Ein Weiser, ein Kaiser und viel Reis

  • Text und Bilder von Paolo Friz
  • Atlantis Verlag  Februar 2017   http://www.ofv.ch/kinderbuch/atlantis/
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 29,7 x 20 cm
  • 32 Seiten
  • 14,95 €, 24,90 sFr.
  • ISBN 978-3-7152-0724-7
  • Bilderbuch ab 5 Jahren

V E R S C H Ä T Z T

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wenn Sie sich unter der Zahl 264-1  bzw. unter der Zahl 18,45 Trillionen nicht wirklich etwas vorstellen können, sind Sie schon auf dem besten Wege, die Geschichte zu begreifen, die in diesem Bilderbuch erzählt wird. Exponentielles Wachstum überfordert halt unsere Vorstellungskraft, und deshalb wird es meist gefährlich unterschätzt.

Laut einer alten Legende befüllen die Reisbauern alljährlich ihre Boote, um ihrem Kaiser eine beträchtliche Reisabgabe zu liefern, die sie selbst und ihre Familien an die Grenze zum Verhungern bringt, während sich die höfischen Vorratskammern füllen und füllen.

Ein Bauer wagt es, diesen existenziellen Sachverhalt vor dem Kaiser zur Sprache zu bringen. Doch der Kaiser ist arrogant, selbstherrlich und uneinsichtig. Geknickt kehren die Bauern in ihr Dorf zurück und suchen nach einer Lösung. Die Tochter des Dorfältesten regt an, „den alten Weisen auf dem Hügel“ um Rat zu bitten.

Der alte Weise hört sich die Klagen der Bauern an und verspricht, ihnen zu helfen. Nach einer schlaflosen Nacht hat er eine raffinierte Idee, wie er diplomatischen Einfluß auf den Kaiser gewinnen könne. Die Vorliebe des Kaisers für spannende Brettspiele ist allgemein bekannt, und so denkt sich der Weise ein ganz besonderes Brettspiel mit Bauern, Läufern, Springern, Türmen, König und Königin (Dame) aus.

Mit tatkräftiger Unterstützung seiner Nichte werden die Spielfiguren aus Holz geschnitzt und ein Spielbrett mit 8 x 8 quadratischen, abwechselnd schwarz-weißen Spielfeldern hergestellt.

Der Weise besucht den Kaiser, führt ihm sein neues Brettspiel vor und erklärt die Spielregeln. Sie spielen einige Runden, und der Weise läßt selbstverständlich immer den Kaiser gewinnen. Das Entzücken über dieses neuartige Brettspiel ist für den Kaiser so groß, daß er verspricht, dem Weisen jeden Wunsch zu erfüllen.

Ganz bescheiden sagt der Weise, er wolle ein Reiskorn für das erste Spielfeld, zwei Reiskörner für das zweite Feld, für das dritte vier, für das vierte acht und immer so weiter bis zum 64. Feld. Zwar wundert sich der Kaiser, daß der Weise keine Kostbar-keiten verlangt, sondern nur – wie er meint – einen Sack Reis, aber versprochen ist versprochen. Sogleich wird der Hofmathematiker damit beauftragt, die exakte Reismenge zu berechnen …

Schon bald zeigt sich, daß der Kaiser die gewünschte Reismenge dramatisch unterschätzt hat. Selbst als die kaiserlichen Vorratskammern geleert sind, ist die versprochene Menge noch längst nicht erreicht. Der Hofmathematiker erläutert dem Kaiser, daß sie Milliarden von Frachtschiffen beladen müßten, und die Aneinanderreihung der Schiffe wäre länger als der Weg von der Erde bis zur Sonne.

