Aus der Lesevorratskammer Nr. 2

Buchbesprechungssammelsurium von Ulrike Sokul ©

Meiner Meinung nach werden Neuerscheinungen maßlos überbewertet. Daher nutze ich die Publizierungsfreiheit, über die ich hier verfüge, um einige ältere Titel aus der Lesevorratskammer ins Rampenlicht der Leseaufmerksamkeit zu stellen.
Außerdem ist Sommerferienzeit, da ist vielleicht – dank größeren Zeitwohlstandes – der Leseappetit ebenfalls größer.

Ich eröffne den Reigen mit leichter Lesekost:

Stella Gibbons
Der Sommernachtsball
Roman
MANHATTTAN Verlag
558 Seiten

Der Sommernachtsball von Stella Gibbons

Der „Sommernachtsball“ von Stella Gibbons ist eine vergnügliche Lektüre mit gleichwohl nachdenklichen Seiten. Die englische Originalausgabe erschien in den 1930er-Jahren; bei der nun vorliegenden Übersetzung von Gertrud Wittich handelt es sich um die deutsche Erstausgabe. Vordergründig bekommen  wir hier eine Aschenputtelvariante zu lesen:

In Stella Gibbons Roman ist das Aschenputtelthema die ROMANtische Verpackung für eine scharfsinnige, selbstironisch-sozialkritische Darstellung zwischenmenschlicher Stärken und Schwächen. Die Charaktere werden uns geschminkt und ungeschminkt vorgeführt. Es bleibt uns nichts erspart: keine Dummheit, Selbstgefälligkeit und Eitelkeit, keine männlichen und weiblichen Klischees, aber auch keine echte Herzensöffnung. Die Entwicklung der Figuren bekommt dadurch eine angenehm-desillusionierende, amüsante und zeitlose Glaubwürdigkeit.

Die Einblicke in die hintersten Hinterstübchen ihrer Gedanken (Seite 44) gehören zu den psychologischen Stilmitteln, die diesem Roman einen besonderen und augenzwinkernd-bissigen Reiz verleihen.

Hier geht es zur vollständige Rezension:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/01/15/der-sommernachtsball/

 

Ein Roman für kinderliebe Erwachsene:

Der beste Freund, den man sich denken kann
Roman
von Matthew Dicks
Berlin Verlag
448 Seiten
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„Der beste Freund, den man sich denken kann“   –  nämlich ein imaginärer Kindheitsfreund  – vermittelt in diesem Buch einen lebhaften, humorvoll-nachdenklichen Eindruck vom Leben und Umgang mit dem Asperger-Syndrom.

Budo ist der imaginäre Freund des neunjährigen Max. Max hat das Asperger-Syndrom und keine Freunde, da Sozialkontakte für ihn ein fast unüberwindliches Problem bzw. – genauer ausgedrückt  –  ein schwer zu lösendes Rätsel sind. Was für die meisten Menschen eine selbstverständliche und einfache Angelegenheit ist, erscheint für Max kompliziert, beängstigend und verwirrend undurchschaubar.

Budo liefert uns folgende Erklärung: „Max mag Menschen nun mal nicht so gern wie andere Kinder es tun. Er mag Menschen schon, aber es ist eine andere Art von mögen. Er mag sie von Weitem.“  (Seite 16)

Max ist gerne alleine und spielt gerne alleine, aber seinen imaginären Freund hat er sich maßgeschneidert zu seinen Bedürfnissen ausgedacht und ihn mit großer Sorgfalt gestaltet. Deshalb sieht Budo aus wie ein richtiger Junge und nicht wie ein Stofftier, eine Märchengestalt oder ein nur flüchtig hingekritzeltes Strichmännlein.

Das tragende Element von Maxens und Budos Beziehung ist, daß Budo kein Bedürfnis hegt, Max zu verändern, und ihn einfach so sein läßt, wie er ist. Das ist etwas, was die meisten anderen Menschen, einschließlich Maxens Eltern, nicht oder nur zum Teil können.

