Elizabeth wird vermisst

  • von Emma Healey
  • Aus dem Englischen von Rainer Schumacher
  • Bastei Lübbe Verlag März 2014                             http://www.luebbe.de
  • 348 Seiten, kartoniert
  • 14,99 €
  • ISBN 978-3-7857-6110-6
  • Die Taschenbuchausgabe erscheint am 08.10.2015  ebenfalls bei
  • Bastei Lübbe
  • 10,99 €
  • ISBN: 978-3-404-17273-3

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D U R C H E I N A N D E R G E R A T E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Emma Healey, hat im Alter von 28 Jahren ein einfühlsames und spannendes Buch geschrieben, in dem eine 82-jährige Frau, die an Alzheimer erkrankt ist, die Hauptrolle spielt.

Maud, als Ich-Erzählerin, berichtet von ihrem gegenwärtigen Alltag: Morgens kommt kurz eine Pflegekraft, die u.a. einen Mittagsimbiß für sie vorbereitet, danach ist sie sich selbst überlassen und freut sich auf den täglichen Besuch ihrer Tochter. Doch die Zeit ist lang, und Maud vertreibt sich die Langeweile, indem sie einkaufen geht, obwohl ihre Tochter immer mit ihr schimpft, wenn sie stapelweise Dosenpfirsiche kauft und hortet.

Die Innenperspektive auf das Alzheimer-Geschehen eröffnet uns einen ebenso schmerzlichen wie würdigenden Einblick in ein Schicksal des Vergessens. Zudem verknüpft die Autorin die Geschichte von Mauds Vergessen versiert mit einer kriminalistischen Parallelgeschichte aus Mauds Vergangenheit.

Mit Notizzettelchen und Weckerstellen bemüht sich Maud, ihre Gedächtnislücken zu überbrücken, aber das funktioniert nur sehr bedingt. Sie ärgert sich über ihre Schwierigkeiten, den Dingen die richtigen Namen zuzuordnen oder konzentriert über einen Sachverhalt nachzudenken und ständig den Faden zu verlieren. Anfänglich bemerkt sie ihre Aussetzer noch und gerät in ängstliche Verlegenheit und zusätzliche Verwirrung.

Aber eines ist ganz sicher: Maud vermißt ihre beste Freundin Elizabeth. Anscheinend will ihr keiner verraten, was mit Elizabeth geschehen ist.

So lückenhaft und durcheinandergeraten die jüngere Vergangenheit und die Gegenwart für Maud ist, so lückenlos und präzise sind im Ausgleich dazu die Erinnerungen an ihre Jugendzeit. Nach und nach erfahren wir, daß ihre ältere Schwester, Sukey, 1946 spurlos verschwunden ist, und dieser schmerzliche Verlust beschäftigt sie noch immer.

Die Autorin läßt Maud chronologisch und faktisch plausibel die Umstände von Sukeys Verschwinden erzählen. Diese biographischen Erinnerungsrückblenden wechseln sich mit den Berichten über die Ereignisse der Gegenwart ab. Da wir als Leser alles nur durch Mauds Wahrnehmungs- und Erinnerungsfilter „sehen“, wächst sowohl die Spannung bezüglich der alten Geschichte über die verlorene Schwester als auch bezüglich der neuen Geschichte über die „verschwundene“ Freundin Elizabeth.

Maud sucht im Rahmen ihrer eingeschränkten Möglichkeiten nach Elizabeth und hat dabei stets das nagende Gefühl, daß sie etwas vergessen hat. Sie verzettelt sich – wortwörtlich – immer mehr und mißtraut sich selbst und allen anderen. Die Gegenwart und der Realitätskonsens entgleiten ihr Stück für Stück und Wort für Wort.

Die Abstufungen des Vergessens – vom vagen Gefühl, etwas vergessen zu haben und sich noch an das Vergessen zu erinnern, bis zum Vergessen des Vergessens – werden sehr plastisch und berührend dargestellt.

Die Linearität von Mauds Lebensgeschichte löst sich – anfangs schleichend, später beschleunigt – auf, ihr Zeitgefühl verschwimmt, ihre Erinnerungen verblassen und überlagern sich und werden von ihr teilweise neu kombiniert, Erinnerungsbruchstücke überkreuzen sich mit Anforderungen der Gegenwart. Mauds Wahrnehmungsdeutungen und Äußerungen werden für ihre Umwelt und ihre Angehörigen immer unverständlicher. Dennoch sind ihre Tochter und ihre Enkelin rührend und geduldig um sie besorgt.

Der Autorin ist es sehr gut gelungen intensive Nähe zu Mauds Erleben zu vermitteln. Wie es Emma Healey schafft, Mauds Hilfslosigkeit, Orientierungslosigkeit, Verletzlichkeit und Verlorenheit für uns zu übersetzen, nachlesbar und mitfühlbar zu machen, das ist außergewöhnlich anrührend und lehrreich und eine sehr reife schriftstellerische Leistung.

 

Die Autorin:

»Emma Healey wuchs in London auf. Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Buchbinderin. Doch als ihr die Buchherstellung nicht mehr ausreichte, legte sie 2011 noch einen Master in Kreativem Scheiben an der University of East Anglia ab.
ELIZABETH WIRD VERMISST ist ihr erster Roman.«

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Der böse Ort

  • Band 4 der Peter-Grant-Reihe
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »Broken Homes«
  • Deutsch von Christine Blum
  • Deutsche Erstausgabe  DTV Verlag  Mai 2014                     http://www.dtv.de
  • 398 Seiten
  • 9,95 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21507-7
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DAS   GEWISSE   MAGISCHE   ETWAS   Nr. 4

Buchbesprechung von Ulrike Sokul©

Nach einer Lesegeduldsübung von zehn (!) Monaten ist nun endlich der vierte Band der übersinnlichen Krimi-Serie mit dem sympathisch-verführerischen Police Constable und Zauberlehrling Peter Grant, seiner tapferen, zauberbegabten Kollegin Lesley May und dem elegant-unerschütterlichen Meistermagier und Detective Chief Inspektor Thomas Nightingale erschienen.

In meiner Besprechung des ersten Bandes
( siehe https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/ )
findet sich eine ausführliche Darstellung der magischen Besonderheiten und Bedingungen, unter denen sich die Ermittlungen abspielen.

Hier mache ich es kurz: Die Metropolitan Police von London verfügt über eine magische Abteilung, die geheimer als geheim operiert und die trotz ihrer belächelten Außenseiterstellung wichtige kriminalistische Arbeit leistet.

Diese Abteilung hat einen eigenen, speziell magiegeschützten Arbeits, Schulungs- und Wohnsitz, das „Folly“, und sie wird vom letzten inoffiziellen Meistermagier und offiziellen Detective Chief Inspektor Thomas Nightingale geleitet. Peter Grant und seine Kollegin Lesley May sind Police Constables und Magier in der Ausbildung.

Diese magische Ausbildung beansprucht viel Zeit und viel, viel Disziplin und noch mehr Übung, Übung, Übung. Doch als Ausgleich für das Pauken von Latein (Zaubersprüche funktionieren hier nur auf Lateinisch), diverse Studien in theoretischer Magie und endlose – nicht ganz ungefährliche – praktische Übungen pflegt man vertraulichen Umgang mit den Flußgöttinnen und -Göttern Londons, mit Halb- und Ganztagsfeen, mit Geisterzeugen, Vampiren und allerlei Wesen der magischen Demi-monde.

Neben einem spannenden, teils amüsanten und teils schaurigen Panoptikum magischer Charaktere und der dementsprechend ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden fühlt der Autor der Stadt London nicht nur kriminalmagisch auf den Zahn, sondern auch architektonisch. Zauberlehrling Peter Grant ist sehr an Architektur interessiert und spart nicht mit bissig-sozialkritischen und ästhetischen Kommentaren zu diversen Auswüchsen moderner Architektur und Stadtverplanung.

Im vierten Fall entpuppt sich gar ein berühmt-berüchtigtes Hochhaus, ein sogenannter Sozialwohnblock, als experimentelles magisches Machwerk in Sichtbetonverkleidung.

Aus dem Haus eines berühmten deutschen Exilarchitekten namens Erik Stromberg wird ein Buch mit dem Titel „Über die Prinzipien, welche der Ausübung der Magie zugrunde liegen“ gestohlen, und wenig später wird das seltene Werk bei einem Antiquariatsbuchhändler auf der Charing Cross Road zur Werteinschätzung vorgelegt. Der erfahrene Buchhändler schöpft sofort Verdacht, daß dieses Buchangebot nicht legal ist, und der Anbieter verläßt fluchtartig das Geschäft, nachdem er entdeckt hat, daß die Buchhandlung über eine Überwachungskamera verfügt.

Dank diverser Kameraaufzeichnungen (Geschäfte, Lokale, Straßenverkehrsüberwachung) kann PC Grant die Wegstrecke der verdächtigen Person verfolgen, bis zum geparkten Auto nebst Autonummer und der sich daraus ergebenden Identität und Adresse.

Diese Adresse sucht der Ermittler auf, und er findet schon an der Eingangstür den magischen Fingerabdruck eines altbekannten Gegenspielers: Der gefährliche „gesichtslose“ Magier, dessen Spur Peter und seine Kollegen bereits seit dem vorletzten Fall („Schwarzer Mond Über Soho“) verfolgen, ist ihm zuvor gekommen. Peter findet nur noch eine Leiche, deren Aussagekraft sich auf ihre außergewöhnliche Todesart beschränkt. So hat wenigstens der Kryptopathologe Dr. Walid wieder interessantes Forschungsfutter auf dem Seziertisch.

Da unterschiedliche Nachforschungen alle auf „Skygarden Tower“ (einen Wohnblock mit Hochhausturm, der ausgerechnet von dem Architekten Stromberg entworfen wurde) hinweisen, mieten sich Peter und seine Kollegin Lesley dort ein und ermitteln verdeckt vor Ort, während Meister Thomas Nightingale in Rufbereitschaft aus dem Hintergrund mithilft.

