Denkt endlich an die Enkel!

  • Eine letzte Warnung, bevor alles zu spät ist
  • von Wolf Schneider
  • Rowohlt Verlag 2019, Juli 2019 http://www.rowohlt.de
  • gebunden
  • Format: 11 x 17 cm
  • 80 Seiten
  • 8,00 € (D), 8,30 € (A)
  • ISBN 978-3-498-00153-7

K  L  A  R  T  E  X  T

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wolf Schneider, dessen Anleitungen zum klaren, kultiviert-stilvollen, präzisen und acht-samen Umgang mit der deutschen Sprache ich überaus schätze und immer wieder gerne zu Rate ziehe, hat nun ein kurzes, pointiert formuliertes Buch verfaßt, welches er seinen vierzehn Enkeln und Urenkeln widmet: Es geht hier um nichts Geringeres als die dramatisch schwindenden Zukunftsaussichten der Menschheit.

»Wer wider besseres Wissen glaubt, die Katastrophe wird sich schon gedulden, bis wir sie kostenlos verhindert haben, der hat die Zukunft unserer Enkel schon verspielt!«
(Seite 19)

Der energieverschwenderische, naturausbeuterische, gierige Lebensstil der Menschheit kostet buchstäblich die Welt. Die reichen Industrienationen sind mit ihrer Anbetung des Wirtschaftswachstums, der Vergötterung des Automobils und der mehr als überflüssi- gen Warenproduktion die größten Zerstörer. Die Bevölkerung der ärmeren Weltregio- nen strebt verständlicherweise ebenfalls nach dem Wohlstand, der für uns normal ist. (Wobei auch bei uns der Zugang zu Wohlstand, ja, selbst zu einem nur auskömmlichen Dasein – dank jahrzehntelanger neoliberaler Arbeitsmarktverzerrungen und der Mini- mierung solidarischer, gemeinwohlorientierter Rahmenbedingungen zu Gunsten privatwirtschaftlicher Profite – drastisch reduziert wurde;  indes, die soziale Frage wird in Schneiders Buch nicht thematisiert.)

Wolf Schneider bezeichnet das Auto zutreffend als „unsere Heilige Kuh auf vier Rädern“, er kritisiert die maßlosen PS-Steigerungen und schwergewichtigen Blechaufplusterun- gen und fällt nicht auf die angebliche Rettung durch das E-Mobil herein. Denn der Ener- giebedarf für E-Mobilität ist sehr groß, alleine die Herstellung der Batterien verbraucht Strom, ganz zu schweigen vom Bedarf an Kupfer, Kobalt, Lithium, Mangan, Nickel und Seltenen Erden, vom giftigen Schrott, den jede verbrauchte Batterie hinterläßt sowie von den zahllosen Kabeln, die für die dazugehörige Infrastruktur gebraucht werden.

Deutlich weniger Autos wären zielführender und ein besseres Eisenbahn-Schienennetz ebenfalls. Stattdessen haben wir „47 Millionen Autos für 82 Millionen Bundesbürger – gut ein halbes Auto pro Kopf!“ (Seite 15) und eine Mineralölsteuerbefreiung für Flug- zeuge.

Schneider greift mit ebenso interessanter wie informativer historischer Herleitung das Thema Überbevölkerung auf. Dabei läßt er meines Erachtens keinen Zweifel daran, daß Europa ein Recht hat, Migrationsströme im Enkelinteresse zu begrenzen. Seine Warnung vor einer „Invasion“ des „alternde(n) Erdteil(s)“ Europa ist sehr deutlich (Seite 66).  Er be-schreibt streiflichternd Flächenverbrauch, bereits vorhandene und vermehrt drohende Wasserknappheit, Vermüllung und Vergiftung von Erde, Luft und Wasser, Artensterben, Flächenversiegelung durch Massentourismus, die skandalöse Stromverschwendung für Sommerskihallen, Schneekanonen in Wintersportorten, Lichtreklamen und Sportveran-staltungen. Die Aufzählung menschlicher Unvernunft wird darüber hinaus noch  ergänzt um Hinweise auf tonnenweise Lebensmittelverschwendung, Mikroplastik in der Nah- rungskette, den Zusammenhang zwischen maßloser Fleischproduktion und Welthunger und die wachsende Gefahr von Ressourcenkriegen.

