Lennart Malmkvist und der ziemlich seltsame Mops des Buri Bolmen

  • von Lars Simon
  • Originalausgabe
  • Roman
  • 1. Band der Lennart-Malmkvist-Reihe
  • DTV Verlag     Oktober 2016    http://www.dtv.de
  • Taschenbuch
  • 432 Seiten
  • 9,95 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21651-7

MÖGE  DER  MOPS  MIT  DIR  SEIN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Für die Schnelleser vorab: Ein junger, erfolgreicher Unternehmensberater mit Liebesallergie erleidet einen dramatischen Karriereknick und befindet sich unverhofft in der Umschulung zum Magier.

Hinter dem etwas sperrigen Titel „Lennart Malmkvist und der ziemlich seltsame Mops des Buri Bolmen“ verbirgt sich ein komplex angelegter Roman mit kriminellen, kulinarischen und magischen Elementen sowie eigenwilligen, geheimnisvollen und kapriziösen Charakteren. Der Erzählfluß ist ausführlich und gemächlich sowie auf unterhaltsame Weise spannend. Phantasievolle Details, filmreife Situationskomik und überraschende Wendungen runden die Lektüre vergnüglich ab.

Und nun für alle, die es etwas genauer wissen wollen, die minutiöse Version: Lennart Malmkvist lebt im hohen Norden und steht auf der Sonnenseite des Lebens. Er bewohnt eine Mietwohnung in einem luxussanierten Altbau in der Västra Hamngatan, in einem der begehrtesten Stadtviertel Göteborgs. Beruflich ist er als erfolgreichster Unternehmensberater für die Investmentfirma HIC AB tätig, die mit Firmen aus der Medien- und Kommunikationsbranche handelt. Lennart bereitet gerade eine Präsentation für eine weitere lukrative Firmenbeteiligung vor, auf die Harald Hadding, der charismatische Herrscher der HIC AB, besonderen Wert legt.

Einen bitteren Wermutstropfen gibt es allerdings schon in Lennarts Leben. Er hat eine Liebesallergie, d.h. sobald er nach einer amourösen Begegnung auch nur den Gedanken an eine weitergehende Beziehung hegt, befällt ihn ein unerträglich juckender, pusteliger Ausschlag. Das bringt ihn stets in die Verlegenheit, sich auf keine Frau wirklich einlassen zu können.

Lennart denkt mit Vergnügen an die vergangene Nacht, die er mit seiner Kollegin Emma verbracht hat, aber seine Vorfreude, sie bald darüber aufzuklären zu müssen, daß sich nichts Bindendes aus dieser Liebeslustnacht ergeben wird, hält sich in Grenzen.

Doch jetzt ist erst einmal Wochenende, und Lennart macht sich auf den Weg einige Einkäufe (Zimtkringel, Zeitung) zu erledigen. Im Treppenhaus wird er von seiner mollig-mütterlichen Nachbarin, Maria Calvino, abgefangen, die ihn bittet,  Buri Bolmen, dem Nachbarn im Parterre, einige Kostproben ihrer italienischen Kochkunst abzuliefern.

Buri Bolmen führt im Erdgeschoß des Hauses ein Geschäft für Zauber- und Scherzartikel. Nicht zum ersten Mal wundert sich Lennart, wovon Buri Bolmen eigentlich lebt, denn Kunden haben in seinem mit Kuriositäten vollgestopften Laden größeren Seltenheitswert als die Ware. Der Inhaber von „Bolmens Skämt- & Förtrollningsgrotta“ ist schon recht betagt,  schrullig-verschmitzt und erinnert mit seinem langen weißen Bart wirklich an einen Zauberer. Er lebt mit Bölthorn, seinem mürrischen Mops, zusammen. Gegenüber Lennart ist Buri Bolmen sehr warmherzig und beinahe großväterlich-zugewandt, und Lennart hat den alten Kauz auch ziemlich gern.

In der nächsten Woche sieht und hört Lennart auf dem Weg zur Arbeit wieder einmal diesen unheimlichen, rotbefrackten Leierkastenmann, der ihn in der letzten Zeit sogar bis in seine Träume verfolgt. Im Traum hatte der Leierkastenmann Lennart nachdrücklich darauf hingewiesen, daß er sein Schicksal annehmen müsse. Lennart ist irritiert, aber er muß sich auf seine bevorstehende und äußerst karriererelevante Präsentation konzentrieren.