Ich verbringe fast den ganzen Tag mit ihm und sehe, wie anders er ist verglichen mit den Kindern in seiner Klasse. Max lebt auf der Innenseite, und die anderen Kinder leben auf der Außenseite. Das macht ihn so anders. Max hat keine Außenseite. Max besteht komplett aus Innenseite.“ (Seite 28)

Hier geht es zur vollständigen Rezension:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/06/26/der-beste-freund-den-man-sich-denken-kann/

Und immer heiter weiter:

Mein innerer Elvis
Roman
von Jana Scheerer
Verlag Schöffling & Co
245 Seiten
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„Das Glück ist wie das Licht, es braucht den Schatten des Leides!“

Das ist mein Lieblingssatz aus Jana Scheerers Buch:„Mein innerer Elvis“. Diese Weisheit leitet eine sehr amüsante Szene ein, bei der Antje von ihrer kleinen, sechsjährigen Schwester Klara dazu aufgefordert wird, mit ihr „Paartherapie“ zu spielen.

Antje wird bald 16 und hat am gleichen Tag wie Elvis Geburtstag, und sie liebt Elvis und seine Musik. Und sie will nach Graceland, um selbst herauszufinden, ob Elvis noch lebt oder nicht.

Antjes Vater ist Dozent und sehr dick, vielleicht sogar fett. Das Thema Übergewicht spielt eine ungewisse Rolle in der weiteren Geschichte, denn ich war mir nie ganz sicher, ob Antje und ihr Vater wirklich sooo fett sind oder ob Antjes Wahrnehmung übertrieben ist.

Die  schlanke Mutter ist Psychologin und wartet ein wenig zu häufig mit psychologischen Erklärungen auf, die meist eine eher peinliche, als hilfreiche Wirkung haben, aber in der töchterlichen Reflexion sehr treffend ironisch gebrochen werden.

Die Familie verbringt ihren Sommerurlaub in Amerika und besucht einen ehemaligen Kollegen des Vaters, der vor einigen Jahren an einem Forschungsprojekt in Deutschland teilgenommen hat und dessen Tochter Nelly ein Jahr mit Antje zur Schule gegangen ist.

Die pädagogisch verordnete Freundschaft der beiden Mädels funktioniert in beiderseitiger Ablehnung kein bißchen, aber bis nach Graceland raufen sie sich doch mehr oder weniger zusammen …

Außerdem erfreut uns das Buch mit sehr gelungenen, scharfsinnigen Kommentaren zur unterschiedlichen deutschen und amerikanischen Mentalität.

Hier geht es zur vollständigen Rezension:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/14/mein-innerer-elvis/

 

Jetzt wird es ernst:

Wem gehört Deutschland?
Die wahren Machthaber und das Märchen vom Volksvermögen
von Jens Berger
WESTEND Verlag
218 Seiten

Wem gehört Deutschland
Alljährlich können wir in zahlreichen Veröffentlichungen von Banken und in der Tagespresse nachlesen, um wie viel das Geldvermögen der privaten Haushalte wieder einmal gestiegen sei. Viel seltener liest man dagegen etwas über die Spreizung der Vermögensschere und die Reichtumsunmäßigkeiten in unserem reichen Land.

Jens Berger befaßt sich in seinem Buch „Wem gehört Deutschland?“ ausführlich damit, diesen statistischen Reichtum den tatsächlichen Vermögensinhabern zuzuordnen. Außerdem faßt er aufschlußreich zusammen, welcher EinflußREICHTUM auf Politik und Gesellschaft damit in Verbindung steht.

Die mehr als 5 Billionen Euro privaten Geldvermögens sind leider kein Ruhekissen fürs Volk, sondern sie konzentrieren sich zum größten Teil bei einer elitären Minderheit. Das Statistische Bundesamt untersucht keine Haushalte, deren Einkommen mehr als 18 000 Euro pro Monat beträgt. Während Armut statistisch lückenlos erfaßt und präzise definiert wird, gibt es offenbar für die Superreichen einen Schonraum.

Und kommen Sie mir jetzt nicht mit der Unterstellung von Neidgefühlen. Vermögen ist nicht einfach nur Geld. Es geht hier nicht um das Geld, das in existenziellen oder luxuriösen Konsum umgesetzt wird, sondern um sehr viel äußerst „überflüssiges“ Geld. Solche großen Vermögen bedeuten Macht und großen Einfluß auf die Politik unseres Landes.

