Der Glühwürmchensommer

  • von Gilles Paris
  • Übersetzt von Carina von Enzenberg
  • Roman
  • Bloomsbury Berlin Verlag   März2015        http://www.berlinverlag.de
  • 224 Seiten
  • Gebunden, mit Schutzumschlag und LESEBÄNDCHEN
  • 16,99 € (D), 17,50 € (A), 22,90 sFr.
  • ISBN: 978-3-8270-1229-6
    Glühwürmchensommer

ELTERN  WAREN  AUCH  MAL  KINDER

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Der Glühwürmchensommer“ ist ein sonniges Buch, in dem es zwar durchaus um Leben und Tod geht, aber auf eine so nonchalante Art, daß es berührt, aber nicht bedrückt. Es handelt zudem von der Liebe und ihren Spielarten und von unaufdringlich-übersinnlichen Wahrnehmungen, zu denen empfindsame Kinder leichter Zugang finden als Erwachsene.

Der neunjährige Victor Beauregard ist der Ich-Erzähler des „Glühwürmchensommers“. Seine Familienverhältnisse sind recht unkonventionell: Seine Eltern leben getrennt, wollen aber verheiratet bleiben, sein Vater arbeitet als Fotograf für Reiseführer und reist dementsprechend viel, seine Mutter hat eine Buchhandlung und liest dementsprechend viel.

Seine hübsche vierzehnjährige Schwester verliebt sich öfter als ihr guttut, und seine sogenannte zweite Mama ist die argentinische Malerin Pilar, die sich nach der ersten Buchempfehlung sofort in Victors Mama verliebt hat und seitdem zur Familie gehört.

Victors Vater scheint ziemlich negligeant zu sein, er öffnet seine Post nicht, versäumt Rechnungstermine und weigert sich, das Urlaubsdomizil, das er von seiner verstorbenen Schwester Félicité geerbt hat, jemals wieder zu betreten, da dieser Ort für ihn mit einem Kindheitstrauma belastet ist. Die Mutter behauptet, der Vater weigere sich, erwachsen werden.

Dennoch ist er ein liebevoller, großherziger Vater und offenbar auch nicht eifersüchtig auf Pilar, die er einfach akzeptiert, da sie seiner Ansicht und auch Victors Ansicht nach eine wohltuende Zugabe zum „normalen“ Familienleben ist, auf Mama Nr. 1 aufpaßt und den Alltag mit einer Prise Magie bereichert: z.B. legt sie Tarotkarten und schmuggelt den Kindern kleine Feengeschenke unters Kopfkissen.

Victor sehnt sich sehr nach seinem Vater und nach seiner ganz alltäglichen Anwesenheit. Es ist sein größter Wunsch, daß sie wieder alle zusammenleben, und es wäre auch wunderbar, wenn sein Vater mit an die Côte d‘Azur käme.

Weder die Mutter noch der Vater haben jemals Victors Fragen nach dem belastenden Ereignis aus der Vergangenheit des Vaters beantwortet. Er wird mit der Bemerkung abgespeist, seine Tante Félicité sei kein guter Mensch gewesen und er sei noch zu klein für weitere Informationen.

Doch die Geister der Vergangenheit lassen sich nicht totschweigen, und sie werden noch großen – erlösenden – Einfluß auf den Verlauf dieses Sommerurlaubs haben.

So fährt nun die gesamte Familie – ohne den Vater – auch in diesem Sommer wieder nach Roquebrune-Cap-Martin bei Nizza in die vornehme Résidence, in der sich das geerbte Vier-Zimmer-Appartement befindet.

Victor hat dort einen guten Freund, Gaspard. Außerdem freundet er sich endlich mit Justine an, für die er schon seit dem vergangenen Sommer schwärmt. Die drei Kinder gehen gemeinsam schwimmen und erkunden die Umgebung.

In der Résidence residiert schon seit Jahrzehnten eine Baronin, und auch mit dieser freundet sich Victor an, denn er ist ein warmherziger, höflicher und durchaus schon charmanter Charakter, der offenbar auch bei älteren Damen Sympathie weckt. Von der Baronin erfährt er, daß die ungewöhnlich große Anzahl Glühwürmchen, die in diesem Sommer die Nächte beleuchten, eine besondere, wunscherfüllende Magie mitbrächten, der er Vertrauen schenken solle.

Es zeigt sich, daß die Baronin Tante Félicité kannte; und ihre Beschreibung von Félicités Wesensart schließt für Viktor einen Teil der Wissenslücken über die Kindheit seines Vaters und dessen Verhältnis zur eigenen Schwester.

