Korallen

  • Ein Portrait
  • von Jutta Person
  • Verlag Matthes & Seitz, 2019 http://www.matthes-seitz-berlin.de
  • Naturkunden Nr. 50  www.naturkunden.de
  • Illustrationen: Falk Nordmann
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 192 Seiten
  • Kleinoktav-Format: 12 x 18 cm
  • 20,00 € (D), 20,60 € (A)
  • ISBN 978-3-95757-697-2

M E E R E S A R C H I T E K T E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Jutta Persons Buch eröffnet einen weitverzweigten Blick in die Natur- und Kulturge-schichte der Korallen. Wir lernen Korallen kennen als Lebewesen, Sammel- und Schmuckobjekt, Amulett, Symbol sowie natürliches und schützenswertes Wunderwerk.

Die meisten Korallen gehören zu den sogenannten Blumentieren. Der äußere Körper besteht aus einem stabilen Kalkskelett, das von kleinen Korallenpolypen belebt wird, die des Nachts mit ihren Tentakeln Plankton und kleine Fische fangen und diese über ihr Schlundrohr in den Magen transportieren. Tagsüber ziehen sich diese Tentakel zurück, was erklärt, daß man lange Zeit den zoologischen Charakter der Korallen nicht erkannt hat.

So ordnete man sie zunächst seit der Antike den versteinerten Pflanzen bzw. Steinpflan-zen zu und hielt die Tentakel der Polypen für Blüten. Erst im 18. Jahrhundert entdeckte der Marseiller Naturforscher Jean-André Peyssonnel (1694 – 1758) die Korallenpolypen und „beförderte“ die Korallen vom Pflanzen- ins Tierreich.

Die rätselhafte Natur der Korallen förderte die Faszination, die sie auf den Menschen ausüben. Man betrachtete sie als Heil- und Schutzmittel und nutzte sie als Amulett. Als dekoratives Material für Gewandfibeln, Gürtel, Pferdegeschirre, Schwertgriffe und Schmuck fanden rote Edelkorallen seit der Eisenzeit Verwendung sogar in Landstrichen, die sich weit entfernt vom Meer befanden.

Der Betrachtungsbogen der Korallen-Kulturgeschichte spannt sich von weit vorchrist-lichen, mythologischen bis christlichen Traditionen der Wertschätzung von Korallen und der ihnen zugeschriebenen schützenden, heilenden und böse Kräfte abwehrenden Macht über den ikonographischen Farbtupfer der Korallen in religiösen Gemälden, wie beispiels-weise bei Piero della Francescas Gemälde „Madonna di Senigallia“ (um 1474), bis hin zu literarischen Huldigungen in Ovids Metamorphosen, bei Shakespeare, bei Jules Verne und in Joseph Roths Erzählung „Der Leviathan“, in dem ein Korallenhändler und seine innige Zuneigung zu Korallen das zentrale Thema sind.

Korallenriffe sind weltweit durch die Erhöhung der Meereswassertemperatur und die Versauerung der Ozeane gefährdet. Die rote Farbe der riffbildenden Steinkorallen ent-steht durch Symbiose mit Zooxanthellen. Diese Mikroalgen produzieren bei steigender Wassertemperatur Giftstoffe und werden daraufhin von den Korallen abgestoßen. Dies führt zum Farbverlust (Korallenbleiche) und zu einer schlechteren Energieversorgung der Korallen, die schließlich bei längerer Fortdauer der zu hohen Wassertemperatur ganz absterben.

Die Autorin nimmt uns bei ihren Tauchgängen mit in lebendige Korallenriffe und beschreibt diese faszinierenden Unterwasserwelten mit ansteckender und durchaus andächtiger Begeisterung für die kleinen Lebewesen, die ganze Meereslandschaften gestalten und als Kollektivwesen riesige Riffe bauen.

Hauptsächlich thematisiert Jutta Person die rote Edelkoralle (Corallium rubrum). In den zwölf Einzelportaits am Ende des Buches werden auch andere Korallenarten (u.a. Dädalus-Hirnkoralle, Tiefseegorgonie, Wunderkoralle) beschrieben und von Falk Nordmann anschaulich und ästhetisch illustriert. Die kultur- und naturgeschichtlichen Rückblenden werden mit entsprechenden zeitgenössischen Abbildungen garniert.

