenhysterie und echter Lebensgefahr unterscheiden lernt.

Gleichwohl bleibt es beim Lesen nicht aus, daß man jedem harmlosen kleinen Juckreiz mißtrauisch nachspürt. Diese Lektüre garantiert wohl und übel Gänsehauteffekte und Gruselschauer.

Darf ich einige Kandidaten vorstellen?

Flöhe als Überträger von Beulenpest sind seltener geworden, aber Stechmücken in Kombination mit den von ihnen übertragenen Krankheitserregern und Parasiten sind weltweit immer noch die tödlichsten Insekten.

Die südamerikanische 24-Stunden-Ameise löst mit ihrem Nervengift extrem heftige, glühende Schmerzen aus, die etwa einen Tag lang andauern. Es gibt indigene Stämme, die solche Ameisenbisse als Initiationsritual kultivieren. Immerhin scheint das Ameisengift keine dauerhaften Schäden zu hinterlassen.

Dagegen ist der Bombardierkäfer  noch recht niedlich, solange man ihn nicht bedrängt; was übrigens für viele Krabbler gilt, mit Ausnahme derer, die sich parasitär auf uns als Blutspender und Brutstätte spezialisiert haben.

Der Bombardierkäfer verfügt über eine Drüse, die Hydrochinon und Wasserstoffperoxid herstellt; doch erst bei Gefahr wird dieser Chemiecocktail in eine körperinterne Explosionskammer gepresst, mit einem Katalysator vermischt, erhitzt und schließlich mit starkem Druck und lautem Knall abgefeuert. Für Menschen ist dies keine ernsthafte Bedrohung, aber für Frösche, Vögel und Spinnen durchaus.

Eine bedrohlichere Kandidatin ist die Asiatische Riesenhornisse, die fünf Zentimeter groß werden kann. Man sollte besser keine nähere Bekanntschaft mit ihr schließen, denn ihr Gift enthält neben den gewöhnlichen Bienen- und Wespengiften noch das Nervengift Mandaratoxin, das tödlich wirken kann.

Ein Giftbiß des Brasilianischen Riesenläufers, ein Hundertfüßler, der bis zu 30 cm lang werden kann, ist zwar nicht tödlich, aber sehr schmerzhaft und kann zu Nekrosen (absterbendes Gewebe) führen.

Weitere brasilianische Giftspezialisten sind die Feuerraupen, deren Wehrhaare ein so starkes Gift enthalten, daß man innerhalb von vierundzwanzig Stunden ein Gegengift braucht, um nicht an inneren Blutungen und Organversagen zu sterben, wenn man barfuß versehentlich auf eine oder mehrere (die Raupen halten sich gerne in Gruppen auf dem Boden oder auf Baumrinden auf) getreten ist.

Amy Stewarts Panoptikum reicht vom Aasfresser bis zum Zeckenfieber, von Schwarzer Witwe bis spanischer Fliege, vom Lebensmittelschädling bis zum Bücherwurm, Feuerameisen, Flöhen, Gnitzen, Heuschreckenplagen, Kartoffelkäfern, Kriebelmücken, Küchenschaben, Läusen, Milben, Nagekäfern, Paederuskäfern, Skorpionen, Spinnen, Termiten und Wanzen – auch diverse Bandwürmer kommen nicht zu kurz 😉 .

Schwarzhumorig ergänzt dieAutorin die Informationen über die insektischen Nebenwirkungen z.B. um den „Schmidt Sting Pain Index“ (»Schmidt-Stichschmerz-Index«), den der Entomologe Jochen Schmidt  erstellt hat. Dort wird in sinnlich-überdeutlichen Worten der Schmerzgrad von Insektenstichen- und Bissen in zehn Abstufungen dargestellt.

Auch „Gemeines Getier“ ist mit feinen Radierungen und bissigen Zeichnungen von Briony Morrow-Cribbs ausgestattet, die Ihr Vorstellungsvermögen wortwörtlich beflügeln werden.

Die Autorin erzählt ihre schaurigen und kuriosen Kenntnisse auf lebhaft-spannende Weise, mit interessanten historischen Bezügen und mit abschreckenden Fallgeschichten, die man nicht so schnell vergessen wird. Trotzdem ist „Gemeines Getier“ nicht so amüsant wie das Vorgängerbuch „Gemeine Gewächse“, vielleicht weil man sich Insekten stärker ausgeliefert fühlt. Bei der Lektüre wird uns demütig bewußt, wie sehr unser gesundheitliches Wohlbefinden und unserere weitgehende Plagefreiheit den hohen hygienischen Standards und dem kühlen Klima zu verdanken sind, in dem wir zu Hause sind.

Nach all diesen Plagegeistern und Gesundheitsgefahren lobe ich mir den Bücherskorpion. Dieses kleine Spinnentier, das einen knappen halben Zentimeter groß wird und über „gefährlich aussehende Scherenarme“ verfügt, dient dem Schutz von Büchersammlungen, da es sich u.a. von Bücherläusen und Mottenlarven ernährt. Und die Bücherläuse?  Ach, die erspar ich Ihnen einfach …

Link zum Buch auf der Verlagswebseite: http://www.berlinverlag.de/buecher/gemeines-getier-isbn-978-3-8333-0878-9

Die Autorin:

»Amy Stewart ist die Autorin von mehreren Büchern über die Tücken und Freuden der Natur. Sie schreibt für die New York Times und ist Redakteurin für das Magazin Fine Gardening. Amy Stewart lebt in Eureka, Kalifornien, wo sie zusammen mit ihrem Mann ein Antiquariat betreibt.«
www.amystewart.com

Die Illustratorin:

»Briony Morrow-Cribbs‘ Werk umfasst Kupferstiche, kunstvoll gestaltete Bücher und Kuriositätenkabinette in Form von Keramikskulpturen, in denen sie auf faszinierende Weise die rationale Sprache der Wissenschaft und die oft bizarre Welt der Natur gegenüberstellt.
Nach ihrem Abschluss am Emily Carr Institute of Art in Vancouver lebt sie nun in Madison, wo sie gerade den Master of Fine Arts der University of Winconsin abgeschlossen hat. Ihre Arbeiten sind nicht nur in den USA und in Kanada, sondern auch in Japan und mehreren europäischen Ländern ausgestellt worden.
Darüber hinaus ist Briony Morrow-Cribbs Mitbegründerin der Twin Vixen Press in Brattleboro, Vermont. Vertreten wird sie durch die Davidson Galleries in Seattle und die Brackenwood Gallery auf Whidbey Island (Washington).«

Gemeine Gewächse

  • Das A bis Z der Pflanzen,
  • die morden, verstümmeln,
  • berauschen und uns anderweitig ärgern
  • von Amy Stewart
  • aus dem Amerikanischen von Stephan Pauli
  • mit Radierungen von Briony Morrow-Cribbs und
  • Illustrationen von Jonathon Rosen
  • Berlin Verlag Februar 2011   http://www.berlinverlag.de
  • Taschenbuch
  • 236 Seiten
  • 11,95 € (D), 12,30 € (A)
  • ISBN 978-3-8333-0715-7
    Gemeine Gewächse

AUF  DER  HUT  VOR  EISENHUT & Co

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ich rühme mich ja gerne meines grünen Daumens, und mir sind auch viele einheimische giftige Pflanzen bekannt, ja, ich möchte sogar sagen, sie sind mir vertraut, aber das Potpourri, das Amy Stewart für ihr Buch zusammengestellt hat, stellt meine bisherigen Kenntnisse ziemlich in den Nachtschatten 😉 .