Kaum eine Stunde später steht Lennart fristlos entlassen auf der Straße. Eine plötzliche unerklärliche Sprachstörung Lennarts machte die sorgfältig vorbereitete Präsentation und die zu erwartenden Firmenfusionen zunichte.

Zu Hause blockieren blinkende Polizeiwagen die Straße, und die ermittelnden Beamten informieren Lennart darüber, daß sein Nachbar Buri Bolmen ermordet wurde. Lennart wird von Kommissar Hendrik Nilsson und Kommissarin Maja Tysja vernommen, und schließlich muß er auch noch den Mops bei sich aufnehmen, da das Tier sonst im Tierheim landen würde.

Lennart ist nicht amüsiert und der Mops offensichtlich auch nicht, aber man arrangiert sich. Maria Calvino kann den Mops, obwohl sie  ihn sehr mag, leider nicht nehmen, da sie eine Hundehaarallergie hat. Sie besticht Lennart mit Gaben ihrer unermüdlichen Kochkunst, und Lennart versucht, erst einmal zur Besinnung zu kommen.

Am nächsten Tag erhält Lennart handschriftliche Post von Advokat Cornelius Isaksson und erfährt, daß Buri Bolmen ihm sein Geschäft und die dazugehörige Immobilie vermacht habe – allerdings unter der Bedingung, daß er sich ein Jahr lang um den Laden und um den Mops kümmere. Lennart ist sprachlos, und Mops Bölthorn beginnt zu sprechen …

Für Lennart öffnet sich eine neue Welt, und er braucht eine ganze Weile, bis er die Erweiterung seiner gewohnten Wirklichkeit um eine magische Dimension akzeptiert. Unter Bölthorns kundiger Anleitung lernt er alltägliche Dinge von magisch aufgeladenen  zu unterscheiden, und so entpuppt sich der Zauberladen als perfekte Tarnung für echte Magie.

„Magie selbst ist, bis auf wenige Ausnahmen, unsichtbar. Nur ihre Auswirkung erkennt man, verstehst du?“ (Seite 252)

Die erste kleine Zauberübung besteht darin, das Zauberlehrlingsbuch aus seiner Tarnung hervorzuzaubern, was Lennart gut gelingt. Und dann wird geübt, geübt, geübt, und Bölthorn klärt Lennart beiläufig darüber auf, das er nun einer der „vier Wächter der Dunklen Pergamente“ sei und Bölthorn sein Adlatus.

Vor beinahe tausend Jahren bannten vier Magier den bösen Geist von Olav Krähenbein in ein steinernes Amulett und seine dunkle Magie in ein Pergament aus der Haut eines schwarzen Wolfes. Das Amulett wurde entzweigebrochen und an weit voneinander entfernten Orten tief vergraben. Das Pergament wurde gevierteilt und von den Magiern ebenfalls an getrennten Orten aufbewahrt und beschützt, damit dieser böse Geist niemals mehr die Möglichkeit hätte, an die Macht zu kommen.

Leider ist nicht alles harmlos, was Archäologen ans Tageslicht befördern, und so geschah es, daß die Amuletthälften wieder zusammengefügt wurden. Nun ist der Schattengeist Olav Krähenbein auf der Suche nach den Pergamenten …

So weit – so klassisch, aber die Zeit drängt, denn der Mord an Buri Bolmen dürfte mit dieser sagenhaften Schattenfigur in Zusammenhang stehen. Außerdem ist Lennarts Kollegin Emma plötzlich verschwunden, und jemand ist in den Zauberladen eingebrochen und hat ihn gründlich durchsucht; das Schwarze Pergament befindet sich nicht mehr in seinem üblichen Versteck.

Lennarts bester Freund, Frederik Sandberg, ist Computerspezialist, Hacker und Star-Wars-Liebhaber. Auf Lennarts Bitte hin recherchiert er illegal nach Emmas Personalakte im System der HIC AB und stellt fest, daß man sich erstaunlich viel Mühe damit gegeben habe, diese ansonsten gänzlich unauffällige Akte zu verstecken.