Dieses Buch ist ein animierendes Wissenskleinod, das neben inhaltlicher Vielfalt mit einem geistreich-anschmiegsamen, naturpoetischen und ge- legentlich schmunzlerischem Sprachstil aufwartet, der das Eintauchen in die Lektüre zu einem einladenden Vergnügen macht.

Und zum Abschluß kann ich hier wieder meinen lobeshymnischen Refrain zur buchge-stalterischen Materie der Reihe NATURKUNDEN singen. So ist auch der Band „Korallen“ (NATURKUNDEN Nr. 50) aus schmeichelgriffigem Papier für Einband, Vorsatzblätter und Buchseiten hergestellt. Die Typographie ist satt und lesefreundlich, der Kopfschnitt und die Fadenheftung in korallenrot sind farblich fein abgestimmt mit der Farbgebung des Bucheinbandes, und die zahlreichen alten und neuen Illustrationen sind ebenso schön wie aussagekräftig.

Hier finden wir den harmonischen Einklang zwischen substanzieller innerer und äußerer Buchqualität, wie sie für die von Judith Schalansky herausgegebene Reihe NATUR- KUNDEN Standard ist. Da kommt Sammellust auf!

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/korallen.html?lid=2

 

Die Autorin:

»Jutta Person ist Journalistin und Kulturwissenschaftlerin. Sie wurde 1971 in Südbaden geboren und lebt in Berlin. Sie studierte Germanistik, Italianistik und Philosophie in Köln und Italien und promovierte mit einer Arbeit zur Geschichte der Physiognomik im 19. Jahrhundert. Sie schreibt für die Süddeutsche Zeitung, für Literaturen, Die Zeit und das Philosophie Magazin. Von 2004 bis 2007 war sie Redakteurin bei Literaturen, seit Oktober 2011 betreut sie das Ressort Bücher beim Philosophie Magazin. 2012 war sie Mitglied in der Jury des Deutschen Buchpreises. In der Reihe NATURKUNDEN hat sie 2013 das Portrait „Esel“ veröffentlicht. Sie lebt in Berlin.«

Der Illustrator:

»Falk Nordmann, Zeichner und Illustrator, lebt und arbeitet in Berlin. Ab 2007 Umschlaggestaltungen und Autorenportraits, seit 2013 Tierillustrationen der Reihe Naturkunden für Matthes & Seitz Berlin.«

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

 

28 Kommentare zu “Korallen

    • Herzlichen Dank für Deine lebhaft interessierten Lesebesuche unter Wasser. 😉
      Die Korallen (Band 50) stehen in der Reihenfolge der NATURKUNDEN direkt vor den Algen (Band 51) – also tatsächlich nebeneinander. 🙂

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    • Schön, daß sich meine Buchempfehlung gerade passend in Deine Arbeit an zwei Korallenartikeln fügt. Das Korallenbuch sowie überhaupt die ganze feine Reihe der NATURKUNDEN verdienen auf jeden Fall einen näherenund auch tieferen Blick.
      Danke für Deinen Lesebesuch!

      Gefällt 1 Person

  1. … Nesseltiere *hm*… don‘t touch it… von mir aus könnten Aquarien nur aus Korallen bestehen… ihnen beim Wachstum zu, zu sehen ist Meditation… eine faszinierende Autorin hast du mir an meinen Buchtisch gelegt Ulrike…

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    • Liebes Blumenmädchen,
      es wundert mich keineswegs, daß Du die meditative Geduld mitbringst, Korallen beim Wachsen zuzuschauen. Schön, daß Dir mein korallenroter Buchfang zusagt und lieben Dank für Deine interessierte Rückmeldung. 🙂

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  2. Es muß ein wundervolles Buch sein, liebe Ulrike.
    Ich mag Korallen sehr, diese bizarren Unterwasserwesen. Nein, hinab zu ihnen möchte ich nicht tauchen, das wäre mir nun doch zu abenteuerlich, jetzt noch mit demTiefseetauchen zu beginnen, da schmökere ich lieber in diesem Schätzchen herum.
    Das Rot der Koralle mochte ich immer schon und besitze seit langer Zeit eine Kette mit kleinen Korallenperlen, die ich sogar ab und zu noch trage. Inzwischen ist sie ein wenig aus der Mode gekommen, das stört mich aber gar nicht.
    Liebe Grüße zum Sonntag von Bruni

