Wie man die Zeit anhält

  • Roman
  • von Matt Haig
  • Originaltitel: »How To Stop Time«
  • Deutsch von Sophie Zeitz
  • DTV Verlag April 2018   www.dtv.de
  • gebunden mit LESEBÄNDCHEN
  • 384 Seiten
  • 20,00 € (D), 20,60 € (A), 26,90 sFr.
  • ISBN 978-3-423-28167-6

Z E I T L U P E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Matt Haig hat eine Talent für faszinierende Außenseiterfiguren. Es sind keine unkonven-tionellen Individualisten oder snobistischen Einzelgänger, sondern Menschen, die auf eine Weise anders sind, daß sie vorsorglich ihr wahres Wesen verbergen; nicht, weil sie etwa eine Gefahr für die Menschheit wären, sondern weil die „normalen“ Menschen zur Gefahr für sie werden könnten, träte ihr wahres Sosein ins Licht der Öffentlichkeit.

In seinem Roman „Ich und die Menschen“ war es ein Außerirdischer, der die Erde besucht, unerkannt seiner interplanetaren Mission folgt und sich von seiner ursprüng-lichen Absicht durch die unerwartete Erfahrung von Liebe und Poesie ablenken läßt (siehe meine Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/01/ich-und-die-menschen/).

Diesmal ist der Romanheld ein sterblicher Mensch, der allerdings mit einer besonderen Veranlagung zur Welt kommt: Tom Hazard altert wesentlich langsamer – ungefähr im Verhältnis 1:15 im Vergleich zur Normalterungszeit. Diese Eigenschaft zeigt sich erst ab der Pubertät, und dann fällt unvermeidlich auf, daß dieser Mensch körperlich außergewöhnlich lange unverändert jung bleibt.

Als neuer Geschichtslehrer an der Oakfield Schule in London vermittelt Tom Hazard seinen Schülern den Lehrstoff so lebhaft, als wäre er dabei gewesen, und wenn man wie er ein Alter von 439 Jahren erreicht hat, kann man bei so manchen historischen Bedingungen, Charakteren, Ereignissen und Stadtkulissen – ob ganz alltäglich oder spektakulär – aus persönlicher Lebenserfahrung mitreden.

Selbstverständlich weiß niemand außer ihm und der geheimen Albatros-Gesellschaft, daß Tom schon so alt ist, denn er sieht aus wie Anfang vierzig. Zwar hat Tom im Laufe seines Lebens bisher nur sehr, sehr selten Menschen getroffen, die so sind wie er, gleichwohl gibt es weltweit einige hundert mit dieser Veranlagung. Hendrich, der siebenhundertjährige Leiter dieser Geheimgesellschaft, organisiert und finanziert (er hatte dereinst sehr erfolgreich mit Tulpen spekuliert) den langsam alternden Artgenossen alle acht Jahre eine neue Identität, damit ihre Besonderheit kein Aufsehen erregt.

Tom Hazard wurde 1581 geboren, und man kann sich leicht vorstellen, welch große Gefahr eine solche Eigenschaft zu jener Zeit bedeutet hat. Die abergläubische Vermu- tung von Hexerei und Teufelsbund kostete seiner Mutter grausam das Leben, und Tom floh entsetzt aus dem engstirnigen Dorf. Er nahm nur seine Laute mit, und nach Tagen des Hungerns, der Schuldgefühle und Verzweiflung traf er auf einem Marktplatz die junge Obstverkäuferin Rose. Sie gewährte ihm Obdach in ihrem kleinen Haus, das sie zusammen mit ihrer Schwester bewohnte.

Vorsichtig schöpfte der frisch in Rose verliebte Tom Hoffnung auf ein normales Leben. Mit seinem Lautenspiel verdiente er in London ein wenig Geld. Kurz darauf lernte er Shakespeare kennen und spielte im Musikensemble des Globe-Theaters mit, was ihm ein sehr auskömmliches Einkommen bescherte.

Tom und Rose heirateten und bekamen eine Tochter. Doch die Tuscheleien der Nachbarn über den ewig-jungen Tom und auch das Wiederauftauchen des einstigen Hexenjägers, der den Tod von Toms Mutter verantwortet hatte, führten dazu, daß Tom die traurige Entscheidung traf, seine Familie zu verlassen, um ihr Leben zu schützen.

