Mozart und Robinson und der waghalsige Pfannkuchenplan

  • Text von Gundi Herget
  • Illustrationen von Nikolai Renger
  • Magellan Verlag Januar 2018   http://www.magellanverlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 24,5 x 24,5 cm
  • 32 Seiten
  • 13,95 € (D), 14,40 € (A)
  • ISBN 978-3-7348-2038-0
  • Bilderbuch ab 3 Jahren

M Ä U S E M Ä G E N

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Im dritten Mäusedrama mit Hausmaus Mozart und Feldmaus Robinson geht es um die Erfüllung bzw. Befüllung der Mäusemägen. Da fahren Mozarts Menschen in Urlaub und lassen nur ein Stück Butter und eine Tüte Mehl übrig. Mozart ist empört und besucht seinen Freund Robinson in der Hoffnung, daß er über eine bessere Vorratshaltung verfügt.

Doch der schrumpelige Apfel, die naturbelassenen Samen und bitteren Wurzeln, die Robinson großzügig anbietet, munden Mozart gar nicht. Nach einem possierlichen Streitgespräch über ihre jeweiligen Eßgewohnheiten regt Robinson versöhnlich an, vom benachbarten Bauernhof etwas zum Essen zu besorgen.

Eifrig machen sich die kleinen Helden mit einem Spielzeuglaster, den sie mit einem kleinen Eimer beladen, auf den Weg zum Bauernhof. Sie binden sich zur Tarnung Grashalme um die Mäusebäuche, schleichen in den Kuhstall und lassen aus einer undichten Stelle im Milchtransportschlauch Milch in ihren Eimer tropfen.

Illustration von Nicolai Renger © Magellan Verlag 2018

Als eine Kuh den vermeintlichen Grasbüschel, mit dem sich Mozart tarnt, vernaschen will und Mozart samt Tarnung in die Lüfte hebt, muß sich Mozart notgedrungen fallen lassen und ein Bad im Milcheimer ertragen.

Sodann tarnt sich Mozart mit einigen Hühnerfedern, und auf geht es in den Hühnerstall, um ein Ei zu mopsen. Beim heimlichen Wegrollen des Eis entdeckt der Hahn den herum-laufenden Grasbüschel, in dem Robinson steckt, und – zack! – pickpackpikst er Robinson so feste in den Mäusepo, daß er vor Schreck in den Hühnerfuttertrog springt.

Etwas ramponiert bringen die Mäusefreunde ihre Beute in Mozarts Haus, säubern sich und fangen unter Mozarts kundiger Regie an, einen Apfelpfannkuchen zu backen. Beim späteren genüßlichen Verspeisen sind sich Mozart und Robinson einig, nie etwas Köstlicheres gefuttert zu haben …

Die abenteuerlustige Dynamik, die sich aus den unterschiedlichen Lebens- gewohnheiten und Temperamenten Mozarts und Robinsons ergibt, wird sowohl zeichnerisch als auch textlich auf augenzwinkernd einfühlsame und amüsante Weise dargestellt. Neben den knuffeligen Mäusefiguren können wir auch noch lustige, friedliche Kühe und glückliche Hühner erleben. Es sieht ganz so aus, als wäre der benachbarte Bauernhof ein Biobetrieb.

Die lebhaften Dialoge zwischen Mozart und Robinson sowie die lustige Mimik und Körpersprache der ungleichen Freunde bieten schmunzelreiches Bilderbuchkino.

Das Rezept für den Apfelpfannkuchen befindet sich in anschaulicher Darstellung und Anleitung auf den vorderen Vorsatzblättern des Bilderbuches, und ein zusätzliches Rezept für Käsepfannkuchen findet sich auf den hinteren Vorsatz- blättern; schließlich wollen wir ja einer einseitigen Ernährung vorbeugen. 😉

Die Lektüre könnte als Nebenwirkung unwiderstehlichen Appetit auf Pfannkuchen auslösen; also befüllen Sie bitte Ihre Vorratskammer mit den wichtigsten Zutaten, damit Sie mit Ihren Kindern barrierefrei von der Vorlesetheorie zur Kochpraxis gelangen können.

 

Querverweis:

Hier entlang zum ersten Band „Mozart & Robinson und der Zauber des Käsemonds“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/08/18/mozart-robinson-und-der-zauber-des-kaesemonds/
Und zum zweiten Band „Mozart & Robinson und der gefährliche Schiffbruch“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/10/29/mozart-robinson-und-der-gefaehrliche-schiffbruch/

 

Die Autorin:

»Gundi Herget beschlich mit  vier Jahren zum ersten Mal das Gefühl, dass Bücher mit ihren vielen Seiten voller schwarzer Striche, Punkte und Kringel das Aufregendste sein könnten, das es gibt. Und so war es dann auch. Mit zehn Jahren wollte sie schon Schriftstellerin werden, hat dann aber erst mal Abitur gemacht, in München und Pisa Literatur studiert, Schlagzeug spielen gelernt, Redakteurin gelernt, die Welt bereist und ein Kind bekommen, was sie an den Vorsatz ihres zehnjährigen Ichs erinnert hat. Sie schreibt seitdem vor allem Kinderbücher.«

Der Illustrator:

»Nikolai Renger wurde in Karlsruhe geboren und studierte Visuelle Kommunikation an der HFG in Pforzheim. Er ist als freiberuflicher Illustrator für verschiedene Verlage und Agenturen tätig und arbeitet seit 2013 im Atelier Remise in Karlsruhe.«

Advertisements

Erzähler der Nacht

  • von Rafik Schami
  • Roman
  • Beltz & Gelberg Verlag, 1. Auflage 1989 www.beltz.de
  • Taschenbuchausgabe  2016
  • 288 Seiten
  • Format: 12,6 x 18,8 x 1,7 cm
  • 9,95 € (D)
  • ISBN  978-3-407-78987-7

L E S E L A U S C H E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Rafik Schamis Buch „Erzähler der Nacht“ ist ein märchenhaftes Werk von zeitloser Schönheit und Erzählkunst. Es ist schon lange überfällig, daß ich dieses poetisch-phantasievolle Lieblingsbuch anpreise, empfehle, ja, es jedem eindringlich ans Leseherz lege, denn es gehört wahrlich zu den seltenheitswerten Büchern, deren Lektüre man sich nicht entgehenlassen sollte.

Die Geschichte spielt im Jahre 1959 in der Altstadt von Damaskus. Der alte Kutscher Salim, der ein Leben lang ein begnadeter Geschichtenerzähler war, bekommt eines Nachts Besuch von einer Frau, die er noch nie zuvor gesehen hat. Sie duftet nach Orangenblüten und offenbart ihm, daß sie seine Geschichtenfee sei.

Nach all den Geschichtenverschachtelungen, aus denen sie ihn immer wieder zum folgerichtigen Abschluß geführt habe, ginge sie nun in den wohlverdienten Ruhestand. Das bedeute für Salim, daß er seine Stimme verlieren werde. Ihm stünden jetzt noch exakt einundzwanzig Wörter zur Verfügung, und danach sei er stumm.

Doch da die Fee ihn so lieb gewonnen hat, habe sie den Feenkönig um Gnade gebeten, und der Feenkönig erkläre sich bereit, Salim eine junge Fee zur Seite zu stellen, wenn er folgende Bedingung erfülle: Er müsse innerhalb von drei Monaten sieben einmalige Geschenke bekommen, dann könne er wieder sprechen und erzählen.

Welche Geschenke dies seien, müsse er selbst herausfinden. Wie es Salim am nächsten Tag gelingt, mit der geringen Wörterzahl seinen sieben Freunden mitzuteilen, was ihm die Fee gesagt hat, ist bereits eine eigene kleine Geschichte.

Die Freunde, die sich seit Jahren jeden Abend bei Salim einfinden, seinen Tee trinken und seinen Geschichten lauschen, sind selbstverständlich ausgesprochen hilfsbereit. Die Freunde, das sind der Schlosser Ali, der Geographielehrer Mehdi, der Friseur Musa, der ehemalige Minister Faris, der Emigrant Tuma, der Gemüsehändler Isam und der Kaffeehausbesitzer Junis.

Zunächst versuchen es die Freunde mit materiellen Geschenken; sie laden Salim siebenmal zum Essen ein, besorgen sieben Hemden und Hosen, servieren sieben Weine und sieben feine Parfüms … Doch selbst eine Reise durch sieben Städte, über sieben Berge, durch sieben Täler und Ebenen bringt Salims Stimme nicht zurück.

