Die Flüchtigen

  • von Alain Damasio
  • Roman
  • Originaltitel (erschienen 2019): »Les Furtifs«
  • Übersetzung von Milena Adam
  • Verlag Matthes & Seitz 2021 www.matthes-seitz-berlin.de
  • gebunden mit Lesebändchen
  • 838 Seiten
  • 28,00 €
  • ISBN 978-3-7518-0039-6

Die Flüchtigen
K L A N G W E S E N

Rezension von Ulrike Sokul ©

»Wenn es also einen ethischen Imperativ des Menschseins gibt, dann jenen, sich diesem erhabenen Geschenk, lebendig zu sein, als würdig zu erweisen.« (Seite 751)

Dieses Buch ist anders, faszinierend anders, zu Lektürebeginn sogar etwas gewöhnungs-bedürftig. Läßt man sich jedoch darauf ein, wird man buchstäblich von der erstaunlich- en Textmelodik berührt und erfaßt und erfährt dabei eine überraschende Erweiterung des Sprachhorizonts. Der Autor läßt alle Charaktere sehr deutlich ausgeprägt in ihrem eigenen Tonfall und ihren individuellen Wortschatzgewohnheiten sprechen, denken und fühlen. Dies spiegelt sich auch sichtbar in der Typographie, bei der für jede Figur syste- matisch bestimmte Buchstaben mit eigenen Sonderzeichen kombiniert werden. Die dadurch bedingte Veränderung der Lesesehgewohnheiten erhöht die Leseaufmerksam- keit und Konzentration.      

Der Roman „Die Flüchtigen“ verknüpft mehrere Genres und Themen miteinander. Der Autor schöpft aus dem vollen und verbindet Science- und Social-Fiction, Philosophie, Kapitalismuskritik, Anpassung und Protest, Fremdbestimmung und Selbstbestimmung, alternative Lebensmodelle, Medienkritik, Naturschutz, Spannung, Märchen, Musikalität und Poesie zu einer hochkomplex verflochtenen und vielschichtigen Geschichte, die – vom jetzigen Jahr 2022 aus betrachtet – in einer Zukunft spielt, von der wir gerade einmal zwanzig Jahre entfernt sind.

Stellen Sie sich sogenannte „befreite Städte“ vor, die nicht mehr vom öffentlichen Dienst verwaltet werden, sondern von Konzernen aufgekauft und gemanagt werden und auch nach den jeweiligen Konzernen benannt sind. Nachdem, um ein Beispiel zu nennen, der Bürgermeister von den Aktionären gewählt wurde, wird ein modernes Drei-Klassen-System installiert: Platintarif für die Reichen, Premiumtarif für die Mittelklasse und Standardtarif für Kleinverdiener. Wer noch nicht einmal den Standardtarif erreicht, fliegt raus aus der städtischen Gesellschaft.

Fast alle Bürger tragen einen Fingerring, der als nimmermüder Datenträger auf Schritt und Tritt eine personalisierte Zuordnung und Erfassung erlaubt. Manche Stadträume, beispielsweise Parks, Spielplätze, Einkaufszentren und Straßen sind je nach Tarifzuge-hörigkeit nur zu bestimmten Zeiten zu betreten, was Standardtarifbürger oft zu müh-seligen Umwegen zwingt. Bleibt man zu lange am „falschen“ Ort oder will unbefugt eine Abkürzung nehmen, pfeift  einen eine Zonierungsdrohne zurück; weicht man immer noch nicht, dann wird man durch schmerzhaft-schrille Schallschüsse zum Rückzug gezwungen. Parkbänke können Stromschläge austeilen, wenn man sich das Recht, auf ihnen zu sitzen, nicht leisten kann, und verfährt man sich als Standardbürger in eine Platin- oder Premiumstraße sorgen allgegenwärtige Drohnen für ein teleblockiertes Ausbremsen des Fahrzeugs.