Wie hängt das alles zusammen? Wer ist Freund und wer ist Feind? Gibt es Gnome und Feen und woran erkennt man sie?  Wer oder was ist der Leierkastenmann? Wer ist der Mörder?

Die strenge, unterkühlt-attraktive Kommissarin Maja Tysja findet indes Lennart verdächtig, da er mit dem wertvollen Haus in der Västra Hamngatan ein nicht unbeträchtliches Erbe von Buri Bolmen erhalten hat. Komplikationen über Komplikationen; wenigstens gibt es regelmäßig köstliches, italienisches Essen bei Maria Calvino, sonst wären Lennart und Bölthorn längst entkräftet.

Wie diese zauberhaft-gefährliche Geschichte tatsächlich ausgeht, verrate ich natürlich nicht, nur, daß dieses vorläufige Ende schon den Anfang der nächsten Geschichte einleitet; es bleiben genug lose Fäden und ungeklärte Andeutungen, die reichlich magieverdächtigen Stoff und zwischenmenschliche Verstrickungen für eine Fortsetzung bieten. Außerdem muß Lennart unbedingt noch viel besser zaubern lernen …

Lars Simons Schreibstil ist atmosphärisch, spannend und abwechslungsreich sowie bisweilen feinsinnig-nachdenklich, seine Figurenzeichnung ist lebhaft und sinnlich-anschaulich, er läßt sich Zeit, die Charaktere auszumalen, seine phantasievollen magischen Details sind amüsant und dramaturgisch raffiniert, wie beispielsweise das Keksdosenorakel, das nur auf gereimte Fragen antwortet und dabei einen hohen Anspruch an die Reimqualität des Fragenstellers pflegt – ein Garant für heitere Wortduelle zwischen zwei sehr ungleichen Sprachkünstlern.

Besonders gelungen ist die Beziehungsdynamik zwischen Lennart und Bölthorn. Anfänglich distanziert-kritisch entwickelt sie sich zu einer sehr kooperativ-zugeneigten Gemeinschaft. Als magischer Profi muß Bölthorn angesichts von Lennarts magischem Analphabetismus zwar noch oft mit den Mopsaugen rollen, doch langsam wächst Lennart mit „Mut, Entschlossenheit und Vertrauen“ in seine neue Heldenrolle hinein.

Das läßt vorfreudig darauf hoffen, daß es mit Lennart und Bölthorn im Folgeband zauberhaft weitergehen wird.

 

PS:
Ich empfehle die Lektüre ausdrücklich nur mit vollem Magen, denn die überaus leckeren italienischen Unendlichkeitsmenüs, die Lennarts Nachbarin Maria Calvino serviert, kann man sonst nur schwer aushalten. 😉

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/lars-simon-lennart-malmkvist-und-der-ziemlich-seltsame-mops-des-buri-bolmen-21651/

Hier entlang zur verlagseigenen Webseite zum Buch mit Übersichtskarte und Fotos von Romanschauplätzen, Autoreninterview mit zauberhaften Hinweisen auf die Fortsetzung der Lennart-Malmkvist-Mops-Reihe und einem leckeren Nachtischrezept … 
https://www.dtv.de/special-lars-simon-lennart-malmkvist-und-der-ziemlich-seltsame-mops-des-buri-bolmen/start/c-1067

Hier entlang zum zweiten Band: Lennart Malmkvist und der ganz und gar wunderliche Gast aus Trindemossen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/11/28/lennart-malmkvist-und-der-ganz-und-gar-wunderliche-gast-aus-trindemossen/
Hier entlang zum dritten, mopsfidelen Band: Lennart Malmkvist und der überraschend perfide Plan des Olav Tryggvason:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/01/26/lennart-malmkvist-und-der-ueberraschend-perfide-plan-des-olav-tryggvason/

 

Der Autor:

»Lars Simon, Jahrgang 1968, hat nach seinem Studium lange Jahre in der IT-Branche gearbeitet, bevor er mit seiner Familie nach Schweden zog, wo er als Handwerker tätig war. Heute lebt und schreibt der gebürtige Hesse wieder in der Nähe von Frankfurt am Main. Bisher sind von ihm bei dtv die Comedy-Romane ›Elchscheiße‹, ›Kaimankacke‹ und ›Rentierköttel‹ sowie der Urban-Fantasy-Roman ›Lennart Malmkvist und der ziemlich seltsame Mops des Buri Bolmen‹ erschienen. Lars Simon ist ein Pseudonym.«

