Kühn hat zu tun

  • von Jan Weiler
  • Hörbuch
  • ungekürzt gelesen vom Autor
  • erschienen März 2015  bei der Hörverlag     http://www.hoerverlag.de
  • Regie: Angela Kübrich
  • Produktion: der Hörverlag 2014
  • Buchvorlage: Kindler Verlag
  • 7 CDs, Laufzeit ca. 8 Stunden 40 Minuten
  • 19,90 € (D), 29,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-1822-1
    Kühn hat zu tun HÖRBUCH

GEDANKENSALAT  MIT  SCHNIPPIKÄSE

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Jan Weiler serviert mit seinem Roman „Kühn hat zu tun“ ein gelungenes Potpourri aktueller und historischer deutscher Befindlichkeiten.

Das Faszinierendste an diesem Gesellschaftsroman im Krimigewand sind die einfühlsamen Minimilieustudien, die überzeugende tragik-komische psychologische Dramaturgie sowie die schonungslose historische und gesellschaftskritische Selbstironie – eine Humorfacette, die in Deutschland ein eher seltenes Pflänzchen ist.

Die Vorgeschichte beginnt Ende März 1945, als Rupert Baptist Weber, Inhaber der „Weber Zündhütchen- und Munitionsfabrik“, kurz „WZM“, widerwillig zu der Einsicht kommt, daß der Krieg für Deutschland verloren ist. Obwohl er sich eben noch über zu kurz geratene Patronen, die als Projektil untauglich wären, empört hat und er Sabotage seitens „seiner“ Zwangsarbeiter vermutet, überlegt er sich ganz kühl, wie es ihm wohl ergehen werde, wenn die Siegermächte ihn und seine Fabrik eroberten.

Weber beschließt, dem Feind kein brauchbares Material und keine Informationen über seine absolute Regimetreue und seine grausamen Menschenversuche zur Wirkung von Giftstoffen zu hinterlassen. Er ordnet an, sämtliche Unterlagen in sein Privatlabor zu bringen; dann läßt er 700 t Kampfgiftstoffe aus den Lagertanks einfach in den Boden seines Firmengeländes abfließen, übergießt den Inhalt seines Labors sorgfältig mit Benzin, entzündet sein Feuerzeug und nimmt eine selbsthergestellte Zyankalikapsel. Nach dem spektakulären Brand des Labors und dem Selbstmord des Firmeninhabers verlassen nach und nach alle Angestellten und Zwangsarbeiter diesen Ort des Schreckens.

Als schließlich die amerikanischen Besatzer die „WZM“ und ihre Rüstungsprodukte inspizieren, stellen sie verwundert fest, daß alle Waffen kampfuntauglich sind, und sie mißverstehen diese Entdeckung als genialen Sabotageakt Rupert Baptist Webers. Mangels Gegendarstellungen entsteht so die Legende des „guten Nazis“, deren Höhepunkt 1955 erreicht wird – mit einer rührseligen Hollywood-Verfilmung über das Leben des angeblichen Kriegssaboteurs und Humanisten Rupert Baptist Weber.

Das 130 Hektar große Firmengelände am Stadtrand Münchens liegt lange Zeit brach. Was wird auf solcherart wortwörtlich vergiftetem Boden in Zukunft noch wachsen? In den 70er Jahren wird das Areal als Hippiekommune genutzt, die in den 90er Jahren von einer Phase als Techno-Party-Lokation abgelöst wird.

Schließlich entsteht auf dem Gelände eine moderne Mustersiedlung, ein nachhaltig konstruiertes Stadtviertel – urban und ländlich zugleich – , das, im Angedenken an Rupert Baptist Weber, den Namen „Die Weberhöhe“, eine eigene S-Bahn-Haltestelle und sogar ein eigenes Einkaufszentrum die „Weber-Arkaden“ bekommt. Unter der Flagge von Toleranz und Solidarität wird eine möglichst multikulturelle Zusammensetzung der Bevölkerung angestrebt, die sich in der tatsächlichen Praxis leider nicht recht durchsetzt.

Hier tragen die Straßen die Namen berühmter Kinderbuchautoren, und hier hat auch Martin Kühn, Leiter der Mordkommission, für sich, seine Frau und seine beiden Kinder ein Haus gekauft, das er noch viele, viele, viele Jahre abzuzahlen hat.