Illustration von Paolo Friz aus „Ein Weiser, ein Kaiser und viel Reis“ © Atlantis Verlag 2017

Demütig bittet der Kaiser den alten Weisen um Gnade und fleht ihn an, sich etwas anderes als diese astronomische Anzahl von Reiskörnern zu wünschen. Daraufhin erbittet sich der Weise, daß niemand mehr im Lande hungern müsse und daß die Reisernte gerecht zwischen Bauern und Hofstaat geteilt werden solle. Erleichtert stimmt der Kaiser zu, und die Bauern haben allen Anlaß, im Dorf ein Freudenfest zu feiern und Schach zu spielen …

Das angefügte Nachwort erklärt die Reisberechnung in Worten und Zahlen und weist darauf hin, daß die Legende von der Erfindung des Schachspiels auch alternativ anhand von Weizenkörnern erzählt sowie wahlweise in Indien, im arabischen Raum oder in China verortet wird. Mit dem vor- liegenden Bilderbuch befinden wir uns in einer ostasiatischen Umgebung. Die  feinsinnigen Illustrationen von Paolo Friz zeigen asiatische Land- schaften und detailreiche, stilvolle Interieurs, die mit ausdrucksvollen, charakterstarken Figuren bevölkert sind, deren Mimik und Körpersprache deutlich mitwirken.

„Ein Weiser, ein Kaiser und viel Reis“ erteilt uns eine kluge und augen- zwinkernde Lektion über die typisch menschliche Unterschätzung exponentiellen Wachstums und über den Wert des gerechten Teilens. Es ist ein vielschichtiges Bilderbuch und bietet nachhaltigen Stoff zum Denken, zum Mitfühlen, zum Nachrechnen, zum Philosophieren und zum Staunen.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://ofv.ch/kinderbuch/detail/ein-weiser-ein-kaiser-und-viel-reis/102858/

 

Der Autor und Illustrator:

»Paolo Friz studierte Illustration an der Hochschule Design & Kunst Luzern und an der Hochschule für angewandte Kunst in Prag. Nach seinem Abschluss machte er ein Masterstudium an der Central Saint Martins School of Art in London in Communication Design. Heute ist Paolo Friz Designer, Illustrator mehrfach ausgezeichneter Arbeiten und Dozent an der Hochschule Design & Kunst Luzern. Mit Norbert Raabe veröffentlichte er 2010 sein erstes Bilderbuch Sydney und Nelson im Atlantis-Verlag.«

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

 

 

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45 Kommentare zu “Ein Weiser, ein Kaiser und viel Reis

  1. Hallo Mathematiker, Statistiker und Analysten,

    Untersuchungen ergaben, dass 1 Kilogramm Reis zwischen 33.334 Körnern (Uni Weimar) oder 50.000 Körner hat. (Nur einer vermeldete 500.000 Körner, hatte wohl nach jedem Glas Arak doppelt gesehen.)

    Die 18 Trillionen Reiskörner ergeben etwa 553 Billionen Tonnen Reis (die deutsche Billion = 1000 Milliarden). Wenn man bedenkt, dass die jährliche Weltproduktion 2016 bei 741 Millionen Tonnen lag, wird das Dillemma unseres Kaisers ersichtlich.

    Oder in weiteren Zahlen gesprochen: Man könnte die Erde (510 Millionen qkm) mit etwa 1,66 mm Basmati-Reis abdecken. Da der größte Teil davon aber jetzt im Meer schwimmt, schütten wir es nur auf die Landmasse und würden in 10 cm Reis waten.

    Würde die aktuelle Weltbevölkerung von 7,47 Milliarden nicht mehr anwachsen und jeden Tag etwa 1,1 kg Reis essen, würden sie 145.454 Tage satt sein oder 398 Jahre.

    Aber, aber, aber: Welchen Reis hätten sie denn gern? Arbario, Basmati, Java, Chigalon-Reis? Spitzenqualität mit 5 % Bruchreisanteil oder nur Haushaltsqualität mit 40 %? Schon würde die Rechnung wieder ganz anders aussehen!

    Warum das alles? Weil wir gerade die Anzahl deutschsprachiger Blogs recherchieren. Auch da gibt es tausende Möglichkeiten und Berechnungen. Wer weiss es schon genau?