Es geht der Autorin, die übrigens einen Giftgarten in Kalifornien pflegt, nicht um die Verbreitung von Furcht und Schrecken, sondern um die Aufklärung über lebensgefährliche Pflanzen und um die Vermittlung von Respekt vor diesen Pflanzen, mit denen wahrlich nicht gut Tollkirschen essen ist.

Die sehr feinen und natürlich-ausdrucksvollen Pflanzenradierungen von Briony Morrow-Cribbs sowie die detaillierten Beschreibungen dienen dem möglicherweise lebensrettenden Wiedererkennungseffekt, falls uns eines dieser gemeinen Gewächse über den Weg laufen sollte. Auch wirksame Gegengifte – soweit bisher bekannt – werden genannt. Gleichwohl ist „Gemeine Gewächse“ kein Bestimmungsbuch, sondern mehr die eigenwillige Sammlung einer Pflanzenliebhaberin, die von der kriminellen Energie gewisser Gewächse fasziniert ist.

Die botanischen Informationen würzt sie durchaus schwarzhumorig mit historischen und tragischen Vorfällen, bei denen giftige, berauschende, betäubende, invasive, illegale, schmerzhafte, tödliche oder zerstörerische Wirkungen von Pflanzen eine tragende Rolle gespielt haben. Überhaupt ist der Stil der Wissensvermittlung sehr lebhaft, amüsant und pointiert.

In der Lesevorratskammer finden wir u.a. Alraune, Blaualgen, Wasserhyazinthe, Eibe, Eisenhut, Flötenakazie, Gefleckten Schierling, Habanero-Chili, Koka, Kudzu, Marihuana, Mutterkorn, Oleander, Pfauenstrauch, Paternostererbse, Schlafmohn, Schwarzes Bilsenkraut, Stechapfel, Sagopalmfarne, Tabak und Yagé.

Viele Pflanzen sind exotisch und tangieren uns in Europa nicht direkt. Mir genügt indes eine Begegnung mit der Australischen Brennessel auf dem Papier, denn sie gilt als „die schmerzhafteste Pflanze der Welt“, deren Silikon-Brennhärchen nicht nur beim Kontakt mit den Blättern gnadenlos in die Haut dringen und Schmerzen auslösen, „die bis zu einem Jahr andauern können“; diese fiese Pflanze haart auch noch unentwegt, und man kann ihre Silikonhärchen einatmen, was nicht empfehlenswert ist.

Pflanzeneinzelportraits wechseln sich ab mit Kapiteln über ganze Pflanzenfamilien mit Überschriften, die so eindeutig-warnleuchtend lauten wie: „Pfeilgifte, Ordalgifte, Karnivoren, Tödliches Nachtmahl, Fungi Fatale, Unkräuter der Massenvernichtung, Rasen des Todes, Barkeeper des Teufels, Das könnte Ihre letzte Zimmerpflanze sein, Die schrecklichen Toxicodendrons“ usw. usf.

Die weitaus tödlichste Pflanze, Tabak, wird – notabene! – weltweit auf vier Millionen Hektar Land angebaut „und kostet jedes Jahr fünf Millionen Menschen das Leben“. Tabak enthält zur natürlichen Insektenabwehr das Alkaloid Nikotin, das beiläufig eine außerordentliche Suchtwirkung beim Menschen erzeugt. Das Nervengift Nikotin ist in den rohen Tabakblättern gefährlicher als im abgebrannten Zustand und schon bei längerem Hautkontakt gesundheitsgefährlich.

Doch neben psychedelischen Kakteen, visionären Ayahuasca-Lianen und dem indischen Selbstmordbaum mit seiner traurigen Erfolgsstatistik finden wir im Kapitel „Verbotene Gärten“ einheimische Gewächse, die auch nicht ohne Nebenwirkungen der jenseitsbe-fördernden Art sind, wenn man sie einnimmt. Dazu gehören Azaleen und Rhododendren, Herbstzeitlose, Seidelbast, Fingerhut, Nieswurz und sogar Hortensien. Die beliebte Gartenstaude Eisenhut ist dermaßen hochgiftig, daß schon bloßer Hautkontakt zu Herzproblemen, Nervenlähmungen und Taubheit führen kann.

Bei manchen Heil- und Gemüsepflanzen kann die Entscheidung zwischen rohem oder gekochtem Verzehr eine Entscheidung auf Leben und Tod sein. So enthalten rohe Holunderbeeren Zyanid, und grüne Stellen an Kartoffeln weisen auf das Gift Solanin hin, das zwar durch den Kochvorgang weitgehend neutralisiert wird; dennoch ist es aber besser, solche grünlichen Stellen einfach gleich herauszuschneiden.

Im Anhang des Buches findet sich eine ausführliche Bibliographie zu Giftpflanzen und weiterführender Literatur, die vom Berlin Verlag auch um eine Liste deutschsprachiger Pflanzenbücher ergänzt wurde.

Eines ist sicher: Nach dieser Lektüre vertrauen Sie nicht mehr dem lieblichen Augenschein, den die meisten Pflanzen zur Schau tragen, sondern Sie berühren und verzehren nur noch die Pflanzen, Wurzeln, Früchte, Blüten und Beeren, die Sie WIRKLICH genau bestimmen können.

Ich werde auch weiterhin liebkosend den weichen Flaum der Fingerhutblätter streicheln, aber für den Blauen Eisenhut ziehe ich doch vorsorglich die Gartenhandschuhe an.

Vielleicht genügt in Bezug auf die bösen Blumen auch einfach der erzieherische Hinweis: „Mit denen spielt man nicht!“

Link zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.berlinverlag.de/buecher/gemeine-gewaechse-isbn-978-3-8333-0715-7

Die Autorin:

»Amy Stewart pflegt einen Giftgarten in Kalifornien. Sie schreibt für die New York Times, den San Francisco Chronicle und andere Zeitungen. Mit ihrem Mann lebt sie in Eureka, betreibt ein kleines Antiquariat und hält eine Schar unbändiger Hühner hinter dem Haus.«
www.amystewart.com

Die Illustratorin:

»Briony Morrow-Cribbs‘ Werk umfasst Kupferstiche, aufwendig gestaltete Bücher und keramische »Kuriositätenkabinette«. Dort verarbeitet sie ihre Faszination für den Zusammenprall von rationaler Wissenschaftssprache und grotesk-absurder Alltagswelt. Nach ihrem Abschluss am Emily Carr Institute of Art wurden Morrow-Cribbs‘ Arbeiten weltweit ausgestellt. Sie lebt in Brattleboro, Vermont, und wird von der Davidson Gallery in Seattle vertreten. Sie ist außerdem Mitbegründerin von Twin Vixen Press.«

Querverweis:

