Wallace

  • Roman
  • von Anselm Oelze
  • Verlag Schöffling & Co. Februar 2019 www.schoeffling.de
  • gebunden
  • mit Schutzumschlag
  • 264 Seiten
  • LESEBÄNDCHEN
  • 22,00 € (D), 22,70 € (A)
  • ISBN 978-3-89561-132-2

NACHRUHM  MIT  NACHHILFE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wenn Sie sich für Biologie interessieren oder zumindest in der Schule Biologieunterricht hatten, kennen Sie gewiß Charles Darwin und verknüpfen selbstverständlich die Evolu-tionstheorie mit seiner Person. Aber sagt Ihnen der Name Alfred Russel Wallace etwas? Wahrscheinlich nicht – doch mit der Lektüre des Romans „Wallace“ läßt sich diese durchaus lohnende Bekanntschaft nachholen.

Albrecht Bromberg arbeitet als Nachtwächter im Museum für Natur- und Menschheits-geschichte. Mit uhrwerksähnlicher Präzision geht er seinen Aufsichtspflichten nach, löst im Kopf Kreuzworträtsel, und während seiner halbstündigen Pause um exakt drei Uhr raucht er allnächtlich vor dem Museumsportal eine Pfeife und plaudert mit dem Landstreicher Henri Clochard.

Nach dieser traditionellen Pfeifenpause inspiziert er die Museumsbibliothek und sammelt dort die von nachlässigen Besuchern verstreut liegengelassenen Bücher ein, um sie zur Ausleihtheke zu bringen. Eines Nachts stolpert Bromberg über einen auf- gewellten Läuferrand und fällt zusammen mit seinem Bücherstapel zu Boden. Aus den aufgeschlagenen Seiten eines Buches „schaut“ ihn von einem Foto aus dem neun- zehnten Jahrhundert ein bärtiger Mann mit kleiner Nickelbrille schmunzelnd an.

Am nächsten Abend passiert Bromberg auf dem Weg zur Arbeit ein Antiquariat und sieht im Schaufenster auf einem Buch ein weiteres Foto des bärtigen Mannes. Kurz- entschlossen erkundigt er sich beim Antiquar Schulzen nach der Identität dieses Menschen und wird umfassend darüber aufgeklärt, daß es sich um Alfred Russel Wallace handele, der parallel zu Charles Darwin die Evolutionstheorie entwickelt habe und auch in der Einleitung von Charles Darwins Buch „Entstehung der Arten“ namentliche Erwähnung finde.

Der lebhafte biographische Abriß, den der Antiquar Bromberg – begleitet von einigen Gläsern Gin – serviert, weckt in Bromberg den Wunsch, mehr über Wallace zu erfahren und ihm nachträglich zu seinem verdienten Ruhm zu verhelfen. Dies führt dazu, daß Albrecht Bromberg in unverhoffter Komplizenschaft mit einer Museumsbibliothekarin ganz neue und, angesichts seiner sonstigen bescheidenen Zurückhaltung, recht aben- teuerliche Wege beschreitet …

Der Autor wechselt kapitelweise zwischen der Handlung in der Gegenwart und Rück- blenden in das Leben Alfred Russel Wallace‘. Während Bromberg in der Gegenwart seine Nachforschungen betreibt, werden wir in den Rückblenden Lesezeugen von Wallace‘ Lebenslauf.

Wir begleiten Alfred Russel Wallace auf seinen strapaziösen Entdeckungsreisen, bei seinem Artensammeleifer, seinen akribischen Dokumentationen, Protokollen und Vermessungen, seinen aufmerksamen Naturbetrachtungen und klugen Schluß- folgerungen und schließlich auch während seines Malariafieberschubs, bei dem sich seine angehäuften Beobachtungen und Entdeckungen zur Erkenntnis der Gesetz- mäßigkeiten der natürlichen Selektion verdichten. Wallace verfaßt später einen Aufsatz über seine Erkenntnisse und sendet diesen an Charles Darwin, mit dem er in Korrespondenz steht …

Die Beschreibung von Wallace‘ Forschungstätigkeit und Entdeckerleiden- schaft sowie die durchaus schwierigen klimatischen und organisatorischen Bedingungen, unter denen sie litten, vermitteln eine anschaulich-sinnliche Ahnung davon, welche mühevolle Anstrengung, aber auch unermüdliche Begeisterung hinter einer solchen Lebensleistung stecken.

