Borst vom Forst will hoch hinaus

  • Text von Yvonne Hergane
  • Illustrationen von Wiebke Rauers
  • Magellan Verlag, Januar 2021 http://www.magellanverlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 24,5 x 30,5 cm
  • 32 Seiten
  • 14,00 € (D), 14,40 € (A)
  • ISBN 978-3-7348-2049-6
  • Bilderbuch ab vier Jahren

Borst vom Forst will hoch hinaus

L U F T S P R U N G S C H W U N G

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Borst vom Forst ist schon seit seinem ersten Abenteuerchen (siehe meine Besprechung https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/09/28/borst-vom-forst/) als ebenso empfindsam-verträumter wie entdeckungsfreudiger kleiner Frischling waldbekannt.

Diesmal sorgt er sich um ein Ei, das im Moos gelandet ist. Während er gemeinsam mit der Seemöwe und der Robbe Merilyn (eine Bekanntschaft aus dem ersten Band) auf- zählt, welche Tiere Eier legen, schlüpft das Küken aus dem Ei. Es hat einen gekrümmten Schnabel, was Anlaß zu der Vermutung gibt, daß es aus dem sich in luftiger Baumhöhe befindlichen Adlernest gefallen ist.

Kein Frage, daß Borst vom Forst – das Küken auf der Nase balancierend – versucht, mit Hilfe von Merilyns Robbenleiter den Baumstamm zu erklettern. Doch dies funktioniert nicht und endet mit einer Po-Landung im Polstermoos.

Merlilyn regt an, einen herumliegenden Baumstamm auf einen Felsbrocken zu legen und ihn so als Wippkatapult zu benutzen. Borst von Forst nimmt mit dem Küken an dem einen Ende Platz, und am anderen Ende springen die Robbe, die Seemöwe und eine Ameise auf. Der damit erzeugte Schwung ist noch zu schwach, doch da naht hilfreich Borstens Wildschweinmama und verpaßt dem Stamm den ausreichenden Luftsprung- schwung.

Borst saust und braust durch die Luft und plumpst in das Adlernest. Der Adlerpapa freut sich über das zurückgekehrte „alleradlerschönste Kind“, bedankt sich und erklärt Borst, daß sein Nest Horst heißt, was bei Borst für einige Verwirrung sorgt.

Der Rückweg vom Adlerhorst erfolgt wieder auf dem Luftweg. Denn Borst wollte ja schon immer gerne einmal fliegen, und er hat während des Gesprächs mit dem Adler schlicht vergessen, daß er gar keine Flügel hat. Der unvermeidliche Absturz wird vom mitfühlenden Wind durch ein Luftpolster etwas abgefedert und von der flott zupackenden Seemöwe abgefangen, und dank der buchstäblichen Bauchlandung auf dem Bauch der Robbe, die wiederum auf dem Bauch von Borstens Mama liegt, landet Borst sanft und sicher auf der Erde.

Die Illustrationen von Wiebke Rauers  untermalen „Borst vom Forst will hoch hinaus“ warmherzig, witzig und ausdrucksvoll und statten die Charaktere mit sympathischen Gesichtern und lebhafter Mimik aus.

Die Autorin erzählt diese Geschichte in einer lautmalerischen Prosa, die gelegentlich in einfache Reime übergeht, die jedoch zu keinem angemessenen flüssigen Versrhythmus finden. Die sperrige Metrik der Verse  und die partiellen, etwas erzwungenen Reime erleichtern den Vorlesefluß leider nicht. Der Text ist gleichwohl vergnüglich, inhaltlich leicht zugänglich und kreativ-wortverspielt.

Diese Fortsetzungsgeschichte von Borst vom Forst erreicht meiner Ansicht nach nicht die gehaltvolle inhaltliche und sprachmelodische Qualität des ersten Bandes, taugt aber durchaus als luftig-leichte Kinderunterhaltung.

Eine Nachhilfestunde bei Goethen wäre hier – mit Verlaub – von Nöten.
Ein vielsagendes Beispiel aus Faust II:

»Und auf vorgeschriebenen Bahnen
Zieht die Menge durch die Flur;
Den aufgerollten Lügenfahnen
Folgen alle. – Schafsnatur!«

Beiläufig ein Zitat, daß sich trefflich auf die gegenwärtige „Diskussionskultur“ anwenden läßt.