Sind wir überhaupt noch zu retten? Wolf Schneider läßt diese Frage offen. Er sieht nur eine kleine Chance: SOFORTIGES Handeln.

Dieses Manifest ist deutlich und drastisch, der Autor verwendet anschauliches Zahlen-material und klare, kurze unmißverständliche Ansagen, seine Kritik an unserem zer- störerischen, enkeluntauglichen Lebensstil ist berechtigt und durchaus angebracht.  

Wolf Schneider erstellt eine schonungslose Diagnose, nur ein Rezept zur Heilung bleibt er uns schuldig, vielleicht weil ihm die Unvernunft des Menschen therapieresistent erscheint oder weil sein negatives Menschenbild diese Hoffnung nicht erlaubt. Kritik ist notwendig, aber hoffnungslose Kritik wird die Welt erst recht nicht retten. 

Warum nicht einfach das Naheliegende tun und gerade dieses Buch auf wesentlich ressourcenschonendere Weise produzieren? Statt bloß auf einem FSC-Papier-Mix hätte das vorliegende Buch auf wiederverwertetem Papier gedruckt werden können, wie es vorbildlicherweise der Oekom-Verlag (https://www.oekom.de/) schon seit dreißig Jahren praktiziert. Ist hier etwa die Kluft zwischen Theorie und Praxis auch beim Autor und beim Verlag noch viel zu groß?

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der  Verlagswebseite:
https://www.rowohlt.de/hardcover/wolf-schneider-denkt-endlich-an-die-enkel.html

Eine ergänzende hörenswerte Audiobesprechung findet sich bei Andruck-Deutschland-funk: https://www.podcast.de/episode/413939638/Wolf+Schneider+-+%22Denkt+endlich+an+die+Enkel%22/

Der Autor:

»Wolf Schneider, geboren 1925, hat vier Kinder, zehn Enkel und vier Urenkel. Er ist Autor von 28 Sachbüchern, darunter drei Bestsellern und einer großen Kulturgeschichte der Menschheit „Der Mensch – eine Karriere“ – laut Neuer Zürcher Zeitung »ein grandioses, mit gewaltigem Wissen und immensem Sachverstand geschriebenes historisches Panorama«.
Schneider war Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Washington, Verlagsleiter des Stern, Chefredakteur der Welt, Moderator der NDR-Talkshow und 16 Jahre lang Leiter von Deutschlands renommiertester Journalistenschule. Er ist Honorarprofessor der Universität Salzburg, Träger des Medienpreises für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache und des Henri-Nannen-Preises für sein publizistisches Lebenswerk.
Sein großes Thema „Wie geht es mit der Menschheit weiter?“ bewegt ihn seit 61 Jahren:
1958 erschien in der Süddeutschen Zeitung, anläßlich der dritten Menschheitsmilliarde, seine erste Warnung vor der drohenden Überfüllung der Erde – und 1966 sein Leitartikel „Tod dem Verbrennungsmotor“.«

PS:
Für Leser mit ökologisch-nachhaltiger Handlungsbereitschaft, ausgeprägtem Mitwelt-gefühl und konsequenter Selbstverantwortung gibt es jede Menge Bücher, Zeitschriften (z.B. »OYA – enkeltauglich leben«  https://oya-online.de/about/was.html ),  Informations- portale und Organisationen mit aufklärenden und wegweisenden Informationen. Alleine auf meiner Webseite finden sich unter der Kategorie
„Natur &
Ökologie“ https://leselebenszeichen.wordpress.com/category/natur-okologie/
und „Nachhaltigkeit“ https://leselebenszeichen.wordpress.com/category/nachhaltigkeit/
sowie „Bienen & Co“ https://leselebenszeichen.wordpress.com/category/bienen-co/
mehr als 50 Bücher, die naturliebhaberisches, konsumkritisches und kleinwelten- retterisches Wissen und entsprechende praktische Handlungsimpulse vermitteln.

 

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34 Kommentare zu “Denkt endlich an die Enkel!

  1. Liebe Ulrike,
    ich habe die letzten drei Rezensionen rückwärts gelesen, und nachdem ich noch überlegte, was ich zu „Wer sich verändert, verändert die Welt“ sagen wollte, scheine ich bei diesem Autoren meine Skepsis und meinen Zynismus bestätigt zu finden.