Er sah Rose erst an ihrem Sterbebett wieder, und sie erzählte ihm, daß seine Tochter Marion seine seltsame Alterslosigkeit geerbt habe und daß sie eines Tages einfach verschwunden sei. Rose nahm ihm das Versprechen ab, Marion wiederzufinden.

Im Laufe der Jahrhunderte lernte Tom viele Sprachen, zahlreiche Musikinstrumente, und er übte viele Berufe aus, er war Dolmetscher, Matrose, Schmied, Pianist … in gewissen Abständen änderte er seinen Wohnort, seinen Namen, Städte, Länder, Kontinente. Er fuhr mit Captain Cook zur See, traf F. Scott und Zelda Fitzgerald in einer Bar in Paris …  Oft hielt ihn nur die Hoffnung am Leben, irgendwann seine geliebte Tochter aufzuspüren, und der Trost schöner Musik.

Erst im 19. Jahrhundert kam er in Kontakt mit der geheimen Albatros-Gesellschaft, denn er hatte den Fehler begangen, sich einem Arzt anzuvertrauen. Dieser hatte einen Bericht über Toms außergewöhnliche Veranlagung – die „Anagerie“ – geschrieben, und die Albatros-Gesellschaft machte den Arzt umgehend und wortwörtlich mundtot und nahm Tom in ihren Schutzkreis auf.

Der Preis dieser Schutzgewährung ist der Verzicht auf Liebe und nähere zwischen-menschliche Bindungen sowie gewisse Gefälligkeiten gegenüber der Albatros-Gesellschaft – sei es die Entdeckung und Rekrutierung weiterer „Albas“ oder die Eliminierung von unerwünschten Mitwissern. Hendrich spricht von normalen Menschen stets geringschätzig als „Eintagsfliegen“, und er sieht keinen Unterschied zwischen der Bedrohung durch mittelalterlichen Aberglauben und moderne, medizinische Forschungslabore.

Gönnerhaft bietet Hendrich Tom alle acht Jahre ein neues Leben seiner Wahl an, und er ist mißtrauisch, weil sich Tom diesmal für ein schlichtes Lehrerdasein an einem Ort voller schmerzlicher Erinnerungen entschieden hat. Tom empfindet den angeblichen Schutz, den die Mitgliedschaft in der Albatros-Gemeinschaft bietet, zunehmend als Gefängnis, und er zweifelt heimlich an Hendrichs Regeln.

Während Tom nach und nach seinen Unterrichtsstil verfeinert und bei einigen Schülern tatsächlich Begeisterung für Geschichte wecken kann, wird er von vielen Erinnerungen geplagt, und er spürt seine Herzensverluste und seine Einsamkeit stärker als je zuvor. Die Beschreibungen väterlicher Hoffnung, Liebe, Sorge und Kindessehnsucht gehören zu den berührendsten Passagen dieses Romans. Ein Lichtblick in seinem neuen Dasein ist seine Kollegin, die Französischlehrerin Camille, in die er sich nach mehr als 400 Jahren Einsamkeit unaufhaltsam verliebt …

Matt Haig erzählt das Schicksal Tom Hazards mit geschickten Szenenwechseln von Zeiten, Orten und Ereignissen. Betrachtungen zum aktuellen Zeitgeist wechseln sich ab mit anschaulichen historischen Rückblicken und – angesichts der „Gezeiten des Mitgefühls“ (Seite 339) – berechtigtem Zweifeln am Fortschritt von Zivilisation und Mitmenschlichkeit. In diesem Roman kombiniert Matt Haig spannende Unterhaltung mit zeitloser Gesellschaftskritik und Betrachtungen zur elementaren Bedeutung von Liebe und Verbundenheit für eine bejahende Haltung zum Leben.

