Was wir uns wünschen

  • von Ulf Stark
  • Originaltitel: »En liten bok om kärlek«
  • Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
  • Mit Schwarz-weiß-Illustrationen von Lina Bodén
  • Verlag Urachhaus     August 2016   www.urachhaus.com
  • gebunden
  • 112 Seiten
  • 12,90 € (D), 13,30 € (A)
  • ISBN 978-3-8251-7984-7
  • ab 7 Jahren
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MIT  GEFÜHL

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Was wir uns wünschen“ ist eine warmherzige Weihnachtsgeschichte, die in der Vergangenheit spielt und gleichwohl die Zeitlosigkeit elementarer zwischenmenschlicher Bedürfnisse zeigt.

Eine Kindheit im Krieg ist kein Zuckerschlecken; davon kann der Junge Fred ein Lied singen. Alle Lebensmittel sind rationiert, und zum alltäglichen Mangel kommt ein besonders kalter Winter belastend hinzu. Seine Mutter, zu der er ein sehr inniges Verhältnis hat, arbeitet als Straßenbahnschaffnerin, und Fred hilft nachmittags einem freundlichen Nachbarn als Ausrufer und Lieferant beim Weihnachtsbaummarktstand aus.

So kann er auch etwas zum Haushalt beitragen. Fred darf zusätzlich zu seiner kleinen Umsatzbeteiligung alle Holz- und Zweigreste mitnehmen, mit denen später der häusliche Kachelofen befeuert wird.

Fred vermißt seinen Vater, der als Soldat an der Grenze zu Finnland dient, und er ärgert sich über den Politiker mit dem kleinen schwarzen Schnurrbart, der diesen Krieg angefangen hat.

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Illustration von Lina Bodén © Verlag Urachhaus 2016

Wenn Fred wichtige Lebensfragen hat, setzt er sich in die Kleiderkammer unter den Sonntagsanzug seines Vaters und holt sich väterlichen Rat, indem er das Rauschen der Lüftungsklappe in echte Antworten uminterpretiert. Manche Dinge muß man eben von zu Mann zu Mann besprechen.

Fred ist sehr gut in Mathematik und heimlich verliebt in seine Klassenkameradin Elsa. Bei der nächsten Klassenarbeit versucht er, Elsa die Lösung für eine Rechenaufgabe, mit der sie offensichtlich nicht klar kommt, zuzustecken. Dabei wird er erwischt, und seine Absicht, sich bei Elsa beliebt zu machen, wird pompös und peinlich verfehlt.

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Illustration von Lina Bodén © Verlag Urachhaus 2016

Nach der Schule arbeitet er wieder am Weihnachtsbaumstand und bedient eine elegante, offensichtlich wohlhabende Dame. Fred trägt ihr den Weihnachtsbaum nach Hause, und sie gibt ihm ein sehr üppiges Trinkgeld. Seufzend äußert sie ihren Wunsch nach Frieden, und Fred (dessen Name Frieden bedeutet) stimmt ihr zu. Daraufhin schenkt sie ihm noch eine Tafel Schokolade und ein kristallenes Parfümfläschchen, in dem noch ein kleiner Rest von Parfüm ist. Fred hält die Dame für eine gute Fee, denn immer, wenn er ein Tröpfchen von ihrem Parfüm verreibt, fühlt er sich froh und zuversichtlich.

Fred beratschlagt sich in seinen imaginativen Gesprächen mit seinem Vater, wie er das Mogelzettelproblem lösen und Elsas Herz erreichen könne. Liebe sei nichts für Feiglinge, meint sein Vater.

Fred besteht in den folgenden Tagen eine Mutprobe ganz anderer Art als geplant. Geplant ist ein offenes Wort an Elsa; das führt jedoch, durch Freds schüchterne Wortverlegenheit, nur zu weiteren Mißverständnissen. Ungeplant und ganz spontan öffnen Fred und sein bester Kumpel Oskar heimlich die Schulvitrine mit den naturwissenschaftlichen Schauobjekten und bekleben das dortige Skelett mit einem Hitlerbärtchen aus schwarzem Isolierband.