    Obwohl ich nicht gerne zynisch bin, und eigentlich in meiner Welt auch wie der Kolibri in jenem Buch zu handeln versuche, befürchte ich, daß es letztendlich keinen Unterschied macht, weil selbst was so viele von uns im Kleinen versuchen, im Großen um das Vielfache negiert wird. Da sind destruktive Kräfte am Werk, die sich jeglicher Einflußnahme zu entziehen scheinen.

    Nimm doch aktuell die gescheiterte Klimakonferenz in Spanien. Obwohl wir wissen, was mit der Erde geschieht, werden noch immer kurzfristige und ökonomische Ziele priorisiert. Und selbst wenn wir jetzt sofort rabiate Veränderungen vornähmen, würde es mindestens Jahrzehnte, dauern, bis sie irgendeinen Einfluß hätten.

    Ich finde es unglaublich schwer, mit diesem Wissen zu leben, und zu beobachten, wie eine Tier- oder Pflanzenart nach der anderen ihren Abgang nimmt. Aber weil Verzweiflung keine hilfreiche Lebenseinstellung ist, belügen wir uns lieber selbst, und tun so, als würde alles immer so weitergehen wie bisher. Ich glaube, das ist ein Defenzmechanismus des menschlichen Gehirns, sehr zu unserem langfristigen Nachteil.

    Mit ratlosen Grüßen,
    Tanja

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    • Liebe Tanja,
      herzlichen Dank für Deinen ausführlichen und differenzierten Kommentar, der mich sehr berührt. Alle Deine berechtigten Bedenken und Zweifel an der Vernunftbegabung der Menschheit teile ich, und ich sorge mich, ob wir diese REIFEPRÜFUNG lebend bestehen werden. Ich finde es auch schwer, mit diesem Wissen zu leben und stets nur tröpfchenweise etwas zu verändern/retten.

      Dennoch bleibe ich dabei, in meinem Einflußbereich so konstruktiv wie möglich zu sein und nach meinen inneren Wertkoordinaten möglichst lebensdienlich zu handeln.

      Wenn die Menschen, die an den Schaltstellen der politischen, wirtschaftlichen und medialen Macht sind, mehr im SEIN und weniger im HABEN zuhause wären, stünde es deutlich besser um unsere Zukunftsaussichten.

      Kennst Du das Buch von Erich Fromm „Haben oder Sein“ ? Ich habe es 1982 (in der gymnasialen Oberstufe) mit Begeisterung gelesen. Wenn ich heute darin blättere, bin ich erschüttert über die akute Aktualität seiner pychologischen und soziologischen Analysen.

      Es ist vielleicht die größte Herausforderung, unter beängstigenden Bedingungen die eigene Liebesfähigkeit zu bewahren! Doch nur wer das Leben, die Natur und die Erde liebt, wird ein WIRKLICHES Interesse daran haben, daß es weitergeht.

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      • Auch ich danke Dir für Deine wohlüberlegte und detaillierte Antwort, liebe Ulrike. Ich glaube es ergeht vielen denkenden und fühlenden Menschen so wie uns, und das gibt doch etwas Grund zur Hoffnung, auch wenn diese Mächte, die so viel größer sind als wir, sich anscheinend keinen Deut kümmern.

        Von Erich Fromm habe ich, glaube ich, nur „Die Kunst des Liebens“ gelesen, und das schon vor langem. Den anderen Titel kenne ich nur vom Hörensagen, aber ich werde mich danach umschauen. Es ist immer erschütternd zu realisieren, daß einige Visionäre schon vor Jahrzehnten so viele Trends vorausgesagt haben, daß wir aber alle guten Vorschläge und Ermahnungen ebenso lange ignoriert haben.

        Laß uns weiterhin hoffen, daß genügend Menschen das Leben, die Natur und die Erde lieben, und dadurch vielleicht ihr Überleben sichern.

