Duette mit ihm

  • Über die Freundschaft mit einem Rotkelchen
  • von Alexandra Röhl
  • Verlag Freies Geistesleben 1968
  • 22. Auflage 2020   www.geistesleben.com
  • kartoniert
  • 103 Seiten
  • ISBN 978-3-7725-0564-5
  • 12,00 € (D), 12,40 € (A), 14,90 sFr.

E I N S T I M M U N G S F Ä H I G K E I T

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Duette mit ihm“ ist schon ein etwas älteres Buch; die erste Auflage erschien im Jahre 1968. Gleichwohl ist die darin beschriebene Begegnung und freundschaftliche Annähe-rung zwischen Wildtier und Kulturmensch von zeitloser Qualität.

Die Autorin findet an einem Novembertag im Jahre 1957 am Straßenrand ein verletztes Rotkehlchen. Spontan nimmt sie es mit nach Hause, in ihr einsam gelegenes Waldhaus. Das Rotkehlchen hat eine Kopfprellung und einen gebrochenen Schenkel. Kurz erwägt die Autorin die Konsultation des Tierarztes, verwirft diesen Gedanken jedoch, da sie befürchtet, daß der lokale Landtierarzt nicht mit einem solch filigranen Patienten umzugehen wüßte.

Sie läßt den Vogel frei im Zimmer fliegen, und er sucht sich in der Fensterecke ein ver-stecktes Plätzchen. Eifrig bietet sie dem Vogel Mehlwürmer, Unkrautsamen und Regen-würmer an, doch zunächst bleibt er apathisch und stumm und fastet. Erst am dritten Tag fängt er an, jene Unkrautsamen, die in den Untersatz eines Blumentopfes gefallen und dort vom Wasser aufgequollen sind, zu fressen. Voller Zuneigung beobachtet die Autorin, wie das kleine Wesen wieder zu Kräften kommt, die „Zimmerlandschaft“ erkundet, interessiert aus dem Fenster schaut, mit dem Schnabel sein verletztes Bein „bearbeitet“ und auch aufmerksam und neugierig das menschliche Tun beäugt.

Mit Gefühl, Verstand und organisatorischer Umsicht richtet sie dem Rotkehlchen das Zimmer so artgemäß wie möglich ein, stellt einen abgedunkelten Badeplatz zu Ver- fügung und eine kleine Tanne als Schlafbaum. Sie beseitigt Gefahrenquellen, sogar ihren Tagesrhythmus paßt sie dem des Vogels an. Der Vogel wird zutraulicher, langsam heilt sein verletztes Bein, er fängt wieder an zu singen, und er lauscht gerne klassischer Musik aus dem Radio, ja, er fordert die Autorin sogar gelegentlich durch gezieltes Ansingen des Radios dazu auf, das Radio einzuschalten.

Nach und nach entwickelt sich eine wechselseitige, kommunikative Beziehung zwischen der Autorin und ihrem Rotkelchen. Die Autorin übt eifrig Pfeifen, um annähernd die Tonhöhe ihres gefiederten Gastes zu erreichen, und sie singen schließlich sogar u.a. die mozartsche Liedmelodie von „Reich mir die Hand, mein Leben“ im Duett miteinander.

Nach einem dreiviertel Jahr entläßt die Autorin den vollständig auskurierten Vogel in die Freiheit. Doch der kommunikative Kontakt bricht daraufhin zur Freude der Autorin keineswegs ab. Immer wieder wird sie draußen von ihrem Rotkelchen angesungen und besucht, auch zum Brüten kommt es in ihren Garten, und es „schimpft“, wenn Brenn- nesseln, deren Samen Rotkehlchen gerne fressen, gejätet oder wenn Holunderbeeren gepflückt werden, auf die das Rotkehlchen ebenfalls Appetit hat. Auch ihre eingeübten Duette singen sie immer wieder miteinander.