Bei einem Spaziergang lernt Victor dann noch die Zwillinge Tom und Nathan kennen, die zwar sehr wasserscheu sind, indes aber über einen geheimnisvollen Schlüsselbund verfügen, mit dem sie sich Zugang zu den schönen Gärten und zeitweise unbewohnten Villen vor Ort verschaffen können. Freundlich laden sie Victor zu diesen heimlichen Besichtigungstouren ein und haben auch nichts dagegen, daß Gaston und Justine mitkommen.

Begeistert, entdeckungsfreudig und achtungsvoll dringen die Kinder in verwunschene Gärten und sehr schöne Villen ein und genießen den Reiz des Verbotenen. Tom und Nathan wissen zu jedem Gebäude interessante Hintergrundgeschichten zu erzählen, was die Faszination erhöht.

Indes ist es die Absicht der Zwillinge, Victor die Wahrheit über das tragische Ereignis aus der Kindheit des Vaters zu vermitteln und Victors Vater auf Umwegen dazu zu bringen, sich seinen Ängsten zu stellen.

Dies gelingt ausgesprochen spektakulär und hat viele positive Nebenwirkungen …

„Der Glühwürmchensommer“ ist ein Buch mit viel Sonne, Wind und Meer und bunten Schmetterlingen zwischen den Zeilen. In einem ruhigen, unaufgeregten Tonfall legt Victor Zeugnis ab von einem Sommer voller neuer Lebensweichenstellungen und läßt uns teilhaben an seiner kindlichen Perspektive voller Lebensneugier, Poesie, Feingefühl und Liebesspürsinn.

Außer Zwergen kann jeder groß werden, körperlich jedenfalls. Das ist das, was man mit den Augen sehen kann. Aber innerlich groß werden, das ist schon komplizierter.“
(Seite 27)

„Aber ich möchte mit meiner Traurigkeit allein sein und warten, bis ein weißer Schmetterling sie mit seinem Flügelschlag verscheucht.“
(Seite 57)

„Schöne Worte sind wichtig, wenn man jemanden liebt, aber sich berühren und miteinander eins werden ist wie ein Schlüssel, der alle Türen aufschließt.“
(Seite 68)

Das Titelbild und das sonnengelbe LESEBÄNDCHEN korrespondieren harmonisch mit dem Buchinhalt: Licht, Luft, Meeresglühen, kindliche Unbeschwertheit, kindlicher Mut, frischer Lebensschwung und sonnige Herzenswärme.

Der Autor:

»Gilles Paris wurde 1959 in Suresnes geboren und verdingte sich nach seinem Abitur als Kellner, Medikamententester und Bürohilfe. Er war im Ministerium für Jugend und in verschiedenen Buchverlagen tätig, gründete eine Agentur für Öffentlichkeitsarbeit und schrieb für mehrere Zeitungen als freier Journalist. „Der Glühwürmchensommer“ ist sein vierter Roman.«

 

QUERVERWEIS:

„Der Glühwürmchensommer“ ergänzt sich gut mit dem Roman „TEO“ von Lorenza Gentile, den ich im Mai 2015 besprochen habe : https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/05/20/teo/

In beiden Geschichten geht es um die kindliche Perspektive auf erwachsene Lebensbedingungen, um die kindliche Sorge um den familiären Zusammenhalt und das kindliche Bedürfnis, die eigenen Eltern in Liebe vereint zu sehen.
TEO ist etwas philosophischer und schwerer im Vergleich zum etwas „leichtsinnigen“
GLÜHWÜRMCHENSOMMER.

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31 Kommentare zu “Der Glühwürmchensommer

  1. Liebe Ulrike, ganz herzlichen Dank für Deine wundervolle Buchbeschreibung. Schon wieder inspirierst Du mich auf ganz zauberhafte Weise in eine neue Welt einzutauchen und diesmal den Glühwürmchensommer zu erleben :-). Das Zitat: „Schöne Worte sind wichtig, wenn man jemanden liebt, aber sich berühren und miteinander eins werden ist wie ein Schlüssel, der alle Türen aufschließt.“ hat mich ganz besonders berührt. Alles Liebe, Bettina

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    • Liebe Bettina,
      danke für Deinen LESEBESUCH und Deine zugewandten Zeilen.
      Gerne pflücke ich aus den Büchern, die ich rezensiere, die Sätze heraus, welche in meinem Herzen ANKLANG finden.
      Schön, daß wir uns diesbezüglich in solch harmonischer Resonanz befinden.
      Gutenachtgruß von
      Ulrike 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. TEO und Glühwürmchensommer stehen schon in der Buchhandlung für mich bereit und werden auf jeden Fall in die Ferien mitkommen!
    Und Glühwürmchen sind etwas Wunderbares!
    Danke, liebe Ulrike, dass Sie Ihre Liebe zu Büchern auf diese feine und bezaubernde Art mit uns teilen!
    Herzlichst, Sani

