Was das Gedicht alles kann: Alles

  • Eine Führung durch das Haus der Poesie
  • von Robert Gernhardt
  • 5 Poetikvorlesungen / Live-Mitschnitt
  • Sprecher: Robert Gernhardt
  • Produktion: Der Hörverlag 2002   www.hoerverlag.de
  • erschienen Januar 2010
  • Buchvorlage S. Fischer
  • 5 CDs in Pappschuber
  • Laufzeit ca. 290 Minuten
  • 29,95 € (D), 33,60 € (A), 41,90 sFr
  • ISBN 978-3-86717-347-6
    Was das Gedicht alles kann Alles von Robert Gernhardt

NEHMEN  SIE  RUHIG  MAL  WIEDER  EIN  GEDICHT  IN  DEN  MUND

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es ist eine LUST, Robert Gerndhardts ebenso heiteres wie kluges Plädoyer für die Poesie zu lauschen!

Gernhardt beginnt seine fünfteilige Poetikvorlesung, indem er dem Wort Gedicht auf den Zahn fühlt, es umgangssprachlich durchkaut – „dieser Kuchen ist ja ein Gedicht“ – und sich und uns fragt, wieso in unserer Zeit – selbst bei „kapitalen Kulturmenschen“ – eine solch beträchtliche Lyrikignoranz herrsche. Und – wie uns Gernhardt wissen läßt – selbst Goethe klagte schon in einem Brief an Schiller, daß das Großstadtpublikum viel zu zerstreuungssüchtig sei, um sich mit der gebotenen Sammlung und Konzentration der Poesie zu widmen.

Launig zitiert Gernhardt literaturwissenschaftliche Standardwerke und ihre Poetikdefinitionen, um sie sodann mit praktischen Gedichtbeispielen zu konterkarieren. Gekonnt versteht er es, das selbst Gelesene mit selbst Geschriebenem geistreich und amüsant zu verbinden.

Sein Streifzug durch das Haus der Poesie führt uns in viele Zimmer, wenn auch nicht in alle. Diese architektonische Ordnung ist anschaulich und thematisch sowie wortwörtlich raumfüllend. Wir beginnen mit der Krabbelstube und dem Kinderzimmer und belauschen Stabreim und Endreim-Gedichte, im Schulzimmer lernen wir mit Merkversen, und im Clubraum wird es langsam anspruchsvoller: Xenien und Distichen werden erklärt und mit Gedichtproben erläutert.

Im Lesesaal geht es um Dichtung als Gesellungsmedium, um Dichter, die auf Dichter antworten, um Terzinen und Alexandriner, um Nachgedichtetes und Gegengedichtetes, beiläufig auch um Lyrikkritik sowie um die Möglichkeit der Kommunikations-beschleunigung und -Veredelung durch den lyrisch belesenen und kennerischen, pingpong-mäßigen Austausch von Gedichtzeilen.

In der Werkstatt vermittelt Gernhardt Wissenswertes zum Handwerk des Dichtens, zu Ordnung, Systematik, Vers, Zeile, Strophe, Reim, Reimfolgen und Rhythmus. Er betont die suggestive Kraft des Reims, der sich äußerst vielseitig einsetzen läßt in beispielsweise wenig kunstvollen, doch einprägsamen Paarreimen für Demo-Transparente und Werbesprüche  oder – wesentlich komplexer und kunstvoller – durch Terzinen und Stanzen.

Hingebungsvoll schwärmt er vom Sonett und unterscheidet ungeniert zwischen ordentlichen und verwahrlosten Sonetten. Vollends entzückt zeigt er sich von den – leider vergriffenen –  Kriminal-Sonetten von Ludwig Rubiner, Friedrich Eisenlohr und Livingstone Hahn aus dem Jahr 1913.

Gernhardt führt uns weiter in den Schlafraum der Lieder, ins Sterbezimmer, ins Krankenzimmer, in den Fundus, ins Kuriositätenkabinett, in den Elfenbeinturm und in die Schatzkammer.