Schließlich sind es nur noch acht Tage, bis die vom Feenkönig gesetzte Frist abgelaufen ist. Besorgt sitzen die Freunde beieinander und grübeln nach einer Lösung. Plötzlich hat der Lehrer eine Eingebung und regt an, sie sollten sieben Geschichten erzählen. Der Vorschlag wird eifrig diskutiert, und dann wird ausgelost, wer am nächsten Abend die erste Geschichte erzählen soll.

So kommt ein lebhafter Reigen von Geschichten zu Wort, in dem sich Abenteuer, Märchen, Gesellschaftskritik, Menschenkenntnisreichtum, Todesmut und Lebensfreude, Persönliches und Politisches, Wahrheit und Lüge, Tragik und Komik, Sehnsucht und Erfüllung, Verzauberungen, Flüche, Erlösungen, wahre Liebe und echter Lebensalltag sowie Phantasie, Philosophie und Mitmenschlichkeit die Hände reichen und abwechs-lungsreich, kunterbunt sowie immer wieder überraschend umeinander kreisen.

Vorzüglich gelingt es Rafik Schami zudem, die eigenwilligen Schicksalsgeschichten und Charakterisierungen der sieben Freunde und Salims Lebenslauf in fügsamer Dramaturgie in die Rahmenhandlung einzuweben und zusätzlich eine sinnlich-dufterfüllte, farbenfrohe nostalgische Liebeserklärung an die Stadt Damaskus zu schreiben. Außerdem erlesen wir einige feine Unterweisungen in der Kunst des guten, fesselnden Erzählens und des hingebungsvollen Zuhörens, wie sie die Tradition der Hakawatis, der orientalischen Kaffeehauserzähler, repräsentiert.

In der orientalischen Erzählweise enthält jede Geschichte kleinere und größere Abzweigungen, man erzählt nicht geradlinig von A nach B und von B nach C, oh nein, das wäre viel zu einfach und langweilig – man beginnt eine Geschichte, und diese Geschichte hat selbst schon eine eigene Biographie, die ebenfalls miterzählt wird, und auch bestimmte Figuren oder Requisiten haben eine Vorgeschichte, die erwähnenswert ist, ganz zu schweigen von freundschaft- lichen, feindlichen oder verwandtschaftlichen, heimlichen oder unheimlichen Bezügen zwischen diversen Figuren und Orten und nicht zu vergessen die fließenden Übergänge zwischen reiner Phantasie, wahrer Lüge und unmöglicher Wahrheit.

Sehr amüsant spielt Rafik Schami auch mit der Verschiedenheit von östlicher und westlicher Mentalität. Als der ehemalige Emigrant Tuma ganz reell von seinem Lebensalltag in Amerika erzählt und beispielsweise berichtet, daß dort in den Geschäften die Preise für die Waren feststehen und keineswegs gehandelt wird, daß die Menschen Sonntagsspaziergänge auf den Friedhöfen unternähmen und daß es üblich sei, daß die Gäste dem Gastgeber Speisen mitbrächten, halten die Freunde ihn für einen Lügner – denn solche Barbaren könnten doch selbst die Amerikaner nicht sein.

Zu den einfachen, gleichwohl wohlgeformten und feingewürzten Worten gesellt sich harmonisch die bibliophile Gestaltung des Buches. Jedes Kapitel wird von einer eigenen arabesken Zierleiste dekoriert und endet mit einer arabesken Medaille. Die Titelbildzeichnung mit ihrem farbenfrohen Häusermosaik ist eine wunderschöne Einladung in die verwinkelten, warmherzigen, weisen und schelmischen Geschichten eines meisterhaften Erzählers.

 

»Lügen und Gewürze sind Geschwister.
Die Lüge macht jedes fade Geschehen zum würzigen Gericht.
Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit wollen nur Richter hören.
Aber genau wie die Würze soll die Lüge das Geschehen abrunden.
„Nicht zuwenig, aber auch nicht zuviel macht dessen Genuß köstlich“, dachte Salim …«
(Seite 99)

 

Hier entlang zum Buch beim Beltz Verlag:
http://www.beltz.de/kinder_jugendbuch/produkte/produkt_produktdetails/3608-erzaehler_der_nacht.html

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE im DTV-Verlag:  
https://www.dtv.de/buch/rafik-schami-erzaehler-der-nacht-11915/

Der Autor:

»Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren. Von 1966 bis 1969 war er Herausgeber und Mitautor der Wandzeitung »Al-Muntalak« im alten Viertel von Damaskus. 1971 siedelte er in die Bundesrepublik Deutschland über. Er promovierte in Chemie. Seit 1982 ist er freier Schriftsteller und lebt in Marnheim/Pfalz. Für sein literarisches Werk erhielt er viele wichtige Auszeichnungen, u.a. den Adalbert-von-Chamisso-Preis, Hermann-Hesse-Preis, den Tüddelbandpreis, den Preis der Stiftung Bibel & Kultur und den großen Preis der Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Außerdem wurde der Roman »Eine Hand voller Sterne« in Wien für »Eine Stadt, ein Buch« (2011) und in Köln für »Ein Buch für die Stadt« (2015) ausgewählt. Sein Werk wurde in 30 Sprachen übersetzt. Seit 2002 ist Rafik Schami Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Bei Beltz & Gelberg erschienen von Rafik Schami außerdem die Romane  »Der ehrliche Lügner« und »Sami und der Wunsch nach Freiheit« sowie die Bilderbücher »Der Wunderkasten« (Bilder Peter Knorr) und »’Hast du Angst‘, fragte die Maus« (Bilder Kathrin Schärer). «

Hier entlang zur informativen Webseite von Rafik Schami:
http://www.rafik-schami.de/

Einige Bücher von Rafik Schami gibt es – bequem über den deutschen Buchhandel zu bestellen – auch in arabischer Sprache beim Hans Schiler Verlag: http://www.rafik-schami.de/special-alle-buecher-alle-buecher/arabische-ausgaben/c-1478

Querverweise:

Hier entlang zu Rafik Schamis berühmtem Bilderbuch „Der Wunderkasten“,
das von der Zauberkunst handelt, mit Worten zu malen und Kinder zu lehren, mit dem Herzen zu sehen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/14/der-wunderkasten/

Hier geht es zu meiner Besprechung von Rafik Schamis Kinderbuch Meister Marios Geschichte“, in der sich Marionetten als Freiheitskämpfer entpuppen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/10/22/meister-marios-geschichte

Und hier klopft „Das Herz der Puppe, ein Buch voller Alltag und Wunder, spielerischem Tiefsinn und poetischer Phantasie, das von Rafik Schamis lebendigem Kinderherzen zeugt. Ich lege es Lesern von acht bis achtundachtzig Jahren ans Herz:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/07/28/das-herz-der-puppe/

 

Der Schwan

  • Das Leben der Anna Pawlowa
  • Illustrationen von Julie Morstad
  • Text von Laurel Snyder
  • Aus dem Englischen von Elisa Martins
  • NordSüd Verlag   August 2017    http://www.nord-sued.com
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 21,5 x 28 cm
  • 48 Seiten
  • 16,00 € (D), 16,50 € (A), 20,90 sFr.
  • ISBN 978-3-314-10393-3
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

SCHWERELOSER  FLÜGELSCHLAG

Zu Anna Pawlowas 87. Todestag am 23. Januar 2018

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Manchmal werden die großen Träume kleiner Mädchen wahr. Anna Pawlowa kam am 12. Februar 1881 in Sankt Petersburg als uneheliches Kind einer Waschfrau zur Welt. Trotz der Armut, in der sie aufwuchs, ermöglichte die Mutter ihrem Kind gelegentlich ein besonderes Vergnügen. So geht sie eines Winterabends mit der achtjährigen Anna ins Mariinski-Theater, und sie sehen das Ballett „Dornröschen“ und hören Tschaikowskys dazugehörige Musik.

Illustration von Julie Morstad © NordSüd Verlag 2017

Fortan kennt Anna nur noch ein Ziel: Sie will Ballettänzerin werden. Die Mutter warnt, daß dies kein leichter Weg sein werde, aber Anna folgt unbeirrbar ihrem inneren Lied und findet im Alter von zehn Jahren Aufnahme in der Kaiserlichen Theaterakademie.

 

Illustration von Julie Morstad © NordSüd Verlag 2017

Damals waren die Tänzer und Tänzerinnen kräftig gebaut, und Anna wurde wegen ihres elfenhaft-zarten Körperbaus belächelt. Doch sie entwickelt ihre eigene anmutig-ausdrucksvolle Bewegungssprache und ertanzt sich unermüdlich ihren Weg zur Primaballerina.