Taktile Kacheln in Einkaufsstraßen messen und analysieren beispielsweise Schuhgröße, Schuhabnutzungsgrad und Gangart des Passanten, um diesem dann beim nächsten Schuhgeschäft im Schaufenster ein maßgeschneidertes Schuhangebot zu offerieren – selbstverständlich mit persönlicher namentlicher Ansprache.

Nur vier Prozent der Bevölkerung lehnen das Tragen des Rings und die damit verbun- dene akribische Datensammlung und Bequemlichkeit bewußt ab. Ohne Ring ist man für die omnipräsenten Sensoren der Netzwerke ein unbeschriebenes Blatt, was eine zielge- richtete, personalisierte Produktwerbung und „vertrauliche“ Ansprache verhindert. Deshalb werden Ringlose beim Stadtbummel von multisensorischen Kugeln, den soge- nannten „Umtreibern“, umschwärmt, die Mimik und Körpersprache scannen, „um den mutmaßlichen emotionalen Zustand zu analysieren“ (Seite 316). Als Ringloser gilt man automatisch als suspekt und als potentiell kriminelle oder gefährliche Person. Wenn sich der Ärger über diese aufdringliche Überwachung zu deutlich im Gesichtsausdruck zeigt, erhöht dies wiederum die Aufmerksamkeit der Überwachungsdrohnen.

Die Spannbreite mobiler und stationärer sensorischer und digitaler Wahrnehmungs- und Überwachungstechnik ist beeindruckend. Es gibt Radar, Lidar, Okulometer, Intekten, Spiderbots, Observespen …

Bei Fernsehdiskussionen, politischen Gesprächsduellen und Pressekonferenzen wird laufend und in Echtzeit der MGI (medialer Glaubwürdigkeitsindex) gemessen und eingeblendet.

Der technische Kokon bietet jedem, der es sich leisten kann, einen perfekten Begleiter, den MOA (My Own Assistent). MOA bietet eine freundschaftliche KI-Verbundenheit, einen unermüdlichen Zuhörer und Gesprächspartner, der sich mit jeder Interaktion besser, ja, empathischer, mit den psychischen und physischen Gegebenheiten und Vorlieben seines Menschen auskennt und dessen reale zwischenmenschliche Einsamkeit harmonisch überspielt.  

Die anschauliche Darstellung einer durchaus naheliegenden, beinahe umfassend digital-sensorisch gesteuerten, kapitalistischen Gesellschaftsordnung und ihrer minutiös ver-zweigten sozialen und finanziellen Kontrollmechanismen und Berechenbarkeits- bessenheit zeugt von der Fähigkeit des Autors, die gegenwärtigen technischen Möglich- keiten und Infrastrukturen weiterzudenken. Mit den oben erwähnten Beispielen habe ich nur einige wenige Kostproben aus dem Werkzeugkasten dieser dystopischen Welt genommen.

Die Flüchtigen sind in diesem Roman der Gegenpol zur technologischen Massenüber-wachung und -Steuerung – eine metamorphische Spezies, die sich dank ihrer extremen Schnelligkeit, mimetischen Tarnfähigkeit und Verwandlungskraft dieser Kontrolle entzieht und dadurch das System herausfordert.

Offiziell gelten die Flüchtigen als harmloser urbaner Mythos, nur die Regierung und das RiFF, eine Spezialabteilung des Militärs, wissen von ihrer tatsächlichen Existenz. Das RiFF (Regiment investigative Erforschung und Festsetzung von Flüchtigen) bildet Jäger aus, welche lernen, die Flüchtigen zu „erspähen“.