Die menschliche Nachbarschaft erweist sich als magieunverdächtig. Im unvermutet schönen und baumreichen Garten, der zu der Wohnanlage gehört, lernt Peter lediglich eine verspielte Dryade (Baumnymphe) kennen, die eindeutig keine bösen Absichten verfolgt.

Als unsere Magiespezialisten endlich herausgefunden haben, was der „Gesichtslose“ mit dem Hochhaus vorhat, ist es fast zu spät, und wir können uns – beim Zauberstab – nicht über mangelnde Dramatik beklagen.

Am Schluß des vierten Falles bleiben viele Fragen offen, und so mancher Handlungsfaden ist längst noch nicht zu Ende abgespult; gewiß werden sie im fünften Band wieder aufgegriffen. Auf diese Weise gelingt es dem Autoren fürwahr, die Neugier auf die Fortsetzung stets lebendig zu halten.

Die Ergänzung der alltäglichen Wirklichkeit durch eine magische Wirklichkeit macht den faszinierenden Reiz dieser Krimi-Serie aus. So wie die menschlichen Ermittler magische Züge tragen, so tragen die unterschiedlichen magischen Charaktere menschliche Züge, und das läßt die übernatürlichen Wesen irgendwie fast normal erscheinen. Doch auch wenn Oberon hier Calvin-Klein-Boxershorts trägt, sollte man ihn keinesfalls unterschätzen.

Die Verbindung von archetypischen, magischen und übersinnlichen Wesen mit modernen Accessoires ist charmant und paßt zu den kontrastierenden Charakteren der menschlichen Ermittler. Daß sich solche Gegensätze zu einer mitreißenden Dramaturgie fügen und der Spielraum für unterhaltsame Dialoge und einige Prisen Genreselbstironie weidlich genutzt wird, ist das Verdienst des Autoren, der gekonnt und raffiniert eine magische Mischung serviert, in der sich Überraschungs-, Gänsehaut- und Schmunzeleffekte angenehm abwechseln.

Die Titelbildgestaltung von Lisa Höfner verdient ausdrückliches Lob, sie ist absolut stimmig und wirkt gleichzeitig nostalgisch und modern. Magisches Markenzeichen ist stets ein Ausschnitt aus einem Stadtplan oder einem historischen Luftbildgemälde Londons und einige stichwortartige, graphische Zugaben, die Bezug zur Handlung haben.

Erfreulich haptisch ist der Prägedruck des Titels und im vierten Falle die typographische Ausschmückung des Buchstabens O mit kleinen Teufelshörnchen. Solche liebevollen Details beeindrucken mich.

Das Warten auf den fünften Band wird wiederum eine Geduldsübung, denn die englische Originalausgabe (Foxglove Summer, ORION Publishing Group, ISBN 978-0-575-13251-1, ca. 17,60 € ) erscheint erst im Juli 2014; und bis die deutsche Übersetzung (voraussichtlich im September 2015)  unter dem Titel Fingerhut-Sommer bei DTV erscheint, hat Peter Grant viel Zeit, seine magischen Fähigkeiten zu erweitern und zu verfeinern, was er – angesichts des verräterischen Endes des vierten Falles – auch bitter nötig hat.

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u.a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie DOCTOR WHO verfasst), arbeitet er als Buchhändler.«

Der DTV-Verlag hat den Peter-Grant-Krimis eine spezielle Webseite eingerichtet:
http://www.dtv.de/special/ben_aaronovitch_urban-fantasy/1592/

Hier folgen die Links zu meinen Besprechungen der ersten drei Peter-Grant-Krimis:

Band 1 : DIE FLÜSSE VON LONDON
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/

Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/

Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/

Und hier geht es auch schon zu den Folgebänden:

Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/

Band 6: DER GALGEN VON TYBURN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/27/der-galgen-von-tyburn/

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

Ich und die Menschen

  • von Matt Haig
  • Originaltitel: »The Humans«
  • Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
  • Deutsche Erstausgabe, dtv premium  April 2014  http://www.dtv.de
  • 352 Seiten
  • zweiundsiebzigtausendneunhundertfünfzig Wörter
  • Klappenbroschur
  • 14,90 €
  • ISBN 978-3-423-26014-5
  • Taschenbuchausgabe  August 2015       DTV Verlag
  •  9,95 € (D),  10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21604-3
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LIEBE  ODER  LOGIK,  DAS  IST  HIER  DIE  FRAGE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eine außerirdische Perspektive auf die Erde und die menschliche Zivilisation hat ihren ganz eigenen Reiz. Sie verschafft uns den besonderen Blick auf das Alltägliche.

Der Ich-Erzähler in „Ich und die Menschen“ ist ein Vonnadorianer, und er kommt von sehr, sehr weit her; um Zahlen sprechen zu lassen: der Planet Vonnadoria befindet sich in 8 653 178 431 Lichtjahren Entfernung zum Planeten Erde, und auf Vonnandoria ist Mathematik die einzige Religion. Selbstverständlich ist der Erzähler auch logisch-intellektuell sowie bio-technologisch um Lichtjahre weiter entwickelt als unsereiner.

Der Gast aus dem All hat eine Mission zu erfüllen: Um des universellen Friedens willen soll der menschliche Fortschritt aufgehalten werden. Ein Mensch, ein Mathematikprofessor namens Andrew Martin, hat eines der größten mathematischen Probleme gelöst: Er hat den Beweis der „Riemannschen Vermutung“ erbracht.

Dieser mathematische Fortschritt wäre der Schlüssel zu neuen Technologien, die der Menschheit u.a. interstellare Reisen ermöglichen könnten, und das soll aus Sicht der außerirdischen „Moderatoren“ unbedingt verhindert werden, da die menschliche Spezies ohnehin schon über zu viele technische Mittel verfügt – bei gleichzeitiger psychosozialer und logischer Unterbelichtung. Die Menschen sind eine so arrogante, aggressive und gierige Spezies, daß man nicht tatenlos zusehen kann, wenn sie sich zu noch weitreichenderer Lebensgefährlichkeit entwickelt.

Nun – zunächst ist der Besucher eine ganze Weile damit beschäftigt, sich unauffällig in der angenommenen Gestalt des „ausgeschalteten“ Professors Martin an die für ihn sehr fremden irdischen Bedingungen anzupassen,an die Funktionen des menschlichen Körpers, die rätselhaften Bekleidungscodes, den Sprachkontext und die widersprüchlichen menschlichen Verhaltensweisen. Das vollzieht sich nicht ohne amüsante und schmerzliche Mißverständnisse und logische Fehlinterpretationen, weil Menschen selten logisch agieren.

Die erste Nachrichtensendung, die er sich im Fernsehen anschaut, bestätigt seine schlimmsten Befürchtungen und negativen Vorurteile bezüglich der rettungslosen Egozentrik und Geldbesessenheit der menschlichen Wesensart. Irritiert nimmt er zur Kenntnis, daß die Nachrichten nur auf Menschen bezogen sind und daß die anderen drei Millionen Arten, die den Planeten bevölkern, buchstäblich ignoriert werden. Die Nachrichten berichten über Politik, Geld und Krieg, aber nicht über neue mathematische Erkenntnisse, geschweige denn über Ereignisse, die außerhalb des irdischen Sonnensystems stattfinden. Der Interessenshorizont der meisten Menschen geht offenbar nicht weit über den eigenen Vorgarten hinaus.

Der vonnadorianische Agent hat den Auftrag herauszufinden, wer, außer dem Professor, vom Beweis der Riemannschen Vermutung Kenntnis hat, und die betreffenden Personen zu töten. Dazu stehen ihm gewisse „Gaben“ (bio-technische Implantate) zur Verfügung, mit denen er eine natürliche Todesursache initiieren kann. Es fällt ihm leicht, die Dateien auf Professor Martins Rechner unwiderruflich zu löschen, denn „auf der Erde waren die Computer noch auf der präsensointelligenten Stufe ihrer Evolution; sie standen einfach herum und ließen den Benutzer auf sie zugreifen und sich nehmen, was er wollte, ohne den leisesten Protest.“
(Seite 79)

Schließlich soll verhindert werden, daß die Menschen noch mehr Erfindungen machen, die sie anschließend nicht mehr in den Griff bekamen (die Atombombe, das Internet, das Semikolon)…“ (Seite 100)

Doch nachdem er den ersten menschlichen Mitwisser (einen Mathematikerkollegen) durch einen Herzinfarkt getötet hat und Zeuge des emotionalen Aufruhrs geworden ist, den dieser Verlust bei der Witwe verursacht, fängt er langsam an, die außerirdische Distanz zu verlieren. Die Aussicht, noch weitere Menschen in die Nichtexistenz zu befördern, gefällt ihm immer weniger.

Durch die unvermeidliche zwischenmenschliche Nähe und das Vertrautwerden mit seiner „Familie“ und seinem Hund (Hunde bezeichnet er als „behaarte Hausgötter“), erfährt er nach und nach die fürsorgliche und liebevolle Seite menschlicher Beziehungen. Er findet Beispiele für Menschen, die nicht nach Geld und Ruhm gieren, er verliebt sich in die Lyrik von Emily Dickinson, er hört unerwartet schöne Musik, und er entdeckt genießbare Lebensmittel: Erdnußbutter und Tee.

Seine Gewissheiten geraten ins Wanken. Er zweifelt an der Rechtmäßigkeit seines Auftrages und versucht, die Moderatoren, mit denen er in techno-telepathischer Verbindung steht, davon zu überzeugen, daß die Vernichtung der Informationen ausreiche und keine weiteren Menschen für den Frieden im All geopfert werden müssen. Die Moderatoren drängen auf die Erfüllung der Mission und lehnen seinen Vorschlag ab, die Menschen näher zu erforschen und mehr über ihre Spezies zu lernen.

Wenn man zu einer Lebensform gehört, die unsterblich ist, ewigen Tag, ewigen Frieden, kein Wetter, keinen Schmerz und nur heilbare Krankheiten kennt, kann man schon Rührung und Faszination und sogar Bewunderung empfinden angesichts der absoluten Verletzlichkeit, Endlichkeit, Komplexität und Widersprüchlichkeit der menschlichen Daseinsform- besonders wenn man angefangen hat, Bindungsgefühle und Empathie für bestimmte Menschen zu entwickeln.