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.magellanverlag.de/titel/borst-vom-forst-will-hoch-hinaus/538

Hier entlang zum borstigen Vorgängerband:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/09/28/borst-vom-forst/

Die Autorin:

»Yvonne Hergane, geboren 1968, studierte Germanistik, Anglistik und Buchwissenschaft in Augsburg und München. Seit Mitte der 90er Jahre arbeitet sie als freie Autorin und literarische Übersetzerin, wobei ihre besondere Liebe dem Bilderbuch gehört – das Spiel mit Worten, Lauten und Reimen ist ihre Art, Musik zu machen. Einer mehr war 2012 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Nach mehreren kleinen und großen Sprüngen durch die Geografie lebt Yvonne Hergane derzeit mit ihrer Familie nahe der Nordsee.«

Die Illustratorin:

»Wiebke Rauers, geboren 1986, studierte Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt Illustration in Düsseldorf. Nach ihrem Diplom zog sie nach Berlin und arbeitete dort fünf Jahre als Charakterdesignerin in einem Animationsfilmstudio. 2015 machte sie sich als Illustratorin selbstständig. Seitdem arbeitet sie hauptsächlich an Büchern, Magazinen und Charakterdesigns.«

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

19 Kommentare zu “Borst vom Forst will hoch hinaus

  1. Borstens eigenborstige Abenteuerlichkeit gefällt mir gut, wenn ich auch gleich Wilhelm Busch im Ohr hatte („Wenn einer, der mit Mühe kaum/erklommen einen Baum…“ (ich merke gerade, dass ich’s doch nicht genau hinbekomme, müßte grad nachlesen)). Ja, vielleicht sollte man das Fliegen den geflügelten Geschöpfen und Worten überlassen.

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  2. Ich sehe das Reimen entspannter. Kinder freuen sich meiner Meinung nach über jeden. Es gibt ihnen das Gefühl mitlesen zu können und eine gewisse Vorhersehbarkeit.
    Ich mag die Idee dieses Buches, die Illustrationen sowieso. Einzig den Sprachfluss und Wortwahl finde ich gewöhnungsbedürftig. Ich kann mit schwer vorstellen, dass es Kinder mitreißt, aber da kann ich mich täuschen.
    Liebe Grüße an Dich, B.

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    • Vielen Dank für Deine Resonanz, liebe Barbara.
      Ich stimme Dir zu: Meistens mögen Kinder Reime – erstens wegen des Sprachklangs und zweitens wegen der Einladung zur wörtlichen Ergänzung. Doch in diesem Falle finde ich, daß der Text nicht aus einem Guß ist und weder für den vorlesenden Erwachsenen noch für das lauschende Kind einen mitreißenden Sprachfluß anbietet.
      Die Geschichte und die Illustrationen verfügen dennoch über eine vergnügliche Substanz, mit der Kinder etwas anfangen können.
      Herzliche Grüße von mir zu Dir 🙂

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  3. Eine ansprechende Geschichte, bei der die frischlingstypische Abenteuerlust fantasievoll „ein wenig“ 😉 ausgebaut wird. Der Stil der Illustrationen scheint mir dazu sehr gut zu passen. Wer bei diesem Titelbild nicht wenigstens schmunzelt hat entweder einen ganz schlechten Tag oder ist ein gesetzlich geschützter Grantler. Dass es sprachliche Schwachstellen gibt, ist allerdings schade. Ich bin kein Experte, aber das sind dann vielleicht die Achillesverse? 😀 Es sollte ja eigentlich keine Hexerei sein, einige schön abgerundete Verse zu schmieden, selbst wenn man dem Herrn Geheimrat vielleicht nicht das Wasser reichen kann.

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    • Lieben Dank für Deine feinsinnige Lese- und Betrachtungsaufmerksamkeit. 😀
      Die Illustrationen sind wirklich schmunzelwürdig. Die Verse sind leider buchstäblich eher Achillesverse, wie Du so amüsant formuliert hast. 😉 Nachfolgend ein Beispiel für die eckigen Verse:
      „Ohne Krallen heißt es fallen.
      Borst schrappt am Stamm entlang nach unten,
      bis sein Po im Polstermoos pappt.
      Nicht geklappt.“
      Da wäre es vielleicht sogar besser gewesen, auf Reime zu „verszichten“ oder sich ein bißchen an Geheimratens Verskunstmelodik zu orientieren.