Pflanzen haben auch noch andere erstaunliche Fähigkeiten, wie Sie in dem klugen Buch von Daniel Chamovitz nachlesen können: Was Pflanzen wissen. Wie sie sehen, riechen und sich erinnern https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/06/11/was-pflanzen-wissen/

Der Pfandleiher

  • von Edward Lewis Wallant
  • Roman
  • Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt
  • von Barbara Schaden
  • Berlin Verlag Oktober 2015   http://www.berlinverlag.de
  • 352 Seiten
  • Gebunden mit Schutzumschlag und LESEBÄNDCHEN
  • ISBN: 978-3-8270-1183-1
  • 22,00 € (D), 22,70 € (A), 29,90 sFr.
  • ISBN: 978-3-8270-1183-1
  • E-Buch
  • 352 Seiten, WMEPUB
  • 16,99 € (D), 16,99 € (A), 20,00 sFr.
  • ISBN: 978-3-8270-7691-5
    Der Pfandleiher

S C H M E R Z E N S E R B E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dieser Großstadtroman, der erst fast 55 Jahre nach dem Erscheinen der amerikanischen Originalausgabe ins Deutsche übersetzt wurde, ist das beeindruckende Psychogramm eines Mannes, der Unerträgliches überlebt hat und verständlicherweise die Liebe zum Leben und zu Menschen verlernt hat. „Der Pfandleiher“ ist ein schwermütiger Roman, der die menschlichen Schattenseiten betont.

Sol Nazerman hat das Schlimmste erlebt und führt Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre in Spanish Harlem ein Pfandleihhaus. Einst war er Dozent an der Universität Krakau, hatte eine Frau und Kinder. Er ist der Einzige, der das Konzentrationslager überlebt hat. Nach dem Krieg kam er durch eine Stellenausschreibung nach Amerika und wurde Pfandleiher.

Das Pfandgeschäft läuft gut – u.a. auch dank einer hintergründigen Geldwäschebuchhaltung –, und Sol finanziert ein großes Haus in Mount Vernon, in dem er mit seiner Schwester, deren Mann sowie zwei Kindern lebt. Er hat keine liebevolle Bindung zu diesen Verwandten, aber das Arrangement ist für ihn praktisch: Er wird anständig bekocht und verfügt über ein eigenes Zimmer mit eigenem Bad.

Seine ungestörte Privatsphäre ist ihm wichtig, niemand darf ihm zu nahe kommen, zu grausam sind die Wunden, zu entstellt sein Menschenbild. In seiner Freizeit ist Klassiker-lektüre ein willkommener Balsam und Ablenkung von unwillkommenen, schrecklichen Erinnerungen.

Seine nächtlichen Albträume bleiben ihm dennoch nicht erspart, und auch uns Lesern werden sie nicht erspart. Tagsüber holen ihn ebenfalls manchmal seine unerträglichen, traumatischen Erfahrungen ein und übertönen seine Gegenwart.

„Wie ein einfahrender Schmerz stand, hinter seinen Augen, ein unauslöschliches Bild, und er war sekundenlang blind für den rosigen Morgen – was er stattdessen sah, war eine flutlichthelle Nacht voller Schreie.“ (Seite 9)

Doch mit eiserner Disziplin und einer von ihm lange eingeübten, einschaltbaren Erinnerungs- und Angstanästhesie konzentriert er sich gänzlich auf alltägliche Betrachtungen und die gleichförmigen Routinen seiner Arbeit – eingehüllt in „den Schutzmantel unerschütterlicher Geringschätzung“. (Seite10)

Seit kurzem bildet er einen jungen Gehilfen, Jesus Ortiz, zum Pfandleiher aus. Er empfindet eine widerwillige Sympathie für seinen anmutigen, munter-wißbegierigen Gehilfen, traut ihm aber auch nicht, da er grundsätzlich keinem Menschen mehr vertraut. Manchmal arbeiten sie geradezu harmonisch miteinander, oft sind die Unterschiede von Herkunft, Bildung, Lebensalter, Leidenserfahrung und Lebenserwartung unüberbrückbar oder einfach nur mißverständlich.

Das Leihhaus, als letzter finanzieller Rettungsanker Harlems, ist in der Komposition des Romans Konzentrationspunkt und Bühne ausgezeichneter Milieu- und Charakterstudien.

Die tragischen, komischen, irrsinnigen, wahren und erfundenen Geschichten, die Sol von seiner Kundschaft täglich serviert werden, hört er sich gelangweilt und nur mit straff bemessener Geduld an. Die unterschiedlichen Stadien des Scheiterns, plötzlicher Not, Armut und Krankheit, die Schicksalsergebenheit oder der Schicksalstrotz, tapfere Würde, die Überlebenskämpfe und Liebesnöte, Schuldgefühle, Scham und Resignation, verstaubte Erfolge, Süchte und Sehnsüchte, die verwelkten Hoffnungen, der abblätternde Stolz und die geplatzten Träume, die ihm seine Kunden sichtbar, hörbar und riechbar demonstrieren, wecken nur selten ein Fünkchen Mitgefühl in ihm.

Sol ist emotional gleichsam tiefgekühlt, er läßt nicht mit sich handeln und gibt nicht einen Dollar mehr, nur weil jemand vor ihm weint, klagt oder ihm gar droht. Er ist der versteinerte Verwalter unzähliger Strandgüter der Verzweiflung und widmet sich der präzisen Buchführung ihres Pfandwertes, ihres endgültigen Vergessens oder ihrer Wiedereinlösung.

Betrügen kann man ihn erst recht nicht. Er weiß, wann jemand lügt, ob eine angeblich goldene Uhr nur aus Messing ist oder wenn er Diebesgut vor sich hat. Sol Nazerman kann man nichts vormachen, er war in der Hölle, und manche seiner Kunden ahnen das, wenn sie die tätowierte Zahl auf seinem Unterarm bemerken.

Nur wenn der Jahrestag der Ermordung seiner Familie naht, wird Sol dünnhäutiger, und schmerzempfindliche Gefühlsregungen steigen häufiger auf und erschüttern seine Unberührbarkeit, Unverwundbarkeit und Verschlossenheit, sein einfach nur von Tag zu Tag die Gegenwart bearbeiten.

Marilyn Birchfield, eine Sozialarbeitern von herzlich-zugewandter Wesensart, die sich um die Jugendlichen im Viertel kümmert, umwirbt Sol unerschütterlich mit Freundschaftsangeboten und einmal unternimmt er eine sonntägliche Bootsfahrt mit ihr und kann diesen Tag und die bescheidene Nähe zu ihr sogar genießen.

„Manchmal lächelte er ein wenig, dann wieder verengten sich seine Augen, und über sein leeres, begrabenes Gesicht strich ein Hauch Lebendigkeit wie eine Brise.“ (Seite 127)

Als Sol zufällig herausfindet, daß Murillio, der italienische Großkriminelle, der sein Geld über Sols Pfandhaus waschen läßt, ein Bordell betreibt, weigert sich Sol aus persönlichen Gründen, die mit bestimmten, entsetzlichen Erfahrungen im Konzentrationslager zusammenhängen, weiterhin dieses Geld zu „bearbeiten“. Über Murillios Morddrohungen kann Sol nur lachen, und er sagt ihm ins Gesicht, daß ihm sein Leben gleichgültig sei. Murillio ist davon dermaßen beeindruckt, daß er seine Drohung glaubhaft zurückzieht und mit Bedauern ihre kaufmännisch-kriminelle Trennung akzeptiert.