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      • Dazu fallen mir zwei nette Geschichten ein.
        Allerdings sehe ich da keinen SUV und Anhänger darin, sondern einmal 2 Frauen auf dem Lande, die sich auf dem Parkplatz vor dem Aldi unterhalten, warum denn der Wagen der anderen Frau so ein grosses Gefährt sein musste. Was hat sie alles für tolle Gedanken dazu gehabt „Kinder zum Reiten und in die Schule fahren, Großeinkäufe tätigen, Grossmutter zum Arzt fahren und und und…..
        Die 2. Variante war ein Mann den ich auf einem Rohkostparty in München, der Rohvolution, dieses Jahr traf.
        Ich hatte das grosse Glück an seinem Stehtisch zu stehen und mein wunderbares Rohkostgericht einnehmen zu können. Was soll ich sagen, da wurde geprotzt mit allem was die Rohkosttechnikküche hergab; nebenbei wurde noch erwähnt daß man sich ein Häuschen in Italien gekauft habe, und wie teuer doch die Renovierung sei……gleichzeitig redete er von einem Minimieren hier im kleinen Stil, denn auch hier hatte der gute Mensch noch eine schöne grosse Eigentumswohnung in petto. Auto hatte er auch, aber nur der Frau und Kinder zuliebe, weil man das ja braucht mit Kindern, zudem diverse gute Technikgeräte für die Musik, und natürlich für die Mobilität in der Stadt den e-Roller, nicht nur einen, denn Frau oder Kind brauchen sowas ja auch mal…..

        Also, wenn ich das richtig sehe: SO wird das nix mit der Energiewende !
        Wo um Himmels Willen wollen sie denn all den Strom herbekommen wenn alle bisherigen Energielieferanten ausgeknockt wurden ?
        Die Windparks in Nord und Ostsee werden oft genug nur teilbefahren, würden so viel an Strom produzieren können, daß wir gut daran teilhaben könnten. Doch geht das nicht weil es keine fertig verlegten Kabel gibt, die den Strom ins Landesinnere transportieren könnten…..die Parks stehen aber schon einige Jahre dort !
        Schon jetzt gibt es in den Großstädten Energieausfälle, die nur teilweise sehbar sind, denn noch sind es Stromdrosselungen. Auch Wasserdrosselungen gibt es schon. Ich mag gar nicht daran denken was geschieht wenn tatsächlich mal für einige Tage Stromausfall ist, dann gute Nacht Marie……da geht nicht mehr, da alles elektrifiziert wurde.
        Drei Tage keine Klospülung bei einer 5 köpfigen Familie, wohl dem der grosse Mülltüten und Papier und vielleicht noch Streumaterial für das Bio Klo im Haus hat und….einen Balkon !

        Gut, aber so weit kommen wir nicht wenn wir einen realistischen Ansatz wählen.
        Was tun ist angesagt, aber bitte mit Verstand und wirklicher Nachhaltigkeit.

        Und jetzt habe ich schon wieder so viel geschrieben, das Thema begleitet mich schon lange, vielleicht deshalb .
        Den Christian Felber und seine Ansätze finde ich klasse, war mal auf einem Vortrag von ihm.
        Aber irgendwie greifen die Ansätze nicht wirklich weiter um sich, das liegt mit Sicherheit daran, daß die Menschen gefordert sind selbst aktiv zu werden. Dazu haben sie keine Lust, oder vielmehr Lust zum Quasseln schon, aber wenn es um Verantwortung übernehmen geht, dann sieht man eine gewisse Lustlosigkeit aufkommen 😉

        Wahrscheinlich muss ich gleich ein schlechtes Gewissen haben in ein Hochleistungsthermalbad zu gehen……egal, ich tu es, es tut nämlich meiner Physis gut.

        Einen angenehmen Tag auch für Euch hier, wo immer ihr grad seid.

        Liken

  2. Ein vielschichtiges Thema, daß du hier aufgegriffen hast liebe Ulrike. Diese 1 bis 2% der Menschheit geben mir auch immer mal wieder zu denken, doch dann stelle ich für mich fest, irgendwer muß ja anfangen (inzwischen haben uns einige Länder schon überholt und schade, über die vertanenen Zukunftschancen, wie die zerlegte Solar- industrie!). Und dann denke ich, daß ein Großteil der sogenannten Schwellenländer gerade erst an der Grenze zu dem Wohlstand stehen, dessen wir hier gerade überdrüssig werden. Niemand kann ihnen verdenken, daß sie das Stück vom Kuchen haben und ausleben wollen. Ich denke ebenfalls, daß gerade die reichen Industrie- nationen durch ihre Weltwirtschaftspolitik einen großen Anteil an der Zerstörung vieler Flächen haben (Fleisch, Kraftstoff, Palmöl etc).