Viele der auflagenstärksten Tageszeitungen sind im Besitz von Personen und Familien, deren Vermögen sich in drei bis vierstelliger Millionenhöhe befindet. Da brauchen wir uns nicht mehr zu wundern, wessen Interessen in den entsprechenden Medien vertreten werden und daß Themen wie die extreme Öffnung der Vermögensschere oder gar die Wiedereinführung der Vermögenssteuer keine Berichtenswertigkeit haben.

Jens Berger beschreibt in klaren Worten und mit überdeutlichen Zahlen, wie sich in unserem Verteilungssystem privater Reichtum und öffentliche Armut wechselseitig bedingen.

Vollständige Rezension: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/27/wem-gehort-deutschland/

Auch Schwermut kann ich Ihnen nicht ersparen:

Die Brandungswelle
Roman
von Claudie Gallay
btb Verlag
557 Seiten

Die Brandungswelle von Claudie Gallay
„Die Brandungswelle“
wird von einem Ich erzählt, dessen Namen wir bis zum Schluß nicht erfahren, doch das fällt mir erst jetzt beim Schreiben dieser Buchbesprechung auf. Auch der verstorbene Liebste der Erzählerin, an den sie manchmal unmittelbar das Wort richtet, bleibt für uns Leser ein namenloses Du.

Die Erzählerin ist Biologiedozentin, hat sich nach dem Tod ihres Mannes von der Universität beurlauben lassen und sichtet nun im Auftrag eines ornitologischen Zentrums Vögel an der nordwestlichen Küste der Normandie. In dem kleinen Hafenort La Hague wohnt sie im ersten Stockwerk eines Hauses, das gefährlich nah am Meer steht. Im Stockwerk darunter wohnt der Bildhauer Raphaël zusammen mit seiner jüngeren Schwester Morgane. Diese drei Zugereisten leben familiär-freundschaftlich beieinander.

Jeder ist auf seine Weise in La Hague gestrandet und vorläufig geblieben. Jeder respektiert den verletzlichen Gefühlsraum und das Schweigen des anderen, überbrückt aber auch die individuelle Einsamkeit durch eine Form des Mitgefühls, die mehr in körperlichen Gesten als in tiefschürfenden Worten  zum Ausdruck kommt.

Lambert,  ein neuer Gast in La Hague, erweckt die vorsichtige Neugier der Erzählerin und sorgt bei den Einheimischen für Unruhe. Er bezieht das alte Ferienhaus seiner Eltern, und wir erfahren, daß er als Kind bei einem tragischen Bootsunfall seine Eltern und seinen kleinen Bruder verloren hat …

Während Lambert seine Nachforschungen vorantreibt und auch die Erzählerin ihren Anteil am Entwirren der Schicksalsfäden hat, kommen sich diese beiden verlustgeprüften Menschen sehr behutsam und langsam näher.

Die Sprache, in der diese Geschichte vom Verlieren und Finden gestaltet ist, verdient besondere Beachtung; sie ist von ganz außergewöhnlicher Textur. Wie der Bildhauer Raphaël mit seinen Figuren unausgesprochenen Gefühlen sichtbare Gestalt gibt, so meißelt die Autorin ihre Geschichte aus der Sprache heraus: schnörkellos, karg, rauh, elementar, durchatmet von einer beeindruckenden Demut. Sie erschafft damit eine naturbelassene Gefühlslandschaft von starker und unmittelbarer Präsenz.

Vollständige Rezension: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2012/12/30/die-brandungswelle/

 

Und nun zur geistreich-heiteren Entspannung ein moderner Klassiker im vollendeten Hörspielgewand:

Tante Julia und der Kunstschreiber
Roman
von Mario Vargas Llosa
Hörspiel
der Hörverlag
10 CDs
Spielzeit 723 Minuten
Sprecher: André Jung, Herlinde Latzko, Christoph Bantzer u.a.

978-3-86717-725-2
Applaus – für  diese großartige Hörspielproduktion des Schweizer Radios DRS aus dem Jahre 2002! Acht Jahre vor der Verleihung des Literaturnobelpreises an Mario Vargas Llosa wurde seinem Roman „Tante Julia und der Kunstschreiber“ mit dieser Hörspielfassung  kongenial die Ehre gegeben.