Gleichwohl erreicht er hiermit bei weitem nicht das Maß an Tiefsinn und Weisheit, daß ihm mit seinem Roman „Ich und die Menschen“ gelungen ist. Auch wenn es anbetracht von Toms traumatischen Erfahrungen verständlich ist, hätten ihm weniger Erinnerungskopfschmerzen und mehr Lebensreife besser gestanden. Neben den in den Erzählverlauf eingestreuten, feinen Zitaten von Michel de Montaigne erscheinen seine eigenen lebensphilosophischen Erkenntnisformulierungen schwach und bisweilen binsenweisheitlich.

Toms Biographie ist ein Balanceakt zwischen Lebens- und Todessehnsucht, das lange Leben führt zu Wiederholungsermüdungen – zu häufig erlebte neue Moden können auch langweilen, vielschichtige Erinnerungsüberlagerungen und wehmütige Echos gewesener Gefühle und Bindungen überschatten die Erfahrung der Gegenwart. Es kostet ihn viel Überwindung und dramatische Komplikationen, seine eingeübte zwischenmenschliche Reserviertheit aufzugeben und sich konsequent gegen Angst und Schmerzvermeidung für Liebe, Verletzlichkeit und Vertrauen zu entscheiden.

 

„Es mag seltsam klingen, sich wegen einer Geste zu verlieben, aber manchmal sieht man in einem einzigen Moment den ganzen Menschen. So wie man in einem Sandkorn das Universum erblicken kann. Ob es Liebe auf den ersten Blick gibt oder nicht, Liebe in einem Augenblick gibt es bestimmt.“

(Seite 282)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der DTV-Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/matt-haig-wie-man-die-zeit-anhaelt-28167/

Parallel zum Buch ist das Hörbuch beim Hörverlag erschienen.

Matt Haig
Wie man die Zeit anhält
Roman
Originaltitel: »How To Stop Time«
Deutsch von Sophie Zeitz
Hörbuch
1 mp3-CD, Laufzeit: 571 Minuten
ungekürzte Lesung von
Christoph Maria Herbst
€ 20,00  € (D), 22,50 € (A), 27,90 sFr.
ISBN: 978-3-8445-2896-1

 

Christoph Maria Herbst vorleseverkörpert virtuos alle Romanfiguren mit charakterstarkem, gefühlvollem Nuancenreichtum und in der Rolle von Camille mit sehr charmantem französischem Akzent.

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Wie-man-die-Zeit-anhaelt/Matt-Haig/der-Hoerverlag/e537252.rhd

Querverweis:

Hier entlang zu Matt Haigs nachdenklich-amüsantem Roman „Ich und die Menschen“, in dem uns die außerirdische Perspektive auf die Erde und die menschliche Zivilisation einen ganz besonderen Blick auf das Alltägliche verschafft: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/01/ich-und-die-menschen/

Und zu seinem autobiographischen Buch zum Thema Depression  „Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/06/14/ziemlich-gute-gruende-am-leben-zu-bleiben/

Der Autor:

»Matt Haig wurde 1975 in Sheffield geboren und hat bereits eine Reihe von Romanen und Kinderbüchern veröffentlicht, die mit verschiedenen literarischen Preisen ausgezeichnet und in über 30 Sprachen übersetzt wurden. In Deutschland bekannt wurde er mit dem Bestseller „Ich und die Menschen“.«

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Die Unglückseligen

  • Roman von
  • Thea Dorn
  • Hörbuch, Vollständige Lesung
  • Produktion: der Hörverlag, erschienen Februar 2016   http://www.hoerverlag.de
  • Regie: Roman Neumann
  • Sprecherin: Bibiana Beglau
  • Buchvorlage Knaus
  • 2 mp3-CDs
  • Gesamtlaufzeit: 18 Stunden, 48 Minuten
  • 24,99 € (D), 28,10 € (A), 35,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-2213-6
    Die Unglueckseligen von Thea Dorn

UNSTERBLICH  STERBLICH
oder: Von wannen kommt Euch jene Wissenschaft?

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Hier hören wir einen Leckerbissen für Sprachliebhaber! Jede der drei Hauptfiguren verfügt über eine ihr maßgeschneiderte Sprache. Mit diesem kunstvollen sprachkompositorischen Stilmittel illustriert Thea Dorn dem Leser/Hörer die unterschiedlichen Charaktere sowie die überaus reiche Ausdruckskraft der deutschen Sprache. Die weitverzweigte Handlung ist keine leichte Lesekost – gleichwohl ist sie nicht unverdaulich.