    Gefällt 2 Personen

    • Werte Sani,
      da haben Sie sich zwei inspirierende Reisebegleiter ausgesucht, und vielleicht kommen zur Dämmerstunde auch einige Glühwürmchen herbeigeflogen und spenden etwas Leselicht 😉
      Ich habe zu danken für Ihre stets so begeisterten und bestätigenden Kommentare.
      Mit verbindlicher Empfehlung
      *freu*
      *lächel*
      *kicksmach*
      Ulrike von Leselebenszeichen

      Gefällt 1 Person

  3. Danke Ulrike für diese schöne Buchempfehlung. Ich werde es lesen.

    Zwei Dinge sind mir in deinem Text aufgefallen, die ich dich gerne fragen möchte.
    Du verwendest das Wort „negligeant“, das ich erst mal nachschlagen musste. Ich nehme an, es ist verwandt mit negieren. Ich fand den Hinweis, dass es selten verwendet wird. Was mich nicht wundert, denn ich habe es wirklich noch nie bewusst gehört. Wie kommst du zu diesem Wort und verwendest du es gerne? Oder schien es dir hier einfach sehr gut zu passen?

    Das andere ist, an einer Stelle schreibst du „Einfluß“ nach der alten Rechtschreibung. Bewusst?

    Nicht, dass das so wahnsinnig wichtig wäre. Aber es ist mir aufgefallen und ich würde gerne deine Antwort dazu hören, weil ich an dieser Stelle nicht schweigend abnicken möchte, sondern tiefer gehen.

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Marion,
      es freut mich, daß meine Buchempfehlung gut bei Dir ankommt, und ich danke Dir für Deine so sehr AUFMERKSAME Lektüre meiner Rezension.
      Das Wort „negligeant“ (nachlässig) habe ich an Stelle von nonchalant benutzt, weil es mir präziser zur Beschreibung dieser Romanfigur erscheint. Außerdem fügt es sich für mich – wie ein besonders „getöntes“ Mosaiksteinchen – fein in den ganzen französischen Kontext der Geschichte.
      Die alte Rechtschreibung verwende ich absichtlich, bewußt und gerne!
      Das ist mein Tröpfchen Widerstand gegen einen bürokratisch-ideologischen Angriff auf meine Muttersprache und den damit verbundenen Verlust an sprachlicher Differenzierung.
      Mit verbindlicher Empfehlung 🙂
      Ulrike

      Gefällt 5 Personen

      • Liebe Ulrike,

        herzlichen Dank, ich verstehe. In der Tat, wenn ich jetzt an mein erstes Lesen und das Nachschlagen des Wortes und seiner Bedeutung denke, dann schien es ganz besonders zu dieser Person zu passen. Du sagst, es fügt sich besonders gut in den französischen Kontext der Geschichte. Das ist wohl so. Ich hab es gespürt, ohne es benennen zu können.

        Nicht, dass ich ein Freund der Rechtschreibreform gewesen wäre. Und ich stimme dir zu, dass es ein bürokratisch-ideologischer Vorgang war. Allerdings, was das ß angeht, empfand und empfinde ich die neue Regelung tatsächlich logischer, nachvollziehbar. Man muss nicht mehr dazu lernen, welches s verwendet wird, sondern kann es als Regel ableiten. Deutsch als Fremdsprache ist sonst schon schwierig genug zu erlernen.

        Du empfindest tatsächlich einen Verlust an sprachlicher Differenzierung durch die Rechtschreibreform? Staun… Nun denn. Verwende fröhlich die Form, die dir am meisten entspricht.

        Liebe Grüße
        Marion

        Gefällt 2 Personen

    • Glühkäferchen bzw. Würmchen sind selten geworden, jedenfalls in unserer Gegend.
      In meiner Kindheit habe ich ganze Schwärme davon im Garten erlebt und meine Angst vor der Dunkelheit zumindest in diesen Zaubersommernächten verloren.
      Meine Eltern haben mich extra dafür geweckt und ich bin ihnen sehr dankbar dafür.
      Es ist ja nicht nur so, daß diese Leuchtkäferchen leuchten, sie können ihr „Lämpchen“ an- und ausschalten …
      Wir Menschlein müssen uns wohl auf unser HERZENSLEUCHTEN verlassen, das zwar unsichtbar, gleichwohl dennoch spürbar ist 🙂
      In diesem Sinne leuchte ich jetzt ganz funkelfreudig zu Dir rüber, liebe Maret.
      ❤ ⭐ ❤ ⭐ ❤ ⭐ ❤

      Gefällt 5 Personen

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