Der Außerirdische wird entgegen aller Wahrscheinlichkeit und Logik von der Liebe überwältigt und entscheidet sich für ein Leben auf der Erde, abgekoppelt vom vonnadorianischen Kollektiv. Er verzichtet auf seine Unsterblichkeit und läßt sich ganz und gar auf das Leben unter „zweibeinigen Lebensformen von mittelmäßiger Intelligenz“ ein.

Das führt zwangsläufig zu dramatischen Komplikationen, doch am Ende ist der Gast auf Erden endlich hier zu Hause.

Matt Haigs Roman hat Herz und Verstand, er ist anregend, klug, lebendig, mitfühlend, weise und lustig. Die Perspektive des sehr vernunftbetonten und logisch wahrnehmenden und denkenden Außerirdischen ermöglicht eine sehr pointierte und scharfsinnige Betrachtungsweise unserer gegenwärtigen Zivilisation. Seine gesellschaftskritischen Anmerkungen und Infragestellungen sind wahrlich angemessen und witzig.

Drei Zitate zur Einstimmung:

„Zeitschriften sind sehr beliebt, obwohl sich kein Mensch nach dem Lesen besser fühlt. Im Gegenteil, ihr Hauptzweck ist, den Lesern Gefühle von Minderwertigkeit einzuflößen, die sie dazu bewegen, etwas zu kaufen. Haben sie das getan, fühlen sie sich trotzdem nicht weniger minderwertig und kaufen sich noch eine Zeitschrift, um zu erfahren, was sie als Nächstes kaufen sollen. Es ist eine ewige Spirale des Unglücklichseins, die man Kapitalismus nennt.“ (Seite 28)

Egal wie lange ich auf diesem Planeten bleiben würde, dachte ich, an den Anblick von Autos würde ich mich nie gewöhnen, die durch die Schwerkraft und minderwertige Technik an den Boden gebunden waren und dort nicht mal vom Fleck kamen, weil es so viele von ihnen gab.“ (Seite 129)

„Im Grunde waren soziale Netzwerke die Nachrichtenshow, auf die die Menschen gewartet hatten. Die Nachrichtenshow, in der es nur um sie ging. (Seite 221)

Und die Romantiker dürften den Fortschritten und Reflexionen, die der Außerirdische zum Thema „Liebe“ macht, gewiß zustimmen – auch wenn die nachfolgende Liebesdefinition von etwas geometrischer Poesie ist – mir gefällt sie einfach!

Zwei Spiegel, im perfekten Winkel einander gegenüber aufgehängt, die sich selbst im anderen sahen, die Sicht so tief wie die Unendlichkeit.“ (Seite 251)

PS:
Der Außerirdische in dieser Geschichte bemerkt bezüglich des numerischen Begriffsvermögens der Menschen charmant: „- Ihre Nerven waren der Mathematik einfach nicht gewachsen.“
Das trifft auf mich persönlich ganz gewiß zu, trotzdem erkläre ich in groben Zügen für alle unmathematischen Leser, worum es sich bei der „Riemannschen Vermutung“ handelt.

Es geht um die ORDNUNG der PRIMZAHLEN:
Der deutsche Mathematiker Bernhard Riemann konnte 1859 beweisen, daß es – für die ersten circa hundertausend Primzahlen – ein Muster für die scheinbar willkürliche Verteilung der Primzahlen gibt. Was der Menschheit bzw. der Mathematik nach wie vor fehlt, ist ein Beweis, der für alle Primzahlen gültig ist.

Alles klar? Ist doch gar nicht so schwer, es sei denn, Sie wissen auch nicht, was eine Primzahl ist. Aber so pessimistisch will ich jetzt nicht sein – was sollen denn die Außerirdischen von uns denken?

Im Buch werden die Primzahlen und die Riemannsche Vermutung auf den Seiten 82 bis 84 anschaulich erklärt.

Querverweis:

Und das HÖRBUCH – gelesen von Christoph Maria Herbst – habe ich nachfolgend besprochen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/07/09/ich-und-die-menschen-horbuch/


Der Autor:

»Matt Haig, wurde 1975 in Sheffield geboren. Er hat bereits einige Romane und Kinderbücher veröffentlicht, die mit verschiedenen literarischen Preisen ausgezeichnet und in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Er lebt in York und London.
Matt Haig wurde mit seinen Roman ›Ich und die Menschen‹ für den Edgar Award, Kategorie »Best Novel« nominiert.
Der Edgar Allan Poe Award (kurz Edgar genannt) ist der weltweit populärste und gleichzeitig bedeutendste Preis für kriminalliterarische Werke in den USA.«

 

PPS:
Die Lektüre dieses Romans und die darin zitierten Emily-Dickinson-Gedichte haben mich übrigens dazu angeregt, endlich meine Lesewissenslücke bezüglich Emily Dickinson zu schließen…
Und nun – 600 Gedichte belesener als zuvor  –  folgt der Link zu meiner Rezension einer umfangreichen, zweisprachigen GEDICHTAUSWAHL von Emily Dickinson (übersetzt von Gunhild Kübler) :
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/02/18/emily-dickinson-gedichte/

 

 

Ein Wispern unter Baker Street

  • Band 3 der Peter-Grant-Reihe
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »Whispers Under Ground«
  • Deutsch von Christine Blum
  • DTV Taschenbuch  Juni 2013    ww.dtv.de
  • 445 Seiten
  • 9,95 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21448-3
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DAS  GEWISSE  MAGISCHE  ETWAS Nr. 3

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Willkommen zum dritten Abenteuer mit dem magischen Police Constable Peter Grant, der nicht mehr der einzige Zauberlehrling von Detective Chief Inspector Thomas Nightingale ist. Die magische Abteilung der Metropolitan Police Londons hat weiblichen Zuwachs bekommen:

Lesley May, Peters Kollegin aus dem „normalen“ Polizeidienst, deren schönes Gesicht im vorletzten Fall durch magischen Mißbrauch zerstört wurde, zeigte bereits im letzten Fall ein lebhaftes Interesse an Zaubertraining, weil sie hofft, daß das, was durch Magie zerstört wurde, auch durch Magie wiederhergestellt werden kann. Sie war im zweiten Band wegen ihrer Verletzungen nur mit datentechnischen Hintergrundrecherchen beschäftigt und offenbarte erst ganz am Schluß ihr magisches Naturtalent.

Thomas Nightingale, Peters Meister und Vorgesetzter, ermahnt seinen männlichen Zauberlehrling zu mehr Disziplin beim Zaubertraining, denn Peter neigt manchmal zu Improvisationen und Ablenkungen, deren Wirkungen – nett ausgedrückt – unkontrolliert ausfallen.

Aber im Vergleich zu Nightingale, der um 1900 geboren wurde und aus noch unerklärlichen Gründen seit den 70er Jahren rückwärts altert, ist Peter einfach noch sehr jung.

Thomas und Peter sind weiterhin auf der Suche nach „ethisch fragwürdigen Magiern“. Sie haben inzwischen herausgefunden, daß es in den fünfziger Jahren in Oxford einen „Little Crocodiles“- Club gab, dessen studentische Mitglieder illegal in Magie unterrichtet wurden. Einer dieser Burschen ist der „Gesichtslose“, mit dem Peter im zweiten Band bereits unangenehm e Bekanntschaft gemacht hat.

Doch auch die „normale“ Polizei bittet mal wieder um magischen Beistand. In einem U-Bahn-Tunnel unterhalb der berühmten Baker Street wurde die Leiche eines Kunststudenten gefunden. Peter soll den Tatort und den Toten auf magische Einflüsse hin untersuchen. Bei der Tatwaffe, einer biskuitfarbenen Tonscherbe, wird er fündig; diese strahlt ein deutliches „Vestigium“ aus: also eine magische Spur.

Die Nachforschungen zur Herkunft der geheimnisvollen Tonscherbe führen Peter und Lesley zu diversen offiziellen und inoffiziellen Trödel- und Kunstmärkten und  in die ungeahnten Tiefen Londons: U-Bahn-Tunnel sind da noch die Spitze des Eisberges. Die Forschungsreise geht in die Abgründe der Kanalisation und verschiedene verborgene Zwischenräume und führt zur Entdeckung einer faszinierenden Population von künstlerisch begabten  „Subspezies“.

Dann sind noch äußerst lebensgefährliche Dämonenfallen zu entschärfen, unzuverläßige Halbfeen zu disziplinieren und überempfindliche Flußgöttinnen – ja, die schon wieder, wie auch in den ersten beiden Bänden – zu besänftigen. Ein zwanghaft, zyklisch wiederkehrender, graffitisprühender Geist im U-Bahn-Tunnel ist dagegen fast schon eine Erholung von den sonstigen magischen Strapazen.

Eine angenehme Abwechslung für Peter, Lesley und Thomas ist, daß sie endlich einmal einen ganz schlicht menschlichen Täter aus Fleisch und Blut zur Verhaftung abliefern können. Damit machen sie sich bei den gewöhnlichen Kollegen doch etwas beliebter.

Auch der dritte Peter-Grant-Band bietet spannende Unterhaltung, raffinierte Krimihandlung, witzige Randbemerkungen und Wortspiele, lesenswerte Charaktere und eine perfekte Dramaturgie sowie eine magische Perspektive auf die Stadt London.

Und falls Sie endlich wissen wollen, was Magie ist – hier kommt ein typisches Peter-Grant-Zitat:Ich sollte einfach behaupten, Magie entstünde durch Feenstaub oder Quantenverschränkung (was  im Prinzip das Gleiche ist wie Feenstaub, nur mit dem Wort »Quanten« drin).“  (Seite 22)

PS:
Nun warte ich ungeduldig-vorfreudig auf den vierten Band, der im Mai 2014 auf Deutsch bei DTV erscheinen wird.

Für die Englischkönner ist der vierte Band bereits lieferbar:

  • „Broken Homes“
  • 2013 Orion Publishing Group
  • ISBN 978-0-575-1327-7
  • 320 Seiten, ca. 17 €

Doch bevor der vierte Band von mir für Sie „vorgelesen“ und besprochen wird, genehmige ich mir einige Nachhilfestunden in „Doctor Who“. Ben Aaronovitch hat u.a. Drehbücher für diese englische TV-Kultserie geschrieben.

