Der Pfandleiher

  • Roman
  • von Edward Lewis Wallant
  • Originaltitel: »The Pawnbroker«
  • Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt
  • von Barbara Schaden
  • Berlin Verlag Oktober 2015   http://www.berlinverlag.de
  • 352 Seiten
  • Gebunden mit Schutzumschlag und LESEBÄNDCHEN
  • ISBN: 978-3-8270-1183-1
  • 22,00 € (D), 22,70 € (A), 29,90 sFr.
  • ISBN: 978-3-8270-1183-1
  • E-Buch
  • 352 Seiten, WMEPUB
  • 16,99 € (D), 16,99 € (A), 20,00 sFr.
  • ISBN: 978-3-8270-7691-5
    Der Pfandleiher

S C H M E R Z E N S E R B E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dieser Großstadtroman, der erst fast 55 Jahre nach dem Erscheinen der amerikanischen Originalausgabe ins Deutsche übersetzt wurde, ist das beeindruckende Psychogramm eines Mannes, der Unerträgliches überlebt hat und verständlicherweise die Liebe zum Leben und zu Menschen verlernt hat. „Der Pfandleiher“ ist ein schwermütiger Roman, der die menschlichen Schattenseiten betont.

Sol Nazerman hat das Schlimmste erlebt und führt Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre in Spanish Harlem ein Pfandleihhaus. Einst war er Dozent an der Universität Krakau, hatte eine Frau und Kinder. Er ist der Einzige, der das Konzentrationslager überlebt hat. Nach dem Krieg kam er durch eine Stellenausschreibung nach Amerika und wurde Pfandleiher.

Das Pfandgeschäft läuft gut – u.a. auch dank einer hintergründigen Geldwäschebuch- haltung –, und Sol finanziert ein großes Haus in Mount Vernon, in dem er mit seiner Schwester, deren Mann sowie zwei Kindern lebt. Er hat keine liebevolle Bindung zu diesen Verwandten, aber das Arrangement ist für ihn praktisch: Er wird anständig bekocht und verfügt über ein eigenes Zimmer mit eigenem Bad.

Seine ungestörte Privatsphäre ist ihm wichtig, niemand darf ihm zu nahe kommen, zu grausam sind die Wunden, zu entstellt sein Menschenbild. In seiner Freizeit ist Klassiker-lektüre ein willkommener Balsam und Ablenkung von unwillkommenen, schrecklichen Erinnerungen.

Seine nächtlichen Albträume bleiben ihm dennoch nicht erspart, und auch uns Lesern werden sie nicht erspart. Tagsüber holen ihn ebenfalls manchmal seine unerträglichen, traumatischen Erfahrungen ein und übertönen seine Gegenwart.

„Wie ein einfahrender Schmerz stand, hinter seinen Augen, ein unauslöschliches Bild, und er war sekundenlang blind für den rosigen Morgen – was er stattdessen sah, war eine flutlichthelle Nacht voller Schreie.“ (Seite 9)

Doch mit eiserner Disziplin und einer von ihm lange eingeübten, einschaltbaren Erinnerungs- und Angstanästhesie konzentriert er sich gänzlich auf alltägliche Betrachtungen und die gleichförmigen Routinen seiner Arbeit – eingehüllt in „den Schutzmantel unerschütterlicher Geringschätzung“. (Seite10)

Seit kurzem bildet er einen jungen Gehilfen, Jesus Ortiz, zum Pfandleiher aus. Er empfindet eine widerwillige Sympathie für seinen anmutigen, munter-wißbegierigen Gehilfen, traut ihm aber auch nicht, da er grundsätzlich keinem Menschen mehr vertraut. Manchmal arbeiten sie geradezu harmonisch miteinander, oft sind die Unterschiede von Herkunft, Bildung, Lebensalter, Leidenserfahrung und Lebens- erwartung unüberbrückbar oder einfach nur mißverständlich.

Das Leihhaus, als letzter finanzieller Rettungsanker Harlems, ist in der Komposition des Romans Konzentrationspunkt und Bühne ausgezeichneter Milieu- und Charakterstudien.

