Der Klima Kalender 2021

  • Unser blauer Planet – Schönheit und Gefahren
  • Herausgegeben von Hermann Vinke
  • Verlag edition momente, 2020  www.edition-momente.com
  • Wochenkalender
  • 60 Blätter
  • 53 Fotos
  • vierfarbig
  • Format: 32,5 x 24 cm
  • Spiralbindung
  • 22,00 € (D/A), 33,50 sFr.
  • ISBN 978-3-0360-8021-5

PLANETARISCHE  FÜRSORGE

Kalenderbesprechung von Ulrike Sokul ©

Angesichts großer Probleme und Herausforderungen ist es stets dienlich, das unmittelbar Naheliegende zu tun und zugleich komplexere Zusammenhänge im Bewußtsein zu behalten. So geht der Verlag edition momente bei der Herstellung des neuen „Klima Kalenders 2021“ und auch aller anderen Kalender ganz praktisch und konkret voran: Alle Kalender wurden klimaneutral in Deutschland gedruckt und in Biofolie eingepackt, und das einstige transparente Plastikdeckblatt wurde einfach weggelassen.

Der Herausgeber Hermann Vinke weist mit kurzen prägnanten Texten und thematisch passenden Fotografien auf bereits deutlich erkennbare Schäden und damit verbundene Gefahren des Klimawandels hin sowie auf Handlungsbedarfe und auch auf mögliche Lösungen, Rettungschancen und erfolgreiche Nischenprojekte, die einen nachhaltigen Kurs verfolgen. Der Tonfall der Texte ist sachlich informativ und wird durch Hinweise auf weiterführende Webseiten von NGOs, Forschungsinstituten und engagierte Menschen ergänzt.

Das ABC der beschriebenen Klimaaspekte reicht von Arktis, Antarktis und Permafrost über den Greendeal und die Postcarbon-Ökonomie, die Zerstörungsgewalt von Grund-schleppnetzen und dreckschleuderigen Kreuzfahrtschiffen, Palmöl-Plantagen, Smog, Sturmflutwehren, warnenden Worten indigener Schamanen, dem Methanausstoß durch Viehzucht bis zu Zement.

Ein Satellitenfoto zeigt die Eisschmelze anhand wunderschöner tiefblauer Schmelz- wasserseen auf Grönland, ein anderes Foto illustriert anschaulich die weltweite Licht- verschmutzung, die mit ihren Flutlichtern, Hausbeleuchtungen, Leuchtreklamen, Scheinwerfern und Straßenlaternen nicht nur viel Strom verbraucht, sondern auch bei vielen nachtaktiven Insekten und Tieren sowie Zugvögeln zu Orientierungsstörungen führt. Wir schauen in die buchstäblichen Abgründe des Kupferbergbaus in der Atacama-Wüste und lesen am verschwundenen, isländischen Gletscher Okjökull die Nachruf-Gedenktafel vom August 2019 mit einem Brief an die Zukunft, nebst der präzisen Angabe des aktuellen Co₂-Gehalts von 415ppm.

Foto: Berner Oberland © Prisma by Dukas Presseagentur GmbH/Alamy Stock Photo

Gleichwohl finden sich auch Lichtblicke: Ein Frühlingshaiku vor rosa Wolken aus Kirsch-blüten oder ein blättergrüner Blick in das Instituto-Terra-Projekt des brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado und seiner Frau Lélia Salgado. Ein märchenhaftes Foto bemooster Bäume zeigt den neuseeländischen Nebelwald Te Urewera, der 2014 auf Initiative der Maori zu einer juristischen Person erklärt wurde, und somit einklagbare Schutzrechte genießt. Die Erwärmung der Städte läßt sich durch attraktive Fassadenbe-grünungen an Wolkenkratzern abmildern. Die NGO „Aqua Alimenta“ fördert in Afrika, Asien und Lateinamerika mit Hilfe von Pedalpumpen und Bewässerungssystemen die ökologisch-produktive Landwirtschaft von Kleinbauern und wirkt so Armut und Hunger entgegen. Schnell nachwachsender Bambus, der biegsam und doch härter als Stahl ist, könnte der nachhaltige und preiswerte Holzbaustoff der Zukunft werden, wie erste Bauexperimente schon erfolgreich bewiesen haben.

Foto: © iStock

Im Anschluß an die Kalenderwochenblätter finden sich ergänzend noch zwei Seiten mit einer „Auswahl von Initiativen und Forschungsvorhaben für innovative Lösungen zur Bewältigung des Klimawandels“.