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Das Schweigen des Sammlers

  • von Jaume Cabré
  • Originaltitel: »Jo confesso«
  • Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt und Petra Zickmann
  • Insel Verlag, Dezember 2011  http://www.insel-verlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 845 Seiten,  24,95 €
  • ISBN 978-3-458-17522-3
  • Taschenbuchausgabe, April 2013
  • ISBN 978-3-458-35926-5
  • 9,99 € (D), 10,30 € (A), 14,90 sFr.
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DAS  BEREDTE  SCHWEIGEN  DER  DINGE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Familie, von der hier erzählt wird, ist klein: Vater, Mutter und Sohn. Adrià Ardèvol ist ein hochbegabtes Einzelkind, das in einem geistig-kulturell üppig ausgestatteten Eltern- haus in Barcelona aufwächst, in dem es Anerkennung für intellektuelle Leistungen, aber keine Liebe gibt und keine elterliche Wahrnehmung für das Kindsein eines Kindes.

Zärtlichkeit erfährt er nur durch das angestellte Hausmädchen; kindlichen Spielen mit anderen Kindern kann er sich nur während der Sommerferienaufenthalte bei Tante und Onkel auf dem Lande widmen. Für seinen Vater ist er der Sohn, der eine väterlich be- stimmte Laufbahn als Geisteswissenschaftler einzuschlagen hat, und zu diesem Zweck lernt der Junge von klein auf viele Sprachen: Spanisch, Katalanisch, Latein, Griechisch, Französisch, Englisch und Deutsch. Überdies befiehlt der Vater seinem Sohn, langfristig auch noch Aramäisch und Hebräisch zu lernen. Italienisch bringt sich Adrià freiwillig, als kleine polyglotte Zugabe, selber bei. Auf mütterlichen Wunsch bekommt er zudem anspruchsvollen Geigenunterricht.

Adriàs Vater betreibt ein luxuriöses Antiquitätengeschäft in Barcelona, doch der Erwerb so mancher der Kostbarkeiten fand nicht unbedingt zu fairen und legalen Bedingungen statt. Die wertvollsten Funde schmücken als unverkäufliche Sammlerstücke das väter- liche Arbeitszimmer. Und hier kommen die Schicksalsfäden, die mit bestimmten Gegen- ständen zusammenhängen, zu Wort und Wirkung: eine Storioni-Geige von 1764, ein uraltes goldenes Amulett, einige Bilder und diverse alte Urkunden und Handschriften sind gewissermaßen weitere Familienmitglieder und haben einen beträchtlichen biographischen Einfluß auf die Familie Ardèvol.

Die Dinge aus der Privatsammlung seines Vaters sind mehr Fluch als Segen für ein unbeschwertes und unschuldiges Leben, denn die Art und Weise ihrer Entstehung, die Schicksale früherer Eigentümer, kurz: die Geschichten, die in diesen Dingen stecken, haben Nachwirkungen bis in die Gegenwart.

Ein Beispiel: Das Holz, aus dem die Storioni-Geige gefertigt wurde, stammt von einem Spitzahornbaum, der aus dem Grab eines Mönches gewachsen ist, der aus einem Schuld- gefühl für eine unterlassene seelsorgerische Gnade stets ein Beutelchen mit Ahorn- samen bei sich trug. Dieser Mönch starb im 15. Jahrhundert durch die lange Hand der Inquisition. 300 Jahre später erkennt ein Fachmann für Geigenholz die Klangqualität dieses Baumes, fällt ihn und beliefert damit einen Geigenbauer. Da solches Holz bis zur Reife lange abgelagert wird, baut Lorenzo Storioni schließlich im 18. Jahrhundert seine erste Geige aus diesem Ahornholz und verkauft sie an einen Händler für Musikinstru- mente, der sie wiederum mit gutem Gewinn weiterverkauft, und so wandert die Geige von Menschenhand zu Menschenhand und wird mehr als einmal durch eine Bluttat erworben, statt durch einen regulären Verkauf.

