Der Wörterschmuggler

  • Roman
  • von Natalio Grueso
  • Übersetzung aus dem Spanischen von
  • Marianne Gareis
  • Atlanik Verlag   August 2015     www.atlantik-verlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 256 Seiten
  • 18,00 € (D), 18,50 € (A), 24,50 € sFr.
  • ISBN 978-3-455-60019-3
    Der Wörterschmuggler

FRAGMENTE  DES  HERZENS

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Der Wörterschmuggler“ beschreibt eine emotionale Weltreise, die in Venedig beginnt und über Argentinien, Shanghai, Paris, Genf, Sankt Petersburg sowie einige weitere Zwischenaufenthalte wieder glücklich in Venedig mit einem neuen Anfang endet.

Eine junge und sehr schöne Japanerin, Keiko, sitzt in Venedig an ihrem Schreibtisch und bereitet sich auf das vor, was sie poetische Gerechtigkeit nennt. Sie liest aufmerksam die Briefe mit Versen und Geschichten, die man oder auch frau ihr in den Briefkasten geworfen hat. Derjenige, dessen Worte sie am meisten rühren, ist der Auserwählte, der eine paradiesische Liebesnacht mit Keiko verbringen darf. Allerdings gewährt sie ihre Gunst immer nur ein einziges Mal, dafür aber auch ohne Vorbehalte in Hinsicht auf Attraktivität, sozialen Status, Alter oder Geschlecht. Wenn die Worte Keikos Herz berühren, dann öffnet sie dem Absender die Tür.

So lesen wir mit Keiko einige Geschichten von abenteuerlichen, tragischen und phantastischen Schicksalen: Da gibt es einen Mann, der den Menschen rezeptmäßig Bücher verschreibt und dem dadurch manch zwischenmenschlicher Trost und sogar eine Lebensrettung gelingt; wir lernen einen berühmten argentinischen Radiomoderator kennen, der seinem geliebten Großvater ein wunderbares letztes Geschenk macht und dafür seine Karriere opfert; wir bestaunen den märchenhaften Erfindungsreichtums eines verliebten armen Jungen, der in einer Gesellschaft lebt, in der man für jedes einzelne Wort bezahlen muß, und dem es dennoch gelingt, seine Liebe poetisch zum Ausdruck zu bringen …

Und wir werden über mehrere Lebensstationen, Verführungen und Juwelendiebstähle, Kaviarschmuggel und regen Champagnergenuß vertraut gemacht mit einem gealterten, charmanten Abenteurer, namens Bruno Labastide, der sich in Venedig zur Ruhe gesetzt hat und der selbstverständlich in Keiko verliebt ist.

Wie „Der Wörterschmuggler“ sich schließlich doch ins Keikos Herz schmuggelt, das ist eine eigene Geschichte …

Dieser Roman hat von Anfang an eine erotische Essenz. Der Autor ist indes erfreulich andeutungsgenügsam in der sprachlichen Darstellung, was viel erotischer ist, als wenn er alles ausplauderte.

„Manchmal geschehen Dinge, die so intim sind, dass es unfein wäre, darüber zu berichten. Deshalb wollen wir die Einzelheiten dieser Nacht in der Wohnung von Dorsoduro, in der das Licht des Vollmonds, ohne an die Fensterscheiben anklopfen zu müssen, sogar bis zum Bett vordrang, lieber aussparen.“
(Seite 243)

Ich hätte gerne mehr über Keikos Lebenshintergrund und die Entstehung ihrer erotisch-poetischen Philosophie erfahren, aber auch dies verschweigt der Autor.

Gleichwohl harmonieren die skizzenhaften Charaktere gut mit dem lose verknüpften, fragmentarisch-episodenhaften Erzählstil dieses Romans, der neben sinnlichem Charme, Menschenkenntnis und Abenteuerlust einen tiefempfundenen Geschmack von Einsamkeit hat.

„Das Gewicht der Erinnerung kann unerträglich sein, und es ist schwer zu sagen, welche mehr schmerzen, die glücklichen oder die unglücklichen. Am Ende sind sie alle traurig.“ (Seite 119)

Die Romankomposition hat jedoch keinen langen literarischen Atem. Die poetische Potenz der einzelnen Geschichten erzeugt kein substanzielles erzählerisches Gesamtbild. Vereinzelte literarische Sterne bilden noch kein Firmament. Für anspruchsvolle Leser bleibt hier manches zu wünschen übrig.