Neben den anrührenden Mensch-Vogel-Annäherungen und „Gesprächen“ ist bei diesem Bericht bemerkenswert, wie außerordentlich anpassungs- und lernwillig sich die Auto- rin an den Lebensbedürfnissen des Rotkehlchens orientiert und geradezu aufopferungs- voll ihrem kleinen Findling und seinem Wohlergehen dient. Der zärtliche Blick und die bewundernden Worte, welche die Autorin für jede kleine Lebensregung und Kontakt- aufnahme ihres Schützlings findet, zeugen anschaulich davon, wie bereichernd die mitfühlende Einstimmung auf ein anderes Wesen sein kann.

Das ebenso naturverbundene wie musikalische Buch „Duette mit ihm“ ist für alle Vogelliebhaber ein schönes und inspirierendes Geschenk.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.geistesleben.de/Wissenschaft-und-Lebenskunst/Naturwissenschaft/Duette-mit-ihm.html

 

Die Autorin:

»Alexandra Röhl wurde 1899 als Tochter eines Rittergutbesitzers in Friederikenruh (Ostpreußen) geboren. Sie studierte in Weimar Malerei und bekam auch bald Kontakt zum dortigen Bauhaus. Feininger, Klee, Schlemmer, Kandinsky gehörten zu ihren enge-ren Bekannten. Nach einigen Jahren Ehe mit Karl Peter Röhl machte sie eine Schneider-lehre, dann die Meisterprüfung und eröffnete am Kurfürstendamm in Berlin ein Mode-atelier, das bald zu hohem Renommee gelangte. Nach dem Krieg übersiedelte sie in die Nähe von Amorbach im Odenwald. Dort fand sie das Rotkehlchen, von dem sie im vor-liegenden Buch, ihrem ersten (1968), berichtet. Es folgte 1975 »Geflügelte über uns«, ihre Betrachtung über den Vogel in Mythos und Geschichte, Natur- und Geisteswissen-schaft. Zuletzt galt ihr Engagement dem Tierschutz, sie war eine erklärte Gegnerin von Tierversuchen. Alexandra Röhl starb 1976 in Buchen.«

 

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41 Kommentare zu “Duette mit ihm

  1. Wie wunderbar. Mir geht jedes Mal das Herz auf, wenn ein Rotkehlchen zu der Futterstelle auf unserem Balkon kommt. Dieses Buch setze ich mir gleich auf die Wunschliste und werde es sicherlich ganz bald lesen 💚 Danke für den Tipp!

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  2. Liebe Ulrike,
    diese herzerwärmende Zusammenfassung hat in mir den Wunsch geweckt, das Buch zu lesen. Wie schön, daß es eine Neuauflage gibt. Diese Erfahrungen haben sicherlich das Leben der Autorin auf ewig bereichert.
    Sei herzlich gegrüßt,
    Tanja

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    • Liebe Tanja,
      vielen Dank für Dein vogelfreudiges Leseecho.
      Eine solche Erfahrung, wie sie die Autorin gemacht hat, prägt gewiß das ganze weitere Menschenleben. „Duette mit ihm“ befindet
      sich übrigens schon in der 22. Auflage seit erscheinen im Jahre 1968 – es ist also ein echter Dauerbrenner.
      Herzensgruß von mir zu Dir,
      Ulrike

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  3. Was für ein wunderbares Buch das sein muss. Ich bin regelrecht verzaubert und ich beneide die Autorin um dieses Erlebnis. Mir fällt dazu ein, dass es einen alten Volksglauben gibt, den ich erst kürzlich kennenlernte. Da heißt es, dass alles, was man einem Rotkehlchen antue, auf einen selbst zurückfalle. Wie wunderbar Deine Rezension dieses Schmuckstückes doch dazu passt 🥰

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    • Herzlichen Dank für Deine zugeneigte Resonanz und Deine Erwähnung des Volksgauben bezüglich der menschlichen Behandlung von Rotkehlchen und der karmischen Folgen, die diese Behandlung für Menschen haben soll. Zum Glück hat „mein“ Rotkehlchen in meinem Garten keinen Grund zur Klage. 🙂