„Der Klima Kalender 2021“ bietet eine ausgewogene Diagnose und foto- grafische Dokumentation von Gefahren, Erkenntnissen, Lösungswegen, Denkanstößen, Zitaten und Handlungsimpulsen zur Klimadebatte und zur Ökologie. Wir werden hier keineswegs durch einen Angst- und Panikdruck gegängelt, sondern vielmehr aus Liebe zum Leben, zur Natur und zu unserem Heimatplaneten dazu ermutigt, uns einerseits dem Schmerz der Erkenntnis dessen, was auf dem Spiel steht, zu stellen und anderseits selbst im Zuge der eigenen Lebensstilpraxis ein Mosaiksteinchen des Wandels zu sein.  

 

Hier entlang zum Kalender und zur Blätterprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.edition-momente.com/kalender/klima-kalender-2021.html

Wer noch mehr zum ideellen und personellen Entstehungshintergrund sowie zur klimaneutralen Produktion des Klima Kalenders 2021 wissen möchte, kann dies unter der nachfolgend verlinkten SONNTAGSFRAGE des BÖRSENVEREINS (Fachzeitschrift für den Buchhandel) an die Verlegerin Elisabeth Raabe nachlesen.
https://www.boersenblatt.net/news/sonntagsfragen/ist-es-nicht-klimaschaedlich-fuer-2021-einen-klimakalender-zu-verlegen-frau

Der Herausgeber:

»Hermann Vinke war Redakteur bei Zeitungen und beim NDR in Hamburg, ARD-Fernost- korrespondent in Japan, USA-Korrespondent in Washington, Leiter des ARD-Studios Berlin/ Ostdeutschland, Programmdirektor Hörfunk bei Radio Bremen 1992 – 2000 und bis 2006 Radiokorrespondent für Ostmitteleuropa. Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. „Das kurze Leben der Sophie Scholl“ (1981), „Cato Bontjes van Beek“ (2003) sowie eine Biografie über den deutschen Offizier Wilm Hosenfeld in Warschau, der den »Pianisten« rettete (2015). Übersetzungen ins Japanische, Amerikanische und Hebräische. Vinke berichtete bereits während seiner Korrespondententätigkeit in Tokio in den 1980er Jahren über Klimaschäden auf der Inselwelt des Zentralpazifik (Wir sind wie die Fische im Meer. Mikronesien: Verseucht, verplant, verdorben. Zürich: Arche 1984) und hat die Region vor zwei Jahren erneut besucht und seitdem mehrere Radio-Features und Vorträge verfasst.
Wissenschaftlich begleitet wurde Der Klima Kalender von Dr. Kira Vinke, Projektleiterin EPICC (East Africa Peru India Climate Capacities) am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.«

Es sei auch darauf hingewiesen, daß der Verlag edition momente außer dem hier besprochenen Klima Kalender noch vier weitere bemerkenswerte Kalender publiziert:

Der Kinder Kalender 2021  (bereits zuvor besprochen)
Mit 52 Gedichten und Bildern aus der ganzen Welt
Herausgegeben von der
Internationalen Jugendbibliothek, München
https://www.edition-momente.com/kalender/kinder-kalender-2021.html
Hier entlang zu meiner Kalenderrezension:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2020/11/12/der-kinder-kalender-2021/

Der Literatur Kalender 2021  (bereits zuvor besprochen) 
Momente der Hoffnung
Texte und Bilder aus der Weltliteratur
Herausgegeben von Elisabeth Raabe
https://www.edition-momente.com/kalender/literatur-kalender-2021.html
Hier entlang zu meiner Kalenderrezension:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2020/11/09/der-literatur-kalender-2021/

Der literarische Küchenkalender 2021
Mit Texten, Rezepten & Bildern
Herausgegeben von Sybil Gräfin Schönfeldt
https://www.edition-momente.com/kalender/literarischer-kuechenkalender-2021.html

Der Musik Kalender 2021
Musiker und ihre Sehnsuchtsorte
https://www.edition-momente.com/kalender/musik-kalender-2021.html
Als ebenso lesens- wie hörenswertes Gesamtkunstwerk empfehle ich für den Musik Kalender 2021 gerne die meisterhafte Besprechung von Random Randomsen: https://randomrandomsen.wordpress.com/2020/11/17/veredeln-statt-verubeln-%f0%9f%98%89/

