Igel

Igel (Naturkunden Nr. 76)
I G E L E R K U N D I G U N G E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In dieser Naturkunde begegnet uns der Igel als biologisches Wesen mit seinen art-spezifischen Fähigkeiten und Lebensbedürfnissen sowie als Modell für künstlerische Darstellungen malerischer und bildhauerischer Art und als Charakterfigur in Fabeln, Legenden, Märchen und Bilderbüchern.

Igel sind einzelgängerische, nachtaktive und scheue Tiere, welche die Nähe zu Artge-nossen nur zum Zwecke der Fortpflanzung suchen. Ihr Stachelkleid besteht aus 6000 – 8000 Stacheln, von denen jede über einen eigenen kleinen Muskel verfügt. Bevor ein Igel sich zu seiner passiven Selbstverteidigung einrollt, „stellt er seine Stacheln in einer raffi-nierten Kreuz-und-Quer-Anordnung auf, in der sich die Stacheln gegenseitig stützen (Seite 23). Diese Anordnung schauten sich die Menschen von der Antike bis ins Mittel-alter für ihre militärischen Lanzenaufstellungen ab, und diese Formation wurde auch tatsächlich „Igelstellung“ genannt.

Der Geruchssinn ist der ausgeprägteste Sinn des Igels. Er schnüffelt und schnuppert unentwegt und kann sogar Regenwürmer in der Erde wittern. Igel sind keine Vegetarier. Wenn sie an Obst, Pilzen oder Nüssen knabbern, sind sie sehr wahrscheinlich auf der Jagd nach den darin verborgenen Würmern oder Schnecken. Beim Fressen schmatzen Igel un-überhörbar, weil sie ihre Nahrung sehr gut kauen und einspeicheln. Mit einem speziellen Riechorgan, dem Jacobsonschen Organ, können Igel sogar Gerüche schmecken. Igel können unbeschadet giftige Schlangen und Skorpione verspeisen, aber Milch ist für sie unbekömmlich.

Der Hörsinn des Igels ist immerhin noch drei bis viel Mal besser als der des Menschen, und sie können Töne im Ultraschallwellenbereich wahrnehmen.

Bedroht ist der Igel durch den Schwund natürlicher Lebensräume, Parasiten, Straßen-verkehr, industrielle Landwirtschaft, Pestizide und Insektizide, steril aufgeräumte Gärten sowie durch den Einsatz von Laubbläsern, Rasentraktoren und Mährobotern. Zudem bringt der Klimawandel mit deutlich wärmeren Wintern den Winterschlaf- rhythmus der Igel in lebensbedrohliche Unordnung.

Beim Igel verbinden sich – aus menschlicher Perspektive –  stachelige Unnahbarkeit mit knopfäugiger Possierlichkeit. Angesichts eines naturbelassenen Gartens, der seinen Revierbedürfnissen entspricht, kommt der Igel mit der Nähe zu Menschen zurecht, läßt sich gut beobachten und nimmt auch Futter an. Doch als klassisches Streicheltier eignet er sich nicht, er ist und bleibt ein Wildtier und entzieht sich aufdringlichen Kontaktver-suchen.

Menschen sind schon lange von Igeln fasziniert. So finden sich unter prähistorischen Tierfiguren neben Bison, Höhlenbär und Mammut auch kleine Igelfiguren. Im alten Ägypten waren Igel-Amulette beliebte Grabbeigaben.

Der Künstler Günther Uecker hämmerte 1964 aus Nägeln unterschiedlicher Länge die Körperform eines Igels auf ein Stück Holz, und je nach Generationenzugehörigkeit wer-den sich einige Leser noch an die mehr oder weniger kulinarischen Käse-Igel vergangen-er Partybüffets erinnern.

Igel spielen auch eine beachtliche literarische Rolle z.B. in den Grimmschen Märchen „Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel“ und „Hans mein Igel“ oder in Hans Falladas „Geschichte vom getreuen Igel“.

Der berühmte Igel „Mecki“ begann in den 30er-Jahren des 20.Jahrhunderts seine Karriere als Puppentrickfilmstar und belebte ab 1949 die alljährlich fortgesetztenen Mecki-Bilderbücher der Zeitschrift „Hörzu“. Nach wie vor erscheinen immer wieder Kinder- und Bilderbücher, die Igel als Hauptcharaktere inszenieren (siehe meine vorhergehende Bilderbuchbesprechung der Serie „Der große und der kleine Igel“ Warte doch mal! ).

Im Anschluß an die zoologischen und kulturhistorischen Igelbetrachtungen werden neben dem bei uns beheimateten Braunbrustigel noch einige außereuropäische Igelarten in kurzen Einzelportraits vorgestellt.