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  4. Ganz wundervoll und sehr anrührend ist diese Geschichte, liebe Ulrike.
    Einem Rotkehlchen so einfühsam zu helfen, bedeutet großes Einfühlungsvermögen in das bestimmt sehr ängstliche und total scheue kleine Federbällchen.
    Wie schön ist es, dem wachsenden Vertrauen und der positiven Entwicklung in ihrem Büchlein zu folgen.
    Ganz herzlich, Bruni

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    • Liebe Bruni,
      hab‘ Dank für Deine rotkehlchen-mitfühlige Rückmeldung. Ich kann bestätigen, daß es eine große Freude ist, das wachsende Vertrautwerden zwischen der Autorin und ihrem Rotkehlchen mitzuerlesen.
      Mit einem herzlichen Gutenachtgruß,
      Ulrike

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  5. Das werde ich mir auch bestellen, es klingt herzerwärmend. Ich hätte sie zu gern auf dem Dach als Brüter, aber Capucchio hat schon Frust, weil er momentan nur unter Aufsicht und im Dunkeln raus darf, weil Kohlmeisens noch ihre Brut füttern und wenn er doch zu sehr in ihrer Nähe (an den Kasten kommt er nicht, sitzt nur drunter) ist, kommen sie bis auf einen halben Meter zu mir mit Futter im Schnabel und piepsen mich an: nimm den mal weg bitte -:))
    Ich mag auch aus den Christuslegenden der Lagerlöff die Geschichte zum Rotkehlchen.
    Wie schön, dass Du es uns vorgestellt hast. Mit einem herzlichen Gruß von mir zu Dir, Karin

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    • Liebe Karin,
      ich dachte mir schon beim Lesen, daß dieses Buch nach Deinem Gusto sei oder daß Du es vielleicht sogar schon kennen könntest. Die von Dir erwähnte Rotkehlchen-Christuslegende wird in „Duette mit ihm“ übrigens auch zitiert.
      Verbindlichen Dank für Dein Interesse und für den köstlichen Bericht über die funktionierende Meisemenschkommunikation auf Deinem Balkon.
      Auf meinem Balkon erscheint auch täglich Meisenbesuch und manchmal – wenn ich sommers die Balkontüre weit geöffnet habe – spaziert eine vorwitzige Meise herein und inspiziert den Teppich und wenn ich mich dann nicht bewege, störe ich offenbar auch nicht sonderlich bei dieser Kurzexpedition.
      Mit einem herzlichen Gutenachtgruß von mir zu Dir, Ulrike

      Liken

      • Liebe Ulrike, Deine Meise möchte staubsaugen bei Dir, sie sucht Fusseln und weiche Fasern für ihr Nest. Bei mir sammeln sie alle Haare derer sie habhaft werden können von Capucchio auf. Diese Zutraulichkeit ist berührend.

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      • Ja, liebe Karin, ich weiß, daß sie weiche Fasern für die Nestpolsterung suchen. Dafür habe ich im Garten sogar alljährlich Nistmaterial (Hanffaserreste) von der Naturschutzprodukte Firma Vivara https://www.vivara.de/ installiert, was auch eifrig angenommen wird. Und meine Nachbarin klemmt in Absprache mit mir Haarbüschel von ihrer Hundauskämmung in meine Trockenmauer, was auch gerne aufgegriffen wird.
        Die Zutraulichkeit von Wildtieren ist für mich ebenfalls immer wieder eine berührende und herzerwärmende Erfahrung.

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  6. Ein herziges Buch so voller Wärme und Sinn für die Bedürfnisse anderer Lebewesen.
    Verletzte gefundene Tiere bei gemeinsamen Naturgängen von der Rennmaus mit gebrochenem Bein über abgestürzte Vögel bis zu entlaufenen oder völlig verwilderten Katzen und gar einem verwaisten kleinen Füchslein hat immer unser Tierarzt kostenlos versorgt. Das war schon eine schöne Zeit.
    Bei den Vögeln reichte es meist, wenn ich sie eine Weile zwischen den Händen warmhielt, bis die Schreckstarre verschwand. Die Kinder haben dann oft ganz leise etwas vorgesungen.