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Bruni,
      hab‘ Dank für Deine lebhafe Korallenaufmerksamkeit. Ich finde Korallen auch faszinierend und ziehe ebenso wie Du das Eintauchen in die Lektüre eines Korallenbuches dem Tauchen im Meer vor.
      Eine kurze Korallenkette aus kleinen runden Perlen besitze ich ebenfalls und ich trage sie, wenn es mir farblich paßt und wenn mir danach ist – modische Aspekte müssen sich stets meinem Eigensinn unterordnen.
      Mit einem herzlichen Abendgruß von mir zu Dir

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  3. Ich warte immer sehnsüchtig auf die Neuerscheinungen und auch die Korallen sind schon bei mir eingezogen – ich liebe diese kleine Reihe und auch die größeren Werke unter den Naturkunden. Dem Verlag ist ein großes Lob auszusprechen zum Gestalterischen und Themenauswahlmäßigen und Frau Schalansky ist ein zusätzlicher Glücksfall für diese Reihe.
    Sei herzlich in Deinen Abend gegrüßt liebe Bücherfee, Karin

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  4. Ja, diese Naturkunden – die ich übrigens in der vorleselebenszeichnerischen Jahrhunderthälfte meines Lebens noch gar nicht kannte – sind offensichtlich eine ganz besondere Perlenkette in der Bücherwelt. Und dies unter ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten. Faszinierende Themen, die zudem in einer reihentypischen Eigen-Art präsentiert werden. Hinzu kommen die sprachlichen Aspekte und eben die von dir belobsungenen gestalterischen Aspekte. Würde ich eine Buchreihe sammeln wollen, wären die Naturkunden sicher erste Wahl. 🙂 Bei so einem Angebot lässt sich allerdings auch vom Rosinenpicken satt werden. 😉
    Das von dir hier so liebevoll vorgestellte Korallenbuch finde ich ganz faszinierend. Korallen sind ja Wesen, die man „kennt,“ wobei man sich durchaus bewusst ist, dass dieses „Kennen“ bei Lichte beschaut ein „recht-eigentlich-keinen-blassen-Schimmer-Haben“ ist. Und doch staunt man beim Lesen deiner Rezension und dem Blick ins Buch, wie „unheimlich nichts“ man doch von Korallen weiß. [Mit allem Staunen über die Korallen und die eigene Ahnungslosigkeit könnte man wohl einen Staun-See bilden, in dem ein gediegenes Korallenriff Raum fände. 😉 ]

    Gefällt 5 Personen

    • Verbindlichen Dank für Deine umfassende Zustimmung und Dein ebenso begeistertes wie eloquentes Mitstaunen angesichts der innerlich und äußerlich wohlgeratenen NATURKUNDEN-Buchreihe. Da diese Bücher so gehaltvoll sind, läßt es sich – wie Du so nett formuliert hast – durchaus mit Rosinenpicken bzw. in diesem Falle mit Korallenpicken bibliophil satt werden. 😉
      Korallen sind faszinierende „kollektive“ Wesen, von denen man als nicht-tauchendes-Landlebewesen wohl stets nur den Schimmer einer Ahnung oder eine buchstäblich nur erlesene Ahnung haben kann. 🙂

      Gefällt 4 Personen

      • Grundsätzlich ist es ja auch so, dass ich nicht unbedingt einen unwiderstehlichen Drang verspüre, Korallen in ihrem Lebensraum aufzusuchen – zumal man da ja auch verteufelt aufpassen muss, dass „aufsuchen“ nicht zu „heimsuchen“ wird. :/
        Eine erlesene Ahnung ist für mich hier eine prima Alternative. Und da ist es ja schön, wenn man sich diese Ahnung so erlesen erlesen kann. 😀

        Gefällt 4 Personen

      • Massentouristisches Korallenaufsuchen ist gewiß nicht sonderlich lebenserhaltend für Korallenriffe; solche Besuche überlasse ich lieber tauchtüchtigen Naturforschern, die mir dann davon berichten oder mir vielleicht auch durch Filmaufnahmen den Elementeaufenthalt unter Wasser aufatmend erleichtern. 😉
        Lieben Dank außerdem für Dein schönes Wortspielgeschmeide mit der erlesen erlesenen Ahnung. 😀

        Gefällt 4 Personen

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