Die tragischen, komischen, irrsinnigen, wahren und erfundenen Geschichten, die Sol von seiner Kundschaft täglich serviert werden, hört er sich gelangweilt und nur mit straff bemessener Geduld an. Die unterschiedlichen Stadien des Scheiterns, plötzlicher Not, Armut und Krankheit, die Schicksalsergebenheit oder der Schicksalstrotz, tapfere Würde, die Überlebenskämpfe und Liebesnöte, Schuldgefühle, Scham und Resignation, verstaubte Erfolge, Süchte und Sehnsüchte, die verwelkten Hoffnungen, der abblätternde Stolz und die geplatzten Träume, die ihm seine Kunden sichtbar, hörbar und riechbar demonstrieren, wecken nur selten ein Fünkchen Mitgefühl in ihm.

Sol ist emotional gleichsam tiefgekühlt, er läßt nicht mit sich handeln und gibt nicht einen Dollar mehr, nur weil jemand vor ihm weint, klagt oder ihm gar droht. Er ist der versteinerte Verwalter unzähliger Strandgüter der Verzweiflung und widmet sich der präzisen Buchführung ihres Pfandwertes, ihres endgültigen Vergessens oder ihrer Wiedereinlösung.

Betrügen kann man ihn erst recht nicht. Er weiß, wann jemand lügt, ob eine angeblich goldene Uhr nur aus Messing ist oder wenn er Diebesgut vor sich hat. Sol Nazerman kann man nichts vormachen, er war in der Hölle, und manche seiner Kunden ahnen das, wenn sie die tätowierte Zahl auf seinem Unterarm bemerken.

Nur wenn der Jahrestag der Ermordung seiner Familie naht, wird Sol dünnhäutiger, und schmerzempfindliche Gefühlsregungen steigen häufiger auf und erschüttern seine Unberührbarkeit, Unverwundbarkeit und Verschlossenheit, sein einfach nur von Tag zu Tag die Gegenwart bearbeiten.

Marilyn Birchfield, eine Sozialarbeitern von herzlich-zugewandter Wesensart, die sich um die Jugendlichen im Viertel kümmert, umwirbt Sol unerschütterlich mit Freund- schaftsangeboten und einmal unternimmt er eine sonntägliche Bootsfahrt mit ihr und kann diesen Tag und die bescheidene Nähe zu ihr sogar genießen.

„Manchmal lächelte er ein wenig, dann wieder verengten sich seine Augen, und über sein leeres, begrabenes Gesicht strich ein Hauch Lebendigkeit wie eine Brise.“ (Seite 127)

Als Sol zufällig herausfindet, daß Murillio, der italienische Großkriminelle, der sein Geld über Sols Pfandhaus waschen läßt, ein Bordell betreibt, weigert sich Sol aus persönlich- en Gründen, die mit bestimmten, entsetzlichen Erfahrungen im Konzentrationslager zusammenhängen, weiterhin dieses Geld zu „bearbeiten“. Über Murillios Mord- drohungen kann Sol nur lachen, und er sagt ihm ins Gesicht, daß ihm sein Leben gleichgültig sei. Murillio ist davon dermaßen beeindruckt, daß er seine Drohung glaubhaft zurückzieht und mit Bedauern ihre kaufmännisch-kriminelle Trennung akzeptiert.

Wenig später, bei einem bewaffneten Überfall auf das Pfandleihhaus, rettet ein Mensch Sol das Leben, indem er sich spontan schützend vor ihn stellt und somit sein eigenes Leben für Sol opfert. Sol kniet neben seinem sterbenden Lebensretter, und plötzlich fallen die jahrelange Betäubung, Erstarrung und Lebensgleichgültigkeit von ihm ab, und er entdeckt, daß er doch noch ein Herz hat, das Liebe empfinden kann. Endlich kann er weinen und die Trauer um seine schmerzlichen Verluste zulassen.

„Den Schmerz, den er dabei verspürte, nahm er hin, wenn schon nicht froh wie ein Märtyrer, so immerhin willig, wie ein Erbe.“ (Seite 348)

Der Autor malt mit seinen Sätzen erschütternde Bilder, mit denen uns die tiefe Qual, das untröstliche Leid und die Herzensvernichtung des Pfand- leihers unter die Haut gehen. Obwohl die Darstellung der schrecklichsten Vergangenheit nicht ausführlich geschieht und insgesamt höchstens zwanzig Seiten des Romans umfaßt, wachsen beim Lesen Ängste vor der Enthüllung weiterer grausamer Einzelheiten. Mit dem Pfandleiher Sol Nazermann hat Edward Lewis Wallant eine literarische Figur erschaffen, die sich schmerzhaft-unvergeßlich ins Gedächtnis prägt.