Denn die Flüchtigen, deren Lebensraum der tote Winkel ist, keramisieren ihren Körper, sobald sie von einem Menschen direkt angesehen werden. Dazu erhöhen sie in Sekun-denschnelle ihre Körpertemperatur, „kalligrafieren“ stets eine Zeliglyphe auf dem nächstgelegenen Hinter- oder Untergrund und erstarren zur Skulptur ihrer letzten buchstäblich flüchtigen Bewegung. Nur aufgrund dieser Skulpturen und durch Messungen mit einer Vielzahl von sensorischen Geräten (Refliefsensoren, MRT usw.) ist bekannt, daß die Körper der Flüchtigen verschiedene zoologische Formen aufweisen, die je nach Bedarf des Flüchtigen aus den nächstbesten vorhandenen Materialien metabo- lisiert werden. So kann ein Fuchs beispielsweise Flügel haben oder auch Blätter- ohren, Grasfell, Steinkrallen oder Metallschuppen, denn auch botanische, metallische und steinerne Substanzen können von den Flüchtigen integriert werden.

Neben ihrer überwältigenden metamorphischen Körpergestaltungskraft verfügen die Flüchtigen über ein unerschöpfliches Klangspektrum. Sie können jedes natürliche und künstliche Geräusch, Musik und jede Stimme täuschend echt nachahmen und dadurch ihre Jäger geschickt ablenken. Doch obwohl sie auch gezielte Infra- und Ultraschall- wellen ausstoßen können, setzen sie diese für Menschen möglicherweise tödliche „Waffe“ niemals ein.

Zudem können sie Materie kymatisch, also durch Klang, verändern und formen. Die kryptischen kalligrafischen Zeichen, welche die Flüchtigen vor ihrer Versteinerung hinterlassen, sind offensichtlich eine Geheimschrift oder Botschaft, mit deren Ent- schlüsselung sich sowohl das RiFF als auch diverse inoffizielle Sympathisanten der Flüchtigen beschäftigen. Eine geheime Gruppe blinder Linguisten, die Kontakt mit „zutraulichen“ Flüchtigen pflegt, vermutet, daß die Flüchtigen aus Klang geboren werden und daß jeder Flüchtige über eine persönliche Identitätsmelodie verfügt, mit der er seine Metamorphosen steuert.

Lorca Varèse ist ein ehemaliger Sozialwissenschaftler, der beim RiFF eine Ausbildung zum Jäger absolviert hat, weil er hofft, auf diesem Wege das Phänomen der Flüchtigen besser zu verstehen. Seine kleine Tochter Tishka ist im Alter von vier Jahren spurlos verschwunden, und Lorca ist davon überzeugt, daß sie sich freiwillig einem Flüchtigen angeschlossen hat. Denn vor ihrem Verschwinden hatte sie oft davon erzählt, daß ein „Fluchs“ in ihrem Kinderzimmer wohne, daß sie miteinander spielten und daß nur Kinder den Fluchs sehen könnten, angesichts von Erwachsenen würde er sich unsichtbar machen.

Lorca wird von Admiral Arshavin einer Gruppe von Jägern zugeteilt, die sich mit dem Einverständnis Arshavins für eine andere Strategie im Umgang mit den Flüchtigen ein-setzt. Sie sind mehr daran interessiert, eine Kommunikationsebene mit ihnen zu finden, als sie zu „erspähen“ und zu töten. Dadurch rücken sie in die Nähe zu diversen Wider-standsgruppen und kooperieren mit ihnen.

Trotz der Massenüberwachungsstrukturen gibt es freie Nischen. In den SOZ, den soge-nannten Selbstorganisierten Zonen, erproben und leben Menschen – im kleinen Rahmen sogar durchaus erfolgreich – freie, deutlich analogere, naturnahe, meditative, lebens-freudige und lebensförderliche Formen des Zusammenlebens mit gemeinwohlorien- tiertem Wirtschaften, permakultureller Lebensmittelerzeugung usw.