Wenig später, bei einem bewaffneten Überfall auf das Pfandleihhaus, rettet ein Mensch Sol das Leben, indem er sich spontan schützend vor ihn stellt und somit sein eigenes Leben für Sol opfert. Sol kniet neben seinem sterbenden Lebensretter, und plötzlich fallen die jahrelange Betäubung, Erstarrung und Lebensgleichgültigkeit von ihm ab, und er entdeckt, daß er doch noch ein Herz hat, das Liebe empfinden kann. Endlich kann er weinen und die Trauer um seine schmerzlichen Verluste zulassen.

„Den Schmerz, den er dabei verspürte, nahm er hin, wenn schon nicht froh wie ein Märtyrer, so immerhin willig, wie ein Erbe.“ (Seite 348)

Der Autor malt mit seinen Sätzen erschütternde Bilder, mit denen uns die tiefe Qual, das untröstliche Leid und die Herzensvernichtung des Pfandleihers unter die Haut gehen. Obwohl die Darstellung der schrecklichsten Vergangenheit nicht ausführlich geschieht und insgesamt höchstens zwanzig Seiten des Romans umfaßt, wachsen beim Lesen Ängste vor der Enthüllung weiterer grausamer Einzelheiten. Mit dem Pfandleiher Sol Nazermann hat Edward Lewis Wallant eine literarische Figur erschaffen, die sich schmerzhaft-unvergeßlich ins Gedächtnis prägt.

Die zwischenmenschliche Komplexität und die szenische Komposition der Romane von Edward Lewis Wallant habe ich bereits in meiner Rezension zu seinem Roman „Mr Moonbloom“ gelobt: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/20/mr-moonbloom/

Auch im „Pfandleiher“ schafft es der Autor, einen Charakter mit ein oder zwei Sätzen von einprägsamer Tiefenschärfe und transparenter Menschenkenntnis auf den Punkt zu bringen. Die vier nachfolgenden Zitate mögen dies illustrieren:

„Sie war ein hellhäutiges Mädchen von zarter, flittriger Schönheit, und ihre griesgrämige, gelangweilte Miene demonstrierte aller Welt, dass sie sich von ihrem begriffsstutzigen Gatten zwar hatte kaufen lassen, ihr Preis aber stetig stieg – direkt vor seinen verzweifelten Augen.“ (Seite 89)

„Versuchte er, mehr Wörter zu benutzen, als er für eine Bitte oder schlichte Antwort brauchte, kamen sie als verworrenes Geschlängel aus ihm heraus, über dessen Anfang und Ende er keinen Überblick hatte.“ (Seite 111)

„Also redete er, Gelehrter für einen Moment, und der hohe, klare Turm seines Verstandes war vorläufig von allem sich windenden Verlangen leergefegt, alle niederen Gelüste waren von der Reinheit intellektuellen Begehrens in einen dunklen Keller verbannt.“ (Seite 139)

„Und wenn sie ihn ansah oder auch nur an ihn dachte, fühlte sie etwas Unermessliches, Unsägliches an ihrer Seele, ihrem Geist zerren. Es war, als dränge aus der Ferne ein gewaltiges Wehklagen an ihr Ohr, und sie hatte das Gefühl, sie könne nicht in derselben Welt mit diesem Weinen leben, ohne Abhilfe wenigstens zu versuchen.“ (Seite 221)

Querverweis:

Hier geht es zu meiner Besprechung von „Mr Moonbloom“, Edward Lewis Wallants letztem Roman:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/20/mr-moonbloom/

 

PS:
„Der Pfandleiher“ wurde 1964 unter der Regie von Sidney Lumet mit Rod Steiger in der Hauptrolle verfilmt.

Eine weitere differenzierte Rezension gibt es beim Literaturblog Sätze & Schätze:
Zeitlose, nie endende Traurigkeit: Der Pfandleiher. Eine Wiederentdeckung.

Der Autor:

»Edward Lewis Wallant wurde 1926 in New Haven, Connecticut, geboren. Nach dem Kriegsdienst studierte er in New York Gestaltung und arbeitete in der Werbung. Mit »The Human Season« (1960) und »Der Pfandleiher« (1961) zählte er rasch zu den bedeutendsten Autoren seiner Generation – neben Philip Roth, Norman Mailer und Saul Bellow. Noch vor Veröffentlichung seines dritten Romans »Mr Moonbloom« verstarb er überraschend, mit nur 36 Jahren, an einem Gehirnschlag.«

Die Übersetzerin:

»Barbara Schaden arbeitete nach dem Studium der Romanistik und Turkologie als Verlagslektorin und ist heute Übersetzerin, u.a. von Patricia Duncker, Nadine Gordimer, Maurizio Maggiani und Karen Armstrong.«

Als der Sommer eine Farbe verlor

  • von Maria Regina Heinitz
  • Roman
  • Berlin Verlag  April 2015             http://www.berlinverlag.de
  • 496 Seiten
  • Taschenbuchausgabe
  •  9,99 € (D),  10,30 € (A), 13,90 sFr.
  • ISBN: 978-3-8333-1020-1
    Als der Sommer eine Farbe verlor

ZWISCHEN  DEN  ZEILEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Als der Sommer eine Farbe verlor“ erzählt in einer sinnlich-vielschichtigen, lasierenden Sprache von Nähe und Ferne, Lösung und Bindung, Imagination und Wirklichkeit, Schmerz und Heilung, Verlust und Geborgenheit sowie von Familie und Freundschaft, Liebe, Tapferkeit und Hoffnung. Dieser Roman ist berührend, ohne zu belasten, er enthüllt, ohne zu entblößen und er macht ein komplexes Gefühlsspektrum wunderbar sichtbar.

Die dreizehnjährige Bénédicte, kurz Bicky genannt, verbringt mit ihrem kleinen Bruder Marcel einen sommerlichen, heiter-verspielten Ferientag. Die Kinder sind einfach glücklich, alles blüht, zwitschert und lebt, der Jasmin duftet vor blauem Himmel, und ihre geliebte Großmutter, zärtlich Mamique genannt, ist bei ihnen in Hamburg zu Besuch.

Aimée, die Mutter der Kinder, ist eine bekannte Malerin, deren Gemüt sich immer wieder verdunkelt und die sich dann aus dem familiären Leben zurückzieht und in ihr Atelier verkriecht, um ihre emotionale Not auf die Leinwand zu bannten.

Die Kinder sind mit diesen mütterlichen Stimmungen vertraut und nennen sie „Farfadetnoir“ (schwarzer Kobold). Der Vater arbeitet als Mediziner und bittet in den Farfadetnoir-Notfällen Mamique, seine Schwiegermutter, um familiären Beistand.