Wenn ein Autor es schafft, dank seiner Schreib-und Imaginationsfähigkeit, mich – die Fernsehverächterin – dazu zu bewegen, Filme anzuschauen, will das schon etwas heißen! Ich erhoffe mir  –  neben der Science-Fiction-Unterhaltung  −  ein besseres Verständnis für die kleinen „Doctor Who“-Anspielungen, die Ben Aaronovitch in seine Peter-Grant-Serie einarbeitet.

Ich verlasse also jetzt mein Word-Programm und schalte um aufs DVD-Programm…
Tschüß – man liest sich wieder!

 

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u.a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie DOCTOR WHO verfasst), arbeitet er als Buchhändler.«

Hier geht es zu den ersten beiden magieverdächtigen Fällen von Peter Grant:

Band 1 : DIE FLÜSSE VON LONDON
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/

Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/

Und hier zu den Folgebänden:

Band 4: DER BÖSE ORT
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/

Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/

Band 6: DER GALGEN VON TYBURN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/27/der-galgen-von-tyburn/

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

 

 

 

Schwarzer Mond über Soho

  • Band 2 der Peter-Grant-Reihe
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »Moon Over Soho«
  • Deutsch von Christine Blum
  • DTV Taschenbuch  Juli  2012                   http://www.dtv.de
  • 412 Seiten
  •  9,95 € (D),  10,30 € (A)
  • ISBN 978-3.423-21380-6
    schwarzer_mond_ueber_soho-9783423213806

DAS  GEWISSE  MAGISCHE  ETWAS  Nr. 2

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Falls Sie sich schon von meiner ersten Peter-Grant-Besprechung  (https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/ ) beGEISTERN haben lassen, so können Sie sich auch beim 2. Band auf zauberhafte Freuden und Gefahren gefaßt machen.

Police Constable und  frisch vereidigter Zauberlehrling Peter Grant, sein Chef und Meistermagier Detective Chief Inspector Thomas Nightingale sowie Lesley May, Peters Kollegin aus dem „gewöhnlichen“ Polizeibetrieb, haben sich noch nicht ganz von den Blessuren und Schrecken des letzten Falles erholt, da lauert schon ein neuer Fall an der nächsten Ecke Londons.

Und weiter geht’s im Zaubererlatein, denn Peter Grant hat seit seinem ersten Einsatz einiges dazugelernt.

Fangen wir mit dem Vestigium an, dem lateinischen Wort für Spur. In diesem speziellen Kriminalkontext bezeichnet Vestigium  „den Abdruck, den Magie auf Gegenständen hinterläßt.“ Es ist eine Mischung aus Geräuschen, Gerüchen, Bildern und Gefühlsstimmungen/ladungen, die dem geschulten Zauberer auswertbare Hinweise auf Täter gibt, die magische Mittel eingesetzt haben.

Gegenstände haben eine recht gute Speicherkapazität, selbst wenn es sich nur um kleine Magiemengen handelt, und menschliche Körper verfügen nur über eine geringe und kurze Speicherkapazität. Um auf einem toten Körper einen magischen Eindruck zu hinterlassen bedarf es eines großen magischen Energieaufwandes.

Zu Peters Leidwesen muß er mal wieder eine frische Leiche in Hinsicht auf Vestigia beschnuppern: Cyrus Wilkinson, ein Jazzmusiker, der an plötzlichem Herzversagen verstorben ist und der dem Kryptopathologen Dr. Walid verdächtig magisch klingt. Das kann Peter nur bestätigen, denn das Vestigium spielt eindeutig eine beschwingte Version von „Body and Soul“.

Peters Vater, ein talentierter, aber erfolgloser Jazzmusiker mit dem Spitznamen „Lord Grant“, findet für seinen Sohn heraus, daß diese Version von „Body and Soul“  aus dem Jahr 1939 stammt. Peter ermittelt, daß in den vergangenen Jahren eine auffällig große Zahl von Jazzmusikern einem plötzlichen natürlichen Tode erlegen ist.

So führt uns der Autor diesmal durch den Stadtteil Soho und ins Jazzmusikermilieu. Das ist fast ein bißchen romantisch, zumindest für PC Grant, den seine Recherchen bezüglich des magisch beeinflußtenTodes von Cyrus Wilkinson zu einigen erfreulich sinnlichen Begegnungen der weiblich-kurvenreichen Art führen.

Doch für einige andere Männer kommt es zu einer weiblichen Begegnung, die sowohl ihrer Männlichkeit als auch ihrem Leben ein ziemlich abruptes Ende bereiten. Bei einem dieser Mordopfer findet die Polizei gestohlene magische Bücher, und Nightingale befürchtet, daß ein „ethisch fragwürdiger“ Magier heimlich Zauberer ausgebildet oder für seine Zwecke abgerichtet habe.

In einen zwielichtigen Nachtclub finden sie sogar einen Augenzeugen. Aber der gibt glaubwürdig verzweifelt zu Protokoll, das Gesicht des Magieverdächtigen nicht beschreiben zu können, da es nicht zu erkennen gewesen sei, was wiederum ein Hinweis auf die magische Gewandtheit des Gesuchten ist.

Als wäre das nicht schon gefährlich genug, stellt sich auch noch heraus, daß der „Gesichtslose“  Chimären – Mischwesen aus Mensch und Tier – gezüchtet hat. Das ist zwar eine Erklärung für einige Todesarten, aber es erschwert die Arbeit, besonders bei Verfolgungsjagden, enorm.

Doch PC Grant setzt auch im zweiten Fall all seine sinnlichen und übersinnlichen Kräfte ein, und er überlebt ein magisches Duell mit dem „Gesichtslosen“, was ihm das erste Lob seines Meisters einbringt.

Wir treffen auch einige mehr oder weniger hilfreiche Themseflußgötter und -Göttinnen aus dem ersten Fall wieder, und auch im zweiten Band beschert uns der sozioarchitektonische Blickwinkel Peter Grants aufs neue brillante Beschreibungen zweifelhafter Großstadtbaumaßnahmen.

Ganz nebenbei kann Peter sogar seinem Vater zu einer musikalischen Wiederbelebung verhelfen.

Trotz der Aufklärung diverser Todesfälle und Morde kann wiederum niemand verhaftet werden. Da müssen wir und die Metropolitan Police uns wohl bis zum dritten Band gedulden.

 

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u.a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie >Doctor Who< verfasst), arbeitet er als Buchhändler.«

Der DTV-Verlag hat den Peter-Grant-Krimis eine spezielle Webseite eingerichtet:
http://www.dtv.de/special/ben_aaronovitch_urban-fantasy/1592/

Und hier geht es munter weiter zu den Folgebänden:

Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/

Band 4: DER BÖSE ORT
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/

Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/

Band 6: DER GALGEN VON TYBURN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/27/der-galgen-von-tyburn/

 

 

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Die Flüsse von London

  • Band 1 der neuen übersinnlichen Krimi-Serie mit Peter Grant
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »Rivers of London«
  • Deutsch von Karlheinz Dürr
  • DTV Taschenbuch  Januar 2012        http://www.dtv.de
  • 464 Seiten
  •  9,95 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21341-7
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DAS  GEWISSE  MAGISCHE  ETWAS  Nr.1

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Nehmen Sie sich Zeit für eine ausführliche, aufregende, kriminalistische, übersinnliche und witzige Reise durch London! Unser Reiseführer ist Peter Grant, ein junger Police Constable von gemischt ethnischer Herkunft, der sich nach Aussage seiner attraktiven und pfiffigen Kollegin Lesley May durchaus als Obama-Double bewerben könnte.

Peter Grant bewacht zusammen mit Lesley May einen abgesperrten Tatort am Covent Garden. Hier wurde in der Nacht ein Leichnam entdeckt, der einen auffällig großen Abstand zu seinem Kopf aufwies. Kurz: Er wurde geköpft.

Peter Grant steht frierend in der Säulenvorhalle der St.Paul’s Kirche, die auch „Schauspielerkirche“ genannt wird; aus Langeweile sowie aus persönlicher architektonisch-historischer Neugier liest er sich eine dort befindliche Informationstafel durch und läßt uns in einem netten Plauderton an seinen Erkenntnissen über die lokale Geschichte teilhaben.

Während Lesley Kaffee holen geht, taucht zwischen den Säulen plötzlich ein altertümlich gekleideter Mann auf, der sich als Augenzeuge des Mordes zu erkennen gibt. PC Grant fragt zunächst vorschriftsmäßig die Personaldaten ab, und dabei stellt sich der Zeuge namens Nicholas Wallpenny als Geist heraus.

Doch davon professionell unbeeindruckt, läßt sich Peter den Tathergang beschreiben und nimmt staunend zur Kenntnis, daß der Geisterzeuge, darauf besteht, daß der Mörder etwas Unheimliches hatte und  „sein Gesicht wechseln“  konnte.

Als Lesley mit dem Kaffe zurückkommt, verschwindet Nicholas natürlich bzw. übernatürlich und Peter beschließt, seine unheimliche Erfahrung erst einmal für sich zu behalten.

Am nächsten Abend spaziert er am Portikus der St.Paul’s Kirche herum und hofft vergeblich auf das Wiedererscheinen von Nicholas Wallpenny. Stattdessen spricht ihn ein eleganter Herr mit silberknaufigem Gehstock an, und auf seine Frage, was er denn hier so treibe, antwortet Peter spontan und wahrheitsgemäß, er sei auf Geisterjagd. So lernt er seinen zukünftigen Vorgesetzten Detective Chief Inspector Thomas Nightingale kennen.

Nightingale ist der letzte Zauberer Englands und leitet eine Spezialabteilung, die  –  ein wenig inoffiziell und relativ geheim  – dafür zuständig ist, in Kriminalfällen mit sozusagen magischen Fingerabdrücken zu ermitteln. PC Grant wird der erste Auszubildende seit fünfzig Jahren für diese vom Aussterben bedrohte Berufsgattung, die zudem ein belächeltes Außenseiterdasein in der bürokratischen Hierarchie der Metropolitan Police fristet.