Und zum Abschluß kann ich hier wieder meinen lobeshymnischen Refrain zur buchge-stalterischen Materie der Reihe NATURKUNDEN singen. So ist auch der Band „Igel“ (NATURKUNDEN Nr. 76) aus schmeichelgriffigem Papier für Einband, Vorsatzblätter und Buchseiten hergestellt. Die Typographie ist satt und lesefreundlich, der braune Kopf-schnitt ist farblich fein abgestimmt mit der Farbgebung des Bucheinbandes; die Faden-heftung erscheint diesmal interessant farbkontrastisch in dunkelblau, und die zahlreichen alten und neuen Illustrationen sind ebenso schön wie aussagekräftig.

Hier finden wir den harmonischen Einklang zwischen substanzieller innerer und äußerer Buchqualität, wie sie für die von Judith Schalansky herausgegebene Reihe NATURKUNDEN Standard ist. Da kommt Sammellust auf!

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/igel.html?lid=2

Die Autorin:

»Verena Auffermann, geboren in Höxter, wurde nach einer Buchhandelslehre und dem Studium der Kunstgeschichte neben ihrer Tätigkeit als Dozentin und Herausgeberin vor allem als Kritikerin u. a. für DIE ZEIT und Süddeutsche Zeitung bekannt. Darüber hinaus ist sie als Jurorin, Moderatorin und Dozentin tätig. Zahlreichen Veröffentlichungen folgte zuletzt 2009 ein literaturwissenschaftlicher Sammelband, der unter dem Titel 100 Autorinnen in Portraits. Von Atwood bis Sappho, von Adichie bis Zeh im Herbst 2021 in einer erweiterten Neuedition im Verlag Piper erschienen ist. 2016 veröffentlichte Verena Auffermann eine Bildbiografie über Henry James.«

Der Illustrator:

»Falk Nordmann, Zeichner und Illustrator, lebt und arbeitet in Berlin. Ab 2007 Umschlaggestaltungen und Autorenportraits, seit 2013 Tierillustrationen der Reihe Naturkunden für Matthes & Seitz Berlin.«

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/
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33 Kommentare zu “Igel

  1. Igel faszinieren aus demselben Grund wie Katzen, aufgund ihrer eher unsympathischen Fähigkeiten und Eigenschaften. Sie sind gierige Fleischfresser, die stets nach Beute Ausschau halten und wie alle Insektenfresser unverhältnismäßig viel, also dauernd, fressen müssen, um über die Runden zu kommen. Nur Winterschlaf können sie halten und sind dann ja auch für Tiere, die sonst ihre Beute sind, angreifbar.
    Aber als Streicheltier, das ist wahr, eignen sie sich viel weniger als Katzen.

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  2. Ein ansprechendes Buch und das Cover erinnert mich an die Tierzeichnungen von Dürer. Mein Exschwager hat einige nachgezeichnet, daraufhin versuchten es meine Tochter und ich ebenso – sie war eindeutig geeigneter und ich beließ es bei einem Versuch.
    Die Autorin ist in Höxter geboren. Es kennt wohl kaum jemand die kleine Kreisstadt an der Weser, wo ich 38 Jahre ganz in der Nähe lebte…

    Ein Buch, das die Vergangenheit weckt also.

    Liebe Grüße,
    Syntaxia

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    • Vielen Dank, liebe Syntaxia, für Deinen Lesebesuch und Deine persönlichen Anmerkungen.
      Das Titelbild wurde von Pauline Altmann gezeichnet. Gleichwohl verstehe ich Deine Assoziation zu Dürers Tierzeichnungsstil.

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  3. Ich reihe mich gern ein in die Liste der Igel-Freund/innen und danke für Deine interessante Rezension. Hin und wieder haben wir hier auch einen Igel, aber nie für lange. Und obwohl es hier sicherlich ausreichend gute und sichere Verstecke gibt, hat sie noch kein Igel für den Winter genutzt.

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    • Willkommen im Club der Igelfreunde und verbindlichen Dank für Dein Leseinteresse.
      Das Phänomen, daß Du hinsichtlich der Igel für Deinen Garten beschreibst, kenne ich auch von meinem Garten. Bei mir ist es so, daß die größere Umgebungsfläche um meinem Garten herum zu aufgeräumt ist und zu wenig Versteckmöglichkeiten bietet. Obwohl ich an einer Seitenstraße (sogar eine Hainbuchenallee) wohne, hat auch das Straßenverkehrsaufkommen zugenommen, und das ist dem Erscheinen der Igel ebenfalls nicht zuträglich.

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  4. Ach, wie schön, ein Igelbuch. Gibt es Menschen, die keine Igel mögen?
    Ich glaube nicht.
    Bei uns ist mal einer mitten durch Wohnzimmer und Flur marschiert, um vom Katzenfutter in der Küche zu kosten.
    Danach marschierte er gemächlich wieder nach draußen 🙂
    Eine Freundin hat zur Zeit eine ganze Igelfamilie zu Besuch *g*

    Liebe Grüße von Bruni an Dich, liebe Ulrike

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  5. Vielen Dank Ulrike für deine wunderschöne Einführung in dieses Buch. Wir habe eigentlich immer Igel in unserem Garten aber, dass sie so einen hervorragenden Geruchssinn haben, wusste ich nicht! Diesen Sommer ist einer der Igel direkt in unser Haus marschiert und dann ganz von selbst wieder heraus.