    LG Katy & Effi

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    • Das wäre schön … tatsächlich gibt es mehr als genug Nahrung, aber die Verteilung ist durch weltweite profitorientierte Marktbedingungen ungerecht und wegen ungesunder Monokulturen und Massentierqualhaltung mitweltzerstörerisch.

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      • Immer wenn es irgendwo eine Hungersnot gibt, wird versucht, ein Heftpflaster auf die blutende Wunde zu kleben, und nicht zu viel über die verhungernden Kinder zu berichten. Sobald sich die Situation wieder einigermaßen stabilisiert hast, vergessen wir alle wieder die traurige Situation, anstatt zu versuchen, an den Grundproblemen etwas zu ändern. Ist das nicht zum Verzweifeln?

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  2. Wenn alle Bilder in diesem besonderen Bilderbuch so wunderschön sind, wie die beiden, die man sehen kann, dann lohnt sich das Buch auch für Menschen, die dem exponentiellen Wachsen nicht so hurtig folgen können, wie z.B. ich; aber ich staune und lerne gerne dabei 🙂

    Liebe Grüße von Bruni

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  3. Auch mir gefällt die Idee dieses Bilderbuchs sehr. Die Geschichte kenne ich allerdings schon aus meiner Schulzeit. Das mit den Milliarden von Frachtschiffen ist mir allerdings … Also, ich weiß nicht. Ich bin da zu pragmatisch veranlagt. Mir wäre lieber, jemand hätte gezählt, wie viele Reiskörner auf ein Kilo gehen und das dann umgerechnet. Kann doch nicht so schwer sein. Ich habe schon mal die Buchstaben in einem Paket Buchstabennudeln gezählt. Ich werde jetzt allerdings nicht anfangen auch noch Reiskörner zu zählen.
    Vor etlichen Jahren – um nicht zu sagen Jahrzehnten – kam schon mal ein hinreißendes Mathe-Buch mit sehr lustigen Aufgaben heraus. Titel und Autor weiß ich leider nicht mehr. Eine der Aufgaben war, zu berechnen, ein Erbeben welcher Stärke entsteht, wenn alle Chinesen gleichzeitig von einem ein Meter hohen Tisch springen. China scheint ja immer ins Spiel zu kommen, wenn es um sehr große Zahlen geht.

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  4. Auch wenn die Geschichte alt ist, die Umsetzung ist wirklich gelungen. Selbst als Erwachsener sollte mensch diese Fabel nicht vergessen. Oft sind es Kleinigkeiten, die sich zu großem auswachsen. Danke für die Erinnerung 🙏🏿

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  5. Die alte legendäre Reisschachgeschichte mit modernen Bilderbuchmitteln neu aufbereitet… köstlich!
    Dankeschön für’s Zeigen und Präsentieren, liebe Ulrike 🌟

    Was das exponentielle Wachstum angeht, so können wir alle das ja hautnah spüren, was die Entwicklung der Computertechnologie angeht vor allem! In Nullkommanix vom IBM-Grossrechner zum noch viel leistungsfähigeren Apple-Kleinstrechner für Jedermann, lapidar Handy genannt: perfektes exponentielles Wachstum par excellence!

    Noch beeindruckender als die Potenzen von ZWEI sind jene von ZEHN, wobei mir dann immer der tolle Kurzfilm the powers of ten einfällt:
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Zehn_Hoch

    Liebe Morgengrüße vom Lu

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    • Lieben Dank für Deine ausdrückliche Aufmerksamkeit, lieber Lu, 🙂
      und für die interessante Zehn-hoch-Zugabe.

      Die von Dir angesprochene Computertechnologie ist ein gutes Beispiel für exponentielles Wachstum bzw. eigentlich Schrumpfung, da die Maschinenteile immer winziger werden.
      Ich kann mich noch gut an mein zweites Ausbildungsjahr (1984) als Buchhändlerin erinnern, denn da wurde in der Berufsschule das ganz neue Fach EDV eingeführt.
      Der Rechner war damals noch so groß, daß er ein ein Klassenzimmer ausfüllte, und wir im Klassenraum daneben an den Tastaturen und dickleibigen Bildschirmen lernten …

      Liebe Abendgrüße von mir zu Dir!