Übermütig tollen die Kinder mit ihrer rüstigen Großmutter durch den Garten, anschließend bereitet Mamique ihnen ihre köstlichen Blaubeerpfannkuchen zu, und die Kinder futtern sich die Bäuche rund. Bicky wird mit einer Portion Blaubeerpfannkuchen ins Atelier geschickt, damit ihre Mutter auch in den Genuß dieser Lieblingsspeise kommt.

Im Atelier betrachtet Bicky nachdenklich das Bild, an dem ihre Mutter seit Monaten malt, und eine Ahnung schmerzlicher familiärer Verstrickung streift ihr Bewußtsein und weckt Fragen in ihr. Da die Mutter nicht im Atelier ist, vermutet Bicky sie im Badezimmer und steht nach wenigen Schritten in einer Blutlache, die der Selbstmordversuch der Mutter hinterlassen hat. Die Mutter kann gerettet werden und kommt in ein „Sanatorium“. Wie erholen sich die Kinder von einem solchen Schock?

Der Vater beschließt, ein Arbeitsangebot als Leiter einer psychiatrischen Klinik in einer Kleinstadt anzunehmen und Hamburg zu verlassen. Bereits zwei Wochen später zieht die Restfamilie von Hamburg nach Sprede, „eine heile Was-will-man-mehr-Kleinstadt“. Sie wohnen in einer alten Villa in unmittelbarer Nähe zur neuen Arbeitsstelle des Vaters. Den großen, verwilderten Garten, der die Villa umgibt, nennt der Vater eine „Paradies für Kinder“, aber zunächst fühlen sich die entmutterten Kinder alles andere als paradiesisch.

Mamique, die sie nicht begleiten kann, verspricht aber, wieder zu Besuch zu kommen. Eine resolute Haushälterin wird eingestellt, die für äußere Ordnung und geregelte Mahlzeiten sorgt. Einen Fernseher gibt es nicht, aber der Vater installiert in jedes Zimmer unsichtbare Lautsprecher und beschallt die Bewohner mit klassischer Musik („Brahms ordnet die Gedanken!“) und mit den täglichen Radionachrichten. So läßt die Autorin im Verlaufe des Romanhandlungszeitraums immer wieder streiflichternd die Nachrichtenereignisse der Jahre 1976 bis 1978 einfließen.

Fürsorglich bemuttert Bicky ihren kleinen Bruder, und die Geschwister richten sich eine gewisse Geborgenheit miteinander ein; sie freunden sich mit den neuen Räumen an und erkunden nach und nach entdeckungslustig die Umgebung. Die Mutter schreibt ihren Kindern regelmäßig Briefe (in Schriftform für Bicky und in Bildform für Marcel, der noch nicht lesen kann).

Bicky leidet nicht nur an dem Verlust der mütterlichen Zuwendung, sondern auch daran, daß die Erwachsenen ihr Zusammenhänge verschweigen. Sie tun dies zwar, um sie zu schonen, aber die Unstimmigkeiten und Unklarheiten bezüglich des Aufenthaltsortes der Mutter und der Hintergründe der mütterlichen Depression führen zu phantasievollen Vermutungen und kindlichen Fehlschlüssen, die ihr eigenes psychologisches Belastungspotential haben.

Zweimal wöchentlich geht Bicky auf Anordnung ihres Vaters zu einer Kinderpsychologin, um ihr Trauma zu verarbeiten. Doch sie hat längst eigene Wege gefunden, sich zu ermutigen und den Herausforderungen des Lebens konstruktiv und kreativ zu begegnen, beispielsweise ihre Methode der Eintagsfliegentage, die es ihr ermöglicht, Neues und Unerwartetes zu tun, weil es für die Verwirklichung mancher Dinge exakt nur diesen einen Moment gebe und sonst keinen. Diese Jetzt-oder-nie-Haltung hilft ihr über so manche Alltags- und Angsthürde hinweg.

Dank ihrer Feinfühligkeit erkennt sie die emotionalen Gegebenheiten, Charakterstärken und -Schwächen anderer Menschen sehr genau und beschreibt diese auf eine einleuchtend anschauliche, musisch-malerische Weise.

Und dann lernt sie Susi Engel kennen. Dieses hochbegabte, eigenwillige Mädchen wird ihre beste Freundin, mit der sie wirklich alles besprechen kann. Die beiden Einzelgängerinnen sind wie füreinander geschaffen, und gemeinsam forschen sie den abgründigen und romantischen Geheimnissen ihres Umfeldes nach.

Zwischen Bickys Spurensuche und ihren phantasievollen Versuchen, Ordnung in ihr aufgewühltes Gefühlsleben zu bringen, liegt ein weiteres Geheimnis, das erst ganz zum Schluß offensichtlich wird und den Leser erhellend überrascht. Tatsächlich sind die Hinweise auf diese verborgene Erlebnisebene wohldosiert und unauffällig über den Verlauf der ganzen Geschichte verstreut und werden uns Lesern erst im Rückblick so recht DEUTLICH.

Bicky lernt gewissermaßen SEHEN, sie reift und wächst, begeistert sich fürs Theater und sie verliebt sich in den Jungen Misha, der dort als Statist arbeitet. Misha kennt sich aus mit Verlust und Trauer; er hat bereits beide Eltern verloren und lebt bei seiner Tante. Die Liebesannäherung von Bicky und Misha ist von anrührender Zärtlichkeit und ein ganz großes Glück für Bickys Herzensheilung und Wahrheitsfindung.

Mit Mishas Hilfe tritt Bicky aus dem Schatten der mütterlichen Verstrickung und der verschwiegenen Vergangenheit heraus und betritt endlich ihre Gegenwart und ihren eigenen hoffnungsvollen Weg.

Dieser außergewöhnliche Roman ist von einer schwebenden Leichtigkeit, die man dem ernsten Thema kaum zugetraut hätte. Das Gleichgewicht von Ernst und Heiterkeit, Kinderspiel und Kindertragik, Verletzlichkeit und Tapferkeit, die geschickte Figurenchoreographie, die einfühlsamen Dialoge, der lebendige Spannungsbogen, die stimmungsvollen Szenerien und die sinnlich-musische Perspektive „malen“ eine sehr lesens- und sehenswerte Geschichte.

Zum Ausklang nun ein Zitat, das die poetische Bildhaftigkeit illustrieren mag:  

»Meine Träume in dieser Nacht waren verschachtelter als die, durch die ich mich sonst hindurchträumen musste. Sie waren wie unzählige Meeresoberflächen, durch die man auftaucht und meint, Luft holen zu können, das Ende erreicht zu haben, endlich Sauerstoff zu atmen. Traumende, und dann geht es doch weiter, immer weiter, ohne an den Eingang der Wirklichkeit zu gelangen, aber immer knapp davor.« (Seite 143)

 

Die Autorin:

»Maria Regina Heinitz, geboren 1968 in Isny (Allgäu), studierte Deutsche Sprache, Literatur und Französisch, arbeitete als Artbuyerin und Fotoproduzentin und erhielt 2009 den Literaturförderpreis der Kulturbehörde der Hansestadt Hamburg. Sie lebt in Hamburg.«
http://www.mariareginaheinitz.de/

QUERVERWEIS:

Eine feine Ergänzung zu diesem Roman ist das Sachbuch „Das bleibt in der Familie“ von Sandra Konrad, in dem die Risiken und Chancen transgenerationaler Übertragung einleuchtend dargestellt werden. Hier ist meine Besprechung dazu:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/07/das-bleibt-in-der-familie/

Alles fühlt

  • Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften
  • von Andreas Weber
  • Berlin Verlag 2008                                           http://www.berlinverlage.de
  • 340 Seiten,  9,90 €
  • 978-3-8333-0423-1
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DIE   WELT  ALS   LEBEWESEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eine sehr bereichernde Lektüre, die mir zutiefst aus der Seele  gesprochen hat!