Was macht es schon, daß die Zauberlehrlingsausbildung zehn Jahre dauert, die Sprachen Latein, Griechisch, Arabisch und technisches Deutsch gelernt werden müssen, und es langer und intensiver Übungen sowie millimetergenauer geistiger Disziplin bedarf, um auch nur ein kleines Werlicht zu erzeugen, wenn man als Dienstwagen einen „Jaguar Mark 2 mit  XK6-Motor und 3,8 Litern Hubraum“ fahren darf?

Und auch die unverhofften Gelegenheiten, mit wunderschönen, gefährlich-verführerischen Themseflußgöttinnen und Nixen zu flirten, können einem die Polizeiarbeit schon versüßen.

Zudem bekommt Peter nette neue Kollegen, von deren Existenz er zuvor noch nicht einmal geahnt hat, wie zum Beispiel den auf Kryptopathologie spezialisierten Dr. Walid, der Peter gleich zum Kennenlernen einen Gehirnquerschnitt serviert, an dem man die Schäden besichtigen kann, die der falsche übermäßige oder unfreiwillige Gebrauch von Magie anrichtet.

Wohn- und Studiensitz der magischen Spezialeinheit ist das Folly, die  „offizielle Residenz der englischen Magie seit 1775“. Das Folly ist ein vornehmes Haus mit Eingangshalle, zahlreichen Gästezimmern, verschiedenen Speisezimmern, einem rechteckigen Innenhof, einem Salon, drei Bibliotheken (nach Sprachen geordnet) und einem magischen Übungslabor; denn hier wird die Magie als Wissenschaft betrieben und sehr ernst genommen.

Und dann wäre da noch das unheimlich-schöne, fast lautlose Hausmädchen Molly, ein vorläufig nicht näher definiertes „Geschöpf der Nacht“, mit sehr spitzen Zähnen.

Selbstverständlich gibt es zauberhafte Schutzvorrichtungen, die das Haus vor unbefugten Eindringlingen und Kräften magisch abschirmen. Die moderne Informationslogistik, die zusammen mit Peter ins Folly einzieht (Internetanschluß, Computer und Flachbildfernseher), muß aus diesem Grund in der ehemaligen Remise untergebracht werden, da eine Breitbandkabelverlegung den Schutzwall beeinträchtigen würde.

Überhaupt hat die Anwendung magischer Energie den Nachteil, elektronische Geräte, die über einen Akkubetrieb laufen, „auszuschalten“   –  durch Zerbröselung der Mikroprozessoren zu Sand.

Der Zauberlehrling PC Peter Grant arbeitet zusammen mit seinem Meister DCI Nightingale und dem normalen Ermittlungsteam weiter an der Lösung des Mordfalles von Covent Garden. Sie finden durch magische und konventionelle Methoden recht schnell den Mörder – allerdings ist der auch schon tot, und zwar eindeutig nicht getötet durch Waffengewalt, sondern durch die Anwendung eines Zauberspruches, der das Aussehen eines Menschen verändert und den betroffenen Menschen nach Abzug der magischen Energie wortwörtlich verformt und tödlich verwundet zurückläßt.

Jemand (ein rachdurstiger Geist?, ein Schwarzmagier?) benutzt eindeutig magische Kräfte, manipuliert unschuldige Menschen und führt mit ihnen ein grausames Puppenspiel auf. Wie soll man da noch Lateinvokabeln und magische Formen üben, wenn sich die Ereignisse dermaßen überstürzen und man nebenbei noch als diplomatischer Vermittler zwischen zerstrittenen Flußgöttern (Mutter Themse und Vater Themse) zu fungieren hat?

Peter hat es wahrlich nicht leicht, und dann wird auch noch Nightingale angeschossen, und alles hängt von den Fähigkeiten und dem Spürsinn unseres unerfahrenen Zauberlehrlings ab – das wird richtig dramatisch und rasend spannend und kann nur magisch ausgehen. Aber was tut man als treuer Zauberlehrling und Krimimalbeamter nicht alles, um den Ruf des eigenen Meisters und das Leben seiner Kollegin Lesley zu rettenein bi(ss)chen Blut muß Peter dafür schon opfern…

Der Autor, Ben Aaronovitch, der u.a. auch Drehbücher für die englische TV-Kultserie ›Doctor Who‹ verfaßt hat, verbindet in „Die Flüsse von London“ eine komplexe Krimihandlung mit einer liebevoll-kritischen Betrachtung der Stadtentwicklung Londons, er spart nicht mit ironischen Beschreibungen moderner Architekturver- sündigungen und amüsiert uns auch ganz allgemein mit witzigen und treffsicheren Bemerkungen zu menschlichen Schwächen und Eitelkeiten.

Seine Figurenzeichnung sowohl für körperliche wie für übersinnliche Personen und Wesen ist sehr prägnant, lebhaft und knackig. Die Handlung beginnt gemächlich, der Autor gibt uns die Gelegenheit, mit den Charakteren und der besonderen Kulisse angenehm vertraut zu werden, und steigert sich dann mit quecksilbriger Eleganz zu äußerster Spannung.

Im letzten Kapitel finden auch brav alle Handlungsfäden zu einem sinnvollen Ende, und es wird schon ein neues Fädchen angedeutet, das wahrscheinlich/hoffentlich der Vorbote für den zweiten Band mit unserem magischen Ermittler Peter Grant ist.

Ich jedenfalls bin SEHR gespannt auf weitere magieverdächtige Fälle!

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u.a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie >Doctor Who< verfasst), arbeitet er als Buchhändler.«

Der DTV-Verlag hat den Peter-Grant-Krimis eine spezielle Webseite eingerichtet:
https://www.dtv.de/special-ben-aaronovitch-urban-fantasy/startseite/c-184

 

Und hier geht es munter weiter zu den nächsten magieverdächtigen Fällen von Peter Grant & Co:

Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/

Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/

Band 4: DER BÖSE ORT
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/

Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/

Band 6: DER GALGEN VON TYBURN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/27/der-galgen-von-tyburn/

 

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Wo ist Thursday Next?

  • Thursday Next, Band 6
  • von Jasper Fforde
  • Übersetzung ins Deutsche Joachim Stern
  • dtv Verlag Juli 2013    http://www.dtv.de
  • 978-3-423-21453-7
  • 396 Seiten
  • 10,95 €
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LESEN  ODER  GELESEN WERDEN,  DAS  IST  HIER  DIE  FRAGE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Nachdem mich Herr Fforde nach den ersten 5 Thursday Next-Bänden lange, lange, lange und lesesehnsüchtig auf Ungewißheitspünktchen … hat sitzen lassen, kann ich mich nun endlich dem 6. Band widmen.

Wer die ersten 5 Bände noch nicht kennt, sollte zunächst meine diesbezügliche Besprechung vom Mai 2013 lesen, https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/05/01/thursday-next-band-1-5/ sonst versteht man hier nämlich nur Buchstabensalat.

Die Frage, wo Thursday Next ist, begleitet uns als roter Faden durch den 6. Band. Die echte Thursday Next ist verschwunden, und – soviel darf ich wohl verraten –  bis Seite 385 bleibt sie auch verschwunden. Doch bis Seite 385 ist es noch ein langer, aufregender und skurriler Leseweg mit vielen Verfolgungsjagden, dramatischen Ungewißheiten und Verwirrspielchen.

Der Kosmos der Thursday-Next-Reihe besteht aus einer Realwelt und einer Buchwelt. Dazwischen gibt es Schnittstellen und wechselseitige Beeinflussungen, z.B. „Feedback-schleifen“, die dazu führen, daß die äußere Erscheinung aller Figuren in der Buchwelt von der Erwartungshaltung der Leserinnen und Leser beeinflußt wird. „Harry Potter war auch stinksauer, weil er den Rest seines Lebens wie Daniel Radcliffe aussehen mußte.“
(Seite 81)

Auch die Auswirkungen von eBooks auf die Arbeitsbedingungen der Buchwelt sind nicht zu unterschätzen, genauso wenig wie die Macht des „Snooze-Knopfes“, den die Darsteller in den Büchern gelegentlich als Notbremse drücken, wenn sie von zu vielen Lesern gleichzeitig gelesen werden. Jetzt wissen wir endlich, woran es liegt, daß wir bei manchen Lektüren plötzlich einschlafen!

Im 6. Band haben sich die Buchweltbedingungen etwas verändert. Der „Gattungsrat“ hat entschieden, die Buchwelt nach dem Vorbild der realen Welt geografisch zu ordnen. Während früher der Mikrokosmos jeden Buches im „Inter-Buch-Nichts“ schwebte, gibt es jetzt Landschaften zwischen den Büchern, und die verschiedenen Literaturgattungen schwimmen als Inseln im Meer.

Die Thursday-Next-Romane „wohnen“ am „spekulativen Ende der Fantasy“, in direkter Nachbarschaft zum „Eiland der Literaturkritik“. Ach ja – und die neue Buchwelt bevöl- kert die Innenseite einer Kugel. Wie das funktioniert, können Sie auf den Seiten 21 – 22 bitte selbst nachlesen.

Die geschriebene Thursday bekommt einen dubiosen Hinweis, daß ihr Vorbild aus der realen Welt vermißt wird. Wegen schwindsüchtiger Leserzahlen deutlich unterbe- schäftigt, beginnt sie mit halblegalen Nachforschungen. Unterstützt wird sie dabei von einem Roboter-Butler, namens Sprockett, dessen mimikloses Porzellangesicht durch einen Augenbrauenzeiger mit Gefühlswortskala belebt wird.

Außerdem drohen die Feindseligkeiten zwischen den Gattungen „Scharfe Romane“, „FemLit“ und „Religiöses Dogma“ zu eskalieren. Das offizielle Buchwelt-Presseorgan „The Word“ berichtet, daß die echte Thursday am kommenden Freitag als diplomatische Vermittlerin zu den Friedensverhandlungen erwartet wird.