Am Anfang dieses Romans ergreift sogleich der Teufel das Wort; er spricht in rhythmischem Versmaße und schaut sich das irdische Treiben an. Er beschreibt, kommentiert, kritisiert, lamentiert, retrospektiert und spekuliert darüber, was die beiden menschlichen Hauptcharaktere erleben. Gerne spricht er auch den Hörer/Leser metafiktiv-zugeneigt direkt an und seufzt beispielsweise über die veränderten Lesegewohnheiten unserer Gegenwart, in der das Lesen von Frakturschrift schon nicht mehr zu den selbstverständlichen Kulturtechniken gehört. Eigenwilliger, unkonventioneller Exegesen zu Schöpfung, Paradies, Sündenfall und Gottessöhnen kann er sich ebenfalls nicht ganz enthalten.

Die weibliche Hauptfigur ist Johanna Mawet, eine Molekularbiologin, die ein gängiges Alltagsdeutsch spricht, durchsetzt mit naturwissenschaftlichem Fachvokabular und Anglizismen.

Die männliche Hauptfigur, Johann Wilhelm Ritter, spricht das kultivierte, poetisch-empfindsame, höfliche, ja, schwärmerische – satzbaulich manchmal etwas umständliche – Deutsch des 18. Jahrhunderts.

Das Problem, um das alle kreisen, ist die Unsterblichkeit. Der Wunsch nach Unsterblichkeit scheint eine unheilbare Krankheit zu sein. Und als Stoff für einen Roman ist es eine mehr als abendfüllende Beschäftigung. Die beiden menschlichen Hauptfiguren im vorliegenden Roman vertreten gegensätzliche Haltungen zur Möglichkeit oder Unmöglichkeit sowie zu Sinn und Unsinn der Unsterblichkeit, und die dritte Hauptfigur, der Teufel ganz persönlich, beobachtet und beschreibt – amüsiert bis konsterniert -, wie sich diese beiden Streithähne wissenschaftlich und zwischenmenschlich zusammenraufen.

Wie bereits gesagt: Der Wunsch nach Unsterblichkeit scheint eine unheilbare Krankheit zu sein. Seitdem der DNA-Code geknackt ist, arbeiten Genetiker, Mediziner, Molekularbiologen & Co an der Optimierung der Regenerationskraft von Zellen und der Verlängerung der Überlebenschancen des biologischen Körpers.

Es gibt einige Tierarten, die über eine außerordentliche Zellerneuerungsfähigkeit verfügen, z.B. Zebrafische. Diese können nicht nur verletzte Flossen wiederherstellen, sondern sogar Herzmuskelfasern vollständig erneuern. Zebrafische sind also ein beliebtes Forschungsobjekt, wenn es um – zumindest lebensverlängernde – Fortschritte geht.

Im vorliegenden Roman hat die Molekularbiologin Johanna Mawet bereits erfolgreich Zebrafisch-Gene in Mäuse-DNA eingefügt, und, es ist ihr damit gelungen, die Lebensdauer „ihrer“ Mäuse signifikant zu erhöhen.

Für Johanna ist die Sterblichkeit des Menschen eine Zumutung, Krankheit und Alter eine persönliche Beleidigung. Sie forscht mit verbissenem Eifer an der Abschaffung der Zellalterung. Ein nennenswertes Privatleben hat sie nicht, sie ist nicht besonders sozialkompetent, und Empathie kann sie höchstens buchstabieren. Distanziert naturwissenschaftlich und sehr streng bewertet sie die Menschen und ihre unsterbliche Dummheit. Natürlich ernährt sie sich möglichst gesund sowie maßvoll und bezeichnet durchaus treffend viele industrielle Lebensmittel als „Lebensverkürzungsmittel“ und Supermärkte als „Umschlagplätze des Todes“.