Wir lernen den sympathischen Kühn bei der Arbeit kennen, er hat ein feines kriminalistisches Gespür und verfügt über eine sehr geschickte Vernehmungstaktik. Erinnerungsrückblenden illustrieren seinen psychischen und sozialen Werdegang. Kühn reflektiert gelegentlich über die wechselseitige Spiegelung von Gesetzeshütern und Gesetzesbrechern, und er hat Humor.

Doch Kühn hat seit kurzem Konzentrationsschwierigkeiten; während einer Vernehmung liest er eine SMS seiner Frau, die ihm einen Einkaufszettel geschickt hat, und rätselt dabei, was denn „Schnippikäse“ sei. Dann fällt ihm auf, daß er zwar wildfremde Menschen zu Geständnissen bewegen kann, aber zwischen ihm und seinem pubertierenden Sohn herrscht in der letzten Zeit eine schmerzliche Kommunikationsblockade.

Eines Tages hat er einen kurzen Weg zum Tatort, denn nur 30 Meter hinter seinem Garten liegt ein Mordopfer. Die eigenartige man könnte sagen – „künstlerische Handschrift“ – dieses Mordes läßt auf einen Serienmörder schließen… Kühn und seine Kollegen führen eine umfangreiche Befragung der Nachbarschaft durch und es ergeben sich interessante und glaubwürdige Einblicke in diverse Soziotope, Mülltrennungsdramen, sexuelle Spezialitäten, Rosenkriege und Klassenkämpfe.

Aber auch die kollegialen Verhältnisse, Hierarchien und Bedingungen von Mordkommission und Justiz lassen durchaus in bürokratische Abgründe blicken und bieten Raum für beeindruckende zwischenmenschliche Psychogramme und schichtspezifische Vorurteile.

Im Verlauf der weiteren Ermittlungen verliert Kühn immer mehr den Faden, Gedankenbilder überlagern sich, sein Denken macht unübersichtliche, assoziative Sprünge und die emotionalen Herausforderungen seines Berufes irritieren und überfordern ihn plötzlich. Liederstrophenrefrains, Haushaltsplanberechnungen, Karrierespekulationen, Werbesprüche, biographische Nachbesinnungen, zusammenhanglose Erinnerungspuzzleteilchen aus alten Kriminalfällen, Kindheitserlebnissen, Nachbarschaftsklatsch, siedlungstypische Bepflanzungsregeln – alles vermischt sich zu „Milchreis in seinem Kopf“, wie er selbstironisch bemerkt.

Nachts liegt er stundenlang grübelnd wach und spürt, daß er irgendetwas Wichtiges nicht erkennen kann. Irgendein unbewußter Gedächtnisinhalt führt zu einem Ungleichgewicht in seiner Wahrnehmung der gegenwärtigen Ereignisse und Zusammenhänge, doch er findet nicht den klärenden Anknüpfungspunkt. Der übermüdete Kühn versteht die Welt nicht mehr und sucht verzweifelt nach einer Lösung, nach Klarheit und Ordnung in seinem Kopf.

Als Kühn endlich aus seinen Gedankenkreiseln und Assoziationswirbeln „erwacht“ und ihm die verdrängte Erinnerung bewußt wird, klärt sich auch der Mordfall ganz selbstverständlich…

Trotz der kriminalistischen Handlung konzentriert sich der zentrale Spannungsbogen nicht auf die Entlarvung des gesuchten Serienmörders, sondern auf die Figur von Polizeihauptkommissar Martin Kühn und seinen Kampf um gedankliche Klarheit.

Der Autor Jan Weiler liest seinen Roman ganz ausgezeichnet – lebendig und mit passgenauer stimmlicher Charakterisierung.

Zeitgleich mit dem Hörbuch ist im Kindler Verlag das Buch erschienen.
http://www.rowohlt.de/verlag/kindler

  • Kühn hat zu tun                                              WEILER_ponzi_kompl_lese_03b.indd
  • Roman
  • erschienen 6.3.2015
  • gebunden
  • 320 Seiten
  • 19,95 €
  • ISBN 978-3-463-40643-5

 

Der Autor:

»Jan Weiler, 1967 in Düsseldorf geboren, arbeitete zunächst als Texter in der Werbung. Er absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München und war viele Jahre Chefredakteur des Süddeutsche Zeitung Magazins. Jan Weiler lebt mit seiner Familie südlich von München.
2003 erschien sein erster Roman Maria, ihm schmeckt’s nicht!, mit dem er über Nacht zum Bestsellerautor wurde.«

Mehr Informationen finden Sie auf Jan Weilers Webseite:
http://www.janweiler.de/

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