Wo es digitales Kontrollmanagement gibt, wächst auch digitaler Widerstand. Geniale, findige Hacker tricksen raffiniert die Systeme aus und manipulieren sie für ihre Zwecke, Antibiometrisches Make-Up und mimetische Masken erschweren und verhindern die Gesichtserkennung, alternative Medien stellen offizielle Verlautbarungen und Herr- schaftsansprüche in Frage …

Lorca hofft selbstverständlich, seine Tochter wiederzufinden, und nach harter Überzeu-gungsarbeit und einigen verschlüsselten Lebenszeichen von Tishka schließt sich auch seine Frau Sahar dieser Hoffnung und dem Kampf für statt gegen die Flüchtigen an. Sahar ist eine „Lehrgängerin“, eine Lehrerin, die Kindern der Standardklasse auf öffent-lichen Plätzen kostenlosen Unterricht erteilt. Denn menschliche Lehrer sind in dieser durchkapitalisierten Gesellschaft nur noch für die Klasse der Reichen bezahlbar.

Tishka ist tatsächlich flüchtig geworden. Durch den Kontakt mit dem Fluchs in ihrem Kinderzimmer wurde sie hybridisiert und ist nun ein metamorphisches Wesen. Als Tishka sicher sein kann, daß sie in ihrem verwandelten Zustand bei ihren Eltern will- kommen ist und daß die Eltern sie nicht ansehen werden, nimmt sie direkten Kontakt auf. Lorca und Sahar sind überglücklich, daß ihr Kind lebt, ja, mehr noch, Tishka verfügt über eine wildwüchsige Hyperlebendigkeit, wie sie nur den Flüchtigen zu eigen ist.

In einem einsam gelegenen Ferienhaus verbringt die wiedervereinigte Familie einige innige Tage. Sie lernen sich gewissermaßen neu kennen. Tishka erklärt ihren Eltern, warum sie verschwunden ist und lange keinen Kontakt zu ihnen aufgenommen hat. Ihre menschliche Sprachfähigkeit ist inzwischen sehr elastisch, wortschöpferisch und seman- tisch flexibel sowie kreativ-rekombinierend. Sie wäre die ideale kommunikative Vermittlerin zwischen Flüchtigen und Menschen, da sie beide Lebenssphären kennt und alle flüchtigen Sprachen beherrscht.

Gleichwohl ist die familiäre Idylle nur von kurzer Dauer. Die Familienzusammenführung ist dem Überwachungsstaat nicht verborgen geblieben. Tishka, Lorca und Sahar werden zu Staatsfeinden (Einstufung violett = Terrorist) deklariert und müssen fliehen. Dank Tishkas überragender sinnlicher Wahrnehmungsfähigkeit und der taktischen Hilfe aus Lorcas solidarischer Jägertruppe gelingt es der Familie, dem Zugriff der Milizen zu ent-kommen und sich auf einer Insel, die von Widerstandsaktivisten besetzt und zurücker-obert wurde, zu verstecken.

Die Strategie der Regierung besteht nun darin, die Existenz der Flüchtigen offiziell medial publik zu machen, diese Wesen als gefährliche Monster zu dämonisieren und Angst vor einer möglichen „Ansteckung“ mit „Flüchtigkeit“ zu schüren. Doch die Zahl der bereits mehr oder weniger mit Flüchtigen verbundenen oder sympathisierenden Menschen wächst …

In diesem Roman wechseln sich ausführliche Reflektionen über gesellschaftliche Ent-wicklungen, digitalisierte Daseinsbedingungen und wissenschaftliche Spekulationen über die Flüchtigen mit rasanten Jagd- und Kampfszenen sowie revolutionären Freuden- festen und berührenden zwischenmenschlichen und sinnlich-lyrischen Szenen ab. Der Autor läßt einen vielstimmigen Chor unterschiedlichster Perspektiven, Meinungen und Vorstellungen zu Wort kommen, wahlweise eingebettet in persönliche Gespräche, öffentliche Debatten, Fragmente aus diversen Medien und persönlichen Erfahrungen, Gedankengängen und Gefühlen der Hauptcharaktere.