Unter der Regie von Claude Pierre Salmony und der sehr originaltextnahen Hörspielbearbeitung und Co-Regie von Daniel Howald ist ein geistreicher und opulenter Ohrenschmaus entstanden. Mit viel Liebe zum Detail wurden die Dialoge mit Originalaufnahmen aus Lima hinterlegt. Die Geräusche von Straßen, Cafés und Kirchen sowie gelegentliche musikalische Einstreuungen tragen sehr zur dramaturgischen Einstimmung bei und werden durch die wiederkehrende, sehr tänzerische Einspielmelodie vor jedem neuen Kapitel ergänzt.

In „Tante Julia und der Kunstschreiber“ erzählt Vargas Llosa die autobiographisch inspirierte Liebesgeschichte von Mario und Julia. Im Lima der Fünfzigerjahre studiert Mario nachlässig Jura, arbeitet als Nachrichtenredakteur für Radio Panamericana und träumt davon, als Schriftsteller in einer Mansarde in Paris zu leben. Seine Erzählungen landen zwar meist im Papierkorb, aber Mario ist von seiner schriftstellerischen Berufung überzeugt. Er wohnt bei seinen Großeltern und ißt bei den diversen Tanten und Onkeln seines ausufernden Familienclans zu Mittag. Bei einem dieser Essen trifft er auf seine angeheiratete Tante Julia, die frisch geschieden nach Lima gekommen ist, um einen neuen Ehemann zu finden.

Am gleichen Tag hört er zudem zum ersten Mal von Pedro Camacho, dem neuen Hörspielautoren des Radiosenders. Die leibhaftige Begegnung mit dem Hörspielwunder läßt nicht lange auf sich warten, und Mario beobachtet staunend die unglaubliche Produktionsmenge und Schnelligkeit des eigenwilligen Schreibers. Pedro Camacho verfaßt und inszeniert neun Hörspielepisoden täglich und verschafft dem Sender große Hörerzuwächse und entsprechend höhere Werbeeinnahmen.

Pedro Camacho kultiviert diverse Manierismen: er trinkt Kamillentee mit Pfefferminze, er zelebriert höfische Verbeugungen und pflegt in jedes Hörspiel gnadenlos seine persönlichen Zu- und Abneigungen einzubauen; so ist die jeweilige Hauptfigur grundsätzlich „in der Blüte seiner Jahre, nämlich 50“, also genau in Pedro Camachos Alter.

Vargas Llosa wechselt die Kapitel der wirklichen Liebesgeschichte von Mario und Julia mit den fiktiven Hörspielepisoden von Pedro Camacho ab …

Und hier ist der Weg zur vollständigen Besprechung:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/20/tante-julia-und-der-kunstschreiber/

 

Für freche, etwas lesefaule, aber doch wortspielerisch ansprechbare Leser ab 8 Jahren habe ich noch etwas ganz Besonderes auf Lager:

Die Mr Gum-Reihe von Andy Stanton
mit charakterstarken Zeichnungen von David Tazzyman:
Band 1: Sie sind ein schlechter Mensch, Mr Gum!
Band 2: D Mr Gum und der Mürbekeksmilliardär
Band 3:Der entsetzliche Mr Gum und die Kobolde
DTV Verlag

sie_sind_ein_schlechter_mensch_mr_gum-9783423715065 mr_gum_und_der_muerbekeksmilliardaer-9783423715225
der_entsetzliche_mr_gum_und_die_kobolde-9783423715508Das Lesen dieser Buchbesprechung ist für Kinder verboten: Eltern haften für ihre Buchkaufent-scheidung! Es handelt sich um eine ganz schrecklich-lustige Buchreihe mit übersichtlicher Textmenge und komischen, demonstrativ-undekorativen Zeichnungen, die ausgezeichnet zum Text passen.

Das Leben in der kleinen Stadt „Bad Lamonisch an der Bibber“ könnte so friedlich sein, gäbe es nicht den alten Kinderschreck Mr Gum. Mr Gum ist STINKfaul, und das ist nicht bloß metaphorisch gemeint. Er wohnt in einem total verkommenen Haus, macht nie sein Bett und putzt sich nie und nimmer die Zähne. Er guckt alles und jeden stets nur grimmig und knurrig an, und wenn er überhaupt mal etwas tut, so klaut er Kindern die Spielsachen und macht sie kaputt, denn das verschafft ihm einsame Genugtuung. So lernen wir im ersten Band „Sie sind ein schlechter Mensch, Mr Gum“ den schlechten Menschen Mr Gum kennen und fürchten.