      Gefällt 3 Personen

    • Diesen kleinen großen Film habe ich mir eben angesehen, lieber Finbar, und ich gestehe, daß ich habe beim Zusehen vor Aufregung Herzklopfen bekommen habe. Unfassbar für mich, was ich hörte und sehen konnte.

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  6. Erst vor ein paar Tagen hörte ich zum ersten Mal von dem Kaiser, dem Weisen und dem Reiskorn hoch 64 – und wie schön, nun auch ein Bilderbuch dazu vorgestellt zu bekommen! Zufälle? Gibt es sie?
    Danke, Ulrike!
    herzlichst, Ulli

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    • Herzlichen Dank für Dein Leseecho, liebe Ulli.
      Wenn mir eine Information mehrfach begegnet, betrachte ich sie spätestens ab der dritten Wiederholung als persönliche Mitteilung des Universums an meine Wenigkeit und befasse mich dann tiefergehend damit.
      Zufall, Fügung oder die Choreographie des Schicksals …
      Windige Grüße 🙂

      Gefällt 5 Personen

  7. Was für eine originelle Idee, aus dieser Geschichte ein Bilderbuch zu zimmern! 🙂 Diese Thematik scheint ja doch recht weit entfernt von gängigen Kinderbilderbücherinhalten. Für viele Fünfjährige dürfte das mit dem Nachrechnen vorerst noch etwas schwierig werden. Aber sich an etwas eigentlich Unvorstellbares kreativ heranzutasten und es doch zumindest mit einem Hauch von Begreiflichkeit zu überzuckern – das dürfte den Nerv neugieriger Kinder bestimmt treffen.
    Und unabhängig von mathematischen Dimensionen ist die Geschichte ja eben, wie du erwähnst, sehr vielschichtig. Witzig finde ich beispielsweise, dass der Kaiser zwar nicht mathematisch „fassbar,“ aber doch irgendwie berechenbar ist, während die Reismenge sich mathematisch berechnen lässt und doch irgendwie unfassbar bleibt. 😉

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    • Verbindlichen Dank für Deine anregend-subtile Resonanz. :mrgreen:
      Diese Legende hat es wahrlich verdient, in einer wohlillustrierten Bilderbuchportion für den kindlichen Geist schmackhaft „verpackt“ und serviert zu werden. Und ich stimme Dir gerne zu, daß diese anschauliche Darstellung einer abstrakten Rechnung wohlbekömmliche Nahrung für die kindliche Neugier bietet.
      Ganz vortrefflich finde ich auch Deine psychologische Perspektive auf den berechenbaren Kaiser und die berechenbare und gleichwohl unfaßbare Reismenge – diesen Aspekt hatte ich noch gar nicht wahrgenommen. 🙂

      Gefällt 4 Personen

    • Liebe Nati,
      danke für Deine Rückmeldung.
      Ich mußte Deinen Kommentar erst einmal aus dem Spam-Ordner-Verlies befreien.
      Bei diesem Bilderbuch kommen mathematisch und philosophisch zugeneigte Kinder voll auf ihre Kosten.
      Ja, wir sind besser auf lineares Wachstum eingestellt, exponentielles Wachstum ist gewissermaßen „unbegreiflich“ für unsere unmittelbare Wahrnehmung.

      Gefällt 3 Personen

      • Ach je, was hab ich da wohl wieder gesucht? Der Spam-Keller scheint mir wohl zugefallen.😀 Dankeschön fürs befreien.
        Ich wünsche dir einen schönen Abend. Zum unzählige Sterne zählen ist es leider zu wolkig. Hätten sonst üben können.

        Gefällt 2 Personen

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