Diese facettenreiche, kaleidoskopische Romankomposition zeichnet sich durch eine sehr abwechslungsreiche, schwungvolle Dramaturgie, eindringlichen Detailreichtum und eine bewundernswerte sprachliche Bieg- und Anschmiegsamkeit aus. Die indivi- duelle Stimme der Charaktere wird nicht nur durch den persönlichen Sprachmodus und Wortschatz, sondern zusätzlich durch die ihnen regelmäßig zugeordneten typogra- phisch-sichtbaren Sonderzeichen zum Ausdruck gebracht. Nach etwas Einlesege- wöhnung erkennt man daran, wer gerade spricht, ja, man erhört es gleichsam, als wären die Sonderzeichen Noten.

Die wechselhafte Gestalt und Beweglichkeit der Flüchtigen drückt sich im Falle Tishkas zudem durch einen sehr flexiblen Sprachgebrauch aus, der mit seinen Wortverdrehung- en, Buchstabenverrückungen und assoziativen Neukombinationen über einen eigen- willigen Charme verfügt. An dieser Stelle auch mein Chapeau für die Übersetzungs- leistung von Milena Adam, die neben der enormen Komplexität des Textes auch diese ineinanderfließenden, wortspielerischen Spezialitäten virtuos ins Deutsche übertragen hat.

Der Roman „Die Flüchtigen“ bietet keinen schnellen, leichten Leseimbiß, sondern ein anspruchsvolles, literarisches Zehn-Gänge-Menü, für dessen bekömmlichen Genuß man Muße braucht und dessen gehaltvoller leseköstlicher Nachgeschmack alles andere als flüchtig ist.

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/die-fluechtigen.html?lid=8
Hier entlang zu interessanten Betrachtungen der Übersetzerin Milena Adam: https://www.toledo-programm.de/journale/2948/bastelarbeit

Hier entlang zur Buchbesprechung von Hauke Harder, die mich zu diesem Roman geführt hat: https://leseschatz.com/2022/01/03/alain-damasio-die-fluchtigen/

Der Autor:

»Alain Damasio, 1969 in Lyon geboren, ist Romancier, Musiker, Klangartist, Entwickler von Videospielen und noch vieles andere mehr. In seinen Romanen, von der Kritik ge-feiert, vom Publikum verschlungen, erforscht Damasio die unerschöpflichen Möglichkeiten polyphoner Narrative in einer geradezu physiologischen Bearbeitung der Sprache, die zum Motor der Emanzipation im weitesten Sinne wird. Sein Roman „Die Flüchtigen“ wurde 2019 mit dem Preis Meilleur Livre der Zeitschrift Lire ausgezeichnet. 2020 erhielt Damasio für seinen Roman den Grand Prix de l’Imaginaire

Die Übersetzerin:

»Milena Adam wurde 1991 in Hamburg geboren und lebt in Berlin. Sie übersetzt und dolmetscht aus dem Französischen und Englischen. Zuletzt erschienen in ihrer Über-tragung Sandra Newmans Romane „Ice Cream Star“ (2018) und „Himmel“ (2020) im Verlag Matthes & Seitz Berlin.«

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34 Kommentare zu “Die Flüchtigen

  1. Ich hab schon mal reingelesen und fand spannende Passagen… aber ich merke auch, daß es nicht ein Buch ist, welches man „einfach mal eben so in Liegestuhl und Sommersonne“ durchlesen kann… es fordert eine gewisse Konzentration auf das Geschriebene heraus.
    Werde es vielleicht mitnehmen morgen auf meine Fahrt in Ulrikes Wohnort 😉

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    • Ja, diese Lektüre ist nichts für nebenbei. Man braucht – auch wegen der sprachlichen Experimente – eine sehr konzentrierte Leseaufmerksamkeit.
      Vielen Dank für Deine Rückmeldung.
      Ich wünche Dir eine schöne Besuchszeit in der kleinen Großstadt Solingen. 😉