Ihre tänzerische Interpretation der von Michel Fokine für sie entwickelten Solo-Choreo-graphie „Der sterbende Schwan“ zur Musik von Camille Saint-Saëns aus dem Ballett „Der Karneval der Tiere“  macht sie unsterblich berühmt.

Ruhm und Ehrungen sowie Europa- und Welttourneen mit eigenem Ensemble folgen. Sie tanzt in den renommiertesten Theaterhäusern großer Städte, aber auch in kleinen Dörfern, Stierkampfarenen, Tanzlokalen und Turnhallen. Anna Pawlowa möchte für alle Menschen tanzen, sie hat nicht vergessen, woher sie kommt …

Illustration von Julie Morstad © NordSüd Verlag 2017

Jahrzehntelang verausgabt sie sich auf der Bühne, und 1931, kurz vor ihrem 50. Geburtstag, stirbt sie an einer Lungenentzündung. Angeblich ruft sie im Fieberwahn nach ihrem Schwanenkostüm, doch vielleicht ist das nur eine romantische Legendenranke. Heute, am 23. Januar 2018, jährt sich der Todestag von Anna Pawlowa zum 87. Mal.

Das Bilderbuch „Der Schwan“ gibt Anna Pawlowa mit leichten, luftigen Zeichnungen, dezenter Farbgebung und stimmungsvollen, auf Zehenspitzen balancierenden Zeilen die Ehre. Der Entwicklungsweg der weltberühmten, schwerelosen Ballerina wird im Begleittext mit gleichsam filigraner Wortwahl erzählt. Neben einigen winterlichen Außenaufnahmen und den bescheidenen Interieurs ihrer Kindheit stellt es hauptsächlich Bühnen- und Rollencharakter- szenen dar, die Anna Pawlowas unerschütterliche Tanzsehnsucht und Tanzerfüllung illustrieren.

So ist es ebenso folgerichtig wie poetisch, daß die vorletzte Doppelseite eine leere Bühne mit einigen weißen, zu Boden schwebenden Federn zeigt. Das gibt dem Abschied vom Leben eine zärtlich-schwebende Note, die mit dem „Sterbenden Schwan“ feinsinnig harmoniert.

Ein angefügtes Nachwort liefert Hintergrundwissen zu Anna Pawlowas Lebenslauf und rundet die Bilderbuchkomposition informativ ab.

Für ballettbegeisterte Kinder ist dieses Bilderbuch genau richtig – und für Traumtänzer ebenfalls.

 

Als nostalgische Zugabe serviere ich gerne noch eine Originalaufnahme von Anna Pawlowa:

 

Die Autorin:

»Laurel Snyder, geboren 1974, schreibt Kinderbücher und Gedichte. Sie ist in Baltmore, Maryland, aufgewachsen, wo sie auch Ballettunterricht an verschiedenen Schulen genommen hat. Heute lebt Laurel Synder in Atlanta, Georgia. Sie tanzt noch immer, aber meistens in ihrer Küche.«

Die Illustratorin:

»Julie Morstad, geboren 1976, ist eine preisgekrönte Illustratorin, die mit ihrer Vancouver lebt. Sie teilt ihre kreative Energie zwischen Zeichnungen, Illustration, Animation und Grafik auf. Bei der Arbeit am Bilderbuch „Der Schwan“ konnte Julie Morstad ihre Begeisterung für die Mode, die Stoffe, Interieurs und die Architektur des frühen 20. Jahrhunderts voll ausleben.«

 

Querverweis:

Hier entlang zu einem weiteren Ballett-Bilderbuch, dem Ballett-Märchen
 „Der Nußknacker“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/12/18/der-nussknacker/

Ein Weiser, ein Kaiser und viel Reis

  • Text und Bilder von Paolo Friz
  • Atlantis Verlag  Februar 2017   http://www.ofv.ch/kinderbuch/atlantis/
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 29,7 x 20 cm
  • 32 Seiten
  • 14,95 €, 24,90 sFr.
  • ISBN 978-3-7152-0724-7
  • Bilderbuch ab 5 Jahren

V E R S C H Ä T Z T

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wenn Sie sich unter der Zahl 264-1  bzw. unter der Zahl 18,45 Trillionen nicht wirklich etwas vorstellen können, sind Sie schon auf dem besten Wege, die Geschichte zu begreifen, die in diesem Bilderbuch erzählt wird. Exponentielles Wachstum überfordert halt unsere Vorstellungskraft, und deshalb wird es meist gefährlich unterschätzt.

Laut einer alten Legende befüllen die Reisbauern alljährlich ihre Boote, um ihrem Kaiser eine beträchtliche Reisabgabe zu liefern, die sie selbst und ihre Familien an die Grenze zum Verhungern bringt, während sich die höfischen Vorratskammern füllen und füllen.

Ein Bauer wagt es, diesen existenziellen Sachverhalt vor dem Kaiser zur Sprache zu bringen. Doch der Kaiser ist arrogant, selbstherrlich und uneinsichtig. Geknickt kehren die Bauern in ihr Dorf zurück und suchen nach einer Lösung. Die Tochter des Dorfältesten regt an, „den alten Weisen auf dem Hügel“ um Rat zu bitten.

Der alte Weise hört sich die Klagen der Bauern an und verspricht, ihnen zu helfen. Nach einer schlaflosen Nacht hat er eine raffinierte Idee, wie er diplomatischen Einfluß auf den Kaiser gewinnen könne. Die Vorliebe des Kaisers für spannende Brettspiele ist allgemein bekannt, und so denkt sich der Weise ein ganz besonderes Brettspiel mit Bauern, Läufern, Springern, Türmen, König und Königin (Dame) aus.

Mit tatkräftiger Unterstützung seiner Nichte werden die Spielfiguren aus Holz geschnitzt und ein Spielbrett mit 8 x 8 quadratischen, abwechselnd schwarz-weißen Spielfeldern hergestellt.

Der Weise besucht den Kaiser, führt ihm sein neues Brettspiel vor und erklärt die Spielregeln. Sie spielen einige Runden, und der Weise läßt selbstverständlich immer den Kaiser gewinnen. Das Entzücken über dieses neuartige Brettspiel ist für den Kaiser so groß, daß er verspricht, dem Weisen jeden Wunsch zu erfüllen.

Ganz bescheiden sagt der Weise, er wolle ein Reiskorn für das erste Spielfeld, zwei Reiskörner für das zweite Feld, für das dritte vier, für das vierte acht und immer so weiter bis zum 64. Feld. Zwar wundert sich der Kaiser, daß der Weise keine Kostbar-keiten verlangt, sondern nur – wie er meint – einen Sack Reis, aber versprochen ist versprochen. Sogleich wird der Hofmathematiker damit beauftragt, die exakte Reismenge zu berechnen …

Schon bald zeigt sich, daß der Kaiser die gewünschte Reismenge dramatisch unterschätzt hat. Selbst als die kaiserlichen Vorratskammern geleert sind, ist die versprochene Menge noch längst nicht erreicht. Der Hofmathematiker erläutert dem Kaiser, daß sie Milliarden von Frachtschiffen beladen müßten, und die Aneinanderreihung der Schiffe wäre länger als der Weg von der Erde bis zur Sonne.

Illustration von Paolo Friz aus „Ein Weiser, ein Kaiser und viel Reis“ © Atlantis Verlag 2017

Demütig bittet der Kaiser den alten Weisen um Gnade und fleht ihn an, sich etwas anderes als diese astronomische Anzahl von Reiskörnern zu wünschen. Daraufhin erbittet sich der Weise, daß niemand mehr im Lande hungern müsse und daß die Reisernte gerecht zwischen Bauern und Hofstaat geteilt werden solle. Erleichtert stimmt der Kaiser zu, und die Bauern haben allen Anlaß, im Dorf ein Freudenfest zu feiern und Schach zu spielen …

Das angefügte Nachwort erklärt die Reisberechnung in Worten und Zahlen und weist darauf hin, daß die Legende von der Erfindung des Schachspiels auch alternativ anhand von Weizenkörnern erzählt sowie wahlweise in Indien, im arabischen Raum oder in China verortet wird. Mit dem vor- liegenden Bilderbuch befinden wir uns in einer ostasiatischen Umgebung. Die  feinsinnigen Illustrationen von Paolo Friz zeigen asiatische Land- schaften und detailreiche, stilvolle Interieurs, die mit ausdrucksvollen, charakterstarken Figuren bevölkert sind, deren Mimik und Körpersprache deutlich mitwirken.