Die zwischenmenschliche Komplexität und die szenische Komposition der Romane von Edward Lewis Wallant habe ich bereits in meiner Rezension zu seinem Roman „Mr Moonbloom“ gelobt: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/20/mr-moonbloom/

Auch im „Pfandleiher“ schafft es der Autor, einen Charakter mit ein oder zwei Sätzen von einprägsamer Tiefenschärfe und transparenter Menschenkenntnis auf den Punkt zu bringen. Die vier nachfolgenden Zitate mögen dies illustrieren:

„Sie war ein hellhäutiges Mädchen von zarter, flittriger Schönheit, und ihre gries- grämige, gelangweilte Miene demonstrierte aller Welt, dass sie sich von ihrem begriffsstutzigen Gatten zwar hatte kaufen lassen, ihr Preis aber stetig stieg – direkt vor seinen verzweifelten Augen.“ (Seite 89)

„Versuchte er, mehr Wörter zu benutzen, als er für eine Bitte oder schlichte Antwort brauchte, kamen sie als verworrenes Geschlängel aus ihm heraus, über dessen Anfang und Ende er keinen Überblick hatte.“ (Seite 111)

„Also redete er, Gelehrter für einen Moment, und der hohe, klare Turm seines Verstandes war vorläufig von allem sich windenden Verlangen leergefegt, alle niederen Gelüste waren von der Reinheit intellektuellen Begehrens in einen dunklen Keller verbannt.“ (Seite 139)

„Und wenn sie ihn ansah oder auch nur an ihn dachte, fühlte sie etwas Unermessliches, Unsägliches an ihrer Seele, ihrem Geist zerren. Es war, als dränge aus der Ferne ein gewaltiges Wehklagen an ihr Ohr, und sie hatte das Gefühl, sie könne nicht in derselben Welt mit diesem Weinen leben, ohne Abhilfe wenigstens zu versuchen.“ (Seite 221)

Querverweis:

Hier geht es zu meiner Besprechung von „Mr Moonbloom“, Edward Lewis Wallants letztem Roman:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/20/mr-moonbloom/

 

PS:
„Der Pfandleiher“ wurde 1964 unter der Regie von Sidney Lumet mit Rod Steiger in der Hauptrolle verfilmt.

Eine weitere differenzierte Rezension gibt es beim Literaturblog Sätze & Schätze:
Zeitlose, nie endende Traurigkeit: Der Pfandleiher. Eine Wiederentdeckung.

Der Autor:

»Edward Lewis Wallant wurde 1926 in New Haven, Connecticut, geboren. Nach dem Kriegsdienst studierte er in New York Gestaltung und arbeitete in der Werbung. Mit »The Human Season« (1960) und »Der Pfandleiher« (1961) zählte er rasch zu den bedeutendsten Autoren seiner Generation – neben Philip Roth, Norman Mailer und Saul Bellow. Noch vor Veröffentlichung seines dritten Romans »Mr Moonbloom« verstarb er überraschend, mit nur 36 Jahren, an einem Gehirnschlag.«

Die Übersetzerin:

»Barbara Schaden arbeitete nach dem Studium der Romanistik und Turkologie als Verlagslektorin und ist heute Übersetzerin, u.a. von Patricia Duncker, Nadine Gordimer, Maurizio Maggiani und Karen Armstrong.«

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Mr Moonbloom

  • Roman
  • von Edward Lewis Wallant
  • Originaltitel: »The Tenants of Moonbloom«
  • Mit einem Vorwort von Dave Eggers
  • Übersetzung aus dem Englischen
  • von Barbara Schaden
  • Berlin Verlag 2012      http://www.berlinverlag.de
  • 978-3-8270-0974-6
  • 317 Seiten
  • 22,99  €
  • Taschenbuchausgabe Oktober 2013
  • 9,99 € (D), 10,30 € (A), 13,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8333-0922-9

Layout 1

H A U S W E S E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Originalausgabe von „Mr Moonbloom“ erschien bereits 1963, doch das Warten auf eine Übersetzung ins Deutsche hat sich gelohnt.