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    • Wie ich schon in einigen vorhergehenden Kommentarantworten erläuterte, beschreibt dieser Roman keineswegs eine hoffnungslose und unveränderliche Welt. Das fiktive Weiterdenken der negativen Aspekte von hemmungslosem Kapitalismus und umfassenden digitalen Kontrolltechniken empfand ich beim Lesen eher als konstruktive Warnung vor dem drohenden Verlust von Demokratie, Freiheit und mündiger Selbstbestimmung.
      Und die besonderen sprachlichen Aspekte dieses Romans sind sehr innovativ und interessant.

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  2. Liebe Ulrike,
    auch mich hat Deine sorgsame, detaillierte und wortreiche Rezension sehr beeindruckt. Die sprachlichen Aspekte dieses Romans machen mich sehr neugierig, aber ich muß gestehen, daß mich der dystopische Inhalt abschreckt. Gewisse Aspekte erinnern mich an „Fahrenheit 451“, und wahrscheinlich gibt es auch Parallelen mit anderen dystopischen Werken. Mir ist die Realität dystopisch genug, so daß ich mich beim Lesen gerne in bessere Welten zurückziehe.
    Herzlichen Gruß,
    Tanja

    Gefällt 3 Personen

    • Liebe Tanja,
      vielen Dank für Deine wertschätzende Rückmeldung. Gewiß hat dieser Roman Aspekte, die an einige ältere dytopische Romane erinnern. Gleichwohl ist dieser Roman durchaus einzigartig und insbesondere sprachstilistisch ganz eigenwillig und neuartig.
      Vielleicht hätte ich stärker herausstellen sollen, daß am Ende der Geschichte eine revolutionäre Wendung und eine leise Zuversicht auf positive gesellschaftliche und politische Veränderung aufkeimt. Zumindest werden die Flüchtigen nicht mehr angefeindet und gejagt, und es gibt immer mehr konstruktive und kreative Kooperationen zwischen Menschen und flüchtigen Wesen.
      Dennoch verstehe ich gut, daß Du Dich angesichts der rundum dramatischen Weltlage bei Deiner Lektüre gerne in bessere Welten zurückziehst. Man braucht geistige Refugien, die den Lebensmut und die Lebensfreude stärken.
      Herzensgruß von mir zu Dir ❤

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      • Ich danke Dir für die zusätzliche Information, liebe Ulrike. Es ist nicht immer leicht zu entscheiden, wie viele und welche Details in einer Buchbesprechung zu enthüllen. Wenn ich je zu diesem Roman greife, dann wohl deshalb, weil mich Deine Beschreibungen der sprachstilistischen Eigenheiten doch sehr neugierig gemacht haben.
        Laß es Dir gut gehen.
        Herzlichst,
        Tanja

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  3. Oh, oh, liebe Ulrike, was für eine gigantisch gute und sehr ausführliche Rezension, die sich schon fast wie ein eigener kleiner Roman liest, aber was ich lese, läßt mich erstmal stocken, obwohl es sicher sehr spannend ist, nach und nach zu erkennen, wie sich die Handlung auffächern wird.
    Dieser Ring, den alle tragen, gibt mir doch sehr zu denken. So etwas wie eine Fessel, die man zeitweise ablegen kann?
    Die Seitenzahl schreckt mich gar nicht, aber die hier vorgezeichnete Zukunft läßt mich schaudern, obwohl mich Deine Rezension nun doch sehr, sehr neugierig gemacht hat.