„Ein Weiser, ein Kaiser und viel Reis“ erteilt uns eine kluge und augen- zwinkernde Lektion über die typisch menschliche Unterschätzung exponentiellen Wachstums und über den Wert des gerechten Teilens. Es ist ein vielschichtiges Bilderbuch und bietet nachhaltigen Stoff zum Denken, zum Mitfühlen, zum Nachrechnen, zum Philosophieren und zum Staunen.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://ofv.ch/kinderbuch/detail/ein-weiser-ein-kaiser-und-viel-reis/102858/

 

Der Autor und Illustrator:

»Paolo Friz studierte Illustration an der Hochschule Design & Kunst Luzern und an der Hochschule für angewandte Kunst in Prag. Nach seinem Abschluss machte er ein Masterstudium an der Central Saint Martins School of Art in London in Communication Design. Heute ist Paolo Friz Designer, Illustrator mehrfach ausgezeichneter Arbeiten und Dozent an der Hochschule Design & Kunst Luzern. Mit Norbert Raabe veröffentlichte er 2010 sein erstes Bilderbuch Sydney und Nelson im Atlantis-Verlag.«

 

 

Das geheime Netzwerk der Natur

  • Wie Bäume Wolken machen und Regenwürmer Wildschweine steuern
  • von Peter Wohlleben
  • LUDWIG Verlag   September 2017  http://www.ludwig-verlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 224 Seiten
  • ISBN 978-3-453-28096-0
  • 19,99 € (D), 20,60 € (A)  26,9o sFr.

N A T U R L I E B H A B E R

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Peter Wohllebens neues Buch öffnet unser Denken und unsere Sinne für die komplexen natürlichen Kreisläufe und Wechselwirkungen unserer Mitwelt. Dabei spielen große und kleine sowie kurzfristige und langfristige Zusammenhänge zwischen den zoologischen und botanischen Arten ebenso eine tragende Rolle wie geologische und klimatische Entwicklungen und der Einfluß der menschlichen Zivilisation.

Das Spektrum der anschaulichen Beispiele für natürliche Gleichgewichte und Selbst-organisationen sowie positive und negative menschliche Einflußnahmen reicht vom winzwinzigen, unterirdischen Mikroorganismus bis zum Baumriesen, vom Moospolster, das ein Vielfaches seines Gewichtes an Wasser speichern kann, bis zur Gewitterwolke, die innerhalb weniger Minuten pro Quadratkilometer bis zu 30 000 Kubikmeter Wasser abregnen lassen kann, vom CO₂- und Stickstoffkreislauf bis zum Für und Wider winterlicher Vogelfütterung, von Ameisen-Blattlaus-Lebensgemeinschaften bis zum evolutionären Hörwettbewerb zwischen Fledermäusen und Nachtfaltern …

Peter Wohlleben weckt sogleich im ersten Kapitel mit der Überschrift „ Warum Wölfe Bäumen helfen“ unsere Neugier. Denn der Zusammenhang zwischen Bäumen und Wölfen ist ja zunächst nicht offensichtlich.

Im 19. Jahrhundert wurden im Yellowstone-Nationalpark auf Druck der umliegenden Farmer systematisch alle Wölfe ausgerottet. Das hatte zur Folge, daß sich die Hirsche massiv vermehrten und insbesondere die Gräser und Baumschößlinge an den Flußufern wegfraßen. Die verödeten, pflanzenarmen Uferregionen boten zu wenig Nahrung für Vögel, deren Artenspektrum abnahm; Biber, die auf Uferbäume angewiesen sind,  verschwanden ebenfalls. Da die Uferböschungen kaum noch einen schützenden Pflanzenbewuchs hatten, wurde bei Hochwasser viel Erdreich mitgerissen, die Erosion beschleunigte sich, und die Flußläufe mäandrierten beträchtlich.

1995 wurden wieder Wölfe im Yellowstone-Nationalpark angesiedelt, und es begann eine „trophische Kaskade“, d.h. „eine Veränderung des gesamten Ökosystems über die Nahrungskette, von oben beginnend“. (Seite 11) Die Wölfe jagten die Hirsche, die Hirschpopulation nahm ab, und die verbliebenen Hirsche hielten sich nur noch kurz an den offenen Uferstreifen auf, da sie die Wölfe fürchteten und sich zum Selbstschutz bevorzugt in weniger sichtoffenen Waldarealen aufhielten.

Die Bäume und die Pflanzenvielfalt kehrten zurück, und nach einigen Jahren waren die Flußufer wieder natürlich befestigt, die Biber kehrten zurück, und in Folge der Biberstaudämme gab es mehr Tümpel, mehr Tümpel förderten die Ansiedlung von Amphibien, und auch die Vogelvielfalt wurde wieder größer …

In Anbetracht der Tatsache, daß „Deutschland auf die Fläche bezogen eines der wildreichsten Länder der Erde ist“ (Seite 16), sollten wir die Rückkehr der Wölfe also gelassen begrüßen und nicht auf hysterische Schlagzeilen gewisser Blättchen hereinfallen. Menschen gehören nicht zum Beutespektrum des Wolfs, und selbst Vieh und Haustiere machen lediglich 0,75 Prozent seiner Nahrung aus. Tatsächlich sind streunende oder verwilderte Hunde viel gefährlicher, da sie keine natürliche Scheu vor Menschen haben.

Peter Wohlleben vermittelt dem Leser eine ganzheitliche Perspektive, er berichtet ausgewogen von Chancen, Gefahren und möglichen Lösungen für menschengemachte Probleme. Er schreibt eigentlich nicht, sondern er erzählt, und dies auf eine solch lebendige, interesseweckende und faszinierende Weise, daß selbst schon sehr naturverbundene Leser nach der Lektüre mit noch wacherem Blick durch Wald und Wiesen streifen.

„Das geheime Netzwerk der Natur“ legt uns mit Gefühl die Natur ans Herz und hebt uns mit Verstand die feinverästelte Komplexität der Natur ins Bewußtsein.

Kritiker, die Peter Wohllebens einfühlsame Erzählweise als unwissenschaftlich bemängeln, verkennen in verkopfter oder profitbeschränkter Welt- und Selbstsicht unsere eigene menschliche Natur, die nämlich am erfolgreichsten durch eine emotionale Ansprache berührt und motiviert wird. Nur wer die Natur liebt, wird ihr mit Achtsamkeit und Respekt begegnen, lebensfeindliche Einmischungen vermeiden und sich im Rahmen seiner Möglichkeiten um ihren Erhalt und Schutz bemühen.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Das-geheime-Netzwerk-der-Natur/Peter-Wohlleben/Ludwig/e515800.rhd

Das Hörbuch ist parallel zum Lesebuch im Hörverlag erschienen, in bewährter sonorer Stimmqualität gelesen von Peter Kaempfe.

Das geheime Netzwerk der Natur

von Peter Wohlleben
gelesen von Peter Kaempfe
der Hörverlag  http://www.hoerverlag.de
Hörbuch CD (gekürzt)
6 CDs in Pappklappschachtel
Laufzeit: ca. 6 Stunden, 44 Minuten
ISBN: 978-3-8445-2727-8
19,99 € (D), 22,50 € (A) , 28,50 sFr.

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Das-geheime-Netzwerk-der-Natur/Peter-Wohlleben/der-Hoerverlag/e528126.rhd

 

Querverweis:

Hier entlang zu meiner Rezension von Peter Wohllebens „Das geheime Leben der Bäume“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/02/06/das-geheime-leben-der-baeume/ und „Das Seelenleben der Tiere“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/01/30/das-seelenleben-der-tiere/

Der Autor:

»Peter Wohlleben, Jahrgang 1964, wollte schon als kleines Kind Naturschützer werden. Er studierte Forstwirtschaft und war über zwanzig Jahre lang Beamter der Landesforst-verwaltung. Um seine ökologischen Vorstellungen umzusetzen, kündigte er und leitet heute eine Waldakademie in der Eifel. Er ist Gast in zahlreichen TV-Sendungen, hält Vorträge und Seminare und ist Autor von Büchern zu Themen rund um den Wald und den Naturschutz. Mit seinen Bestsellern Das geheime Leben der Bäume und Das Seelenleben der Tiere hat er Menschen auf der ganzen Welt begeistert.« https://wohllebens-waldakademie.de/

Die Schneemacher

  • Bilderbuch
  • Illustrationen von Renata Liwska
  • Text von Marsha Diane Arnold
  • Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn
  • Gerstenberg Verlag   September 2017  www.gerstenberg-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 32 Seiten
  • Format: 20 x 22,5 cm
  • 9,95 € (D), 10,30 € (A), 13,30 sFr.
  • ISBN 978-3-8369-5975-9
  • Bilderbuch ab 3 Jahren

S C H N E E R E Z E P T E

Bilderbuchbesprechung  von Ulrike Sokul ©

Es ist Winter und Dachs schaut in sehnsüchtiger Erwartung von Schnee durch sein Fernrohr in den Himmel. Angesichts von Dachsens Ungeduld sagt Igel nur weise: „Es schneit, wenn es so weit ist.“

Damit gibt sich Dachs nicht zufrieden. Er trommelt auf Töpfen und Pfannen herum, um den Himmel aufzuwecken. Doch davon schneit es keineswegs; nur Kaninchen, Wühlmaus und Beutelratte laufen herbei und fragen, weshalb Dachs einen solchen Lärm veranstalte.