Johann Wilhelm Ritter hingegen, die männliche Hauptfigur, scheint unsterblich zu sein. Er wurde im Jahre 1776 geboren und sieht immer noch aus wie ein knapp Vierzigjähriger. Gleichwohl ist er darüber nicht glücklich, denn er würde gerne sterben, zumal er sich in der modernen Welt nicht zu Hause fühlt und ihm die Geisteshaltungen, Umgangsformen und Sprachgewohnheiten unserer Gegenwart fremd, verwirrend und teils auch abstoßend erscheinen.

Er ist auch Naturwissenschaftler, Physiker gar, und er hat seinerzeit – also zur Zeit der Frühromantik – allerlei Experimente an seinem eigenen Leibe vorgenommen, die wohl seine körperliche Regenerationskraft übernatürlich verbessert haben. Nur weiß er nicht, welches Experiment tatsächlich ausschlaggebend für seine Unsterblichkeit gewesen ist, und er rätselt  verzweifelt herum, was diese – in seinen Augen verfluchte – Überlebenskraft ausgelöst hat. Sein wechselvolles Leben hat ihn nach Amerika verschlagen, wo er als Witwentröster ein zurückgezogenes Leben führt.

Zu Beginn der Geschichte hält sich Johanna wegen eines Forschungsauftrages in den USA auf und kauft im Supermarkt einige gesunde Vorräte ein. Ein dort angestellter Taschenpacker fällt ihr wegen seines ungewöhnlich alterslosen Aussehens und seines merkwürdig ausdrucksstarken Gesichts auf. Er hat ein Gesicht, wie man es eigentlich nur von alten Ölgemälden her kennt, aber „solche Gesichter wurden heutzutage nicht mehr gemacht“.

Nach turbulenten Mißgeschicken und Mißverständnissen lernt Johanna schließlich diesen seltsamen Mann näher kennen, der behauptet, Johann Wilhelm Ritter zu sein. Zunächst hält sie ihn für einen Spinner, zumal dieser Ritter laut Wikipedia-Eintrag 1810 an den Folgen seiner galvanischen Selbstversuche verstorben ist.

Seine altmodische Redeweise und seine Berichte vom einstigen regen Austausche mit Goethe, Alexander von Humboldt, Brentano und Novalis überzeugen sie nicht, indes weckt seine offensichtlich schnelle Wundheilungsfähigkeit ihre wissenschaftliche Neugier. Sie nimmt Ritter bei sich auf und gibt ihn als ihren Onkel aus. Sie läßt heimlich seine DNA sequenzieren, und als ihre Kollegen anfangen, unbequeme Fragen zu stellen, beschließt sie, mit Ritter nach Deutschland zurückzukehren und an ihrem heimatlichen Institut das Geheimnis von Ritters Unsterblichkeit zu entschlüsseln.

Außerdem nimmt sie mit Ritters Hilfe die gleichen galvanischen und ziemlich selbstquälerischen Experimente an sich vor, die Ritter einst an sich vollzog – alles in der irren Hoffnung, damit eine ebensolche Zellerneuerungsfähig zu gewinnen. Johannas wissenschaftlicher Eifer verwandelt sich in leidenschaftlichen Wahn …

Der Roman „Die Unglückseligen“ regt sehr dazu an, über den Unterschied zwischen dem Machbaren und dem Wünschenswerten nachzudenken.

Besonders entlarvend ist das Kapitel, in dem Johanna an einem „Weltkongress der Immortalisten“ teilnimmt, um dort einen Vortrag über ihre Forschung zur Überwindung der Zellalterung zu halten. Die dort versammelten teils wissenschaftlichen, teils kommerziellen und teils spirituellen Heilslehren, nebst fanatischen Christen als Gegendemonstranten, illustrieren ebenso erschreckend wie unterhaltsam, die seltsamen Hybrisblüten unserer Zeit.

Eine vorzügliche kulturkritische und zugleich amüsante Szene ergibt sich, als Ritter bei der Ankunft auf dem Münchner Flughafen angesichts der zahllosen englischsprachigen Hinweisschilder und Werbetafeln, die er konsterniert vorliest, „nimmer nicht“ glauben mag, tatsächlich in Deutschland gelandet zu sein.