    Liebe Grüße in die Nacht von Bruni an Dich

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    • Liebe Bruni,
      hab‘ Dank für Deine große Wertschätzung meiner Rezension und für Deine differenzierte Resonanz auf den empfohlenen Roman.
      Den Ring kann und darf man schon ablegen und auch ausschalten, aber dieses Verhalten wird selbstverständlich auch registriert. Eigentlich sollen die Menschen den Ring ständig tragen und ausdrücklich, wenn sie sich im öffentlichen Raum bewegen. Denn dort sollen alle Menschen jederzeit biometrisch und datenfließend erfaßbar sein. Selbstverständlich hört der Ring auch stets mit, ähnlich wie unsere Wischofone das auch schon können, und so wird die Datensammlung immer größer, die werbewirksame Konsumsteuerung optimiert sowie die „beschützende“ Kontrolle und mediale Manipulation jedes Einzelnen gewährleistet.
      Es freut mich, daß ich Deine Leseneugier wecken konnte.
      Herzensgruß von mir zu Dir ❤

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    • Ich finde diesen Fingerring sogar noch als heftiger, auch wenn er zugegebenermaßen, sehr altertümlich anmutet. Ich bekam das Gruseln, denn so ein Ring erzeugt so etwas wie „eine innige Verbindung eingehen“ , so wie es bei den Nonnen ist (bei Priestern weiss ich es nicht ), denn er ist ja auch ein archetypisches Symbol für die Vermählung.

      Gefällt 2 Personen

    • Vielen Dank für Deinen Lesebesuch und Deine Anmerkungen.
      Ja, die Datensammlung läuft – und für uns Blogger vielleicht sogar schon umfangreicher als für Menschen, bei denen nur das Kauf- und Zahlungsverhalten und das Bewegungsprofil registriert und ausgewertet werden.
      Der Ring erscheint gewiß auf den ersten Blick altmodisch, doch er paßt zur zunehmenden Miniaturisierung der Technik. In diesem Roman sind sogenannte Ubiwelen, also Schmuckstücke mit integrierter Technik der Renner – beispielsweise Nasenringe mit Mikrofon. Den Ring kann man immerhin durch eine bestimmte Drehbewegung für einige Stunden ausschalten. Außerdem gibt es die Ringe in unterschiedlichen Klassen, so daß sie durch ihre Sichtbarkeit auch den Status des Besitzers illustrieren.

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      • Ein Neffe zeigte mir neulich seine Smartwatch oder wie immer das schwarze Ding heißt. Keine Ziffer zu erkennen, also auch keine künstlich festgelegte Zeit (MEZ). Ich fragte ihn, während er schwärmte, ob das Ding, das sich ja Uhr nennt, auch diese, also die Zeit, anzeigen könnte. Ja, klar! Und dann begann er, drauf herumzutippen oder -wischen… Es dauerte ein wenig, aber schließlich verkündete er stolz, was eine altmodische Uhr in Dauerfunktion anzeigt. Ich meinte nur lapidar: „Wie diese Smartphones. Können alles, außer einfach mal kurz telefonieren.“

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  4. Eine Hammerrezension, liebe Ulrike vom Buchhimmel.
    Am Anfang bekam ich sogar Angst beim Lesen. So viel verrückte Dinge, die schon die relativ nahe Zukunft bringen soll?! Das war mir doch arg zuwider …
    Aber du hast ja geschrieben wie eine Weltmeisterin, um das alles etwas aufzuhellen in deiner langen, inhaltsstarken Besprechung.
    Nun habe ich sie fertiggelesen und bin richtig erschöpft davon, beeindruckend aber das alles auf jeden Fall und eine großartige Buchwerbung!
    Herzliche Grüße vom Lu

    Gefällt 6 Personen

    • Vielen Dank, lieber Lu, für Dein ausdrückliches Kompliment zu meiner Rezension und für die feine Adelung „Ulrike von Buchhimmel“. 😉
      Deine emotionale Reaktion zeigt mir, daß ich etwas von der Intensität dieses Romans vermitteln konnte.
      Ich hatte gedacht, daß Du auf den Kolibri auf dem Buchdeckel fliegen würdest, doch wahrscheinlich trat dies dann angesichts der ausführlichen Besprechung in den Hintergrund.
      Herzliche Grüße von mir zu Dir ❤