Die fiktionale Thursday scheut keine Mühen und Opfer, um die echte Thursday aufzu- spüren, dabei setzt sie sich zwischen alle bürokratischen Stühle, wird von heftigen Selbstzweifeln geplagt und muß mehrfach buchstäblich ihr eigenes Leben verteidigen.

Sehr amüsant sind die Kapitel, in denen die geschriebene Thursday einen geheimen Erkundungsausflug in die reale Welt unternimmt und von Agent Square, einem zweidimensionalen Wesen aus Flatland, darin angeleitet wird, mit der ungewohnten Körperlichkeit der wirklichen Welt zurechtzukommen. Echte Atemzüge und die Fortbewegung unter Schwerkraftbedingungen erfordern einige wortwörtliche Übungsschritte und Koordinationsberechnungen. »„Zweifüßiges Gehen ist ständig gehemmtes Fallen“, sagte Square. «  (Seite 206)

Auf der Suche von Thursday nach Thursday wird fast die gesamte Buchlandschaft der Buchwelt durchquert, und jede Gattung bietet ihre spezifischen Überraschungen und literarischen Umgangsformen dar.

Nachdem die fiktionale Thursday die wirkliche Thursday aufgespürt und zur Lebens- rettung in „Gray’s Anatomie“ abgeliefert hat, kann sie sich zufrieden und, um einige echte Lebenserfahrungen reicher, wieder – ganz wie es im Buche steht – in die erzählerische Ordnung der Buchwelt einfügen.

Auch im 6. Band spickt Jasper Fforde die flotte Handlung mit literarisch einfallsreichen Anspielungsschnörkeln, Wort- und Gedankenspielen und witzigen Details, wie z.B. das „Komma-Kommissariat“, die „Metaphern-Krise“, das „Labyrinth der Verschwörungs- theorien“ und die „Achse der Unlesbarkeiten“ oder die Angst der „textbasierten Lebensformen“ vor Sprachstörungen: „Wenn man die Wortstellung vermurkst, versteht keiner Yoda außer die Sätze man hat.“ ( Seite 27)

Es ist auch reizvoll, dabei „zuzulesen“, wie Romanfiguren aus „Schuld und Sühne“ ihre umständlichen Namen und ihre komplexen Beziehungsverflechtungen miteinander durchdiskutieren, bevor sie sich wieder in ihren Roman „einleben“.

Mir hat die Lektüre viel Vergnügen bereitet, und so schließe ich meine Leseempfehlung mit einem Zitat von Thursday, die –  leicht abgewandelt – den stürmischen Shakespeare zitiert: „Oh, schöne neue Welt, die solche Bücher mit sich führt!“

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der DTV-Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/jasper-fforde-wo-ist-thursday-next-21453/

Hier entlang zu meiner gebündelten Besprechung der ersten fünf Thursday-Next-Bände:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/05/01/thursday-next-band-1-5/

 

DER AUTOR:

»Jasper Fforde ist Waliser(daher das markante doppelte F!) und wurde 1961 geboren. Seine Romane schrieb er 14 Jahre lang neben seiner Arbeit als Kameramann bei verschiedenen Filmproduktionen. Er ist einer der intelligentesten, witzigsten und hintergründigsten Autoren der Fantasy. Nach 76 Ablehnungen erschien im Jahre 2001 der erste Band der Abenteuer von Thursday Next. Inzwischen hat die Reihe weltweit Kultstatus erlangt, und Jasper Fforde wurde aufgrund seiner literarischen Verdienste zum zeitweiligen Ehren-Bürgermeister von Swindon ernannt.«  http://www.jasperfforde.com

 

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Thursday Next, Band 1 – 5

  • von Jasper Fforde
  • Übersetzung ins Deutsche:
  • Band 1 von Lorenz Stern
  • Band 2 – 5 von Joachim Stern
  • DTV Verlag   http://www.dtv.de
  • Band 1: Der Fall Jane Eyre
  • 375 Seiten, 9,95 €
  • ISBN 978-3-423-21293-9
  • Band 2: In einem anderen Buch
  • 416 Seiten, 10,95 €
  • ISBN 978-3-423-21294-6
  • Band 3: Im Brunnen der Manuskripte
  • 405 Seiten,  9,95 €
  • ISBN 978-3-423-21295-3
  • Band 4: Es ist was faul
  • 429 Seiten,  11,95 €
  • ISBN 978-3-423-21296-o
  • Band 5: Irgendwo ganz anders
  • 408 Seiten,  11,95 €
  • ISBN 978-3-423-21297-7
    der_fall_jane_eyre-9783423212939.jpg Der Fall Jane Eyre

DIE  NEXTE  BITTE !

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ach, Sie meinen, Sie wüßten Bescheid über Lesen, Schreiben und Bücher, weil Sie Leser sind? Oder gar Schriftsteller, Verleger oder Deutschlehrer? Oder vielleicht Buchhändler? Tja, das dachte ich (Buchhändlerin) auch, bis ich Thursday Next kennenlernte  –  oder eher lesenlernte  -, das hat meinen Lesehorizont wahrlich um einige Dimensionen erweitert.

Thursday Next, die weibliche Hauptfigur in diesen wortwörtlich hinterlisterarischen Kriminalromanen, arbeitet als „LiteraturAgentin“, und in dieser Rolle sucht sie nicht nach verheißungsvollen neuen Schriftstellertalenten, sondern sie und ihre Kollegen beschützen die vorhandene Literatur vor unbefugten, verbrecherischen Eingriffen wie Raubdrucken, gefälschten Manuskripten und sonstigen Manipulationen, die gegen die literarische Ordnung verstoßen. Für außergewöhnliche Komplikationen sorgt dabei zusätzlich der Umstand, daß die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit durchlässiger sind, als bisher vermutet.

Die Geschichte beginnt 1985 in England, in der Stadt Swindon. Die historischen und gesell- schaftlichen Rahmenbedingungen weisen allerdings einige dichterische Freiheiten und Modi- fikationen auf: In Wales herrscht Kommunismus, in England herrscht Demokratie. Es gibt genetische Rückzüchtungen ausgestorbener Arten, z. B. Dodos und Mammuts und ausge- sprochen sympathische Neandertaler. Käse wird extrem hoch besteuert und bevorzugt von Wales nach England geschmuggelt.

Die herkömmliche Polizei wird vom „SpecialOperations-Network“ unterstützt, das sich wiederum in über dreißig Abteilungen aufgliedert. Dies wiederum ist der Garant für büro- kratische Irrungen und Wirrungen. Thursday Next arbeitet für „SpecOps-27 (LiteraturAgenten)“,  einer ihrer Lieblingskollegen arbeitet für „SpecOps-17 (Vampir- und Werwolfentsorgung)“ und trägt den – für literarisch Eingeweihte – vielsagenden Namen Spike Stoker.

Eine große Rolle spielt außerdem „SpecOps-12“, die „ChronoGarde“, deren Aufgabe es ist, den korrekten Ablauf der „StandardEreignisLinie“ zu überwachen, Zeitfalten auszubügeln und dann und wann Apokalypsen zu vermeiden. Die zeitreisebefähigten Agenten kommen also negativen oder unerwünschten Ereignissen nachträglich zuvor. Thursdays Vater ist „ZeitreiseAgent“ und hält die „ChronoGarde“  und das Ministerium für Zeitstabilität für einen „chronupten“  Haufen und versucht ihre historischen Fehleingriffe zu korrigieren. Als Zeitflüchtiger ist er ziemlich unendlich unterwegs und kommt doch immer wieder kurzfristig bei Thursday und ihrer Mutter zu Besuch vorbei.

Dann ist da noch Onkel Mycroft, der geniale Erfinder des Legosteinfilters für Staubsauger und des „ProsaPortals“: Eine Erfindung, die es ermöglicht, buchstäblich in ein Buch einzu- steigen. Und es gibt die „Goliath Corporation“, einen skrupellosen, profitgierigen Großkon- zern, der systematisch die Demokratie untergräbt und um jeden Preis seine Macht auf die fiktionale Welt ausdehnen will.

Gleich im ersten Band wird Jane Eyre aus ihrem Buch heraus entführt, und der Erpresser droht mit der Ermordung dieser beliebten literarischen Figur, wenn seine Forderungen nicht erfüllt werden.

In Jasper Ffordes Buchmultiversum ist die sogenannte wirkliche Welt schon reichlich schräg, aber die Buchwelt übertrifft sich hier gewissermaßen selbst. Wie dramatisch es hinter den Kulissen der gedruckten Buchstaben, Worte und Sätze zugeht, das weiß Jasper Fforde mit funkelndem Einfallsreichtum und Liebe zum kleinsten literarischen Detail spannend und sehr amüsant zu erzählen. Der bürokratische Verwaltungsapparat der Buchwelt ist mindestens so papierkramreich wie in der Außenwelt, ganz zu schweigen von den logistischen und technischen „BackStory“- Herausforderungen. Also ohne mobiles „Fußnotofon“ geht schon mal gar nichts; und haben Sie gewußt, daß das ISBN-System den „JurisfiktionAgenten“ zur Ortung von Büchern  dient?

Thursday Next pendelt für ihre Detektivarbeit zwischen der Buchwelt und der Außenwelt, rettet Jane Eyre und auch ihr eigenes Leben und findet beiläufig noch Zeit, ihre große Liebe zu heiraten.

in_einem_anderen_buch-9783423212946.jpgThursday Next 2Nachdem Thursday Next im ersten Band als Buch- springerin und Retterin von Jane Eyre berühmt wurde, wird sie im zweiten Band als erste „Außenländerin“ von „Jurisfiktion“ um Mitarbeit gebeten. „Jurisfiktion“ ist  der Sicherheitsdienst der Buchwelt, und dieser hat stets Bedarf an mutigen Agenten, welche die Buchwelt sowohl vor inneren wie äußeren Störungen und Angriffen schützen. Miss Havisham, die sitzengelassene Braut aus Charles Dickens Roman „Große Erwartungen“ ist Thursdays strenge Ausbilderin, die allerdings auch gerne kleine unerlaubte Ausflüge in die wirkliche Welt unternimmt und dort grundsätzlich viel zu schnell Auto fährt.

