Auf der Spur des Papiers

  • Eine Liebeserklärung
  • von Erik Orsenna
  • Aus dem Französischen von Caroline Vollmann
  • C.H. Beck Verlag, Februar 2014       http://www.chbeck.de
  • 304 Seiten, mit 3 Abbildungen und 2 Karten
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 19,95 € (D), 20,50 € (A), 27,50 sFr
  • ISBN 978-3-406-66093-1
    Auf der Spur des Papiers

POESIE  UND  PROSA  DES  PAPIERS

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Von der Liebe zu Büchern und Lektüre ist es nur ein kleiner Schritt, auch dem Trägermedium Papier gegenüber Zuneigung, Begeisterung und Dankbarkeit zu empfinden.

Anschaulich beschreibt Erik Orsenna, wie es ihm als Kind schwerfiel, ohne alle seine Lieblingsbücher in die Sommerferien fahren zu müssen. Angesichts seiner Buch- schmuggelversuche verglich seine Mutter ihn stets mit dem persischen Großwesir Abdul Kassem Ismael, der seine hundertsiebzehntausend Bücher so sehr liebte, daß sie ihn per alphabetisch-geordneter Kamelkarawane auf jeder Reise begleiteten.

Nach dieser schönen Anekdote nimmt uns der Autor auf eine Weltreise mit und teilweise auch auf eine Zeitreise. Auf diesem Wege sammelt er Sehens- und Wissens- würdigkeiten zum Thema Papier, Papierherstellung, Papierrohstoffe, Papierkreisläufe, Papierprodukte und Papiertechnologie.

Die Reiseroute erstreckt sich, ausgehend von Frankreich, bis nach Brasilien, China, Finnland, Indien, Italien, Japan, Kanada, Kongo, Marokko, Portugal, Rußland, Schweden, Schweiz, Singapur, Spanien, Sumatra, Usbekistan und die Türkei.

Er besucht Papiermühlen, Papierschöpfer, alte Bibliotheken und Archive, Manuskripte, Baumplantagen, Flößer, Holzfäller, Altpapier- und Lumpensammler, höchstmoderne Wiederverwertungsunternehmen mit glaubwürdigen ökologisch-nachhaltigen Arbeits- prozessen und eindeutig nicht nachhaltige, kriminelle Urwaldvernichtungskonzerne.

Das Thema Papier wird ausführlich und differenziert umkreist: seine vielfältigen nationalen Spezialitäten, seine historischen und neuzeitlichen Handelswege, seine Nutzung als kulturelles Transportmittel und pragmatisches Verpackungsmaterial. Hygienepapiervariationen kommen ebenso zu Wort wie die beträchtliche wirtschaft- liche Bedeutung des Papiers für die globalisierten Rohstoffmärkte.

Seitenschnörkel zu Kalligraphie, bewundernswürdigen Falschgeldkünstlern und der Kunst des Origami fügen sich informativ und schmückend ein, ebenso die Papiervor- lieben und Papierschwärmereien berühmter Schriftsteller. So etwa schrieb Victor Hugo Die Elenden nur auf azurblaues Papier.

Besonders beeindruckend ist z.B. die Schilderung der japanischen Papierschöpfer von Echizen. Erik Orsenna hatte die ehrenvolle Gelegenheit, am geduldig-konzentrierten Arbeitsalltag eines Papierschöpfers, der sogar zum „Lebenden Kulturschatz“* ernannt worden war, als Beobachter teilzunehmen und seine jahrzehntelang gereifte Hand- werksmeisterschaft zu bewundern und zu würdigen.

Die Erlebnisse und Ergebnisse seiner Nachforschungen gibt der Autor im Stile einer erzählenden Reportage wieder – oft in charmantem Plauderton, manchmal aber auch ernsthaft besorgt im Tonfall des investigativen Journalismus mit durchaus gefährlichen Informationen und Informationsermittlungen. Seine Gesprächspartner und „Papierlehrer“ beschreibt und skizziert Erik Orsenna zudem in sehr aufmerksamen, persönlichen Charakterisierungen.

„Auf der Spur des Papiers“ ist ein imponierend abenteuerliches Sachbuch eines Autors, dem man die Liebe zu seinem Stoff anmerkt und der bei seinen Recherchen wahrlich keine Mühen gescheut hat, um einen weltumspannenden Bogen lebendigen Papierwissens für uns Leser zu erreisen.

Dieses lehrreiche Buch ist auf chamoisfarbenes, angenehm glattes, schmiegsam-schmeichelndes Papier gedruckt. Ich vermute, es ist Samtoffset-Papier … Leider fehlt ausgerechnet bei diesem Buch ein ausdrücklicher Hinweis des Verlages auf die Besonderheiten des verwendeten Papiers.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.chbeck.de/orsenna-spur-papiers/product/13109670

Der Autor:

»Erik Orsenna, geb. 1947, ist Schriftsteller, Ökonom, Mitglied der Académie Française und leidenschaftlicher Seefahrer. Er wurde u. a. mit dem „Prix Goncourt“ und dem „Lettre Ulysses Award“ ausgezeichnet.
Bei C.H.Beck sind von ihm neben anderem erschienen: Portrait eines glücklichen Menschen. Der Gärtner von Versailles (2009), Lob des Golfstroms (2007), Weiße Plantagen. Eine Reise durch unsere globalisierte Welt (2007) und Die Zukunft des Wassers (2010).«  www.erik.orsenna.com

PS:
Erläuterung zum „Lebenden Kulturschatz“* Ich zitiere aus Wikipedia:

Lebender Nationalschatz, (jap. 人間国宝, Ningen kokuhō) ist die umgangssprachliche Bezeichnung für eine Person, die vom japanischen Staat ausgezeichnet wurde für ihre hervorragende Fähigkeit, eine traditionelle Kunstfertigkeit fortzuführen und dadurch zu bewahren.« http://de.wikipedia.org/wiki/Lebender_Nationalschatz

Eine Institution wie „Lebender Kulturschatz“ bzw. „Lebender National- schatz“ hätte ich für Deutschland auch gerne, und als Buchhändlerin käme ich wohl schon relativ bald in diese schützenswerte Museumsreife, und wenn die Apanage stimmt, stelle ich mich herzlich gerne zur Verfügung 😉

 

 

 

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