Igel erklärt, daß Dachs den Himmel zum Schneien bewegen will. Kaninchen schlägt  vor, Steine in die Wolken zu werfen, damit die Wolken Löcher bekämen, aus denen dann der Schnee fiele. Alle Tiere, außer dem geduldigen Igel, werfen Steine in den Himmel, aber es fallen nur Steine und kein bißchen Schnee.

Wühlmaus erinnert sich an ein Schneerezept ihrer Oma: Man müsse einen besonderen Schneetanz mit guten Freunden tanzen. Gesagt – getan, aber außer der Freude am Tanzen und Blasen an den Füßen zeitigt auch der Schneetanz kein Ergebnis.

Illustration von Renata Liwska © Text von Marsha Diane Arnold © Gerstenberg Verlag 2017

Auch Beutelrattes Rat, die Schlafanzüge falsch herum anzuziehen, um Schnee zu provozieren, bringt keine einzige Schneeflocke hervor. 

Geknickt sitzen die Tiere beieinander, der Igel gemahnt noch einmal weise an die unberechenbare Zuverlässigkeit des Jahreslaufes, und die Tiere finden sich nunmehr einfach damit ab, auf den Schnee zu warten. Sie versüßen sich die Wartezeit mit Spielen und kleinen Nickerchen. Und dann – endlich! – fallen die ersten Schneeflocken …

Illustration von Renata Liwska © Gerstenberg Verlag 2017

Die niedlich gezeichneten, weich konturierten, etwas stofftierig anmutenden Figuren mit ihrer drolligen Mimik und Körpersprache schmiegen sich leicht ans Kinderherz.

Der Text beschreibt in anschaulichen, einfachen Worten die eifrigen Bemühungen der „Schneemacher“. Die lebhaften Dialoge werden durch die ruhigen Erklärungen des Igels entspannt und ausgeglichen.

Ungeduld ist zwar keine Tugend, angesichts von kindlicher Schneesehnsucht jedoch verständlich. Gleichwohl lernen wir aus diesem feinen Bilderbuch, daß sich Schnee nicht machen läßt. Schnee kann – wie so vieles im Dasein – einfach nur geschehen.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.gerstenberg-verlag.de/index.php?id=detailansicht&url_ISBN=9783836959759&highlight=schnee

 

Die Autorin:

»Marsha Diane Arnold, geboren 1948 in den USA, wuchs auf einer kleinen Farm in Kansas auf und wohnt heute in Florida. Sie studierte Literatur und hatte lange Jahre eine Zeitschriftenkolumne, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Kinderbüchern widmete.«

Die Illustratorin:

» Renata Liwska, geboren in Polen, wuchs in Warschau auf und lebt heute in Calgary, Kanada. „Das laute Buch. Das leise Buch“ wurde mit dem Leipziger Lesekompass ausgezeichnet und stand auf der Liste Die besten 7. 2010 erhielt sie die Goldmedaille der Society of Illustrators.  «

 

Verschneite Querverweise:

Hier entlang zum einem weiteren von Renata Liwska illustrierten Bilderbuch:
Stille Nacht. Ein leises Weihnachtsbuch“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/12/22/stille-nacht/

Und zu Sebastian Meschenmosers Schneesucher-Bilderbuch:
Herr Eichhorn und der erste Schnee“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/21/herr-eichhorn-und-der-erste-schnee/

Sowie zu Loek Koopmans‘ tierischer Schneehandschuh-WG:
Ein Märchen im Schnee:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/12/23/ein-marchen-im-schnee/

 

 

ZWISCHEN DEN JAHREN 2017


» Laß dich fallen.

Lerne Schnecken zu beobachten.
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein.
Mache kleine Zeichen, die „Ja” sagen,
und verteile sie überall in deinem Haus.
Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
Freue dich auf Träume.
Weine bei Kinofilmen.
Schaukel so hoch du kannst mit einer Schaukel bei Mondlicht.
Pflege verschiedene Stimmungen.
Verweigere, „verantwortlich” zu sein. Tu es aus Liebe.
Mach viele Nickerchen.
Gib Geld weiter. Tu es jetzt. Das Geld wird folgen.
Glaube an Zauberei.
Lache viel.
Bade im Mondlicht.
Träume wilde, phantasievolle Träume.
Zeichne auf die Wände.
Lies jeden Tag.
Stell dir vor, du wärst verzaubert.
Kichere mit Kindern.
Höre alten Leuten zu.
Öffne dich, tauche ein, sei frei.
Segne dich selbst.
Laß die Angst fallen.
Spiele mit allem.
Unterhalte das Kind in dir.
Du bist unschuldig.
Baue eine Burg aus Decken.
Werde naß.
Umarme Bäume.
Schreibe Liebesbriefe. «

Joseph Beuys ©

 

* Foto von Almuth Dietrich © http://www.naturaufdembalkon.wordpress.com

 29. Dezember, Anno 2017


Geneigte Leserin, geneigter Leser,

gerne sage ich an dieser Stelle und zu dieser Zeit meinem wunderbaren Lesepublikum einen tiefempfundenen Dank. Ich danke den stillen Mitlesern ebenso wie denen, die sich zu Wort melden.

Seit fünf Jahren teile ich mit Ihnen meine Buchbegeisterung. Das große Echo auf meine Beiträge beindruckt mich tief.

Der gehaltvolle Kommentarkometenschweif, der sich meinen Rezensionen anschließt, ist eine bereichernde, feinsinnige und oft auch amüsant-charmante sowie wortverspielt-vielstimmige Zugabe, die mich beflügelt und von ganzem Herzen freut. Ich danke für die zugewandte und lebhaft-interessierte Aufmerksamkeit,  die Anerkennung und den regen Zuspruch, die ich mit meinen Leselebenszeichen hervorrufe.

Den weise-verspielten Anregungen aus dem vorangestellten Joseph-Beuys-Text möchte ich noch folgendes hinzufügen:

Probiere Poesie.
Laß Dich von Büchern finden.

Lese langsam und lausche dem Atem zwischen den Zeilen.
Säe großzügig Dein Lächeln aus.

Nähre Hoffnung über Dich selbst hinaus.

Ich wünsche meinen Lesebesuchern ein friedliches, herzerfülltes, verspieltes und lebensfrohes Jahr 2018 mit inspirierenden Lektüresternstunden.

 

Auf Wiederlesen sagt Ihnen
Ihre Bücherfee
Ulrike von Leselebenszeichen

 

* PS:
Das feine Foto „Minischnirkelschnecke an Birnenhügel“ 😉 , das meinen Textbeitrag  belichtend schmückt, verdanke ich Almuth von der bienensummenden, naturwunder- schönen Webseite NATUR AUF DEM BALKON  https://naturaufdembalkon.wordpress.com
Auch an dieser Stelle meinen herzerfreuten DANK, liebe Almuth, für die fotografische Leihgabe!

Was man von hier aus sehen kann

  • von Mariana Leky
  • Roman
  • Dumont Buchverlag Juli 2017   http://www.dumont-buchverlag.de
  • gebunden
  • mit LESEBÄNDCHEN
  • 320 Seiten
  • 20,00 €
  • ISBN 978-3-8321-9839-8

B U C H S T A B E N G I R L A N D E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Was für eine wunderbare, transparente Prosa, eine generationenumarmende, sehr schneckenpostlangsame Liebesgeschichte, so warmherzig, gefühlvoll-nachdenklich, heiter-tiefsinnig und sprachschön, daß man diesen Roman nach der ersten Lektüre sofort noch einmal lesen möchte!

Die Geschichte beginnt im August 1983, als die Ich-Erzählerin zehn Jahre alt ist. Luise lebt in einem kleinen Dorf im Westerwald. Sie wohnt mit ihren Eltern im ersten Stockwerk des windschiefen Hauses von Luises verwitweter Großmutter Selma. Selma selbst wohnt im Parterre, und Luise übernachtet oft und gerne bei ihr.

Luises bester Freund ist der gleichaltrige Martin, der später Gewichtheber werden möchte und bevorzugt Luise zum Trainieren hochhebt. Selmas bester und ältester Freund ist der Optiker, der schon seit Jahrzehnten heimlich-unheimlich in Selma verliebt ist und der eine wachsende Sammlung angefangener, unabgeschickter Liebesbriefe an Selma pflegt.