Am nächsten Schultag gibt es auf der Suche nach den „Tätern“ ein dickes Donnerwetter vom Schuldirektor. Fred und Oskar beweisen Zivilcourage und gestehen ihren Streich. Sie bekommen eine Verwarnung und eine Fünf in Betragen. Bei der Verwarnung, die von der Klassenlehrerin für die Eltern verfaßt wird, beweist diese wiederum viel Zivilcourage durch die unkonventionelle Formulierung, die ein ausdrückliches Lob für den Schülerstreich enthält.  Dementsprechend positiv reagiert Freds Mutter, die zudem mein, daß Freds Vater stolz auf seinen Sohn wäre, wenn er von seiner „Heldentat“ erführe.

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Illustration von Lina Bodén © Verlag Urachhaus 2016

Von seinem Vater weiß Fred, daß man für die Liebe manchmal ein Opfer bringen müsse. Also packt er seine Trinkgeld-Schokolade in ein herausgerissenes Blatt aus einem alten Popeye-Comic und schreibt ein Liebesbriefchen dazu. Beide Gaben schmuggelt er am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien in Elsas Schreibpult.

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Illustration von Lina Bodén © Verlag Urachhaus 2016

Obwohl sein Brief ein wenig holperig und ungeschickt ist, kommt er entschieden positiv bei Elsa an. Sie wartet auf dem Schulhof auf Fred und begleitet ihn zum Weihnachts-baummarktstand, wo er noch einen versprochenen Restweihnachtsbaum abholen darf. Gemeinsam tragen sie den Baum zu Freds Wohnhaus. Dort umarmt Elsa Fred und schenkt ihm einen blauen Taschenspiegel mit der Bemerkung: „Wenn du da reinguckst, siehst du einen, den ich gern hab.“ (Seite 89)

Nun, diese Herzensangelegenheit ist schon mal gut eingefädelt und läßt hoffen. Und die Sehnsucht nach dem Vater wird ganz überraschend auch noch gestillt – wenigstens für Heiligabend …

Ulf Stark transportiert uns mit seinem einfühlsamen Text schnurstracks in Freds Herz. Schon nach wenigen Seiten ist der atmosphärische Zeitsprung in die Vergangenheit perfekt, und die verschiedenen Charaktere werden uns vertraut. Freds Klassenlehrerin, die eine wahre pädagogische Lichtgestalt repräsentiert, verdient ganz besondere Leseaufmerksamkeit.

Die feinen, konzentrierten Schwarz-weiß-Illustrationen von Lina Bodén bringen den Zeitgeist und die Gefühlstemperatur der Erzählung stimmungsvoll zur Geltung.

Anrührend sind außerdem die – im Vergleich zu heutigen Usancen –  bescheidenen kindlichen Weihnachtswünsche. Es geht um Schlittschuhe und eine Mundharmonika, aber ansonsten ist der Wunschtraum nach üppigen Nahrungsmitteln und nach Frieden viel ausgeprägter als der nach spielerischen Dingen. Fred zeigt auch großen Einfalls- reichtum beim Geschenkebasteln. So holt er vom Schrottplatz Messingmuttern, poliert sie blank und fädelt sie zu einem glänzenden Armband auf, das er seiner Mutter schenkt.

In einer Sprache, die einfach und zugleich ganz zartfühlend und sinnlich-greifbar ist, stellt der Autor die kindlichen Herzensregungen dar: voller Mitgefühl, mit leisem Tiefgang und mit einer freundlichen Portion schelmischen Humors.