Nur sein Garten ist „der hübscheste, grünlichste, geblümteste, gartenartigste Garten von ganz Bad Lamonisch“.  Was niemand außer uns Lesern erfährt, ist folgendes: Mr Gum steht unter der SCHLAGfertigen Fuchtel einer Fee, die ihn mit der Bratpfanne* traktiert, wenn er den Garten nicht hübsch pflegt.

Ein häufiger und gern gesehener Gast in der ländlichen Kleinstadtidylle ist der Hund Jakob. Ein großer, pelziger, kinderfreundlicher und fröhlicher Hund, der zu niemand Bestimmtem gehört und bei Kindern und den meisten Erwachsenen sehr beliebt ist und der mit kleinen Leckereien durchgefüttert wird.

Eines schönen Tages (nicht, daß Mr Gum einen schönen Tag zu würdigen wüßte) entdeckt Jakob Mr Gums Garten und bringt dort alles durcheinander, und zwar drei Wochen lang täglich. Mr Gum wird durch die „Streicheleinheiten“ mit Bratpfanne, die seine Gartenaufsichtsfee ihm gnadenlos verabreicht, aus seinem Faulenzerdasein gerissen und überlegt sich einen teuflischen Plan, um den Hund loszuwerden …

Der Autor kombiniert den Handlungsverlauf der Geschichten mit typographischen Spezialeffekten, z.B. liebliche Schnörkelbuchstaben für die Beschreibung schöner Elemente, gaaanz kleine Buchstaben, wenn es was zu flüstern gibt, comicartige Lautmalereien bei dramatischen Szenen und Frakturschrift bei altertümlichen Formulierungen. Das unterstreicht auf abwechslungsreiche Weise die Ausdruckskraft des Textes.

Wortspielereien finden sich in den Mr Gum-Büchern wie das sprichwörtliche Heu im Heuhaufen, und dieser ganze improvisatorisch-spontan wirkende, flapsige Erzählstil und die irrwitzigen Wendungen und „lakomischen“ Randbemerkungen erinnern mich ein bißchen an die Werke von Helge Schneider.

Und hier müssen Sie weiterlesen, sonst Bratpfanne* … (s.o.) 😉 :
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/10/21/mr-gum-band-1-bis-3/

 

Aber auch für zartfühlende Gemüter ab 8 Jahren habe ich etwas:

Lola auf der Erbse
von Annette Mierswa
Tulipan Verlag
195 Seiten
ab 8 Jahren

  Lola

„Lola auf der Erbse“ ist keine Prinzessin auf der Erbse, sondern ein achtjähriges Mädchen, das mit seiner Mutter auf einem Hausboot lebt.

Lola ist klein für ihr Alter und wird oft für viel jünger gehalten, als sie ist. Die kleine Lola will nicht mehr wachsen, seitdem ihr Vater vor drei Jahren die Familie verlassen hat. Sie weigert sich auch, ihren Hals zu waschen, weil sie den letzten Kuß ihres Vaters dort gleichsam aufbewahrt. Außerdem trägt sie stets Schuhe mit einem weißen und einem schwarzen Schnürsenkel, um sich daran zu erinnern, „dass ihr Vater zuletzt gesagt hatte, alles habe zwei Seiten und sie solle immer darauf achten, beide zu sehen. Denn es gebe keinen Schatten ohne Licht, keinen schönen Tag ohne einen trüben und keine Mama ohne einen Papa.“ (Seite 7)

Kurz vor Lolas neuntem Geburtstag kommt es zu einer familiären Krise, weil Lolas Mutter sich neu verliebt hat. Lola ist wild entschlossen ist, den neuen Mann nicht zu mögen.

Die kindliche Anhänglichkeit und Solidarität mit dem Vater, die unterschwellige Hoffnung, der Vater möge vielleicht doch irgendwie zurückkehren, das Festhalten an alten Erinnerungsschätzen und die dennoch langsam aufkeimende Sympathie zu dem neuen Partner der Mutter werden sehr feinfühlig und in all ihrer aufwühlenden Widersprüchlichkeit erzählt.