Selma und der Optiker kümmern sich warmherzig und zugewandt um Luise und Martin. Sie sind es, die ihnen geduldig das Schnürsenkelschleifenbinden, Fahrradfahren und Schwimmen beibringen.

Im örtlichen Eiscafé üben die Alten mit den Kindern anhand der Eiskarte und der Zuckertütchenhoroskope das Lesen. So sind Luises erste selbstentzifferte Worte „Eisbecher Heimliche Liebe“  und die astrologische Charakterisierung des Sternzeichens Löwe.

Wenn Luise gewollt oder ungewollt sich selbst oder andere belügt, fallen stets zuverlässig Dinge von der Wand: Handharken, Makramee-Eulen, Lesetafeln, Pfannen, Schilder usw. – dann weiß Luise, daß sich die Wahrheit bemerkbar macht. Dieser eigenwillige Lügendetektor vermittelt Luise immer wieder interessante Erkenntnisse.

Da das Dorf zu klein für eine Schule ist, pendeln Luise und Martin jeden Morgen mit dem Bus ins Nachbardorf, und vom Bahnhof des Nachbardorfes fahren sie mit dem Regional-zug in die Kreisstadt zur Schule. Die viertelstündige Zugfahrt nutzen sie als spielerische Gedächtnisübung; Martin hat nach und nach alle auffälligen Landmarken auswendig gelernt und zählt sie Luise mit geschlossenen Augen, streckensekundengenau auf, was besonders bei verschneiter Landschaft reizvoll ist.

Das Dorf wird von einem übersichtlichen Soziotop bevölkert.  Da sind noch Luises Vater, der im Dorf als Arzt praktiziert, Luises Mutter, die einen Blumenladen mit dem Namen „Blütenrein“ führt, Alberto, der Inhaber des Eiscafés, Selmas abergläubische Schwägerin Elsbeth, Martins Vater, die traurige Marlies, der Einzelhändler, der Postbote, einige Bauern und sonstige Randfiguren sowie ein großer Hund namens Alaska.

Eine weitere tragende Rolle spielt das Okapi. Es ist zwar nur ein geträumtes Okapi, aber es hat in jeder Hinsicht eine nachhaltige Wirkung. Selma hat in ihrem Leben dreimal von einem Okapi geträumt, und jedesmal ist innerhalb von 24 Stunden jemand Nahes aus dem Dorf gestorben.

Nun hat Selma wieder von einem Okapi geträumt. Sie ist bemüht, dieses Omen gegenüber Luise herunterzuspielen, aber das funktioniert ganz und gar nicht. Die Nachricht über Selmas Okapitraum macht sehr schnell die Runde im Dorf. Alle Menschen sind beunruhigt und liegen mehr oder weniger auf der Lauer: Schlägt das Herz normal? Könnte einen heute eine friedliche Kuhherde überrennen? Drohen Dachziegel, Äste oder schwere Lampen vom Himmel zu fallen? Welche Wahrheit muß noch unbedingt ans Licht, bevor es vielleicht zu spät ist? Wegen der zu lüftenden Wahrheiten werden viele Briefe geschrieben und mündliche Geständnisse gemacht, die ohne die Aussicht auf den Tod weiter im Verborgenen geblüht hätten …

Zwölf Jahre später macht Luise in der Kreisstadt eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Bei einem Wochenendbesuch im Dorf läuft ihr am Waldrand der buddhistische Mönch Frederick, der gerade Gehmeditation praktiziert, über den Weg. Frederik ist Gast im „Haus der Einkehr“, einem zum Seminarhaus umfunktionierten Hof. Die beiden kommen etwas holperig und zugleich seltsam vertraut ins Gespräch, und Luise faßt sich ein Herz und bittet Frederik um seine Telefonnummer.

Fredrik lebt in einem buddhistischen Kloster in Japan. Es wird viele Ungewißheiten, Freiräume, Verstockungen, Selbstreflexionen und ausführliche Briefgespräche sowie den regelmäßigen Pulsschlag von zahlreichen Selma-Geburtstagsfeiern brauchen, bis sich Luise und Frederik wiedersehen und das Gleichgewicht der Herzen endlich erreicht ist.

Wir lesen hier keine rosa Liebeszuckergußromanze, sondern gefühlsechte, menschenkenntnisreiche, reife Herzensqualität. Die Geschenke und Verluste des Lebens gehen in diesem weisen Roman harmonisch Hand in Hand, Gefundenes wird verloren und Verlorenes wird gefunden, Vertrauen umarmt Verletzlichkeit.

Mariana Leky charakterisiert und inszeniert ihre Figuren mit einer bewundernswerten psychologischen Tiefenschärfe und einem feinen Sinn für Humor. Eine überaus zärtliche, sinnlich-schwebende Sprachmelodie und augenzwinkernde Verspieltheit erleichtert die Schwerkraft des Schicksals.

Mariana Lekys Roman wartet nicht nur mit einer der schönsten und längsten Liebeserklärungen auf, die ich je gelesen habe, sondern mit lebensechten Originalen, die man nicht so schnell vergißt, ja, die man nach Beendigung der Lektüre sogar ausdrücklich vermißt.

 

Als Leselockhäppchen folgen nun noch drei  Zitate:

»„Du gehst selbstverständlich trotzdem zur Schule“, sagte Selma, die immer wusste, was ich dachte, als hingen meine Gedanken in Buchstabengirlanden über meinem Kopf… « (Seite 18)

»„Sind noch alle da?“ fragte ich.
Selma und der Optiker sahen sich an, und dann erfand Selma die Welt zum zweiten Mal.
„Nein“, sagte sie. „Es sind nicht mehr alle da. Aber die Welt gibt es noch. Die ganze Welt minus eins.“ « (Seite 122)

»Er schaute auf seine Hände, als läge meine Frage dort, als hielte er sie, damit wir sie von allen Seiten betrachten konnten.« (Seite 198)

 

Hier entlang zum Buch und zur aussagekräftigen LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
http://www.dumont-buchverlag.de/buch/leky-was-man-von-hier-aus-sehen-kann-9783832198398/

Eine feine und ansteckend-begeisternde Besprechung des Hörbuches findet sich in Petras Bücher-Apotheke: https://petrasbuecherapotheke.wordpress.com/2017/09/03/was-man-von-hier-aus-sehen-kann-mariana-leky/

Die Autorin:

»Mariana Leky studierte nach einer Buchhandelslehre Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Bei DuMont erschienen der Erzählband ›Liebesperlen‹ (2001), die Romane ›Erste Hilfe‹ (2004) und ›Die Herrenausstatterin‹ (2010) sowie ›Bis der Arzt kommt. Geschichten aus der Sprechstunde‹ (2013). Sie lebt in Berlin und Köln. Mit ihren ersten Erzählungen gewann sie den Allegra Preis 2000. Für den 2001 bei DuMont erschienenen Erzählband ›Liebesperlen‹ wurde sie mit dem Niedersächsischen Literaturförderpreis und dem Stipendium des Landes Bayern ausgezeichnet. 2005 wurde sie für ihren Roman ›Erste Hilfe‹ mit dem Förderpreis für junge Künstler in der Sparte Dichtung/Schriftstellerei des Landes NRW ausgezeichnet.«

Stille Nacht, fröhliche Nacht

  • von Julie Völk
  • Bilderbuch
  • Gerstenberg Verlag  September 2017   www.gerstenberg-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 25 x 30 cm
  • 32 Seiten
  • 16,95 € (D), 17,50 € (A), 21,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8369-5602-4
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

B E S C H A U L I C H K E I T

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Bei Julie Völk erzählen allein die Bilder eine Geschichte, Worte kommen nur vereinzelt als  Bestandteil der komplexen Szenerien vor – z.B. als Ladenlokalbeschriftung. Für den Betrachter teilt sich nur das mit, was er den Bildern abliest. Je aufmerksamer, geduldiger und aufgeschlossener dies geschieht, umso mehr gibt es zu entdecken und zu erzählen. Jedes neue Durchblättern erschließt weitere Details, verborgene Bezüge und Deutungsmöglichkeiten.

Auf den ersten Seiten blättern wir eine weite Winterlandschaft auf. Ein Hirsch und ein Hase schauen einer bunten Wagenkolonne nach. Das zusammengefaltete, gestreifte Zelt auf einem der Wagen weckt sogleich eine Assoziation zum Zirkus.