„Durch alle Wesen reicht der eine Raum: Weltinnenraum.
Die Vögel fliegen still durch uns hindurch.
O, der ich wachsen will, ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum.“   Rilke

Dieses Rilke-Zitat faßt die Kernaussage von „Alles fühlt“  wunderbar zusammen, doch Leser, die mehr wissen wollen, bekommen in Andreas Webers Buch eine Fülle an neuen und revolutionären Forschungsergebnissen und Entdeckungen aus Biologie, Biosemiotik, Genetik, Neurologie, Ökologie und Physik geboten. Die besondere Qualität dieses naturwissenschaftlichen Sachbuches besteht in der bewußt gefühlvollen Darstellung.

In seiner Einleitung  schreibt Andreas Weber: „Ich schildere Natur nicht als Objekt der Forschung, sondern als Ort der Erfahrung… Ich nehme den Leser mit in die Natur, und diese Reise ist zugleich eine Expedition in die Denkweise der modernen Biologie. Ich verknüpfe die Schilderung meiner Begegnungen mit Tieren und Pflanzen mit Analyse, Hintergrundsreflexion und Erfahrungsbericht und erzähle so Wissenschaft anhand von Erlebnissen.

Andreas Weber zeigt uns das ganzheitliche Miteinandersein von Mensch und Natur, er erinnert uns an unsere lebenswichtige Verbundenheit mit dem schöpferischen und vielfältigen Reichtum der Natur.

Am Anfang des Lebens steht hier nicht das Wort, sondern der fühlende Körper, der darum bemüht ist, sein Leben zu entfalten und zu erhalten. „Jeder Leib ist bereits Sprache.“

Und dieser Leib existiert nicht in individueller Getrenntheit, sondern in und mit komplexen Symbiosen und Kooperationen, die bereits auf der Zellebene anfangen und sich bis in ganze Ökosysteme erstrecken. An den Fäden eines einzelnen Lebens hängen immer die ganze Welt und ihre unzähligen Interessen.“ Wir sind absolut angewiesen auf die Natur in uns und um uns herum: Ohne Darmbakterien müßten wir verhungern, ebenso ohne die unermeßliche Bestäubungsleistung der Bienen, wir atmen ein, was die Pflanzen ausatmen, und über die materiellen Stoffwechselkreisläufe hinaus  brauchen wir für unser gesundes Selbstverständnis und Wahrnehmungsvermögen die Spiegelung anderer Lebewesen.

„Wir sind nicht nur Teil der Natur, sondern sie ist Teil von uns. Um uns ganz selbst zu verstehen, müssen wir uns selbst in anderen Lebewesen wiedererkennen. Widerspiegelung ist ein zentrales Element der menschlichen Identität: Ein Neugeborenes erfährt sich nur dann vollständig, wenn es sich mit seiner Bezugsperson identifizieren kann. Mit dem Schwinden der Natur droht uns damit eine ganz besondere Gefahr: der Verlust der Liebe.“

Descartes‘ „Ich denke also bin ich“ wird gründlich abgelöst durch ein „Ich fühle also bin ich.“ Dieses Lebensgefühl gilt gleichermaßen für Blaualgen und Pantoffeltierchen, für Eichhörnchen und Bäume und für jede einzelne Zelle, die uns unseren menschlichen Körper erst ermöglicht, sowie für unsere leibseelische Identität als Mensch.

„In der Welt der Lebewesen, aus der wir als eine Art unter vielen hervorgegangen sind, ist es die Möglichkeit dieser Liebe, die uns erst Menschlichkeit gibt. Das Schwinden der Tiere ist für uns darum nicht nur ein äußerer Verlust -… Mit den Tieren nehmen wir vielmehr Abschied von Möglichkeiten zu fühlen.“

Der Autor beschreibt eine Lebenswirklichkeit, die nicht aus einer abstrakten Ideenwelt kommt, sondern die in Hand und Fuß, Flosse und Pfote, Blatt und Blüte wurzelt. Das Innenleben der Geschöpfe ist Bestandteil ihrer Gestaltwerdung – so wird Unsichtbares sichtbar, greifbar, hörbar und, da wir die Erfahrung verletzlicher Körperlichkeit mit allen Wesen teilen, auch mitfühlbar. Das bedeutet, daß die moderne Biologie das poetische Naturverständnis von Dichtern wie Goethe, Novalis und Rilke bestätigt.

„Alles fühlt“ ist ein Buch, das von großer Liebe zum Leben und tiefer Fürsorge für die Natur spricht. Andreas Weber liegt sein Thema am Herzen, und seine Naturbeschreibungen sind voller Poesie.

Die dargestellten Erkenntnisse und Zusammenhänge  ermöglichen die Wahrnehmung einer seelenvolleren Lebenswelt – ja, sie „reanimieren“ unsere Verbundenheit mit der Natur.

Überdies verfügt das kluge Buch über ein Glossar, das die naturwissenschaftlichen und philosophischen Fachbegriffe zusätzlich erklärt. Und es gibt eine Liste mit Empfehlungen für weiterführende Literatur, mit informativen, kurzen Zusammenfassungen.

Alles in allem ein Buch, das Wissen mit Weisheit verbindet und einen wertvollen Beitrag leistet zu  einem wahrhaft naturverbundenen und demütigen menschlichen Selbstverständnis.

Das letzte Wort überlasse ich nun gerne noch einmal Andreas Weber:

„Wir sollten auf die Melodien der Tiere zählen. Sie sind das zentrale Symbol für jene unsagbaren Wege des Empfindens. Sie sind der Ton des Lebens selbst. Gerade das macht die Stimmen der anderen kostbar…In der Stimme der Wesen singt sich die Welt…Aber die messende, zählende Wissenschaft, welche die Welt als gigantischen Mechanismus begreift, ist allzu lange mit leeren Händen zurückgekehrt. Jetzt endlich stellt sie fest: Orpheus‘ Stimme ist immer schon da gewesen. Sie ertönt in den Rufen der Tiere wie eine endlose Variation über das Thema am Leben zu sein. Ihre Wellen durcheilen unseren Körper und finden ein Echo in ihm. Wir haben daran teil.