„Der Wörterschmuggler“ enthält auf der anderen Seite viele feine Erzählideen, Figurenentwürfe und Impulse, die eine ausführlichere schriftstellerische Ausarbeitung und mehr Tiefenschärfe verdient hätten.

Der Autor:

»Natalio Grueso ist Regisseur am Teatro Español und am Institut für Performing Arts of the City of Madrid. Zuvor war er Leiter des Oscar-Niemeyer-Kulturzentrums im spanischen Avilés, das der legendäre brasilianische Architekt Oscar Niemeyer entworfen hat. Der Wörterschmuggler ist Gruesos erster Roman.«

Zusatzinformationen auf der Verlagswebseite: http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/der-woerterschmuggler-buch-7567/#Buch

 

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22 Kommentare zu “Der Wörterschmuggler

    • Liebe Mondfrau,
      wir schmecken beim WÖRTERSCHMUGGLER leichte Lesekost mit philosophischen Prisen und charmanten Romantikpröbchen.
      Der Roman ist strukturiert wie ein Episodenfilm.
      Die zwischenmenschlichen Tiefenschichten werden angetippt, aber nicht ausführlich behandelt.
      Trotz der fragmentarischen Skizzenhaftigkeit ist das Buch interessant. 🙂

      Gefällt 1 Person

  1. Also mich hast Du neugierig gemacht, und es ist auf jeden Fall notiert. Ich erwarte nicht immer literarische Hochleistung, manchmal ist das Thema so spannend, dass ich gerne auf den Stil etwas verzichte, wenn´s nicht zu schlimm ist! Natürlich ist es wunderbar, wenn alles stimmig ist, aber das sind wohl die Ausnahmen. ich bin gespannt.
    Liebe Grüße Marlies

    Gefällt 1 Person

  2. Weil man so etwas wohl kaum selbst erleben kann, ist es ein MUSS, das zu lesen…..dann hat man es auch irgendwie ein wenig erlebt! Es ist wahrscheinlich wie viele youtube videos, nett, aber schnell vergessen 😉 Ein schreibender Regisseur….sehr interessant!!! Danke für die Vorstellung!

    Gefällt 2 Personen

      • Ich lese gern Bücher, um Dinge zu erleben, die ich irl nicht erleben kann, auch denken, erfahren…..der Rest interessiert mich eher weniger. Ich versuche gern, das Leben aus anderer Perspektive zu sehen. Es ist wie eine Reise in einen anderen Kopf. Das muss nicht immer anspruchsvoll sein. Ich bin jedenfalls total glücklich, Dich getroffen zu haben, Du eröffnest neue Welten für mich, liebe Ulrike !

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      • Ja, ich weiß, was Du meinst, liebe Ann.
        Lesen ist eine soziale Simulation, die fremdes Erleben dem eigenen Erleben annähert und somit auch das Empathievermögen mehrt und den Horizont w e i t e t …
        Danke, daß Du mich als Bücherwegweiserin so hochschätzt. Ich bin ganz gerührt von Deinem begeisterten Kompliment.
        *freudestrahlend*

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      • Genau, durch Bücher kann man viele Leben leben, deshalb liebe ich Bücher, es ist wie reisen im Kopf oder in andere Personen schlüpfen ! Ich führe schon, wie ich sagen würde, ein recht interessantes Leben, aber das reicht mir nicht wirklich !
        Ich wusste nicht, dass es soziale Simulation heisst. Ich schätze Dich wirklich aufrichtig und Dein Urteil und freu mich auf jedes weitere Buch von Dir, hab aber noch jede Menge aus der Vergangenheit aufzuholen. Ganz liebe Grüße von mir an Dich, bevor ich jetzt müde ins Bett falle 😉 Liebe Gute-Nacht-Grüße

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  3. Das klingt nach mehr…

    Aber, liebe Buchbesprechungspoetin, bei mir befinden sich inzwischen schon soooooo viele gute Bücher in meiner Pipeline, da muss ich derzeit passen…

    Außerdem scheint Liebe das Hauptthema zu sein,
    und Liebesgeschichten lese ich keine mehr…

    Allerherzlichste Herbstsonnengrüße vom Lu Finbar to you 🙂

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