Die bunten Wagen fahren in eine kleine Stadt und passieren einen Marktplatz, auf dem ein munteres vorfestliches Treiben zu beobachten ist. Menschen erledigen letzte Einkäufe, heimeliges Licht strahlt aus allerlei Ladenlokalen, winzige Einblicke in diverse Wohnungsfenster zeigen weihnachtliche Dekorationen, Kinder fahren Karussell, und überall wimmelt es von Fuß- und Schlittenspuren im Schnee.

Illustration von Julie Völk © Gerstenberg Verlag 2017

 

Die Zirkuswagen nähern sich einem Haus am Stadtrand und halten dort. Erwachsene und Kinder steigen aus. An der geöffneten Haustür werden die Gäste von einer lächelnden Frau empfangen, und ihre kleine Tochter läuft freudestrahlend in die geöffneten Arme ihres Vaters.

Illustration von Julie Völk © Gerstenberg Verlag 2017

Alle helfen bei den Vorbereitungen für ein opulentes Festmahl, Geschenke werden eingepackt, der Tannenbaum wird geschmückt, und immer musiziert irgendjemand, wahlweise mit einer Geige oder einer Ziehharmonika.

Nach dem Essen sitzt, liegt und akrobatiert die heitere Gesellschaft gemütlich zusammen, und schließlich schlafen alle mit einem seligen Lächeln im Gesicht ein, geborgen aneinandergekuschelt …

Illustration von Julie Völk © Gerstenberg Verlag 2017

Wie schon der Vorgängerband „Guten Morgen, kleine Straßenbahn!“ (siehe meine Rezension: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/09/04/guten-morgen-kleine-strassenbahn/ ) ist „Stille Nacht, fröhliche Nacht“ ein Bilderbuch, mit dem man sein Kind dazu animieren kann, vieles selbst zu den Bilderabfolgen zu formulieren.

Die zarten, detailverspielten Blei- und Buntstiftzeichnungen haben einen eigenwilligen, attraktiv-altmodischen Charme. Die warmherzige Darstellung des geglückten zwischenmenschlichen Miteinanders sowie die deutliche Empfindung von Lichtwärme, die alleine schon von der Lichtaura der Straßenlaternen und der erleuchteten Fenster im Kontrast zur winterlichen Schneekühle ausgeht, ist beeindruckend.

Die filigranen Zeichnungen lassen Raum, vielen Betrachtungspfaden zu folgen: die Fußspuren im Schnee verraten etwa, woher jemand kommt, Mimik und Körpersprache der Figuren enthalten Miniaturepisoden, und einige tierische Mitspieler wie Hasen, Katzen und einige Vögel verfolgen am Rande des Geschehens ihre eigenen Absichten …

Kleine Anspielungen auf die beiden vorhergehenden Bilderbücher sind ebenfalls zu entdecken. So findet sich auf dem Karussell ein Löwe, der an das Bilderbuch „Das Löwenmädchen“ erinnert, und ich könnte schwören, der Straßenbahn- schaffner aus „Guten Morgen, kleine Straßenbahn!“ befindet sich ebenfalls unter den zahlreichen Passanten der kleinen Stadt.

In Julie Völks schelmisch-zärtlicher und geheimnisvoll-verspielter Bilderwelt öffnet sich still und leise und nachhaltig ein weiter Herzensraum.

Also: Hereinspaziert!

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite: https://www.gerstenberg-verlag.de/index.php?id=detailansicht&url_ISBN=9783836956024&highlight=stille

Hier entlang zu meiner begeisterten Besprechung von Julie Völks zweitem Bilderbuch „Guten Morgen, kleine Straßenbahn!“ : https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/09/04/guten-morgen-kleine-strassenbahn/

 

Die Illustratorin:

»Julie Völk, geboren 1985 in Wien, wuchs im ländlichen Niedersachsen auf. Sie studierte an der HAW in Hamburg Illustration. Ihr Debüt Das Löwenmädchen ist gleich mit dem Nachwuchspreis Serafina und dem Troisdorfer Bilderbuchpreis 2015 ausgezeichnet worden. Für ihr zweites Bilderbuch Guten Morgen, kleine Straßenbahn! erhielt sie den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2017. Die Künstlerin lebt mit ihrer Familie in Niederösterreich. «  http://www.julievoelk.de

 

Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch

  • von Andreas Steinhöfel
  • illustriert von Peter Schössow
  • vierter Rico-und-Oskar-Band
  • CARLSEN Verlag  November 2017    www.carlsen.de
  • gebunden
  • 272 Seiten
  • Format: 15 x 21 cm
  • mit vierfarbigen Illustrationen
  • 14,99 € (D), 15,50 € (A), 21,90 sFr.
  • ISBN 978-3-551-55665-3
  • ab 10 Jahren

KINDERHERZLICHE  NÄCHSTENLIEBE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es gibt bereits drei Bände von Rico und Oskar, und als es damals im Jahre 2011 beim Erscheinen des dritten Bandes „Rico, Oskar und das Herzgebreche“ hieß, die Reihe sei abgeschlossen, war ich betrübt, daß es mit diesen außergewöhnlich liebenswerten und originellen Kinderbuchcharakteren nicht weitergehen sollte. Nun bin ich hocherfreut, daß Andreas Steinhöfel den Leselebensfaden von Rico und Oskar doch noch weitergesponnen hat.

Der tiefbegabte Rico und der hochbegabte Oskar sind die besten Freunde füreinander. Die beiden Jungs ergänzen sich mit ihren jeweiligen Eigenheiten, Stärken und Schwächen, und sie entwickeln sich aneinander weiter.

Oskar kann ausgezeichnet kopfrechnen, weiß viel und ist ein wandelndes Lexikon. Deshalb ist er sich jedoch auch allzu vieler möglicher Lebensgefahren bewußt, was eine Neigung zum Tragen von Kopfbedeckungen (Sturzhelme, diverse Mützen) zur Folge hat. Besonders auffällig ist dies bei Bommelmützen im Hochsommer und wenn er darauf besteht, die Kopfbedeckung auch in Innenräumen nicht abzulegen. In entspanntem Zustand kann Oskar jedoch gut auf eine Kopfbedeckung verzichten.

Rico kann schlecht rechnen, weil ihm – wie er selber sagt – im Gehirn die passende Abteilung für Mathematik fehle. Bei Reizüberflutung kann er gar nicht mehr denken, weil in seinem Kopf die „Bingotrommel“ losgeht und ihn die  wild und laut herum- klackernden Bingokugeln total verwirren. Manchmal versteht er Dinge etwas zu wörtlich, was zu witzigen Mißverständnissen führt. Rico verfügt über sehr viel Einfühlungsvermögen und geht wesentlich geduldiger an seine Mitmenschen heran als Oskar, der die Begriffsstutzigkeit von Erwachsenen und Kindern nur schwer ertägt.

Mit Ricos ausgeprägtem Gefühlsspürsinn und Oskars klugem Köpfchen haben die beiden Jungs schon einige aufregende Abenteuer gut überstanden. Die Freunde wohnen in einem Altbauhaus in der „Dieffe 93“ in Berlin. Das ist ganz praktisch, zumal Rico eine ausgeprägte Rechtslinksschwäche hat und sich räumlich schnell verirrt.

Oskar wohnt bei seinem Vater Lars in der zweiten Etage. Rico lebt mit seiner Mutter und seinem frisch angeheirateten Stiefvater in einer zusammengelegten Wohnung, die sich  über die vierte und fünfte Etage erstreckt. Ricos Mutter ist hochschwanger und achtet inzwischen konsequent auf gesunde Ernährung, was Ricos Süßigkeitenkonsum drastisch einschränkt. Und kürzlich behauptete seine Mutter auch noch, er habe heimlich ihre Silberzwiebelchen weggefuttert. Mann, Mann, Mann – dabei war er wirklich unschuldig.

Wir schreiben den 24. Dezember. Rico schaut schneeflockenhypnotisiert aus dem Fenster auf das dichte Schneetreiben und ist mit seiner Geschenkevorfreude beschäftigt. Er wünscht sich einen Kriminalkoffer und eine Detektivausrüstung, schließlich hat er mit Oskar zusammen schon einige Kriminalfälle gelöst, und überdies ist sein neuer Papa  Polizist – da dürften ja wohl mal ein paar Handschellen & Co drin sein.