Das Bühnenbild für den Roman „Mr Moonbloom“ begegnet uns schon bei dem überaus passenden Titelbild des Schutzumschlages: ein mindestens viergeschossiges altes Haus, Backsteinmauern, dunkle Fenster, heruntergelassene Jalousien, eine eiserne Feuertreppe mit Etagengalerien, winterliches Licht, noch nicht ganz nächtlich, aber dunkel genug, um die wenigen Lichtblicke  – ein mit einer bunten Lichterkette geschmücktes Geländer und die beiden einzigen hell erleuchteten Fenster dahinter – hoffnungsvoll hervorzuheben. Die farbenfrohen Lichtfünkchen mildern den angestaubten und heruntergekommenen Eindruck, den das Gebäude macht. Eine Szenerie wie  für einen Woddy-Allen-Film! So lasse ich mich als Leserin gerne anlocken.

Ich kann es gar nicht oft genug betonen, wie wichtig ein stimmiges Titelbild ist. Wie häufig habe ich als Buchhändlerin einen hervorragenden Text mit leidenschaftlichem Plädoyer vor seinem unpassenden Buchumschlag verteidigt. Danke, Berlin Verlag, für eine Buchumschlagsgestaltung, die wirklich mit dem Romaninhalt korrespondiert.

Norman Moonbloom ist ein 32jähriger Junggeselle; nach diversen unvollendeten Studier- experimenten arbeitet er für seinen erfolgreichen Bruder Irwin als Verwalter von vier ausgesprochen maroden Mietshäusern in Manhattan. Dem Vorwort von Dave Eggers entnehme ich, daß die im Roman beschriebenen Straßen (Mott Street, 70th Street und 13th Street) heute zu den besseren und teureren Wohngegenden gehören, was jedoch in den sechziger Jahren, in denen die Geschichte spielt, genau umgekehrt war.

Die Geschichte beginnt mit einem Telefongespräch zwischen den ungleichen Brüdern. Norman Moonbloom sitzt in seinem staubigen Kellerbüro an seinem sperrmüllreifen Schreibtisch und serviert seinem Bruder Irwin eine haarsträubende Aufzählung von reparaturbedürftigen Wohnungszuständen, ja geradezu Baufälligkeiten.

Irwin, dessen Zeit nach eigenen Angaben 50 Dollar die Stunde wert ist, verweist seinen Bruder zur Problemlösung auf den mobilen Hausmeister Gaylord, der für 40 Dollar die Woche vier Häuser zu versorgen hat. Normans Einwand, daß man von einem dermaßen unterbezahlten Helfer nicht viel erwarten könne, wird von Irwin ignoriert, aber immerhin verspricht er ihm eine Überweisung von lächerlichen 500 Dollar, um die dringendsten Mängel zu beheben. Mit heiterer Resignation zieht sich Norman daraufhin innerlich von den Erfolgsforderungs-predigten seines Bruders zurück und gibt sich der Betrachtung des Augenblicks hin:

„Er saß zwischen Tagtraum und nichts und sah sich an, was es zu sehen gab. Die Sonne musste sich bücken, um hier einzufallen. Sie kam als Widerschein vom Gehsteig über ihm und wirkte fast wie künstliches Licht. Die kopflosen Körper der Passanten bildeten eine faszinierende  Parade; vollständig waren nur die Kinder.“  (Seite 16)

Anschließend macht er sich müde auf den Weg zu seiner Arbeit, die darin besteht, die wöchentliche Miete persönlich bei jedem Mieter in bar zu kassieren und zu quittieren.

„ » Dauert keine Minute «, sagte Norman, setzte sich und stellte mit seiner kleinen, bedächtigen Handschrift, die zu wohlgeformt war, um Charaktereigenschaften preiszugeben, die Quittung aus.“  (Seite 31)

Während jeder Mietkassierrunde lauscht Moonbloom den Beschwerden über tropfende Wasserhähne, lebensgefährliche Stromleitungen, gesprungene Fliesen, verklemmte Fenster, verbotene Fahrstühle, mangelhafte Lichtquellen usw. Hinzu kommen die Klagen über Reibereien zwischen den Mietern, denn trotz der allgemein miserablen und heruntergekommenen Wohnsituation reicht die Bandbreite der mitmieterlichen Lebensarten von überkompensatorischer Hyperhygiene bis zur verwahrlosten Kakerlaken-WG. Die freundlich-unbestimmte Wesensart Moonblooms macht ihn zum Adressaten der gesammelten Schicksalsklagen und Lebensbeichten aller Mieter. So werden wir Mitleser einer bunten, meist traurigen Schicksalspalette trotzig Überlebenswilliger.