„Lola auf der Erbse“  ist ein wunderbar warmherziger Kinderroman, in dem die Kinder Kinder sind und in dem die Erwachsenen  –  auf erfreulich unneurotische Weise  – erwachsen sind und eine zwischenmenschliche Orientierung bieten, an der ein Kind wahrlich wachsen kann.

Hier ist die vollständige Rezension:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/07/17/lola-auf-der-erbse/

Für ganz kleine Bücherlinge habe ich noch ein zauberhaftes Papp-Bilderbuch:

Heute bin ich Tigermaus
Allererste Vorlesegeschichten
von Stefanie Dahle
Arena Verlag
ab 2 ½ Jahren

978-3-401-09630-8.jpg Heute bin ich Tigermaus
Der kleine Mäuserich Friedrich lebt mit einigen Mitmäusen in einem gemütlichen Trödelladen. Des Nachts erkundet er das schöne Sammelsurium heimatloser Dinge.

In der Einstiegsgeschichte weckt eine rot-goldene Puderdose seine Mäuseneugier. Da er weiß, daß die Menschen sich mit Puder verschönern, beschließt er, sich ebenfalls mit diesem Puder anzuhübschen. Außerdem hofft er, damit nicht mehr so langweilig mausbraun auszusehen und  die Aufmerksamkeit der kleinen Mäusedame Milla zu erregen. Vor dem Schlafengehen bestäubt er sich ausgiebig mit dem Puder bis sein Fell vor lauter Puder glänzt und glitzert.

Als Friedrich in der nächsten Nacht aufwacht (zweite Geschichte), hat er ein Tigerfell. Offenbar enthält die Puderdose keinen gewöhnlichen Schminkpuder, sondern einen geheimnisvollen Zauberpuder. Stolz präsentiert er sich den anderen Mäusen als starke Tigermaus, aber die machen sich – mit Ausnahme von Milla – über ihn lustig. Und dann riecht er auch noch nach Katze, das ist gar nicht mäusemäßig. Also bestäubt er sich in der Hoffnung auf eine bessere Verwandlung erneut mit dem Zauberpuder…

„Heute bin ich Tigermaus“ von Stefanie Dahle  ist ein schönes, phantasievolles und warmherziges Vorlesebuch mit kurzen und trotzdem handlungsreichen Geschichten. Die ganzseitigen Illustrationen sind romantisch-verträumt, freundlich-bunt und im besten Sinne niedlich…

Link zur vollständigen Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/09/25/heute-bin-ich-tigermaus/

 

Und zu guter Letzt noch ein Bücherbuch für erwachsene Leser:

Ein Buchladen zum Verlieben
von Katarina Bivald
btb Verlag
445 Seiten

Ein Buchladen zum Verlieben von Katarina Bivald

Der Roman „Ein Buchladen zum Verlieben“ ist eine Liebeserklärung an Menschen (und ihre Schwächen) und eine Liebeserklärung an Bücher (und ihre Stärken). Das Buch handelt davon, wie Leseerfahrung zu Lebenserfahrung und Lebenserfahrung zu Leseerfahrung führen kann.

Es ist eine unterhaltsame Lektüre, die uns eine sympathisch unglamouröse, amerikanische Kleinstadtmilieustudie und ganz besondere alltägliche Menschen aufblättert.

Man nehme eine arbeitslose, mauerblumige Buchhändlerin (Sara) aus Schweden, die sich mehr mit Büchern als mit Menschen verbunden fühlt, die jedoch eine vertrauensvolle Brieffreundschaft mit einer belesenen, weise-abgeklärten alten Dame (Amy) aus einer angestaubten Kleinstadt (Broken Wheel) in Iowa (USA) pflegt. Amy lädt Sara sehr herzlich zu einer dreimonatigen Auszeit zu sich nach Hause ein, und Sara kommt gerade noch rechtzeitig in Broken Wheel an, um an Amys Begräbnis teilzunehmen.

Sara wird von Amys Freundes- und Nachbarschaftskreis dazu eingeladen, trotz des Todesfalles eine Weile zu bleiben und im Hause ihrer verstorbenen Gastgeberin zu wohnen.