Es ist dies die unaussprechliche Überlegenheit der Tiere: ganz zu sein in jedem ihrer Augenblicke. Darin können sie uns Leben schenken, wir aber bleiben für immer in ihrer Schuld.“

 

Der Autor:

»Andreas Weber, geboren 1967, studierte Biologie und Philosophie in Berlin, Freiburg, Hamburg und Paris und promovierte bei Hartmut Böhme und Francisco Varela über Natur als Bedeutung. Als freier Publizist schreibt er regelmäßig Beiträge für Geo, Die Zeit, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Greenpeace Magazin, National Geographic, mare und Oya.«

Im Berlin Verlag erschienen 2007 „Alles fühlt“ und „Biokapital“ (2008),
bei Ullstein „Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur“ (2011)

PS:
Und hier geht es zu meiner Besprechung der Neuausgabe von „Alles fühlt“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/01/alles-fuhlt-neuausgabe/

Mr Moonbloom

  • von Edward Lewis Wallant
  • Mit einem Vorwort von Dave Eggers
  • Übersetzung aus dem Englischen
  • von Barbara Schaden
  • Berlin Verlag 2012                                     http://www.berlinverlag.de
  • 978-3-8270-0974-6
  • 317 Seiten
  • 22,99  €
  • Taschenbuchausgabe       Oktober 2013
  • 9,99 € (D), 10,30 € (A), 13,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8333-0922-9

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H A U S W E S E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Originalausgabe von „Mr Moonbloom“ erschien bereits 1963, doch das Warten auf eine Übersetzung ins Deutsche hat sich gelohnt.

Das Bühnenbild für den Roman „Mr Moonbloom“ begegnet uns schon bei dem überaus passenden Titelbild des Schutzumschlages: ein mindestens viergeschossiges altes Haus, Backsteinmauern, dunkle Fenster, heruntergelassene Jalousien, eine eiserne Feuertreppe mit Etagengalerien, winterliches Licht, noch nicht ganz nächtlich, aber dunkel genug, um die wenigen Lichtblicke  – ein mit einer bunten Lichterkette geschmücktes Geländer und die beiden einzigen hell erleuchteten Fenster dahinter – hoffnungsvoll hervorzuheben. Die farbenfrohen Lichtfünkchen mildern den angestaubten und heruntergekommenen Eindruck, den das Gebäude macht. Eine Szenerie wie  für einen Woddy-Allen-Film! So lasse ich mich als Leserin gerne anlocken.

Ich kann es gar nicht oft genug betonen, wie wichtig ein stimmiges Titelbild ist. Wie häufig habe ich als Buchhändlerin einen hervorragenden Text mit leidenschaftlichem Plädoyer vor seinem unpassenden Buchumschlag verteidigt. Danke, Berlin Verlag, für eine Buchumschlagsgestaltung, die wirklich mit dem Romaninhalt korrespondiert.

Norman Moonbloom ist ein 32jähriger Junggeselle; nach diversen unvollendeten Studierexperimenten arbeitet er für seinen erfolgreichen Bruder Irwin als Verwalter von vier ausgesprochen maroden Mietshäusern in Manhattan. Dem Vorwort von Dave Eggers entnehme ich, daß die im Roman beschriebenen Straßen (Mott Street, 70th Street und 13th Street) heute zu den besseren und teureren Wohngegenden gehören, was jedoch in den sechziger Jahren, in denen die Geschichte spielt, genau umgekehrt war.

Die Geschichte beginnt mit einem Telefongespräch zwischen den ungleichen Brüdern. Norman Moonbloom sitzt in seinem staubigen Kellerbüro an seinem sperrmüllreifen Schreibtisch und serviert seinem Bruder Irwin eine haarsträubende Aufzählung von reparaturbedürftigen Wohnungszuständen, ja geradezu Baufälligkeiten.

Irwin, dessen Zeit nach eigenen Angaben 50 Dollar die Stunde wert ist, verweist seinen Bruder zur Problemlösung auf den mobilen Hausmeister Gaylord, der für 40 Dollar die Woche vier Häuser zu versorgen hat. Normans Einwand, daß man von einem dermaßen unterbezahlten Helfer nicht viel erwarten könne, wird von Irwin ignoriert, aber immerhin verspricht er ihm eine Überweisung von lächerlichen 500 Dollar, um die dringendsten Mängel zu beheben. Mit heiterer Resignation zieht sich Norman daraufhin innerlich von den Erfolgsforderungs-predigten seines Bruders zurück und gibt sich der Betrachtung des Augenblicks hin:

„Er saß zwischen Tagtraum und nichts und sah sich an, was es zu sehen gab. Die Sonne musste sich bücken, um hier einzufallen. Sie kam als Widerschein vom Gehsteig über ihm und wirkte fast wie künstliches Licht. Die kopflosen Körper der Passanten bildeten eine faszinierende  Parade; vollständig waren nur die Kinder.“  (Seite 16)

Anschließend macht er sich müde auf den Weg zu seiner Arbeit, die darin besteht, die wöchentliche Miete persönlich bei jedem Mieter in bar zu kassieren und zu quittieren.

„ » Dauert keine Minute «, sagte Norman, setzte sich und stellte mit seiner kleinen, bedächtigen Handschrift, die zu wohlgeformt war, um Charaktereigenschaften preiszugeben, die Quittung aus.“  (Seite 31)

Während jeder Mietkassierrunde lauscht  Moonbloom den Beschwerden über tropfende Wasserhähne, lebensgefährliche Stromleitungen, gesprungene Fliesen, verklemmte Fenster, verbotene Fahrstühle, mangelhafte Lichtquellen usw. Hinzu kommen die Klagen über Reibereien zwischen den Mietern, denn trotz der allgemein miserablen und heruntergekommenen Wohnsituation reicht die Bandbreite der mitmieterlichen Lebensarten von überkompensatorischer Hyperhygiene bis zur verwahrlosten Kakerlaken-WG. Die freundlich-unbestimmte Wesensart Moonblooms macht ihn zum Adressaten der gesammelten Schicksalsklagen und Lebensbeichten aller Mieter. So werden wir Mitleser einer bunten, meist traurigen Schicksalspalette trotzig Überlebenswilliger.

Wegen  des schmalen Etats für fällige Reparaturen und Instandsetzungen versucht es Moonbloom bei den durchaus berechtigten Klagen der Mieter mit einer verständnisvollen Verzögerungstaktik. Moonbloom geht mit einem emotionalen Schutzkokon durchs Leben und läßt weder die grausame noch die schöne Realität wirklich fühlbar an sich heran. Das gilt für die Spielarten von Einsamkeit, Enttäuschung, Verletzlichkeit, Verzweiflung, Empörung, von verzerrten Liebesgefühlen und schlimmen Kindheiten sowie für die bescheidenen Glücks- und Trostnischen, die ihm die Mieter vorführen, ebenso wie für die Wohnungsmißstände.

Das ändert sich nach einer fieberhaften Erkrankung, die ihn fünf Tage ans Bett fesselt und ihm in einer Art innerem Psychoheimkino sein bisheriges Leben vorführt. Langsam, aber unwiderruflich erkennt er, daß sein eigentliches Versagen nicht in der bescheidenen beruflichen  Situation besteht, sondern in seiner bisherigen Lebensgefühlsverweigerung. Er überschreitet die „Schmerzschwelle“, und wie aus einem sozialen Dornröschenschlaf erwacht, ergreifen ihn unvermittelt Wirklichkeit, Schmerz und Schönheit des Lebens und Fühlens.