Wegen  des schmalen Etats für fällige Reparaturen und Instandsetzungen versucht es Moonbloom bei den durchaus berechtigten Klagen der Mieter mit einer verständnisvollen Verzögerungstaktik. Moonbloom geht mit einem emotionalen Schutzkokon durchs Leben und läßt weder die grausame noch die schöne Realität wirklich fühlbar an sich heran. Das gilt für die Spielarten von Einsamkeit, Enttäuschung, Verletzlichkeit, Verzweiflung, Empörung, von verzerrten Liebesgefühlen und schlimmen Kindheiten sowie für die bescheidenen Glücks- und Trostnischen, die ihm die Mieter vorführen, ebenso wie für die Wohnungsmißstände.

Das ändert sich nach einer fieberhaften Erkrankung, die ihn fünf Tage ans Bett fesselt und ihm in einer Art innerem Psychoheimkino sein bisheriges Leben vorführt. Langsam, aber unwiderruflich erkennt er, daß sein eigentliches Versagen nicht in der bescheiden- en beruflichen Situation besteht, sondern in seiner bisherigen Lebensgefühlsverweiger- ung. Er überschreitet die „Schmerzschwelle“, und wie aus einem sozialen Dornröschen- schlaf erwacht, ergreifen ihn unvermittelt Wirklichkeit, Schmerz und Schönheit des Lebens und Fühlens.

Von Erfahrungsschritt zu Erfahrungsschritt wird er Teil der Leidensgenossenschaft seiner Mieter, und es berührt ihn, daß die Wohnungen in unzumutbar schlechtem Zustand sind. Er schaut mit neuen Augen in die Welt und hört mit neuen Ohren, was die Menschen ihm erzählen; er entwickelt ungeahnte Tatkraft. Aus einem passiven, ver- träumten Erdulder wird ein zupackender, zielstrebiger und mutiger Handelnder, der Einfluß auf die Wirklichkeit nimmt.

Zusammen mit dem mobilen Hausmeister Gaylord sowie einem autodidaktischen Klempner und einem einarmigen Elektriker macht sich Norman Moonbloom daran, alle Mängel zu beheben. Er organisiert die Arbeiten nicht bloß, er arbeitet mit seinen eigenen, zwar etwas ungeschickten, aber fleißigen Händen eifrig, fast besessen mit. Daß seine handwerkliche Unerfahrenheit z.B. einmal dazu führt, daß er sich beim Auftragen von Schellack auf einen Holzboden „in eine Zimmerecke hineinlackiert“ und daß er dort 12 Stunden ausharren muß, bis der Lack getrocknet ist, trägt er mit Fassung.

„Das mystische Denken, zu dem er jetzt neigte, hatte ihn zu der Überzeugung geführt, dass die Sorgen der Menschen in die Wände und Böden ihrer unmittelbaren Umgebung eindringen, weshalb die neuen Mieter neue Leinwände bekommen sollten, auf denen sie ihr Leben malen konnten. Folglich hatte er die Räume in seiner Lieblingsfarbe gestrichen, Weiß…“ (Seite 271)

Wie Norman Moonbloom nach Vollendung seines Renovierungsplans seine eigene neue Lebensleinwand bemalen wird, das verrät uns der Roman nicht mehr. Doch angesichts der menschlichen Reife und der Lebensoffenheit, zu der Moonbloom erwacht ist, können wir ihn ganz zuversichtlich seinem unbeschriebenen Schicksal überlassen.

Die besondere Gabe des Autors, Edward Lewis Wallant, liegt in der zugleich einfühlsamen wie schonungslosen Beschreibung der verschiedenen Charaktere, die seinen Roman bevölkern. Es ist bewundernswert, wie er es schafft, mit wenigen Sätzen, manchmal sogar nur mit einem einzigen Satz und einer kurzen Dialogszene einen Charakter und eine dazugehörige biografische Entwicklung in glaubwürdige Erscheinung treten zu lassen.