Zögerlich läßt sich Sara auf dieses Abenteuer ein und lernt die Menschen, die sie aus Amys brieflichen Beschreibungen kennt, nun im wirklichen Leben kennen und nach und nach wirklich schätzen. Fast jedes Kapitel wird durch einen Brief Amys ergänzt, so daß die zwischenmenschlichen Vorgeschichten der relevanten Charaktere nacherzählt werden.

Da Sara die ihr entgegengebrachte allgemeine Großzügigkeit gerne erwidern möchte, kommt sie auf die Idee, in einem der vielen leerstehenden Ladenlokale der einzelhändlerisch fast ausgestorbenen Haupt- und Geschäftsstraße mit dem Büchernachlaß von Amy eine Buchhandlung zu eröffnen …

Hier entlang zu vollständigen Besprechung:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/13/ein-buchladen-zum-verlieben

 

 

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37 Kommentare zu “Aus der Lesevorratskammer Nr. 2

  1. Liebende Ulrike

    Zur Gattung „Schwere Kost“ hier Fernando Pessoa`s

    „Das Buch der Unruhe“

    welches mich ähnlich bewegte und aufwühlte wie in meiner
    Sturm und Drangzeit Hermann Hesse s

    „Der Steppenwolf“

    Die Thematik beider
    Hochaktuell und gegenwärtig denn
    Die Krise der Gegenwart ist die der identität
    Viele Menschen bekamen ein Ego anerzogen
    Favorisiert in der Idee des Sozialdarwinismus
    Jener verlorenen Existenz eines angeblich
    Zu führenden Überlebenskampfes

    Als Neuerscheinung Eckart Böhmer`s
    „Kaspar Hauser und die FRAGE ward FLEISCH“
    Trifft den Nerv der Zeit aus der Sicht der Unendlichkeit…

    Wer bin ICH
    Woraus wohin ist mein Sein genährt bezogen
    Verantwortet in all der Fragwürdigkeit…

    dankend
    Dir Joachim von Herzen

    Gefällt 1 Person

  2. Das finde ich auch, liebe Ulrike,

    dass die meisten Neuerscheinungen völlig überschätzt werden!

    Dein Bericht über etwas ältere Bücher erscheint mir dagegen wie ein zeitgemäßes, zauberhaftes Kaleidoskop, herrlich in Leselust und mit Leselicht geflutet.

    Zwei Bücher davon habe ich bereits gelesen und sehr genossen.

    Allen voran der herzhaft komische Roman von Vargas-Llosa, an den ich mich immer wieder sehr gerne zurückerinnere.

    Und dann noch die ruhige Brandungswelle der Gallay, irgendwie wie von einer ganz fernen Buch-Galaxie daherkommend…
    sehr meditatief…
    anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, aber dann ganz wundervoll 🙂

    Herzliche Sommergrüße vom Lu

    Gefällt 2 Personen

    • Lieben Dank, lieber Lu,
      für Deine harmonische Resonanz auf das Thema zeitloser Lektüre.
      Allem, was Du über Mario Vargas-Llosas „Tante Julia“ und Claudie Gallays „Brandungswelle“ schreibst, kann ich nur bestätigend zustimmen…
      Wolkenhimmelswindige Grüße von mir zu Dir 🙂

      Gefällt 1 Person

  3. Große und breit gefächerte Auswahl bei Dir, liebe Ulrike.
    Ich könnte mir so einiges kaufen davon und die Kinderbücher reizen mich sehr für das Enkelchen.
    Ich werde ganz in Ruhe alles genußvoll durchlesen, was Du anbietest und dann ebenso entscheiden – in aller Ruhe, die sommerlich geprägt in ein herankommendes Gewitter schaut.