Von Erfahrungsschritt zu Erfahrungsschritt wird er Teil der Leidensgenossenschaft seiner Mieter, und es berührt ihn, daß die Wohnungen in unzumutbar schlechtem Zustand sind. Er schaut mit neuen Augen in die Welt und hört mit neuen Ohren, was die Menschen ihm erzählen; er entwickelt ungeahnte Tatkraft. Aus einem passiven, verträumten Erdulder wird ein zupackender, zielstrebiger und mutiger Handelnder, der Einfluß auf die Wirklichkeit nimmt.

Zusammen mit dem mobilen Hausmeister Gaylord sowie einem autodidaktischen Klempner und einem einarmigen Elektriker macht sich Norman Moonbloom daran, alle Mängel zu beheben. Er organisiert die Arbeiten nicht bloß, er arbeitet mit seinen eigenen, zwar etwas ungeschickten, aber fleißigen Händen eifrig, fast besessen mit. Daß seine handwerkliche Unerfahrenheit z.B. einmal dazu führt, daß er sich beim Auftragen von Schellack auf einen Holzboden „in eine Zimmerecke hineinlackiert“ und daß er dort 12 Stunden ausharren muß, bis der Lack getrocknet ist, trägt er mit Fassung.

„Das mystische Denken, zu dem er jetzt neigte, hatte ihn zu der Überzeugung geführt, dass die Sorgen der Menschen in die Wände und Böden ihrer unmittelbaren Umgebung eindringen, weshalb die neuen Mieter neue Leinwände bekommen sollten, auf denen sie ihr Leben malen konnten. Folglich hatte er die Räume in seiner Lieblingsfarbe gestrichen, Weiß…“ (Seite 271)

Wie Norman Moonbloom nach Vollendung seines Renovierungsplans seine eigene neue Lebensleinwand bemalen wird, das verrät uns der Roman nicht mehr. Doch angesichts der menschlichen Reife und der Lebensoffenheit, zu der Moonbloom erwacht ist, können wir ihn ganz zuversichtlich seinem unbeschriebenen Schicksal überlassen.

Die besondere Gabe des Autors, Edward Lewis Wallant, liegt in der zugleich einfühlsamen wie schonungslosen Beschreibung der verschiedenen Charaktere, die seinen Roman bevölkern. Es ist bewundernswert, wie er es schafft, mit wenigen Sätzen, manchmal sogar nur mit einem einzigen Satz und einer kurzen Dialogszene einen Charakter und eine dazugehörige biografische Entwicklung in glaubwürdige Erscheinung treten zu lassen.

Nehmen wir z.B. den jungen Chinesen Jerry Wung, der den jungfräulichen Moonbloom stets mit ausführlichen Berichten über seine sexuellen Ausschweifungen nervt:

„Diese tiefen, geschwungenen Konturen eines nordchinesischen Gesichts in Kombination mit dieser Stimme erweckten den Eindruck, als sei eine Ming-Vase an einen Verstärker angeschlossen worden.“ (Seite 58)

Oder der Italienischlehrer Basellecci, der sich durch zeremoniellen Kaffegenuß und die Liebe zu den Feinheiten der Sprache kulturell über Wasser hält:

„Basellecci war ein Mann in jenem langen Lebensanschnitt, der nicht jung und nicht alt ist…Mr Baselleccis Finger, in Liebe zu den Vokalen gekrümmt, verharrten schwebend in der Luft… In der einen Hand die Kaffeetasse, während die andere seiner Passion Gestalt gab, stand er zwischen seiner heiligen und seiner profanen Liebe, und sein sachliches Gesicht kam der Verklärung so nah, wie es ihm möglich war.“ (Seite 55)

Ein Satz zu Sarah Lublin, die zusammen mit ihrem Ehemann Aaron das KZ überlebt hat:

„Ihr Gesicht war derart charakterstark, dass es keine Schminke  brauchte.“ (Seite 41)

Und auch wie Norman Moonbloom in den Augen der unterschiedlichen Mieter erscheint, kommt nicht zu kurz und wird treffend und dialogdramaturgisch geschickt in Szene gesetzt, z.B. als er bei den Jazzmusikern Stan Katz und Sidone die Miete abholt und die beiden um rücksichtvollere  musikalische Übungszeiten bittet:

„ »Wie geht’s, wie steht’s, Moonbloom? Sieh ihn dir an, Stan, wie friedlich er aussieht, wie natürlich! Man rechnet fast damit, dass er sich bewegt. Ach, diese Einbalsamierer, das sind doch Genies! « ” (Seite 35)

Oder der frustrierte  Lehrer Wade Johnson, der Moonbloom bei jedem Besuch mit alkoholisierten Poesierezitationen traktiert und dennoch die Veränderung bemerkt, die mit Moonbloom geschehen ist:

„Wade Johnson kniff unerwartet die Augen zusammen und musterte ihn. » Na so was,  Norman, Sie kleiner Kloß, Sie haben sich ja auf einmal ein Gesicht wachsen lassen. « ”
(Seite 285)

Es liegt an der ausdrucksvollen, einprägsamen Figurenzeichnung, daß man trotz der vielen Personen nie den Faden verliert. Sie sind nicht alle sympathisch, aber in ihrer Größe und ihrer Kleinheit kommen sie dem Leser nahe und spiegeln Facetten menschenmöglichen Daseins unter bedrückenden Bedingungen. Dazwischen erblüht hier und da eine melancholische, schicksalsironische Heiterkeit und aufrichtige Mitmenschlichkeit, ganz ähnlich der auf dem Titelbild gegen die Finsternis anleuchtenden Lichterkette.

 

Querverweis:

Hier geht es zu Edward Lewis Wallants zweitem Roman: Der Pfandleiher:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/01/13/der-pfandleiher

Der Autor:

»Edward Lewis Wallant wurde 1926 in New Haven, Connecticut, geboren. Nach dem Kriegsdienst studierte er in New York Gestaltung und arbeitete in der Werbung. Mit The Human Season (1960) und The Pawnbroker (1961) zählte er rasch zu den bedeutensten Autoren seiner Generation – neben Philip Roth, Norman Mailer und Saul Bellow. Noch vor der Veröffentlichung seines dritten Romans Mr Moonbloom, mit nur 36 Jahren, verstarb er überraschend an einem Gehirnschlag.«

PS:
Unwillkürlich empfindet man Bedauern, wenn man im Klappentext die Information erhält, daß der Autor im Alter von nur 36 Jahren durch einen Gehirnschlag gestorben ist und die Veröffentlichung von  „Mr  Moonbloom“  posthum erfolgte. Bleibt zu hoffen, daß die zwei anderen Romane von Edward Lewis Wallant auch noch ins Deutsche übersetzt werden. Ich jedenfalls läse sie sehr gerne – und wohl nicht nur ich.

PSS:
Die Taschenbuchausgabe ist im Oktober 2013 im selbigen Verlag erschienen – allerdings mit einem anderen Titelbild, das aber auch gut zum Inhalt paßt.

4cc8474d99.jpg Mr Moonbloom Tb

http://www.berlinverlag.de/buecher/mr-moonbloom-isbn-978-3-8333-0922-9