    Mein Traum wäre es, daß die Menschheit in dieser Frage zusammenarbeiten würde. Wenn es so dramatisch kommen sollte, wie manche es ausmalen, bleibt uns sowieso nur eine gemeinsame Anstrengung. Und ich fände es gut, wenn reiche Länder ärmeren die Technik oder das Knowhow zur Verfügung stellen würden, damit ihre Entwicklung von Anbeginn an „sauberer“ verläuft, was Energiegewinnung etc. angeht. Vielleicht auch als eine kreative Zusammenarbeit. Es muß ja nicht das übliche Allmosenprozedere sein, wo unsereins wieder den meisten Gewinn draus zieht, so wie das bei Entwicklungshilfe häufiger vorkommt. Es gibt schon viele tolle Projekte, aber die meisten stecken in den Kinderschuhen. Bis die groß sind…..Ach ja, Lösungen. Bitte schnell, bitte gleich, witzeln wir hier immer. In diesem Sinne danke für den Artikel liebe Bücherfee!

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    • Herzlichen Dank, liebe Almuth,
      für Deinen engagierten Kommentar und Deine mitweltlichen Gedanken, die mir sehr vertraut sind.
      Ich teile Deinen Traum von einer Menschheit, die im MITEINANDER ebenso lokale wie globale Lösungen findet und zur praktischen Anwendung bringt.
      Mit einem lieben Gutenachtgruß von mir zu Dir! :mrgreen:

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  3. Auch wenn ich jetzt sicherlich in den Boden gestampft werde, ich finde dieses Buch einen guten Ansatz, endlich wieder zu einer realistischen Sichtweise der Problematik zu kommen.

    Bei aller Liebe, dieser aufgebauschte Hype (mir fehlt leider grad ein deutscher Begriff dazu…) ist kaum noch zu ertragen. Dahinter steckt, wie bei so Vielem, ein Lobby- apparat, von dem auch die alternative Öko Gemeinde sich nicht freimachen kann, auch da geht es um Konsum und Geldverdienen.

    Mir wäre eine Rückkehr in gesündere Strukturen lieber, denn so verstehe ich den Verfasser des Buches.

    Es gab in meiner Jugendzeit (bin Jahrgang 57) nicht diesen Überfluss, diesen Luxus, dieses „alles ist verfügbar“ so wie die heutige junge Generation es als selbstver- ständlich erlebt.
    Wir lebten im Minimalismus, mit einmal die Woche Badetag (Ofen anheizen), Veganismus hieß keine Superfoods, sondern Gemüse und Obst aus dem Garten, nach Saison versteht sich, Kartoffeln waren Grundnahrungsmittel, als Fleischfresser musste man selbst zum Schlachten gehen, ansonsten gab es einmal die Woche nur Braten, den Rest der Woche war Speck und Gehacktes, mal ein bissl Wurst die Würze für die Gerichte. Es wurde der Garten bestellt und eingeweckt, gedörrt, fermentiert…

    Es gab Kleidungsstücke 2x im Jahr, gekauft für die Saison, für die Kinder, weil sie rausgewachsen waren, für die Grossen, weil ein altes Teil ersetzt wurde. Kleidung wurde gestopft, geflickt, ausgebessert… Kleidung wurde auch von den grösseren Geschwistern aufgetragen.

    Es gab in der Küche die Haushaltsgeräte mit manueller Funktion, keine Hochleistungs- technik. Die hatten Qualität und hielten länger als ein technisches Gerät heutzutage.
    Es gab weder TV, noch Handy, noch PC, noch nicht einmal Telefon.
    Aber es gab in einem kleinen Dorf wie unserem (2000 Einwohner) 5 Lebensmittel- läden, drei Metzgereien, 3 Bäcker und ca. 6 Klein Bauernhöfe, die sogar ihre Besitzer ernährten.

    Wir sollten nicht nur uns minimalisieren, sondern zu einer wirklich achtenswerten Sozialpolitik zurückkehren, die ich zur Zeit wenig sehe.