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

Die Geschichte des Buches in 100 Büchern

  • 5000 Jahre Wissbegier der Menschheit
  • von Roderick Cave & Sara Ayad
  • Originaltitel: »A History of the Book in 100 Books«
  • aus dem Englischen von Anke Albrecht
  • Gerstenberg Verlag, Juni 2015   www.gerstenberg-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 21 x 26 cm
  • 288 Seiten
  • 34,00 € (D),  35,00 € (A), 41,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8369-2104-6

B Ü C H E R R E I C H

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Von der mesopotamischen Tontafel, die in Keilschrift das Gilgamesch-Epos erzählt, bis zum fast körperlosen elektronischen Buch der Gegenwart war es ein langer und in Hinsicht auf die Gestalt des medialen Datenträgers abwechslungsreicher Weg.

„Die Geschichte des Buches in 100 Büchern“ stellt in elf chronologisch und geographisch geordneten Kapiteln Bücher aus fast aller Welt und unterschiedlicher Genres vor. Diese Bücher werden inhaltlich, stilistisch, buchbinderisch, schreib- und drucktechnisch, typo-graphisch und bezüglich der verwendeten Materialien ausführlich beschrieben sowie in den jeweiligen historischen Kontext eingeordnet und auf zahlreichen, oft ganzseitigen Fotos gezeigt.

Dieses Bücherbuch ist wissensvoll, dabei unterhaltsam und spannend. Den Autoren gelingt es, uns zeitlich und kulturell fremde Perspektiven sehr anschaulich zu vermitteln.

Wer hat sich nicht schon gelegentlich gefragt, warum chinesische Schriftzeichen von oben nach unten in schmalen Reihen geschrieben werden? Hat man erst einmal die Guodian-Bambustexte gesehen, die um 300 v.Chr. auf schmale Bambusleisten geschrie-ben wurden, begreift man unwillkürlich, wie bestimmte Schreib- und Lesegewohnheiten entstanden sind.

Die Wechselwirkung zwischen dem vorhandenen ursprünglichen Beschriftungsmaterial und der Gestaltung der Textbotschaft ist offensichtlich. Obwohl in China später auch Papier und Seide als Textträger verwendet wurden, blieb die Spaltenform der Texte bis heute erhalten.

Ich kann hier nur streiflichternde Einblicke gewähren:

Da geht die Lesereise vom kostbaren Manuskript mit feinsten Buchillustrationen im Book of Kells aus dem 8. Jahrhundert und dem ältesten gedruckten Buch, einer Schrift- rolle mit dem buddhistischen Diamant-Sutra, das 868 in China gedruckt wurde, bis zum preisgünstigen Fortsetzungsroman, der im 19. Jahrhundert von Charles Dickens und seinem Verleger erfunden wurde, vom islamischen Standardwerk der Astronomie, dem handgeschriebenen und –gezeichneten „Buch der Fixsterne“ von Al-Sufi aus dem 10. Jahrhundert bis zum Meisterwerk der Bibelforschung aus dem frühen 16. Jahrhundert, der sechsbändigen, polyglotten Complutense-Bibel, welche die Bibeltexte spaltenweise in Aramäisch, Hebräisch, Griechisch und Latein wiedergibt und deren Herstellung und Druck insgesamt fünfzehn Jahre in Anspruch nahmen, von Newtons Principia, das die moderne Wissenschaft beflügelte, bis zur Nano-Thora, für die der gesamte Text in 0,0002 mm „großen“ Buchstaben per Ionenstrahl auf einen goldbeschichteten, nur einen halben Quadratmillimeter kleinen Silizium-Chip eingraviert wurde.

Ein ausführliches Glossar erhellt die verwendeten Fachbegriffe zu den angesprochenen Themen Buch- und Papierherstellung, Druckverfahren, Papierformaten, Schriftarten und Typographie. Interne Querverweise helfen bei der thematischen Verknüpfung.

Während der Lektüre dieses Raum und Zeit durchstreifenden Bücherbuchs wächst die Bewunderung und Dankbarkeit für die Schriftkultur, für die Bewahrung des kulturellen und wissenschaftlichen Gedächtnisses und für die Vielfalt und den Einfallsreichtum der Schreiber und Büchermacher, die auf Bambus, Palmblättern, Papyrus, Pergament und Rindenpapier bis in die Gegenwart zu uns sprechen.

