Little Bee

  • von Chris Cleave
  • Deutsch von Susanne Goga-Klinkenberg
  • Neuausgabe April 2014, dtv Verlag                               www.dtv.de
  • 475 Seiten
  • 10,00 €
  • ISBN 978-3-423-21907-5
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KEIN  ZUCKERSCHLECKEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Zur Einstimmung ein Zitat :

„Noch ein paar wenige Atemzüge, dann werde ich traurige Worte zu euch sprechen. Aber ihr müsst damit ebenso umgehen wie mit den Narben. Traurige Worte sind auch eine Form von Schönheit. Eine traurige Geschichte bedeutet, die Erzählerin ist am Leben. Ehe ihr euch verseht, wird ihr etwas Schönes passieren, etwas Wunderbares, und dann wird sie sich umdrehen und lächeln.“
(Little Bee, Seite 23)

Dieses bemerkenswerte Buch geht nicht bloß unter die Haut, es trifft mitten ins Herz!

Stellen Sie sich vor, es klopft an Ihre Türe, und plötzlich ist nicht Ihr abstraktes Mitgefühl angesprochen, das Sie vielleicht bei Nachrichtensendungen empfinden und dann schnell wieder verdrängen, weil das Leid auf der Welt einfach zu groß und überwältigend ist, nein: Da steht leibhaftig ein Flüchtlingskind auf Ihrer Schwelle und hofft auf Ihre konkrete Hilfe. Dies geschieht in diesem Roman der Journalistin Sarah mit Little Bee.

Nkiruka liebte Musik, und jetzt begriff ich, dass sie recht hatte, weil das Leben kurz ist und man zu Nachrichten nicht tanzen kann.“ (Seite 244)

So erinnert sich die 16-jährige Little Bee an ihre ältere Schwester Nkiruka und an die friedliche Zeit in ihrem Dorf in Nigeria, als jede Familie ein Aufziehradio geschenkt bekommen hatte. Später (im Jahr 2005) „kamen die Männer“ und töteten fast alle Dorfbewohner, denn sie waren den Interessen ölfördernder Unternehmen im Weg (Nigeria ist – laut Chris Cleaves Nachwort zum Roman – der achtgrößte Ölexporteur der Welt). Little Bee und ihre Schwester fliehen, und sie werden gnadenlos gejagt, denn Augenzeugen sind nicht erwünscht.

Das Schicksal führt sie in die Nähe eines Hotelstrandes. Ein Journalistenehepaar macht dort gerade Urlaub; beim Strandspaziergang begegnen sie den beiden Mädchen, die sich schutzsuchend an sie wenden. Sarah und ihr Ehemann sehen sich von einem Augenblick auf den anderen mit der grausamen Wirklichkeit des Bürgerkrieges konfrontiert.

Die Jäger der Mädchen lassen sich von zwei weißen Touristen nicht beeindrucken, das angebotene Geld nehmen sie amüsiert an, aber um das Leben der Mädchen zu „erkaufen“, verlangt ihr Anführer ein größeres, blutiges Opfer. Andrew, Sarahs Ehemann, ist nicht bereit dieses Opfer zu bringen, Sarah hingegen doch. Danach bestimmt der Anführer der Verfolger, daß nun nur Little Bees Leben gerettet sei. Dennoch nehmen die Jäger beide Mädchen mit.

Sarah und Andrew kehren nach England zurück. Andrew wird depressiv, und Sarah konzentriert sich auf ihren kleinen Sohn Charlie, auf ihre Arbeit als Chefredakteurin eines Frauenmagazins und auf ihre Affäre mit Lawrence.

Little Bee überlebt und schmuggelt sich auf einem Teetransportschiff nach England. Dort landet sie sofort in einem Abschiebegefängnis. Nach zwei Jahren, die Little Bee damit verbracht hat, ihre englischen Sprachkenntnisse zu verfeinern, trotz ihrer extrem traumatischen Erfahrungen zu überleben und sich nicht das Leben zu nehmen, wird sie dank eines Computertippfehlers zusammen mit drei weiteren Flüchtlingsmädchen illegal aus der Haft entlassen.