Um halb elf gehen Rico und Oskar zu Fuß zum Karstadt. Oskar will noch ein Geschenk für seinen Vater und für Otto kaufen, den besten Kumpel seines Vaters. Außerdem vielleicht noch eine Kleinigkeit für Anna, die neue Freundin, die Otto heute zum Festessen und Kennenlernen mitbringen wird. Rico will noch ein ganz raffiniertes, sehr um die Ecke gedachtes Geschenk für sein zukünftiges Brüderchen oder Schwesterchen kaufen – einen Schwimmreifen, mit dem es bei der Geburt durchs „Obstwasser“ schwimmen soll. Ich freue mich jetzt schon auf die Verfilmung dieses lustigen Verkaufsgesprächs …

Auf dem Weg zum verabredeten Wiedertreffpunkt in der Herrenabteilung – bei Karstadt verirrt sich Rico nämlich unerklärlicherweise nie – beobachtet Rico von der Rolltreppe aus, daß Oskar an einem Sonderangebotstisch für weiße Damenunterwäsche herum-wühlt. Rico wundert sich, fragt aber später nicht nach.

Zurück in der Dieffe 93 muß erst einmal Ricos Vater vor der im Treppenhaus einge-klemmten etwas übergroßen Weihnachtstanne gerettet werden. Das kommt davon, wenn man irgendwelche unterwegslichen Sonderangebote wahrnimmt, anstatt wie versprochen seinen Sohn zum Baumaussuchen mitzunehmen.

Doch das renkt sich alles wortwörtlich wieder ein, zumal Lars, Otto, Anna und sogar der muffelige Hausmeister Mommsen tüchtig mitanpacken. Rico darf zum Ausgleich den Baum schmücken, und Mamas beste Freundin Irina beginnt derweil ein traditionelles russisches Weihnachtsmenü vorzubereiten, denn Ricos Mama kann mit ihrem Wasserballbauchumfang nicht so lange in der Küche hantieren und soll sich lieber schonen und ausruhen.

Rico macht eine kleine Stippvisite bei Frau Dahling, seiner alten Freundin und Nachbarin aus dem dritten Stock, die sich Sorgen macht, da ihr Verehrer noch nicht da ist. Rico tröstet sie und meint, daß er wegen des vielen Schnees einfach länger unterwegs sei. Ein paar leckere Müffelchen staubt er beiläufig auch noch ab. Frau Dahling erzählt, daß Oskar bei seinem letzten Besuch eine Riesenmenge Müffelchen alleine verputzt habe. Rico wundert sich erneut über Oskars ungewohntes Verhalten.

Müffelchen sind kleine Schnittchen mit Käse und Aufschnitt, mit kulinarischer Dekoration aus Gürkchen, Oliven, Ei, Petersilie, salziger Sardelle und Silberzwiebelchen. Wenn Frau Dahling mit Rico und Oskar Filmschnulzen guckt, gibt es immer Müffelchen, und da wäre man wirklich selber gerne mal dabei.

Der Schneesturm wird immer heftiger. Rico packt liebevoll das Geschenk für sein Geschwisterchen ein und kuschelt eine Runde mit Porsche, seinem kleinen Jack-Russell-Terrier.

Rico denkt über Oskar nach, über das verschwundene Essen, über die Damenunter-wäsche und diverse weitere Auffälligkeiten. Kaum hat er richtig kombiniert, daß Oskar offenbar jemanden versteckt und durchfüttert, da klingelt Oskar und bittet seinen Freunde dringend um Hilfe …

Das wird sehr dramatisch und schneewehisch, aber auch ganz wunderwunderbar familiär und nächstenlieb – wie es sich für den Heiligen Abend gehört …

Wer eine spannende und zugleich gefühlvoll-nachdenkliche sowie humorvolle Kinderlektüre sucht, ist bei Rico und Oskar sehr gut aufgehoben. Hier finden sich ein reicher Fundus lebensechter Charaktere, ein warmherziger, wortspielerisch- er Erzählstil, eine lebenskluge Balance von perfekter Dramaturgie und emotionaler Reflektion sowie vielfältige familiäre, lustige, milieuspezifische, zwischenmenschliche und kindgemäß-geistreiche Aspekte.

Alleine schon für die Worterklärungskästchen, die Rico immer formuliert, wenn er ein neues Fremdwort gelernt hat, lohnt sich die Lektüre, wie das nachfolgende Zitat zeigt:

»PROFILNEUROSE: Wenn jemand sich vor anderen wieder und wieder darstellen muss, auch wenn die ihn schon jahrelang kennen und das langweilig finden. Es ist die Vorstufe von Narzissmus, wo einer nur noch sich selber sieht und liebt. Keine Ahnung, was das alles mit Rosen und Narzissen zu tun hat, aber es betrifft nicht nur Gärtner.« (Seite 156)

Die farbigen Illustrationen von Peter Schössow geben Rico und Oskar mit ausdrucksvollem Minimalismus anschaulich-knuffelige sowie äußerst textgetreue Gestalt, und die schneebeflockten Kapiteltrennseiten tragen zusätzlich zur winterlichen Gestimmtheit der Geschichte bei.

Im vorliegenden vierten Band von „Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch“ sind die Kinder im Vergleich zu den ersten drei Bänden etwas reifer und selbstbe- wußter geworden. Ricos Kopfbingogekugel hat deutlich nachgelassen, und Oskar trägt nicht ständig eine Kopfbedeckung. Gleichwohl sind sie Kinder und brauchen Halt, Orientierung und Hilfe von erwachsenen Erwachsenen. Es gibt in diesem Buch sehr anrührende Szenen, welche das tiefe kindliche Bedürfnis nach familiärer Geborgenheit, Schutz, Trost und Vertrauen in anschaulichen Formulierungen wiedergeben.

Ricos Angst vor Liebesverlust durch das erwartete Geschwisterchen begegnet Oskar mit folgender sehr weisen Antwort:

»Liebe ist, glaube ich, etwas ziemlich Unerschöpfliches. Dir wird nichts weggenommen – wenn jemand Neues dazukommt, wächst für den einfach neue Liebe dazu. Deshalb muß man auch keine Vorräte anlegen, es ist immer genug für alle da.« (Seite 94)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.carlsen.de/hardcover/rico-oskar-und-das-vomhimmelhoch-rico-und-oskar-/61384

Querverweis:

Hier entlang zum ersten Band „Rico, Oskar und die Tieferschatten“:
https://www.carlsen.de/hardcover/rico-oskar-und-die-tieferschatten-rico-und-oskar-1/30991
zum zweiten Band: „Rico, Oskar und der Diebstahlstein“:
https://www.carlsen.de/hardcover/rico-oskar-und-das-herzgebreche-rico-und-oskar-2/25135
und zum dritten Band: „Rico, Oskar und das Herzgebreche“:
https://www.carlsen.de/hardcover/rico-oskar-und-der-diebstahlstein-rico-und-oskar-3/23133
Hier entlang zu einem weiteren Kinderbuch von Andreas Steinhöfel, in dem sich ebenfalls zwei Außenseiter erfolgreich zusammentun: „Glitzerkatze und Stinkmaus“
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/02/11/glitzerkatze-und-stinkmaus/

Der Autor:

»Andreas Steinhöfel wurde 1962 in Battenberg geboren, arbeitet als Übersetzer und Rezensent und schreibt Drehbücher – vor allem aber ist er Autor zahlreicher, vielfach preisgekrönter Kinder- und Jugendbücher, wie z. B. »Die Mitte der Welt«. Für »Rico, Oskar und die Tieferschatten« erhielt er u. a. den Deutschen Jugendliteraturpreis. 2009 hat Andreas Steinhöfel den Erich-Kästner-Preis für Literatur verliehen bekommen, 2013 wurde er mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein Gesamtwerk ausgezeichnet und 2017 folgte der James-Krüss-Preis. Andreas Steinhöfel ist als erster Kinder- und Jugendbuchautor Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung

Der Illustrator:

»Peter Schössow, Jahrgang 1953, gehört zu den renommiertesten deutschen Illustratoren. Nach seinem Studium an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg arbeitete er unter anderem für Spiegel, Stern und Die Sendung mit der Maus. Darüber hinaus hat er eine Vielzahl von Kinderbüchern verfasst und illustriert, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem Troisdorfer Bilderbuchpreis und dem Deutschen Jugendliteraturpreis. Peter Schössow lebt in Hamburg.«

 

Meine lokale KAUFEMPFEHLUNG:

Für meine Solinger Mitleser weise ich gerne darauf hin, daß die Buchhandlung
DIE SCHATZINSEL stets einen satten Vorrat an Andreas-Steinhöfel-Büchern pflegt.
Von „Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch“ sind sogar noch
vom Autor signierte Exemplare (von der Solinger-Steinhöfel-Lesung vom 6.11.2017) vorrätig.

Die Schatzinsel
Buch & Meer
Forststr. 1
42697 Solingen
Tel:   0212  –  38 32 95 10
Fax:  0212  –  38 32 95 11
http://www.schatzinsel-solingen.de