      Gefällt 2 Personen

      • Liebe Ulrike, danke für die ausführliche und sehr eindrückliche Rezension. Mir geht es ein bisschen wie Lu, es schnürt mir den Hals zu, gerade weil es bereits unserer Realität so nahe kommt. Zum Fürchten! Liebe Grüße und angenehme Osterfeiertage, Annette 🙂

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      • Liebe Annette,
        hab‘ Dank für Deine Rückmeldung und Dein Lob meiner Rezensionsqualität. Ja, die digitalen Werkzeuge, die in diesem Roman genutzt werden, sind schon sehr nahe an unserer Realität und den unübersehbaren gegenwärtigen unterhaltsamen Ablenkungsbequemlichkeiten und Kontrollwunsch-Tendenzen.
        Vielleicht hätte ich noch deutlicher betonen sollen, wie sehr die Flüchtigen mit ihrer unbändigen Naturkraft den Menschen, die nicht systemkonform sind, Inspiration und Ermutigung bedeuten. Am Ende kommt eine revolutionäre Wende, der zivile Ungehorsam wächst, die Jagd auf die Flüchtigen endet und es kommt zu vielen guten und kreativen Kooperationen zwischen Menschen und Flüchtigen.
        Dir ebenfalls heitere Ostertage,
        Ulrike 🙂

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  5. Vielen Dank für die beeindruckende Rezension. Ich habe das Buch sofort auf meine Leseliste gesetzt. Die Komplexität der Ereignisse und die diversen neuen Formen der Kommunikationen literarisch zu verarbeiten, ist stilistisch meist nie gelungen – meist ziehen sich Autoren in Kurzsprachmimikry zurück und hoffen aufs Beste, indem sie stenographisch Klischees unterwandern. Dieser Roman scheint mir auf etwas ganz anderes abzuzielen. Vielen Dank fürs Aufmerksam-Machen.

    Gefällt 3 Personen

    • Hab‘ Dank für Deinen Lesebesuch und Dein lebhaftes Interesse an meiner Buchempfehlung.
      Ich kann nur bestätigen, daß es Alain Damasio sowohl inhaltlich als auch stilistisch sehr gut gelungen ist, die Komplexität seiner Geschichte dramaturgisch zu gestalten und die sprachliche Charakterisierung der Figuren buchstäblich-typographisch wiedererkennbar zu machen.

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  6. Das ist eine höchst erstaunliche literarische Komposition, die ihresgleichen wohl gar nicht erst sucht, da es eh nichts zu finden gäbe. Ich finde die Leistung des Autors und der Übersetzerin gleichermaßen erstaunlich. So viele Gedankenfäden und Details zu einem sinnvollen Ganzen zu verweben ohne sich heillos zu verzetteln und verknäueln. Unglaublich. Und zum Übersetzen ist das ja ein sperriges Unding, dass man das Fürchten und Grausen in einem Aufwasch lernen könnte. Das klingt spannend. Und inhaltlich einerseits unglaublich fantasievoll und auf der anderen Seite so sehr in der Realität verwurzelt, dass es schon ausgesprochen unbehaglich wird…

    Gefällt 4 Personen

    • Verbindlichen Dank für Deine leseaufmerksame Resonanz.
      Diese Romankomposition ist in der Tat außerordentlich unvergleichlich, sie ist buchstäblich avantgardistisch, was das literarische Übersetzen noch anspruchsvoller macht, als es ohnehin schon ist.
      Das Unbehagen an der Realitätsnähe der beschriebenen Überwachungs- strukturen wird immerhin von der überschäumenden Lebendigkeit der Flüchtigen und der Inspiration, die sie für die Menschen im Widerstand bedeuten, ausgeglichen.

      Gefällt 3 Personen

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