Johanna als Vertreterin eines neuzeitlich-wissenschaftlichen Strebens nach berechenbarer Kontrolle über Alter und Krankheit sowie Leben und Tod steht in eklatantem Gegensatz zu Ritter, der eine demütigere und ganzheitlichere Weltsicht hat und Johanna vorwirft, mit ihren kalten Zahlenspielen nur „Bruchteilpfuscherei“ zu betreiben und des „Lebens heil’gen Sinn“ vollkommen zu  verpassen.

Johanna und Ritter streiten oft, ihre Weltanschauungen sind einfach nicht vereinbar. Wo Johanna willkommene Berechenbarkeit, Meßbarkeit  und Funktionalität sieht und sich an Fortschritt und Erkenntnisgewinn berauscht, sieht Ritter unheilsame Detailkrämerei, die das Ganze – den „Weltenatem“ – vergißt. Während Ritter eine genießerische und sinnliche Naturverbundenheit spürt und durch ausgiebige Spaziergänge pflegt, schaut Johanna tagelang auf den Bildschirm ihres „Apfelkastens“ und analysiert Ritters Gene, um jene Mutationen zu finden, die seine unglaubliche Zellregenerationskraft bedingen.

Oft ergeht sich Ritter in wehmütigen Retrospektiven, die uns einen interessanten Einblick in die naturwissenschaftlichen Gepflogenheiten und die Lebenswelt der Romantik gewähren, und wir werden Zeugen seiner Schuldgefühle gegenüber all den Lieben, die längst vor ihm den Weg alles Irdischen gegangen sind.

Ritter ist empfänglich für den Zauber verborgener Harmonien und das zyklische Wesen der Natur. Johanna hingegen sieht in der Natur einen tödlichen Feind, den es zu überlisten gilt. Johanna schimpft Ritter einen Schwärmer und Träumer, und Ritter bezeichnet sie wiederum als maschinengläubig, da sie sich in so vieler Hinsicht auf die Rechenkünste des Computers verläßt.

„Dass die Gegenwart auf Schritt und Tritt sich mit Artefakten umgab, deren Innenleben sie nicht im Ansatz begriff, damit hatte er sich längst abgefunden. Aber zu erfahren, dass unterdessen auch die Wissenschaft sich, gleich einer Küchenmagd, genügte, Maschinen zu bedienen, anstatt sie zu begreifen, dies erschütterte ihn bis ins Mark.“

Die Vorleserin dieses komplexen Werkes ist die Schauspielerin Bibiana Beglau. Mit ihrer angerauhten Stimme belebt sie Charakter- und Gefühlsnuancen von zartester Empfindsamkeit bis zu eiskalter Wut. Ihre stimmliche Klaviatur umfaßt das nonchalante und manchmal auch exaltierte Versmaßräsonieren des Teufels, die kühle Herablassung und wissenschaftliche Nüchternheit Johannas, die zärtliche Wehmut und liebevolle Hingabe Ritters oder gar das piepsige Plappern einer Fledermaus, die eine kurze Beobachter-Nebenrolle spielt, als Johanna sich vergeblich bemüht, den Teufel zu beschwören.

„Die Unglückseligen“ ist ein in jeder Hinsicht und „Hörsicht“ außergewöhnlicher Roman. Mit seiner sprachlichen Spannbreite, seinen anschaulichen Figuren, seinen lebensweltlichen Retrospektiven, seinen historischen und zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Darbietungen und seiner Liebe zum verspielten Detail entwickelt er eine eigenwillige Dynamik und faszinierende Komplexität.

Sprachkompositorisch und dramaturgisch ist er bewundernswert und trotz einiger etwas sperriger Passagen (z.B. einige langatmige Exkurse zu den teils grausamen, teils abstrusen psychiatrischen Behandlungsmethoden des 18. und 19. Jahrhunderts) bleibt die Handlung bis zum Ende spannend und überraschend.

Ob körperliche Unsterblichkeit ein erstrebenswertes Ziel ist, mag jeder für sich selbst entscheiden – die ethischen, wissenschaftlichen und zwischenmenschlichen Aspekte dieser unmöglichen Möglichkeit werden hier lebhaft diskutiert. Nachdenken, Nachspüren und eine eigene Haltung finden – das darf der Leser nach eigenem Gusto.