Offenbar erfüllen die fiktionalen Charaktere nicht immer ihre literarische Pflicht. Es gibt „Seitenläufer“, literarische Figuren, die ihre Rolle satt haben und sich bestenfalls  einfach nur in einem anderen Buch verstecken und sich schlimmstenfalls in den Handlungsverlauf des Besuchsbuches einmischen. Da hilft manchmal nur noch das Ausradieren mißliebiger Charaktere durch Radiergummi- munition. „Grammasiten“ und  „Adjektivorenmüssen bekämpft werden. Arbeit und Abenteuer bieten sich seitenweise an…

im_brunnen_der_manuskripte-9783423212953.jpg Thursday Next 3Im dritten Band zieht sich Thursday zwecks Mutter- schaftsurlaub von ihren Feinden in das noch unver- öffentlichte Manuskript eines Krimis zurück. Dort kommt sie einer Verschwörung auf die Spur, die in Verbindung mit der geplanten Einführung eines neuen Textverarbei- tungsprogramms die schöpferische Freiheit und kreative Sprachvielfalt des gesamten literarischen Lebens aus- löschen will. Haarscharf kann Thursday diese technologische Entseelung der Buchwelt verhindern.

Außerdem verpaßt sie zwei „Figuren-Rohlingen“ den letzten charakterlichen und sprachlichen Feinschliff und ein Happy End. In Zusammenhang mit der Bekämpfung des „Mispeling Vyrus“ vergnügt uns Jasper Fforde zudem mit einem ganz herrlichen Seitenhieb auf die deutsche Rechtschreibreform.

es_ist_was_faul-9783423212960.jpg Thursday Next 4Im vierten Band entschließt sich Thursday, mit ihrem Sohn Friday wieder in die Außenwelt zurückzukehren. Außerdem darf sie, auf Anordnung des „GattungsRates“, Hamlet mitnehmen, dem zu therapeutischen Zwecken ein Ausflug in die wirkliche Welt genehmigt wurde. Nicht nur, daß er mit seiner Außenwahrnehmung als Zauderer hadert, zusätzlich hat er zu verkraften, daß nicht ihm, sondern Heathcliff zum 77. Male der „BuchWeltPreis“ für den besten „Schwierigen Romantischen Liebhaber“ verliehen wurde. Außerdem wird ein „Fiktionär“, der sich unbefugt auf dem politischen Parkett der wirklichen Welt tummelt, in einem bemerkenswert raffinierten, literarischen Duell unschädlich gemacht.

 

irgendwo_ganz_anders-9783423212977.jpg Thursday Next 5Der fünfte Band spielt 14 Jahre später: Thursdays bisherige Abenteuer sind inzwischen in Romanform erschienen, sie arbeitet zum Schein im Teppichhandel, in Wirklichkeit ist sie nach wie vor Doppelagentin und nebenberufliche Käseschmugglerin. Der „AllgemeineLeseIndex“  stürzt in bildungsferne Abgründe, es drohen gar „Reality-Book-Shows“. In der Buchwelt ist man darüber nicht amüsiert; unterbe- schäftigte und gelangweilte Romanfiguren könnten rebellieren und „Mindestleserzahlen verlangen“.

Der Mord an Sherlock Holmes sollte dringend aufgeklärt werden, und Thursday muß sich schließlich sogar mit ihrer eigenen fiktiven Figur herumschlagen. Erst kurz vor Buchschluß erkennt sie, daß in der Buchwelt ein „Serienkiller“ unterwegs ist, und Jasper Fforde beendet das letzte Kapitel mit …  und läßt uns Leser in schrecklicher Ungewißheit auf diesen Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen sitzen. Das ist nur schwer auszuhalten!

Der 6. Band erscheint erst im Juli 2013! Tja – wäre ich jetzt eine „Buchspringerin“ wie Thursday Next dann könnte ich mir im „Brunnen der Manuskripte“ eine Leseprobe des noch ungedruckten Buches genehmigen …

Doch zurück zu den fünf Bänden, die uns schwarz auf weiß vorliegen: Jasper Fforde verfügt über eine geistreiche und humorvolle Kombinationsgabe; von Band zu Band steigert er sich mit einfallsreichen Ideen, komplex konstruiert bis ins kleinste erlesene Detail. Die historischen und literarischen Arrangements, die er gestaltet, sind abenteuerlustig, wunderbar wortspielerisch und vielschichtig.

Die Wiederbegegnung mit bekannten literarischen Figuren, Themen und Schauplätzen, die von Jasper Fforde gekonnt in den Handlungsverlauf seiner Thursday Next Geschichte eingewoben werden, bietet anregenden Spielraum für fantasievolle und heiter-ironische Neuinterpretationen und kuriose Assoziationen. Neben vielen englischen Klassikern finden z.B. auch Eichendorff, Kafka und Konrad Duden Erwähnung.

Garniert wird das Ganze noch mit dem Thema Zeitreisen und den sich daraus ergebenden Paradoxien und Schlußfolgerungsvariablen.

Falls Sie jetzt meinen, ich hätte hier schon zu viel erzählt, muß ich energisch widersprechen. Diese Buchbesprechung ist nur eine flüchtige Skizze, ein Hauch von dem, was Ihnen die über 2000 Seiten der ersten fünf Thursday Next Bücher an kurzweiligem, kultivierten Lese- und Schmunzelgenuß bieten können.

PS:
Klassikerkenntnisse sind von Vorteil und erhöhen das Vergnügen an den zahllosen gewitzten Anspielungen und Bezügen. Die neue graphische Titelbildgestaltung der Thursday Next Reihe mit je einem schwarzen Scherenschnitt eines englischen Klassikers vor leuchtend farbigem Hintergrund und mit farbenfrohen Prägedruckbuchstaben ist auffällig anders und wird somit dem Inhalt der Bücher durchaus gerecht.

Hier entlang zu den Romanen und LESEPROBEN auf der DTV-Verlagswebseite:

Band 1: Der Fall Jane Eyre    https://www.dtv.de/buch/jasper-fforde-der-fall-jane-eyre-21293/
Band 2: In einem anderen Buch https://www.dtv.de/buch/jasper-fforde-in-einem-anderen-buch-21294/
Band 3: Im Brunnen der Manuskripte  https://www.dtv.de/buch/jasper-fforde-im-brunnen-der-manuskripte-21295/
Band 4: Es ist was faul   https://www.dtv.de/buch/jasper-fforde-es-ist-was-faul-21296/
Band 5: Irgendwo ganz anders   https://www.dtv.de/buch/jasper-fforde-irgendwo-ganz-anders-21297/

PPS:
Wie die Zeit vergeht … 😉
Meine Rezension zum sechsten und letzten Band der Thursday-Next-Serie: WO IST THURSDAY NEXT finden Sie unter diesem Link: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/07/03/wo-ist-thursday-next/

 

DER AUTOR:

»Jasper Fforde ist Waliser(daher das markante doppelte F!) und wurde 1961 geboren. Seine Romane schrieb er 14 Jahre lang neben seiner Arbeit als Kameramann bei verschiedenen Filmproduktionen. Er ist einer der intelligentesten, witzigsten und hintergründigsten Autoren der Fantasy. Nach 76 Ablehnungen erschien im Jahre 2001 der erste Band der Abenteuer von Thursday Next. Inzwischen hat die Reihe weltweit Kultstatus erlangt, und Jasper Fforde wurde aufgrund seiner literarischen Verdienste zum zeitweiligen Ehren-Bürgermeister von Swindon ernannt.«  Weitere Informationen:  http://www.jasperfforde.com

 

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Der vierte Versuch

  • von Catherine  O’Flynn
  • Arche Verlag 2011
  • 978-3-7160-2645-8
  • 300 Seiten,  19,90  €
  • Übersetzung aus dem Englischen von
  • Cornelia Holfelder-von der Tann
  • Taschenbuchausgabe bei btb                              http://www.btb-verlag.de
  • 978-3-442-74416-9
  • 9,99 €
    Der vierte Versuch von Catherine OFlynn9783716026458.jpg Der vierte Versuch

PROVINZPROMINENZ

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

 „Der vierte Versuch“  ist ein leises Buch, eine Choreographie der kleinen und  großen, der unsichtbaren und sichtbaren Abschiede.

Wie schon in ihrem faszinierenden ersten Roman „Was mit Kate geschah“  (siehe meine  Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/04/10/was-mit-kate-geschah/ )
, erweist sich Catherine O‘ Flynn als eine Meisterin der Schilderung des feinen zwischenmenschlichen Gefühlsgewebes, das unser Leben maßgeblich bestimmt.

Frank  Allcroft arbeitet als Moderator bei einem Fernsehsender in seiner Heimatstadt Birmingham. Er genießt eine gewisse Provinzprominenz, ist jedoch angenehm frei von Profilneurosen und sonstigen mediengemäßen Selbstdarstellungsaufblähungen.

Gelegentlich berichtet er in seiner Sendung über Menschen, die dermaßen einsam und isoliert gelebt haben, daß ihr Tod erst nach vielen Tagen, einmal sogar erst nach fast drei Wochen bemerkt wird. Er macht es sich zur Gewohnheit, zu den menschenleeren Beerdigungen dieser Toten zu gehen und ihnen auf diese Weise Respekt zu zollen. Manchmal hilft er auch bei der Recherche nach eventuellen entfernten Angehörigen.

Im Gegensatz dazu hat der plötzliche Unfalltod, mit Fahrerflucht, seines väterlichen Freundes und einstigen Mentors Phil eine breite Öffentlichkeit. Phil hatte eine glanzvolle Karriere beim überregionalen Fernsehen gemacht und war ein richtiger Fernsehstar, der mit 78 Jahren noch munter auf der Bühne stand. „Phil war mit so einer Art televisuellem Feenstaub gesegnet – “

Als Frank bei der Durchsicht von Unterlagen eines seiner einsamen Toten ein Kinderfoto von Phil und dem Verstorbenen findet, macht er sich auf weitere Spurensuche, in der Hoffnung, vielleicht etwas zur Aufklärung des Unfalles seines Freundes beitragen zu können.