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
http://www.urachhaus.de/buecher/9783825179847/was-wir-uns-wuenschen

Der Autor:

»Ulf Stark, geboren 1944 in Stockholm, knüpfte bereits in seiner Gymnasialzeit Kontakte zu Schriftsteller- und Künstlerkreisen und debütierte 19-jährig mit einem Lyrikband. Seit Jahrzehnten ist er freier Kinderbuchautor und seine Bücher sind nicht nur in Schweden, sondern auch in vielen anderen Ländern sehr erfolgreich und wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit der Nils-Holgersson-Plakette, dem Astrid-Lindgren-Preis und dem Deutschen Jugendliteraturpreis

Die Illustratorin:

»Lina Bodén, geboren 1980 in Stockholm, hat an der traditionsreichen Beckmanns Designhochschule studiert und malt seit fast einem Jahrzehnt erfolgreich Illustrationen für Kinderbücher und Belletristik, für Zeitungen, Werbung, Verpackungen und Textildruck. Sie lebt mit ihrer Familie in Stockholm.«

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40 Kommentare zu “Was wir uns wünschen

  1. Liebste Ulrike, das ist ein wundervolles Buch…….ich habe gerade die Leseprobe angefangen und nach den ersten 2 Sätzen war ich gefangen…..Meine Eltern gaben mir den Namen Fred, das heisst Frieden…Doch das half nicht, der Krieg brach trotzdem aus………… wie genial ist denn ein solcher Anfang? Es klingt nicht nach dem Beginn einer Weihnachtsgeschichte, aber macht Hunger auf mehr. Allerliebste Grüße von mir an Dich

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  2. Muß ein wundervolles Buch sein, liebe Ulrike.
    Ein liebenswerter kleiner Junge, der mit Mathe keinerlei Probleme hat (erinnert mich doch sehr an einen lieben Freund 🙂 ), dafür hapert es aber bei seiner ersten Liebeserklärung.
    Dazu gehört aber auch wirklich viel Mut, nicht nur bei kleinen Mathegenies *g*

    Eine Weihnachtsgeschichte wie gemalt…

    Lächelnd Bruni am Abend

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  3. Jauchzet, frohlocket…
    Die Bücherfee hat ein Buch von Ulf Stark im Gepäck. Da haben sich zwei gefunden, die gut zusammen passen. 🙂
    Bei Ulf Stark muss ich, zugegeben, immer an Ludwig van Beethoven denken. Genau genommen an dessen Aussage über Johann Sebastian Bach: «Nicht Bach, Meer sollte er heißen.» In ähnlicher Weise wundere ich mich immer wieder darüber, warum ein so bärenstarker Autor „Ulf“ heißt.
    Man muss bei dieser Einleitung nicht hellseherisch oder zwischendenzeilenleserisch begabt sein um zu erkennen, dass mir dieser Autor sehr am Herzen liegt. Hier hast du ein Buch gefunden, das ich noch nicht kenne. Aber in deiner liebevoll-informativen Beschreibung finde ich – eine nach der anderen, wie Kugeln am Weihnachtsbaum – die Qualitäten wieder, die ich an Ulf Stark so sehr schätze. Das weckt nicht nur große Lust auf dieses Buch, sondern regt auch das Verlangen nach einem Wiederlesen der bereits im Bücherschrank vorhandenen Schätze dieses Autors an. Bücherfeenzauber macht’s möglich… 🙂

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    • Oh ja, frohlockt habe ich sehr bei der Lektüre dieses Kinderbuches wahrhaftig, denn es hat wunderschöne, herzbelichtende Saiten, und ich habe mir vorgenommen me(e)hr von Ulf Stark zu lesen.
      „Wichtelweihnacht im Winterwald“ steht bereits auf meiner Lesewunschliste … Falls Du mir einige Bücher von Ulf Stark besonders ans Herz legen magst, nur zu.
      Seine Bemerkung über Bach finde ich sehr treffend und nimmt mich zusätzlich für ihn ein.
      Ulf heißt doch Wolf, oder? Ein Wolf ist auch stark, natürlich auf andere Weise als ein Bär.
      Ich danke Dir herzerfreut für Deinen informativen und zugeneigten Kommentar und wünsche Dir viel Vergnügen bei der Relektüre Deiner Ulf-Stark-Bücherschätze … 🙂