Dem Autor gelingt es auf beeindruckend-einfühlsame Weise, uns gleichsam über die Schulter des Naturforschers und Artensammlers Alfred Russel Wallace‘ blicken zu lassen und einer Persönlichkeit nahe zu kommen, der Entdeckungsfreude und Wissensdrang wesentlich wichtiger waren als wissenschaftliches Ranggerangel.  

Die fiktiven Romanfiguren verfügen über eine sympathische Eigenwilligkeit und im Falle des Antiquars Schulzen auch über eine ausgesprochen amüsante Schrulligkeit.

Dieser Debütroman von Anselm Oezle erfreut mit feingestimmt-niveau- vollem Sprachwerkzeug, geschmeidiger Dialog-Eloquenz, gedanklicher Komplexität und sehr atmosphärischen Szenerien. Er ist auf intelligente Weise unterhaltsam und auf beschauliche Weise spannend.  

Bedauerlich ist jedoch, daß Hinweise auf die verwendeten Quellen zu Leben und Werk Alfred Russel Wallace‘ fehlen. Denn dieser Roman kann ein nach- haltiges Interesse an Alfred Russel Wallace wecken, und ein informatives Nachwort mit entsprechenden Literaturhinweisen, wäre eine entgegen- kommende Zugabe gewesen. Vielleicht könnte dies für eine der nächsten Auflagen in wohlwollende Erwägung gezogen werden. 

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.schoeffling.de/buecher/anselm-oelze/wallace

Der Autor:

»Anselm Oelze, geboren 1986 in Erfurt, studierte Philosophie, Politikwissenschaft und Philosophical Theology in Freiburg und Oxford. Nach seiner Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin forschte er an der Universität Helsinki. Derzeit lehrt er an der LMU München und lebt mit seiner Familie in Leipzig. Wallace ist sein erster Roman.«

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26 Kommentare zu “Wallace

  1. Ich finde es gut, wenn auch weniger bekannte Wissenschaftler/Forscher zu Bekanntheit gelangen. Mit diesem Roman scheint das gut zu gelingen. Und das fast schon edelsteinartige Insekt auf dem Cover verführt ja regelrecht zum Lesen. Lieben Dank für diese Rezension.

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    • Vielen Dank für Deine interessierte Resonanz.
      Ich finde ebenfalls, daß auch weniger bekannte oder Außenseiter-Forscher Aufmerksamkeit verdienen, und mit solchen Romanen wie „Wallace“ gelingt das auch gut. Und die stimmige Verpackung mit dem bunt-funkelnden Käfer auf dem Umschlagbild trägt ebenfalls dazu bei.

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Ulrike, ich habe den Herrn Darwin schon im Roman „Und Marx stand still in Darwins Garten“ kennen und schätzen gelernt. Darwins Evolutionstheorie ist auch heute noch ein hochspannendes Thema, midestens so spannend wie die damaligen Forschungsreisen und ich glaube, dass ich nun Herrn Wallace ebenfalls begleiten werde. Ganz lieben Dank für die Vorstellung desselbigen. Liebe Grüße, Ulrike

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  3. Das hört sich interessant an, liebe Ulrike. Wenn Wallace Darwin nicht über sein Naturverständnis geschrieben hätte, hätte Darwin vielleicht nie seine Evolutionstheorie veröffentlicht. Der Druck, daß ihm Wallace zuvorkommen könnte, hat ihm den nötigen Mut gegeben. Er wußte genau, wie unwillkommen sie in vielen Kreisen sein würde.
    Wie dieser Roman zeigt, inspiriert das Thema immer wieder aufs Neue.

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    • An Deinem Kommentar zeigt sich, liebe Karin,
      daß Du Dich mit Wallace und Darwin und ihrem naturwissenschaftlichen Austausch bereits auskennst.
      Ich stimme Dir sofort zu, daß die Korrespondenz mit Wallace Darwin dazu veranlaßt hat, seine Evolutionlehre aus der Schublade in die Öffentlichkeit zu befördern. Was für eine Weltbildrevolution das damals bedeutet hat, können wir heute nur noch ahnend nachempfinden, da uns die Evolutionstherorie inzwischen ganz selbstverständlich geworden ist. Obwohl es ja immer noch eifrige – meist religiös motivierte – Ignoranten, Leugner und Widersprecher gibt.
      Herzlichen Dank für Deine kompetente Rückmeldung!