„Liber insularium archipelagi“ MANUSKIRPT-Seite aus dem Reisebericht/Reiseführer von Cristoforo Buondelmonti aus dem Jahre 1420 © Gerstenberg Verlag 2015

So begegnen uns im Verlaufe der Geschichte des Buches viele zeitlos aufgeschlossene, tolerante Wissenshüter, aber auch religiös-fanatisierte, wahlweise christlich oder islamisch motivierte Wissensverhüter und Bücherverbrenner. Angesichts der zer- störten antiken Bibliothek von Alexandria und der Zerstörung des Bait al-Hikma (Haus der Weisheit), das im 9. Jahrhundert vom Kalifen Harun al-Raschid als Bibliothek, Forschungszentrum und Observatorium in Bagdad gegründet wurde, fragt man sich unwillkürlich, ob wieviel wir noch von dem wissen, was wir schon einmal wußten.

Doch manchmal findet man Verlorenes wieder, und zwar als Palimpsest auf alten Pergamenten. Pergament ist verhältnismäßig dick, und da es ein sehr kostbarer Beschreibstoff ist, hat man früher häufig alten Text abgeschabt, abgekratzt (vom griech. palimpsēstos) oder abgewaschen und anschließend neu beschrieben. Doch es bleiben Spuren der vorherigen Schrift erhalten, die buchstäblich durchschimmern.

Palimpseste faszinieren und bewahren so manchen vielleicht noch unentdeckten Manu-skriptschatz. So wurden etwa sieben Traktate des Archimedes als Palimpsest unter den im 13. Jahrhundert neu beschrifteten Seiten eines Byzantinischen Gebetbuches entdeckt und durch moderne Bildgebungsverfahren wieder ans Leselicht geholt.

„Die Geschichte des Buches in 100 Büchern“ empfiehlt sich allen Bibliophilen und Wißbegierigen. Es blättert ungeahnte Bücherhorizonte auf, bereitet informatives und hochinteressantes Lesevergnügen und lehrt uns immer wieder das Staunen.

Wußten Sie beispielweise, daß man im antiken Griechischen und Etruskischen die Schreibweise Bustrophedon pflegte? Bustrophedon leitet sich ab von „wenden wie pflügende Ochsen“ und bedeutet, daß ein Text zeilenweise die Schreibrichtung wechselt, also ein von links nach rechts verlaufender Text in der nächsten Zeile von rechts nach links fortgesetzt wird.

Vertraut mit der vergleichsweise simplen Schreibrichtung von links nach rechts ist gerade noch die semitische Schreibweise von rechts nach links vorstellbar, aber die Vorstellung des bustrophedonischen Schreibstils ist wohl eine herausfordernde Denkgymnastik.

Doch genau dafür waren und sind Bücher doch gut, nicht nur um Blätter zu wenden, sondern auch um das Denken zu wenden, zu bewegen und damit zu belüften.

 

PS:
Leider ist dieses schöne Buch inzwischen vergriffen. Sie müssen sich auf antiquarischem Wege darum bemühen.

 

Die Autoren:

»Roderick Cave ist Bibliothekar und Spezialist für historische Bücher. Er berät Bibliotheken, Museen und Universitäten in den USA, Australien und Ostasien sowie die British Library in England.«

»Sara Ayad beschäftigte sich ihr ganzes Leben lang mit Büchern; als Bibliotheksassistentin, Buchhändlerin, Lektorin und zuletzt als Forscherin für Abbildungen. Seit 2001 ist Ayad eine gefragte Bildrechercheurin für renommierte britische Kunstinstitute«

 

Querverweis:

Das Kinderbuch „Lee Raven“ von Zizou Corder inszeniert auf faszinierende Weise die Freundschaft eines analphabetischen Straßenkindes mit einem charakterstarken, geheimnisvoll-mythischen Verwandlungsbuch und reflektiert damit anschaulich und kindgerecht die Entwicklungsgeschichte und den Wertgehalt des Buches.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/25/lee-raven/

Für erwachsene Leser, die das Thema PAPIER gerne vertiefen möchten, bietet sich Erik Orsennas Sachbuch „Auf der Spur des Papiers“ an. Es ist das imponierend-abenteuerliche Sachbuch eines Autors, dem man die Liebe zu seinem Stoff anmerkt und der bei seinen Recherchen wahrlich keine Mühen gescheut hat, um einen weltumspannenden Bogen lebendigen Papierwissens für uns Leser zu erreisen.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/06/17/auf-der-spur-des-papiers/

 

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