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      • Schade ist das vor allem einfach deshalb, weil ein Vorlesebuch durch wohlklingende Reime ganz besonders gewönne. 🙂
        Es fällt mir in diesem Zusammenhang grad auf, wie sehr sich die Dinge im Lauf der Zeit verändern. In meiner Kindheit gab es noch massenhaft Bücher, die man heute inhaltlich indiskutabel fände, da sie primär darauf abzielten, mit zeigefingeriger Dauererektion darauf hinzuweisen, welch erschröckentliche Ungemach unartigen Kindern dräue. Dieses moralapostolische Zaunpfahlgewinke war dermaßen übertrieben und penetrant, dass es bei den „Leseopfern“ kaum die gewünschte Wirkung erzielt hat. Die Verse aber waren – wenn auch mit bescheidenheitsverzierten Ansprüchen – untadelig. Dies nur so als Nebenbeibemerkung.

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      • Ja, auch in meiner Kindheit gab es reichlich wohlgereimte und sprachkultivierte Bücher, die inhaltlich nicht unbedingt der heutigen pädagogischen Perpektive entsprachen.
        Gleichwohl haben Kinder nach wie vor einen Sinn für Reim und Sprachklang und reagieren meiner Erfahrung nach meist interessiert auf solches Wortgeflügel. 🙂

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      • Solche Bewertungen sind notgedrungen immer subjektiv, sollen es ja auch sein, denn nur dann sind sie interessant. Ich kenne den Text nicht, orientiere mich nur an dem hier mitgeteilten Zitat, und ja, diese Verse sind eckig, aber sie erzählen ja auch einen äußerst unharmonischen Vorgang, nämlich, wie einer auf seinem Hintern landet, insofern sind der holpernde und stolpernde Rhythmus der Erzählung und der genauso chaotische Rhythmus des Vorgangs kongruent. Die Fülle der Reime und Binnenreime (Krallen – fallen, schrappt – pappt – geklappt) und der Alliterationen (Po – Polstermoos – pappt) in diesen wenigen Zeilen ist ziemlich mächtig, man muss mehrfach lesen, um zu sehen, wie dicht das gewoben ist, aber gerade das ist ja der Sinn von Bilderbüchern, dass sie wieder und wieder vorgelesen werden? Ein Bilderbuch soll zu der wilden und turbulenten Welt von Kindern sprechen, in der alles neu ist da draußen, und in der man immer wieder in den sicheren Hafen zurückkehren kann, nämlich den Schoß der Mutter, und dann will man doch wieder gleich raus, weil da draußen alles so aufregend ist … und wenn ein Bilderbuch und die Verse darin ein solch tumultuarisches Hin und Her widerspiegeln, dann ist das doch angemessen? Wir dürfen auch nicht vergessen, es gibt nur eine einzige Instanz, die über den Wert eines Kinderbuches entscheidet, und das sind die kleinen Leser und Zuhörer selber. Was bei denen ankommt, das kommt eben an, und alles andere nicht. Es sind auch hier, wie immer, die Leser, die das Sagen haben, und wenn man zu den kleinen Lesern sagt, ja, aber Goethe! dann werden die fragen: Mama, wer ist das, der Goethe, ist der böse?

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      • Verbindlichen Dank für Deine ausführlichen Erwägungen zum borstigen 😉 Sprachstil.
        Ja, solche Bewertungen sind stets subjektiv. Ich bin hinsichtlich der Sprachmelodik hier u.a. deshalb so kritisch, weil es die Autorin im ersten Band wesentlich besser gemacht hat. In meiner Rezension des ersten Bandes findet sich ein entsprechendes Beispiel.
        Kinder werden bei Bilderbüchern unmittelbar zuerst von den Bildern angesprochen und die Illustrationen von Wiebke Rauers werden gewiß das kindliche Interesse wecken.
        Ich wage zu bezweifeln, daß der Text mithalten kann, was allerdings nicht ausschließt, daß manche Kinder dennoch Gefallen daran finden.
        Goethe lege ich in Zusammenhang mit diesem Bilderbuchtext keineswegs den Kindern ans vergleichende Leseherz, sondern der Autorin.

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