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      • Ja, da hast du einen guten Vorsatz gefasst. 🙂 Die Wichtelweihnacht kenne ich nicht. Allerdings habe ich erstaunt festgestellt, dass es nur wenige Ulf Stark Bücher in deutscher Sprache gibt. -_- Von meinen Favoriten ist nur ein einziges dabei: Kannst du pfeifen, Johanna
        Nichts gegen einen Wolf – aber bärenstark ist er halt eben doch nicht. 😉
        Das Lesevergnügen wird sicher nicht ausbleiben – obwohl es keine leichtgewichtige Lektüre ist, liest sie sich angenehm leicht. Das geht runter wie Weihnachtskekse. 😉

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    • Danke, liebe Christiane,
      für das konkrete Beispiel. Ja, ich kenne vergleichbare Wünsche aus den Anekdoten der älteren Generation.
      Wertschätzung für einfache Lebensmittel täte uns, die im schädlichen Nahrungsmittelüberfluß leben, besser!
      Herzensgruß von mir zu Dir

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      • Gerade an Weihnachten ist es besonders krass.
        Aber nichts von diesen Gedanken passt zu diesem reizenden Buch (hoffe ich doch), liebe Ulrike, das ich nach dem Lesen deiner liebevollen Besprechung am liebsten wieder sofort und gleich kaufen würde.
        Liebe Grüße
        Christiane

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  4. Da geht die Sonne auf, liebe Bücherfee ☀. Und mir wird ganz warm ums Herz. Liebsten Dank für Deine feinfühlende Buchbeschreibung. Mut zur Liebe, zur Zivilcourage und der Wunsch nach Frieden. Als Krönchen fein gewürzt mit einer Prise Humor – was will man mehr?! Schon sind alle essentiellen Qualitäten da, die das Licht auch in die dunkleren Zeiten des Lebens strahlen lassen. Herzberührend empfinde ich auch die Kommunikation, die Fred mit seinem Vater pflegt. Danke für diesen Schatz liebe Ulrike 😘

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    • Danke, liebe Klangfee,
      für Deine achtsame Herzensresonanz auf dieses feine Kinderbuch. Mich hat die Kommunikationsform mit dem fernen Vater, die Fred für sich gefunden hat, ebenfalls besonders angerührt. Dieses Buch ist sehr konstruktiv, und ich stimme Dir zu, daß es die Qualität hat, Licht auch in dunklen Zeiten strahlen zu lassen. Ich freue mich sehr, daß Du das so feinfühlig bemerkt hast! 🙂

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      • Seitdem ich in Deiner Lesewelt spazieren gehen darf, sind mir schon einige wundervolle Schätze begegnet, die Du ganz zauberhaft vorstellst. Es ist sehr ermutigend zu sehen, welch großartige, stärkende Bücher es für Kinder gibt! Quasi für alle Lebenslagen. Ganz nebenbei stärken sie auch die Er-wachsenen, so dieselben sich darauf einlassen ;-). Liebste Herzensgrüße von mir zu Dir 💕

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  5. Schön! Ich habe gerade gestern noch darüber nachgedacht, wie sich die Erfahrungen der NS-Zeit heute noch vermitteln lassen, von Menschen, die selbst diese Zeit nicht mehr miterlebt haben an Menschen, denen diese Zeit nichts mehr bedeutet. Vermutlich ist es der richtige Weg, dass eben nicht über Hitlerbücher zu tun, sondern über Literatur, die sich mit den ‚ewigen‘ Themen beschäftigt, mit Liebe und Freundschaft, mit Mut und Verlust.

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    • Ja, dieses Kinderbuch vermittelt einfühlsam, aus wie vielen sozialen Bausteinen eine Gesellschaft besteht und welchen Spielraum jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten und seines individuellen Mutes hat.
      Es sind ganz alltägliche Menschen, Lebensbedürfnisse und universell zwischenmenschliche Themen, die in dieser Geschichte dargestellt werden – zwar vor der Kulisse des 2.Weltkrieges, aber eben auch zeitlos.

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