Jaume Cabré wechselt immer wieder zwischen der Ich-Erzählerperspektive und der Allwissenden-Erzählperspektive, und er wechselt – teilweise völlig übergangslos – die Zeitebenen und Schauplätze: Barcelona im 20. Jahrhundert, die Klöster Santa Maria de Gerri und Sant Pere de Burgal im 14. und 15. Jahrhundert, die Orte Pardàc, Cremona und Paris im 17. und 18. Jahrhundert, Rom von 1914 bis 1918 und Ausschwitz-Birkenau 1944.

Dieses wortwörtlich changierende Textgewebe ist faszinierend, äußerst komplex, spannend und einfach virtuos. Was für ein genialer Kunstgriff, die verschiedenen Charaktere, Zeitebenen und Schauplätze durch eine palimpsestartige Schreibweise ineinander übergehen und unterschiedliche Schichten der Vergangenheit durchschimmern zu lassen!

So wechselt der Autor innerhalb eines Satzes die Ebene, schwenkt vom fanatischen Sündenverfolgungswahn eines Inquisitors über in den blinden und erbarmungslos  ideologischen Gehorsam eines SS-Kommandanten, wechselt im Zeitzickzack mehrfach hin und her und illustriert damit die Zeitlosigkeit menschlicher Grausamkeit und das langfristige Verstrickungspotential von Schuld.

Der Zahlencode für den väterlichen Tresor entspricht der eintätowierten Häftlings- nummer eines jüdischen Mädchens, das in Auschwitz-Birkenau auf ausdrücklichen Befehl eines SS-Kommandanten ermordet wird. Das Buch ist voll mit derlei Bezügen und Verknüpfungen und verlangt nach aufmerksamer Lektüre.

Nun zurück ins 20. Jahrhundert zu Adrià, der seinen Vater vergeblich bittet, einmal auf der Storioni spielen zu dürfen. Der Vater ist unerbittlich und schließt die Geige im Tresor ein, doch ein so begabtes Kind wie Adrià hat längst die Zahlenfolge für das Nummern- schloß ausspioniert. Adrià hat beim Geigenunterricht seinen besten und lebensläng- lichen Freund Bernat kennengelernt, und um seinen Freund zu beeindrucken, paßt er einen günstigen Moment ab, tauscht die wertvolle Geige für ein paar Stunden gegen seine Übungsgeige aus und läßt seinen Freund auf ihr spielen.

Überraschend nimmt Adriàs Vater den Geigenkasten mit der Übungsgeige aus dem Tresor und geht zu einer Verabredung, jedoch ohne den Inhalt des Geigenkastens zu überprüfen. Am nächsten Tag erfährt Adrià von seiner Mutter, daß sein Vater bei einem schrecklichen Unfall gestorben ist. Die Erwachsenen wundern sich zwar, daß der Vater die Übungsgeige bei sich hatte, aber da die Todesumstände ohnehin mysteriös sind und die Storioni unversehrt im Tresor liegt, gehen sie dieser Ungereimtheit nicht weiter nach.

Der Junge fühlt sich schuldig am Tod seines Vaters, aber wie gewohnt herrschen Schwei- gen und Gefühlskälte in der Familie, und die Mutter erwartet, daß Adrià zu einem Gei- genvirtuosen wird. Tatsächlich hat Adrià zwar Freude an der Musik, begeistert sich jedoch viel mehr für Sprachen und Ideen. Nur widerwillig erträgt er den weiteren Geigenunterricht und leidet bei gelegentlichen Auftritten an fürchterlichem Lampenfieber.

Nach dem Abitur beginnt er ein Literaturstudium und lernt bei einem Konzert seine große Liebe, die Kunststudentin Sara, kennen. Die beiden treffen sich heimlich und genießen ihr zartes Liebeskeimen. Eines Tages erscheint Sara nicht am vereinbarten Treffpunkt, und Adriàs verzweifelte Nachforschungen ergeben nur, daß Sara nach Paris umgezogen sei und ihn angeblich nicht wiederzusehen wünsche.