Auch Anagramm und Akrostichon werden in ihrem abgelegenen Winkel besucht und angemessen gewürdigt.

In seinen Poesievorlesungen macht Gernhardt Literaturgeschichte ebenso lehrreich wie vergnüglich lebendig. Mit Esprit und freudiger Wortverspieltheit, trefflichen Zitaten, unkonventionellen Verknüpfungen und Selbstironie streift er von Goethe zu Schiller und Hölderlin, von Heine zu Brecht, von Enzensberger zu Eichendorff, von Peter Rühmkorf zu Ernst Jandl …

Er lustwandelt von Komik zu Ernst, von Lob zu Tadel, von Bewunderung zu Parodie, von Reflexion zu Paraphrase und von Nonsens zu Tiefsinn.

Wer bei Robert Gernhardts köstlicher Vorlesung nicht auf den Geschmack der Gedichte kommt, der ist für die Poesie wohl für immer verloren.

Mit seinem begeisterten, sprachsouveränen und zugewandten Vortragsstil bringt er Wort und Text nuancenreich zum Klingen. Gernhardt verfügt über eine poetische Präsenz, die in diesen O-Ton Aufnahmen geradezu ansteckend zum Ausdruck kommt.

Läßt sich Liebe zur Lyrik wirksamer wecken?

 

Und hier geht es zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Was-das-Gedicht-alles-kann:-Alles/Robert-Gernhardt/der-Hoerverlag/e386642.rhd

Der Autor:

»Robert Gernhardt, geboren 1937 in Reval/Estland, hatte viele Talente. Er studierte Malerei und Germanistik in Stuttgart und Berlin; er war Maler, Zeichner, Schriftsteller, Satiriker und Cartoonist. Seine größten Erfolge feierte er mit seinen satirischen Cartoons in Zeitschriften wie PARDON und TITANIC; außerdem sind mehrere Bände mit satirischen Texten von ihm erschienen, z.B. Die Toscana-Therapie und Kippfigur. Einem breiteren Publikum wurde er als Drehbuchautor der Otto-Filme bekannt. Er starb 2006.
Sein umfangreiches Werk erscheint bei S. Fischer, zuletzt „Toscana mia“ (2011) und „Hinter der Kurve“ (2012). Gernhardt erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Heinrich-Heine-Preis und den Wilhelm-Busch-Preis. Neben „In Zungen reden“ sind von Robert Gernhardt im Hörverlag erschienen: „Ostergeschichte“, „Die Falle“, „Was das Gedicht alles kann: Alles“ und „Versonnen blickt der Borstenigel“

Querverweis:

Hier entlang für weitere O-Ton-Poetisierungen von Robert Gernhardt:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/09/18/in-zungen-reden/

 

 

Advertisements

43 Kommentare zu “Was das Gedicht alles kann: Alles

  1. Molche und Kragenbären klingt vergnüglich und Gernhardts Lektüre mundet mir sicherlich vorzüglich, liebe Ulrike.
    Ich habe mich durch die Kommis hindurchgelesen und mich sehr gut unterhalten, war ja zu erwarten 🙂 Leider brauche zum Schreiben so irrsinnig lange inzwischen.
    Ich kanns selbst kaum glauben, aber es ist so.

    Herzlichst, allem zumTrotz, verdammt noch mal, lass mich fluchen und drei Tränchen vergießen,
    es wird ja wieder besser. Aber es dauert und ich mich *räusper
    Bruni am Abend

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Ulrike,

    ab heute kannst du dir zugute halten, eine Seele vor dem Verlust ihrer Poesie bewahrt zu haben! Das klingt so reizvoll, dass ich mir das Hörbuch sofort bestellen werde!
    Und das, obwohl ich gerade dabei war, der Dichtkunst eine Absage zu erteilen:

    ABDICHTUNG:

    Ein nicht ganz dichter Dichter dichtete mal so:
    Gut dichten kann ich nicht, doch macht mich’s froh!
    Der Reim, er fügt sich meinem Wollen,
    Und fragt nicht lang, ob’s Sinn hätt‘ haben sollen;
    Es klingt recht hübsch die Melodei,
    Des Sängers Botschaft: einerlei!