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    • Herzlichen Dank für Deinen persönlichen Tierrettungsbericht.
      Es ist mir eine Herzensfreude zu lesen, wie vielen Tieren Du schon geholfen hast, und ich finde es äußerst bemerksenswert, daß der Tierarzt diese Findlinge kostenlos versorgt hat, und es ist so anrührend, daß Deine Kinder den verschreckten Vögeln leise vorgesungen haben.

      Gefällt 3 Personen

  7. Dieses Jahr nistete am Hauseingang ein Rotschwanzpäarchen und zog zwei fidele Junge auf. Sie hat es von den Alpen bis hier kurz vor die Ostsee gezogen 😎
    Im Garten wurden dieses Jahr die Spatzenschaar betreut und ein kleiner hat nur einen Fuß aber riesen Mut und Umsicht.
    Das Beobachten der tollen Truppe hat viele Erkenntnisse über ihre Welt erbracht. Auch der Kleiber sowie Drossel, Elstern (zwei jeden Donnerstagnachmittag), Staare, Bachstelzen und das Rotkelchen schauen vorbei. Oben drüber sind Milane zu sehen aber die Herrscher der Lüfte bleiben die Seeadler.
    So morgen sollte ich das Auto mal lieber waschen …🦅🦅🦅🦅😉

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    • Lieben Dank für den Einblick in Deinen wahrlich beachtlichen nachbarlichen Vogelreichtum. 🙂
      Aufmerksame Beobachtung mit Herz und Verstand sowie geduldiger Ausdauer vermittelt in der Tat ein ganze Menge Erkenntnisse über unsere Mitgeschöpfe.

      Gefällt 2 Personen

      • Hallo Ulrike, etwas ganz wichtiges noch für mich ist die Einschätzung, wie stark und frei die Vogelwelt sich auf der Erde durchkämpft. Das ist beeindruckend und ich möchte sagen überlegen; sie waren vor dem Menschen Entdecker und werden es vermutlich nach uns sein mit ihren Fähigkeiten und Mitteln.
        So wie das Rotkehlchen in der Zusammenfassung sich heilt und diese Freude und Kraft dann weiterbringt – ja dies ist majestetisch bewundernswert.
        Sie leben ein, zwei, drei Jahre und schöpfen sich jede Sekunde selbst, wie eine sich entwickelnde Melodie.

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  8. Da hast du ein echtes Juwel entdeckt. 🙂 Dass dieses Buch bereits in der 22. Auflage erscheint, ist verständlich – aber nicht selbstverständlich. Die ganze Geschichte ist bemerkenswert. Was die Autorin zur Rettung des verletzten Vogels unternimmt. Dass die Rettung gelingt (aufopferungsvolle Liebesmüh‘ ist da ja noch kein Garant). Ebenso die Annäherung zweier in vielerlei Hinsicht doch nicht artverwandter Wesen. Und letztlich auch die gelungene Auswilderung. Denn nicht selten haben solche Rettungen den Preis, dass die Geretteten für die freie Wildbahn nicht mehr tauglich sind. Schön, dass die Autorin darüber hinaus auch die Gabe hatte, all diese Ereignisse in Buchform zu fassen.
    Ich finde die Geschichte auch sehr inspirierend, weil sie zeigt, wie weit man mit Einfühlungsvermögen kommen kann und wie erfüllend dieser Pfad sein kann.

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    • Verbindlichen Dank für Deine aufmerksame, einfühlsame Resonanz und Deine Buchjuwel-Wertschätzung. 🙂
      Du sprichst zu recht an, daß es bemerkenswert ist, daß sowohl die artüber- greifende Annäherung als auch die Auswilderung so gut funktioniert hat und daß auch die schriftstellerische Begleitung und Wiedergabe der zwischen- menschvogellichen Begegnungs- und Erlebensfülle wohl gelungen ist.

      Gefällt 2 Personen

  9. Das ist wirklich liebevoll geschrieben. Man spürt den Respekt vor dem kleinen verletzten Wesen. Danke für die Vorstellung dieses zeitlosen Buches. Liebe Grüße an Dich, Barbara

    Gefällt 8 Personen

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