Die Schwermut dessen, der indes die Erfahrung von Unsterblichkeit längst gemacht und das „Alphabet des Kummers“ zur Genüge schon buchstabiert hat, kommt vielleicht in keinem Satze Ritters so deutlich zum Ausdruck wie im folgenden:

„Wie wollt ihr je lieben?“,  fragte er so leise, dass Johanna ihn kaum hören konnte. „Wie wollt ihr je lieben, wenn ihr ewiglich an euch selbst genug habt?“

 

Ein informatives Interview mit der Autorin findet sich hier:
http://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Die-Unglueckseligen/Thea-Dorn/der-Hoerverlag/e502952.rhd#|trailer

Link zur Hörprobe auf der Verlagswebseite: http://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Die-Unglueckseligen/Thea-Dorn/der-Hoerverlag/e502952.rhd

Buchvorlage:

Thea Dorn
Die Unglückseligen
Knaus Verlag Februar 2016
Gebunden mit Schutzumschlag
560 Seiten
Format: 13,5 x 21,5 cm
24,99 € (D), 25,70 € (A), 33,90 sFr.
ISBN: 978-3-8135-0598-6

Link zum Buch aus der Verlagswebseite:
http://www.randomhouse.de/Buch/Die-Unglueckseligen/Thea-Dorn/Knaus/e446553.rhd#\|biblios

Querverweise:

Eine weitere Rezension gibt es bei Mina: https://aigantaigh.wordpress.com/2016/04/12/rezension-thea-dorn-die-unglueckseligen/

Link zum Wikipediaeintrag über Johann Wilhelm Ritter: https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Wilhelm_Ritter

Die Autorin:

»Thea Dorn, geboren 1970, studierte Philosophie und Theaterwissenschaften in Frankfurt, Wien und Berlin und arbeitete als Dozentin und Dramaturgin. Sie schrieb eine Reihe preisgekrönter Romane und Bestseller (u.a. „Die Hirnkönigin“), Theaterstücke, Drehbücher und Essays (u.a. „Die neue F-Klasse – Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird“) und zuletzt mit Richard Wagner den Sachbuch-Bestseller „Die deutsche Seele“. Sie moderierte die Sendung „Literatur im Foyer“ im SWR-Fernsehen und kuratierte unter dem Motto „Hinaus ins Ungewisse!“ das „forum:autoren“ beim Literaturfest München 2012. Der Film „Männertreu“, zu dem sie das Drehbuch geschrieben hat, wurde 2014 mit dem „Deutschen Fernsehpreis“ als bester Fernsehfilm des Jahres und 2015 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Thea Dorn lebt in Berlin.«

Die Sprecherin:

»Bibiana Beglau, 1971 geboren, erhielt ihre Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Seit 1995 arbeitet sie fürs Theater. Als Bibiana Beglau in Thomas Ostermeiers „Disco Pigs“ auf der Bühne stand, wurde sie von Volker Schlöndorff entdeckt und für die Hauptrolle im Kinofilm „Die Stille nach dem Schuss“ (2000) engagiert, für die sie u. a. mit dem Silbernen Bären als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. 2007 erhielt sie mit dem TV-Film „Unter dem Eis“ den Grimme-Preis. Seit 2011 gehört sie zum Ensemble des Residenztheaters München. 2012 hat sie den Kurt-Meisel-Preis in Anerkennung ihrer großen Schauspielkunst am Residenztheater erhalten. 2014 wurde Bibiana Beglau von der renommierten Zeitschrift „theater heute“ zur Schauspielerin des Jahres gewählt. Beim Hörverlag ist sie u. a. in der hochgelobten Hörbuchinszenierung von „Sturmhöhe“ (2012) in der Rolle der Nelly Dean zu hören, sie spricht Paula Dalys „Die Schuld einer Mutter“ sowie Sue Monk Kidds „Die Erfindung der Flügel“.«

Der vierte Versuch

  • von Catherine  O’Flynn
  • Arche Verlag 2011
  • 978-3-7160-2645-8
  • 300 Seiten,  19,90  €
  • Übersetzung aus dem Englischen von
  • Cornelia Holfelder-von der Tann
  • Taschenbuchausgabe bei btb                              http://www.btb-verlag.de
  • 978-3-442-74416-9
  • 9,99 €
    Der vierte Versuch von Catherine OFlynn9783716026458.jpg Der vierte Versuch

PROVINZPROMINENZ

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

 „Der vierte Versuch“  ist ein leises Buch, eine Choreographie der kleinen und  großen, der unsichtbaren und sichtbaren Abschiede.