Tapfer sucht sie die einzige Adresse auf, die sie in England kennt, und steht schließlich vor Sarahs Haustür. Nach dem Schock des unerwarteten Wiedersehens und anfänglichem Zögern ist Sarah jedoch wild entschlossen, Little Bees Leben ein weiteres Mal zu retten. Sie krempelt ihr eigenes Leben radikal um, plant ein Buch über die menschenrechtliche Situation in Nigeria und hofft, daß es ihr gelingt, Little Bees illegalen Status zu legalisieren.

Die Geschichte von Little Bee und Sarah ist fiktiv, aber sie erscheint überaus lebensecht, schonungslos unbequem, schmerzhaft realistisch und nachhaltig aufwühlend. Ein Einzelschicksal ist anschaulicher und weckt mehr Anteilnahme als eine Menschenmasse, in der Individualität unsichtbar wird.

Die zweistimmige Erzählkonstruktion ermöglicht differenzierte, eindringliche und kontrastreiche Perspektiven: Little Bee und Sarah berichten immer abwechselnd aus ihrem Leben, aus ihren Welten und von ihren Begegnungen miteinander.

Little Bee ist trotz ihrer grausamen Lebenserfahrung und Verletzlichkeit voller Mitgefühl, sie hat Humor und ist für ihr zartes Alter von 16 Jahren ausgesprochen „frühweise“. Sie stellt sich oft vor, wie kompliziert und mißverständlich es wäre, die – für uns ganz alltäglichen -Lebensbedingungen und Seltsamkeiten der Ersten Welt den Mädchen aus ihrem Dorf zu erklären. So dient in England z.B. Holz als dekorativer Bodenbelag und nicht als Brennmaterial, und Frauen stellen stolz ihre nackten Brüste in Zeitschriften aus, aber auf der Straße verhüllen sie sich schamhaft.

Sarahs Probleme sind – verglichen mit denen Little Bees – luxuriös: Ihre Ehe kriselt, sie zweifelt am Sinn ihrer journalistischen Arbeit, sie sorgt sich um ihren kleinen Sohn. Natürlich haben diese zwischenmenschlichen Themen einen lebenswichtigen Stellenwert, aber sie spielen sich in einem demokratischen und sozialen Bezugsrahmen ab, in dem es selbstverständlich ist, über ein grundsätzliches Lebensrecht und ein gewisses Maß an Selbstbestimmung zu verfügen.

Von solch einer zivilgesellschaftlichen Freiheit und Sicherheit kann Little Bee nur träumen. Sollte sie in ihr Heimatland zurückgeschickt werden, sind ihr nur Tod oder Gefängnis sicher.

Ich spürte, dass mein Herz leicht davonflog wie ein Schmetterling, und dachte, ja, das ist es, etwas in mir hat überlebt, etwas, das nicht mehr weglaufen muss, weil es mehr wert ist als alles Geld der Welt, und seine Währung, sein wahres Zuhause, ist das Leben. Nicht nur das Leben in diesem oder jenem Land, sondern das geheime, unwiderstehliche Herz des Lebens.“ (Seite 466)

Das kurze Leben und das große Herz von Little Bee wird man nach dieser Lektüre lange nicht vergessen.

 

Der Autor:

»Chris Cleave schreibt für den englischen „Guardian“ und lebt mit seiner Familie in London. Er hat u.a. als Barmann, Hochseematrose und Journalist gearbeitet, Meeresnavigation unterrichtet und eine Internetfirma aufgezogen. Sein Roman „Little Bee“, erschienen in 23 Ländern, wurde ein internationaler Bestseller und für zahlreiche Preise nominiert.«

http://www.chriscleave.com

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5 Kommentare zu “Little Bee

  1. Liebe Ulrike,

    ich danke dir, dass du mich auf deine Besprechung zu „Little Bee“ und damit auch zu deinem Blog eingeladen hast. Bei mir ist es ja schon einige Jahre her, seit ich „Little Bee“ las und über die Zeit habe ich manche Dinge vergessen. Aber als ich gerade deine Rezension las, kam die Erinnerung zurück und ich war sofort wieder in Little Bees und Sarahs Welt. Danke dafür!

    Einen schönen Blog betreibst du hier – übersichtlich und mit viel Abwechslung unter den besprochenen Büchern. Hier komme ich ab sofort gerne öfter vorbei 🙂

    Viele Grüße und einen schönen 1. Dezember wünscht
    Kathrin

    Gefällt 1 Person

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