Nehmen wir z.B. den jungen Chinesen Jerry Wung, der den jungfräulichen Moonbloom stets mit ausführlichen Berichten über seine sexuellen Ausschweifungen nervt:

„Diese tiefen, geschwungenen Konturen eines nordchinesischen Gesichts in Kombination mit dieser Stimme erweckten den Eindruck, als sei eine Ming-Vase an einen Verstärker angeschlossen worden.“ (Seite 58)

Oder der Italienischlehrer Basellecci, der sich durch zeremoniellen Kaffegenuß und die Liebe zu den Feinheiten der Sprache kulturell über Wasser hält:

„Basellecci war ein Mann in jenem langen Lebensanschnitt, der nicht jung und nicht alt ist…Mr Baselleccis Finger, in Liebe zu den Vokalen gekrümmt, verharrten schwebend in der Luft… In der einen Hand die Kaffeetasse, während die andere seiner Passion Gestalt gab, stand er zwischen seiner heiligen und seiner profanen Liebe, und sein sachliches Gesicht kam der Verklärung so nah, wie es ihm möglich war.“ (Seite 55)

Ein Satz zu Sarah Lublin, die zusammen mit ihrem Ehemann Aaron das KZ überlebt hat:

„Ihr Gesicht war derart charakterstark, dass es keine Schminke  brauchte.“ (Seite 41)

Und auch wie Norman Moonbloom in den Augen der unterschiedlichen Mieter erscheint, kommt nicht zu kurz und wird treffend und dialogdramaturgisch geschickt in Szene gesetzt, z.B. als er bei den Jazzmusikern Stan Katz und Sidone die Miete abholt und die beiden um rücksichtvollere  musikalische Übungszeiten bittet:

„ »Wie geht’s, wie steht’s, Moonbloom? Sieh ihn dir an, Stan, wie friedlich er aussieht, wie natürlich! Man rechnet fast damit, dass er sich bewegt. Ach, diese Einbalsamierer, das sind doch Genies! « ” (Seite 35)

Oder der frustrierte  Lehrer Wade Johnson, der Moonbloom bei jedem Besuch mit alkoholisierten Poesierezitationen traktiert und dennoch die Veränderung bemerkt, die mit Moonbloom geschehen ist:

„Wade Johnson kniff unerwartet die Augen zusammen und musterte ihn. » Na so was,  Norman, Sie kleiner Kloß, Sie haben sich ja auf einmal ein Gesicht wachsen lassen. « ”
(Seite 285)

Es liegt an der ausdrucksvollen, einprägsamen Figurenzeichnung, daß man trotz der vielen Personen nie den Faden verliert. Sie sind nicht alle sympathisch, aber in ihrer Größe und ihrer Kleinheit kommen sie dem Leser nahe und spiegeln Facetten menschenmöglichen Daseins unter bedrückenden Bedingungen. Dazwischen erblüht hier und da eine melancholische, schicksalsironische Heiterkeit und aufrichtige Mitmenschlichkeit, ganz ähnlich der auf dem Titelbild gegen die Finsternis anleuchtenden Lichterkette.

 

Querverweis:

Hier geht es zu Edward Lewis Wallants zweitem Roman: Der Pfandleiher:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/01/13/der-pfandleiher

Der Autor:

»Edward Lewis Wallant wurde 1926 in New Haven, Connecticut, geboren. Nach dem Kriegsdienst studierte er in New York Gestaltung und arbeitete in der Werbung. Mit The Human Season (1960) und The Pawnbroker (1961) zählte er rasch zu den bedeutensten Autoren seiner Generation – neben Philip Roth, Norman Mailer und Saul Bellow. Noch vor der Veröffentlichung seines dritten Romans Mr Moonbloom, mit nur 36 Jahren, verstarb er überraschend an einem Gehirnschlag.«

PS:
Unwillkürlich empfindet man Bedauern, wenn man im Klappentext die Information erhält, daß der Autor im Alter von nur 36 Jahren durch einen Gehirnschlag gestorben ist und die Veröffentlichung von  „Mr  Moonbloom“  posthum erfolgte. Bleibt zu hoffen, daß die zwei anderen Romane von Edward Lewis Wallant auch noch ins Deutsche übersetzt werden. Ich jedenfalls läse sie sehr gerne – und wohl nicht nur ich.

PSS:
Die Taschenbuchausgabe ist im Oktober 2013 im selbigen Verlag erschienen – allerdings mit einem anderen Titelbild, das aber auch gut zum Inhalt paßt.

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http://www.berlinverlag.de/buecher/mr-moonbloom-isbn-978-3-8333-0922-9

 

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