    Die Welt geht nicht in 8 bis 10 Jahren unter.
    Was glaubt man, mit welchem Bewusstsein Kinder heranwachsen, denen Angst eingeprägt wurde… wie Bitteschön soll da etwas Gesundes herauskommen.

    Wir hätten schon seit über 30ig Jahren alternative Möglichkeiten gehabt, wäre das Wasserstoffprinzip gefördert worden… aber nein, es wurde auf Windkraft und Solarzellen der Focus gelegt. Auch da sind Lobbygruppen von beiden Seiten, alternativ und kommerziell mit am werkeln gewesen.
    Bahnlinien wurden stillgelegt, der Güterverkehr auf den LKW gepackt, Menschen auf dem Lande mussten sich Auto zulegen, weil sie nicht mehr zur Arbeit gekommen wären.
    Als Städter hat man da leicht reden.

    Ich habe vor einigen Jahren im Hospiz gearbeitet, ohne Auto wäre ich nicht zum Dienst gekommen. Einmal als das Auto zur Werkstatt war, bin ich zum Spätdienst 2 1/2 Stunden gefahren für eine Strecke von 19 km. Musste im Hospiz nächtigen, da ab abends 21.00h nichts mehr in meine Richtung fuhr.
    DAS ist die Realität auf dem Lande.

    Entschuldige bitte Ulrike, daß es jetzt so viel geworden ist, ich hoffe es ist in Ordnung so.

    LG Mariettalucia

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    • Liebe Mariettalucia,
      warum solltest Du wegen Deines Kommentars in den Boden gestampft werden?
      Ich danke Dir für Deine facettenreiche Stellungnahme, die lebhafte biographische Zeitreise und Dein Ansprechen der sozialen Aspekte.
      Der wirtschaftsneoliberale Abbau gemeinwohlorientierter Strukturen (öffentlicher Nahverkehr, Bahn), wie Du ihn obig zu recht anprangerst, erschwert je nach Wohnlage und Arbeitsplatzentfernung den Verzicht aufs Auto. Selbst hier in der kleinen Großstadt, kann es wegen der außergewöhnlich großen Flächenausdehnung Solingens und wegen der inbesondere nächtlich ausgedünnten Busfahrpläne ohne Auto kompliziert werden.

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      • Ja, Solingen ist schon ganz arg weitläufig, vorallem Berg und Tal, was das Radfahren (mit Körperkraft) erschwert.
        München und Bremen haben da grosse Vorteile, da bin ich viel mit dem Radl gefahren.
        Frankfurt und Radfahren : ein Graus 😦

        Ich finde, wir sollten den Focus gemeinsam auf den Ausbau der ländlichen ÖPNV’s und deren Vernetzungsmöglichkeiten mit den benachbarten Linien richten, denn das ist oft ein Problem. Nicht im Ruhrgebiet, das hat sich sich schon lange untereinander vernetzt… aber im Rest der BRD ist es ein grosses Thema.

        Ein weiterer Punkt ist, daß selbst wenn Menschen sich minimieren wollen, also in ein MiniHaus ziehen, um dort zu leben auf dem Land, sie finden kein Grundstück um dort ihr Mini Haus zu bauen… oder ein Mini Haus aufzustellen.
        Also Schwierigkeiten, die den Menschen gemacht werden, aber nicht notwendig wären.

        Kenne Einige, die seit Langem nach einem Grundstück suchen, um mit Freunden eine gemeinwohlorientierte Gemeinschaft aufzubauen.

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  4. Danke für Deine Rezension eines Buches zu so einem wichtigen Thema. Wer meint, nichts beitragen zu können, ist definitiv und absolut auf dem Holzweg. Jeder noch so kleine Beitrag – in welche Richtung auch immer – hat Gewicht. Das sollten wir uns immer wieder bewusst machen. Und für lau bekommen wir die Zukunft nicht zurück. Dass wir Menschen immer auch wieder widersprüchlich handeln, liegt wohl in der Natur unseres Wesens. Aber wir haben ja genug Grips im Kopf, um uns darauf aufmerksam zu machen und es abzustellen. Auch in dieser Hinsicht finde ich Deine Rezension gut, richtig und wichtig.