Wie schon in ihrem faszinierenden ersten Roman „Was mit Kate geschah“  (siehe meine  Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/04/10/was-mit-kate-geschah/ )
, erweist sich Catherine O‘ Flynn als eine Meisterin der Schilderung des feinen zwischenmenschlichen Gefühlsgewebes, das unser Leben maßgeblich bestimmt.

Frank  Allcroft arbeitet als Moderator bei einem Fernsehsender in seiner Heimatstadt Birmingham. Er genießt eine gewisse Provinzprominenz, ist jedoch angenehm frei von Profilneurosen und sonstigen mediengemäßen Selbstdarstellungsaufblähungen.

Gelegentlich berichtet er in seiner Sendung über Menschen, die dermaßen einsam und isoliert gelebt haben, daß ihr Tod erst nach vielen Tagen, einmal sogar erst nach fast drei Wochen bemerkt wird. Er macht es sich zur Gewohnheit, zu den menschenleeren Beerdigungen dieser Toten zu gehen und ihnen auf diese Weise Respekt zu zollen. Manchmal hilft er auch bei der Recherche nach eventuellen entfernten Angehörigen.

Im Gegensatz dazu hat der plötzliche Unfalltod, mit Fahrerflucht, seines väterlichen Freundes und einstigen Mentors Phil eine breite Öffentlichkeit. Phil hatte eine glanzvolle Karriere beim überregionalen Fernsehen gemacht und war ein richtiger Fernsehstar, der mit 78 Jahren noch munter auf der Bühne stand. „Phil war mit so einer Art televisuellem Feenstaub gesegnet – “

Als Frank bei der Durchsicht von Unterlagen eines seiner einsamen Toten ein Kinderfoto von Phil und dem Verstorbenen findet, macht er sich auf weitere Spurensuche, in der Hoffnung, vielleicht etwas zur Aufklärung des Unfalles seines Freundes beitragen zu können.

In geschickt eingeschobenen Rückblenden erfahren wir von Franks Verhältnis zu Phil, nehmen Teil an Franks Kindheitsprägungen und sehen, wie sich Birminghams Stadtbild verändert. Frank ist ein freundlicher und melancholischer Charakter, der auch damit zu kämpfen hat, daß die einst zukunftsträchtigen Hochhäuser, die sein Vater in den siebziger Jahren als Architekt entworfen hat, nach und nach abgerissen werden und neuen Stadtplanungen weichen müssen.

Beiläufig wird Sozialkritik  geübt, z.B. wenn Frank beim Besuch einer Moderatorin erlebt, wie ein Interview nachträglich so zusammengeschnitten wird, das die Antworten besser zum beabsichtigten Sendeformat passen, oder wenn Frank die Entscheidung des Produzenten in Frage stellt, welche Geschichten und Nachrichten es wert sind, die Sendebühne zu erreichen.

Der Roman hat eine angenehm undramatische Spannung, die selbst für nur momenthaft auftauchende Nebenfiguren Anteilnahme und Interesse weckt. Die durchgehende Abschiedsstimmung wird durch wohldosierte Prisen feinen Humors aufgelockert.

Dazu gehören besonders die putzigen Szenen, in denen sich Mo, die kleine Tochter von Frank, dazu berufen fühlt, die offenkundige Traurigkeit ihrer Großmutter zu verringern. Sie holt sich Anregungen aus den Gratisblättchen mit Tipps  für Senioren und installiert diverse, mehr oder weniger gelungene, Alltagserleichterungen in der Wohnung ihrer Oma.

Franks Suchergebnis ist am Ende fast nebensächlich, bleibt doch das Hauptthema der Geschichte, empfindsam und scharfsinnig, unterschiedliche Varianten des Umgangs mit Alter, Tod und Vergänglichkeit darzustellen.

Unsere Abwesenheit ist das, was von uns bleibt.“