    :~) Michael

    Gefällt 2 Personen

  3. Für die Lyrik breche ich jederzeit eine Lanze. Mein 9-jährige Tochter erforscht gerade den Reichtum der deutschen Sprache über Gedichte, und ich kenne keine entspanntere Lektüre abends als ein paar Gedichte von Rilke oder Heine. 😄

    Gefällt 3 Personen

  4. Ein schöner Titel, liebe Ulrike, denn in einem gewissen Sinne können Poeme wirklich „alles“
    *lächel* obwohl das ein seeeehr hoher Anspruch zu sein scheint, aber in der Welt der Fantasie sicherlich „fast“ alles …
    Es scheinen interessante Poesie-Vorlesungen zu sein, über die du hier gekonnt wie immer berichtest, könnte ein xmasgift for finbarsgift werden *g*
    Hab einen feinen Tag! Herzliche Herbstgrüße
    vom Finbar

    Gefällt 2 Personen

  5. Liebe Ulrike, vielen vielen Dank für deinen Beitrag. Es ist nicht nur bei Gerhardt zu sehen, dass Lyrik Spaß machen kann und auch heute keine vergessene Gattung sein sollte. Auch in deinen Zeilen steht die Begeisterung für Lyrik.

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Eva-Maria,
      wie schön, mit Dir eine weitere Poesieverbündetete in dieser Runde begrüßen zu dürfen.
      Es stimmt, daß ich sehr lyrikaffin bin. Ich war das schon zu Schulzeiten, und ich war – glaube ich – die Einzige, die sich im Deutsch-LK an Versmaß und Sprachrhythmus von Goethes „Iphigenie auf Tauris“ BERAUSCHEN konnte … 🙂

      Gefällt 2 Personen

  6. Da bin ich nun tatsächlich über das Wort „Gesellungsmedium“ gestolpert, natürlich prompt auf der Fresse gelandet und muss nun hoffen, dass der ein Gedicht seiende Kuchen nicht gar zu hart sei.
    Das treue, leselebenszeichenlesende Publikum genießt bei dieser Publikation den entscheidenden Vorteil, sich an Ulrike Bücherfeens Hand durch die Gemächer im Haus der Poesie führen lassen zu können. Da gehen Führung und Verführung Hand in Hand.
    Ähnliches ist auf der Verlagswebseite leider nicht der Fall (da mag sich das Verlagshaus «random» nennen, so viel es will). Wer Gernhardt nicht bereits gern hat, würde hier wahrscheinlich denken: «Die können mich gern haben.»
    Das Gedicht hat es tatsächlich schwer. Wenn einer generell eher kulturmuffeligen Gesellschaft der letzte Rest von Lyriklust auf Schulbänken ausgetrieben wird, dann ist die von dir beschriebene vergnügliche Lebendigkeit unbedingt vonnöten, damit auf die lehrreichen Aspekte nicht gellend gepfiffen wird.
    Aber wer sich von dir nicht mitreißen lässt, bei Robert Gernhardts Lyrik-Trip mitzureisen, der kauft wahrscheinlich besser ein Backrezeptebuch, damit wenigstens der nächste Kuchen ein Gedicht wird. 🙂

    Gefällt 6 Personen

    • Robert Gernhardt hört sich auch wortwörtlich toll an, da seine Vortragsweise so gekonnt und ungezwungen ist.
      Die Molche und Kragenbären finden beiläufig auch Erwähnung in diesen Poetikvorlesungen.
      Ich danke sehr für Dein lebhaftes Interesse!

      Gefällt 4 Personen

Sie dürfen gerne ein Wörtchen mitreden, wenn's konveniert!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s