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    • Herzlichen Dank für Deine zugeneigte Resonanz.
      Ich bin ebenso wie Du der Ansicht, daß jeder Beitrag zählt. Zwar werde ich manchmal ungeduldig mit meinem Mitmenschen, weil ich persönlich schon seit Jahrzehnten im Rahmen meines unmittelbaren Umfeldes „die Welt rette“, und in vielen alltäglichen Dingen – vorallem bei den vielen Dingen, die ich einfach NICHT brauche – meiner Zeit voraus bin, gleichwohl bemühe ich mich, freundlich und zwanglos Impulse zu setzen. Wer sich auf der Schwelle zu einem anderen Verhalten befindet, wagt dann plötzlich die ersten Schritte … 🙂

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      • Das finde ich toll. Und ich bin der Überzeugung, dass es immer mehr Menschen gibt, die es genau so handhaben. Unaufdringliches Vorbild wirkt in aller Regel nachhaltiger als der erhobene Zeigefinger.

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  5. Ich persönlich glaube ja, das es kaum weiteren Bücher bedarf, die unsere hoffnungslose Situation beschreiben, sondern tatsächlich wirklicher Rezepte zur Heilung.
    Zum Einen, da es immer mehr Menschen gibt, die unter den düsteren Zukunftsaussichten leiden. Aber auch, um in Diskussionen, die fast schon an jeder Ecke stattfinden, nicht nur in die gleiche Kerbe zu schlagen (oder zu versuchen die ewig ignoranten zu bekehren), sondern um zukunftsweisende Ideen zu diskutieren.
    Mir geht es oft so, dass ich zwar kritisieren kann, da auch gute Argumente habe, wenn es aber um Lösungen geht, doch eher ratlos bin. Klar, mit kleinen Dingen bei mir selbst anfangen ist schon der richtige Weg, doch es bedarf auch der großen Visionen!
    Grosse Visionen, die aus der Mitte unserer klugen Köpfe kommen. Damit wird beginnen können mögliche Lösungen zu diskutieren und uns nicht länger nur um die Probleme drehen.

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    • Hab‘ Dank für Dein ausführliches Leseecho.
      Es mangelt gewiß nicht an Informationen, Sachwissen und Büchern zum Zustand unseres Planeten, sondern eher am massenhaften bequemlichen Nichtwissenwollen und der damit verknüpften fehlenden Motivation, durch eigenes Handeln etwas zum bessern zu wenden.
      Naturverbundene Menschen, die in größeren Zusammenhängen und Kreisläufen denken und keinen konsuminduzierten Selbstwertprothesen nachjagen, brauchen einfach weniger Dinge.
      Wenn wir vom Kleinen zu Großen hin wirken, dürften daraus auch große, ja, globale, zukunftsweisende Lösungsideen und Visionen hervorgehen.

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  6. „Kritik ist notwendig, aber hoffnungslose Kritik wird die Welt erst recht nicht retten.“ Wie war! Es ist sicherlich notwendig immer und immer wieder auf Zusammenhänge hinzuweisen, aber wenn dann nicht eine Option des Handeln kommt, hinterlassen solche geballten negativen Fakten nur eine riesige Hoffnungslosigkeit.
    Da finde ich (obwohl noch nicht gelesen) solche Bücher wie das von Mike Berners-Lee „Es gibt keinen Planet B“ für mich persönlich aufbauender. LG Simone

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  7. Das ist nun freilich eine Besprechung, die ich mit sehr gemischten Gefühlen lese. Auf der einen Seite finde ich es sehr erfreulich, dass ein Autor vom Format eines Wolf Schneider sich des Themas annimmt. Vor allem, weil er eben offensichtlich den Ernst der Lage ungeschminkt wiedergibt. Und auch, weil er beim Thema Mobilität nicht einfach den Teufel mit Beelzebub austreiben möchte. Auf der anderen Seite fürchte ich eben (nicht ohne Grund), dass er damit wenige offene Türen einrennen, aber dafür unzähligen tauben Ohren predigen wird. Vor diesem Hintergrund erstaunt es mich nicht, wenn Wolf Schneider ein Rezept schuldig bleibt. Ganz hoffnungslos wird seine Kritik nicht sein – sonst hätte er sie wohl gar nicht erst formuliert. Nimmt man allerdings den praxisbelegten Willen zu nachhaltiger Veränderung als Brennstoff, bleibt für die Hoffnung nicht mehr als ein Sparflämmchen übrig…

    Gefällt 3 Personen

    • Verbindlichen Dank für Deine differenzierte und wohlformulierte Resonanz, der ich in jeder Hinsicht zustimme.
      Ich kann mir gut vorstellen, daß ein Autor vom Format eines Wolf Schneider Leserkreise erreichen kann, die sich sonst wenig bis garnicht mit der Enkeltauglichkeit oder Enkeluntauglichkeit unseres Lebensstils auseinandersetzen.