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    • Vielen Dank, liebe Martina, für Deine zustimmungsvolle und zugeneigte Rückmeldung.
      Es freut mich, daß Euer Garten Igel beherbergt und daß sie sogar gelegentlich kleine Hausbesuche bei Euch machen. 😉

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  6. Wir sind zutiefst DANK-bar und froh, liebe Ulrike, dass in unserem Gärtchen solch ein kleiner Zeitgenosse sein Zuhause gefunden hat… Genügend Nahrung findet der Igel – laut hörbar und schmatzend – mit Sicherheit… 😉
    Hab vielen DANK für deine wieder so feine Buchvorstellung…
    Alles LIEBE,
    Elke

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    • Liebe Elke,
      hab‘ Dank für Deine Wertschätzung meiner Buchempfehlung.
      Wie schön, daß Euer Gärtchen dergestalt beschaffen ist, daß es einem Igel behagt und Ihr so anteilnemen könnt an seinen kleinen Lebens(laut)äußerungen. 😉
      Herzensgruß von mir zu Dir ❤

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    • Vielen Dank , liebe Nina, für Dein Leseinteresse und Dein ausdrückliches Gefallen an der bemerkenswerten Reihe der NATURKUNDEN.
      Wie erfreulich, daß in Eurem Garten ein Igel zuhause ist – das spricht für die natürliche Qualität Deines Gartens.
      Herzlich grüßt
      Ulrike

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  7. Es ist unfassbar! Nun habe ich mir seit geraumer Zeit in regelmäßigen Abständen immer wieder das Titelbild angesehen. Und ich staune immer wieder aufs Neue. Der Igel ist immer noch da. Dabei sieht er so lebendig aus, dass man kaum glauben kann, dass er nicht in der nächsten Sekunde verschwunden ist. Beispielsweise könnte ihm ja das Schnecken-Buch aus der Naturkunden-Reihe wohl behagen… 😉
    Diese Reihe ist definitiv eine Klasse für sich. Die besonders kostbare äußere Erscheinung kommt mir auch wie eine Hommage an die Natur und ihre Wesen vor, denen man ja durch hochwertige Gestaltung der Bände auch Respekt zollt. Sehr schön finde ich einmal mehr diese ganzheitliche Betrachtungsweise, die auch den Igel als kulturelles Wesen nicht vergisst.
    Mit einem herzlichen Abendgruß 🦔

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    • Verbindlichen Dank für Deine differenzierten und natureinfühlsamen Betrachtungen zu meiner Buchempfehlung. 🙂
      Die Igelillustration auf dem Titelbild wirkt in der Tat sehr lebensecht, und wer weiß, vielleicht peilt er doch schon heimlich das NATURKUNDEN-Schneckenbuch an. 😉
      Ebenso wie Du, finde ich, daß die hochwertige und sinnlich-attraktive Gestaltung der NATURKUNDEN-Reihe den Naturgeschöpfen buchstäblich die Ehre gibt. Und mir gefällt auch die ganzheitliche Verbindung von naturwissenschaftlicher und kulturhistorischer Igelkunde.
      Nachtaktive Herzensgrüße von mir zu Dir 🦔

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      • Der Igel ist ja ein nachtaktiver Geselle. Vielleicht deutet bereits in Kürze ein buchdeckelgedämpft-diskretes Schmatzen aus dem Bücherregal darauf hin, dass das Schneckenbuch einer schneckenlosen Zukunft entgegengeht. 😀

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    • Ja, liebe Igel-Freundin, das Igelimage ist sehr positiv. Sie sehen einfach, trotz der Stacheln, niedlich aus.
      Als ich noch ein Kind war, hat mein Vater einmal einen Igel vor dem Überfahrenwerden gerettet und ihn mit nach Hause gebracht. Er wurde schnell zutraulich und trippelt durch unsere Küche. Wir haben ihn aber nur eine Nacht behalten und am nächsten Tag im nahegelegenen Park wieder freigelassen. Tatsächlich ist es mir in der kurzen Zeit mit geduldiger kindlicher Zuversicht gelungen, den Igel am Bauch zu streicheln. 🙂

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      • Du Glückliche. Was für eine wundervolle Erfahrung.
        Ich habe nur einen Mecki hier, der gerade transgender ist, da meine Enkelin ihn mit Haarspangen verschönern wollte.😁

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    • Lieben Dank für Deine Igelzuneigung.
      Ich hatte als Kind gelegentlich recht zutrauliche Nahkontakte zu Igeln und vermisse es, daß sie sich an meinem jetzigen Wohnort nicht mehr zeigen.
      In Griechenland kommt laut meiner Lektüre der Weißbrustigel vor, der etwas kleiner als der Braunbrustigel ist.

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