In geschickt eingeschobenen Rückblenden erfahren wir von Franks Verhältnis zu Phil, nehmen Teil an Franks Kindheitsprägungen und sehen, wie sich Birminghams Stadtbild verändert. Frank ist ein freundlicher und melancholischer Charakter, der auch damit zu kämpfen hat, daß die einst zukunftsträchtigen Hochhäuser, die sein Vater in den siebziger Jahren als Architekt entworfen hat, nach und nach abgerissen werden und neuen Stadtplanungen weichen müssen.

Beiläufig wird Sozialkritik  geübt, z.B. wenn Frank beim Besuch einer Moderatorin erlebt, wie ein Interview nachträglich so zusammengeschnitten wird, das die Antworten besser zum beabsichtigten Sendeformat passen, oder wenn Frank die Entscheidung des Produzenten in Frage stellt, welche Geschichten und Nachrichten es wert sind, die Sendebühne zu erreichen.

Der Roman hat eine angenehm undramatische Spannung, die selbst für nur momenthaft auftauchende Nebenfiguren Anteilnahme und Interesse weckt. Die durchgehende Abschiedsstimmung wird durch wohldosierte Prisen feinen Humors aufgelockert.

Dazu gehören besonders die putzigen Szenen, in denen sich Mo, die kleine Tochter von Frank, dazu berufen fühlt, die offenkundige Traurigkeit ihrer Großmutter zu verringern. Sie holt sich Anregungen aus den Gratisblättchen mit Tipps  für Senioren und installiert diverse, mehr oder weniger gelungene, Alltagserleichterungen in der Wohnung ihrer Oma.

Franks Suchergebnis ist am Ende fast nebensächlich, bleibt doch das Hauptthema der Geschichte, empfindsam und scharfsinnig, unterschiedliche Varianten des Umgangs mit Alter, Tod und Vergänglichkeit darzustellen.

Unsere Abwesenheit ist das, was von uns bleibt.“

Was mit Kate geschah

  • Von Catherine O‘Flynn
  • Übersetzung aus dem Englischen von
  • Cornelia Holfelder-von der Tann
  • Atrium Verlag 2009
  • 978-3-85535-580-8
  • 270 Seiten, 19,90 €
    (Die gebundene Ausgabe ist vergriffen.)
  • Taschenbuch  März 2011 bei btb,  8,99€                      http://www.btb-verlag.de
  • und die Taschenbuchausgabe ist inzwischen auch vergiffen
    knvmmdb.dll.jpg was mit kate geschah Was mit Kate geschah von Catherine OFlynn

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Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ein außergewöhnlicher Krimi und ein vielschichtiges Psychogramm, ein Buch mit echtem Weiterlesesog.

Im ersten Teil des Romans wird Kate ausführlich vorgestellt. Die zehnjährige Kate ist ein einsames, ernstes und kreatives Kind, dessen Freizeitbeschäftigung darin besteht, als Privatdetektivin diverse verdächtige Erwachsene zu beschatten, um potenzielle Verbrechensabsichten zu erkennen und ihre Ausführung zu verhindern. Und sie hofft durch eine spektakuläre Ermittlung den Grundstein für ihre zukünftige Karriere als freie Mitarbeiterin bei der Kriminalpolizei zu legen.

Ihre Mutter hat die Familie bereits vor acht Jahren verlassen und ist nach Australien ausgewandert, und nach dem plötzlichen Tod  ihres liebevollen Vaters kümmert sich die Großmutter um Kate. Aber die beiden Verwandten werden nicht so recht warm miteinander, und da Kate sehr intelligent ist, plant die Großmutter, ihr Enkelkind mit Hilfe eines Begabtenstipendiums in einem Internat unterzubringen. Davon ist Kate garnicht begeistert, da sie mit Gleichaltrigen nicht so viel anfangen kann.

Befreundet ist sie mit Adrian, dem zweiundzwanzigjährigen Sohn des Zeitschriftenladeninhabers aus der Nachbarschaft. Adrian hilft im Laden aus, wo Kate ihn täglich besucht und mit ihm über ihre Detektivarbeit fachsimpelt. So kommt sie auch zu ihrem ersten bezahlten Auftrag, für den sie „die Sicherheitssituation im Laden evaluiert“. Ihre Anregungen für eine diebstahlsichere Warenanordnung, nebst der strategischen Plazierung zweier Spiegel, werden tatkräftig umgesetzt und reduzieren erfolgreich die Ladendiebstahlsquote.

Ihre einzige Schulfreundin ist Teresa, eine Außenseiterin aus schwierigen sozialen Verhältnissen, die Kate in ihren Plan einweiht, ihren Stiefvater, der sie und ihre Mutter schwer mißhandelt, umzubringen.

Und dann gibt es noch ihren Assistenten, einen Stoffaffen im Nadelstreifenanzug, der unerläßlicher Begleiter und Ansprechpartner bei allen Ermittlungen ist.

Kates Lieblingsschauplatz für Observierungen ist Green Oaks, ein riesiges, mehrgeschossiges Einkaufszentrum, wo sie sich hauptsächlich auf Verdächtige im Bereich von Bankinstituten konzentriert.

Aus ihrem  gewissenhaft geführten Ermittlungsnotizbuch erfahren wir einiges über seltsame Szenen, auffällige Personen und Kates rührend kindliche Schlußfolgerungen.

Sechsundsiebzig Seiten lang haben wir Kate richtig liebgewonnen, und dann verschwindet sie – spurlos!

Zwanzig Jahre später  ist Green Oaks weitergewachsen zu einem unheimlich großen, unübersichtlichen Gebäudekomplex von 140 000 Quadratmetern. Während der Nachtschicht sieht der Wachmann Kurt auf seinem Überwachungsbildschirm ein Mädchen mit einem Stoffaffen und einem Notizbuch vor einer Bank stehen. Er vermutet, daß sich das Kind verlaufen hat, aber es verschwindet aus seinem Sichtfeld, und auch der Kollege Scott von der Patrouille kann es nicht finden.

Die Verlorenheit des Kindes beschäftigt den Wachmann sehr, und dann trifft er in den Versorgungsgängen des Einkaufszentrums auf Lisa, eine Angestellte von Your  Music, die sich wirklich verlaufen hat und seltsamerweise den Affen des Mädchens gefunden hat.

Einige Tage später taucht Kate wieder auf dem Monitor auf,  Kurt schickt per Funk wieder Scott hin und sieht ihn auf das schreckensstarre Kind zugehen. Er wundert sich, warum sein Kollege das Mädchen nicht anspricht, doch dieser  schaut zur Kamera und fragt, in welche Richtung  sie denn verschwunden wäre, damit er weitersuchen könne, denn Scott kann Kate nicht sehen. Kurt gilt seitdem als Geisterseher und bekommt ein paar freie Tage verordnet.

Trotz seiner Wahrnehmungsselbstzweifel fühlt Kurt eine unerklärliche Verantwortung für das verschwundene Kind,  und zusammen mit Lisa forscht er weiter nach Kate. Bei dieser Suche kommen die beiden sowohl sich selbst als auch Kate auf die Spur, und sie können das Rätsel um Kates Verschwinden lösen.

Neben der kriminalistischen Thematik beschreibt die Autorin ganz hervorragend die Schattenseiten eines sogenannten Einkaufsparadieses. Die schönen und luxuriösen Konsumräume werden den fensterlosen, minimalisierten Sozialräumen des Verkaufspersonals und den vernachlässigten, gruseligen Versorgungsgängen gegenübergestellt. Die Aufzüge sind so programmiert, „daß die Etagenwünsche der Kunden Vorrang vor dem Personalcode“ haben, was große Verzögerungen beim Erreichen der Personaletage zur Folge hat und so manche Mittagspause ruiniert.

Auch die Verkaufsmechanik  und die Personalrangstufendynamik großer Ladenketten wie Your Music werden zwar sehr witzig, aber zugleich angemessen sozialkritisch dargestellt. Bei den sehr anschaulichen Verkaufs- und Reklamationsdialogen mit gutmütigen und anmaßenden Kunden merkt man: Da schreibt jemand mit Einzelhandelserfahrung!   

Zu guter Letzt ist Kate nicht spurlos verschwunden, sondern sie hat mit ihrem Verschwinden für einige Menschen neue Lebensweichen gestellt.

Für Adrian geht es in eine traurige Richtung, da er, obwohl vollkommen unschuldig, nie den Schatten des Verdachtes, der auf ihn fiel, loswird.

Teresa findet durch Kates Verschwinden ein neues und besseres Leben, wobei sie von Kates Geist gewissermaßen ständig begleitet wird: „Sie glaubte nicht an Geister. Die Geister glaubten an sie.“

Lisa und Kurt finden durch ihre Suche nach Kate zueinander.

Und wir Leser werden Kate nach dieser Lektüre noch lange, lange  vermissen!

 

Die Autorin:

»Catherine O’Flynn, geboren 1970 in Birmingham, arbeitete u.a. im Plattenladen, bei der Post, als Lehrerin und als Testkäuferin, bevor sie ihren ersten Roman schrieb. Nach zunächst über zwanzig Ablehnungen von Agenturen und Verlagen gewann sie mit „Was mit Kate geschah“ auf Anhieb den FIRST NOVEL PRIZE beim COSTA BOOK AWARD 2008 und andere wichtige Literaturpreise; ihr Buch wurde in zehn Sprachen übersetzt. Nach einigen Jahren in Barcelona lebt Catherine O’Flynn wieder in Birmingham.«


Querverweis:

Und hier der Link zu einem weiteren Roman von Catherine O’Flynn:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/04/17/der-vierte-versuch

PS:
Hier ist eine Titelbildklage fällig: War das Titelbild bei der gebundenen Ausgabe des Atrium Verlages schon mehr eine Tarnkappe als ein Blickfang, so ist die Titelbildverunstaltung der btb-Taschenbuchausgabe eine äußerst wirksame Verkaufsbremse. Es ist schwer, gegen ein solch deprimierendes, unattraktives Titelbild anzuempfehlen. Ohne gutes Zureden wird kaum jemals jemand freiwillig nach diesem Buch greifen.