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      • Was erzählst Du mir, liebe Ulrike. Ich lebe in den USA, wo es noch immer Menschen gibt, die noch nicht mal erlauben, daß ihre Kinder überhaupt über die Evolutionstheorie informiert werden. Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, obwohl ich auch noch die eine oder andere Frage habe.
        Irgendwann habe ich mal einen guten Film über Darwin und Wallace gesehen, der hat mich sehr beeindruckt. Ich kann mich leider nicht mehr an den Titel erinnern, werde aber versuchen, ihn wieder aufzustöbern.

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      • Solche bibelfesten, anti-evolutionstheoretischen Geisteshaltungen gibt es auch in Deutschland.
        Laß mich bitte wissen, wenn Dir der Filmtitel wieder einfällt, das würde mich ebenfalls lebhaft interessieren.

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  4. Das wäre wieder eine Ergänzung für mein Naturkunderegal, in dem noch etliche Werke ungelesen schlummern, weil ich mit dem Lesen nicht nachkomme. Aber die Neugier ist geweckt, mal sehen, wann ich schwach werde.😏Dir einen lieben Abendgruss, Karin

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  5. Einmal mehr eine leselustlockend-spannende Buchpräsentation aus dem Hause Bücherfee. 😀
    Biografien gehören ja generell zu meinen Lieblingsleseleckereien. Allerdings ist es manchmal schade, dass man sozusagen ein aus lebensläufigen Fakten gezimmertes Skelett klappern hört, und einem der Zugang zu einem lebensechten Menschen fehlt. Da kommt es einem doch sehr gelegen, wenn jemand halt seine Fantasie zu Hilfe nimmt, um das Datenfaktenskelett dergestalt zu ergänzen, dass das Lesepublikum einem lebendigen Menschen begegnen kann. Hat man sich erst mal mit der beschriebenen Person angefreundet, wird auch ein weitgehend faktenbasiertes Buch leichter verdaulich sein.
    Es ist irgendwie fast ungerecht, aus deiner wortwohlgewählten Rezension einen besonders erwähnenswerten Ausdruck herauszupicken. Dennoch – “Ranggerangel” ist ein klasse Wort. 🙂

    Gefällt 3 Personen

  6. Liebe Ulrike,
    um dieses Buch schleiche ich schon seit seinem Erscheinen herum. Ich habe auch schon kritische Stimmen dazu gelesen, aber deine positive Besprechung ist so verlockend, dass ich es nun doch lesen möchte! Wir stimmen ja oft überein in unserem Lesegeschmack 🙂
    Über Wallace kenne ich eine wunderbare Biografie, die ich dir sehr empfehlen kann:
    https://www.elementareslesen.de/matthias-glaubrecht-am-ende-des-archipels/
    Es würde mich wundern, wenn Oelze die nicht kennen würde, denn zumindest auf dem deutschsprachigen Buchmarkt gibt es sonst nichts über Wallace.
    Liebe Grüße, Petra

    Gefällt 4 Personen

    • Vielen Dank, liebe Petra, für Deinen überaus sinnvollen Ergänzungslink zu meiner Rezension. 🙂
      Es freut mich, daß meine Besprechung eine leselockende Wirkung auf Dich hat.
      Ich denke auch, daß Anselm Oelze die von Dir erwähnte Wallace-Biographie kennt, und mein einziger Kritikpunkt an Oelzes Roman ist das Fehlen von weiterführenden Quellenhinweisen.
      Liebe Grüße von mir zu Dir

      Gefällt 2 Personen

  7. Das könnte ein ahnlich interessantes Romantatsachenbuch sein, liebe Ulrike, wie das Genie von Cäsar Zehrer, in dem das Leben von Boris Sidis und seinem genialen Sohn romanesk dargestellt wird, absolut faszinierend…
    Dankeschön für deine feine Präsentation, die mich dazu verleiten könnte, mir dieses Buch auch mal noch zuzulegen 🤓
    Herzliche Abendgrüße vom Lu

    Gefällt 2 Personen

    • Verbindlichen Dank , lieber Lu,
      für Dein lesezugeneigtes Echo und Dein Lob meiner Buchempfehlungs- präsentation.
      Dein Begriff „Romantatsachenbuch“ paßt sehr gut als Gerneüberbegriff für „Wallace“. Mit dem Roman „Das Genie“ von Cäsar Zehrer kann ich es nicht vergleichen, da ich diesen Roman nicht selbst gelesen habe, aber eine einfühlsame, romaneske Verarbeitung biographischen Rohmaterials findet bei Anselm Oelzes „Wallace“ durchaus statt.
      Ebenso herzliche Abendgrüße von mir an Dich 😀

      Gefällt 1 Person

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