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      • Ja, er wird sicher in nicht unerheblichem Ausmaß ein Publikum erreichen, das den „üblichen Verdächtigen im grünen Bereich“ unerreichbar bleibt. Er wird also höchst wahrscheinlich viele erreichen. Ober damit auch viel erreicht, ist eine andere Frage. Allerdings: wer bei vielen wenig erreicht, kann in der Summe doch recht viel erreichen. 😉

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  8. Hoffentlich lesen dieses Buch auch die Verantwortlichen in Po-litik und Wirtschaft!

    Aber nein, sie lachen nur darüber und machen weiter in ihrem gemeinsamen Wahnsinn…

    Dankeschön für deine feinen Worte und den Tipp!

    Liebe Abendgrüße vom Lu

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  9. Super der Tipp – allerdings kann der Autor wohl nicht so sehr mitsprechen, was die Papierwahl angeht. Der Verlag schon, keine Frage. Und super, dass Du auch auf Oekom hinweist. LG, Bri

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    • Liebe Bri,
      vielen Dank für Dein Leseinteresse und Deine Zustimmung zu meinem Hinweis auf den Oekom-Verlag.
      Wolf Schneider ist kein unbekannter Autor, der froh sein muß, überhaupt einen Verlag gefunden zu haben, sondern ein bekannter und erfolgreicher Autor, der einige Bestseller vorweisen kann. Da finde ich doch, daß er sich einigen Einfluß auf das Druckpapier und sogar auf das Druckverfahren hätte leisten können.

      Gefällt 3 Personen

  10. Liebe Ulrike, Recht hat er!
    Übrigens brauchen Autos nur ca. 30% der Energie zum Fahren. Der Rest wird unproduktiv verbraucht.
    Nur ist Deutschland nur ca. 2 % der Weltbevölkerung. Wenn wir von heute auf morgen alles verändern würden, hätte es keinen wirklichen Einfluss auf den Zustand der Erde…..ich weiß, wenn jeder so denkt…..aber die wahren Probleme, die die Erde betreffen, liegen nicht in Deutschland. Und sicherlich kann jeder etwas beitragen. Aber wenn die Autoindustrie in Deutschland zusammenbricht, wird es existenzielle Probleme geben.
    Es wies kein einfacher Weg.
    Liebe Grüße, Barbara, die auch kein Auto mehr fährt.😁

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    • Liebe Barbara,
      hab‘ Dank für Deine Rückmeldung.
      Wolf Schneider sagt in seinem Buch sogar, daß Deutschland nur etwa ein Prozent der Weltbevölkerung stellt und nur den 417. Teil der irdischen Landfläche bedeckt.
      Die wahren Probleme liegen meiner Ansicht nach überall und bei jedem Einzelnen und bei den politischen und wirtschaftlichen Schaltstellen der Macht. Doch gerade die reichen Industrienationen verschwenden besonders viel Substanz und Energie.
      Alleine die Irrwege der industriellen Massentierhaltung Deutschlands zerstören nicht nur hier vor Ort Boden, Mikroorganismen, Grundwasser und Gesundheit, sondern durch Sojafutterimporte den Regenwald sowie durch subventionierte Billigfleischexporte z.B. nach Afrika, die dortige Landwirtschaft.
      ES GIBT NICHTS TEURERES ALS BILLIG! Das gilt für Energie, Lebensmittel, Arbeitsplätze und Waren aller Art.
      Wenn die Natur ihren Betrieb einstellt, dann haben wir ein wesentlich größeres existenzielles Problem, als wenn die Autoindustrie zusammenbricht.
      Liebe Grüße von Ulrike, die noch nicht einmal einen Führerschein hat 😀

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