Dem Verlust seiner Liebsten muß er sich notgedrungen fügen, aber er verweigert sich endgültig einer musikalischen Karriere und zieht nach Tübingen, um Sprachen, Geschichte und Philosophie zu studieren. Kurz vor Beendigung seines Studiums stirbt Adriàs Mutter an einer verheimlichten Krankheit; 1976 promoviert Adrià in Tübingen, in Spanien endet die Diktatur Francos, und Adrià kehrt nach Barcelona zurück und unter- richtet an der Universität. Adria sichtet seine reiche Erbschaft und viele Papiere, nach und nach kommen weitere Familiengeheimnisse ans Licht.

Zwanzig Jahre nach der unfreiwilligen Trennung von Sara erzählt ihm das alte Haus- mädchen, wie es zum Verschwinden des Mädchens kam. Adrià bekommt Saras Adresse in Paris heraus, und die beiden finden vorsichtig wieder zueinander und leben gemein- sam in der elterlichen Wohnung Adriàs in Barcelona.

Der gewaltsame Tod seines Vaters beschäftigt ihn weiterhin, und auch dazu finden sich verschlüsselte Dokumente und Zusammenhänge, die stets auf die Storioni-Geige hinweisen. Sara, die aus einer jüdischen Familie stammt, wünscht sich sehr, daß Adrià den letzten rechtmäßigen Besitzer ausfindig macht und die Geige zurückgibt, um einen Teil des Unrechts gutzumachen, das sein Vater durch seine skrupellosen Beschaffungs- methoden verschuldet hat. Doch Adrià leidet bereits am gleichen Sammlerfieber wie sein Vater und begreift noch nicht das Ausmaß an Verstrickung, das gerade an dieser alten Geige haftet. Adriàs Verzögerungstaktik bezüglich der Nachforschungen zur Storioni belastet die ansonsten sehr erfüllte Beziehung zu Sara.

Hinzu kommt die Ironie des Schicksals, daß der hyperintellektuelle Adrià, schließlich an Alzheimer erkrankt und nichts mehr weiß und nichts mehr ist.

Zuvor jedoch vertraut Adrià der Macht des geschriebenen Wortes und widersetzt sich der Vergänglichkeit des Lebens und seiner Erinnerungen durch diese Geschichte, diese Lebensbeichte, diesen 845 Seiten langen Liebesabschiedsbrief und dieses wahrhaft literarische Testament.

Die Vielschichtigkeit und den Inhaltsreichtum dieses Romans kann ich hier nur andeuten: Wir finden historische Themen, die Geschichte einer langen Freundschaft mit Höhen und Tiefen, Gedanken über die Wirkung künst- lerischen Ausdrucks auf das Leben, die Auseinandersetzung mit Schuld und Sühne, Liebe und Haß, Wahrheit und Lüge, Fragen um Schicksal oder Zufall, die Bedeutung von Schönheit…

 

PS:
Sehr lobenswert ist der „Beipackzettel“ mit der Auflistung aller Schauplätze und Zeiten sowie den dazugehörigen Personennamen und ihrer jeweiligen Charakterrolle. Das ist eine sinnvolle Zugabe, um der Textkomplexität leichter folgen zu können, und zugleich ein praktisches Lesezeichen.

Wünschenswert wäre es gewesen, die lateinischen Kapitelüberschriften und auch diverse lateinische Zitate mit Fußnoten zu übersetzen.

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.suhrkamp.de/buecher/das_schweigen_des_sammlers-jaume_cabre_17522.html

Der Autor:

»Jaume Cabré, 1947 in Barcelona geboren, ist einer der angesehensten katalanischen Autoren. Neben Romanen, Erzählungen und Essays hat er auch fürs Theater geschrieben und Drehbücher verfasst. Seine Romane wurden vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem spanischen Kritikerpreis und dem französischen Prix Méditeranée, und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Bereits auf Deutsch erschienen sind der Weltbestseller „Die Stimmen des Flusses“ (2007) und „Senyoria“ (2009).«

Querverweis:

Eine feine Ergänzung zu diesem Roman ist das Sachbuch „Das bleibt in der Familie“ von Sandra Konrad, in dem die Risiken und Chancen transgenerationaler Übertragung und familiärer Verstrickung einleuchtend dargestellt werden. Hier ist meine Besprechung dazu:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/07/das-bleibt-in-der-familie/

 

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