    Liebe Nachmittagsgrüße von Bruni

    Gefällt 2 Personen

  4. Liebe Ulrike, mir gefiel die Bandbreite besonders gut. Und dass ich eine Rezension schon kannte, gab mir ein Gefühl von Zuhausesein. Mein Favorit ist übrigens Lola ! Allerliebste Grüße und Dank, Ann

    Gefällt 3 Personen

    • Liebe Ann,
      bunte Vielfalt ist auf meiner Websaite ein grundsätzliches Prinzip, aber in einer solch gebündelten Darstellung ist dies natürlich offensichtlicher als in den Einzelbeiträgen.
      „Lola auf der Erbse“ ist ein besonders feinfühliges, philosophisch-pädagogisch-warmherziges Kinderbuch.
      Es freut mich sehr, daß Du Dich auf meiner Websaite zuhause fühlst.
      Sommersonnige Herzensgrüße von mir zu Dir

      Gefällt 2 Personen

      • Liebste Ulrike,

        Du machst es einem leicht, dich bei Dir wohlzufühlen. Aber Du hast etwas geschafft, was ich nicht gedacht hätte. Ich interessiere mich wieder für auf deutsch geschriebene Bücher.

        Allerliebste Herzensgrüße von hier an Dich!!!

        Gefällt 1 Person

  5. Die Formulierung „ältere Titel“ hat bei mir gleich Assoziationen erweckt im Stil von: Öha! Die Gesetzestafeln des Herrn Moses als Buchbesprechung. Dabei habe ich natürlich – Anfängerfehler – übersehen, dass „älter“ jünger ist als „alt“. 😉
    «Es ist alles schon gesagt, nur noch nicht von allen» lautet ein Bonmot von Karl Valentin. Und in einer gewissen Neuerscheinungshysterie wird ja oft übersehen, dass zwischen neuen Buchdeckeln häufig nicht nur nichts Neues erzählt wird, sondern dass dies oft noch nicht einmal auf eine nennenswert neue Weise geschieht.
    Statt (k)alter Asche in neuer Verpackung treffen wir hier eine Auswahl von Titeln, die taufrisch wirken, obwohl der Stempel Neuerscheinung von ihnen abperlen würde wie Schmutz von der Lotosblüte.
    Spontan kann ich mich mit «Lola auf der Erbse» ganz besonders gut anfreunden. Allerdings bin ich noch nicht mit der gewünschten Gründlichkeit durch diesen Besprechungsreigen getanzt. 🙂

    Gefällt 5 Personen

    • Ergebensten Dank für Deine amüsant-geistreichen Bemerkungen zum „Neuwert“ älterer Bücher.
      Laß Dir Zeit mit der Lektüre des Besprechungsreigens, es kommt frühestens in fünf Tagen eine neue Buchbesprechung angetanzt. Wenn Du täglich mit zwei Rezensionen tanzt, gerätst Du jedenfalls nicht in Leserückstand. 😉

      Gefällt 3 Personen

      • 🙂
        Lieber mit zwei Rezensionen als auf zwei Hochzeiten. Tanzen, also. 🙂 Und bei den Rezensionen nicht in Leserückstand zu geraten, sollte ich wohl noch gerade so knapp schaffen. Ansonsten ist mein Lesetempo in diesem Jahr bisher auf einem Niveau, dass links und rechts die Schnecken wie Pfeile an mir vorbeischießen (aber eben – so lange sie nicht treffen, ist das ja wohl nicht so schlimm). 😉

        Gefällt 1 Person

  6. Hallo Ulrike, möchte mich auch für die tollen Empfehlungen bedanken. Ich werde, bis auf die Kinderbücher alle lesen. Jens Bergers Buch habe ich schon gleich nach Erscheinung gekauft und gelesen. Und ja, es geht ums Geld und deshalb wird der Leser intensiv manipuliert. Halte ebenso wenig von dieser Marketingmethode.
    Gruß Jacob

    Gefällt 1 Person

      • Hi Ulrike, wenn sogar Du, als Literatin mich unbewusst nur auf das Kochen reduzierst, ist das für mich schon alarmierend. Muss dringend was ändern:-)))) LG Jacob

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      • War kein Vorwurf, wollte damit nur andeuten das wir uns auf die gelieferten Anzeichen beschränken und wenig hinterfragen. Es ist vielleicht das Selektive in uns, beweist aber eines, da bin ich mir sicher, es gibt keine echten virtuellen Freunde. Wer der Illusion verfällt, der macht sich nur was vor. Und noch einmal, dies ist kein Hilfeschrei, nur eine Form des Sinnierens…..Beste Grüße, Jacob

        Gefällt 1 Person

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